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Donnerstag, 7. Juli 2022

Robert Whitaker : "Die Frau des Kartographen"

Robert Whitaker
„Die Frau des Kartographen und das Rätsel um die Form der Erde“
Original : „The Mapmaker's Wife. A True Tale of Love, Murder and Survival in the Amazon“
2004, Basic Books, New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Enrico Heinemann und Werner Roller
2005, Karl Blessing Verlag
327 Seiten (inkl. Abbildungen) – vordere und hintere Innenseite Karte des oberen Südamerika mit der Reise von Isabel Godin – 1 Seite Inhaltsverzeichnis – 4 Seiten Vorwort – 3 Seiten historische Persönlichkeiten – 18 Seiten Anmerkungen – 7 Seiten Bibliographie – 3 Seiten Danksagung – 4 Seiten Register
ISBN 3-89667-235-5

Der Autor vermengt zwei Erzählstränge : auf der einen Seite erzählt er vom Bestreben der Wissenschaftler zur Zeit der Aufklärung die Form der Erde zu bemessen, um herauszugekommen ob die Erde eine Kugel, eine Melone und wie abgeplattet die Pole der Erde sind. Frankreich und Spanien sind in den 30-ger Jahren des 18 Jahrhunderts verfeindet, Spanien läßt (fast) niemanden in das reiche Land Peru, die Wissenschaftler sind entweder für Newton oder Cassini, als eine Gruppe Wissenschaftler 1735 nach Südamerika zu Vermessung geschickt wird, und eine kleine Truppe nach Lappland, auch hier um Bogendirektionen nach zu triangulieren. Während Lappland einfach und kurz gehandhabt wird, dauert die Reise nach und in Südamerika fast ein Jahrzehnt.

Leiter der Expedition waren Charles-Marie de La Condamine, Pierre Bouguer und Louis Godin, unterstützt von weiteren Wissenschaftlern, Assistenten, und Dienern (denen nicht einmal ein Name zugestanden wurde / neben dem Ruhm gab es weitere Ungerechtigkeiten, denn nur den drei Leitern wurde die Rückreise nach Frankreich gezahlt, was ziemliche Probleme machte).
In Südamerika wurden ihnen zwei naturwissenschaftlich interessierte Offiziere zur Seite (und eigentlich zur Kontrolle) gestellt, die später selbst durch genaue Informationen bekannt wurden.

Die Forschungstruppe reiste oft in getrennten Gruppen, die einen über die Anden, die anderen im Flußbereich und sammelten Erfahrungen, verloren Gepäck, widmeten sich der Aufnahme von Flora und Fauna und sachlichen Betrachtungen, die frei von religiösem, politischen oder fantasiesüchtigen Ansätzen waren (im Gegensatz zu vielen Berichten davor. Sie beschrieben ebenfalls wie schlecht mit den Indios umgegangen wurde).
In den Städten galten wie in Frankreich und Spanien übertriebene Ehr-Regeln, die auch hier zu Problemen führten.

Der zweite Strang geht um Isabel Gramesón, verheiratet seit 1741 mit Jean Godin (Neffe von Louis Godin), die es als Frau durch den unwirtlichen Amazonas von Ecuador bis Französisch-Guyana schaffte um nach mehr als zwanzig Jahren endlich wieder ihren Ehemann zu treffen.

Während mich die Kapitel, in denen die Wissenschaft um die Vermessung der Welt (und persönliche Befindlichkeiten) diskutierte, der Einfluß von Politik und Religion, die Arroganz und Brutalität mit der Militär und Kirche in Südamerika vorging und damit viele Indio-Stämme auslöschte sehr faszinierte, hat mich die bellitristische Art wie über Isabel Gramesón und die Liebesgeschichte, sowie die Religiösität der Dame geschrieben wurde, abgestossen.

Die fünfzehn Kapitel sind mit alten Stichen, die Portraits und Landkarten zu diversen Zeitpunkten zeigen ergänzt. Einige zeigen auch die Meßinstrumente die über die Meere und durch die Berge geschleppt wurden. 

Der Autor ist Journalist / Wissenschaftsjournalist. Leider fand ich kein Geburtsdatum von ihm. 2001 erschien sein Buch "Mad in America", 2011 erschien "Anatomy of an Epidemic".

Donnerstag, 15. Juni 2017

Juan Gómez Bárcena : "Der Himmel von Lima"

Juan Gómez Bárcena :
"Der Himmel von Lima"
Roman
original "El Cielo de Lima"
2014, Editorial Salto de Página, S.L. Madrid
Aus dem Spanischen von Steven Uhly
2016, Secession Verlag für Literatur, Zürich
308 Seiten
ISBN 978-3-905951-95-0

Der Roman führt durch vier Kapitel : Komödie - eine Liebesgeschichte - eine Tragödie - Ein Gedicht. José und Carlos sind reiche junge Männer in Lima (Peru) die sich als Dichter sehen, statt sich auf die Nachfolge in den Firmen der Väter vorzubereiten. Um näher an einen bewunderten Dichter in Spanien heranzukommen erfinden sie eine junge Frau, in deren Namen sie dem Dichter bewundernde Briefe zu schreiben mit dem Ziel ein Gedicht dafür zu erhalten. Die Briefe gehen 1904 / 05 noch per schiff, die Damen sind entweder elegant zurückhaltend oder in Bordellen beschrieben. Die jungen Möchte-gern-Dichter holen sich Ratschläge bei Magister Cristóbal, der auf dem Hauptplatz von Lima als Schreiber für Analphabeten und für Verliebte agiert. Der Dichter im fernen Spanien schreibt immer zärtlicher und verliebter, José und Carlos zerstreiten sich, der Dichter plant ein Schiff zu nehmen und die erfundene junge Frau darf endlich an Schwindsucht sterben.

Der Schreibstil ist langsam und bewußt. Der Autor nimmt sich Zeit das damalige Peru, seine alte Oberschicht, die Neureichen, die Hobbies der Reichen, aber auch Politik die Arbeitern etwas menschenwürdiges Leben zugestehen möchte, und Bordelle bei denen dieser Ehrgeiz nicht vorhanden ist zu beschreiben.

Im Mittelpunkt stehen für mich José und Carlos. Beide sind reich, aber Carlos' Vater hat sich vom Kautschukarbeiter hinaufgearbeitet. Er versucht seinen Sohn zum Mann zu machen und fast peinlich in die bessere alt-reiche Gesellschaft zu bringen. Während Jose kein Problem hat die Bordelle zu besuchen, ist es eines für Carlos. Da Carlos eine schönere Handschrift nachmachen kann und somit die erfundene 'Georgina Hübner'-Briefe schreibt, nennt ihn José halb scherzhaft halb ärgernd 'Carlota' was v.a. in der jungen Männer Runde zum Problem escaliert. José ist der verwegenere der beiden, sammelt aber die Briefe des angeschwärmten Dichters; Carlos erfindet als Bub einen imaginären Freund, weshalb er auch eher das Gespür hat wie sich die erfundene Frau verhalten könnte.
Faszinierend finde ich die Gestalt des Magister Cristóbal, der nach einem Krieg als Schreiber am Hauptplatz zurückkehrt. Die Kapitel in denen er den beiden jungen Männern über den Reiz und Nicht-Reiz der Frauen die Chemie zwischen Mann und Frau zu erklären sucht sind sehr unterhaltsam.

Eigenartig sind die Stellen in denen Carlos zu einer Hure geht. Die anderen Mädchen/Frauen in dem Haus haben Namen, nur die die er besucht ist/bleibt namenlos.

Der Schriftsteller vergleicht Liebesgeschichten aus der Literatur wobei "María" von Jorge Isaacs aus Kolumbien neu für mich war.

Für diesen Roman sollte man sich Zeit nehmen, denn er ist nicht einfach von links oben nach recht unten zu lesen; ich habe ihn aber genossen. Viel Freude beim Lesen !
   
Juan Gómez Bárcena wurde am 5. Dezember 1984 in Santander (Spanien) geboren. Er studierte Literaturtheorie und Vergleichende Literatur sowie Geschichte in Madrid und auch Philosophie. Er arbeitet als spanischer Autor, Literaturkritiker  und Dozent für 'Kreatives Schreiben'. Derzeit lebt er in Barcelona.

Freitag, 15. August 2014

Mario Vargas Llosa : "Der Hauptmann und sein Frauenbataillon"

Mario Vargas Llosa :
"Der Hauptmann und sein Frauenbataillon"
Roman
original "Pantaleón y las visitadores"
1973, Editorial Seix Barral S.A., Barcelona
Aus dem Spanischen von Heidrun Adler
1984, Suhrkamp Taschenbuch 959
copyright der deutschen Übersetzung - 1974 bei Claassen Verlag, Düsseldorf
278  Seiten
ISBN 978-3-518-37459-1

In diesem skurrillen bis bösartigen Roman nimmt Vargas Llosa das Militär mit seiner Doppelbödigkeit aufs Korn, bei dem Manneskraft gewünscht, aber sexuelles Leben tabu ist.

Der naive Unteroffizier Pantaleón Pantoja wird mit Ehefrau und Mutter nach Iquitos, ins heißblütige Amazonien mit seinen leidenschaftlichen Laretaniern entsandt, um Übergriffen der Soldaten auf die weibliche Bevölkerung Einhalt zu gebieten. Er wird beauftragt - im geheimen - die TBDGGK (TruppenBetreuungsDienst für Garnisonen, Grenzposten und andere Kommandos) aufzubauen. Gehorsam arbeitet er sich in das Milieu der Huren, "Wäscherinnen" und sonstige Gewerbe der Nacht ein, stellt Statistiken des durchschnittlichen Bedarfs an Zeit, Qualität je Soldat je Betreuerin. Das Projekt wird ein Erfolg, weil die Übergriffe zurückgehen.
Daß parallel ein geistiger Mann, Pater Francisco, eine Sekte aufbaut in der zuerst Tiere, später aber auch Menschen ans Kreuz genagelt werden, beunruhigt die Bevölkerung dann weniger.
Da die Betreuerin nur für die niederen Chargen des Militärs requiriert werden, sorgt bei höheren Rängen und abgelegenen Dörfern für Unmut, da jeder vermeint hier Rechte zu haben. Die Climax ist der Überfall auf ein Schiff mit Damentransport, einer Toten, einer emotionalen Abschiedsrede von Pantaléon und "Pantilandia" wird von den Militärs, weil es dem Ruf schadet, gestrichen. Der naive Offizier in die kälteste Region des Landes geschickt.

Stilistisch ist das Buch unterschiedlich aufgebaut. Auf der einen Seite klare Berichte an das Militär und Aufträge, erzürnte Briefe vom Militärkaplan, und sprudelnde von Pochita der Ehefrau des Unteroffiziers. Dazwischen Kapitel in denen fast die Absätze zwischen den handelnden Personen springen, und die es erfordern sehr wachsam mitzulesen wer jetzt gerade dran ist. Allerdings fand ich die Komik hier sehr gut und hat mich durchgetragen.

Befremdend fand ich die Tatsache, daß den Betreuerinnen fast ein acht Stunden durchgängiger Job zugemutet wird. Auch der nicht unwichtige Punkt daß hier verhütet werden sollte, ist hier offenbar nicht bekannt.

Die Absätze über das hysterische Wirken der Anhänger des Franciscos, der am Schluß stirbt, waren eigen. Was das Kreuzigen von Getier bringen soll, geht unter. Die Energie dieser Massen ist lange stärker, als die Macht und Waffen der Soldaten.

Die Personen sind durchaus vorstellbar geschildert - von den verschiedenen mehr oder minder verlogenen oberen Rängen im Militär, ein schmieriger bestechlicher Journalist, die unterschiedlichen 'Betreuerinnen', die Aufpasser, ein guter Freund von Pantaleon, Frau Leonor die bemutterne nervende Mutter von ihm und die liebenswerte Pochita, Frau von Pantaleón.

In Summe ein grandioses Buch, das zwar konzentriert zu lesen ist, aber die Spannung hält. Viel Vergnügen !

Mario Vargas Llosa wurde 1936 in Areqipa, Peru als Kind einer spanischern Mutter und eines peruanischen Vaters geboren. Er ist Schriftsteller, Journalist und in liberalen Partein aktiv; seine Wahl zu Präsendenten scheiterte. Der "Hauptann und sein Frauenbataillon" ist sein fünfter Roman; 2013 ist sein 22. erschienen. Er lebt in Lima und Madrid.