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Mittwoch, 31. Juli 2024

Max Aub : "Die Stunde des Verrats"

Max Aub
"Die Stunde des Verrats" - Das Magische Labyrinth IV
Roman
original "Campo del Moro"
1963
Aus dem Spanischen von Albrecht Buschmann und Stefanie Gerhold
Herausgegeben und kommentiert von Mercedes Figueras
2001/2003, Piper Verlag GmbH München
300 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 43 Seiten Anhang Anmerkungen von Mercedes Figueras + 5 Seiten Nachwort
ISBN 3-492-21791-0

Auf sieben Kapiteln von 5. bis 13. März 1939 wird in einem Gemisch aus Geschichte und deren realen Personen und manchen fiktiven Menschen wie Politiker verschiedener Parteien und Gruppen versuchen die Menschen in Spanien, hier konzentriert eher Madrid, gegen die Truppen Francos zu schützen bzw die Übergabe für die Menschen erträglich zu machen.
Dieser Roman konzentriert sich auf die Menschen die vor Ort leben und Politiker der sozialistischen und kommunistischen Parteien. Die Seite Francos wird nicht erzählt - es ist nur klar, daß es kein Erbarmen bei der Übernahme der Städte für die  Bevölkerung und Gegner geben wird.

Die 43 Seiten mit Anmerkungen zu den Figuren sind für mich essentiell gewesen, da es hier genaue Informationen über echte und fiktive Personen gibt, was bei den vielen unterschiedlichen Charakteren wichtig ist.

Am Anfang des Buches gibt es manchmal noch Hoffnung, einzelne Menschen kämpfen für ihre Ideale und Spanien. Hunger wird auch beschrieben : eine Brotkante wird zum Luxusessen.
Am Schluß gibt es nur Flucht, Hektik, zerbrochene Hoffnungen und Werte.

Spannend ist die gescheiterte Politik, in der sich die sozialistische Partei und kommunistische Partei auch nicht einmal zugunsten der Menschen auf gemeinsames Handeln zusammen finden, und selbst fliehen.

Mehr geht mir das Schicksal einzelner (fiktiver) Personen unter die Haut, die sich in die Esoterik oder Liebe retten, wobei die Liebe meist schlecht ausgeht. Es bleibt viel Traurigkeit, Zerstörung und tote Menschen übrig.

Der Roman ist intensiv geschrieben und ließ mich nicht kalt, auch wenn ich das Buch mindestens nocheinmal lesen muß in der Hoffnung die Handlungsstränge besser zu verstehen.

Max Aub, auch Max Aub Mohrenwitz, wurde am 2. Juni 1903 in Paris geboren und war ein spanischer Schriftsteller französischer Herkunft mit deutschen Vorfahren. Er schrieb spanisch, und organisierte Theater in Spanien. Juli 1936 wurde Honorarkonsul im Frankreich und erteilte den Auftrag zu "Guernica" an Pablo Picasso. 1940 wurde er in Spanien denunziert, verhaftet und konnte 1942 nach Mexico ausreisen. Lange wurde ihm ein Besuch in Spanien verwehr, erst 1969 durfte er wieder kurz zu Besuch kommen. Er starb am 22. Juli 1972 in Mexiko Stadt.
'Das magische Labyrinth
' („El laberinto mágico“) schrieb er zwischen 1943 und 1968, und besteht aus sechs Bänden zum spanischen Bürgerkrieg.

Samstag, 16. Dezember 2017

Ernst Solér : "Staub im Paradies"

Ernst Solér :
"Staub im Paradies"
2009, Grafiti Verlag
203 Seiten + 1 Seite Erklärung und Danke + 2 Seiten Glossar (gemischt schweizerische und tamilische Ausdrücke)
ISBN 978-3-89425-357-8

In diesem großartigen Kriminalroman werden in zwei Strängen Morde einmal in der Schweiz, einmal in Sri Lanka erzählt. Der schweizerische Kriminalkommissar Staub besucht mit seiner Familie die Tochter aus einer früheren Beziehung. Mitten in den Bergen wird ein Malariaforscher, ein Kollege der Tochter, erschossen. Währenddessen wird in der Schweiz die übrige Truppe von Staub mit einem ermordeten Tamilen konfrontiert.
Staub holt einige Informationen aus der Schweiz für quasi seinen Mord, und hilft den Mord seiner Gruppe aufzulösen.
Mordursache sind der (Bürger-)Krieg zwischen Tamilen und Singhalesen, der wie ein scharfes Schwert über den Menschen hängt, und Intrigen.

Eine kleine Liebesgeschichte bahnt sich zwischen Gret und einem Lokalbesitzer an. Staubs große Tochter hat sich endlich in einen für den Vater brauchbaren Mann, einen engagierten Arzt, verliebt. Sein Sohn hat sich einen temperamentvolle Schönheit verliebt, und auch Staubs Frau hat Witz und Willen.

Die Orte der Handlung sind in Sri Lanka die Bergwelt bei Pelmadulla, aber auch Stadt und Strandgegenden. In der Schweiz dürfte es um Zürich, mit Ausflüge nach Basel gehen.

Die Absätze über Ansätze die Übertragung der Malaria zu übertragen sind hochinteressant. DDT wird sehr kritisch betrachtet.

Ich habe die Sprache und die Metaphern in diesem Buch genossen. Ich habe in gefühlt jedem zweiten Absatz mindestens eine Formulierung oder Analogie gefunden, die mich zum Schmunzeln brachte : hier einige Beispiele :  Schweizer Mücken als flügellahme Lachnummern, abgasgeplagte Palmen,

Die zwei verwebten Geschichten sind in sehr schöner Sprache geschrieben, die ich sehr genossen habe. Spannend sind die beide Handlungsstränge ebenfalls. Leider gibt es keine gutes Ende mit dem ich mich wohl gefühlt habe (was mich an Donna Leon erinnert hat).

Viel Freude beim Lesen dieses unterhaltsamen und spannenden Kriminalromans !

Ernst Solèr wurde am 7. Juli 1960 in Männedorf (Kanton Zürich) geboren. Einige zeitlang war er Ethnologie-Student, Rock-Gitarrist und Spiele-erfinder. Ab 1987 arbeitete er als beim Schweizer Fernsehen. Ab 1999 widmetet er sich dem Schreiben - als Journalist und Schriftsteller.  2006 erschien der erste der vier Krimis um Hauptmann Fred Staub. Er starb am 16. Juli 2008 an Krebs.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

P.B. Ryan: "Still Life with Murder"

P.B. Ryan:
"Still Life with Murder" - Nell Sweeney Mystery Series Book 1
Dateigröße: 1370 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 319 Seiten
Verlag: Hawkley Books; Auflage: 2 (5. Juli 2010)
Sprache: Englisch
ASIN: B003UV98MM

Auf deutsch heißt dieser Kriminalroman "Dunkel wie die Spur des Todes"

Nell Sweeney, eine junge Frau aus sehr ärmlichen  und brutalen Verhältnissen, hilft einem Landarzt. Hier lernt sie die Familie Hewitt bei der Geburt eines Mädchens kennen, und sofort als Gouvernante für dieses Kind und ein Leben in Boston engagiert. Ausgehend von dieser Basis wird sie von der Dame des Hauses beauftragt heimlich aufzuklären wieso der tot geglaubte älteste Sohn des Mordes bezichtig wird, was im Hinterhof einer Spelunke mit Huren, Ratten-Terrierspielen und Opium-Konsum geschehen war. Will ist ein eigenwilliger Arzt, der nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg untergetaucht war. Er hatte den Mord an seinem Bruder im Gefangenenlager Andersonville gesehen, war auf der Flucht verletzt worden und dann in Opiumsucht abgerutscht auch um die Schmerzen zu vergessen. Der alter Freund Familie, der Anwalt ist, - Jack - wird beauftragt mit Nell gemeinsam zu ermitteln. Das Ende ist überraschend.

Der Kriminalroman spielt in Boston den 60-er Jahren des 19. Jahrhunderts, vor und nach dem amerikanischen Bürgerkrieg.
Die Menschen sind plastisch vorstellbar geschildert. Auf der einen Seite die Schichte derer mit schönen Häusern, schönem Gewand und Schmuck, gutem sattem Leben. Auf der anderen Seite die Menschen die entweder Hure, Soldaten, Matrosen, Spelunken wirte sind. Dazwischen gibt es Hauspersonal und Menschen die versuchen mit einem Handwerk wie Schneiderei zu leben. Als drittes Element ist asiatisches Leben hier in Form von Opiaten geschildert. Opium war für Kriegsversehrte wichtig, da sie sonst die schmerzen nicht ausgehalten hätten; leider war gegen die Sucht dann kein Mittel verfügbar.

Der Weg und die Gedanken von Nell werden geschildert, inklusive ihrer Angst nicht mehr für das kleine Mädchen verantwortlich sein zu dürfen. Brutalitäten aus ihrer Kindheit und als junge Frau vertraut sie nur Will an. Will ist der voreheliche Sohn, der immer ein eheliches Mäntelchen erhalten hatte und gelernt hat sich zu verstecken; durch eine Kriegsverletzung hat er sich an Opium gewöhnt.
Jack ist im Vergleich weniger charismatisch - ihn haben die Erinnerungen an die Gräuel des Krieges auch Jahre später im Griff, was sich auch im Ende zeigt.
Die Kleinigkeiten in der Hierachie im Hause Hewitt sind teilweise befremdlich, teilweise auch amüsant zu lesen.

Es wird viel von den Gräueltaten des Gefangenenlagers Andersonville erzählt - der Mord hat seine Ursache in diesem.

Exkurs : Lager Andersonville ist in Georgia gewesen, wo die Konföderierten (die "Südstaaten") im Amerikanischen Bürgerkrieg zwischen Feb 1964 und April 1865  mehr als die 3-fach zugelassene Menschenanzahl untergebracht hatten. Die Gefangen wurden miserabel verpflegt - Photos von damals zeigen ähnliche elend ausgemergelte Gestalten wie später in den Konzentrationslagern. Einige Offizieren spielte grausame Spiele mit den Gefangenen. Es war nicht erlaubt Wände aus Holz zur Abgrenzung oder als Schutz gegen den kalten Wand aufzubauen. Es grassierten mehrere Epidemien gleichzeitig und kosteten mehr als 13.000 von geschätzten 45.000 Menschen das Leben. Das Amerikanische rote Kreuz fand dort seinen Ursprung.

Das Englisch ist schön und bildhaft. Einige Vokabel mußte ich nachschauen - meist poppte im e-Reader die Zusatzinformation auf, daß das Vokabel bereits älter sei.

In Summe ein guter Kriminalroman der gut unterhält. Viel Freude beim Lesen !

Patricia Burford Ryan wurde am 09. August 1954 in Las Cruces in New Mexiko geboren - genauso wie ihre Zwillingsschwester, die Romanschriftstellerin Pamela Burford. Nach Schulzeit und Studium arbeitete sie für einige Zeit für einige Verlagshäuser in New York und Rochester. Liebesromane (mittlerweile 18) schrieb sie unter 'Patricia Ryan' und Krimis unter 'P.B. Ryan'. Mittlerweile sind sechs Nell Sweeny Krimis erschienen, die auch alle auf deutsch übersetzt wurden. Neben ihrem eigenen Namen benutzte sie auch das Pseudonym 'Louisa Burton'. Seit 2010 lebt sie in Rochester.

Dienstag, 12. September 2017

Fouad Laroui : "Die alte Dame in Marrakesch"

Fouad Laroui :
"Die alte Dame in Marrakesch"
Roman
original "La vieille dame du ruad"
2011, Editions Juillard Paris
Deutsch von Christine Kayer
2015, Merlin Verlag
166 Seiten  + 5 Seiten für Glossar, Liedtexte und Textpassagen
ISBN 978-3-87536-314-2

Als Rahmenhandlung sind Cécile und Francois, ein gut situiertes Paar aus Paris, in Marrakesch unterwegs um einen Wunsch von Francois nach einem Riad (in Marokko ist das ein traditionelles Haus mit einem Innenhof) zu erwerben, was zuerst auch gelingt. Dann finden die beiden eine alte Dame in einem Zimmer, die wie ein Geist wirkt.
Im zweiten langen Kapitel wird anhand von Hadj Fatmi, seiner Berberfrau (der zweiten), deren Sohn Tayeb, die Geschichte Marokkos aus der Sicht der Berber Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts erzählt. Es gibt Bürgerkrieg, Gemetzel, Intrigen, Militärs aus Spanien und Frankreich, Waffen aus England und Deutschland, Wertewandel, Überlegungen wer sich wem wie anpassen soll, IS entsteht, Tayeb meldet sich für die französische Armee im zweiten Weltkrieg und geht verloren.
Im Abschlußkapitel wird der Riad mit all den Unterlagen die das französische Paar mittlerweile über die Berber gesammelt hat eine Art Museum.

Während im ersten Kapitel ein eingespieltes humorvolles Ehepaar miteinander lebt, und zwar ohne wirkliche Probleme, ist das zweite lange Kapitel mit den Kampf- und Kriegswirren sehr spannend geschrieben / spannend übersetzt (was ich nicht entscheiden kann da mein französisch dafür zu schlecht ist).

Die Sichtweise der marokkanischen Geschichte aus dem Blickwinkel der Berber bzw. eines Stammes des Berber, ihre Benachteiligung gegenüber arabisch sprechenden Menschen, der Versuch ihre Kultur auszumerzen, Diskussionen im fernen französischen Paris sind gut vorstellbar beschrieben. Erste islamische Organisationen (es steht im Roman : IS) gegen - hier fremde - Machthaber strukturieren sich.

Die Dialoge des französischen Paares sind sehr unterhaltsam, wobei er als Träumer dargestellt wird. Sie hat mehr Boden unter den Füßen. ist aber doch feinfühliger. Auch die Unterhaltungen der beiden inkl. Gedanken in Marokko mit den dort lebenden Menschen und deren Gepflogenheiten sind humorvoll geschildert.
Die Menschen um Tayeb sind entweder kämpferisch, oder in ihr Schicksal ergeben. Eine eigene Rolle hat die Bedienstete / Sklavin Massouda, die die Gabe hat in die Zukunft zu sehen und eine treue liebevolle Seele ist.

Das Glossar ist wichtig, allerdings mußte ich weitere Wörter nachsehen, die im französischen - islamischen - maghrebinischen Kontext sind. Hier wäre weitere Wörter für das Glossar hinzuzufügen.

In Summe ein spannendes gut geschriebenes Buch mit viel Information über einen geschichtlichen Blick auf die Berber. Viel Freude beim Lesen !

Fouad Laroui  wurde am 12. August 1958 in Oujda (Marokko) geboren.  Er studierte zuerst in Casablanca und später in Paris Ingenieurswissenschaften. Dann arbeitete er in Khouriba (Marokko), dann in Cambridge und York. Hier studierte er Wirtschaft. Später ging er nach Amsterdam um zu unterrichten (was er bis jetzt tut). Nebenbei schreibt er für ein Wochenmagazin und Romane. Sein erster Roman "Les Dents du topographe" erschien 1996.

Montag, 14. Dezember 2015

Juan Manuel Marcos : "Gunters Winter"

Juan Manuel Marcos :
"Gunters Winter"
Roman
original "El invierno de Gunter"
1987, Asunción, Paraguay
übersetzt von Rafael Blatter
2105, Frieling-Verlag Wien
198 Seiten + 2 Seiten Prolog + 2 Seiten Vorwort + 5 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-8280-3295-8

Gunter ist ein deutschstämmiger Lateinamerikaner, der es in die Weltbank geschafft hat. Er ist verheiratet mit der lebenslustigen, attraktiven Eliza Lnych und er hat eine Nichte Soledad die mit ihrer Mutter ein erbärmliches Leben in Paraguay fristet. Ihre beste Freundin ist aus der reichen Oberschicht; gemeinsam gehen sie in die katholische Schule, lernen Hegel, schreiben Gedichte und entdecken Liebe und Lust. Nachdem die Eltern der besten Freundin Veronika im Feuer umgekommen waren, und ein zwielichtiger Freund die Vormundschaft übernommen hatte, wird dieser ermordet. Soledad wird verhaftet, und erst nach einigen späten Interventionen des Onkels bekommt Soledads Mutter einen Sarg übergeben.

Die Geschichte wird sprunghaft erzählt: es tummeln sich die Teenager und erforschen ihre Sexualität; Eliza erlebt Romanzen und blickt auf ihre Ehe mit einem geisthaften Ehemann zurück, macht aber Karriere und ist trotzdem schön & knackig; und Bischof Cáceres versucht seine katholischen Prinzipien und Bodenständigkeit zu vereinen.
Dazwischen werden in kursiv immer mehr Liebesgedichte/-Prosa eingestreut - sie sind von Soledad an Veronika, und werde aus dem Gefängnis geschmuggelt. Andere Textpassagen sind ohne Interpunktionen und wirken wie beim Mantra unzensuriert-von-sich-gegeben.

Erschreckend ist wie in der gelenkten Berichterstattung über das Mädchen/die junge Frau berichtet wird. Alles wird ihr angelastet von Maoistin bis Lesbe, von Hexe bis Kapitalistin, aber niemand nimmt sich Zeit für sie bis es endgültig zu spät ist.

Skurriles findet seinen Raum als bei dem Begräbnis eines ranghohen Mannes eine Jaguarfigur auftaucht und auch die Seele des verstorbenen Mädchens auf einem Pferd. Der Jaguar ist immer wieder wichtig, weil er seinen eigenen Weg geht.

Der Hintergrund sind Menschen die entweder an den Machthebeln sitzen und Medien bis Bordelle mit Intrigen regieren, Menschen die sich Geld mit Mord beschaffen; nicht einmal die Männer der Kirche getrauen sich frei zu sprechen und zu handeln.

Gunter die Namensgebende Person bleibt in der Geschichte als Mensch der handeln sollte, aber keine Zusammenhänge versteht stehen. Er ist fast unsympathisch geschildert als Mensch der ehrgeizig und ziemlich gefühllos lebt, unappetitlich ißt und nicht merkt, wie oft er Menschen taktlos gegenüber agiert. Die anderen Menschen agieren motivierter, und emotionaler. Sarría -Quiroga hat überall seine leider dreckigen Hände im Spiel, Soledad Montoya Sanabria Gunter träumt von Ausbildung und besserer Zukunft, ihre Mutter Amanda ist eine liebevolle Friseuse die sich als Witwe ehrbar über die Runden bringt und für ihre Tochter sorgt, Brigadier Gumersindo Larraín ist ein Ermordeter mit dem der Terror beginnt.

Immer wieder funken die Guaraní hinein - ihre Sprache, ihre Religion, ihre Werte und die Priester der Payé, sowie die vaterlosen und damit grenzenlos freien Karaí. Sie stehen den rigiden vorschreibenden System quasi gegenüber.

Es gibt viele Querverweise auf Politik und Literatur - u.a. als willkürliche Beispiele Namen wie Juan Ramón Jiménez, René Dávlos, Palito Ortega y Gasset, César Vallejo, Agustín Barrios ...

Der Roman wurde jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt; die Übersetzungen in auf englisch und französisch haben, wie im Vorwort nachzulesen ist, dem deutschsprachigen Autor sehr geholfen, da es nicht nur darum ging den Inhalt zu erfassen sondern auch das Spiel mit der Sprache zu erfassen.

Das Lesen des Buches ist nicht ganz einfach, da parallel die Geschichte erzählt wird, aber auch wunderschöne blumige Metaphern zum Erfassen einer Situation großartig bis befremdend eingesetzt wird.

Der Roman ist faszinierend und ich werde ich auf jeden Fall noch einmal lesen. Viel Freude damit !

Juan Manuel Marcos wurde am 1. Juni 1950 in Asunción / Paraguay geboren. Er studierte Philosophie in der Universidad Nacional de Asunción, lehrt an der University of Pittsburgh / Pensilvania. Er war Professor an den Universitäten in Oklahoma und in Kalifornien. Er gilt als einer Intellektuellen im aktuellen Paraguay. Marcos ist Schrifsteller, Essayist, Dozent und Lyriker.

Montag, 30. November 2015

Ambrose Bierce : "An Occurrence at Owl Creek Bridge"

Ambrose Bierce  :
"An Occurrence at Owl Creek Bridge"
Format: Kindle Edition
Dateigröße: 156 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 32 Seiten
Sprache: Englisch
ASIN: B0083ZFQQM

Die Kurzgeschichte findet in Alabama während des amerikanischen Secessionskriegs statt. Das Kriegsrecht regiert. Die Geschichte startet mit den monotonen Vorgängen um einem Mann an einer Brücke durch das Militär zu erhängen. Herr Peyton Farquhar, ein Farmer, ist der Sabotage an der Eisenbahnbrücke verurteilt. Der zu Erhängende betrachtet die Szenerie. In der Geschichte reißt das Seil und er kann entkommen - im Letzten Absatz kommt die abrupte Information daß alles nicht stimmt.

Im Internet steht zu der Geschichte, daß sie für derzeitige Amerikaner zur Pflichtlektüre in der Schule gilt; weil sie großartig geschrieben sei.

Die Militärs bleiben schemenhaft beschrieben, nur Farquhar hat Profil und bewegt sich; alles wird aus seiner Sicht beschrieben.

Die Geschichte ist spannend geschrieben.

Ambrose Gwinnett Bierce wurde am 24. Juni 1942 in Meigs County, Ohio (US) als Farmerssohn geboren. Er kämpfte als Freiwilliger in der Unionsarmee im Secessionkrieg und wurde für Tapferkeit ausgezeichnet. Er war Landvermessen, dann Journalist in San Francisco, Washington und London und weniger anerkannter Schriftsteller.  Erst nach seinem Tod entdeckte man die Qualität seiner Geschichten, die in der Schule Pflichtlektüre geworden sind. Er dürfte 1914 in Chihuahua (Mexico) in der mexikanischen Revolution gestorben sein (seine Spuren lassen sich nicht verfolgen).

Mittwoch, 18. März 2015

Eric Ambler : "Schirmers Erbschaft"

Eric Ambler :
"Schirmers Erbschaft"
original "The Schirmer Inheritance"
1953, Knopf
Aus dem Englischen von Harry Reuss-Löwenstein, Th.A.Knust und Rudolf Barmettler
1975, Diogenes Verlag AG Zürich
Taschenbuch 75/IV
278 Seiten
ISBN 3 257 20180 X

In dem Roman wird aus Sicht von Dr. Carey, einem Juristen mit grandiosem Universitätsabschluß, in USA beschrieben. Er soll im Nachkriegseuropa einen Erben eines Millionenvermögens suchen. Im Prolog ist geschildert worden wie in deutscher Soldat in Napoleons Zeiten rechtzeitig als Soldat aussteigt und mit seiner Frau ein anderes Leben aufbaut - aus Sicherheit wurde hier der Namen geändert, der den Juristen einiges an Arbeit bereitet. George Carey hat das Glück bereits auf der Vorarbeit eines anderen Juristen aufbauen zu dürfen, der vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges auf Erbensuche gewesen war. Spannend wird die Suche nach dem Erben beschrieben - Dr. Carey reist mit einer blonden kühlen Dolmetscherin Maria Kolin von Paris über Deutschland und ins Grenzgebiet Griechenland - Yugoslawien - Albanien. Hier geht der den Gerüchten um Tod oder Überlegen von Franz Schirmer nach, was in den Resten des griechischen Bürgerkrieges und begrabenen mazedonischen Unabhängigkeitswünschen nicht ganz einfach ist. Das Ende ist überraschend.

Das Buch ist gut geschrieben und zieht in den Bann. Sachlich werden die Kriege geschildert, die Vorgangsweise, die Verletzungen und das Überleben. Die Unmenschlichkeit der (Bürger)-kriege wird ohne Beschuldigungen geschildert.

Die Menschen sind gut vorstellbar aber nicht übermäßig emotional vorstellbar; wie durch eine Glasscheibe darf der/die Leser/in das Geschehen verfolgen und an den Entscheidungen teilnehmen.

Neu waren für mich die Informationen über den griechischen Bürgerkrieg (1946 - 1949); hier bekämpften einander die kommunistische ELAS und die monarchistische EDES - sehr zu Lasten der Landbevölkerung.
Für die mazedonische Unabhängigkeit machte sich die IMRO stark, die gewaltbereit und militärisch gegen alle Andersdenkenden vorging, und letztendlich von Tito ausgelöscht wurde.

Mich hat die Sprache des Autors sehr angesprochen; es werden schöne Bilder verwendet. Die Ausdrucksweise ist in schöner Sprache und/oder die Übersetzung ist gut.

Mich hat der Roman mit seiner Geschichte fasziniert, weshalb ich den Roman jedem der eine gute Geschichte, die gut und in schöner Ausdrucksweise geschrieben ist, schätzt gut empfehlen.

Eric Clifford Ambler lebte vom 28. Jui 1909 bis 22. Oktober 1998 (beides London) und war britischer Schriftsteller. Er hatte als Werbeleiter für Glühlampen Erfolg. 1936 hatte er mit dem Roman 'The Dark Frontier' (dt. Der dunkle Grenzbezirk) seinen Durchbruch.

Montag, 24. März 2014

Susanne Scholl : "Emma schweigt"

Susanne Scholl :
"Emma schweigt"
2014, Residenz Verlag
171 Seiten
ISBN 978-3-7017-1623-4

In diesem Roman wird in abwechselnden Kapiteln das unterschiedliche Leben zweier Frauen geschildert.

Die in Wien lebende Emma, geschieden weil der Mann eine jüngere Herausforderung wollte, in Pension geschickt, weil sie zu alt für denn Herrn Notar war, und sich Sorgen um ihren Sohn Hans machend. Das Leben läuft sicher und geregelt ab; sie weiß nicht was in der Welt herum um sie passiert.
Die andere ist Sarema. Sie ist in Tschetschenien auf die Welt gekommen. ihre Brüder wollten ihr eine Heirat arrangieren, dann kam Magomed, dessen Familie sie zu minder war, der sie aber liebte. Sie hat den Frieden zwischen zwei Kriegen erlebt, im zweiten ihren Mann verloren, den älteren Sohn, die zu früh geborene Tochter, ihre geliebte Schwester und deren idealistischen Ehemann. Sie bleibt ruhig, stark und organisiert damit sie und ihr Sohn Schamil überleben und durch Hilfe illegal aus- und in Österreich einwandern können.
Als Emma sich ein Bein bricht und Hilfe braucht sind die unbekannte Frau und der höfliche Bub zufällig zur Stellen, und Sohn Hans ersucht die beiden gegen Kost sich um seine Mutter zu kümmern. Schamil blüht auf und Emma lernt mit ihm. Die beiden Frauen verstehen die Welt der anderen nicht. Die eine weil sie die Welt über Schweinsbraten-Knödel-Sauerkraut nicht kennt, die andere weil ihr die Erinnerung und Trauer aus Krieg, Gewalt und Verlust in den Knochen sitzt. Miteinander reden können die beiden Frauen leider nicht, denn Schamil müßte hier übersetzten.
Die beiden werden abgeschoben, doch Sarema findet Geld mit dem sie wieder gehen kann. Hier bleibt Hoffnung.

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen, sosehr hat es mich fasziniert. Ob ein anderes Ende drin gewesen wäre, wenn Emma früher ins Lager gegangen wäre ?

Ort der Handlung sind Wien (nicht genau festgelegt) mit U-Bahn, Bim, Markt, Supermarkt, Friseur ums Eck etc.; Groszny und Moskau, sind die bekannten Ort im fernen Tschetschenien und Rußland.

Die Menschen sind gut vorstellbar geschildert. Ehefrau Nummer zwei des Sohnes mit ihrem gesunden essen ist genauso gut vorstellbar, wie die junge Frau in die sich Hans nach ihr verliebt : eine temperamentvolle Architektin deren Eltern aus der Türkei nach Wien gekommen waren. Die türkische Großfamilie mit ihrer Herzlichkeit aber anderen Angewohnheiten und für Emma nicht schmeckenden Gerichten sind schön vorstellbar geschildert. Die junge Architektin sieht die Flüchtlingsfrau genauso skeptisch an wie umgekehrt. Die Sympathie zwischen den beiden Frauen kommt erst mit der Geburt des Kindes.

Die Frauen finde ich am stärksten geschildert : in Wien Emma, Enkelin Luzie, die türkischstämmige eben leider nicht Schwiegertocher; in Tschetschenien Sarema, die Schwester Lisa, Tante Sulima, Kräuterfrau Zalichan. Die Männer in Wien sind schwach gezeichnet - Exmann nach Schlaganfall, Hans der als Arzt im Labor seinen Dienst schiebt; Magomed und Lisas Mann werden in Tschetschenien als Männer mit Idealen und Einsatz geschildert - und im System brutal verrieben.

Ein dichtes, starkes Buch über das Leben von Frauen, und wie sie mit ihrem Leben tw. kraftvoll umgehen (lernen).

Susanne Scholl wurde am 19. September 1949 in Wien geboren. Sie studierte Slawistik in Rom und Rußland und arbeitet zuerst bei "le Monde" in Frankreich. Ab 1991 war sie für den Österreichischen Rundfunk in Rußland als Korrespondentin. Lt. Internetrecherche war sie kurzfristig von den russischen Behörden wegen ihrer Art der Berichterstattung über Tschetschenien festgenommen worden. Sie hat einige Bücher über Rußland geschrieben - realistisches und fiktives.

Samstag, 12. Juni 2010

Andrej Wolos : "Der Animator"

Andrej Wolos :
"Der Animator"
original 2005, Zebra-E in Moskau
aus dem Russischen von Christiane Körner
2007, Carl Hanser Verlag München
285 Seiten
ISBN 978-3-446-20827-8

Ein gut geschriebenes Buch, daß Aufmerksamkeit fordert, mit Begriffen wie Noosphäre etc. herausfordert und mit seinem Grenzgang Seelen am Leuchten zu halten, oder dem Versuch die Seelen Lebender zu lesen und damit womöglich Terrorattaken zu verhindern im Futurismus landet.

Barmin, geschieden, eine Tochter, hat die Gabe die Seelen Verstorbener im Kolben durch die Informationen der Verwandten zum Leuchten zu bringen. Die Qualität dieses Leuchtens hat verschiedenen Stufen und es liegt beim Menschen seines Berufe, den Animatoren, so gut wie möglich zu sein. Der Beruf strengt an und jeden Tag gilt es zu beweisen, daß die Gabe immer noch vorhanden ist. Auf der anderen Seite holt er sich dann die Energie bei Alkohol, Frauen anplaudern, noch mehr Alkohol und Essen.

In hineingeschnittenen Kapiteln werden einige der beendeten Leben erzählt, die am Anfang sehr willkürlich wirken, aber dann zusammenführen da es Berichte aus Katschirien sind - verschleppte Menschen erzählen, ein religiöser Fanatiker, einer russischer bestechlicher Offizier, etc.

Als quasi dritte Ebene kommt eine quasi offizielle/militärische Linie, in der versucht wird Selbstmordattentate aufzuhalten, Terroristen zu verfolgen (was jämmerlich schief geht) und dem Bürgerkrieg in Katschirien zu begegnen.

Katschirien - es geht um Tschetschenien: die Geschichte, den Kampf um Freiheit, aber auch um die Attentate in der Oper (hier im Theater), den religiösen Auseinandersetzungen bis zu den Selbstsprengungen im Bus etc.

Die Liebesgeschichte zwischen Barmin und der 26-jährigen Klara, die sich von ihm trennt weil er immer gesagt hat kein Kinder (mehr) zu wollen, in der Trennungsphase sein Kind auf die Welt bringt, findet kein happy end, den sie überlebt die Geiselnahme im Theater nicht, im Gegensatz zu Barmin.

Für mich war es ein spannendes Buch, das vielleicht etwas kompliziert zu lesen war, weil mir Begriffe wie Noosphäre und Kosmologie neu waren/sind und weil ich erst sehr spät Katschirien nicht als Fiktion, sondern tschetschenische Wirklichkeit erkannt habe.
Es ist keine Gute-Nacht-lesebuch, sondern eines das Fragen evoziert : über Tod, über Geschichte, über Terror etc ....