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Freitag, 4. Juli 2025

Zelba : "Der große Zwischenfall"

Zelba (Text und Illustrationen):
"Der große Zwischenfall" - eine feministische Fabel im Museum
original "Le Grand Incident"
2023, Futuropolis - Louvre éditions
Übersetzung aus dem Französischen von Silv Bannenberg
2025, Helvetiq AG
112 Seiten + 3 Seiten Nachwort von Zelda + 1 Seite 'Susanna und die Ältesten' + 2 Seiten 'Der Akt in der Kunst' + 2 Seiten Dank
ISBN 978-3-03964-092-8

In dieser faszinienierend schön gezeichneten Graphic Novel geht es um den Streik der nackten weiblichen Statuen und gemalten Frauen im Louvre, weil ihnen die bösen Bemerkungen der älteren Männer und Zudringlichkeiten der Schüler zu viel sind. Nur die Chefin des Putzpersonals hat den steigenden Mißmut der zur Schau gestellten Damen gemerkt, wird zuerst gefeuert als sie dies dem Direktorium mitteilt, und später als Vermittlerin eingesetzt. Sie hat zu vermitteln, daß Männer nur nackt in Museum dürfen  - Schal bei Verkühlung wird gerade noch akzeptiert.
Parallel zur Emanzipation der Statuen und Gemälde findet ein umgedrehtes Spiel im Direktorium statt : der kleine gescheite Kunsthistoriker hat gegen seine große eloquente Schwester im Auftreten keine Chance - aber er ist  Direktor, und sie ist die Assistentin, wobei beide immer wieder die Rollen wechseln.
Es gibt schöne Lösungen am Ende für viele.

Es dauert ein bißchen bis ich in diese Geschichte eingetaucht bin, wobei mich die Illustrationen von anfang an faszinierte. Die Idee mehrfarbig zu arbeiteten gefällt mir sehr gut. 

Knackpunkt der Geschichte ist, als der Herr Direktor als Assistentin in Rock und Stöckln an einem Baugerüst am Louvre vorbeistockelt und ihm nachgepfiffen wird. Erst hier beginnt er zu verstehen, warum die Schönen der Kunst so empört sind.

In einige Szenen beginnen die männlichen Statuen und Gemälde zu plaudern. Ich habe mich sehr gut unterhalten.

In Summe ein Buch, das mich sehr gut unterhalten hat, wobei mich vor allem die Illustrationen und schönen Linien beeindruckt haben.

Wiebke Petersen alias Zelba wurde am 18. Juni 1973 in Aachen geboren. Sie wuchs in Aachen und Essen auf, aber sie lebt und arbeitet seit 1998 in Saint-Etienne in Frankreich. Bevor sie Illustratorin wurde, war sie Juniorenweltmeisterin im Rudern. Sie hat bereits zwei Graphic Novels veröffentlicht: 'Im selben Boot' (2019) und 'Mes mauvaises filles'. Zelba lebt mit ihrer Familie in Frankreich.

Donnerstag, 8. Mai 2025

Karosh Taha : "Beschreibung einer Krabbenwanderung"

Karosh Taha :
"Beschreibung einer Krabbenwanderung"
Roman
2018, DoMont Buchverlag Köln
200 Seiten + 1 Seite Danksagung + rotes Lesebändchen
ISBN 978-3-8121-9880-0

Sanaa lebt mit ihren Eltern, ihrer jüngeren Schwester und vielen ebenfalls kurdischen Familien in einem deutschen Hochhaus. Sie ist Studentin, trifft sich aber parallel mit zwei jungen Männern, und lebt ein westliches Leben. Ihr Sorge gilt ihrer Mutter Asia, die meist träumend am Balkon steht, oft vergißt etwas zu kochen, und dünn und schmal ist. Ihre Schwester ist einiges jünger, und am Beginn der Pubertät. Ihr Vater, der die treibende Kraft zur Übersiedlung nach Deutschland war, wechselt dauernd seine Hilfsjobs und ist selten bei seiner Familie.
Meist sitzt Besuch auf der Wohnzimmercouch; zwei dicke Tanten machen es sich bequem, rauchen und lästern und manipulieren nach Lust und Laune. Es dauert bis Sanaa es schafft sich deren Einfluß zu entziehen und ihre Mutter wieder Lust am Kochen, v.a. am Backen wieder entdeckt und damit auch ihre Würde.

Der Roman ist aus der Sicht von Sanaa geschrieben. Sie kann sich noch Kurdistan, den Irak, die Farben des Flußes und der Erde erinnern; und denkt oft an ihre damalige beste beste Freundin, die etwas älter war und bereits mit der Pubertät begann.
Es ist spannend wie sie versucht an das Hochzeitsvideo ihrer Eltern zu kommen, um zu sehen ob ihre Eltern jemals glücklich miteinander waren; es gibt unterschiedliche Erzählungen wie sich die beiden kennen lernten und dann je nach Sichtweise heirateten bzw heiraten mußten. 

Die titelgebenden Krabben bzw deren Wanderung ist ein Bild das die Autorin/ Saana öfters verwendet, sei es um die Bewegungen und Ziele der Menschen zu beschreiben, aber auch um die Schrammen durch die Handwerkarbeiten am gesamten Arm ihres Vaters zu charakterisieren. Manchmal beschreibt sie eine Krabbe alleine, manchmal auch viele die gerade einen ziemlich eigenartigen Weg gehen.

Die Beschreibungen der Menschen sind gut gelungen: die fetten Tanten wie sie am Tisch sitzen, die Heimlichtuerei mit ihrem deutschen Universitätsfreund, die Doppelbödigkeit der kurdischen Familien auch in Deutschland.

Die Rezepte, die ihre Mutter zubereitet, lesen sich wunderbar.

Der Roman ist gut geschrieben; mich hat die Geschichte der jungen Frau die den Spagat aus zwei Kulturen macht fasziniert, und die Liebe wie sie über ihre Großmutter im Irak schreibt.
Viel Freude beim Lesen.

Karosh Taha wurde 1987 in Zaxo, Kurdistan - Irak geboren. 1997 kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland, wo sie in Duisburg aufwuchs. Sie absolvierte zuerst eine Lehramtsstudium für Englisch und Geschichte und arbeitete auch als Lehrerin, ehe sie ab 2021 ausschließlich als Schriftstellerin tätig ist.

Dienstag, 29. April 2025

Gerhard Roth : "Der Strom"

Gerhard Roth :
"Der Strom"
Roman
3. Auflage 2002 S. Fischer
337  Seiten + 4 Seiten Inhaltsverzeichnung + blaues Lesebändchen
ISBN 3-10-066056-0

Thomas Mach wird vom Reisebüro seines Onkels in Österreich nach Ägypten gesandt um herauszufinden, was mit seiner Vorgängerin Eva Blum als Fremdenführerin passiert ist, da sie über den Hotelbalkon gefallen oder gesprungen war. Er folgt hier mehr seiner inneren Stimme und den Notizen Eva Blums als den Wünschen eines deutschen ehemaligen Polizisten und einen Arbeitskollegen von Frau Blum. Er kutschiert durch Kairo und seine Vororte, er fährt nach Alexandria und in die Oase, er besucht eine Moschee und Menschen auf Hausbooten in der Corniche von Kairo. Er bleibt in Ägypten.

Eigentlich soll ein möglicher Mord aufgeklärt werden, aber in dem Roman bewegt sich Thomas durch eigenartige, skurille und sehr ägyptischen Situationen und Gegenden; er hat keine Scheu vor den Handwerksbezirken, den Friedhöfen in denen die Armen leben.
In den Notizen Eva Blums findet er mehrsprachige Informationen über Orte, und ein Kloster in einer Oase; auch stellt er fest, daß sie koptisch kann.

Die Stimmung ist für mich oft unwirklich als ob Thomas mach wie in einer Traumlandschaft unterwegs ist; wenn der den Witwer von Eva Blum einen Tag lang verfolgt wird es teilweise sehr skurril.
Ebenso unwirklich wirkt es wenn er sich mit seinem Chauffeur einem älteren Mann versucht zu unterhalten, ohne daß einer auch nur eine Sprache des anderen sprechen kann. Die beiden finden eine gemeinsame Sprache.

"Der Strom" ist Teil des Romanzyklus "Orkus", an dem der Autor 1995 bis 2011 geschrieben hat.

Der Roman hat mich in den Bann gezogen. Der Nil glitzert und ist ruhig, und immer vorhanden als Lebensmotor in Kairo und Alexandria. Der Krimi ist für mich kein Krimi, sondern ein träumender Roman. 

Viel Freude beim Lesen.

Gerhard Roth wurde am 24. Juni 1942 in Graz, er starb am 8 Februar 2022. Er begann Medizin zu studieren, sattelte dann auf Organisationsleiter eines Rechenzentrums um, und hatte seine erste Veröffentlichung 1972. Später reiste er nach Amerika und schrieb weiter. Er war Erzähler, Dramatiker und Essayist und auch Drehbuchautor.

Donnerstag, 10. April 2025

Alaa al-Aswani : "Der Jakubijan-Bau"

Alaa al-Aswani :
"Der Jakubijan-Bau"
original "Imârat Ya'qûbyân!
2002, published by arrangement with the American University in Cairo Press
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
(2007), 4. Auflage 2011, Lenos Pocket 123, Basel
354 Seiten + 2 Seiten 'Die wichtigsten Personen' + 7 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-85787-723-0

Der "Jakubijan-Bau" in der Suleiman Pascha Straße hat schöne Wohnungen, schöne Geschäfte und je höher es geht umso einfachere Behausungen, vor allem auf dem Dach. In diesem Roman erzählt der Autor das Leben einiger wie ihnen das Leben spielt oder auch wie sie mit dem Leben anderer spielen.
Taha lernt und will auf die Polizeischule, was ihm trotz seiner Noten nur wegen seiner Abstammung zu einem Torhüter verwehrt wird. Ihm wird mitgeteilt daß er studieren darf, lernt dort sehr gläubige Menschen kennen und folgt einem manipulativen Scheich. Sein Aufenthalt im Gefängnis bringt ihn weiter auf die aggressive Bahn, die schlecht für ihn ausgeht.
Buthina ist seine ehemalige Freundin. Als intelligente Frau ohne Vater kann sie nicht weiterstudieren, muß arbeiten gehen und lernen wie man als hübsche Frau mit lästigen Männern umgeht. Durch eine List wird sie Assistentin von Saki, einem nicht mehr ganz jungen Bonvivant mit Faible für schöne Frauen. Sie hilft ihm und die Geschichte geht gut für sie aus.
Hatim ist ein gescheiter, belesener aber einsamer und homosexueller Chefredakteur. Seine Verbindung zu einem jungen attraktiven verheirateten Soldaten wird für den jungen Mann immer problematischer. Hatim hilft ihm weiter, die Beziehung hat keine Chancen.
Hagg ist ein Unternehmer mit vielen Beziehungen und dem Wunsch auch politisch aufzusteigen. Er findet immer die richtigen Leute die ihm die richtigen Ratschläge geben - sei es für die Politik als auch für sein Privatleben. Er heiratet heimlich die junge schöne Suad, wobei sie nur als seine geliebte gilt und kein Kind von ihm haben darf. Als doch ein Kind entsteht weiß ein machtbewußter Scheich wie man auch dieses Problem - dem Koran zum Trotz - erledigt.
Als Nebenfiguren gibt es den Diener von Saki, der geschäftstüchtig ist und mit seinem Bruder weiß wie man gut mit Nebengeschäften und Brutalität durchkommt.

Die Menschen sind teilweise gut gezeichnet, manchmal auch etwas plakativ. Die Lebensgeschichten der einzelnen Menschen ist intensiv geschrieben, die einen in ihrer durch Ungerechtigkeit angestachelten religiöser Überzeugung, andere die durch Anpassung versuchen etwas besser zu leben.

Die beiden Scheichs werden skrupellos geschildert, der eine für die religiöse Sache, der andere zum Nutzen der Reichen und Schaden der Armen.

Unter die Haut ging mir das Schicksal von Suad, die als zweite Frau vollkommen rechtlos ist, mit deren Bruder ein Vertrag über sie gemacht wurde, die ihren eigenen Sohn aus der Ehe davor nicht sehen darf, aber einem ältlichen Mann die reizvolle Frau spielt; sie paßt sich auch an als der Scheich kommt. Wie dann die Rache der Mächtigen über sie kommt fand ich schaurig.

Die Beschreibungen von Gewalt sind deftig, genauso von Sexualität. Der Roman ist kraftvoll wie er zwischen von den Schicksalen der Menschen erzählt, auch wenn er den Tod des kleines Kind des Freundes von Hatim beschreibt, oder die noch stärkere Verzweiflung Hatims auf der Suche nach Liebe und Beziehung als andere Figuren in dem Roman.

Mit den Orten der Handlungen konnte ich wenig anfangen, mir sind die Menschen nahe gegangen.

In Summe ein starker Roman, bei dem ich manchmal auch mit weniger Brutalität verstanden hätte, was der Autor bezweckt.

ʿAla' al-Aswani (vom Verlag verwendete Transkription Alaa al-Aswani) wurde am 26. Mai 1957 in Kairo geboren. Er war in Kairo im Lycee und studierte später Zahnmedizin in Kairo und Paris, mit späterer Weiterbildung in USA. Er ist Wortführer für die demokratische Opposition in Ägypten, war wichtig bei dem Sturz Mubaraks 2011. 2002 veröffentlichte er den Roman ʿImarat Yaʿqubian' (Der Jakubijan-Bau), 2006 schrieb er den Roman (ar.: 'riwayah') 'Shikaju', 2021 erschien sein Roman 'Die Republik der Träumer' über den Arabischen Frühling in Kairo. Er lebt seit 2019 zwischen Paris und New York im selbstgewählten Exil.

Sonntag, 30. März 2025

Waguih Ghali : "Snooker in Kairo"

Waguih Ghali :
"Snooker in Kairo"
original "Beer in the Scnooker club"
1964, Serpent's Tail, London
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch
2018, C.H. Bock München
6 Seiten Einführung von Diana Athill - 235 Seiten - 7 Seiten Glossar
ISBN 978-3-406-71902-8

Ram ist eine junger Mann aus guter, aber veramter koptischer ägyptischer Familie. Er verbringt seine Tage in Kairo in verschiedenen Clubs, trinkt Whiskey und anderes, flirtet Frauen an und spielt Snooker. Seine große Liebe ist die etwas ältere Edna, eine intellektuelle junge Frau aus einer reichen jüdischen Familie. Sie ermöglicht ihm nach London zu reisen und dort einige Zeit zu leben und zu studieren. Wieder zurück verbringt er weiterhin seine Tage gemütlich. Bei einer reichen Tante trifft er wieder eine Freundin Didi aus Londoner Tagen.

Der Roman ist in Ich-form aus der Sicht von Ram geschrieben. Die Zeit in London beschreibt er in Rückblicken, wobei das Panoptikum aus Menschen dort aus ehemaligen Soldaten am Sues, einem ägyptischen Freund, manchen hilfreichen Freunden besteht.
Die Cliquen in Kairo sind unterschiedlich - es gibt die Freunde zum Snooker spielen, Freunde die seine Leben finanzieren, einen Freund der in einem Club an der Bar arbeitet; seine Familie ist verarmt, seine Mutter würzt mit franzöischen Worten ihre Sprache, alle hoffen auf Zuwendungen der reichen Verwandten.

Als Kopte (Anmerkung : vermutlich Mitglied der koptisch-orthodoxen christlichen Kirche, die in Ägypten immer benachteiligt wurde) hat Ram weniger Chancen Arbeit zu finden, teilweise gilt er sogar als gefährlich.
Die Stimmung in dem Roman ist eigen, fast abgehoben; Ram denkt und trinkt sich durch den Tag, aber die Frage was er wirklich tut bleibt beim lesen für mich.

Liebe findet statt, zerbricht oder wird eingetauscht. Das Leben und Snooker gehen weiter.
Dieser Roman wirkt in mir durch seine Sprache und Schilderungen nach.

Waguih Ghali wurde am am 25 Feb 1927 oder 1928 oder 1929 in Ägypten in einer wohlhabenden koptischen Familie geboren. Nachdem er sich mit der Zeit immer stärker kommunistischen Ideen angenähert hatte, war er gezwungen, Ägypten 1958 zu verlassen und nach London zu gehen, da die Gefahr bestand, dass er in Ägypten als Kommunist eingesperrt würde. Als sein Pass abgelaufen war, ging Ghali ins Exil nach Deutschland, wo er neben der Arbeit in einer Fabrik seinen Debütroman schrieb. Er begann einen zweiten Roman über das Leben als „Gastarbeiter“, vollendete diesen jedoch nicht. 1966 ging er nach London zurück. Er starb durch Suizid am 5. Jänn 1969 in London, in der Wohnung seiner damaligen Freundin Diana Athill.
Er schrieb seinen einzig veröffentlichten Roman auf englisch.

Freitag, 27. Dezember 2024

William Roy & Sylvain Dorange : "Hedy Lamarr"

William Roy & Sylvain Dorange :
"Hedy Lamarr" - Wienerin, Hollywoodstar, Erfinderin
original "The incredible Life of Hedy Lamarr"
2018, La Boite a Bulles
Aus dem Französischen von Yara Haidinger
2024, Bahoe Books
172  Seiten
ISBN 978-3-903478-20-6

Die Graphic Novel beginnt 1957 bei amüsantem Menschen erraten Quiz, zu einem Zeitpunkt an dem Hedy Lamarr als schönste Frau der Welt bekannt ist. Dann wird ihr Leben gezeichnet'/ erzählt : Kindheit in Wien, erste Filme, erster Ehemann, Übersiedlung nach USA, Filme, Ehen und Kinder, eigene Filmproduktion, Ansprechpartner für ihre technischen Erfindung in George Antheil, Sexistisches in der Filmbranche, spät aber doch Anerkennung ihrer technischen Erfindungen und was sie bewirken, und erleben, daß ehemals sehr schöne Frauen es im Alter nicht leicht haben.

Diese Graphic Novel erzählt die Geschichte ziemlich gerade oder Verzweigungen; leider gibt es mir zu wenig graphische Feinheiten in den Illustrationen - was für mich in Graphic Novels ein wichtiges Element ist.
Beispielsweise ist auf Seite 11 der Blick auf Wien ohne auch nur ein klassisches Wien-Bauwerk gezeichnet - Stephansdom und Riesenrad gab es in der Zwischenkriegszeit, und die Berge sind auch anders (hier erwarte ich von einer 30 EUR Graphic Novel doch bessere Recherche).

Das Leben dieser vermutlich sehr faszinierenden Frau wird wie in dem üblichen Nachschlagwerk im Internet erzählt; es gibt bis auf die sexistischen Bemerkungen kaum Neues zu entdecken, was mich enttäuschte.

Wer anfängt sich mit Hedy Lamarr zu beschäftigen für den ist diese Graphic Novel richtig; wer schon mehr weiß und graphisch mehr sehen möchte, weiß ich nicht ob zufrieden ist.

Freitag, 2. Februar 2024

Alex Beer : "Die rote Frau"

Alex Beer :
Die rote Frau - ein Fall für August Emmerich"
Kriminalroman
2018, Limes in Verlagsgruppe Random House GmbH
400 Seiten + 3 Seiten Nachwort + 2 Seiten Danke + 2 Seiten Quellenangaben
ISBN 978-3-8090-2676-1

Rayoninspektor August Emmerich, humpelnd nach Kriegsverletzung, und sein Mitarbeiter Ferdinand Winter mit kaputtem Arm nach dem Krieg, werden von ihrem Vorgesetzten mit dummer Papierarbeit gequält. Erst die Morddrohung an einer Filmdiva bringt die beiden in Recherche. Parallel wurde ein Stadtrat ermordet, der viel für die vielen Bedürftigen in Wien um 1920 macht.
Ausgehend von dem Arbeiterwohnheim in dem er wohnen muß, weiß er, daß der Beschuldigte nicht der Mörder sein kann, und sucht mit Genehmigung, weiter.
Es gibt Gesellschaften die den Armen nach dem Weltkrieg weiterhelfen (wollen), und ebenso gibt es Gesellschaften die einzelnen Auserlesenen mit Verletzungen mit Prothesen aushelfen wollen.
Erst spät tut sich Emmerich auf, daß die rote Frau bei den einzelnen Gesellschaften mit unterschiedlichen Utensilien gezeichnet ist und erschreckend andere Konzepte zur Beseitigung der Massenarmut angestrebt werden.

Wien ist in seinen verschiedenen Örtlichkeiten der Armut genau beschrieben : Das menschliche Elend und die Machtspiele im Männer-Obdachlosenheim, die Kohlefabriken mit Dreck und Hitze, das Leben der Menschen die überall sparen müssen.
Einige wenige können sich Leben leisten, ohne auf Geld achtgeben müssen.
Die Beschreibungen gehen unter die Haut.

Die Menschen sind stark und eindrücklich beschrieben. Es sind sowohl die direkte als auch süffisante Brutalität der Menschen spürbar, als auch wenn jemand versucht sich noch ein bißchen die restliche Würde zu bewahren.
Emmerichs Verzweiflung daß er seine Liebe an ihren aus dem Krieg zurückgekehrten brutalen Ehemann verloren hat, ist greifbar. 

In Summe ist dieser Kriminalroman trotz seiner Düsterkeit empfehlenswert. Gutes Lesen !

Alex Beer, eigentlich Daniela Larcher wurde am 8. April 1977 in Bregenz geboren. 2008 erschien ihr erster Kriminalroman . Mittlerweile gibt es vier Kriminalroman-Reihen : Otto Morell, August Emmerich, Isaak Rubinstein  und Felix Blom sind die Hauptprotagonisten.

Samstag, 6. Januar 2024

Anjali Deshpande : "Mord"

Anjali Deshpande :
"Mord"
original "Hatya"
2019,
Aus dem Hindi übersetzt von Almuth Degner
2023, Draupadi Verlag, Heidelberg
202 Seiten
ISBN 978-3-945191-80-4

Adhirath ist suspendierter Polizist in Chhatarpur, da er einem anderen Polizisten zur Seite stand. Er lebt in einem kleinen Haus mit seiner Ehefrau Puschpa, die aus einer niedrigen Kaste als er kommt aber als Polizistin auf der Karriereleiter ist, deren beider Sohn Varun, und seinen Eltern, die immer an seiner Frau kritisieren.
Als er in der erzwungenen Freizeit einen Kollegen begleitet kommen sie zu der Leiche einer vorerst unbekannten schönen Frau. Adhirath ist der einzige der sich auf die Suche nach dem/den Mörder(n) macht und stößt auf eine Wand von Schweigen aus der eigenen Familie (dort hatte sie Schande gebracht), und im Dorf (keiner wollte offiziell mit dieser Frau mit verschiedenen Namen zu tun haben). Basanti oder Suryabala, hatte ihre Schönheit und Erotik zum Aufstieg in ein besseres Leben nutzen wollen, und war am Schluß unter anderem die Geliebte eines reichen einflußreichen Mannes gewesen.
Adhirath fragt den Ortsvorsitzenden, einen reichen Mann, dessen Frau, deren Verwalter der auch Chauffeur war, bis er wirklich den Mörder herausgefunden hat. Ob dieser wirklich eine Strafe erhalten wird, ist allerdings fraglich.

Die Orte der Handlung sind faszinierend beschrieben. Adhirath und seine Familie leben in einem unfertigen Haus neben einer Baustelle, und in einer lauten Straße. Das Dorf und das Landgut auf dem die Leiche gefunden wurde, sind abgelegen; auf dem Landgut wird viel angebaut an Gemüse und schönen Bäumen. Ganz anders ist die Villa des reichen Ehepaares, die mit viel Platz und schönen Dingen ausgestattet ist.

Die Menschen sind facettenreich geschildert. Die Ermordete wird als sehr schöne Frau geschildert, die nicht wie ihre Familie zufrieden war daß sie aus einer unteren Kaste entstammte. Auch die Frau des Polizisten ist aus einer unteren Kaste, die die ganze Zeit arbeitet und kocht, und zu ihrem Mann hält, allerdings von dessen Eltern nur gehässige Kommentare erhält. Eine weitere starke Frau ist die Ehefrau des reichen Mannes, die großartige Kleidung trägt, freundlich zu Adhirath ist und ihrem Mann und seinem Gehabe eiserne Maske bewahrt.
Adhirath ist beim Auflösen des Mordes konzentriert, sonst hat er aber den Boden unter den Füßen durch die Suspendierung und die drohende Kündigung verloren.

Daß Ärzte für Obduktionen bestochen werden müssen, war ein eigene Szenerie für mich.

Ich hatte einige Probleme beim Merken der Namen und bis ich mich ausgekannt habe, wer wer ist.

In Summe für mich ein starker Kriminalroman, der einiges an Konzentration gefordert hat. Viel Freude beim Lesen !

Leider habe ich keine Biographie der Autorin im Internet gefunden.

Freitag, 17. November 2023

Elena Ferrante : "Meine geniale Freundin"

Elena Ferrante :
"Meine geniale Freundin" -Band 1/ Kindheit, frühe Junged
Roman
original "L'amica geniale"
2011, Edizione e/o, Rom
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
2016, Suhrkamp
406 Seiten - 5 Seiten mit handelnden Personen
ISBN 978-3-518-42553-4

Im Prolog erzählt die Ich-Person, Lenuccia genannt Lenù oder Elena Greco, daß der Sohn von Raffaela Cerullo, genannt Lina oder Elena, seine Mutter sucht, weil sich die beiden seit mehr als sechzig Jahren kennen. Hier startet die Rückblende in die Kindheit.

Kindheit heißt hier eines der Armenviertel Neapels - konkret Rione - , in denen die Familien eher unter sich bleiben und sehr vorsichtig sind, wenn es um Familien mit Machteinfluß geht. Manche Familien gehen leise mit Problemen um, andere sehr laut. Elena Greco ist das Kind eines Pförtners und wird in der Schule sehr gefödert, während Lila Cerullo keine Förderung bekommt aber durch viel Lesen viel Wissen und Logik kombiniert, und damit Elena damit für schulische Leistungen herausfordert. Die beiden Mädchen werden enge Freundinnen, wobei Lila Elena auch menschlich zu neuen Grenzen bringt.
Während Elena weiterhin in die Schule gehen darf und schönes Italienisch lernt, Latein und später auch Griechisch, muß Lila ihrem Vater und Bruder im Schuhladen helfen. Sie hat Ideen für neue schöne Schuhe, die ihr Bruder nach viel Mühen zusammenbringt.
Elena macht einen Kururlaub auf Ischia, und wird hübsch; Lila entwickelt sich zu einer interessanten Schönheit und verlobt sich mit Stefano Carracci, der ihr verspricht ihre Schuhideen umzusetzen und ihrer Familie zu helfen.
Bei der Hochzeit entdeckt sie, daß ihr Ehemann sie belogen hat, da das Geld von der verhaßten Familie Solara kommt, die mit der Mafia zusammenarbeitet, und alle anderen Familien unter Druck setzt.

In dem Buch sind 10 Familien aufgezählt, was viel hilft die Namen und Zusammenhänge halbwegs im Überblick zu halten. Ich habe mir schwer getan die vielen Familien- und Mädchennamen zu behalten.
Dieser Roman ist der erste von vier Teilen.

Die Menschen und ihre Leben sind spannend beschrieben. Die meisten Familien sind arm, Kleider werden lange gepflegt, und die meisten Menschen haben Arbeit die wenig Einkommen bringt.

Die Freundschaft der beiden Mädchen wird schön beschrieben, in ihrem Gegensatz von brav und blond zu hager und blitzenden Augen.

Der Roman ist dicht geschreiben, die Szenerien liefen vor meinem geistigen Auge. Viel Freude beim Lesen.

Elena Ferrante, geboren am 4. April 1943 in Neapel, ist  ein Pseudonym einer italienischen Schriftstellerin, die es geschafft hat seit den 1990-er Jahrn anonym zu bleiben. Die Interviews werden ausschließlich schriftlich geführt. 1992 erschien ihr erster Roman "L'amore molesto", der 1994 auf deutsch, und dann nochmals 2018 übersetzt wurde. "L'amica geniale" ist der erste Band einer Tetralogie.

Samstag, 19. November 2022

Khaled Hosseini : "Tausend strahlende Sonnen"

 

Khaled Hosseini :
"Tausend strahlende Sonnen"
original "A Thousand Splendid Suns"
2007, Riverhead New York
Aus dem Englischen von Michael Windgassen
2014, Fischer Verlag / Fischer TaschenBibliothek 3. Auflage 2018
560 Seiten + 2 Seiten Nachwort + 2 Seiten Danksagung + 12 Seiten Gespräch mit Khaled Hosseini
ISBN 978-3-596-52070-1

Mariam ist die uneheliche Tochter einer reichen Kaufmanns in Herat, die nach dem Tod ihrer Mutter, mit einem Schuster in Kabul verheiratet wird. Nach vielen Fehlgeburten ist die Ehe sehr unglücklich, in der Raschid seiner Frau die schuld für alles gibt, und zuschlägt.
In Kabul wächst Laila als jüngstes Kind und einzige Tochter nach zwei älteren Brüdern in einer Familie mit Universitätsprofessor heran, der an seine Tochter glaubt.
Mitte der 70-er Jahre sind in Afghanistan zumindest die Frauen der Reichen und gehobeneren Schichten halbwegs frei. Dann kommen die Russen, und Bürgerkriege der verschiedenen Stämme, bis die Taliban siegen und alle freier Denkenden entweder töten oder aus Landes zwingen. Lailas Eltern sterben kurz vor der Flucht bei einem Raketenangriff, Raschid nimmt das Mädchen auf - das schwanger von ihrem Uraltfreund Tariqu in die Ehe als Zweitfrau einwilligt.
Wie die beiden Frauen langsam aber stetig beginnen sich eine Art Freundschaft, und fast Geschwisterlichkeit aufbauen, vor allem als die Welt für Frauen rundherum immer kleiner und brutaler wird, liest sich faszinierend; Raschid bleibt immer der böse prügelnde Mann, der leider auch nicht einmal immer gut für seine Familie zu sorgen imstande ist. Als nach Jahren Tariqu aus dem benachbarten Pakistan zurückkommt, kommt es zum Eklat, den Mariam mit dem Leben bezahlt.
In  dem Buch gibt es Hoffnung da Laila, Tariqu und die Kinder wieder zurückkehren und Schulen für Mdächen möglich sind.

Ich habe durch dieses Buch sehr viel über Afghanistan und die verschiedenen Sprachen und Stämme gelernt. Dieses Buch zu lesen während in Afghanistan wieder die Frauen entrechtet sind, tut fast köperlich weh.
In einer Szene wird beschrieben, daß die ärztliche Versorgung für Frauen schlecht ist, weil sie nur für Frauen ist. 

Die Geschichte ist aus Sicht von Mariam und Leila beschrieben. Die Männer kommen mit ihren Sichtweisen nicht zu Wort (der Autor hat ein anderes Buch geschrieben, indem die Männer zu Wort kommen). Es wird sehr anschaulich beschrieben wie die Umstellung auf einen Dschador ist, wie welche Gerichte gekocht werden, wie das Leben der armen Menschen ist die viel improvisieren müssen.

Der Autor nimmt sich Zeit über die Schönheit der afghanischen, und auch später der pakistanischen Landschaft und Kultur zu schreiben. Die großen Buddhas, die später zerstört werden, bekommen einen besonderen Platz in dem Buch.

Der Titel ist eine Ode entnommen.

Die Ausgabe in eine entzückende kleine mit sonnengelben Cover, die gut in kleine Taschen paßt. Leider hat kein Glossar der afghanischen Ausdrücke Platz, was wenn man das Vokabular nicht kennt, sehr schade ist.

In Summe ein wunderbarer, intensiver (Frauen-)Roman, der sehr unter die Haut geht und berührt.

Mittwoch, 3. November 2021

Laetitia Colombani : "Der Zopf"

Laetitia Colombani :
"Der Zopf"
Roman
original "La Tresse"
2017, Editions Grasset & Fasquelle Paris
Aus dem Französischen von Claudia Marquardt
2018, Fischer // 2020, Fischer Taschenbibliothek
273 Seiten + 1 Seite Danksagung + 1 Seite Zitatnachweise
ISBN 978-3-52266-8

Die Geschichte dreier unterschiedlicher Frauen auf drei Kontinenten werden wie ein Zopf geflochten.
Strähne eins : Smita, eine Dalit (Unberührbare), erhofft in Indien ihrer Tochter das niedrige verachtete Leben als menschliche Toilettereinigerin zu ersparen, und möchte, daß sie lesen und schreiben lernt. Die anderen Kasten versagen dem Mädchen dieses Ziel auf brutale Weise. Smita kämpft weiter und reist mit ihrer Tochter in eine andere Region Indiens, wo sie auf Hilfe hofft.
Strähne zwei : Giuli, die von ihrem Vater das Perückenmachen gelernt hat, muß feststellen, daß die Firma ihrer Väter auf Sizilien verloren ist. Ein Freund hilft ihr zu eine anderen Strategie zu Haaren für Perücken zu kommen.
Strähne drei : Sarah, erfolgreiche Anwältin in Montreal, geschieden, drei Kinder, ist kurz vor ihrem hart erarbeiteten beruflichen Erfolg, als Krebs entdeckt wird. Ihr Verstecken der Termine fliegt auf, in der Kanzlei wird ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Sie rafft sich auf.

Der Zopf ist hier Bindeglied der Struktur als auch ganz konkret als es um Haarverlust in einem Tempel in Indien, Perückenmacherfabrik auf Sizilien und eine Perücke durch Chemotherapie geht.

Interessant sind die drei Hauptfrauengestalten, die sehr unterschiedlich gezeichnet sind. Eine Liebesgeschichte ist nur in Sizilien eingeflochten. Die Ziele der drei Frauen sind am Ende gleichgeblieben.

Mir ging der frauenfeindliche Hintergrund bei den Dalits und in der Gesellschaft Indiens am meisten unter die Haut. Wie in bitterarmen Gegenden mit Frauen von Beginn an respektlosest und direkt ans Überleben gehend umgegangen wird, läßt beim Lesen schaudern. Die Toiletten der höheren Kasten zu reinigen ist notwendig, aber ungeachtet und wird selten durch etwas Essen entlohnt. Auch Rattenfänger sind wichtig, aber ungeachtet; die Ratte darf mitgenommen und gegessen werden.

In Summe ein dichter Roman mit drei Frauenfiguren, die nicht aufgeben, sondern weiterkämpfen. Viel Freude beim Lesen !

Lætitia Colombani wurde 1976 in Bordeaux geboren. Sie ist Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin. "La tresse" ist der erste von ihr veröffentlichte Roman. Auf franzöisch gibt es derzeit drei weitere Romane zu Lesen.

Dienstag, 22. Juni 2021

Antonio Hill : "Der Sommer der toten Puppen"

Antonio Hill :
"Der Sommer der toten Puppen" - ein Barcelona-Krimi
original "El verano de los juguetes muertos"
2011, Debolsillo Barcelona
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
2013, Suhrkamp Taschenbuch
362 Seiten + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-518-46467-0

Hauptperson ist der argentinische Inspektor Hector Salgado, dem in Barcelona die Wut über einen Mädchenhändler Schwierigkeiten beschert hat. Ein Freund ersucht ihn  zu untersuchen ob ein Teenager wirklich beim Rauchen aus dem Fenster gefallen ist, oder ob mehr dahinter steckt.
Aus mehreren Blickpunkten wird spannend erzählt und auch in die Vergangenheit gesprungen, wie ein Kindheitserlebnis - bei dem Puppen um eine Leiche im Wasser trieben - Jahre später endlich gelöst wird, und weitere Tote bringt.
Die Lösung und das wieso hatte ich nicht erwartet, es geht aber um Kindesmißbrauch.

Hector Salgado, war der Liebe wegen in Barcelona hängen geblieben; seine Ex-Frau liebt jetzt eine Frau; es gibt einen Sohn. Innerhalb der Polizei hat er Menschen die ihn  unterstützen, was wichtig ist, da aus dem Mädchenhändlerring ein sehr bösartiger Rachefeldzug gegen ihn aktiv ist. Er wird als schwierig, verschwiegen und eigenbrötlerisch beschrieben.
Die neue ihm zugeteilte Kollegin Leire ist jung, gescheit, denkt schräg und ist sexuell sehr aktiv.
Marc Castell ist der Teenager, der aus dem Fenster gefallen war; er war sehr verschlossen, hatte sich erst im Auslandssemester wegen Englisch zu öffnen begonnen, und eine junge Frau kennen gelernt.
Sein bester Freund Aleix Rovira hat Krebs besiegt, ist sehr attraktiv und charmant, und spielt mit der Gefahr und Frauen. Seine Familie zählt zu den wichtigen und reichen der Stadt; liebevoll und ihm durch die Krankheit geholfen hat ihm allerdings nur sein Bruder Eduard.
Deren gemeinsame Freundin Gina Ballester ist lieb, besorgt und läßt sich leider zu leicht zu führen.
Enric Castell, der Vater von Marc, ist erzkatholisch, zeigt wenig Liebe, was zu einem Teil des Problems wird.
Joanna, die Mutter Marcs, hat ihren Mann und Sohn verlassen, ist aber diejenige die nicht aufgibt die Lösung um ihren Sohn zu wissen zu wollen.
Felix Castell ist der Onkel von Marc, ein Priester, der sich immer um seinen Neffen liebevoll gekümmert hat, und der ihm wichtig ist. Er weiß mehr über die Leiche mit den Puppen, sah sich aber veranlaßt zwei  Menschen zu schützen.

Der Roman ist spannend geschrieben.
Die Menschen sind oft einsam und in ihren Gedanken und Problemen geschildert.

In Summe ein sehr empfehlenswerter Kriminalroman der auch unter die Haut geht. Viel Freude beim Lesen !

Antonio Hill, wurde 1966 in Barcelona geboren. Er studierte Psychologie und arbeitet dann als Übersetzer aus dem Englischen. Er lebt und arbeitet in Barcelona.

Samstag, 5. Dezember 2020

Agustín Martinez : "Monteperdido"

Agustín Martinez :
"Monteperdido"- "Das Dorf der verschwundenen Mädchen"
Kriminalroman
Original "Monteperdido"
2015, Plaza &Janés Barcelona
Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen
2. Auflage März 2017, Fischer Verlag
488 Seiten + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-596-03658-5

In einem Dorf in den Pyrenäen verschwinden zwei 11-jährige  Mädchen. Fünf Jahre später taucht eines wieder auf, das bei einem Verkehrsunfall in den  Pyräneen verwickelt war. Kommissarin Sara Campos und Inspector Santiago Bain von der Bundespolizei wird in die Berge geschickt um mit dem Mädchen zu sprechen und den Fall nach fünf Jahren zu lösen. Polizist Victor Gamero vor Ort versucht einerseits zu helfen, andererseits nicht das Vertrauen der Menschen im Ort zu verletzten. Die ortsunkundigen Polizisten müssen sich aus einem Dickicht aus Mißtrauen, Verzweiflung der Familien, und neuen Banden auseinandersetzen. Später kommen Drogen, Prostitution, und Alkoholsucht dazu. Schlußendlich gibt es leider zwei Leichen mehr aber auch zumindest zwei Erfolge.

Die Weg denen Sara und Santiago folgen um von dem gefundenen Mädchen, den beiden Familien, den Menschen im Dorf zu finden, ist sehr spröde und geht über Erpressung, Vorurteile, Alkohol bis Prostitution.
Die Familien der Mädchen sind unterschiedlich beschrieben - die eine die an dem verlorenen Kind fixiert festhält, während die andere zerbricht sich dafür aber Neues anbahnen könnten. Das Leben beider Familien stellt sich auf den Kopf als der hinterhältige Täter nochmals zuschlägt. Hier ist Empathie spürbar.
Diese Empathie geht bei Kommissarin Sara für mich verloren, die zwar suchend und unsicher unterwegs ist, aber nicht spürbar ist; die kommende Liebensgeschichte wirkt etwas gekünstelt.

Szenerien ist ein Bergdorf mit eingeschworenen Menschen, die Neuankömmlinge nicht mögen. Wunderschöne aber hohe Berge die viel Schatten werfen, stillgelegte Bergstollen und auch ein schöner Bergsee auf der Anhöhe wird geschildert.

Der Roman ist sehr spannend geschrieben. Es ist mitraten nach dem Bösewicht im Hintergrund ist möglich. Viel Freude beim Lesen.

Agustín Martinez wurde 1975 in Lorca (Spanien) geboren. Er studierte audiovisuelle in Madrid und arbeitet als Drehbuchautor. Sein erster Roman erschien 2015 in Spanien, sein zweiter 2017.

Freitag, 22. Mai 2020

Albert Sánchez Pinol : "Der Untergang Barcelonas"

Albert Sánchez Pinol :
"Der Untergang Barcelonas"
Roman
original "VICTUS. Barcelona 1714"
2012, Edicions La Campana, Barcelona
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
2016, Fischer Verlag Frankfurt - Taschbuchausgabe
695 Seiten + 2 Seiten Vorbemerkung + 4 Seiten Chronologie des spanischen Erbfolgekrieges + 11 Seiten Verzeichnis der Personen
ISBN 978-3-596-19773-6

Der Autor führt uns anhand der halbfiktiven Gestalt des Martí Zuviria durch die zweite Hälfte des spanischen Erbfolgekrieges Anfang des 18. Jahrhunderts, und auch die Unverträglichkeit zwischen Katalanen und Kastillanen. Martí Zuviria, kurz Zuvi genannt, wird in Frankreich von einem der Großen der Baumeister der Stadtmauern, Sebastian Vauban, in die Ingenieurskunst eingeführt. Nach dessen Tod beteiligt sich Zuvi zuerst auf der Seite der Franzosen und Spanier, dann auf Seite der Österreicher und Katalanen, und am Schluß an der Verteidigung Barcelonas gegen alle. Der Autor nutzt eine fiktive Gefangennahme um das Geschehen der Franzosen-Spanier beschreiben zu können, bis Barcelona fällt.

Das Buch ist in drei große Kapitel unterteilt.
In "Veni" ist Zuvi der unbeherrschte versoffene Jugendliche, der nur Unsinn und Frauen im Kopf hat, der aber Schloß Bazoches das Beobachten, das Denken, und Planen lernt.
In "Vedi" zieht er mit den Heeren durch Spanien, lernt Herzog Beswick, Don Antonio Villaroel, Rafael Casanova, Miliquet Ballester und andere großherzige und letztklassige Menschen auf dem Schachbrett des aktuellen Krieges kennen. Auch die privat für ihn wichtigen Menschen treffen in diesem Kapitel zusammen. Allerdings bleibt er unbeherrscht und versoffen.
In "Victus" geht es um die letzten 14 Monate bis Barcelona fällt, in der die Verzweiflung, die Sturheit der Menschen aber auch die arrogante Dummheit der regierenden Oberschicht mit viel Leidenschaft beschrieben wird.

Der Roman ist dicht, emotional, und packend geschrieben. Obwohl ich Kriegsbeschreibungen nicht mag, haben mich die Schilderungen der Kriegs-Ingenieurskunst, die verschiedenen Ansätze des Schlachten führens, und die Probleme zwischen Militär und Fehleinschätzungen von Politik, fasziniert.
Die Sympathie liegt bei den Katalanen, die damals bereits 200 Jahre von den Kastillern ungerecht behandelt wurden; es gibt zu große Unterschiede zwischen den Werten, der Art des Lebens um hier ein schönes Zusammen zu finden. Der Fall Barcelonas am 11. September 1714 hat weitere Ungerechtigkeiten als Folge. Mir war nicht klar gewesen, daß die aktuelle Unabhängigkeitsbewegung der Katalanen (2019/2020) eigentlich jahrhundertealte Wurzeln hat.

Es gibt deftige, erotische Beschreibungen, auch die Kriegswirren und Kollaterralschäden herum sind handfest beschrieben.

Die Menschen in dem Roman werden mit starken Beschreibungen entweder sympathisch - unsympathisch, fähig - unfähig, charismatisch - uninteressant, loyal - illoyal - situationselastisch oder mit starken Vorlieben und Vorurteilen beschrieben.
Die Liebe, Frauen, eine wichtige Frau (Amelis), Kindersatz in Form eines verwahrlosten Buben (Anfan) und eines Zwerges (Nan) bilden die emotionale Familie die Zuvi eine Art von Rückhalt gibt.

Humor blitzt auf wenn besonders einfältige Adelige beschrieben werden, unfähige Oberste oder die fiktive Gestalt, der das Buch diktiert wird.

Als roter Faden zieht sich die Suche Zuvi-s nach dem sogenannten "Mystere" durch das Buch. Es geht bei diesem Geheimnis um eine zugrundeliegenden Wert der Kriegs-Ingenieurskunst, von dem Zuvis Lehrer immer wieder sprechen, und das Zuvi erst ganz am Schluß entschlüsselt.
Spannend ist die Anerkennung und Rivalität der Kriegsingenieure untereinander. Tätowierungen zeigen den Rang an, der Anerkennung erzeugt, aber auch Neid.

In dem Buch sind auch Abbildungen von Barcelona und dem Kriegsgeschehen untergebracht, die helfen das Geschehen zu verstehen.

In Summe ein starkes, großartiges Buch, das ist gerne weiterempfehle !

Albert Sánchez Piñol wurde am 11 Juli 1965 in Barcelona geboren. Er begann Jus zu studierte, beendet dann aber sein Studium der Anthropologie. Er schreibt meist auf katalanisch, das oben genannte Buch ist bis jetzt das einzige, das er auf spanisch geschrieben hat. 2000 erschien sein erstes Buch 'Compagnie difficili'. Mit 'La pell freda', auf dt. "Rausch der Stille" kam 2002 sein Druchbruch (ich habe das Buch am 31. Mai 2012 in den Blogg gehängt).

Sonntag, 8. März 2020

Guido Buettgen : "Champagnertod"

Guido Buettgen :
"Champagnertod" - Oberbayern Krimi
2018 Emons Verlag
384 Seiten
ISBN 978-3-7408-0314-8

Kriminalrat Mads Madsen den es als Kommissar aus dem Norden Deutschlands nach Oberbayern verschlagen hat, muß diesmal auf seiner Maschine die gräßlichen Ermordungen zweier harmloser Ehefrauen aufklären. Polizeikommissar Maximilian von Werdenfels der sich mit den digitalen Medien gut auskommt, entdeckt daß die Ehefrauen nebenbei einen Erotikkreis aufgebaut haben und tut einen schmierigen Gigolo auf. Auch ein Computernerd wird als Kontaktmann entdeckt. Nach Einbeziehen des Bundesheeres wird nach einem Showdown der Mörder erwischt.

Die Romanze zur attraktiven Immobilienmaklerin Lissy Berghammer kommt endlich in die richtigen Gänge und beide trauen sich zu ihren Gefühlen zu stehen.

Die Personen der Handlung und auch Randfiguren sind detailreich und mit Schwung geschildert. ich habe mich sehr gut bei deren Schilderung unterhalten. Bei der Polizei gibt es den homosexuellen Werdenfels, einen alten grantigen Polizist der nur negativ ist, einen jungen der den Menschen Chancen geben möchte. Die Beschreibung des schmierigen Gigolos mit seiner Überheblichkeit, und den trockenen Kommentaren einer Kellnerin ist sehr unterhaltend.

Es gibt viele sprachliche Spielereien, die beim Lesen zum Lachen bringen. Werdenfels verdreht beim Brainstorming oft Sprichwörter, die seine Umgebung und auch den Lesen irritiert, aber auch die Denkzellen durchputzt.

Die Geschichte ist spannend und durchaus rasant erzählt. Mitraten nach dem who-dunnit ist hier nicht möglich. Ich habe öfters laut gelacht. Viel Spaß beim Lesen !

Guido Buettgen, wurde geboren 1967. Er studierte visuellen Kommunikation und war für Werbeagenturen tätig. Einige Zeit verdiente sein Geld als Boxtrainer. 2012 erschien sein Reiseführer; 2016 sein erster Krimi "Champagnerblut".

Freitag, 31. Januar 2020

Craig Thompson : "Blankets"

Craig Thompson :
"Blankets"
2003, Top Shelf Production
2015, Carlson Graphic Novel Paperback, Ha,burg
Aus dem Amerikanischen von Claudia Fliege
Gelettert von Hartmut Klotzbücher
582 Seiten
ISBN 978-3-551-71377-3

Mit wunderschönen fantasievollen Schwarz-Weiß-zeichnungen werden Kindheit und Jugend in Michigan von Craig und Phil aus der Sicht von Craig erzählt. Die Eltern sind frömmelnde strenge Kirchgänger, für des gottgewollt ist unter Entbehrungen und Strenge zu leben. Die Brüder schaffen sich aus Leintüchern eine Geheimwelt, und die Brüder beginnen getrennt von einander zu zeichnen. In der Pubertät lernt Craig Raina kennen, die eine bildhübsche fröhliche junge Frau ist. 14 Tage darf Craig bei ihr, ihren Adoptivgeschwistern und den Eltern deren Scheidung läuft, in Wisconsin verbringen. Raina hat einen wunderschönen Quilt für Craig geschneidert. Craig zieht nach New York und lernt ohne die engstirnige  Religion zu leben und zeichnet nun beruflich.

Die Geschichte ist autobiographisch, wobei der Autor und Illustrator in der Familie seine Schwester quasi unterschlägt.

Die Zeichnungen faszinieren. Die Magie die sich zwischen Craig und Raina entwickelt wird mit beispielsweise schönen gebogenen Engeln gezeichnet.
Oft geht in dem Buch um Schnee - leichten, dicken, fluffigen, störenden, bezaubernden, schweren, durch Wind gewirbelten, auf den Bäumen liegenden ...

Der Zauber der Liebe, die zarten Gesichter von Graig und Rainer, der Zauber der Natur sind schön eingefangen.
Als Gegenüber sind pubertierende Jungs und Mädchen mit Anbaggersprüchen, Alkohol mit breiten Mündern und Fratzen statt Gesichtern gezeichnet.

Menschlich bleiben Craigs Eltern als bigott auf der Strecke während die Eltern von Raina mit der Krankheit der Adoptvkinder überfordert sind.

Mich haben die Linien und vielen Engel bezaubert, die Art wie Raum in der Landschaft gemacht wird.

Viel Freude beim Lesen, beim Durchblättern des dicken Buches !
 
Craig Matthew Thompson wurde am 21. September 1975 in Michigan geboren. anfänglich zeichnete er beruflich Logos und für Werbungen. 1999 erschien seine erste Graphic Novel " Good-bye, Chunky Rice". 2003 erschien "Blankets" als sein zweite Arbeit, später "Carnet de Voyage" '(ein Reisetagebuch) 2011 "Habibi" und 2015 "Space Dumplins"

Dienstag, 21. Januar 2020

Natasha Korsakova : "Römisches Finale"

Natasha Korsakova :
"Römisches Finale" - Ein neuer Fall für Commissario Di Bernardo
Kriminalroman
2019, Wilhelm Heyne Verlag München
369 Seiten + 3 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-453-42363-3

Commissario Dionisio Di Bernardo und Ispettore Roberto del Pino werden diesmal ins Auditorio zur Leiche eines weltbekannten Pianisten gerufen. Dessen Frau Cristina, eine reiche Dame aus bester Familie der römischen Oberschicht ist entsetzt. Der emotionale Dirigent Azzaria des geplanten Konzertes erzählt von gemeinsamen erotischen Jahren mit dem Pianisten. Agent Borghese, korrekt und engagiert, eröffnet daß der Pianist unbedingt nach England wollte. Andrea Rossi, aalglatt und arrogant, ist Psychiater und kannte den Pianisten seit der Jugend an; daß beide bei dem gleichen Klavierlehrer lange gleich gut Klavier spielten kommt erst spät heraus. Zwei weitere Leichen folgen, bis Di Bernardo einen weiteren Mord verhindern kann und Grausamkeiten aus der Kindheit als Ursache entschlüsselt.

Als Nebengeschichte werden die familiären Erwartungen und Druck der sizilianischen Mafia über Generationen erzählt. Entfliehen der Strukturen und der Morde ist nicht möglich und ist bei Versuch traumatisierend.
Kleine Nebengeschichte ist, daß Flüchtlinge aus Afrika ermordet werden; auch hier wird der Täter  gefunden

Als Privatstränge murksen die beiden Polizisten an ihren Privatleben. Die erwählten Damen erfüllen die Erwartungen nicht, wobei die Telephonate zum Schmunzeln bringen.

Namen und Schilderungen von wunderbarem italienischem Essen werden genannt und kurz beschrieben, ohne die Krimispannung zu stören.

Es gabe einiges neues für mich über Rachmaninoffs Klavierkonzert Nummer 2 zu Lesen.

Manche Wendungen in dem Kriminalroman sind nicht schlüssig, aber da die Menschen gut vorstellbar sind, und die Geschichte gut geschrieben ist, kann das untergehen. Mitraten wer der Mörder ist, ist nicht möglich.

In Summe hat der Krimi Spaß beim Lesen gemacht. Die Sonne Roms im Hochsommer hat mir in der Winterkälte gut getan. Viel Freude beim Lesen !


Natasha Korsakova wurde am 24. Jänner 1973 in Moskau als Tochter eines russischen Violinisten und einer griechisch-russichen Pianistin geboren. Sie ist eine international berühmte Violinistin, spricht fünf Sprachen und lebt seit Jahren in der Schweiz. 2018 erschien ihr erster Roman, der Kriminalroman "Tödliche Sonate", im dem Commissario di Bernardo im Musikermileu, diesmal in Sache Violine ermittelt.

Freitag, 30. August 2019

Max Tegmark : "Leben 3.0"

Max Tegmark :
"Leben 3.0" - Mensch sein im Zeitalter künstlicher Intelligenz
original "Life 3.0"
2017, Alfred A. Knopf, New York
Aus dem Amerikanischen von Hubert Mania
2017, Ullstein Buchverlage Berlin
487 Seiten + 5 Seiten Inhaltsverzeichnis + 2 Seiten Dank + 18 Seiten Anmerkungen + 10 Seiten Register
ISBN 978-3-550-08145-3

Der Physiker Max Tegmark erklärt hier in 9 Kapiteln in großteils auch für den konzentrierten und willigen Laien verständlichen Sprache die Geschichte, die Visision, aber auch die Verantwortung, die bei Einsatz von künstlicher Intelligenz eigentlich notwendig sind.

Während sich der Anfang für mich noch einfach zu lesen schien, ging es dann ans Konzentrierte mit den Begriffen und der Komplexität und Vielfachheit der KI. Hochinteressant wird es wenn man sich durchzudenken beginnt, was eine lernende KI einsetzen möchte und ob und welche Büchse der Pandorra hier möglicherweise gestartet wird.

Bei dem Kapitel, in dem Energie aus den Quasaren gewonnen wird, bin ich nicht mehr mitgekommen - offenbar etwas für wirklich eingefleischte Physiker.

Am Schluß geht es um Bewußtsein / Verantwortung die eigentlich vor Beginn des Einsatzes der KI stattfinden sollte, also genau das Gegenteil dessen was aktuell passiert, wo auf Teufel komm raus automatisiert wird, ohne vorher Konsequenzen durch zu denken.

Ich habe fast ein Jahr an dem Buch gelesen und fand es spannend, herausfordernd, kompliziert; und habe bereits ein weiteres Exemplar weitergeschenkt.

Max Erik Tegmark wurde an 5. Mai 1967 in Stockholm geboren. Er studierte Wirtschaft und Physik (in Schweden und Berkely), arbeitete dann in München und Pennsylvania und ist seit 2000 am MIT. Mittlerweile ist er ein anerkannter Kosmologe und Wissenschaftsphilosoph. Er ist Mitgegründer des 2014 gegründeten 'Future for Life Institute'.

Dienstag, 30. Juli 2019

Carlos Gamerro : "Die 92 Büsten der Eva Peron"

Carlos Gamerro :
"Die 92 Büsten der Eva Peron"
Roman
original "La aventura de los bustos de Eva"
2004, Edhasa (Editora y Distribuidora Hispano Americana S. A.)
Aus dem argentinischen Spanisch von Birgit Weilguny
2018, Septime Verlag
Lesebändchen
395 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 2 Seiten Quellenverzeichnis
ISBN 978-3-902711-73-1

Ernesto Marroné wird nach dem Kidnapping des verhaßten Generaldirektors beauftragt die Löseforderung nach 92 Büsten der Eva Peron zu organisieren. Bei dem Besuch in einem Gipswerk um diese Büsten zu veranlassen, drehen die Arbeiten den Spieß um und gehen in organisierten Streik. Marroné ist zuerst auf der Seite des eingesperrten Vorstand, und schafft auf durch angewandte Tricks von Dale Carniege bis zu Tips aus  Don Quijote im Management auf der Seite der Arbeiter diese zu organisieren. Er mobilisiert diese zur Herstellung der 92 Büsten. Der Angrifft der Gewerkschaft und der Polizei löscht mehrer Menschenleben aus - ihm wird mit Tricks aus dem Kugelhagel geholfen, in den Slums ein Versteck bereitet, bis wieder die Kugeln fliegen. Auf der Suche nach Sicherheit und den Büsten besucht er ein skurriles Bordell mit Frauen als Evita ge/ver-kleidet die alle Spiele beherrschen. Sicherheit bringt ein Viertel, das nach dem Grundriß einer Büste von Evita gebaut ist, und dementsprechend nicht so einfach zerstört werden kann. Hier findet er versteckt ein geheimes Lager von Evita-Büsten mit verschiedenen Gesichtsausdrücken und Posen. Als er diese endlich zur Firma bringt, entdeckt er daß dies den Direktor nicht retten konnte, und die Karriere-Machtspiele in der Firma weitergehen.

Der Roman war nicht einfach zu lesen, da die Reflexionen von Ernesto, der adoptiert wurde und auf die besten Schulen geschickt wurde, sehr oft Verhaltenstricks aus Manangementbüchern zitiert.

Die Skurrilität der geschmeidigen Anpassung an alle Situationen egal ob penetrante Prüfung beim Direktor oder Verdrehung von Argumenten der Arbeiter ist eigen.
Die Szenen mit dem alten Freund aus Elite-Uni-Tagen, die zuerst jovial, dann manipulierend und dann tödlich enden gingen mir unter die Haut.

Das private und gesellschaftliche Leben Ernestos mit einer schönen oberflächlichen Frau ist überflächlich traurig, was beiden bewußt ist. Rettung für ihn ist immer die Toilette.

Der Absatz, in dem die gesammelten Evitas geschildert werden, ist faszinierend in ihrer geschilderten Vielfältigkeit. Es werden die Materialien, die Gesichtsausdrücke, die Frisuren mit viel Gefühl beschrieben.
Wer die Lebensgeschichte von Eva/Evita Perón geborene Eva Duarte noch nicht kennt, erhält sie hier mit Erfolgen, Mißerfolgen, Stärken und Schwächen erzählt.

Manche der beschriebenen Situation bringen zum Grinsen, bei anderen bleibt mir der Humor im Hals stecken. Anpassungsfähigkeit bringt dem Protagonisten nicht den gewünschten Erfolg.

In Summe ein starker, eindrücklicher, sehr eigener, und sehr empfehlenswerter Roman, der Konzentration verdient. Viel Freude beim Lesen !

Carlos Gamerro wurde am 16. Mai 1962 in Buenos Aires geboren. Er ist Übersetzer, Schriftsteller und Kritiker. Als Übersetzer hat u.a. Werke von Shakespeare, W. H.Auden und Harold Bloom ins Argentinische übersetzt. 1998 erschien sein erster Roman "Las Islas", sein erstes Theaterstück erschien 2009 und der bisher einzige Film 2007.

Mittwoch, 10. Juli 2019

Lenz Koppelstätter : "Die Stille der Lärchen"

Lenz Koppelstätter :
"Die Stille der Lärchen" - ein Fall für Commissario Grauner
2016, Verlag Kiepenheuer Witsch Köln
298 Seiten - erste Innenseite mit Plan des Ultentales - Innenseite des Rückencovers mit Plan von Südtirol
ISBN 978-3-462-04734-9

Eine wunderschöne junge Frau sitzt ermordet an Lärchen, das zum Aufbrechen alter Vorurteile, alter Geschichten und aktueller bis dahin nicht anerkannter Brutalitäten führt. Commissario Grauner der aus Südtirol stammt und Ispettore Saltapepe, der aus Neapel versetzt worden war, sehen sich den Einflüssen des sehr konservativen Pfarrers, dem trauernden Großvater der Toten, einem mächtigen Wirtschaftstreibenden des Tales, einem schützenden Vater und alten Geschichten der Jahrhundertwende um die Dichterfamilie Mann gegenüber. Grauner und Saltapeppe rollen das Leben um die Familie der Toten und des Hauptverdächtigen auf, und setzen sich selbst einigen Gefahren aus. Der Tod der jungen Frau wird aufgelöst, und auch einiges anderes was falsch gelaufen war, wird wieder zurecht gerückt.

Die Geschichte ist sehr spannend geschrieben und überrascht im Ende.
Dieser Kriminalroman ist der zweite Band mit den Herren Grauner und Saltapepe.

Die beiden Polizisten sind gut vorstellbar in ihrerm Temperament und Vorlieben geschildert. Die vier Zeilen. in denen der Südtiroler Grauner leidenschaftlich auf italienisch flucht, bringen fast zu Lachen. Die Namen die er seinen Kühen gegeben hat, bringen zu Lachen. Die Probleme mit der Mafia brachten den Neapolitaner nach Südtirol, das ihn immer wieder überfordert. Seine Leidenschaft für einfache gute Spaghetti pomodoro ohne extra Zutaten ist berührend.
Beide sind als halbwegs angenehmem Polizisten geschildert, die um die Aufklärung des Falles bemüht sind, und danach trachten möglichst vielen Vorurteilen auszuweichen.

Es wird die Geschichte des Ultentales erzählt, das um die Jahrhundertwende ähnlich wie der Semmering für seine Erholung berühmt gewesen war. Ein österreichischer Arzt sorgte hier lange für das Wohl seiner überreizten und kranken Patienten.

Gegenpol ist ein übertriebenes Projekt, das einem Unternehmer in dem Buch anfällt, bei dem dieser auch gewissenlos an Grundstücke und Wasserbesitz kommen möchte.
Beängstigend ist auch die Figur des Pfarrers der engstirnig die Bevölkerung des Tales gegen einen jungen nicht-angepassten etwas kranken Mann aufwiegeln möchte, und keinerlei Gewissensprobleme entwickelt.

In Summe ein sehr empfehlenswerter Kriminalroman. Viel Spaß beim Lesen !

Lenz Koppelstätter wurde 1982 in Bozen geboren. Er wuchs in Bozen und Tramin in Südtirol auf und studierte in Bologna und Berlin. Zuerst arbeitete als Journalist, 2015 erschien der erste Band mit Commissario Grauner "Der Tote am Gletscher", 2020 soll der fünfte Kriminalroman in dieser Serie erscheinen.