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Sonntag, 28. September 2025

Igort : "Berichte aus der Ukraine [Tagebuch einer Invasion]"

Igort :
"Berichte aus der Ukraine [Tagebuch einer Invasion]"
original 'Quaderni ucraini : Diario di un 'invasione'
2022, Oblomov Edizioni
Aus dem Italienischen von Mariam Alfano
2023, Reprodukt Berlin
156 Seiten + 4 Seiten "Goldfisch oder Elefant" + 3 Seiten Postscriptum

ISBN 978-3-95640-357-6

In dem Tagebuch werden die ersten 98 Tage nach dem militärischen Angriff der russischen Truppen auf die Ukraine ab 24. Feb 2022 und einige Rückblenden der ukrainisch-russischen und russischen Geschichte erzählt.
Nach Einzelschicksalen von auseinander gerissenen Familien (der Mann bleibt, Frau und Kinder suchen Sicherheit zwischen Bombenangriffen) mit sehr dunklen Bildern, bringen wackelnde Säulen den Leser in das Geschehen um das Theater in Mariupol mit allen Menschen die im Keller nach Beschuß umkommen und einen Exkurs in den Holodomor in den 30-er Jahren, der vielen Ukrainern das Leben durch Hunger gekostet hat; diese Zeichnungen sind mit vielen feinen Strichen gezeichnet.
Butscha, ein Vorort von Kiew, ist mittlerweile zum Kennwort für die Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegen Zivilisten und Familien geworden; die Graphiken sind in dunklem Braun, Grau und Schwarz gehalten und sind Hintergrund zu Worten die von den Gräulichkeiten berichten.

Die Graphic Novel endet am 1. Juni; die Soldaten der Asow-Werke in Mariupol werden am 22. Juni 2022 kapitulieren.

In diesem Buch sind im Gegensatz zu vielen anderen Graphic Novels und Comics mehr Seiten mit viel bis ausschließlich Text, in dem die Geschichte erzählt wird, oder intensiv die Situationen von ausgewählten Menschen im Krieg, und auch auf der Flucht.

Die Geschichten über die einzelnen Menschen gehen unter die Haut - z.b. die eines russischen Soldaten der zufällig überfahren wird, nachdem er beschlossen hat, zurück in die Heimat zu fahren, und dort zu verbreiten wie dieser Krieg wirklich ist, und welche Lügen erzählt worden sind.

Neu war für mich der Politiker Stepan Bandera; für ihn waren nach dem Holodomor Nazi-Deutschland weniger problematisch als Rußland um eine politisch sehr rechts stehende Unabhängigkeitspartei der Ukraine zu gründen; leider wurden auch für diese Unabhängigkeit viele tausende als unpassend geltende Menschen ermordet, was für ihn nur Notwendigkeit ohne Gewissensbisse gewesen ist. Er war sein Leben lang als Feind der Russen bekannt, und wurde schlußendlich vergiftet.

Die Graphic Novel erzählt von Soldaten, von Frauen, von Männer, von Töchtern und Söhnen, von Eltern. Es sind kurze Kapitel, die sehr unter die Haut gehen.

Igort wurde am 26. September 1958 in Cagliari als Igor Tuveri geboren. Sein Vater ist klassischer Komponist, und er lernte über ihn russische Musik und Literatur kennen. Er hat zwei Jahre in der Ukraine gelebt.
Mit 20 zog er nach Bologna und begann als Comiczeichner zu arbeiten. Seine Werke erschienenen auch in Frankreich und Japan, und anderen europäischen Ländern. Ab 1993 erschienen regelmäßig Werke von ihm
Seit 1980 arbeitete er parallel als Musiker mit verschiedenen Bands als Komponist, Sänger und Arrangeur.
Filme nach seinen Drehbüchern erscheinen seit 2019.

2011 erschien 'Berichte aus der Ukraine (Erinnerungen an die Zeit der UdSSR)'. Eine erste Sammlung dieser öffentlichen Tagebuch-Blätter erschien 2022 als zweiter Band seiner "Quaderni ucraini" (auf Deutsch 2023: 'Berichte aus der Ukraine 2').

Sonntag, 16. März 2025

Nagib Machfus : "Der Dieb und die Hunde"

Nagib Machfus :
"Der Dieb und die Hunde"
original "al-liss wa al-kilab"
1961, Maktabat Misr, Kairo
Aus dem Arabischen von Doris Erpenbeck
1986, Verlag C.H. Beck München
163 Seiten + 4 Seiten Nachbemerkung von Doris Erpenbeck
ISBN 3-406-31025-7

Said Muhran, ehemals erfolreicher aber verratener Dieb, wird nach vier Jahren aus dem Gefängnis entlassen, und findet alles verändert vor, v.a. sind seine große Liebe und sein Kind nicht mehr an ihm interessiert. Er geht zu dem Scheich, bei dem sein Vater und er früher Schutz und geistige Führung gesucht und gefunden hatten. Diesmal ist der Haß stärker - der Haß auf seinen ehemligen Schüler, den Frau und Kind jetzt lieben und der Haß auf seinen ehemaligen Kompagnion der gut in einem schönen Haus lebt. Einige alte Freunde versuchen ihn zu warnen, und auch zu helfen, aber bis auf eine alte Freundin, die ihm wirklich hilft, kommt niemand an ihn durch. Nachdem er mit seiner Rache Unschuldige getötet hat, zieht sich der Kreis der Verfolger eng und enger um ihn.

In dem Roman wird Said begleitet - von seiner Entlassung aus dem Gefängnis, bei den für ihn demütigenden Besuch bei ex-frau und Tochter und den hämischen Grinsen der Beobachter, bei dem ruhigen weisen Scheich der in seiner eigenen spirituellen Welt zu leben scheint aber ihm trotzdem mit Schlafraum und Essen weiterhilft, einem Wirt aus alten Zeiten der zumindest Essen bringt, der hochnäsige reiche ehemalige Kompagnon der nur einen kleinen schäbigen Job in Aussicht stellt, und eine ehemalige Freundin und schöne Frau Nur die sich verkauft und ihm einige schöne Zeit beschafft. 

Die Gedanken von Said ziehen ihn in einen Zerstörungswahn, der sich immer schneller dreht und mich als Leser mitgezogen hat.
Allerdings gilt mein Mitgefühl auch dieser Frau Nur, die ihre Liebe und viel gibt und dann plötzlich nicht mehr in dem Buch vorhanden ist.

Der steigenden Verzweiflung von Said steht die betonte Ruhe des Scheichs gegenüber, der Zeilen aus dem Koran zitiert und damit Spiegel und Hilfe für Said sein könnte, was dieser nicht annimmt oder nicht annehmen kann.

In Summe ein faszinierender roman, auch wenn er für mich nicht ganz einfach zu Lesen war !

Samstag, 1. März 2025

Nagib Machfus : "Karnak-Café"

Nagib Machfus :
"Karnak-Café"
original "Al Karnak in Kairo"
1974, American University in Cairo Press
Aus dem Arabischen von Doris Kilias
2009, Unionsverlag
114 Seiten + 2 Seiten Worterklärungen / Die Übersetzerin + 6 Seiten : Roger Allen : Das Bild einer aufgewühlten Welt
ISBN 978-3-293-00400-9

Der Erzähler geht in ein Café abseits der Hauptstraße und sieht am Eingang, am Kassenplatz, eine wunderschöne Frau, in der er eine ehemalige Tänzerin Kurunfula entdeckt. Sie führt jetzt das Café, und einige ehemalige Verehrer arbeiten jetzt ebenfalls dort.Regelmäßige Besucher sind vier junge Studenten, 3 junge Männer und eine junge Frau; einer der jungen Männer, Hilmi Hamada, wird der Freund von Kurunfula, was sie strahlen läßt. Zwischen der jungen Frau und einem der jungen Männer beginnt sich eine Romanze anzubahnen, als Polizeirepresalien zuschlagen. Insgesamt drei mal werden dei jungen Leute verhaftet; nach dem dritten Mal kommen nur drei zurück und etwas ist in ihnen zerbrochen. Auch für die anderen Menschen hat sich das Leben nach dem Sechs-Tage-Krieg (1967) einiges geändert; einige träumen der Revolution von 1952 nach, andere sprechen gar nicht mehr über Politik.

Ismail Asch-Scheich, einer der jungen Studenten, ist aus armer Familie und darf studieren. Bei dem ersten Gefängnisaufenthalt wird ihm ein Naheverhältnis zur muslemischen Bruderschaft vorgeworfen, bei dem zweiten daß er Kommunist sei, beim dritten wird seine Vertrautheit mit Zainab zerstört und er sieht den zerstörten Hilmi.
Mir bleibt bei ihm seine Einsamkeit am Schluß, eigentlich Orientierungslosigkeit im Gedächtnis

Zainab Dijab, ist das die junge Frau, die seit ihrer Jugend mit Ismail befreundet und vertraut ist. Auch sie studiert. Wie Ismail werden ihr unterschiedliche politische Gruppenzugehörigkeiten angedichtet, und am Schluß ihr die Würde als Frau genommen.
Mir bleibt ihre Wut am Schluß am meisten im Gedächtnis.

Chalid Safwan, kommt erst am Schluß ins Café. Er ist der Chef der Polizei im Gefängnis und damit der Albtraum der Jugendlichen gewesen. Mit freundlichen Sätzen schafft er es, daß ihm eine zweite Chance gegeben wird und er in die Gemeinschaft der Cafébesucher aufgenommen wird.

In diesen vier Kapiteln erzählt der Autor wie Hoffnung und Engagement zerstört werden, und sich die Menschen ändern und anpassen müssen. 

Sympathisch ist mir Kurunfula, die immer noch an die Liebe glaubt und für die Altersgrenzen nicht vorhanden sind. Wie der Autor sie beschrieben hat, mir ihrem Charme und Ausstrahlung ist faszinierend.

Der Autor hat mich mit seinen Menschenschilderungen wieder in den Bann gezogen; ein wunderbares, aber auch verstörendes kleines feines Buch.

Samstag, 11. Januar 2025

Pedro Badrán : "Verbrechen in der Provinz"

Pedro Badrán :
"Verbrechen in der Provinz" - Auch ein Kriminalroman
Kolumbien in der edition 8
original "Crimenes de providencia"
2022, Penguin Random House Grupo Editorial, Bogota
Aus dem kolumbianischen Spanisch übersetzt von Richard Gross
2024, edition 8
170 Seiten + 4 Seiten sehr umfangreiches Glossar + mauve-farbenes Lesebändchen
ISBN 978-3-85990-515-3

Rodolfo Cuesta beginnt sich mit dem Tod seines besten Freundes, Horacio, Sohn des Senators in einer fiktiven Stadt zu beschäftigen. Er war erschossen worden. Horacio war ein lebensfroher aber auch idealistischer Arzt gewesen, der sich mehr für die Armen engagiert hatte, als für die Karriere, wie es seinem mächtigen Vater besser gefallen hätte.
Rodolfo trifft sich mit Horacios Schwester Marielita und erzählt über die Zeit als er, als Kind einer Ladenbesitzerin und eines getöteten Aufständischen, im Haus des Senators immer willkommen war.
Sehr vorsichtig versucht er, selbst Arzt, das Geheimnis des eigenen Vaters, die vielen Geheimnisse um den Senator und gesellschaftliche Verstrickungen zu entwirren. Auch lernt er die letzten Freundin von Horacio kennen. Unterlagen werden versprochen und kommen nie an; Menschen sterben mit denen er sprechen möchte. Sehr langsam tastet er sich vor und fragt im Umfeld des Senators, den viele als Wohltäter der Stadt sehen.
Der Senator stirbt ebenfalls - aber einen natürlichen Todes. Ende gibt es keines.

Der Roman ist in Ich-Form aus Sicht von Rodolfo geschrieben.

Mich fasziniert die Langsamkeit in diesem Buch, in der sich einiges zäh entwickelt oder anderes nie entwirren wird.
Polizei, Gesellschaft, Politik und Überleben sind eng verkettet. Mord eines Sohnes wenn er gesellschaftlichen Normen widerhandelt wird in dieser Stadt nicht nur toleriert, sondern auch gut geheißen.

Die Rolle einer Tochter, oder Frau ist in dem Buch sehr unterschiedlich. Die Schwester ist Langzeitstudentin und hinterfragt alles. Ihre frühere beste Freundin war zuerst mit ihrem Bruder verheiratet, und nach dessen Ermordung mit ihrem früheren Schwiegervater und mit diesem glücklicher als zuvor. Rudolfos Mutter findet, daß der Senator ein Held ist und nicht kritisiert werden darf. 

Mich hat der Roman in den Bann gezogen. Viel Freude beim langsamen Lesen.

Pedro Badrán wurde 1960 geboren in Magangué (Departamento Bolívar), im Hinterland der karibischen Küste Kolumbiens. Er ist Nachkomme palästinensisch-syrischer Einwanderer. Er wuchs in Cartagena auf und studierte Linguistik in Bogotá, wo er heute als freier Schriftsteller lebt. Mit je fünf Romanen und Erzählungsbänden gilt er in der kolumbianischen Literatur als einer der herausragenden Vertreter der Post-post-García-Márquez-Generation. Sein erster auf Deutsch erschienener Roman "Der Mann mit der magischen Kamera" (edition 8, 2019) schaffte es auf die Hotlist der zehn besten Bücher aus unabhängigen Verlagen.

Dienstag, 15. Oktober 2024

Susan Abulhawa : "Während die Welt schlief"

Susan Abulhawa :
"Während die Welt schlief"
Roman
original "Morning in Jenin"
2010, Bloomsbury, New York City, USA
aus dem Amerikanischen von Stefanie Fahrner
2023, Wilhelm Heyne Verlag München
416 Seiten + 4 Seiten Nachwort + 5 Seiten Glossar inkl. Quellennachweis +  1 Seite Stammbaum - Vorschau auf Buch "Ihr letzer Tanz"
ISBN 0978-3-453-42780-8

Der Roman beginnt 1941 als die Palästinenser sich ihren Olivenhainen widmen, und Amals Eltern eine Familie aufbauen. 1947 vertreiben israelischen Soldaten nicht nur diese Familie bei denen auch ein Sohn verloren geht; das Leben in den Lagern beginnt und Amal kommt dort auf die Welt. Als sich ihr großer Bruder den Kämpfern an schließt sich die ihr Land zurückerobern wollen, und ihre Eltern bei Säuberungsaktionen ums Leben kommen, hilft man ihr als fleißiger Schülerin in ein Internat in Jerusalem. Von dort erhält sie ein Stipendium nach USA. Später lernt sie ihren Mann kennen, und eine Tochter kommt auf die Welt. Bei einem Bombenattentat in Jerusalem kommt Amals Mann ums Leben. Ihr großer Bruder findet endlich mit seiner großen Liebe und damit auch Familie zusammen, die ihm Frieden gibt. Bei einem Massaker kommt die Familie gräßlich ums Leben und er schließt sich dem militanten Widerstand an.
Dem verlorenen Sohn wird eröffnet, daß seine israelischen Eltern nicht seine Eltern sind, und macht sich auf die Suche nach seiner Familie.
Am Schluß kommt Amal ums Leben, und die folgende Generation findet eine friedliche Lösung fürs Zusammenleben.

Die Geschichte der Palästinensischen Flüchtlinge wird von Beginn an erzählt. Neu war für mich, daß der Diplomat Folke Bernadotte von der UNO eingesetzt wurde um gegen die Vertreibung der Palästinenser 1948 zu verhandeln ("Bernadotte-Plan"); leider wurde er kurz nach dem Auftrag erschossen.

Der Roman wird von unterschiedlichen Positionen aus, aber meist aus Sicht von Amal geschrieben. Ihr wird vom großen Bruder erzählt wie der Vater und der Großvater vor der Vertreibung gewesen waren, und auch die früher sehr lebhafte, dann superstrenge Mutter.
Andere Kapitel sind aus Sicht des Bruders / der Brüder geschrieben.

Familienbande und hier leider sehr zerstörerische Politik dominieren diesen Roman, der mich durch seine Emotionalität sehr beeindruckte.
Auch wenn hier vieles Fiktion ist, wurde mir doch klar, wie tiefgreifende Wunden durch Massaker, Übergriffe, Bürgerkriege, brutale Politik und Terrorangriffe entstehen und dann Selbstläufer werden. Lösung scheint es für mich keine zu geben.

Stark sind die Erzählungen im Waisenhaus - später las ich nach, daß die Autorin in solch einem gelebt hatte. 

Die Geschichte des palästinensischen Säuglings, der als Israeli aufwuchs, geht auf eine wahre Geschichte zurück. Leider hat mich dieser Teil des Romans emotional weniger erreicht.

Die Orte der Handlung sind für mich durch Photographien der Medien vor Augen; stärker sind für mich die Personen der Handlung.

Das Glossar ist sehr gut und wichtig.

Frieden sind durch zwei für mich berührende Teile in dem Buch spürbar: einerseits daß der Vater von Amal Freundschaft mit einem israelischen Buben schließt, die gegenseitigen Sprachen lernen und von den Müttern unterstützt werden. andererseits am Ende des Buches als die Tochter Amals und ihr israelischer Cousin gemeinsam leider in Amerika und nicht vor Ort aber doch miteinander leben.

Ich möchte das Buch nochmals lesen, und diesmal mehr über die politisch-militärischen Gegebenheiten parallel mitlesen.

Mich hat das Buch sehr berührt, und emotional erreicht weil die Probleme vor Ort nicht lösbar scheinen. Ich wünsche auch anderen Leserinnen & Lesern intensive Lese-erlebnisse.

Susan Abulhawa wurde am 23. Juni 1970 in Kuwait geboren; ihre Eltern waren Flüchtlinge des Kriegs von 1967. Sie lebte in Jordanien, USA, Kuwait, Palästina und später in einem Waisenhaus in Jerusalem, bis sie über ein Waisenprogramm nach USA kam. Zuerst studierte und arbeitet sie im Bereich Humanmedizin, bevor sie Autorin und Menschenrechtsaktivistin für die Rechte der Palästinenser wurde.

Dienstag, 20. August 2024

Michael Köhlmeier : "Matou"

Michael Köhlmeier :                                                                                          
"Matou"
2021, Hanser Verlag
947 Seiten + rotes Lesebändchen
ISBN 978-3-446-27079-4 

Matou ist ein hübscher roter Kater mit weißer Schwanzspitze, der bereits in seinem ersten Leben entdeckt, daß er menschliches Sprechen lernen kann. Später lernt er auch Lesen, und liest sich im Laufe des Romans durch die Enzyklopädien, Romane, Philosophischen Traktate der Weltgeschichte des Menschen.
Im ersten Kapitel lebt er zur Zeit der französischen Revolution bei Camille Desmoulins, dessen Frau, Kind und Schwiegermutter und lernt auch die wichtigen Menschen der französischen Revolution kennen. Der Kater lernt Liebe, Romantik, Charme, Machtspiele kennen. Und menschliches Sprechen
Für das zweite Leben sucht er sich das Leben bei E.T.A. Hoffman und seiner Frau aus. Hier lernt er Lesen. Hoffmans Frau ist allerdings sehr mißtrauisch. Später unternimmt er eine Schiffreise, überlebt im Dschungel und perfektioniert sein intrigantes Spiel indem er Menschen gegeneinander aufhetzt.
Im dritten Leben lebt er auf einer Insel mit anderen Katzen, schwingt sich mit einigen Schlägerkatzen um Diktator auf, hält manipulative Reden, erzählt eigenartige Narrative und kommt am Schluß drauf, daß ihn auch das nicht interessiert.
Im vierten Leben ist er in Afrika und lebt als Leopard, erzählt die Übergriffe aus dem belgischen Königreich auf deren Kosten viele Menschenleben gingen und zieht mit einem verstümmelten Mädchen als Albtraumerinnerung durchs Land.
Das fünfte Leben ist in Prag bei einem Ehepaar mit dick gefüllter Bibliothek, deren Enzyklopädie er liest. Paulina Bartok ist eine sensible Künstlerin, die das Wilde sucht. Bei Kriegsausbruch 1914 ist alles vorbei.
Sein sechstes Leben verbringt er in den USA, was für europäische Katzen sehr ungewöhnlich ist. Er hat sich Andy Warhol ausgesucht, weil er sich ein luxuriöses Leben gewünscht hat und eine große Bibliothek, was beides nicht geklappt hat.
Im siebenten Leben ist er in Wien, und wohnt bei einer netten älteren Frau und ihrem etwas faden Neffen, den er bereits als Kind tröstet. Der Neffe studiert Philosophie und der Kater hilft ihm dabei, und versucht ihm die Wichtigkeit von Charme beizubringen.

Zwischen den verschiedenen Leben erzählt der Kater vom Leben im "Weggemachten" mit den anderen Katern und Katzen in der Zeit zwischen den sieben (europäische Katzen) bis neun (amerikanische Katzen) Leben der Katzen.
Eine der Katzen merkt sich wie Matou (wie er sich selbst nennt, auch wenn ihm Menschen anderen Namen geben) die verschiedenen Leben; Fragnichtchen ist eine schöne Katze mit blauen Augen, die Matou vom dritten bis fünften Leben immer wieder trifft.

Die Geschichte ist aus Ich-Sicht des Katers geschrieben, und springt dementsprechend auch in den Erzählebenen, und es gibt jede Menge Hinweise auf andere Leben.

Es gibt lange Abhandlungen über den "Charme", wer ihn hatte oder gehabt haben mag, und wie man Charme lernen kann. Viel ist über Macht und Machtspiele zu lesen. Matou vergräbt sich auch in die Werke der großen Philosophen und versucht damit den Menschen zu entschlüsseln, denn ihm bleibt immer unklar warum manches für Menschen wichtig ist und einiges nicht.

Da ich zugegebenermassen den Stil des Autors sehr mag habe ich mich in die langen Sätze, komplizierten Schachtelungen gerne eingelassen.
Es gibt viele Hinweise und lange Leselisten für weiterführendes Lesen.

Ich habe fast drei Jahre an diesem Buch gelesen, das mich zwar sehr interessiert hat im Sinne von wie geht es weiter, mußte aber meinen Widerwillen gegen diesen obergescheiten arroganten intriganten und eigentlich mir nicht sympathischen "Kater" kämpfen.

In Summe ein wunderbares Buch, das mich viele Stunden gut unterhalten und in den Bann gezogen hat.

Michael Johannes Maria Köhlmeier wurde am 15. Oktober 1949 in Hard (Vorarlberg) geboren. In den 70-er Jahren begann er mit Hörspielen, in den 80-er Jahren wurden die ersten schriftstellerischen Arbeiten veröffentlicht.

Freitag, 3. Mai 2024

Karina Sainz Borgo : "Nacht in Caracas"

Karina Sainz Borgo :
"Nacht in Caracas"
original "La hija de la espanola"
2019, Lumen Penguin Random House
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
2019, S.Fischer Verlag
195 Seiten + 1 Seite Danksagungen
ISBN 978-3-596-70797-2

Adelaida ist Mitte dreißig; sie begräbt ihre Mutter, deren Krebsbehandlung sie wegen der Wirtschaftskrise und dem Terror ringsum nicht behandeln lassen konnte. Ihre Wohnung wird von einer Gruppe kampftrainierter Frauen, die mit Lebensmitteln zu Wucherpreisen handeln, okkupiert - sie verliert damit auch ihre Bücher, und ihren Computer um ihre Arbeit als Übersetzerin zu machen.
Rückblickend erzählt sie von ihrer Mutter, die die erste Akademikerin der Familie war, allerdings schwanger sitzen gelassen wurde. Mutter und Tochter leb(t)en in Caracas, während die Schwestern der Mutter in Ocumare geblieben sind.
Es tut sie eine Möglichkeit für sie zu leben und überleben auf, und sie entwickelt sich in eine andere Person (siehe Titel auf spanisch).

Die Geschichte ist in Ich-form aus der Sicht von Adelaida erzählt. Als Leser/in folgt man ihren Gedanken, Erinnerungen, Ängsten, Handlungen und Planungen. Hier erfährt man über die Liebe zu dem Photographen Francesco, der zwei Tage vor der Hochzeit getötet wurde, weil er ein Photo von einem Mafiamann gemacht hatte.

In dem Buch ist viel über Brutalität zu lesen, bei der es um Mann gegen Frau, Gruppen von Männern gegen Gruppen von Frauen, Gruppendynamik gegen einzelne wehrlose Menschen geht.
Anhand des Bruders einer Freundin wird dargestellt wie Folter, Terror, Erpressung idealistische Menschen dazu bringt für das eigene Überleben alles zu tun.
Hintergrund ist der Wirtschaftskollaps eines Landes, bei dem Grundnahrungsmittel nur noch extrem überteuert wenn überhaupt zu haben sind. Auch Menschenleben sind nichts (mehr) wert.

Der spanische Titel übersetzt 'Tochter der Spanierin' ist die Lösung. Als Personen sind die Mutter, die aus Spanien kam und in Venezuela zuerst mit spanischen dann mit lokalen Köstlichkeiten im Lokal die Leute verwöhnte, glücklich gezeichnet; die Tochter war mit dem Lokal unglücklich.
Der deutschsprachige Titel ist der letzte Satz im Buch.

Der Roman ist dicht geschrieben und gab viel zu Denken.

Karina Sainz Borgo wurde 1982 in Caracas geboren und wandert mit 12 Jahren nach Spanien aus, wo sie bis heute lebt, ihre Verwandten sind in Venezuela geblieben. Borgo ist in Madrid als Journalistin tätig und schreibt für verschiedene Zeitungen und auch Blogs in Spanien und Lateinamerika. 2019 erschien ihr erster Roman »Nacht in Caracas«, der weltweit gefeiert und in 26 Sprachen übersetzt wurde. »Das dritte Land« ist ihr zweiter Roman, er wurde mit dem Prix Jan Michalski ausgezeichnet.

Montag, 29. Mai 2023

Toby Barlow : "Baba Jaga"

 Toby Barlow :
"Baba Jaga"
original "Babayaga"
2103, Straus & Giraux, New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Giovanni und Ditte Bandini
2014, Hoffmann und Campe, Hamburg // 2. Auflage 2017
530 Seiten + 1 Seite Prolog + 1 Seite historischer Hintergrund + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-455-65062-4

Zoja, eine attraktive junge Frau mit Kurven hat ein gutes Auge welche Männer ihr behilflich sein könnten, im Paris der 50-er Jahre. Sie hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich, da sie aus Rußland kommend durch weise Frauen in die Kunst der Hexerei geschult worden war; ihr sieht man die vielen Jahre ihres Lebens nicht an. Elga ist einer der weisen Frauen, die sie eingeschult hatten, die sich aber zur bösen alten Frau entwickelt hatte, die ausgezeichnet hexen kann.
Will lebt seit einigen Jahren in Paris, hat es aber als Amerikaner nicht weiter als einige Frauenbekanntschaften gebracht, und arbeitet als Werbetexter. Ihm wird ein Naheverhältnis zu einer Außenstelle der CIA nachgesagt. Er lernt über seinen Chef Zoja kennen. Ein Bekannter namens Oliver bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten und mit einigen eigenartigen brutalen Menschen zusammen. Sein Chef Brandon ist etwas undurchsichtig. Seine Liebe zu Zoja bringt beide in Probleme.
Charles Vidot ist Polizist aus Leidenschaft und damit seinem karrieresüchtigen Chef überlegen. Er soll einen Mord aufklären, lernt Elga kennen und wird in einen Floh verwandelt. Er versucht auch als Floh zu überleben, lernt später Will kennen und überlebt.

Der Roman wird vier Büchern erzählt in dem den verschiedenen Figuren gefolgt wird. Es sind immer wieder Strophen abgedruckt bei denen sich langsam entschlüsselt, daß hier Rückblenden stattfinden und manchmal auch gehext wird.

Zojas Leben wird auch in Rückblenden erzählt, als sie eine menschliche junge Frau war, die nur durch die Hilfe der Hexen überlebt. Sie versucht manchmal die menschliche Liebe wieder zu leben, merkt aber daß das sie das nicht mehr machen darf. Elga ist über Jahrhunderte des Lebens hart geworden, für sie zählen Menschenleben nicht mehr. Den beiden sind zwar einige kaltherzige Menschen, die Hexenwissen und magisches Wissen sammeln (wollen), den Menschen nach Wissensübergabe sehr übel mitspielen.
Will lebt zwar in Paris, läßt sich treiben, und wird wie von einem Wirbelwind von den Menschen und Hexen durch die Luft gewirbelt. Vidot ist unterhaltsam wie er als Floh überlebt, er behält seinen Gestaltungswillen auch als Floh, und es gelingt ihm am Schluß sogar seinen unfähigen Chef loszuwerden.
Die Geschichte des Priesters Andrej, der die Hexen über Jahrhunderte begleitet hatte, und seines Bruders Max ist berührend.

Der Roman ist sehr unterhaltsam geschrieben. Die Bilder laufen beim Lesen im Kopf ab. Gewisse Ungereimtheiten, und hier meine ich nicht Hexensprüche und deren Wirkungen, lösen sich doch freundlich auf.

In Summe habe ich diesen Roman sehr genossen und mich köstlich dabei unterhalten (Floh Vidot mit seinen Transporttieren als Beispiel genannt). Viel Spaß beim Lesen !

Samstag, 4. März 2023

Mercedes Rosende : "Krokodilstränen"

Mercedes Rosende :
"Krokodilstränen"
Kriminalroman
original "El Miserere de los Cocodilos"
2016, Estuario Editora Montevideo
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
2018, Unionsverlag Zürich
216  Seiten
ISBN 978-3-293-00536-5

German und Sergio hatten entführt, die Gattin hat nicht gezahlt, German sitzt im Gefängnis weil die Gattin für ihn ausgesagt hatte. Der Name der Dame stimmte, aber es war nicht die Gattin - üppige Frau mit vielen Komplexen versus schlanke Frau, die alles hat. Ein Anwalt, der in Gut und Böse verwickelt ist, ist auch in einem Geldüberfall eingebunden; German soll fahren, ein brutaler ex-Häftling macht mit und eine der Ursulas, die von Geld träumt. Polizistin Leonilda möchte in der Polizei einiges richtig machen, und fühlt sich nicht unterstützt. 

Ursula, die Üppige, wurde von ihrem Vater immer wegen ihres Gewichts gemaßregelt, in ein dunkles Zimmer eingesperrt, und taucht auch nach seinem Tod immer wieder in Zwiegesprächen auf. Während sie sich auf ihr Übergewicht reduziert sieht, sind andere von ihrer üppigen Schönheit fasziniert. Langsam entwickelt sich, daß sie durchaus kriminelles Potential hat.
Ihr gegenüber werden einige Männer geschildert. Allen voran German, dem eigentlich die ganze Zeit nur schlecht ist, und dessen Lahmarschigkeit mich beim Lesen kribbelig gemacht hat. Es gibt weiters einen brutalen Gangster der vor nichts zurückschreckt. Mehrdimensional ist ein bestens gekleideter, mit allen Parteien vernetzer Anwalt, den selbst sein imbrünstig gelebtes Christentum vom Einsatz von Waffen bei einem Überfall abhält.

Krokodilstränen heißt das Buch, weil sie niemandem weiterhelfen (werden).

Der Kriminalroman ist spannend geschrieben und hat in der zweiten Hälfte Drive. Die Personen sind gut vorstellbar geschildert. Das Ende bleibt offen.

Samstag, 19. November 2022

Khaled Hosseini : "Tausend strahlende Sonnen"

 

Khaled Hosseini :
"Tausend strahlende Sonnen"
original "A Thousand Splendid Suns"
2007, Riverhead New York
Aus dem Englischen von Michael Windgassen
2014, Fischer Verlag / Fischer TaschenBibliothek 3. Auflage 2018
560 Seiten + 2 Seiten Nachwort + 2 Seiten Danksagung + 12 Seiten Gespräch mit Khaled Hosseini
ISBN 978-3-596-52070-1

Mariam ist die uneheliche Tochter einer reichen Kaufmanns in Herat, die nach dem Tod ihrer Mutter, mit einem Schuster in Kabul verheiratet wird. Nach vielen Fehlgeburten ist die Ehe sehr unglücklich, in der Raschid seiner Frau die schuld für alles gibt, und zuschlägt.
In Kabul wächst Laila als jüngstes Kind und einzige Tochter nach zwei älteren Brüdern in einer Familie mit Universitätsprofessor heran, der an seine Tochter glaubt.
Mitte der 70-er Jahre sind in Afghanistan zumindest die Frauen der Reichen und gehobeneren Schichten halbwegs frei. Dann kommen die Russen, und Bürgerkriege der verschiedenen Stämme, bis die Taliban siegen und alle freier Denkenden entweder töten oder aus Landes zwingen. Lailas Eltern sterben kurz vor der Flucht bei einem Raketenangriff, Raschid nimmt das Mädchen auf - das schwanger von ihrem Uraltfreund Tariqu in die Ehe als Zweitfrau einwilligt.
Wie die beiden Frauen langsam aber stetig beginnen sich eine Art Freundschaft, und fast Geschwisterlichkeit aufbauen, vor allem als die Welt für Frauen rundherum immer kleiner und brutaler wird, liest sich faszinierend; Raschid bleibt immer der böse prügelnde Mann, der leider auch nicht einmal immer gut für seine Familie zu sorgen imstande ist. Als nach Jahren Tariqu aus dem benachbarten Pakistan zurückkommt, kommt es zum Eklat, den Mariam mit dem Leben bezahlt.
In  dem Buch gibt es Hoffnung da Laila, Tariqu und die Kinder wieder zurückkehren und Schulen für Mdächen möglich sind.

Ich habe durch dieses Buch sehr viel über Afghanistan und die verschiedenen Sprachen und Stämme gelernt. Dieses Buch zu lesen während in Afghanistan wieder die Frauen entrechtet sind, tut fast köperlich weh.
In einer Szene wird beschrieben, daß die ärztliche Versorgung für Frauen schlecht ist, weil sie nur für Frauen ist. 

Die Geschichte ist aus Sicht von Mariam und Leila beschrieben. Die Männer kommen mit ihren Sichtweisen nicht zu Wort (der Autor hat ein anderes Buch geschrieben, indem die Männer zu Wort kommen). Es wird sehr anschaulich beschrieben wie die Umstellung auf einen Dschador ist, wie welche Gerichte gekocht werden, wie das Leben der armen Menschen ist die viel improvisieren müssen.

Der Autor nimmt sich Zeit über die Schönheit der afghanischen, und auch später der pakistanischen Landschaft und Kultur zu schreiben. Die großen Buddhas, die später zerstört werden, bekommen einen besonderen Platz in dem Buch.

Der Titel ist eine Ode entnommen.

Die Ausgabe in eine entzückende kleine mit sonnengelben Cover, die gut in kleine Taschen paßt. Leider hat kein Glossar der afghanischen Ausdrücke Platz, was wenn man das Vokabular nicht kennt, sehr schade ist.

In Summe ein wunderbarer, intensiver (Frauen-)Roman, der sehr unter die Haut geht und berührt.

Samstag, 22. Januar 2022

Pierre Lagrange : "Düstere Provence"

Pierre Lagrange :
"Düstere Provence" - Ein neuer Fall für Albin Leclerc
2020, Scherz / S. Fischer Verlag
404 Seiten + Karten auf der Innenseite des einschlagbaren Covers mit der Provence
ISBN 978-3-651-02500-4

Band 5 für den Polizeiberater Ablin Leclerc, seinen Mops Tyson, Freundin, Tochter, Enkeltochter, und sein Polizeiteam.
Louis Rey ist nach 25 Jahren aus Gefägnnis gelassen worden. Der ehemalige Drogen-king war von vielen Leuten verraten worden, wofür er sich genußvoll rächt. Drei grauslich zugerichtete Leichen sind bereits entdeckt, als der ehemalige Polizist Leclerc die Tatsachen durchschaut und eine ehemalige Freundin, die Gattin des verstorbenen Drogenbarons, Flores besucht. Ein Versuch dem Ex-häftling ein Geständnis und gleichzeitig dem aktuellen jungen Drogenbaron die aktuellen Schmuggeltricks zu entlocken wird inszeniert. Im Showdown gibt es einige Tote.
Im Nebenstrang geht es wieder um Albins Tochter, deren gewalttätiger bald Ex-Ehemann wiederholt das Leben seiner Frau verschlechtern möchte.
Albin unterhält sich immer wieder mit Mops Tyson, wobei der Mops in kursiv antwortet. Oft geht es um das Interesse des Mopses an einer Möpsin, aber auch um Zweibeiner.

Albin ist meist gemtülich mit gutem Kaffee unterwegs. Flores, deren Familie mit Drogen handelt, wird als trainierte schöne Frau geschildert, die fast alles für ihre Familie tut; daß sie zuerst zur Unterhaltung von Männern gearbeitet hatte, und hier bereits Kontakt mit Albin ist etwas spürbar.

Die Geschichte ist spannend erzählt, auch wenn sie mir zwischendurch zu reißerisch ist. Viel Spaß beim Lesen !

Freitag, 15. Januar 2021

Veit Heinichen : "Borderless"

 Veit Heinichen :
"Borderless" - Thriller
2020, Piper Verlag
458 Seiten
ISBN 978-3-492-31608-8

Xenia Ylenier Zannier ist eine eigenwillige Polizistin, Commissario, die in Grado versucht einer skrupellosen Politikerin endlich das Handwerk zu legen. Diese Politikerin ist mit ehemaligen Handlangern aus der yugoslawischen Zeit im Waffengeschäft, bereichert sich an Flüchtlingsdramen und Immobiliendeals. In Grado taucht auch ein deutscher hochrangiger - machtbesessener und intriganter - Beamter auf, der sich bereichert, und dessen Frau aus dem ehemaligen Bereich Yugoslawien stammte. Eine ehemalige DDR-Schwimmerin und jetzt Photographin taucht mit ihrem Freund, der aus Slowenien, ist, auf, und macht noch einiges mehr an Komplikationen, bevor Xenia endlich die Politikerin und ihren extremistischen Bruder, sowie einen lange gesuchten Verbrecher der ex-Yugoslawien-Zeit verhaften kann.

Die Personen des Buches sind sehr unterschiedlich, manchmal auch ambivalent gezeichnet.
Xenia ist eigenwillig, dünn-attraktiv, mit Kindheitstraumata und ehrgeizig, aber nicht immer sympathisch. Wichtig sind ihr Cousin-Bruder Floriano, der aufgrund der Machenschaften der Politikerin ums Leben kam, und Jordon S Becker, ein Journalist, der wie ein ex-68-er geschildert wird, und zäh an Politikern, die meinen sich alles richten zu können, dran bleibt.
Wichtig war ihr auch ein ehemaliger Vorgesetzter, der attraktive und unbestechliche Nicola Bonnani, der aus Rom versucht zu helfen, und mit dem sie eine schöne Zeit verband.
Als "Bösewichte" sind die Politikerin, deren Bruder, die Waffenschieber in Deutschland und ex-Yugoslawien, sowie deren Hanglanger geschildert.
Dann gibt es noch den charismatischen ehemaligen Broker und jetzt Gemüse- und sonstiges Händler Valerio Alfieri, der nicht ganz einschätzbar ist, aber zwischendurch doch hilft. Und Clarissa die als ehemalige DDR-Schwimmerin mit Atemtechnik grausliche Folter übersteht. Milos ist ihr Fahrer, und Freund der so lange zu ihr hält, wie er es aushält, um dann zurück nach Slowenien zu kehren.

Es gibt einige sehr grausliche und brutale Szenen, die im Krieg als Yugoslawien auseinanderfällt und Zivilbevölkerung schikaniert wird, sind. Die Art und Weise der Dialoge der machtgeilen Menschen untereinander, sind erschreckend und respektlos gegenüber vielen zwischenmenschlichen Werten.

Der Roman ist spannend erzählt. Manchmal ist es mühsam den Zeit- und Ortsprüngen innerhalb der Kapitel zu folgen, die bis zu 20 Jahre auseinander sind, und Italien, Deutschland, Salzburg und Slowenien. 

Der Widerwillen gegen Politiker wird nach diesen Buch nicht weniger. Viel Spaß beim Lesen und der Spannung folgen.

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Mark Bowden : "Killing Pablo"

 Mark Bowden :
"Killing Pablo" - die Jagd auf Pablo Escobar, Kolumbiens Drogenbaron
original "Killing Pablo. The Hunt for the World's Greatest Outlaw"
2001, Grove / Athlantic Monthly, NY
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Griese
2001, Berlin Verlag / Piper Verlag ; 15. Auflage April 2020
366 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis +  6 Seiten Quellen  + 14 Seiten Anmerkungen + 2 Seiten Dank + 1 Seite Bildnachweise + 5 Seiten Personen
ISBN 978-3-8333-0086-8

Der amerikanische Journalist und Autor erzählt in sechs Kapiteln und Nachlese über Tod, Aufstieg des Drogenbarons, sein Leben in einer Art Gefängnis, Ausbruch und Gewaltausbruch in Kolumbien, Suche bis zum Tod eines der gesuchtesten Menschen am 2. Dezember 1993.

Ausganspunkt ist das korrupte Leben in Kolumbien, indem das quasi oligarchische Leben einiger Familien und die große Armut vieler anderer beschrieben. Pablo steigt früh ins kleinkriminelle Milieu , und rasch ins das Leben mit Erpressung und Drogen ein, und baut sich mit einzigartiger Brutalilität s/ein Territorium auf. Als die Drogen die jungen reichen Kids in den USA erreichen und dort Leben kosten, wird er zum meistgehaßten Mann und man sucht ihn einzusperren.
Er verhandelt sich und seine engsten Mitarbeiter in ein luxuriösen Gefängnis. Als man Monate später versucht ihn in ein echtes Gefängnis zu übersiedeln, verschwindet er mit Waffengewalt.
Eine kolumbianische Einheit und zwei bis drei amerikanische Einheiten vereiteln, daß Pablo wieder ein Imperium aufbauen kann, versuchen ihn, der sich mit technischer Kommunikation auskennt, zu lokalisieren, bis am 2 Dezember 1993 Pablo Escobar erschossen wird.

Während mich die erste Hälfte des Buches sehr interessiert hat, weil sie das Leben dieses Menschen und seine Auswirkungen auf viele unschuldigen Menschen beschreibt, konzentriert sich die zweite Hälfte für mich zu sehr auf die amerikanischen Truppen, wer die wichtigen Menschen in diesen Truppen seien, welche Machtverhältnisse zwischen diesen Gruppen herrschen.
Wie es den Menschen in Medellin geht, den Familien deren Angehörige bei den Anschlägen ums Leben kommen wird nicht (mehr) thematisiert. 

Gespenstisch sind die Teile in denen erzählt wird, daß sich der kolumbianische Oligarchie und Geldadel, eine fokusierte Polizeieinheit, unterstützt von Wissen aus der amerikanischen Geheimtruppen systematisch Menschen aus dem Umfeld Pablos umzubringen, um Pablos Aktionen gegen Menschen aus dem Umfeld der Politik und Polizei etwas gegenzusetzten. Unzählige no-names Menschen wurden hier nebenbei getötet, ohne Eindruck zu machen.

In der Mitte des Buches gibt es schwarz-weiß Abbildungen, die die wichtigsten Akteure zeigen, und wie sich Pablo Escobars Äußeres über mehr als 20 Jahre geändert hat.

Leider gibt es in dem Buch keine Zeittafel, die bei er Zeitperiode sehr hilfreich wäre.

In Summe ein faszinierendes Buch, dessen Welt mich gleichzeitig hineingezogen und geschreckt hat. Viel Spannung beim Lesen !

Dienstag, 22. September 2020

Kerstin Cantz : "Fräulein Zeisig und der frühe Tod"

Kerstin Cantz :
"Fräulein Zeisig und der frühe Tod"
Kriminalroman
2019, Knaur Verlag
275 Seiten
ISBN 978-3-426-52261-5

Ein totes Kind wird gefunden, später eine erwürgte Jugendliche. Hauptkommissar Manschek holt sich Hilfe bei der Weiblichen Kriminalpolizei in Gestalt der jungen Frau Zeisig, die sich engagiert aber mit Gefühl den toten Menschen und deren Familien widmet. Sie befragt die Familien, die Umgebung, und Freunde der toten um am Schluß dem Tod des Kindes erklären zu können. Ludwig Maria Seitz, der als Journalist zwar Schlagzeilen braucht, aber doch mit Respekt vor Menschen schreibt, kommt dem Mörder der jungen Frauen gefährlich nahe.  

Parallel zu den Geschehnissen krachen Jugendliche und Polizisten mit Gewalt aneinander, da kleine Ausgelassenheit und strikter Gehorsam aufeinanderprallen, was viele Verletzte auf beiden Seiten und emotionale Gräben produziert. Selbst beobachtende Journalisten und neutrale Photographen werden aufgemischt.

Ein dritter Handlungsstrang der nur kurz ist, aber mir unter die Haut ging widmete sich einer jungen Frau, die im KZ gewesen war, und von einer Barackenleiterin als hure eingeschätzt wurde und ins Soldatenbordell gesteckt worden war. Sie hat zwar körperlich überlebt, aber diese Zeit und die Leiterin nie vergessen gehabt. Diese Rechnung wird drastisch beglichen.

Ort der Handlung ist München Anfang der 60-er Jahre. Frauen müssen im Beruf - wenn sie dies überhaupt dürfen - Röcke tragen, und freundlich unaufdringlich sein; oder sie sind als veritable Schreckschrauben gezeichnet. 

Die Menschen sind zwar distanziert beschrieben, aber nicht unfreundlich und mit Mitgefühl für die vielen persönlichen Enttäuschungen die jeder Person in diesem Roman zu tragen hat.

Der Roman ist gut geschrieben, und läßt nach dem Lesen nicht los. Viel Freude dabei.

Kerstin Cantz wurde 1958 in Potsam geboren. Sie studierte Publizistik, arbeitet als Journalistin, und sattelte dann auf Drehbuchautorin und Schriftstellerin um.

Samstag, 25. Juli 2020

Oliver Schlick : "Das Crime Zertifikat - Verbrechen mit Qualität"

Oliver Schlick :
"Das Crime Zertifikat - Verbrechen mit Qualität"
2020, Ueberreuter Verlag
288 Seiten + 1 Seite Glossar (mit umgangssprachlichen Wörtern)
ISBN 978-3-8000-9000-6

Pius Nordberg, zwei Meter groß und etwas breit gebaut, ehemaliger Sozialarbeiter arbeitet für ein  inoffizielles Inkassounternehmen, das von einem herzensguten Mann geführt wird. Nach dessen Tod übernimmt sein Sohn und führt mit eine neuen mittleren Ebene Qualitätsmanagement ein. Pius und seine Kollegen werden mit Dokumentations-unwesen überfordert, die Investoren des Sohnes ebenso. Parallel geht Pius mit der Qualitätsmanagerin Lena auf Suche nach dem Mörder des ehemaligen Unternehmers. Einige Leichen später kommt es zu einem überraschenden Ende, bei dem der Mörder erwischt wird, aber auch einige andere Fallen zuschnappen.

Die Geschichte wird humorvoll mit herrlich unterhaltsamen Wortkreationen in Ich-Form erzählt.

Pius sieht von seiner langen Warte vieles mit Humor und weiß sich rein verbal durchzusetzen. Die Figur seiner Mutter, Tabea, eine anarchistische Soziologieprofessorin, die genußvoll eine Seniorenresidenz durcheinander bringt, ist fast die einzige die ihm den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Die Dialoge sind für mich zum zerbröseln !

Unterhaltsam ist die quasi-Abrechnung mit ausbordenden und hier wirklich unsinnig gebrachtem Qualitätsmanagement. Wie mit den Floskeln und Schlagworten herumgeworfen wird, und damit einem Unternehmen wirklich geschadet wird, brachte mich zum öfters zum Lachen.

Die Charaktäre sind unterschiedlich in ihren persönlichen Ecken und Kanten oder Lebenslauf. Die Arbeitsbereiche sind privates Inkasso, Drogen, privat als Lockvogel arbeiten. Die Nebenfiguren wie Pius' Nachbarin Anoushka, oder ein lästiger Nachbar sind ebenfalls unterhaltend.
Auch in Liebensdingen gibt es einen vergnüglichen Handlungsstrang.

Ich habe mich beim Lesen sehr gut unterhalten. Viel Spaß beim Lesen !

Oliver Schlick wurde 1964 in Neuwied/Rhein geboren. Nach Abitur und Zivildienst studierte er Sozialarbeit in Düsseldorf. Er arbeitet zuerst in der stationären Jugendhilfe, dann in  der Flüchtlingsarbeit, aber auch als Schlagzeuger, Schaufenstergestalter, Marktforscher. 2014 erschien sein erstes Jugend-Kinder-Buch "Salamandersommer".

Donnerstag, 16. Juli 2020

Deon Mayer : "Dreizehn Stunden"

Deon Mayer :
"Dreizehn Stunden"
original "13Uur"
2009,
Aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer
2011, Aufbau Taschenbuch
457 Seiten + 2 Seiten Danksagung + 2 Seiten Glossar von afrikaanssprachigen Wörtern + Leseprobe
ISBN 978-3-7466-2737-3

Bernie Griessel muß als Mentor zwei parallel laufende Morduntersuchungen in Kapstadt begleiten und leiten. Ein junge Amerikanerin und ein Plattenproduzent sind ermordet worden. Die Amerikanerin hat eine Freundin, die auf der Flucht vor Männern ist, beim Produzenten deutet alles auf seine immer betrunkene Ehefrau, eine ehemals berühmte Sängerin hin. Die Medien und internationale Probleme erleichtern nicht die Arbeit, genausowenig wie polizeiinterne Machtprobleme, Rassismus innerhalb der Polizei, Sexismus in den eigenen Reihen und am Schluß auch polizeiinterne Korruption. Der Verdacht auf Drogenhandel hält lange an, bis der Schwenk zu Organhandel auf höchstem Niveau offenbart wird. Am Schluß werden die Morde überraschend zusammen gelöst und ein weiterer verhindert.

Die Kapitelüberschriften sind Uhrzeiten, die von der Früh bis in den frühen Abend an einem Tag führen. Innerhalb dieser wird in Absätzen sprunghaft beschrieben was die junge Frau auf der Flucht macht und denkt, wie Inspector Griessel seine Alkoholsucht, seine Untreue, seine Überlegungen zu den Fällen, wie er seine Kollegen durch die Fälle choacht, wie er Probleme zu Vorgesetzten und zu Mitarbeitern versucht flach zu halten. Andere Polizisten und Polizistinnen vermischen ebenso private wie berufliche Probleme und zeigen oft keinerlei Bereitschaft zusammen zu arbeiten; dazu sitzt das Rassismusproblem in Südafrika zu tief.

Interessant ist was über den Musikmarkt geschrieben ist. Die Musikströmungen sagen mir zwar persönlich nichts, die Art wie über Musikpropuktion geschrieben wird hat mich fasziniert. Die Figur des ermordeten Musikproduzenten ist hier charismatisch, und für die Musikschaffenden überraschend positiv geschildert.

Der Roman ist spannend geschrieben. Leider hatte ich Schwierigkeiten mir die vielen Namen und Menschen zu merken und habe die "Figuren" öfters durcheinander gebracht, was das Lesen nicht einfach machte. Als Gegenpol zu dem rothaarischen, irisch-stämmigen Griesel, der als Mentor Ruhe bewahren muß, ist eine dicke unsympathische feministische taktlose schwarze Kaleni Mbali gezeichnet.

Im Glossar sind Afrikaans Wörter genannt, mir wären auch weitere Wörter aus dem geographischen Bereich in Kaptstadt, Hinweise auf Xhosa, etc. wichtig gewesen.

Samstag, 11. Juli 2020

Ann Cleves : "Was niemand sieht"

Ann Cleves :
"Was niemand sieht" - Ein Shetland-Krimi
original "Wild Fire"
2018, Verlag Macmillan London
Aus dem Englischen von Stefanie Kremer
2020, Rowohlt Taschenbuch Hamburg
420 Seiten
ISBN  978-3-499-00309-7

Jimmy Perez und seine Stieftochter bekommen Besuch : Helena Fleming, die erfolgreiche Designerin, die sich um ihren entfremdeten Ehemann, den autistischen Teenagersohn und die quirlige Tochter sorgt. Der Sohn findet das ermordete Kindermädchen Emma einer befreundeten Familie im Stall auf familiären Grund. Jimmy Perez und seine Vorgesetzte Willow Reves versuchen zu erkennen was für ein Mensch das Kindermädchen gewesen war, da sie durchaus hübsch gewesen ist. Ein junger Mann mit sehr dominanter Mutter hatte Interesse an ihr gehabt, Helens Ehemann Daniel in seiner Midlife Crises ebenfalls. Es bleibt lange unklar was für ein Mensch Emma gewesen war, da viele sie nur als Funktion wahrgenommen haben. Jimmy recherchiert im Geburtsort von Emma über die Brutalität, die sie als Kind erlebt hat, und wie sie die jüngeren Brüder aufziehen mußte. Im Showdown werden Mörder und Ursache erzählt.

Das ist der achte Roman mit Jimmy Perez und ist von der Autorin als letzter dieser Serie geplant.

Jimmy Perez und Willow Reves biegen hoffentlich in ein gemeinsames Leben ein. Ein junger Mann und eine unterdrückte ältere Frau dürfen endlich ihr eigenes Leben entwickeln. Während eine Familie trachtet wieder als Familie zusammenzusetzen, geht es einer anderen Familie weniger gut.

Die Menschen sind gut vorstellbar beschrieben, die Spannung zwischen Jimmy und Willow ist spürbar, genauso wie die Unsicherheit von Helena und Daniel für ihre Familie, und die Angst des autistischen Jugendlichen. Die Familie des Arztes dessen Vorfahren schon lange auf der Insel leben, seine übertriebene Frau und die vier Kinder ist charakterlich sehr unterschiedlich. Auch die bösen Intrigen einer enttäuschten Frau gegenüber Sohn und Schwester werden erzählt.

Ort der Handlung ist die Shetlandinsel Northmavine, kleine Orte, Meer in unterschiedlichen Lichtstimmungen, und viel unbewohnte Landschaft.

Zwischen den Handlungen grübelt Jimmy über sein Stiefkind, und seine große Liebe nach, und ob er sich eine Beziehung überhaupt zutraut.

Spannend ist wie beschrieben wird, wie lange erlebte Gewalt als Kind weiterwirkt, und wie wenig das Umfeld davon mitbekommt.

Der Roman ist spannend geschrieben. Mitraten des Who-Dunnit ist möglich. Viel Spaß beim Lesen !

Ann Cleeves wurde 1954 in der Grafschaft Herefordshire / Region West Midlands geboren. Sie arbeitet als Erzieherin, in einem Frauenhaus, und als Köchin auf einer Vogelwarte.
Bei ihrer ersten Romanserie geht es um den Naturforscher 'George Palmer-Jones' zwischen 1986 und 1996, die noch nicht auf Deutsch erschienen ist. "Inspector Ramsey" war zwischen 1990 und 1997 die Hauptperson dieser Serie, die ebenfalls noch nicht auf Deutsch erhältlich ist. "Vera Stanhope" ist die Hauptperson von Romanen zwischen 1999 und 2020, die es auf Deutsch gibt und es zu Fernsehehren geschafft hat. Die "Shetland Island"s sind mit Jimmy Perez in zweimal vier Kriminalromanen erschienen und auf Deutsch erhältlich.

Samstag, 4. Juli 2020

Anthony Coles : "Ein Gentlemen in Arles - mörderische Machenschaften"

Anthony Coles :
"Ein Gentlemen in Arles - mörderische Machenschaften" - ein Provence-Krimi
Peter-Smith-Reihe-1
original "A Retirement Disturbed"
2016, CreateSpace Independent Publishing Platform
Aus dem Englischen von Michael Windgasse
2019, Piper Verlag Gmbh
355 Seiten
ISBN 978-3-23206-7

Peter Smith hat sich mit seinem Windspiel Arthur in die Provence zurückgezogen und möchte seine Pension genießen. Durch Zufall wird er in einen Mord hineingezogen, und plötzlich interessieren sich die unterschiedlichsten Menschen für ihn und sein Wissen. Auf der einen Seite ist es die wunderschöne, reiche, charmante Witwe des Toten, auf der anderen Seite ziemlich gewaltbereite obskure Gestalten. Während ihm die Witwe die Geschichte der Camargue näher bringt, und ihm Treffen mit ihr wohl tun, eröffnen ihm die anderen Menschen die Sichtweise zu anderen lokalen Mafia-ähnlichen Gruppierungen, wobei die Familie der Witwe ebensoviel Macht in der Camargue hat.
Der Ermordete war ein glänzender Geschäftsmann gewesen, der geschickt EU-Förderungen gelenkt hat, aber vorallem eine unsittliche Neigungen hatte.
Am Schluß ist werden die Mörder zwar nicht erwischt, aber es bleibt das wohltuende Gefühl, daß die Welt ein paar böse Menschen weniger hat.

Peter Smith und eine alter Freund von ihm, der geheimdienstmäßig informiert ist, werden als typische Engländer mittleren Alters geschildert, denen es zuhause einfach zu kalt ist.
Die Witwe ist eine schöne gescheite reiche Frau, die ihn fast immer bezaubert.

Der Roman ist gut lesbar, die Zeit fliegt beim Lesen dahin. Ort, Menschen und Essen in diesem Roman sind gut vorstellbar.

Viel Spaß beim Lesen !

Samstag, 30. November 2019

Robert Galbraith (Pseud.) : "Die Ernte des Bösen"

Robert Galbraith (Pseud.) :
"Die Ernte des Bösen"
 Roman
"Career of Evil"
2015, Brown Group Book
Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz
2016, Blanvalent Verlag
Lesebändchen
654 Seiten
ISBN 978-3-7645-0574-5

Cormorans Strikes Assistentin Robin Ellacott bekommt ein abgeschnittenes Bein zugeschickt. Cormoran hat drei Verdächtige, und alle wollen sich eigentlich an ihm rächen. Da die offizielle Polizei kein Engagement zeigt, machen sich Robin und Cormaran auf die Suche nach drei sehr unsympathischen Männern, die sich alle durch Mißbrauch, Manipulation und Ausnutzen von Menschen auszeichnen. Während Robins Verlobter vor Eifersucht tobt, fahren Detektiv und Assistenin durchs Land, besuchen Menschen in sehr desolaten Lebensverhältnissen und versuchen damit dem Phantom auf die Spur zu kommen. Der Frauen zerschnippelnde Bösewicht schafft es kurz an Robin heranzukommen, bis dann doch eine Falle zuklappt.

Die Geschichte ist sehr flüssig geschrieben, auch wenn mir die drei unsypathischen Bösewichte immer wieder durcheinander geraten. In eigenen Kapiteln sind die Gedanken und Aktionen des tatsächlichen Mörders geschildert, der seiner Wut auf Cormoran freien Lauf läßt.

Faszininierend wird das Leben von Cormorans Mutter als Popstar-grupie beschrieben, und wie der ungute Stiefvater vieles falsch einschätzte.
Ich wurde das Gefühl nicht los, daß Robins Verlobter Matthew, der bieder und gutaussehend und etwas hinterhältig geschildert wird, von der Autorin gerollt wird.
Heftig ist die Vorgeschichte Robins, die sie aus dem Profilerwunsch gekippt hatte.

Den Kapiteln sind Zeilen aus der Cultband Blue Öyster Cult vorangestellt, die manchmal passen, manchmal aber gar nicht.

In Summe hat es mir Spaß gemacht den dritten Band mit diesen Protagonisten zu lesen, weil er so spannend geschrieben ist. Viel Freunde beim Lesen !

Bio siehe Robert Galbraith (Pseud.) : "Der Ruf des Kuckucks"

Samstag, 21. September 2019

Ferdinand von Schirach : "Der Fall Collini"

Ferdinand von Schirach :
"Der Fall Collini"
Roman
Lesebändchen
2011, Piper Verlag
188 Seiten + 2 Seiten Anhang mit juristischen Paragraphen
ISBN 978-3-492-05475-1

Der italienischer Gastarbeiter Collini, der in Deutschland Jahrzehnte verläßlich in einem Betrieb gearbeitet hat, gibt sich als Journalist aus und erschießt den Vorstandsmanager Meyer in Pension. Caspar Leinen, ein junger Jurist, dem alle Tore für Karriere offen gestanden sind, der aber Verteidiger sein will, wird als Pflichtverteidiger mit diesem Fall betraut. Der Klient schweigt, und er beginnt zu recherchieren. Er deckt auf, daß der Vorstandsmanager in Italien als Sturmbandführer für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt hatte. Collini hat erst nach der Verjährungszeit diese Taten zu Anzeige bringen können, weshalb keine Beurteilung der Tatsachen vor Gericht möglich war. Erst nach dem Tod seiner Familie konnte Collini seinen alten Zorn gegen den NS-Mann umsetzen.

In den letzten Kapiteln wird erklärt wie es zum Ablauf der Verjährungszeit kam, aber auch welche Vergeltungsaktionen im Krieg noch für angemessen gehalten werden.
Diese Regeln wann Vergeltungsaktionen im Krieg als aktzeptierbar gehalten werden, lassen beim Lesen schaudern.

Die Juristen, der junge Leinen und der arrivierte aber neugierig gebliebene Mattinger, sind als Persönlichkeiten vielschichtiger geschildert, als der Mörder oder die Opfer der Greuel im zweiten Weltkrieg.
Als Liebesgeschichte bleibt die aufflammende Jugendliebe zwischem Leinen und der Enkelin des Ermordeten, Johanna, die allerdings keine Chance für die Zukunft hat.

Die Geschichte ist sehr gut und spannend erzählt. Die Situation in Deutschland und Italien mit allen Ungerechtigkeiten gehen unter die Haut.

Das Buch ist in großen Buchstaben gedruckt, was das Lesen vereinfacht.

In Summe ein eindrücklicher und empfehlenswerter Roman.

Ferdinand von Schirach wurde 1964 in München geboren. Sein Großvater ist der durch die NS bekannte Baldur von Schirach. Ferdinand von Schirach studierte Jus, und arbeitet als Rechtsanwalt. 2009 erschien "Verbrechen" mit Kurzgeschichten aus dem juristischen Alltag.