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Freitag, 19. Dezember 2025

Bernhard Schlink : "Der Vorleser"

Bernhard Schlink :
"Der Vorleser"
Ausgabe Eine Stadt. Ein Buch
copyright 1995, Diogenes Verlag 2023 Echomedia Buchverlag / Eine Stadt. Ein Buch.
203 Seiten + 8 Seiten Interview Bernhard Schlink
keine ISBN 

Der Teenager Michael Berg lernt durch einen Zufall die etwas über 30 jährige Hanna Schmitz kennen, die als Bahnschaffnerin arbeitet. Er verliebt sich in ihre warmherzige bodenständige sinnliche Art, und beginnt ihr auf ihren Wunsch hin vorzulesen. Die erotische Beziehung und den Kontakt mit ihr verschweigt er seiner Umgebung komplett. Später im Gymnasium hat er mehr Kontakt mit gleichaltrigen, und die Beziehung zerbricht.
Während des Studiums wird eine Gruppe um einen Professor dazu eingeteilt einen Gerichtsprozeß zu verfolgen, bei dem einige KZ-aufsehende Frauen jüdische Gefangene bei dem Transport weg von den russischen Soldaten in einem brennenden Gebäude eingeschlossen haben und umkommen lassen, zu diesem Verbrechen angeklagt werden. Michael erkennt Hanna, die sich zu manchem bekennt, manches hinterfragt, und ihm wird klar, daß sie Analphabetin ist, was nicht bekannt ist. Um ihre Souveränität nicht zu verletzen sagt er nichts; sie wird zu langer Gefängnisstrafe verurteilt. Die Auseinandersetzung mit der Arbeit als KZ-Aufseherin unterbleibt.
Als seine Ehe gescheitert ist, beginnt er Kassetten mit Text aus Romanen vorzulesen und zu besprechen und schickt diese an Hanna ins Gefängnis. Jahre später kommt Antwort in eckiger Schrift; die Zeilen werden mit der Zeit flüssiger. Hanna bringt sich kurz vor der Entlassung aus dem Krankenhaus um, und Michael erfährt von der Gefängnisleiterin, daß sie sich am Ende ihres Lebens mit Biographien anderer KZ-Aufseherinnen beschäftigt hat, und ihr Geld Angehörigen der damals verbrannten Frauen vermacht hat.

Der Roman ist dreiteilig aufgebaut - Teenagerzeit, Student, nach seiner Ehe; und in Ich-form aus Sicht von Michael Berg geschildert.

Als Person werden nur Michael Berg geschildert und wie er die anderen Menschen sieht. Er fühlt sich bei der rundlichen geraden Hanna wohler als bei vielen anderen Menschen, auch wenn sie ihn - um ihren Analphabetismus zu vermeiden - immer wieder hart behandelt. Der Vater ist zwar da, aber ferne und kalt.
Die Abschnitte, in denen es um das/die Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus geht, werden überraschend unemotional beschrieben, vermutlich das Grauen im Kopf den Lesern/Leserinnen überlassend.

Der Roman ist sehr gut geschrieben; die Szenerien laufen vor Auge ab. Die Kontakte zwischen Michael und Hanna sind spürbar, auch wenn eigentlich kein Kontakt mehr vorhanden ist; die Einsamkeit der beiden ist ebenfalls spürbar.

In Summe ein Roman der eindrücklich bei mir in Erinnerung bleibt.

Bernhard Schlink wurde am 6. Juli 1944 in Großdornberg / Bielefeld geboren. Er ist Jurist und wurde Professor für öffentliches Recht in Deutschland. 1987 begann er zu schreiben, zuerst als als Co-Autor, später alleine vor allem als Kriminal-Schriftsteller.

Donnerstag, 30. April 2020

Stefan Zweig : "Schachnovelle"

Stefan Zweig :
"Schachnovelle"
1942, Buenos Aires
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Da ich für eine Schuljugendliche als Sparing-partner für den Deutschunterricht ausgewählt worden war, habe ich diese Novelle nach vielen Jahren, Jahrzehnten wieder einmal gelesen.

Auf einem Schiff in New York nach Buenos Aires trifft der Schachmeister Mirko Czentovics ein. Er ist einseitig interessiert, liebt und lebt nur Schach, und die Anerkennung dadurch. Eine Gruppe schlechter Schachspieler gelingt es ihn durch Geld zum Schachspielen zu gewinnen. Plötzlich schaltet sich ein feiner Mann ein, und es gelingt die Partie auf Remis zu lenken. Dieser feine Mann, Dr. B, erzählt der ich-person-Erzähler sein Leben : er hatte vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Wien für Klöster die finanzielle Sachen geregelt. Um an dieses Vermögen zu kommen, wird Dr. B in Einzelhaft ohne intellektuellen Reiz gesteckt. Knapp vor dem Zerbrechen, bekommt er ein Buch in die Hand, was sich als Buch über 150 Schach-Meisterpartien  entpuppt. Zuerst enttäuscht beginnt er dem Einsamkeitskoller durch Schachtraining zu entkommen. Er beginnt eigene Partien zu entwickeln und spaltet sich in ichweiß und ichschwarz, was ihn ins Fieber und ins Gefängnisspital bringt. Einem Arzt vor Ort verdankt er das aus dem Gefängnis kommen. Bei der Schachpartie zwischen dem Meister und ihm rutscht Dr.B. wieder ins Fieber.

Mich hat das Buch wie vor vielen Jahren emotional in Besitz genommen. Die Schilderungen der Einzelhaft, die Befragungen nochmals und nochmals durchzudenken, sowie der geistige Rettungsanker durch das Schachbuch gingen mir unter die Haut.
Dr.B.s Bemerkung über 'Legion der Benachteiligten, der Zurückgesetzen, der Gekränkten', die als Wasserträger für den Nationalsozialismus arbeiteten gab mir zu denken.

Die Gegenüberstellung des eher groben Klotzes Czentovics, der wegen des Pfarrers als Kind Schach lernte und es zum Weltmeister brachte, und die des feinsinnigen juristisch denkenden Menschen Dr. B. mit menschlichen Werten, ist für mich faszinierend.
Erschreckend sind noch immer die Eindrücke die Einzelhaft bei geistig aktiven Menschen ausrichten kann, und wie Menschen geistig zugrunde gerichtet wurden (und vermutlich immer noch werden).

Ort der Handlung sind ein Schiff, eine juristische Kanzlei, ein Gefängnis und ein einfaches Dorf.

Die Sprache Stefan Zweigs mit schönen Metaphern, derzeit alten Vokabeln und Fremdworten, und schönen Formulierungen wie beispielsweise 'Famulus', 'banat' (?), peripatetisch (?), Marasmus, Tyrannis des Zufalls bis Schachvergiftung.

Ein wunderbares eindrückliches Buch, das immer wieder gelesen werden muß !

Bio von Stefan Zweig "Brasilien - Ein Land der Zukunft" vom 31. Dezember 2013.

Samstag, 21. September 2019

Ferdinand von Schirach : "Der Fall Collini"

Ferdinand von Schirach :
"Der Fall Collini"
Roman
Lesebändchen
2011, Piper Verlag
188 Seiten + 2 Seiten Anhang mit juristischen Paragraphen
ISBN 978-3-492-05475-1

Der italienischer Gastarbeiter Collini, der in Deutschland Jahrzehnte verläßlich in einem Betrieb gearbeitet hat, gibt sich als Journalist aus und erschießt den Vorstandsmanager Meyer in Pension. Caspar Leinen, ein junger Jurist, dem alle Tore für Karriere offen gestanden sind, der aber Verteidiger sein will, wird als Pflichtverteidiger mit diesem Fall betraut. Der Klient schweigt, und er beginnt zu recherchieren. Er deckt auf, daß der Vorstandsmanager in Italien als Sturmbandführer für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt hatte. Collini hat erst nach der Verjährungszeit diese Taten zu Anzeige bringen können, weshalb keine Beurteilung der Tatsachen vor Gericht möglich war. Erst nach dem Tod seiner Familie konnte Collini seinen alten Zorn gegen den NS-Mann umsetzen.

In den letzten Kapiteln wird erklärt wie es zum Ablauf der Verjährungszeit kam, aber auch welche Vergeltungsaktionen im Krieg noch für angemessen gehalten werden.
Diese Regeln wann Vergeltungsaktionen im Krieg als aktzeptierbar gehalten werden, lassen beim Lesen schaudern.

Die Juristen, der junge Leinen und der arrivierte aber neugierig gebliebene Mattinger, sind als Persönlichkeiten vielschichtiger geschildert, als der Mörder oder die Opfer der Greuel im zweiten Weltkrieg.
Als Liebesgeschichte bleibt die aufflammende Jugendliebe zwischem Leinen und der Enkelin des Ermordeten, Johanna, die allerdings keine Chance für die Zukunft hat.

Die Geschichte ist sehr gut und spannend erzählt. Die Situation in Deutschland und Italien mit allen Ungerechtigkeiten gehen unter die Haut.

Das Buch ist in großen Buchstaben gedruckt, was das Lesen vereinfacht.

In Summe ein eindrücklicher und empfehlenswerter Roman.

Ferdinand von Schirach wurde 1964 in München geboren. Sein Großvater ist der durch die NS bekannte Baldur von Schirach. Ferdinand von Schirach studierte Jus, und arbeitet als Rechtsanwalt. 2009 erschien "Verbrechen" mit Kurzgeschichten aus dem juristischen Alltag.

Dienstag, 26. September 2017

Theodora Bauer : "Das Fell der Tante Meri"

Theodora Bauer :
"Das Fell der Tante Meri"
Roman
2014, erstmals im Picus Verlag
2016, Aufbau Verlag GmbH & Co KG, Berlin
201 Seiten
ISBN 978-3-7466-3144-8

Hauptperson Ferdl (Ferdinand) lebt mit seiner Mutter und einer Art Tante in Dorf. Er denkt sich zwar manches, spricht aber nicht viel. Nach dem Tod seiner Mutter und später der Tante, beerbt er die Tante.
Anni verliebt sich während des 2. Weltkrieges in einen feschen SS-Offizier und wird schwanger. Nachdem das Kind auf der Welt ist verfrachtet er die beiden aus Wien hinaus aufs Land, wo seine Frau alles organisiert hat.
Falscher Name Karl Müller / richtig Werner Seytel flieht über die Rattenroute nach dem Zusammenbruch des tausendjährigen Reichs nach Chile. Dort entdeckt er zuerst daß sein Deutschtum nicht überall gewünscht ist, bis er im Süden Chiles doch wieder auf altes Gedankengut trifft und dort sogar Erfolg hat.
Der echte Karl Müller bleibt Nebenfigur.
In allen drei Blickwinkeln ist eine Frau präsent : Maria, genannt Tante Meri, die mit Geld und Einfluß ihrem Mann ihr Leben lang beisteht, dann Anni und Ferdinand.
Der Schluß ist eigen, denn Besuch aus Chile klärt vieles auf, aber es fühlte sich beim Lesen ungut an.

Die Sprache ist wie umgangssprachlich gesprochen. Am Anfang irritiert es daß fast jeder Satz mit 'der Ferdl ...' und 'dem Ferdl ...' beginnt. Sprachliche Feinheiten bleiben leider aus. Die Gedanken des flüchtigen ex-Offiziers sind etwas schöner formuliert; allerdings bleibt dieser Mensch (mir) mit seiner Gedankenwelt und Selbstüberschätzung unangenehm.

Die Menschen bewegen sich um Maria/Meri herum. Für den Ehemann ist sie die wichtigste Frau in seinem Leben - egal wie er sich verhält. Im Dorf ist sie eine charismatische Autorität. Sie trägt Pelz und auftoupierte Turmfrisur, ohne lächerlich zu wirken. Für den Buben ist sie bis zu ihrem Tod die gefürchtete Tante. Wenig sagt sie direkt, und dieses wenige ist Gedankengut des tausendjährigen Reichs.

Die drei Handlungsstränge sind klar von einander abgegrenzt und machen wenig Verwirrung. Verwirrend ist daß die Menschen im Dorf, v.a. die Figur Ferdl wenig mit Menschen redet und somit Fragen über Fragen bleiben.
Unverständlich bleibt mir allerdings wie Werner Seytel zwar den Namen übernimmt, aber wenig über den Menschen, über den ihn einiges bekannt war, einzusetzen wußte und damit vieles falsch macht.

Für mich war das Buch mühsam zu Lesen, da mir die Sprache nicht gefallen hat. Die Verknüpfung der drei Hauptpersonen entschlüsselt sich nach und nach logisch. Ob ich das Buch empfehlen kann, bleibt offen.

Theodora Bauer wurde am 14. Juli 1990 in Wien geboren. Sie studierte Publizistik und Philosophie. 2014 erschien ihr erster Roman 'Das Fell der Tante Meri', 2017 'Chikago'.

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Edmund de Waal : "Der Hase mit den Bernsteinaugen"

Edmund de Waal :
"Der Hase mit den Bernsteinaugen" - Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi
original "The Hare with the Amber Eyes. A Hidden Inheritance"
2010, Chatto & Windus, London
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
2011, Paul Zsolnay Verlag
340 Seiten inkl. Vorwort + 2 Seiten Dank
ISBN 978-3-352-05556-8

Ausgehend von einem Geschenk seines Großonkels, 264 Netsuke (kleine japanische Schnitzereien aus Holz oder Elfenbein, die gemütlich in einer geschlossenen Hand Platz haben und ursprünglich am Kimono getragen wurden) erzählt der Autor die Geschichte seiner Familie : der Efrussi /Ephrussi, indem er hauptsächlich der Geschichte dieser 264 Stück Handwerkskunst in seiner Familie folgt.
Das erste Kapitel ist Paris und seinem Groß-Groß-Onkel Charles gewidmet, das zweite Kapitel Wien und seinen Urgroßeltern Victor und Emmy, dann folgen gemischt verschiedene Stationen z.B. seine Großmutter über Niederlande-Frankreich-Schweiz nach England, andere Familienmitglieder nach USA, und Japan, bis er an die Wurzeln seiner Familie zurück nach Odessa fährt.

Spannend und haptisch wird erzählt wie Geld ermöglicht mit Gefühl und Freude zu sammeln und zu leben. Viel Platz ist Beschreibungen von Wohnungen, und Häusern und dem Landgut gewidmet, viel Platz den Einrichtungen, den Kleinigkeiten, den Bildern, der Farben in den Zimmern, und sonstige Kleinigkeiten wie Uhren um das berührbare Leben vorstellbar zu machen.
Der Bruch der nach dem Anschluß in Wien vollzogen wurde, läßt den Schluß zu, daß niemand innerhalb seiner Familie mit diesen brutalen Aktionen gerechnet hatte, denn sie wurden monetär und seelisch überrumpelt, und waren froh ihr Leben zu retten.
Seine Großmutter, die nach dem ersten Weltkriegt als eine der ersten Frauen studiert hatte, fuhr nach dem zweiten Krieg nach Wien, und bekam von der alten Kleiderfrau ausgehändigt, was sie retten konnte; es ist berührend, daß der Autor erst als der beim Schreiben des Buches nach ihr nachforschen wollte, von niemandem mehr den Familiennamen dieser Frau erfahren konnte.

Ausgehend von den Netsuke, und daß sein Groß-onkel in Japan lebte und starb - und damit die Netsuke einige Zeit wieder 'nach Hause kommeb', wird einiges über Japan erzählt. Auch Japan gehörte nach dem zweiten Weltkrieg zu den besiegten Nationen, und Ausverkauf alten Kulturgutes fand statt. Der Großonkel lernt viel über Japan und seine Kunst (hier gibt es viele neue Vokabel kennen zu lernen wie z.B. 'kakemoto' sind Rollbilder), und gab einiges an den Autor (und Keramik-Künstler) weiter.
Die 264 Kunstwerke kamen Mitte 19. Jahrhunderts über Charles Ephrussi in Paris in den Familie. Dieser hochgebildete kunstsinnige Mann wurde auch der "benediktinische Dandy aus der Rue Monceau" (Zitat Jules Laforgues) genannt. Wunderschön sind hier die Schilderungen des schöngeistigen Paris dieser Zeit, aus dem Charles hier Jahrzehnte lang sammelte. Heftig ist die Reflexion über die jahrelangen Dreyfuss-Intrigen.

Die Menschen sind gut vorstellbar geschrieben. Die Urgroßmutter Emmy ist gut fühlbar, auch Groß groß Onkel Charles, dafür Urgroßvater viktor eigentümlich wenig.

Das Buch ist spannend und sehr gut zu lesen. Die Übersetzung ist sehr sehr gut.
Viel Freude bei diesem Bericht über Kunst und Geschichte von Europa und Japan.

Edmund Arthur Lowndes de Waal wurde am 10. September 1964 in Nottingham, England geboren. Er lernte bereits in der Schule das Töpferhandwerk, studierte dies in Cambridge weiter und arbeitet als ein britischer Keramiker und jetzt auch Professor an der Uni Westminster. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.  

Mittwoch, 6. Januar 2016

Timur Vermes : "Er ist wieder da"

Timur Vermes :
"Er ist wieder da"
Roman
2012, Eichborn Verlag bei Bastei Lübbe GmbH & Co KG Köln
390 Seiten
ISBN 978-3-8479-0517-2

In dieser bitterbösen Satire erwacht Herr Hitler im August 2011 mitten auf dem Bauplatz in Berlin. Über den Kontakt eines Zeitungsstandlers wird er Fernsehmenschen vorgestellt, die sofort von dieser Comedy Nummer begeistert sind. Hitler wird in ein Hotelzimmer verfrachtet, lernt Vormittagsfernsehen und die derzeit gängigen Politiker und wird als Comedy-Ergänzung dem Publikum vorgestellt. Er hat sofort Erfolg, bekommt eine nette junge Frau als Assistentin, die wie alle anderen davon fasziniert ist, wie er die Rolle 'Hitler' durchhält. Im Rahmen des Erfolges besucht er erstmals das Münchner Oktoberfest; in Berlin wird er von einer nationalen Gruppe zusammengeschlagen und er denkt über die Übernahme einer kleiner Partei zur weiteren Machtübernahme nach.

Der Autor hat Geschichte studiert, was in den präzisen Informationen im Kampf um Berlin und auch geschichtlichen Bemerkungen fühlbar ist. Allerdings ist das Buch vermutlich mehr etwas für Menschen denen die Größen des damaligen Reichs aus ihrem Geschichtsunterricht oder Eigeninteresse etwas sagen; wer bei Namen wie Himmler, (Hermann) Göring, Goebbels oder gar Heß und Stauffenberg strauchelt bekommt vieles vermutlich nicht (geschweige von der Einsatztruppe Steiner). Auch Namen wie Wolfsschanze etc. sind als Grundwissen brauchbar um die Feinheiten im Buch erkennen zu können.

In den Kommentaren über die Medien wie Internet, die Fernsehprogramme und die Zeitungen die der Figur Hitler in den Mund gelegt werden sind bitterböse, oft punktgenau und bringen mit ihrer Bösartigkeit zum Grinsen. Kommentare zum Vormittagsfernsehen wie "heliumbelichtete Muse" bringen sehr zum Lachen, Kommentare über das auflagenstärkste Blatt Deutschlands und den medialen Nutzen mit den großen Buchstaben um ältere Menschen zu manipulieren lassen den Humor fast im Hals stecken bleiben.
Auch die aktuelle Politik wird nicht von des Hitlers Figur Kommentaren verschont - die Kanzlermatrone hat bei ihm keine guten Karten.
Die Bemerkungen über das Sauf- und Dekolleté-verhalten am Müncher Oktoberfest sind ebenfalls bitterböse und treffen nicht den Geschmack des Vegetariers, der auch dort nur Mineralwasser trinkt.

Erschreckend gut ist der Stil Hitlers in den Comedy Shows getroffen, in denen der abgehackte Rhetorikstil schauerlich gut getroffen ist, auch in der Art der Manipulation der Zuhörenden.

Die Fiktion daß das Umfeld davon fasziniert ist wie sehr diese Figur den Hitler durchzieht, wird durch das Umfeld im Fernsehkanal gezeigt. Die nette junge Frau, die ihm als Sekretärin zugeteilt wird, sprich ihn wirklich mit "meen Führa" an, und auch das Schicksal daß die Familie ihrer Großmutter als illegale Juden im Konzentrationslager umkam, ändert nichts. Für sie ist der Komödiant nur jemand der genial mit "Method Action" in den Charakter geschlüpft ist. Für andere Menschen im diesem Team ist er Träger für Einschaltquoten, was das einzige Ziel ist bis auch noch die Merchandising Maschine anläuft.

Die fast vierhundert Seiten sind teilweise wunderbar rasch lesbar, zwischen Seite 2oo und 3oo wurde es dann etwas mühsamer, bis die Neugier kam welche Ende das Buch haben wird. In Summe ein sehr lesenswertes Buch, bei dem immer wieder die Frage ist auf wie dünnem Eis die Satire hier tanzt.

Timur Vernes wurde 1967 in Nürnberg geboren. Sein Vater kam 1956 aus Ungarn und heiratete eine deutsche Frau. Er studierte Geschichte und Politik und wurde Journalist. Seine Artikel sind in 'Abendzeitung', Kölner 'Express' und die 'Zeit'. Seit 2009 ist er auch Ghostwirter für diverse Bücher. "Er ist wieder da" wurde ein Bestseller und wurde verfilmt.

Sonntag, 14. Juni 2015

Edle Astrup Hubay : "Licht und Schatten"

Edle Astrup Hubay :
"Licht und Schatten" - Autobiographie
original "Medljen har to sider"
1980, H. Aschehoug & Co
aus dem Norwegischen übersetzt von Alexia Gerhardus
Verlag Publication PN Bibliothek der Provinz
Hrsg Richard Pils
233 Seiten inkl. Vorwort, Epilog und Nachwort der Übersetzerin
ISBN 3 85252 534 9

In dieser Autobiographie erzählt eine junge Frau über ihr Leben in der Zwischenkriegszeit in Europa, im Krieg und nach dem Krieg in Ungarn und der Flucht aus dem diktatorischen kommunistischen Ungarn.

Edle, das ist ein norwegischer Vorname, kein deutschsprachiger Titel, erlebt als in Norwegen geborenes Mädchen aus wohlhabenden Verhältnissen die europäische Zwischenkriegszeit in Oslo, London und Paris. Über eine Freundin aus der Schulzeit lernt sie in Ungarn den Maler und Sohn des Komponisten Jenö Hubay Andor Hubay kennen. Sie heiraten und binnen einen Jahres lernt sie ungarisch, das sie braucht um sich mit den Hausangestellten und den Menschen in der Landwirtschaft unterhalten zu können. Sie leben in einen Palais in Budapest, oder zwei Stunden entfernt auf einem Landgut, das auf mittlerweile tschechischen Boden steht; der dritte Wohnsitz ist weiter entfernt, aber sehr charismatisch. Auf den Reisen durch Europa sehen sie das Aufkommen des Nationalsozialismus, der Andor empört. Vor dem Krieg kommt noch ihre Tochter auf die Welt. Dann kommen die Flüchtlingsströme aus der Tschechoslowakei und Polen - alle auf der Flucht vor den Nationalsozialisten und dem Krieg. Erst als die Russen Ungarn überrollen wird es massiv schlechter; Frauen müssen sich in Sicherheit bringen, was oft nicht gelingt, viele schöne oder einfach nur notwendige Hausratssachen werden ruiniert oder mit dem Argumente, daß Krieg ist, gestohlen. Freundschaften werden in dieser Zeit aufgebaut, mit Menschen die sie Jahre später als in Ungarn der Kommunismus eingebrochen ist, in der Ferne auch weiterhalten. Nachdem Krieg helfen zuerst alle zusammen um das Land aufzubauen - Andor geht wieder zu Herend (Porzellanfabrik). Als nach den freien Wahlen die Kommunisten trotz nur 17% Wahlanteil die Macht übernehmen und zu verstaatlichen beginnen, flüchtet die kleine Familie mit Glück zuerst nach Norwegen, wo der Sohn Laszlo auf die Welt kommt. Später reisen sie in das fernste, aber noch europäischste Land : Portugal. Auch hier arbeitet Andor wieder als Chef der Porzellanfabrik, bis die Nelkenrevolution über das Land bricht. Andor wird Lehrer, und die Familie ist trotzdem glücklich. Andor starb am 19. Februar 1971 in Portugal.

Im Nachwort wird erzählt, daß alle Bemühungen der Familie Hubay wenigstens einiges an Grund und Boden von Ungarn zurückzuerhalten, abgeschmettert werden. Immerhin schaffen sie es in Ungarn, daß das Gedenken an den Komponisten und Violinisten Jenö Hubay wieder existent ist. Seine Kompositionen und Violinbearbeitungen werden jetzt wieder gespielt und auf CD eingespielt.

Das Buch ist faszinierend, weil zuerst die Leichtigkeit mit der Kontakte und Menschen der Zwischenkriegszeit beschrieben werden. Als es dann hart auf hart geht, ums Überleben, ums Nahrung auftreiben, Freunde die an Regime verloren gehen, und die Frage ist welche Werte gelten und wie man innerlich durchhält, stark berühren.
Die Abschnitte russischer Übergriffe, Respektlosigkeit und Gewalt gegenüber Frauen und allem was nicht niet- und nagelfest ist, gehen ziemlich unter die Haut.
Die Zeit nach dem Weltkrieg als die früheren Schloßbesitzer als Angestellte für Amerikaner arbeiteten, und das Leben von dieser Seite kennen lernten, war mit Realismus und zartem Humor geschildert.

Die Sprachen die in dem Buch als Selbstverständlichkeit gesehen werden, haben mich beeindruckt. Frau Astrup Hubay dürfte norwegisch, englisch, französisch, deutsch, italienisch (?), ungarisch und dann portugiesisch gesprochen haben. Die Tochter Rozanne lernte ungarisch, hatte ein Schweizer Kindermädchen für deutsch und französisch, dann kamen englisch, portugiesisch dazu.

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und beschreibt meist linear die Ereignisse. Die Sprache ist klar und direkt, ohne zu verletzen.

In Summe ein faszinierendes Buch, das ich nicht weglegen konnte, da ich wissen wollte wie es weiter geht, ob die Reisen/Flucht klappen/klappt und wie das Leben ohne Paß aber durch hilfreiche Menschen funktionierte. Für mich ein Stück europäischer Geschichte.

Edle Astrup Hubay starb am 3. Februar 1989 in Portugal.

Mittwoch, 13. Mai 2015

Verena Boos : "Blutorangen"

Verena Boos :
"Blutorangen"
2015, Aufbau Verlag
398 Seiten, 2 Seiten Inhaltsverzeichnis, 3 Seiten Dank und Quellen
ISBN 978-3-23594-5

Dieser dicht geschriebene Roman erzählt springend zwischen den Jahren 1939 (folgende), 1990 und 2004 spanisch-deutsche Kriegsgeschichte mit französischen und russischen Elementen in zwei (Familie Maite) und drei (Familie Carlos) Generationen.

Maite (Maria Theresa) und Carlos lernen einander in Bayern am Berg kennen. Sie ist seit einigen Monaten Austauschstudentin aus Valencia in München. Bei einem Familienfest lernt sie den Großvater Antonio kennen, und sieht ein Photo in der Küche in einer Uniform, die auch ihr Vater auf einem Photo trug, das sie verbotenerweise gesehen hatte.
Ab hier entrollt sich die Geschichte nach vorne und hinten für Maite und Carlos, für Franco-Spanien, für eine spanische Truppe die Hitler zu Hilfe geschickt wurde und Leningrad belagerte, für Franco-Gegner die in Frankreich interniert und Hitler ausgeliefert wurden, und Greuel zwischen Franco-treuen und Franco-Gegnern die erst spät aufgeräumt werden (können).

Carlos Großvater Antonio mußte mit seiner Frau Julia und Tochter Pau(l) fliehen; er geriet nach Deutschland, fand Unterschlupf und Arbeit am Bauernhof, Frau und Sohn kamen nach dem Krieg nach; Paul heiratete Margot, eine wunderbare Frau die die Familie zusammenhielt, nachdem Julia ihre Couture wünsche in Paris umsetzte. Sohn Carlos brachte Maite mit; Antonio hilft Maite spanische Hintergrundgeschichte zu verstehen. Am Schluß bricht auf, daß Antonio seinen ermordeten Vater begraben und dann wieder entdecken half.
Maites Vater war bei Blauen Division, dann bei der Guardia Civil. Seine große Liebe hat seinen Bruder Luis geheiratet. Mit Strenge und Disziplin erzog Francisco seine zwei Söhne und zwei Töchter; nur Maite rebelliert. Erst am Schluß entdeckt Maite, daß in ihrer Familie auch Franco-Feinde waren, denn ihre Mutter Isabel hatte ihre komplette Familie verloren und erst durch Francisco wieder einen sicheren Platz im Leben gefunden.

Die Personen die am meisten begleitet werden sind die beiden alten Herren Antonio und Francisco mit ihren gegenseitigen Werten und Leben, Maite die recherchiert und Margot die zusammenhält. Carlos tut gut, Pau(l) schweigt und ist seltsam abwesend, Isabels Wärme und ihre Werte kommen erst spät zur Geltung.

Die historisch belegte Tatsache der "Blauen Division" ('División Azul'), in der Franco Hitler wirklich 40.000 Menschen zur Hilfe gegen Stalin zur Unterstützung sandte, waren mir bis dato unbekannt. Die Schilderungen rund um die Belagerungen Leningrad in der fürchterlichen Kälte sind eindrücklich geschildert (Im Nachwort ist die Quelle angegeben).
Daß in Frankreich die Flüchtlinge aus Franco-Spanien interniert worden waren und an Deutschland Richtung Mauthausen weitergingen, war auch neu (Quelle Nachwort).
In Spanien werden seit den 2000-er Jahren nach Informationen Überlebender die ungeweihten Massengräber gesucht und versucht den Familien zumindest einen Teil der Fragen zu beantworten.

Mich hat das Buch fasziniert. Ich habe zwei Monate daran gelesen, wobei ich zwischendurch unterhaltsamere "leichtere" Kriminalromane als Gegenpol las.
Obwohl die Geschichte spannend ist und ich wissen wollte wie das Ende sein wird, ist der Stil der Sprache und Bilder im Kopf für mich schön, daß ich mir auch dafür die Zeit nahm. Beispielsweise : "Republik Maite" (S.44), "hing ihr die Verlorenheit in den Wimpern wie Schnee" (S. 304) etc.

Die titelgebenden Orangen sind das Verbindende, denn die Familie Maites hat eine Orangenplantage bei Valencia und Carlos Großvater findet nach dem Krieg Arbeit am Großmarkt in München und baut dort einen Obst-Gemüse-Handel (inklusive Orangen) auf. Orangenpapier gab es um den zweiten Weltkrieg und noch lange danach; für die älteren Herren bilden sie wertvolle Erinnerungsstücke.

Mich hat dieser Roman, der mir neues aus spanischer (und europäischer) Geschichte beibrachte, sehr berührt. Ich wünschen allen Lesern und Leserinnen daß ihnen dieses Buch und seine Sprache ebenso gut gefällt wie mir.

Verena Boos wurde 1977 in Rottweil (Deutschland) geboren. Sie studierte Anglistik, Soziologie und promovierte in Zeitgeschichte und arbeitet als Journalistin, Referentin und Autorin. Sie lebt in Frankfurt.

Mittwoch, 20. August 2014

Lea Singer : "Konzert für die linke Hand"

Lea Singer :
"Konzert für die linke Hand" - Romanbiographie über Paul Wittgenstein
2008, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
2011, Deutscher Taschenbuch Verlag
448 Seiten  + 5 Seiten Epilog +5 Seiten Komponisten und Werke Paul Wittgenstein gewidmet +  1 Seite Familie Karl und Leopoldine Wittgenstein
ISBN 978-3-423-21323-3

Anhand des zweitjüngsten Sohnes und späteren Pianisten Paul Wittgenstein erzählt dieser Roman über das Familien- und Gesellschaftsleben des Heranwachsenden, den ersten Weltkrieg bis zum Zeitpunkt als der Wien/Österreich/Europa wegen der Machtnahme der Nationalsozialisten verlassen muß.

Der dominante, erfolgreiche, einflußreiche Vater Karl diktiert das berufliche und private Leben seines Umfelds. Neun Kinder bringt ihm seine ihn verehrende Ehefrau Leopoldine (Poldi) auf die Welt. Ein Sohn verschwindet als Erwachsener, einer begeht Selbstmord und das Leben geht in engen Linien weiter. Der reiche Vater gönnt sich und der Gesellschaft die besten Künstler und unterstützt mit Aufträgen und Einfluß. Gegen die Doktrin, daß keines seiner Kinder selbst künstlerisch tätig sein darf setzt sich erst Paul mit seinem Wunsch Pianist zu werden durch. Der Vater stirbt vor Ausbruch des ersten Weltkrieges.
Paul ist Offizier und geht nach Galizien und weiter, verliert seine rechte Hand und kurz darauf seine Freiheit durch russische Kriegsgefangenschaft. Erst 1916 wird er eingetauscht. Er ist von der Idee Leschetitzkys von der Möglichkeit auch mit einer Hand als Pianist Erfolg zu haben angetan, übt, spielt einschlägiges und beginnt nach dem Weltkrieg Komponisten nach Kammermusikwerken und Orchesterwerken zu beauftragen. Die Gesellschaft anerkennt seine Leistung an, die älteren Schwestern werden nicht müde sich für den jüngsten Bruder Ludwig (später Philosoph in Oxford) zu engagieren und immer Paul vorzuziehen. Auch in das Liebesleben Pauls mischen sich die Schwestern menschenverachtend ein. Am Ende des Buchs geht Paul über Schweiz in die USA und Kuba, und holt mit viel Mühen seine blinde Geliebte (dann Ehefrau) und die heimlichen Kinder nach.
Der Epilog erzählt dann in rascher Form die Jahre zwischen 1938 und zum Tod (1961).

Mich haben einige Passagen sehr fasziniert. Beispielsweise : die Schilderungen der Kriegsgefangenschaft in Rußland, mit dem Querverweis, daß Fjodor Dostojewski auch in einem der Gefängnisse in den Paul war, gesessen hatte. Die Schilderungen wie abgehoben die Familie lebte und nach dem Zusammenbruch von Kaiserreich, Landwirtschaft, Gesellschaftsnormen als das Elend übergriff fast unbeteiligt war. Die Schilderungen von Paul Hindemith, Erich Wolfgang Korngold, Sergej Prokofieff und Maurice Ravel, als Paul Kompositionen beauftragte aber auch in seinen Erwartungen enttäuscht wurde.

Die Figuren sind schön geschildert - die Eltern, die Geschwister, die lesbischen Tanten, die Doppelbödigkeit der homosexuellen Brüder, die treuen Diener, Künstler wie Klimt, Engelmann, Mahler, Laber, Korngold Vater und Sohn, R. Strauss und Gattin, etc.
Die langen Spaziergänge die Paul durch Wien unternimmt sind nachvollziehbar, die unterschiedlichen Gegenden und Hausbauten schön gezeichnet.
Der Wandel im Leben als die Menschen in Wien in die Armut schlittern, und menschenverachtende zuerst politisch unverträgliche Bünde dann Machthaber agieren, bis zum Erkennen, daß er gehen muß ist gespenstisch.

Als selbst etwas Klavier klimpernder Mensch vermisse ich in dem Buch das Haptische des Pianisten. Es werden die Werke musiktheoretisch beschrieben, aber wie es ist wirklich am Klavier zu sitzen und die Tasten zu spüren und Musik auszudrücken, vermisse ich bei den Schilderungen des Buchs.

In Summe ein gutes Buch für Leser und Leserinnen, die mit Musik und den ersten 40 Jahren des 20. Jahrhunderts in Wien umgehen können. Viel Vergnügen !

Eva Gesine Baur wurde am 11. August 1960 geboren. Ihr Pseudonym Lea Singer verwendet sie für Nicht-Sachbücher. Sie hat Kunstgeschichte, Musikgeschichte, und Literaturwissenschaft studiert. Sachbücher veröffentlicht sie unter ihrem eigenen Namen. Sie lebt in München und ist beidhändig.

Dienstag, 25. März 2014

Erich Hackl : "Abschied von Sidonie"

Erich Hackl :
"Abschied von Sidonie"
Erzählung
1989 erstmals bei Diogenes erschienen
als Taschenbuch 1991
122 Seiten
ISBN 978-3-257-22428-3

Abschied von Sidonie ist die wahre Geschichte eines Mädchens das 1933 in Steyr ausgesetzt wird. Das Mädchen ist vom Aussehen her Zigeunerin und es dauert bis sich eine Pflegefamilie findet. Josefa umgibt das Mädchen mit viel Liebe und Zuneigung und kuriert alle Krankheiten aus. Ehemann Hans, ein überzeugter Sozialist, gibt diesem Mädchen, seinem Jungen und einem weiteren Pflegemädchen was er kann. Die Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit liegt danieder, Arbeitslosigkeit ist üblich, harte Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Milizen schaffen zusätzliche Unsicherheit. Trotzdem klappt das Leben irgendwie. Eng wird es erst als die Nazis die Macht übernommen haben, und Mitte des Krieges fordern, daß das Kind zur biologischen Mutter zurückkehrt. Von hier geht der Transport ins Konzentrationslager, in dem Sidonie an Essensverweigerung stirbt. Für die Pflegeeltern eine Aneinanderkettung von Ereignissen, die sie nicht vergessen können.

Am stärksten ist Josefa gezeichnet. Wie diese Frau sich um die ihr Anvertrauten mit Zuneigung und mit Energie kümmert, und nicht aufgibt ist imponierend gezeichnet. Sidonie wird als ein liebes liebevolles Mädchen geschildert, vielleicht nicht übertrieben gescheit, aber bemüht. Hans versucht seinen Überzeugungen treu zu bleiben, auch als ihm der Wind entgegenweht. Diese Überzeugungen machen es nicht leichter nachdem die Greuelzeit vorbei ist den Verlust der Ziehtochter zu verschmerzen.

Meist schreibt/ beschreibt der Autor von außen berichtend und läßt Taten und Gespräche für sich stehen; und bringt dadurch zum Nachdenken. Die Seite als er die neutralere Berichterstattung verläßt und fragt warum wer nicht wann was gemacht hat um ein anderes Ende herbeizuführen, macht dem Nachdenken ein ziemlich abruptes Ende.
Der Autor hat die Geschichte in vielen Gesprächen, und Unterlagen / Berichte Recherchen erarbeitet. Ihm half einer echter Bruder von Sidonie, der sie erst in den letzten Tagen bei der biologischen Mutter kennengelernt hatte.
Auf einer Seite wird die Parallelgeschichte einer Margit erzählt: auch sie war Pflegekind, nur haben hier alle umgebenden Menschen geholfen, daß das Mädchen nicht zurück zur biologischen Mutter und damit in den Tod gehen mußte. Eine kleine Geschichte aus Kärnten.

Ich konnte mich nicht dem Eindruck erwehren, daß das Buch aus einem bestimmten politischen Bereich kommt, was es nicht einfacher macht die karge und umkämpfte Zwischenkriegszeit objektiv zu sehen.

In Summe ein starkes beeindruckendes Buch, das hinterfragt wie weit persönliche Verantwortung gehen darf / soll /will.

Erich Hackl wurde am 26 Mai 1954 in Steyr /Oberösterreich geboren. Er studierte Germanistik und Hispanistik in Salzburg, Salamanca und Malaga. Er unterrichtete zuerst deutsch und spanisch in Wien, war dann am Institut für Romanistik an der Universität Wien. Er schreibt seit 1983, und ist Übersetzter aus dem Spanischen. Er lebt in Wien und in Spanien.