Posts mit dem Label Zwischenkriegszeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Zwischenkriegszeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 14. August 2024

Beate Maly : "Tod am Simmering"

Beate Maly :
"Tod am Simmering"
2016, Emons Verlag
262 Seiten + 2 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-95451-995-8

Ernestine Kitsch, eine pensionierte Lateinlehrerin, erhält Karten für einen Tango-Kurs in einem illustren Hotel am Simmering, und hat als Begleitung den Apotheker Anton Böck auserkoren. Im Hotel treffen sie auf einen Arzt und seine Schwester, eine Bankierswitwe und Sohn, Industriellen Ehepaar und Industriellen Familie, einen Chemiker, das Tanzpaar und seine Musiker und sehr wenig Personal im Hotel. Bereits am ersten Abend prallen die Temperamente und intolerante arroganten Manieren aufeinander, was Ernestine mit Neugier für Menschen lebhaft stimmt. In der ersten Nacht wird ein besonders unangenehmer Mann ermordet und alle Beteiligten finden sich eingeschneit im Hotel. Ernestine organisiert mit ihrer natürlichen Autorität Untersuchungen und Gespräche, ein zweiter Mord passiert, bis am Schluß die Lösung kommt.

Neu für mich waren die Informationen, daß Ende des ersten Weltkrieges chemischen Waffen in Kombination eingesetzt wurden, das "Buntschießen" genannt wurde und hier viele Soldaten und Zivilisten um eine weitere erbärmliche Art starben; einige wurden mit diesen chemischen Versuchen reich.

In die Kriminalgeschichte ist eingebaut, daß die sozialistische Arbeiterpartei Zulauf erhält damit Kinder überhaupt und bessere Ausbildungen erhalten (können). 

Die Typen und Menschen dieser Geschichte sind schön und detaillreich geschildert, ohne zu ausführlich zu werden. 

Eine Liebesgeschichte bahnt sich auch, und auch die zarten Bande zwischen Ernestine und Anton werden stärker.

Meist ist das österreichische Deutsch gewahrt, allerdings geht man in Österreich nicht die Treppe 'hoch', sondern die Stiegen 'hinauf'; leider ist hier das deutsche Lektorat zu hart vorgegangen, denn 'hoch gehen' heißt in Österreich wütend werden.

In Summe ist der Kriminalroman sehr gut geschrieben, er unterhält und informiert. Viel Freude beim Lesen !

Mittwoch, 31. Juli 2024

Max Aub : "Die Stunde des Verrats"

Max Aub
"Die Stunde des Verrats" - Das Magische Labyrinth IV
Roman
original "Campo del Moro"
1963
Aus dem Spanischen von Albrecht Buschmann und Stefanie Gerhold
Herausgegeben und kommentiert von Mercedes Figueras
2001/2003, Piper Verlag GmbH München
300 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 43 Seiten Anhang Anmerkungen von Mercedes Figueras + 5 Seiten Nachwort
ISBN 3-492-21791-0

Auf sieben Kapiteln von 5. bis 13. März 1939 wird in einem Gemisch aus Geschichte und deren realen Personen und manchen fiktiven Menschen wie Politiker verschiedener Parteien und Gruppen versuchen die Menschen in Spanien, hier konzentriert eher Madrid, gegen die Truppen Francos zu schützen bzw die Übergabe für die Menschen erträglich zu machen.
Dieser Roman konzentriert sich auf die Menschen die vor Ort leben und Politiker der sozialistischen und kommunistischen Parteien. Die Seite Francos wird nicht erzählt - es ist nur klar, daß es kein Erbarmen bei der Übernahme der Städte für die  Bevölkerung und Gegner geben wird.

Die 43 Seiten mit Anmerkungen zu den Figuren sind für mich essentiell gewesen, da es hier genaue Informationen über echte und fiktive Personen gibt, was bei den vielen unterschiedlichen Charakteren wichtig ist.

Am Anfang des Buches gibt es manchmal noch Hoffnung, einzelne Menschen kämpfen für ihre Ideale und Spanien. Hunger wird auch beschrieben : eine Brotkante wird zum Luxusessen.
Am Schluß gibt es nur Flucht, Hektik, zerbrochene Hoffnungen und Werte.

Spannend ist die gescheiterte Politik, in der sich die sozialistische Partei und kommunistische Partei auch nicht einmal zugunsten der Menschen auf gemeinsames Handeln zusammen finden, und selbst fliehen.

Mehr geht mir das Schicksal einzelner (fiktiver) Personen unter die Haut, die sich in die Esoterik oder Liebe retten, wobei die Liebe meist schlecht ausgeht. Es bleibt viel Traurigkeit, Zerstörung und tote Menschen übrig.

Der Roman ist intensiv geschrieben und ließ mich nicht kalt, auch wenn ich das Buch mindestens nocheinmal lesen muß in der Hoffnung die Handlungsstränge besser zu verstehen.

Max Aub, auch Max Aub Mohrenwitz, wurde am 2. Juni 1903 in Paris geboren und war ein spanischer Schriftsteller französischer Herkunft mit deutschen Vorfahren. Er schrieb spanisch, und organisierte Theater in Spanien. Juli 1936 wurde Honorarkonsul im Frankreich und erteilte den Auftrag zu "Guernica" an Pablo Picasso. 1940 wurde er in Spanien denunziert, verhaftet und konnte 1942 nach Mexico ausreisen. Lange wurde ihm ein Besuch in Spanien verwehr, erst 1969 durfte er wieder kurz zu Besuch kommen. Er starb am 22. Juli 1972 in Mexiko Stadt.
'Das magische Labyrinth
' („El laberinto mágico“) schrieb er zwischen 1943 und 1968, und besteht aus sechs Bänden zum spanischen Bürgerkrieg.

Donnerstag, 7. März 2024

Britta Habekost : "Stadt der Mörder"

Britta Habekost :
"Stadt der Mörder"
Kriminalroman
2021, Penguin Verlag
450  Seiten mit Lesebändchen + 6 Seiten Nachwort + 3 Seiten Dank
ISBN 978-3-328-60195-1

Lieutenant Julien Vioric wird beauftragt besonders grauenerregende Morde in Paris aufzuklären. Eine Gouvernante wurde ermordet, deren Schützling ein adeliger Jüngling ebenso
Lysanne Magloire kommt vom Land nach Paris um ihre Schwester zu suchen; die sie spät aber doch durch Hilfe der Surrealisten findet, allerdings an eine Krankheit verliert. Sie arbeitet ihre Jugendliebe auf, die trifft den ehemaligen Ortsarzt wieder, und läßt sich vom Charme Paris einfangen.
Lysanne trifft inzwischen eine Künstlertruppe, wobei ihre die Phantasie von Luis Aragon am meisten zusagt. Die anderen der Surrealisten, wie Breton, irritieren sie mehr , wobei Bretons Frau ihre wichtige Ideen gibt.
Juliens Bruder Edouard, der kein Kriegstrauma hat, erklimmt die Karriereleiter bei der Polizei, ist mittlerwweile Polizeipräfekt, pflegt Kontakte zu den besseren Kreisen und traktiert seinen Bruder sooft er kann.
Eine farbefrohe, fröhliche neugierige Frau arbeitet als Journalistin und geht der Polizei mit Fragen auf die Nerven. Sie hilft Lyssanne weiter.
Das Ende ist überraschend.

Die Menschen sind gut beschrieben - mit Mitgefühl Lysanne die den Dorf-Mief abschüttelt bzw abschütteln muß und Julien, der das Traum aus dem ersten Weltkrieg und den Verlust seiner großen Liebe aus Südfrankreich, zu verarbeiten hat. Der Krimi ist mit 1924 datiert - und hier wird beschreiben, wie manche Menschen die Kriegsgreuel nicht verarbeiten, während manche gut mit der Vergangenheit leben.

Ort ist Paris bevor Passagen und dunkle Winkel vor den Olympischen Spielen 1924 abgerissen werden. Viele billige Wohnungen gehen durch diese Maßnahmen verloren.

Die Szenerie der Surrealisten ist unterhaltsam geschildert, v.a. wenn die kleinen Ankündigungen ein Großaufgebot der Polizei verursachen.

In Summe ein unterhaltsamer Kriminalroman.

Freitag, 2. Februar 2024

Alex Beer : "Die rote Frau"

Alex Beer :
Die rote Frau - ein Fall für August Emmerich"
Kriminalroman
2018, Limes in Verlagsgruppe Random House GmbH
400 Seiten + 3 Seiten Nachwort + 2 Seiten Danke + 2 Seiten Quellenangaben
ISBN 978-3-8090-2676-1

Rayoninspektor August Emmerich, humpelnd nach Kriegsverletzung, und sein Mitarbeiter Ferdinand Winter mit kaputtem Arm nach dem Krieg, werden von ihrem Vorgesetzten mit dummer Papierarbeit gequält. Erst die Morddrohung an einer Filmdiva bringt die beiden in Recherche. Parallel wurde ein Stadtrat ermordet, der viel für die vielen Bedürftigen in Wien um 1920 macht.
Ausgehend von dem Arbeiterwohnheim in dem er wohnen muß, weiß er, daß der Beschuldigte nicht der Mörder sein kann, und sucht mit Genehmigung, weiter.
Es gibt Gesellschaften die den Armen nach dem Weltkrieg weiterhelfen (wollen), und ebenso gibt es Gesellschaften die einzelnen Auserlesenen mit Verletzungen mit Prothesen aushelfen wollen.
Erst spät tut sich Emmerich auf, daß die rote Frau bei den einzelnen Gesellschaften mit unterschiedlichen Utensilien gezeichnet ist und erschreckend andere Konzepte zur Beseitigung der Massenarmut angestrebt werden.

Wien ist in seinen verschiedenen Örtlichkeiten der Armut genau beschrieben : Das menschliche Elend und die Machtspiele im Männer-Obdachlosenheim, die Kohlefabriken mit Dreck und Hitze, das Leben der Menschen die überall sparen müssen.
Einige wenige können sich Leben leisten, ohne auf Geld achtgeben müssen.
Die Beschreibungen gehen unter die Haut.

Die Menschen sind stark und eindrücklich beschrieben. Es sind sowohl die direkte als auch süffisante Brutalität der Menschen spürbar, als auch wenn jemand versucht sich noch ein bißchen die restliche Würde zu bewahren.
Emmerichs Verzweiflung daß er seine Liebe an ihren aus dem Krieg zurückgekehrten brutalen Ehemann verloren hat, ist greifbar. 

In Summe ist dieser Kriminalroman trotz seiner Düsterkeit empfehlenswert. Gutes Lesen !

Alex Beer, eigentlich Daniela Larcher wurde am 8. April 1977 in Bregenz geboren. 2008 erschien ihr erster Kriminalroman . Mittlerweile gibt es vier Kriminalroman-Reihen : Otto Morell, August Emmerich, Isaak Rubinstein  und Felix Blom sind die Hauptprotagonisten.

Donnerstag, 30. November 2023

Karl Rittner : "Die Toten von Wien"

Karl Rittner :
"Die Toten von Wien" - ein Fall für Alexander Baran
2023, Goldmann Verlag
13 Seiten Prolog + 400 Seiten + 3 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-442-49090-5

Im Prolog wird von der kurzen aber glücklichen Ehe zwischen Szonja und Anton Graf von Waldstetten, die zeitgleich mit dem Jagdbesuch des Kronprinzen vor dem ersten Weltkrieg endet, und einem Fluch erzählt.

1922 in Wien, ist Alexander Baran, eigentlich Sandor von Barany, Kriminalbeamter, der immer noch nach seiner vermissten Schwester Szonja sucht; ihm zur Seite steht Bezirksinspector Florian Meisel.
Eine Balletttänzerin wird ermordet gefunden, ein pensionierter Hofrat vor die Straßenbahn gestossen, ein Student (der sich als Dieb entpuppt) verhaftet, eine weitere Balletttänzerin ermordet .
Eine junge Anwältin, Frau Eleonore Wertheim, vertritt zuerst den Studenten, hilft Baran dann weiter. Ein ehemaliger Graf, Otto Schöntan, hat ein Unterhaltungsetablissement mit Tänzerinnen. Pathologe Alfred Bernstein mit seiner Kartenspielrunde u.a. mit dem Schriftsteller Hugo Bettauer, den Herausgebern Robert Sticker und Arthur Freud, bringt Baran auf richtige und falsche Spuren; und wird ebenfalls als Wissender ermordet. Ein mysteriöser Mann mit blauen, sehr kalten Augen aber sonst wenig  Wiedererkennungsmerkmalen, entpuppt sich als Strippenzieher, da er als Kind nicht so umsorgt worden war wie sein Zwillingsbruder. 
Hintergrund war auch eine politische Verschwörung und ein Zusammenhang mit Geheimpolizei gewesen.
Letztendlich kann Baran auch die Sache mit seiner verschwundenen Schwester lösen, und einen unguten Vorgesetzten dank eines Fehlers loswerden.

Der Kriminalroman ist sehr gut geschrieben. Wien damals ist nachvollziehbar, mit seinen reichen Villen, aber auch armen Gegenden im zweiten Bezirk und elendsarmen, menschenunwürdigen Zuständen in Baracken. Der Ausdruck "Grabennymphen" für käufliche Frauen war mir bis dato nicht bekannt gewesen.

An Wiener Örtlichkeiten gibt es die Wiener Staatsoper, die American Bar (auch: Loos Bar genannt), den Wiener Wurschtl-prater mit Rotunde, Café Siller (wurde 1945 zerbombt), Martinkirche im 18. Bezirk, Villen in Dornbach, Sechs-Schimmel-hof im 8. Bezirk, Chatham-Bar in 1. Bezirk (jetzt Café Hawelka), ehemaliges Kriegsspital im 19 Bezirk aus dem Wohnbaracken gemacht wurden; Gasthaus "zur güldenen Waldschnepfe" in Dornbach, das es als Lokal allerdings mit anderem Namen immer noch gibt.

Die Persönlichkeiten sind greifbar geschildert, auch wie eigentlich alle sehr daran arbeiten müssen in diesen Zeiten über die Runden zu kommen und die Einsamkeit zu bewältigen.

In Summe ein sehr guter Kriminalroman, der spannend ist.

Karl Rittner ist das Pseudonym eines österreichischen Schriftstellers und Hochschulprofessors. Er wurde 1960 im Land Salzburg geboren, und lebt zur Zeitpunkt der Buchveröffentlichung in Wien.

                      

Dienstag, 13. Juli 2021

Kerry Greenwood : "Tod am Strand"

Kerry Greenwood :
"Tod am Strand" - Miss Fischers Mysteriöse Mordfälle (Band 1)
original "Queen of the Flowers"
2004, Allen & Unwin
aus dem australischen Englisch von Regina Rawlinson
2019, Insel Verlag
   Seiten
ISBN 978-3-458-36405-4

Phyrne Fischer - schön, reich, sexy, unkonventionell, angstlos, bewandert in Konversation, - lebt in einer Vorort Melbournes in der Zwischenkriegszeit. Dort wird ihr Leben mit zwei Adoptivtöchtern, vertrauter, aktuellem verheirateteen Liebhaber sogar von betulichen Gesellschaftsdamen akzeptiert, da sie sehr charmant ist. Als ein ausgewähltes Mädchen, das für den Blumencorso ausgewählt wurde, verschwindet macht sie sich auf die Suche. Die besucht deren gewissenlose ausnützerische Familie, den Chef eines Bordell-clubs, alte Zirkusfreunde, eine Orchideenausstellung um am Schluß das Mädchen in Richtung besseres Leben zu bringen.

Sie selbst ist als schlanken Frau mit grünen Augen geschildert, die durchtrainiert ist, aber genau weiß wie sie mit sich umgehen muß. Ihr aktueller Lieberhaber Lin ist verheiratet, seine Frau weiß Bescheid; er steht ihr bei manchen Aktionen bei. Dessen Diener ist ebenso hilfreich, da er Phrynes Zielgerichtetheit bewundert und wie sie mit den Elementen in Einklang steht. Die Stieftöchter sind sehr unterschiedlich im Temperament, was nicht einfach zu führen ist. Auch die charaktäre der anderen Blumenmädchen sind fast mit Genuß unterschiedlich von lieblich bis bösartig geschildert.

Der Krimi ist sehr unterhaltsam. ich habe öfters gelacht. Viel Spaß beim Lesen !

Mittwoch, 30. September 2020

Friedrich Glauser : "Wachtmeister Studer"

Friedrich Glauser :
"Wachtmeister Studer"
erstmals 1936 als Fortsetzungsgeschichte erschienen, 1955 erstmals als Roman
Dateigröße :
541 KB

Seitenzahl der Print-Ausgabe : 238 Seiten
ASIN :
B00ANU7MRG
ISBN-Quelle für Seitenzahl : 3955844013

In dem Roman geht es um "Schlumpf Erwin Mord"

Fahnderwachtmeister Studer muß kurz vor der Pensionsionierung den jungen Erwin Schlumopf in Gefängnis bringen, weil er verdächtigt wird als ehemaliger Häftling Wendlin Witschi ermordet zu haben soll, um an die Tochter zu kommen. Für das Dorf und die Nachbarn wäre dies die ideale Lösung, aber Studer quartiert sich in Gerzenstein ein, und hört sich um. Er lernt die schüchterne Sonja kennen, die versucht zu Erwin zu halten. In der Baumschule arbeiten viele ex-Häftlinge wie Erwin, die unterhaltenderweise in einer Jazzband auftreten. Baumschulenbesitzer Gottlieb Ellenberger wirkt zwielichtig. Gemeindepräsident Emil Aeschbacher ist aalglatt, und redet je nach gegenüber swyzerdütsch, hochdeutsch und französisch. Studer deckt auf, daß die Familie des Toten Witschi massive Geldprobleme hatte und ein Versicherungsbetrug versucht wurde, bei dem der Tote starb. Diese offizielle Lösung gefällt Studer nicht, und ermittelt weiter erfolgreich, und landet im Krankenhaus.

Der Roman ist langsam geschrieben. Gemählich werden Abendessen beschrieben, das Verhalten der Menschen im Gasthaus, die kleinen Gesprächsstrukturen aus denen sich Sehnsüchte und Nebengeschichten entwickeln. 

Kleine Details aus dem Swyzerdütsch sind unterhaltsam, vor allem wenn man sie sich beim Lesen gesprochen vorstellt. 

Vorbild der Figur Studer ist Maigret, der genauso stoisch arbeitet.
Der Ort der Handlung ist erfunden.

Die vielen zusätzlichen Personen des Romans werden mit Feingefühl und Verschiedenartigkeit geschildert. Es gibt den selbstgefälligen Untersuchungsrichter, den dummen Gefängnisaufseher, die halbunglücklich verliebte Serviererin im Gasthaus, der etwas protzige Lehrer

In dem Roman ist autobiographisches hineingearbeitet wie ein Selbstmordversuch, einige Typen aus dem Gefängnis und deren Probleme beim Wiedereingliedern in das normale Leben, und Verschlagenheit einiger Menschen aus der Fremdenlegion.

Mich hat dieser Kriminalroman interessiert, weil der Autor zu den Meilensteinen der Kriminalliteratur gezählt wird. Mitraten des Who-dunnit ist möglich.

Der Stil und die Beschreibungen haben mich fasziniert. Mich hat der Roman und seine Wendungen in den Bann gezogen. Viel Freude beim Lesen !

Friedrich Charles Glauser wurde am 4. Februar 1896 in Wien geboren. Er war ein komplizierter Sohn, arbeitete in den unterschiedlichen Jobs, war bei der Fremdenlegion, Im Gefängnis, in psychiatrischen Einheiten, bis er spät als Schriftsteller Erfolg hatte. Drogenkonsum zog sich durch fast sein ganzes Leben. Er starb am 8 Dezember 1938 in Nervi bei Genua.

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Maurizio de Giovanni : "Die Klagen der Toten"

Maurizio de Giovanni :
"Die Klagen der Toten" - ein Fall für Commissario Ricciardo
original "In fondo al tuo cuore"
2014, Einaudi Turin
übersetzt von Judith Schwaab
2015, Goldmann
467 Seiten
ISBN 978-3-442-31407-2

Im Hochsommer wird in Neapel der 30-er Jahre ein Frauenarzt in den Tod geworfen. Seine letzten Gedanken sind bei seiner schönen Geliebten - was der Commissario mit seiner Gabe mitbekommt. Luigi Ricciardo, schlank, schwarze Haartolle und smaragdgrüne Augen, in Begleitung seines bulligen Sergante Maiello besuchen Witwe und Sohn, das Arbeitsumfeld, die Geliebte, einen Goldschmied der für die Damen des Arztes zwei Schmuckstücke zauberte, und befördern zutage, daß der bekannte Arzt nicht so liebevoll wie sein Ruf war. Als der Mord aufgeklärt wird, wird die Kaltblütigkeit dieses Mannes aufgeblättert.
Parallel dazu geht es um Liebe. Während Maiello in seiner Familie glücklich ist, falls ihn nicht seine Eifersucht plagt, schaffte es Ricciardo nicht mit seiner Nachbarin, die sich für ihn genauso wie umgekehrt interessiert, einige Worte zu wechseln. Hier scheint es daß die beiden Menschen - auch inmitten vorsichtiger Gesellschaftsformen - zu beider Schmerz nicht zusammenkommen dürften.

Politisch spielt die Geschichte daß bereits Musolini und seinen Denkart an der Macht sind. Geheimpolizei und Spitzelei hat bereits begonnen; eigenständig denkende Menschen, die kritisch denken, werden bereits engmaschiger kontrolliert.

Es gibt viel Liebe in dem Buch, die aber oft nicht ausgelebt werden darf. Livia ist in Ricciardi verliebt, der die Opernsängerin zwar schätzt aber nicht liebt. Die Geliebte des Arztes ist in einen Leierkastenmann verliebt, der sie wiederrum nur benutzt. Der Mafiaboss, der seiner geborenen Tochter nicht verzeihen kann, daß seine Frau - seine Jugendliebe - bei ihrer Geburt starb. Der Goldschmied denkt nur an seine Jugendliebe, kann sie aber nie ausleben.
Eine andere Liebe lebt Ricciardis Kinderfrau und Haushälterin Rosa, die in ihrer Sorge um ihn eine Nichte anlernt, wie er umsorgt werden muß.

Stilistisch war das Buch für mich leider etwas mühsam zu lesen. Es dauerte bei mir bis sich der Lesefluß einstellte. Mir wurde zu viel in den Zeiten und Sichtweisen der Personen gesprungen, und es dauerte leider zu lange mich im neuen Absatz zurecht zu finden.

Etwas auf die Nerven ging mir das oftmalige eingehen auf die Augen des Commissarios. Daß sie grün sind war klar. Interessanter finde ich die eigenartige Begabung den letzten Gedanken eines Sterbenden zu "hören".
Aus diesem stammt der italienische Originaltitel, denn "In fondo al tuo cuore", denkt einer der Toten in dem Kriminalroman als Letztes.

Warum eine Katze auf diesem Romancover ist, konnte ich nicht entschlüsseln, auch wenn diese aus einem Ölgemälde stammen dürfte.

In Summe ein nicht uninteresanter Kriminalroman, dessen Langsamkeit vermutlich der Hochsommerhitze und der Reminiszenz an die 30-er Jahre geschuldet ist. Mitraten nach dem Mörder ist möglich. Interessiertes Lesen !

Biographie des Autors : siehe "Frost in Neapel" vom 18. Mai 2019

Montag, 8. Juli 2019

Beate Maly : "Tod an der Wien"

Beate Maly :
"Tod an der Wien" - Historischer Kriminalroman
2017, emons Verlag
263 Seiten + 3 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-7408-0221-9

Nach dem Prolog in einer sehr strengen Bubeninternat springt die Handlung in den Winter 1922 in Wien. Die pensionierte Lateinlehrerin Ernestige Kirsch, die im Haus des Apothekers Anton Böck wohnt, liebt Musik und Operette. Nach Lehars Operette "Die gelbe Jacke" rauscht die beliebte Diva ab, und wird später tot aufgefunden. Ein ehemaliger Schüler von ihr ist bei der Kriminalpolizei und erzählt ihr einiges. Sie recherchiert alleine oder gemeinsam die Geschichte des aktuellen Liebhabers der Diva, das Leben des Ehemannes der Diva, das Leben der Putzfrau im Theater an der Wien und recherchiert in alten Schuldokumenten und einer Cabarett-Spelunke. Am Schluß stehen viele Unfälle und die Erkenntnis, daß etwas mehr Offenheit und weniger Drill weniger Unheil gebracht hätte.

Die Geschichte folgt dem Leben von Frau Kirsch und Hern Böck mit dem was sie sehen und erleben. Während Frau Kirsch versucht mit Fragen Anworten zu bekommen, und hier manchmal etwas vorwitzig vorgeht, ist Herr Böck zurückhaltend und beoabachtet, und wird eher wiederwillig ins Geschehen gezogen.
Die zarte Zuneigung, die sich zwischen den beiden entspinnt, ist entzückend zu lesen. Es beginnt sich auch eine zweite Romanze im Buch anzubahnen. Die große Liebe in dem Buch muß leider geheim gelebt werden.

Die Typen im Buch sich unterhaltsam geschildert. Es gibt die große Diva mit großer Berechnung, die zweite Diva mit Hang zum Alkohol, die resche Hausmeisterin, die unterdrückte Putzfrau mit hungriger Kinderschar, den häßlichen Theaterdirektor mit schöner Begleitung, den eleganten Ehemann der Diva, die erotische Cabarett sängerin, bis zur eifersüchtigen reichen Gattin des Geliebten der Diva zu lesen.
Das strenge Internat soll es zwar nicht geben, allerdings sind die Erziehung mit kaltem Wasser und Rohrstäben noch lange gültig, und erst langsam beginnen sich rohrstock-freie Erziehung wie bei Montesorri und anderen Pädadogen mit Vehemenz durchzusetzen.

Das Cover ist liebevoll mit Jugendstil-Geschnörksel gestaltet.

Die Geschichte ist gut erzählt und wenn man sich etwas in Wien auskennt, ist die geographische Geschichte gut verfolgbar. Die Operette "Land des Lächelns" hatte wirklich die erste Aufführung unter obigem Titel, sonst ist aber vieles der Phantasie entsprungen.
Viel Spaß beim Lesen.

Beate Maly wurde 1970 in Wien geboren. Sie ist ausgebildete Kindergärtnerin und Kinderpädagogin und begann zuerst Kinderbücher zu schreiben. 2008 erschien ihr erster Kriminal im historischen Wien "Die Hebamme"; 2018 erschien ihr 11. Kriminalroman "Mord auf der Donau".

Mittwoch, 22. Mai 2019

Elia Barceló : "Das Licht von Marokko"

Elia Barceló :
"Das Licht von Marokko"
Roman
Lesebändchen
original "El Color del Silencio"
2017, Roca Editorial, Barcelona
Übersetzung aus dem Spanischen von Anja Rüdiger
2017, Pendo Verlag / Piper Verlag München
481 Seiten
Stammbaum der Familie in den Innenseiten des Buch
ISBN 978-3-86612-433-2

In dem Roman geht es um eine Familiengeschichte aus Spanien und Marokko, die vor der Übernahme Francos beginnt, sich lange zwischen Marokko und Spanien abspielt und in der Gegenwart durch einen Besuch aus Australien und der hinterlassenen Kiste mit Photos und Briefen aufgelöst wird.
Hauptperson ist Helena, das jüngste Kind von Blanca und Gregorio/Goyo, deren Schwester vor Jahrzehnten in Marokko ermordet worden war, die sich dann in die Ehe mit dem falschen Mann geflüchtet hatte, und später über Indien nach Australien gereist war, um als Malerin berühmt zu werden.
Sie erzählt aus ihren Erinnungen um Rabat in Marokko, sie bekommt alte Briefe und Photos ihrer verstorbenen Mutter, und ihre Enkelin bringt sie zu einer Modeschöpferin.
Parallel dazu wird von der großen Liebe ihrer Eltern zueinander erzählt, und den Geschäften ihres Vaters, bei dem sich erst langsam entschlüsselt, daß er einer der wichtigen Geheimagenten Francos gewesen war. Auf Grund dieser Machtposition konnte er auch den brennenden Kinderwunsch nach dem ersten Kind erfüllen; diese Einflußnahme wirkt sich Jahrzehnte später auf viele Menschen aus.

Im Hintergrund der Geschichte ist vieles recherchiert. Es geht nicht nur Francos Politik Kinder mißliebeigen Eltern wegzunehmen und regimefreundlichen Eltern zu übergeben, sondern es wird auch die Geschichte Francos auf den Kanarischen Inseln erzählt, und den Zusammenhang von Spanien und Marokko und der Loslösung von Marokko.

Nicht nur Helena ist Künstlerin, sondern auch der Sohn der zweiten Frau ihres Sohnes. Es ist faszinierend zu Lesen wie die Künstler um ihre Ideen und Authenzität ringen.
Der spanische Originaltitel heißt eigentlich übersetzt : " Die Farbe der Stille/des Schweigens". Einige Kapitel gehen darum wie Helena auf allen ihren Bildern Schatten, eine schattenhafte Figur hat. In der Auflösung ist das Licht ganz anders geworden.

Die vielen Figuren in dem Roman sind gut greifbar. Manche sind schön und liebenswürdig, manche intrigant und vom schlechten Gewissen hinterfragt (wie der Schwager Jean Paul), manche selbstherrlich intrigant aber liebend wie der Vater Helenas, aber auch liebenswürdig gelassen und gescheit der Freund Helenas Charlie.

Der Roman ist gut und dicht geschrieben. Die Orte, die Menschen, die Gefühle laufen vor dem inneren Auge ab. Wie sich einiges um Leben und Tod von Alicia entschlüsselt, und Auswirkungen ist spannend zu lesen. Viel Freude beim Lesen.

Elia Eisterer-Barceló wurde am 29 Jänner 1957 in Elda / Alicante geborten. Sie studierte Anglistik, Amerikanistik und Hispanistik on London, München, Paris, Florenz, und Innsbruck. Sie untererrichtet an der Universität Innsbuck spanische Literatur und nimmt an Literaturfestivals in Europa teil. 1989 erschien der erster ihrer immer auf spanisch geschriebenen Roman "Sagrada". Es erschienen auch Jugend- und Sachbücher und Kurzgeschichten von ihr.

Mittwoch, 13. Februar 2019

Sara Paretsky : "Kritische Masse"

Sara Paretsky :
"Kritische Masse"
original "Critical Mass"
2013,
übersetzt von Else Laudan und B. Szelinski
herausgegeben von Else Laudan
2018, Argument Verlag mit Ariadne
Lesebändchen
526 Seiten + 4 Seiten der Autorin
ISBN 978-3-86754-236-4

In diesem spannenden Kriminalroman wird sprunghaft die Gegenwart Chicagos mit Umland, mit Forschung einer genialen aber jüdischen Frau in Wien, Flucht ihrer Familie, und dann Machtgebahren in den 50-Jahren großartig gemischt.
Chronologisch geht es um Martina Saginor, und eine geniale Erfindung in Wien. Sie hatte allerdings im Gegensatz zu den Männern im und nach dem zweiten Weltkrieg in den USA keine Chance. Ihr ebenfalls begabter Urenkel begibt sich auf die Suche, Detektiv Warshawski soll seine drogensüchtige Mutter finden, ein mächtiger Wirtschaftsmann schickt seine starken Männer aus, es gibt einige mehr oder minder brutale Scharmützel und am Schluß Klarheiten.

Das Buch wird meist aus der Sicht von V(ictoria) I(phigenia) Warshawski in Ich-form erzählt. Die 'Action' ist vergnüglich, der ältere Nachbar sehr nett, der Cello spielende Freund auf Tournee, während sie im Dreck wühlt, Bibliotheken besucht, die Tochter des Wirtschaftsmannes informiert, einer Forscherfamilie auf die Zehen steigt und ihrer guten Freundin, einer Ärztin, Informationen beschafft. Besuche von Polizei, Security und Übergriffe des Heimatschutzes machen ungutes Kribbeln, wobei wenigstens bei der Polizei paar 'Gute' dabei sind.
Einige Kapitel beschreiben das Leben von Frau Sanginor - wenn sie als Kind zum ersten Mal die Farben durch Lichtbrechung sieht, wie sie sich später zurückhält und eisern beherrscht um nicht anzuecken, bis zum für sie großen Glück in die Sterne (auch nur Licht) sehen zu können.

Spannend sind die zwei Hintergründe in diesem Buch:
Auf der menschlichen Seite ist dies eine jüdische Wissenschaftlerin in Wien - Frau Marietta Blau - , die immer schlecht bezahlt ihre Neugier zur Forschung weitertrieb, deren fundamentale Erkenntnis in der Physik aber nie zu ihren Lebzeiten anerkannt wurde. Sie hat die Autorin zu Figur der Frau Saginor inspiriert.
Institutionell ist es die Forschung nach der Atombombe die offenbar in vielen Ländern gleichzeitig lief, in der die USA die männlichen Wissenschaftler versammelte egal welcher Geisteshaltung, um den wissenschaftlichen Erfolg zu erringen.
Es wird in dem Buch einiges an wissenschaftlichem Wissen für die Atombombe, und später Energie zusammengetragen.

Es wimmelt zwar von Namen und Familiengenerationen, aber ich tat mir nicht einmal schwer damit zu merken wer zu wem wie und warum gehört.
Die Menschenbeschreibungen haben mir sehr gut gefallen: es ist das Querbeet aus allen Generationen, mit Temperamenten von pragmatisch-sachlich bis emotional-ausfallen, vielen hochgehaltenen Werten bis komplettem Wertezusammenbruch.

Ich habe das Buch sehr genossen, da es spannend, emotional und voll mit Wissen ist. Viel Freude beim Lesen !



Donnerstag, 27. Oktober 2016

Edmund de Waal : "Der Hase mit den Bernsteinaugen"

Edmund de Waal :
"Der Hase mit den Bernsteinaugen" - Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi
original "The Hare with the Amber Eyes. A Hidden Inheritance"
2010, Chatto & Windus, London
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
2011, Paul Zsolnay Verlag
340 Seiten inkl. Vorwort + 2 Seiten Dank
ISBN 978-3-352-05556-8

Ausgehend von einem Geschenk seines Großonkels, 264 Netsuke (kleine japanische Schnitzereien aus Holz oder Elfenbein, die gemütlich in einer geschlossenen Hand Platz haben und ursprünglich am Kimono getragen wurden) erzählt der Autor die Geschichte seiner Familie : der Efrussi /Ephrussi, indem er hauptsächlich der Geschichte dieser 264 Stück Handwerkskunst in seiner Familie folgt.
Das erste Kapitel ist Paris und seinem Groß-Groß-Onkel Charles gewidmet, das zweite Kapitel Wien und seinen Urgroßeltern Victor und Emmy, dann folgen gemischt verschiedene Stationen z.B. seine Großmutter über Niederlande-Frankreich-Schweiz nach England, andere Familienmitglieder nach USA, und Japan, bis er an die Wurzeln seiner Familie zurück nach Odessa fährt.

Spannend und haptisch wird erzählt wie Geld ermöglicht mit Gefühl und Freude zu sammeln und zu leben. Viel Platz ist Beschreibungen von Wohnungen, und Häusern und dem Landgut gewidmet, viel Platz den Einrichtungen, den Kleinigkeiten, den Bildern, der Farben in den Zimmern, und sonstige Kleinigkeiten wie Uhren um das berührbare Leben vorstellbar zu machen.
Der Bruch der nach dem Anschluß in Wien vollzogen wurde, läßt den Schluß zu, daß niemand innerhalb seiner Familie mit diesen brutalen Aktionen gerechnet hatte, denn sie wurden monetär und seelisch überrumpelt, und waren froh ihr Leben zu retten.
Seine Großmutter, die nach dem ersten Weltkriegt als eine der ersten Frauen studiert hatte, fuhr nach dem zweiten Krieg nach Wien, und bekam von der alten Kleiderfrau ausgehändigt, was sie retten konnte; es ist berührend, daß der Autor erst als der beim Schreiben des Buches nach ihr nachforschen wollte, von niemandem mehr den Familiennamen dieser Frau erfahren konnte.

Ausgehend von den Netsuke, und daß sein Groß-onkel in Japan lebte und starb - und damit die Netsuke einige Zeit wieder 'nach Hause kommeb', wird einiges über Japan erzählt. Auch Japan gehörte nach dem zweiten Weltkrieg zu den besiegten Nationen, und Ausverkauf alten Kulturgutes fand statt. Der Großonkel lernt viel über Japan und seine Kunst (hier gibt es viele neue Vokabel kennen zu lernen wie z.B. 'kakemoto' sind Rollbilder), und gab einiges an den Autor (und Keramik-Künstler) weiter.
Die 264 Kunstwerke kamen Mitte 19. Jahrhunderts über Charles Ephrussi in Paris in den Familie. Dieser hochgebildete kunstsinnige Mann wurde auch der "benediktinische Dandy aus der Rue Monceau" (Zitat Jules Laforgues) genannt. Wunderschön sind hier die Schilderungen des schöngeistigen Paris dieser Zeit, aus dem Charles hier Jahrzehnte lang sammelte. Heftig ist die Reflexion über die jahrelangen Dreyfuss-Intrigen.

Die Menschen sind gut vorstellbar geschrieben. Die Urgroßmutter Emmy ist gut fühlbar, auch Groß groß Onkel Charles, dafür Urgroßvater viktor eigentümlich wenig.

Das Buch ist spannend und sehr gut zu lesen. Die Übersetzung ist sehr sehr gut.
Viel Freude bei diesem Bericht über Kunst und Geschichte von Europa und Japan.

Edmund Arthur Lowndes de Waal wurde am 10. September 1964 in Nottingham, England geboren. Er lernte bereits in der Schule das Töpferhandwerk, studierte dies in Cambridge weiter und arbeitet als ein britischer Keramiker und jetzt auch Professor an der Uni Westminster. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.  

Samstag, 17. September 2016

Gaito Gasdanow : "Die Rückkehr des Buddha"

Gaito Gasdanow :
"Die Rückkehr des Buddha"
Roman
original "Возвращение Будды"
1950, in der russischen Literaturzeitschrift 'The New Review', NY
übersetzt aus dem Russischen, mit einem Nachwort von Rosemarie Tietze
2016, Hanser Verlag
208 Seiten und 5 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-446-25047-5

Der Roman spielt in Paris in den frühen 20-jahren des 20. Jahrhunderts. Ein junger Mann der geschichtliches recherchiert taucht immer wieder in eine Traumwelt ab, spendiert einem Bettler einen Geldschein, trifft Pawel Alexandrowitsch /den Bettler wieder, wird des Mordes an ihm verdächtigt und auf Grund des Diebstahls einer kleinen goldenen Buddha-statue, die der Mörder zuerst genutzt hatte und dann gestohlen hatte, von dem Vorwurf des Mordes befreit.

Der "ich" des Buches erzählt anfangs von seinem traumatischen Sterben in den Bergen, was allerdings nur im Kopf stattfindet.
Paris wird viel im Nebel, in Grau und in Elendsviertel geschildert. Die Freundin Pawels Lina, die unglücklich in einen groben Mann aus dem Orient verliebt ist und gewohnt ist ihren Körper zu verkaufen, wird als eigenartige Mischung aus schön, lasziv, kalt, leidenschaftlich bis schlammig geschildert. Pawel selbst ist ein belesener Mensch, nur durch sein Glück an Geld kam. Der Erzähler erzählt auch von einem Schnorrer, der seine große Liebe eine nicht echte Gräfin nicht vergessen kann und vor und nach einer Erzählung immer auf sie zurückkommt. Auch andere Figuren in dem Roman sind zwar für die Erzählung nicht notwendig aber gut gezeichnet und gut vorstellbar.
Die Menschen sind entweder russisch - französisch, oder Franzosen, oder aus einem Gemisch aus Europa und dem Orient um das Atlasgebirge.

Die Bruchstücke die französisch geschrieben sind, sind erfreulicherweise übersetzt, und bleibt nicht als Leser/Leserin dem Rätseln überlassen (oder der Suche nach Vokabeln).

Der Stil des Buches ist gemessen. Es herrscht keine Eile. es gibt immer wieder schöne Beschreibungen wie : ' unisono irgendwelchen musikalischen Müll zu singen', 'undefinierbaren Seelennebel', 'deren Haltlosigkeit sich erst danach herausstellte und nur darum, weil er sich mit dem Sterben verspätet hatte' etc.

Ich habe länger an den Buch gelesen, und konnte es nicht in einem Rutsch durchlesen, weil mich die Sprache bremste. Es ist ein Buch das ich wieder lesen werde ! Viel Freude auch anderen beim Lesen !

Gaito Gasdanow (eigentlich Georgi Iwanowitsch Gasdanow), wurde am 23, Nov (jul Kal)/6. Dezember (greg. Kal) 1903 in St. Petersburg geboren und ist am 4. Dezember 1971 in München gestorben. Da sein Vater Forstbeamter war wurde er als Kind oft mit der Familie versetzt. Er kämpft ab 1919 auf Seite der Weißen Arme. Als Flüchtling nach der Niederlage reist er über Türkei und Bulgarien an Paris, wo er viele unterschiedliche Beschäftigungen hatte und an der Sorbonne Vorlesungen zuhörte. Er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Während des zweiten Weltkrieges war er in der Resistance. Ab 1952 berichtete er als Journalist unter dem Pseudonym „Georgij Tscherkassow“ über das Pariser Kulturleben. Ab 1954 bis  berichtete er zuerst aus München, dann Paris, und wieder München bis zu seinem Tod. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Als wichtigstes Buch gilt "Das Phantom des Alexander Wolf " (Призрак Александра Вольфа, 1948).

Samstag, 13. August 2016

Nadja Bucher : "Die wilde Gärtnerin"

Nadja Bucher :
"Die wilde Gärtnerin"
Roman
2013, Milena Verlag Wien
349 Seiten
ISBN 978-3-85286-237-8

Helen Cerny lebt seit dem Unfalltod ihres Freundes in ihrem Haus und ihren Garten mitten in Wien. Die Mieter im Haus lassen sie in Ruhe, nur ihre beste Freundin Toni (eigentlich Antonia) versucht sie ins Leben zurück zu locken. Helen beschreibt im Tagebuch was sie im Garten tut (v.a ihre Naturtoilette ist ihr wichtig) und wie in der leeren Wohnung gegenüber eine junge Frau einzieht. Diese junge Frau erzählt ihr von den Mächtigen der Welt, den Netzwerken und daß diese zerstört werden müssen. Helen beginnt wieder einkaufen zu gehen und ein Workshop von Toni beginnt gut, als plötzlich die Polizei auftaucht, und die Gespräche Helens mit der Nachbarin als Terrorgefahr einstuft und alles Helen in die Schuhe schiebt.
Parallel zu dieser Geschichte die 2011, 2012 geschieht wird kapitelweise, und wie ein gewohnter Roman die Geschichte von Helens weiblichen Vorgängerin zuerst zur Zeit des Kaisers, dann der Zwischenkriegszeit, der zweite Weltkrieg und Besatzungszeit, Wiederaufbau und die Hippie-Bewegung geschildert. Die Frauen halten Krieg durch, das Warten auf den liebevollen Ehemann, erhalten ein Gasthaus neben dem Alkoholiker von Ehemann, begraben Träume für den Ehemann, oder brechen aus dem was sie Diktat der Männer nennen aus.

Der Großteil der Geschichte spielt in Wien, manches auch im Waldviertel.
Neben den Tagebüchern von Helen, sind Verhörprotokolle aus der Sicht von Toni zu lesen. Toni ist die empathische sensible sehr esoterisch geschilderte (ein wenige verrückte) Freundin, die hilfreich einspringt, aber wenig Verständnis für paranoide Polizeiaktionen aufbringt.
Am Anfang liest sich der Roman etwas mühsam weil die aktuellen Personen erst langsam aufgebaut werden, am Schluß gibt es aber Energie und man freut sich daß die Geschichte doch ein gutes Ende findet.

Die Welt Helens mit ihrem Garten in dem sie vieles ziehen kann, Kompost macht, und den Kreislauf der Jahreszeiten mit Erdlager gut lebt ist faszinierend.
Die Gespräche mit der Nachbarin, die globales vernetzt, gegen die Mächtigen wettert, und vor Gewalt nicht halt macht, wirkt hier wie ein Gegenpol zur ökologischen, in ihrer Welt verharrenden Helen. Toni schwirrt wie ein Planet um die beiden herum.

Die Figuren der Männer sind sehr unterschiedlich. Ein Großvater von Helen kommt zwar einbeinig aus dem Krieg ist aber liebevoll und langsam. Der andere ist ein Haustyrann von dem die Mutter nach der Matura in eine Kommune wegzog. Es gibt auch einen Bruder der Großmutter der in der Zwischenzeit die Familie durch Schleichhandel und auch beitritt zur NSDAP durchbrachte.

In  Summe in intensives Buch mit gut vorstellbaren Menschen. Einige Ideen bleiben hängen. Viel Freude beim Lesen.

Nadja Bucher wurde in Wien geboren. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien und University of Sussex, UK. Ihr Debütroman "Rosa gegen den Dreck der Welt" erschien  2011 Milena Verlag. Sie arbeitet an Theaterstücken und Hörspielen und ist Performerin für Poetry Slam.                

Samstag, 9. April 2016

Antal Szerb : "Reise im Mondlicht"

Antal Szerb :
"Reise im Mondlicht"
Roman
original "Utas és holdvilág"
1937, Révai, Budapest
aus dem Ungarischen von Christina Viragh
2003, Deutscher Taschenbuch Verlag
250 Seiten + 3 Seiten Nachwort von Péter Esterházy
ISBN 3-423-24370-8

Der Roman startet mit der Hochzeitsreise von Mihály und Erszi nach Italien. Erszi war bereits verheiratet gewesen und freut sich in der Ehe mit dem besonnen Mihály auf ein geregeltes Leben. Ein Jugendfreund von ihm taucht auf und ab nun diktiert die Vergangenheit sein Leben: er erzählt seiner Frau von der Jugendclique mit Evá, Tamás, Ervin und János, deren intellektuellen Spielchen und der Todessehnsucht von Tamas, der dieser später nachgeben wird. Ervin liebt Eva, entscheidet sich dann für das das Leben als Mönch, wo ihm Mihaly prompt begegnet. Auch Eva ist plötzlich da.
Erzsi zieht nach Paris, lernt dort einen faszinierenden Perser kennen und entscheidet sich dann doch wieder für ihren Ex-Mann Zóltan, der ihr das Leben bietet das sie gewohnt ist, und der sein Leben immerhin in die Hand nimmt, im Gegensatz zu fremdbestimmten Mihaly.

Spannend ist die Schilderung der Personen : Mihaly läßt sich treiben und beeinflussen, solange die Person die ihm was sagt stark genug ist und versieht somit seine Arbeit in der väterlichen Firma mit Pflichtgefühlt, sonst sieht er sich lieber die Gegend an; Erszi dürfte eine schöne Frau sein, die Luxus schätzt und das Gefühl verwöhnt zu werden, aber auch ihr wird zuviel daß Mihaly Eva noch immer liebt und wenig eigenen Antrieb hat; Zoltan ist bürgerlicher und brilliant-durchtriebener Geschäftsmann der zwar nur seinen Geldes wegen geschätzt wird, Erzsi aber trotz seiner Seitensprünge immer noch liebt; Eva dürfte eine wunderschöne charismatische und eigenwillige Frau sein, die nach der tiefen Verbindung zu ihrem Bruder auf der Suche nach einem ebenso zu tiefen Gefühl ist; Ervin ist die Figur die am extremsten handelt und ändert als er vom Judentum zum Katholizismus übertritt, der Liebe zu Eva abschwört und statt dessen weiser charismatischer aber leider körperlich kranker Franziskanermönch wird; Janos ist ein unsympathischer etwas provozierender Mensch; Millicent beglückt Mihaly einige Zeit lang und ist als dummes reiches aber liebenswertes Geschöpf geschildert; Sarí eine Freundin von Erzsi hilft ihr in Paris zu überleben, und ist bodenständig und humorvoll gezeichnet; Waldheim, ein Studienkollege von Mihaly ein Wissenschaftler über Religion/Spiritualität der gut lebt, Frauen liebt, und Mihaly hilft einiges an Werten wieder zusammenzurücken.

Auch wenn sich die vielen Ungarn nur in Italien und dann in Paris treffen, spielt der Roman hauptsächlich in Italien. Es wird die Toskana mit ihren Kulturschätzen, Landschaften und Klöstern und später Rom mit dem Trastevere Viertel, Friedhöfen, Hügel mit Amphorenscherben, billigen Tavernen + Hotels und einfachen bis armen Menschen geschildert. Bei den Beschreibungen in Italien gibt es schöne Passagen in den das Licht daß durch die Landschaft fällt erzählt wird.
Realistisch wird in dem Roman angesprochen, daß man Geld zu zahlen der Lebensnotwendigkeiten braucht und wie Erzsi in Paris überlebt, wie sich Mihaly durchs Leben in Italien schnorrt und die Winkelzüge von Zoltan und Janos laufen bis zum Vater Mihalys der plötzlich auftaucht, alles zahlt und dann den Sohn nach Budapest retour nimmt.

Der Roman ist schön geschrieben. Der Autor nimmt sich die Zeit Szenerien zu beschreiben ohne sich zu hetzten aber auch ohne langatmig  zu werden. Immer wieder sind schöne für heute fast bisserl altvatrische Worte verwendet (ob das an Autor oder Übersetzerin liegt kann ich nicht entscheiden), die die Stimmung sehr schön einfangen.

Für Leser und Leserinnen die sich die Zeit für ein Buch nehmen können und wollen, ist das Buch genau richtig. Viel Freude damit !

Antal Szerb  wurde am 1. Mai 1901 in Budapest geboren. Er studierte in Graz klassische und moderne Philologie und in Budapest Hungarologie, Germanistik und Anglistik. Zuerst arbeitete auf Studienreisen in Italien und Frankreich, dann in London; später als Lehrer für Ungarisch und Englisch. 1937 schaffte er es zu habilitieren, und auf der Uni zu lehren bis er zum Arbeitsdienst verpflichtet wurde. Er wurde am 27. Jänner 1945 im Lager Balf (Gebiet Sopron-Fertöd/West-Ungarn) erschlagen.
Als Schriftsteller schrieb er unter seinen eigenen Namen und auch unter dem Pseudonym A. H. Redcliff. 1934 erschien seine 'Ungarische Literaturgeschichte', 1938 seine Romantheorie, 'Die Suche nach dem Wunder. Umschau und Problematik in der modernen Romanliteratur' (unter dem eingedeutschten Namen Anton Szerb). 1941 wurde seine Literaturgeschichte der Welt veröffentlicht.

Freitag, 26. Juni 2015

Becky Durfee : "Driven"

Becky Durfee :
"Driven (A Jenny Watkins Mystery Book 1)"
Dateigröße: 1165 KB
2013
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 196 Seiten
ASIN: B00CXX0LOC

Jenny Watkins und ihr Mann Greg übersiedeln von Kentucky nach Georgia und beginnen ein schönes altes, aber heruntergekommenes Haus zu renovieren. Jenny beginnt eine Stimme zu hören, die Namen sagt, macht sich auf die Suche und findet eine 60 Jahre alte Liebesgeschichte heraus, die leider mittels ungelösten Mordes beendet worden war. Eleanor Whitby, die alte charismatischeDame im Pflegeheim, war die Gründerin eines Frauenmagazins gewesen, die Frauen aufrüttelte und sie an ihre Träume und Wünsche erinnerte. Die große Liebe Steve O'Dell, war ein herumwandernder Handwerker gewesen, der Menschen wie Menschen behandelte. Der Mord war bezahlt gewesen.
Parallel zur Aufklärung des uralten Mordes und immer wieder Einfluß von Überirdischem wird die Basis der Ehe von Jenny und Greg in Frage gestellt. Ein neuer Anwärter wird angedeutet.

Die Geschichte ist nett geschrieben, es ist alles gut vorstellbar.
Mir hat die Figur der alten Dame gut gefallen, die sich ihren Humor gewahrt hatte und Jenny mit Hausverstand, Verständnis und Ermunterung zur Seite steht.

Das Englisch ist schön zu lesen. Es sind keine Unmengen von Slangausdrücken verwendet, sondern Vokabel die gut beschreiben, die fein abstufen und in der Geschichte weiterführen.

Dieses Jenny Watkins - Buch ist der Auftakt zu einer Serie, die mittlerweile aus sechs Bänden besteht. Sie erhält immer Informationen Toter und wird ausgesandt deren Geheimnisse zu lösen.
Da es darum geht, daß eine junge Frau ihren Weg geht und lernt zu sich und ihren Wünschen zu stehen, vermute ich, daß es Frauen mehr ansprechen wird, als männliche Leser.

Da ich gerade ein anspruchsvolles Buch lese, ist diese Geisterliebesgeschichte als harmlose nette Auflockerung gut geeignet.

Becky Durfee ist Stastistik Lehrerin, die seit Jahren Geschichen schreibt. Sie hat mehrere Kinder. Leider konnte ich weder ihr Geburtsdatum noch ihren Lebensbezirk (die USA sind groß) herausfinden.

Sonntag, 14. Juni 2015

Edle Astrup Hubay : "Licht und Schatten"

Edle Astrup Hubay :
"Licht und Schatten" - Autobiographie
original "Medljen har to sider"
1980, H. Aschehoug & Co
aus dem Norwegischen übersetzt von Alexia Gerhardus
Verlag Publication PN Bibliothek der Provinz
Hrsg Richard Pils
233 Seiten inkl. Vorwort, Epilog und Nachwort der Übersetzerin
ISBN 3 85252 534 9

In dieser Autobiographie erzählt eine junge Frau über ihr Leben in der Zwischenkriegszeit in Europa, im Krieg und nach dem Krieg in Ungarn und der Flucht aus dem diktatorischen kommunistischen Ungarn.

Edle, das ist ein norwegischer Vorname, kein deutschsprachiger Titel, erlebt als in Norwegen geborenes Mädchen aus wohlhabenden Verhältnissen die europäische Zwischenkriegszeit in Oslo, London und Paris. Über eine Freundin aus der Schulzeit lernt sie in Ungarn den Maler und Sohn des Komponisten Jenö Hubay Andor Hubay kennen. Sie heiraten und binnen einen Jahres lernt sie ungarisch, das sie braucht um sich mit den Hausangestellten und den Menschen in der Landwirtschaft unterhalten zu können. Sie leben in einen Palais in Budapest, oder zwei Stunden entfernt auf einem Landgut, das auf mittlerweile tschechischen Boden steht; der dritte Wohnsitz ist weiter entfernt, aber sehr charismatisch. Auf den Reisen durch Europa sehen sie das Aufkommen des Nationalsozialismus, der Andor empört. Vor dem Krieg kommt noch ihre Tochter auf die Welt. Dann kommen die Flüchtlingsströme aus der Tschechoslowakei und Polen - alle auf der Flucht vor den Nationalsozialisten und dem Krieg. Erst als die Russen Ungarn überrollen wird es massiv schlechter; Frauen müssen sich in Sicherheit bringen, was oft nicht gelingt, viele schöne oder einfach nur notwendige Hausratssachen werden ruiniert oder mit dem Argumente, daß Krieg ist, gestohlen. Freundschaften werden in dieser Zeit aufgebaut, mit Menschen die sie Jahre später als in Ungarn der Kommunismus eingebrochen ist, in der Ferne auch weiterhalten. Nachdem Krieg helfen zuerst alle zusammen um das Land aufzubauen - Andor geht wieder zu Herend (Porzellanfabrik). Als nach den freien Wahlen die Kommunisten trotz nur 17% Wahlanteil die Macht übernehmen und zu verstaatlichen beginnen, flüchtet die kleine Familie mit Glück zuerst nach Norwegen, wo der Sohn Laszlo auf die Welt kommt. Später reisen sie in das fernste, aber noch europäischste Land : Portugal. Auch hier arbeitet Andor wieder als Chef der Porzellanfabrik, bis die Nelkenrevolution über das Land bricht. Andor wird Lehrer, und die Familie ist trotzdem glücklich. Andor starb am 19. Februar 1971 in Portugal.

Im Nachwort wird erzählt, daß alle Bemühungen der Familie Hubay wenigstens einiges an Grund und Boden von Ungarn zurückzuerhalten, abgeschmettert werden. Immerhin schaffen sie es in Ungarn, daß das Gedenken an den Komponisten und Violinisten Jenö Hubay wieder existent ist. Seine Kompositionen und Violinbearbeitungen werden jetzt wieder gespielt und auf CD eingespielt.

Das Buch ist faszinierend, weil zuerst die Leichtigkeit mit der Kontakte und Menschen der Zwischenkriegszeit beschrieben werden. Als es dann hart auf hart geht, ums Überleben, ums Nahrung auftreiben, Freunde die an Regime verloren gehen, und die Frage ist welche Werte gelten und wie man innerlich durchhält, stark berühren.
Die Abschnitte russischer Übergriffe, Respektlosigkeit und Gewalt gegenüber Frauen und allem was nicht niet- und nagelfest ist, gehen ziemlich unter die Haut.
Die Zeit nach dem Weltkrieg als die früheren Schloßbesitzer als Angestellte für Amerikaner arbeiteten, und das Leben von dieser Seite kennen lernten, war mit Realismus und zartem Humor geschildert.

Die Sprachen die in dem Buch als Selbstverständlichkeit gesehen werden, haben mich beeindruckt. Frau Astrup Hubay dürfte norwegisch, englisch, französisch, deutsch, italienisch (?), ungarisch und dann portugiesisch gesprochen haben. Die Tochter Rozanne lernte ungarisch, hatte ein Schweizer Kindermädchen für deutsch und französisch, dann kamen englisch, portugiesisch dazu.

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und beschreibt meist linear die Ereignisse. Die Sprache ist klar und direkt, ohne zu verletzen.

In Summe ein faszinierendes Buch, das ich nicht weglegen konnte, da ich wissen wollte wie es weiter geht, ob die Reisen/Flucht klappen/klappt und wie das Leben ohne Paß aber durch hilfreiche Menschen funktionierte. Für mich ein Stück europäischer Geschichte.

Edle Astrup Hubay starb am 3. Februar 1989 in Portugal.

Mittwoch, 20. August 2014

Lea Singer : "Konzert für die linke Hand"

Lea Singer :
"Konzert für die linke Hand" - Romanbiographie über Paul Wittgenstein
2008, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
2011, Deutscher Taschenbuch Verlag
448 Seiten  + 5 Seiten Epilog +5 Seiten Komponisten und Werke Paul Wittgenstein gewidmet +  1 Seite Familie Karl und Leopoldine Wittgenstein
ISBN 978-3-423-21323-3

Anhand des zweitjüngsten Sohnes und späteren Pianisten Paul Wittgenstein erzählt dieser Roman über das Familien- und Gesellschaftsleben des Heranwachsenden, den ersten Weltkrieg bis zum Zeitpunkt als der Wien/Österreich/Europa wegen der Machtnahme der Nationalsozialisten verlassen muß.

Der dominante, erfolgreiche, einflußreiche Vater Karl diktiert das berufliche und private Leben seines Umfelds. Neun Kinder bringt ihm seine ihn verehrende Ehefrau Leopoldine (Poldi) auf die Welt. Ein Sohn verschwindet als Erwachsener, einer begeht Selbstmord und das Leben geht in engen Linien weiter. Der reiche Vater gönnt sich und der Gesellschaft die besten Künstler und unterstützt mit Aufträgen und Einfluß. Gegen die Doktrin, daß keines seiner Kinder selbst künstlerisch tätig sein darf setzt sich erst Paul mit seinem Wunsch Pianist zu werden durch. Der Vater stirbt vor Ausbruch des ersten Weltkrieges.
Paul ist Offizier und geht nach Galizien und weiter, verliert seine rechte Hand und kurz darauf seine Freiheit durch russische Kriegsgefangenschaft. Erst 1916 wird er eingetauscht. Er ist von der Idee Leschetitzkys von der Möglichkeit auch mit einer Hand als Pianist Erfolg zu haben angetan, übt, spielt einschlägiges und beginnt nach dem Weltkrieg Komponisten nach Kammermusikwerken und Orchesterwerken zu beauftragen. Die Gesellschaft anerkennt seine Leistung an, die älteren Schwestern werden nicht müde sich für den jüngsten Bruder Ludwig (später Philosoph in Oxford) zu engagieren und immer Paul vorzuziehen. Auch in das Liebesleben Pauls mischen sich die Schwestern menschenverachtend ein. Am Ende des Buchs geht Paul über Schweiz in die USA und Kuba, und holt mit viel Mühen seine blinde Geliebte (dann Ehefrau) und die heimlichen Kinder nach.
Der Epilog erzählt dann in rascher Form die Jahre zwischen 1938 und zum Tod (1961).

Mich haben einige Passagen sehr fasziniert. Beispielsweise : die Schilderungen der Kriegsgefangenschaft in Rußland, mit dem Querverweis, daß Fjodor Dostojewski auch in einem der Gefängnisse in den Paul war, gesessen hatte. Die Schilderungen wie abgehoben die Familie lebte und nach dem Zusammenbruch von Kaiserreich, Landwirtschaft, Gesellschaftsnormen als das Elend übergriff fast unbeteiligt war. Die Schilderungen von Paul Hindemith, Erich Wolfgang Korngold, Sergej Prokofieff und Maurice Ravel, als Paul Kompositionen beauftragte aber auch in seinen Erwartungen enttäuscht wurde.

Die Figuren sind schön geschildert - die Eltern, die Geschwister, die lesbischen Tanten, die Doppelbödigkeit der homosexuellen Brüder, die treuen Diener, Künstler wie Klimt, Engelmann, Mahler, Laber, Korngold Vater und Sohn, R. Strauss und Gattin, etc.
Die langen Spaziergänge die Paul durch Wien unternimmt sind nachvollziehbar, die unterschiedlichen Gegenden und Hausbauten schön gezeichnet.
Der Wandel im Leben als die Menschen in Wien in die Armut schlittern, und menschenverachtende zuerst politisch unverträgliche Bünde dann Machthaber agieren, bis zum Erkennen, daß er gehen muß ist gespenstisch.

Als selbst etwas Klavier klimpernder Mensch vermisse ich in dem Buch das Haptische des Pianisten. Es werden die Werke musiktheoretisch beschrieben, aber wie es ist wirklich am Klavier zu sitzen und die Tasten zu spüren und Musik auszudrücken, vermisse ich bei den Schilderungen des Buchs.

In Summe ein gutes Buch für Leser und Leserinnen, die mit Musik und den ersten 40 Jahren des 20. Jahrhunderts in Wien umgehen können. Viel Vergnügen !

Eva Gesine Baur wurde am 11. August 1960 geboren. Ihr Pseudonym Lea Singer verwendet sie für Nicht-Sachbücher. Sie hat Kunstgeschichte, Musikgeschichte, und Literaturwissenschaft studiert. Sachbücher veröffentlicht sie unter ihrem eigenen Namen. Sie lebt in München und ist beidhändig.

Dienstag, 25. März 2014

Erich Hackl : "Abschied von Sidonie"

Erich Hackl :
"Abschied von Sidonie"
Erzählung
1989 erstmals bei Diogenes erschienen
als Taschenbuch 1991
122 Seiten
ISBN 978-3-257-22428-3

Abschied von Sidonie ist die wahre Geschichte eines Mädchens das 1933 in Steyr ausgesetzt wird. Das Mädchen ist vom Aussehen her Zigeunerin und es dauert bis sich eine Pflegefamilie findet. Josefa umgibt das Mädchen mit viel Liebe und Zuneigung und kuriert alle Krankheiten aus. Ehemann Hans, ein überzeugter Sozialist, gibt diesem Mädchen, seinem Jungen und einem weiteren Pflegemädchen was er kann. Die Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit liegt danieder, Arbeitslosigkeit ist üblich, harte Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Milizen schaffen zusätzliche Unsicherheit. Trotzdem klappt das Leben irgendwie. Eng wird es erst als die Nazis die Macht übernommen haben, und Mitte des Krieges fordern, daß das Kind zur biologischen Mutter zurückkehrt. Von hier geht der Transport ins Konzentrationslager, in dem Sidonie an Essensverweigerung stirbt. Für die Pflegeeltern eine Aneinanderkettung von Ereignissen, die sie nicht vergessen können.

Am stärksten ist Josefa gezeichnet. Wie diese Frau sich um die ihr Anvertrauten mit Zuneigung und mit Energie kümmert, und nicht aufgibt ist imponierend gezeichnet. Sidonie wird als ein liebes liebevolles Mädchen geschildert, vielleicht nicht übertrieben gescheit, aber bemüht. Hans versucht seinen Überzeugungen treu zu bleiben, auch als ihm der Wind entgegenweht. Diese Überzeugungen machen es nicht leichter nachdem die Greuelzeit vorbei ist den Verlust der Ziehtochter zu verschmerzen.

Meist schreibt/ beschreibt der Autor von außen berichtend und läßt Taten und Gespräche für sich stehen; und bringt dadurch zum Nachdenken. Die Seite als er die neutralere Berichterstattung verläßt und fragt warum wer nicht wann was gemacht hat um ein anderes Ende herbeizuführen, macht dem Nachdenken ein ziemlich abruptes Ende.
Der Autor hat die Geschichte in vielen Gesprächen, und Unterlagen / Berichte Recherchen erarbeitet. Ihm half einer echter Bruder von Sidonie, der sie erst in den letzten Tagen bei der biologischen Mutter kennengelernt hatte.
Auf einer Seite wird die Parallelgeschichte einer Margit erzählt: auch sie war Pflegekind, nur haben hier alle umgebenden Menschen geholfen, daß das Mädchen nicht zurück zur biologischen Mutter und damit in den Tod gehen mußte. Eine kleine Geschichte aus Kärnten.

Ich konnte mich nicht dem Eindruck erwehren, daß das Buch aus einem bestimmten politischen Bereich kommt, was es nicht einfacher macht die karge und umkämpfte Zwischenkriegszeit objektiv zu sehen.

In Summe ein starkes beeindruckendes Buch, das hinterfragt wie weit persönliche Verantwortung gehen darf / soll /will.

Erich Hackl wurde am 26 Mai 1954 in Steyr /Oberösterreich geboren. Er studierte Germanistik und Hispanistik in Salzburg, Salamanca und Malaga. Er unterrichtete zuerst deutsch und spanisch in Wien, war dann am Institut für Romanistik an der Universität Wien. Er schreibt seit 1983, und ist Übersetzter aus dem Spanischen. Er lebt in Wien und in Spanien.

Samstag, 21. September 2013

Marek Krajewski : "Finsternis in Breslau"

Marek Krajewski :
"Finsternis in Breslau" - Ein Kriminalroman mit Eberhard Mock
original 'Glowa Minotaura'
2009, Wydawnictwo W.A.B., Warschau
aus dem Polnischen von Paulina Schulz
2012, deutscher Taschenbuchverlag, München
342 Seiten
2 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-423-21347-9

Dieser spannende, ein wenig gruselige Kriminalroman spielt 1937 bis 1939 zwischen Lemberg und Breslau. Eberhard Mock ist in diesem sechsten auf deutsch erschienene Band für Breslau zuständig, wobei in Lemberg Kommissar Popielski das passende charaktervolle, sinnliche und überbordende Temperament bietet. Gemeinsam gehen sie auf die Jagd.

Es werden junge Frauen, die noch Jungfrauen sind, angebissen und ermordet aufgefunden. Selbst in Regionen in denen Gewalt bei Spiel relativ normal ist, schlägt diese Information Wellen. Insgesamt drei solcher Frauen werden gefunden, aber es gibt auch eine andere die 'nur' gebissen und nicht ermordet worden sind; dafür ist sie im Irrenhaus gelandet. Breslau und Lemberg arbeiten zusammen. Eine Heiratsvermittlerin wird nach der Befragung ermordet aufgefunden, ein Mathematiker gesucht, eine Engelmacherin solange bearbeitet bis sie wenigstens einige Information preisgibt.
Kommissar Popielski, dessen schöne und geliebte Tochter mitten in den Ermittlungen verschwindet, wird mit einem Grafen und dem 'Minotaurus' konfrontiert. Das Ende ist zwar gruselig aber gelungen.

Dieser Roman ist zwischen der Üppigkeit und Opulenz auch dem Elend und Dreck der Zwischenkriegszeit angesiedelt. Ein Rest fin-de-siecle schwingt bei den beiden Herrn Polizisten, die Lebemänner sind, mit, da sie Latein und österreichisches-deutsch sprechen, gute Allgemeinbildung haben und damit den Haß und Neid anderer hervorrufen, und mit Selbstverständlichkeit Wodka, Rotwein, gutes Essen, Schach und hübsche Prostituierte genießen.

Der Titel "Finsternis in Breslau" ist nicht wirklich gelungen, denn polnisch könnende Freunde haben mir den original Titel mit "Kopf des Minotaurus" übersetzt; das ist auch der Titel des dritten Kapitels. (Die beiden anderen Kapitl lauten 'Das Labyrith wird betreten' und 'Die Kemenate des Minotaurus')
Über jedem der drei Kapitel stehen philosophische Überlegungen - bei den ersten beiden von Jorge Luis Borges.

Der Roman ist spannend geschrieben. Die Szenerien sehr gelungen beschrieben, auch wenn man Breslau und Lemberg und Katowice nicht kennt.

Eberhard Mock ist für mich nicht die Hauptfigur dieses Buches, sondern Popielski und seine Tochter Rita. Wie die beiden aneinander vorbei agieren ist faszinierend. Beide sind in ihren Aktionen und Beweggründen sehr sehr menschlich geschildert. Leokadia, die Cousine von Popielski, die als Mutterersatz bei Vater und Tochter lebt ist ebenfalls genau geschildert. Die Polizisten der diversenen Städte sind teilweise Prototypen, v.a. die Gestapo Männer werden ziemlich unsympathisch geschildert. Bei dem Grafen als schöner Mensch mit Theatralik, wird das Überzüchtete glaubhaft.

In Summe ein sehr empfehlenswertes spannendes Buch, indem auch etwas Geschichte einfließt, weil bereits die deutsche Gestapo in Breslau ihre Finger im Spiel hat.

Marek Krajewski, wurde am 4. September 1966 in Wroclaw geboren, ist Altphilologe und war Dozent an der Universität Breslau. Seit 2007 konzentriert er sich ganz auf seine Tätigkeit als Schriftsteller. Er lebt in Breslau. Seine Krimiserie mit dem Antihelden Eberhard Mock ist in Polen und inzwischen auch in Deutschland sehr erfolgreich.