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Sonntag, 16. März 2025

Nagib Machfus : "Der Dieb und die Hunde"

Nagib Machfus :
"Der Dieb und die Hunde"
original "al-liss wa al-kilab"
1961, Maktabat Misr, Kairo
Aus dem Arabischen von Doris Erpenbeck
1986, Verlag C.H. Beck München
163 Seiten + 4 Seiten Nachbemerkung von Doris Erpenbeck
ISBN 3-406-31025-7

Said Muhran, ehemals erfolreicher aber verratener Dieb, wird nach vier Jahren aus dem Gefängnis entlassen, und findet alles verändert vor, v.a. sind seine große Liebe und sein Kind nicht mehr an ihm interessiert. Er geht zu dem Scheich, bei dem sein Vater und er früher Schutz und geistige Führung gesucht und gefunden hatten. Diesmal ist der Haß stärker - der Haß auf seinen ehemligen Schüler, den Frau und Kind jetzt lieben und der Haß auf seinen ehemaligen Kompagnion der gut in einem schönen Haus lebt. Einige alte Freunde versuchen ihn zu warnen, und auch zu helfen, aber bis auf eine alte Freundin, die ihm wirklich hilft, kommt niemand an ihn durch. Nachdem er mit seiner Rache Unschuldige getötet hat, zieht sich der Kreis der Verfolger eng und enger um ihn.

In dem Roman wird Said begleitet - von seiner Entlassung aus dem Gefängnis, bei den für ihn demütigenden Besuch bei ex-frau und Tochter und den hämischen Grinsen der Beobachter, bei dem ruhigen weisen Scheich der in seiner eigenen spirituellen Welt zu leben scheint aber ihm trotzdem mit Schlafraum und Essen weiterhilft, einem Wirt aus alten Zeiten der zumindest Essen bringt, der hochnäsige reiche ehemalige Kompagnon der nur einen kleinen schäbigen Job in Aussicht stellt, und eine ehemalige Freundin und schöne Frau Nur die sich verkauft und ihm einige schöne Zeit beschafft. 

Die Gedanken von Said ziehen ihn in einen Zerstörungswahn, der sich immer schneller dreht und mich als Leser mitgezogen hat.
Allerdings gilt mein Mitgefühl auch dieser Frau Nur, die ihre Liebe und viel gibt und dann plötzlich nicht mehr in dem Buch vorhanden ist.

Der steigenden Verzweiflung von Said steht die betonte Ruhe des Scheichs gegenüber, der Zeilen aus dem Koran zitiert und damit Spiegel und Hilfe für Said sein könnte, was dieser nicht annimmt oder nicht annehmen kann.

In Summe ein faszinierender roman, auch wenn er für mich nicht ganz einfach zu Lesen war !

Sonntag, 30. Oktober 2022

Thomas Bernhard : "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mir essen"

Thomas Bernhard :
"Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen"
Drei Dramolette (1986/1986/1987)
1990, Suhrkamp Verlag Frankfurt
72 Seiten
ISBN 3-518-38722-7

Dramolett 1 : 'Claus Peymann verläßt Bochum und geht als Burgtheaterdirektor nach Wien'
Claus Peymann ist beim Kofferpacken bzw gibt Anleitungen an seine Sekretärin was und wie alles in den Koffer zu packen sei. Hier sind Stücke und Menschen durcheinander gemischt, Zeitgenössisches und Abgelaufenes, Politiker bis Kritiker, wohlwollende wie kritische Menschen.
Manches ist humorvoll, manches zynisch; in Summe tut mir die Sekretärin bei dem launischen Chef leid.

Dramolett 2 : 'Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen'
Claus Peymann kauft sich eine italienische teure Hose in Wien in einer der teuersten Einkaufsstraßen Wiens, und plaudert mit dem Ich / Thomas Bernhard darüber. Dann raisoniert Peymann darüber, daß man als Burgtheaterdirektor stark genug sein muß, die alte Hose selbst zu tragen, daß er das Theater liebt, daß er gerne in ein Geschäft gehen würde um sich einen neuen Kopf zu kaufen, und daß er sich vom Ich ein echte Welt-ekel-Stück wünscht. Am Schluß sitzen beide vor Tafelspitz mit Beilagen.

Ich habe zwei faszinierende Wörter kennen gelernt : 'Kleiderhausprobierzellenschlag' - hier geht es darum, daß man beim probieren von Kleidung im Kaufhaus einen schlaganfall erleiden könnte;
und 'Andernaseherumführer', das mich sehr zum Schmunzeln brachte.

Dramolett 3 : 'Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese'
Beide haben kaltes Schnitzel eingepackt und schauen auf Wien. Peymann erzählt von einer Idee den "Sturm" und am liebsten alle Shakespeare stücke auf einmal aufführen zu lassen. Dann erzählen sie sich gegenseitig von ihren Albträumen, die bei Beil voll mit Theater und bei Peymann voll mit Politikern sind.

In Summe schöne kleine böse Dramolette in denen die Politiker schlechte Kritik erhalten, und nur das Theater wichtig ist.

Montag, 15. Juni 2020

Andrea de Carlo : "Yucatan"

Andrea de Carlo :
"Yucatan"
Roman
original "Yucatan"
1986, Gruppo Editoriale
Aus dem Italienischen von Jürgen Bauer
1988/1991, Diogenes
250 Seiten
ISBN 978-3-257-219141-1

Dru Resnik, berühmter Regisseur aus ex-Yugoslavien, und sein britischer Assistent Dave, reisen in Amerika mit dem reichen Nesbitt, der einen Film produzieren möchte. Der Reise zwischen Los Angeles und Mexico schließen sich Nesbitts Freundin Elaine an, an der sich später deren Freundin Rickie anschließt. Eigentlich sollte sich Camaro, anschließen, und mit seiner Spiritualät einen neuen Film initiieren. Es kommen geheimisvolle Texte und Anrufe, die den Film inspirieren sollen. Dru, Dave, Nesbitt und Elaine fahren durch negative und positive Kraftorte in Mexico, billige und teure Hotels, billige und teure Gastronomiestätten; Dru gewinnt Frauen durch seine Ausstrahlung und läßt die anderen Männer damit stehen. Am Ende steht weder ein neuer Film, noch sonst etwas Neues.

In kursiv sind die Gedanken von Dru gesetzt, der sich mehr Initiative von Dave erhofft und seine Zweifel an seiner eigenen Kreativit für neue Filme hat.

Auf dem Cover der Rückseite wird von der Mystischen und metaphysischen seite Mittelamerikas geschrieben, was ich leider überhaupt nicht wahrgenommen habe.
Für mich ist der Roman ein Roadtrip von Suchende, mit ein bißchen Carlos Castaneda gewürzt. Für mich war auch der Weg der Reise kein Weg der Lernen brachte, da alle Positionen am Ende unverändert waren.
Etwas nervig war, daß der berühmte Regisseur fast alle hübschen Frauen in den Bann zieht.

Unterhaltsam ist das viele Herumfahren in den 80-er Jahren, ohne Handy, ohne Internet, dafür Offenheit für Spirituelles.

Leider ist mir der Roman zu langatmig geworden, und ich habe nur durchgehalten, weil ich wissen wollte welche Ende dem Autor eingefallen ist. Ein Lachanfall ist mir aber zuwenig.

Hoffentlich gefällt der Roman anderen Menschen besser als mir. 

Andrea De Carlo wurde am 11. Dezember 1952 in Mailand geboren. Er studierte Literaturwissenschaften, und arbeitete später als Photograph. 1981 erschienen sein bekannter  Roman "Creamtrain (Treno di panna)". Mittlerweile sind 20 Romane in 26 Sprachen übersetzt worden. Er ist auch als Rockmusiker und Maler künstlerisch kreativ, und arbeitete mit Fellini als Regieassistent.

Sonntag, 3. Dezember 2017

Margaret Atwood : "The Handmaid's Tale"

Margaret Atwood :
"The Handmaid's Tale"
first published 1986
2010, Penguin Random House / Vintage Fiction
300 Seiten + 15 Seiten 'historical notes'
ISBN 978-0-099-51166-3

Eine weibliche Ich-Person erzählt in Gegenwart und Rückblenden, wie sie als fertile Magd in Zeiten schwindender Geburten für ein elite-Paar ein Kind auf die Welt bringen soll. Zwei Jahre zuvor war sie verheiratet gewesen - mit einem geschiedenen Mann - und hatte eine Tochter. Von keiner der beiden weiß sie nun. Im Jetzt hat eine christliche Sektierergruppe die Macht übernommen, Menschen Aufgaben zugeteilt, und erlaubt nur der sogenannten Elite das Lesen und Schreiben. Altes Leben wie Denken, Zeitschriften sehen, Schminken, bis zu Scheidung, Abtreibung, alt sein und jetzt Auflehnung wird hart bestraft - bis hin zur Todesstrafe. Am Anfang versuchten Menschen noch zu fliehen. Und es gab Demonstrationen. Aktuell gibt es Menschen die im Untergrund gegen die Strukturen arbeiten. Die Ich-Person, die Offred genannt wird, als Teil von Fred ihrem Chef wird immer wieder privat zu Verbotenem eingeladen - wie Scrabble, Zeitschrift lesen und in ein Puff eingeladen. Parallel trifft sie sich auf Anraten der Frau von Fred mit dem Chauffeur um doch endlich ein Kind zu zeugen. Als das Treffen mit Fred auffliegt, wird sie von Wachsoldaten oder doch Untergrundleuten in Uniform abgeholt.
Im Nachspann wird knapp 150 Jahre später im Rahmen eines wissenschaftlichen Meetings über die frühe und mittlere Gilhead Periode gesprochen und dreißig Kassetten die von einer Frau (der Ich-Person) besprochen worden waren. Ihr Leben war die frühe Periode der Umstellung.

Gespräche über das System gingen mir unter die Haut, wenn Commander Fred in einem der geheimen Gespräche mit der Ich-Person über das neue System meint : "we thought we could do better ... better never means better for everyone .. it always means worse, for some."
Außerdem will er ihr anpreisen, daß es doch jetzt besser ist auch für Frauen nicht mehr im Dunkel vergewaltigt zu werden, sondern verheiratet und sonst (zwangsbestimmt) eingeteilt zu werden. Sie meint was ist mit Liebe - die Antwort bleibt er ihr schuldig.

Lange gehen die Beschreibungen des Terrors und die Entmündigungen der Frauen vor sich hin, inkl. Rückblenden und Erinnerungen an die eigene kleine Familie und auch ihre Mutter, bevor die Geschichte Tempo aufnimmt und mit Liebschaft, Schwangerschaft, bis zum Untergrund plötzlich an Spannung gewinnt. Das Ende bleibt offen, weil nicht wirklich klar ist, ob die Ich-Person überlebt; das Ende ihrer kleinen Familie ist ebenso ungeklärt.

Jezebel's - Club ist ein klassischer alter Männerclub,  bei dem sich die Commander und ihre Gäste mit käuflichen Frauen - ausgemustert als nicht-gebährfähig weil schlechter Charakter (!) aber gute Figur - vergnügen. Die Beschreibungen der Gewandungen der Ich-Figur und der anderen Frauen dort, über ungepflegte einst sexy Outfits wie Hasenkostüme oder Cat-suits liest sich abstoßend.

Auch wenn die Geschichte von einer Frau erzählt wird über das fruchtbarbezogene Leben, und andere eintönige Frauenleben, sind nicht nur die Frauen unglücklich in dem System, sondern erscheinen es die Männer ebenso.

Während die Ich-Person sich ihrem Leben in der Diktatur, allerdings nach mißglückter Flucht, anzupassen scheint, wird in den Rückblenden offen, daß ihre Mutter eine ewige Rebellin war die für Frieden und Frauenrechte demonstrierte, ihre angepaßte Tochter mit konservativem Familienwunsch überhaupt nicht verstand. eine Freundin erzählt spät, daß ihre Mutter wie andere Aufsässige dazu verurteilt war radioaktives Material ohne irgendeinen Schutz wegzuräumen.

Einige Fragen neben dem offene Ende bleiben offen : er teilt die Menschen welchen Aufgaben zu ? welche Aufgaben bleiben Männern ? was passiert mit Menschen die nicht mehr fruchtbar und/oder zu alt sind ?

Der Schreibstil ist dicht und läßt die Menschen vor dem geistigen Auge beschreiben. Auch düstere Stadtbeschreibungen, wenn es heißt das Haus hat einmal nach einem ermordeten Präsidenten geheißen, oder wie heiß es die Frauen die Kinder empfangen und austragen sollen unter ihren roten sackähnlichen Gewändern schwitzen.

Das Englisch ist sehr schön, beschreibt mit vielen schönen Vokabeln Feinheiten und Schattierungen. Mir sind unter anderem diese Wörter aufgefallen : semaphore, grapevine für 'Dschungeltelegraph', luxuriate,  dissipation, swashbuckling, pizzazz. Der Absatz in dem sie einen blühenden sinnlichen Garten in dieser unsinnlichen Gesellschaft ist faszinierend.
Es gibt Wortschöpfungen wie : Computalk, Compuphone. Sogar Latein wird bemüht :  "nolite te bastardes carborundum", das der Commander als Schulbubenlatein abtut, aber eine Warnung unter den Frauen ist.

In Summe ein spannender wenn auch nicht fröhlich stimmender Roman, der sehr gut zu Lesen ist. Viel Freude beim Eintauchen in diese eigenartige Welt.

Margaret Eleanor Atwood, wurde am 18. November 1939 in Ottawa, Kanada geboren. Sie studierte englische Sprache und Literatur in Toronto. Sie arbeitet als Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin ( Romane, Kurzgeschichten und Lyrik). Ihr erster Roman erschien 1969. Oft setzte sie sich für Rechte der Frauen ein, oder thematisiert Umweltthemen. Sie ist Mitglied der 'Rare Bird Society'.

Freitag, 8. Juni 2012

Francisco González Ledesma : "Die Rache der Träumerin"

Francisco González Ledesma :
"Die Rache der Träumerin"
Kriminalroman
1986, original "La Dama de Cachamira"
Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg
2012, Lübbe Ehrenwirth, Bastei Lübbe GmbH & Co KG
293 Seiten
ISBN 978-3-431-03850-7

Der Kriminalroman ist ein starker, dichter, eigentlich tieftrauriger Roman in dem Inspector Méndez durch die eher armseligen Viertel in Barcelona streift und den von der Presse sogenannten "Rollstuhlmörder" findet.

Paquito wird ermordet gefunden. Ein Rubinring, der nicht mehr abstreifbar war, führt zu seinem Freund Abel. Die Witwe Esther lebt in einem geordneten, aber armseligen Umfeld. Sie wird von einer Freundin besucht, die ihr von den Reisen spendiert von ihrem reichen aber unsichtbaren Liebhaber erzählt.
In einem alten charismatischen Haus mit Marmorkamin und Spiegel, das kurz vor dem Abriß steht, weil Spekulanten auf dem Terrain neues bauen wollen, gibt es noch Rest einer Familie. Die alten Besitzer haben längst den Bescheid zum wegsiedeln erhalten, versuchen aber so lange wie möglich zu bleiben. Die noch lebende Tochter Elvira der ehemaligen Schneiderin Ros wird Schikanen ausgesetzt, damit die Baulöwen um Ricardo rascher starten können.
Inspektor Méndez, hat ziemliche Fußschmerzen und in seinem Kommissariat wird gewünscht, daß er endlich seinen Dienst aufgibt. Er tingelt weiter durch die Lokale, trinkt mehr schlechten als guten Cognac, manchmal Anis und hört sich die kleinen und kleineren Probleme der Prostituierten, Freier, Wirtsleute und Kleinkriminellen an. Er stoßt hier auf den Namen einer Frau namens Tere.
Nach mehreren falschen Ideen findet den Rollstuhlfahrer, der die Morde begangen hatte, - es macht ihn aber nicht glücklich.

Das Buch hat eine kraftvolle Traurigkeit, die abgelebten Häuser, Lokale, Pensionen, Puffs, Wirtschaften, Wohnungen, Wohnhöhlen mit Wäschestricks mit ausrangierter löchriger Kleidung, Untergewand aus besseren Zeiten und andere Versatzstücke aus etwas besserem Leben.
Die Welt der Menschen die durch neue Immobilien reicher werden möchte und die deren Welt zehn Jahr nach Francos Tod noch mehr ins Elend abrutschen triftet noch mehr auseinander.

Deftige Sinnlichkeit ist ein weiteres starkes Element in dem Buch. Etwas skurril finde ich die Unterhaltung von zwei Polizisten über die Hinterfront von Kollegen. Homosexualität wird erst ein Thema - und ist zu dieser Zeit noch ein Grund, daß beide Männer festgenommen werden. Frauen werden oft sehr körperlich beschrieben - wobei gerade der Po oft sehr detailliert geschildert wird. Daß brutale Sexualität einer der Schlüssel zu den Morden ist, ist ein Detail. Das Leben der Prostituierten mit zahlenden / nicht zahlenden, freundlichen /brutalen Freiern wird immer wieder skizziert.

Ich empfand das Buch als dicht und stark geschrieben, die Menschen und Umgebung sind zwar düster aber vorstellbar geschildert. Leider gibt es kein positives Ende im Sinne von 'happy end'. Das Buch hat mich in den Sog hineingezogen, ich kann diesen spannenden Kriminalroman nur weiterempfehlen.



Montag, 20. Juni 2011

Juan Madrid : "Nichts zu machen"

Juan Madrid :
"Nichts zu machen"
1986, Original 'Nada que hacer'
(Hinweis unter der letzten Zeile : Madrid, November 1983)
übersetzt von Hans-Joachim Hartstein
1990, Elster Verlag Moos & Moos Baden-Baden
191 Seiten
2 Seiten Nachwort von Dietmut Roether
ISBN 3-89151-090-X


Das Buch ist ein schwarzer, für mich negativer Roman, der mich in den Bann gezogen hat. Es hat zwar eine Art positives Ende, da die Rache gelungen ist, aber positiven Ausblick spürte ich beim Lesen nicht.

Der Kriminelle Silverio Roca ist ein gefragter Fahrer - bei Überfällen, Banküberfällen und auch für Transport gefährlicher Ware. Eigentlich  w a r   er es, denn er ist einem ehemaligen Mitsträfling und einflußreichem Chefkriminellem in eine Falle getappt und wurde dabei lebensgefährlich verletzt. Als er aus dem Krankenhaus und dann Gefängnis entlassen wird, entdeckt er daß die einzigen die ihm eine quasi-Familie gebildet hatten nämlich die Pensionswirtin Amparito und ihre Tochter Conchita (die sich an einflußreiche Männer verkaufte) nicht mehr am Leben sind (Amparito starb an Krebs, ihre Tochter wurde ermordet). Silverio macht sich an die Arbeit und beseitigt diejenigen die er an dem Tod der beiden für schuldig hält, bei denen es sich um eine ungute Mischung aus Bankmanagern und Kriminellen handelt.

Die Geschichte wird nicht linear erzählt, sondern der Autor springt in der Vergangenheit und der aktuellen Suche nach dem/n Verursacher/n des Leids von Conchita und ihrer Mutter hin und her.

Die handelnden Personen sind meist hilflos, überfordert, oft unglücklich - weder die gut situierten Bankmenschen noch die Kriminellen auf den verschiedenen Hierarchiestufen. Es geht für die einen nur ums Überleben, für die anderen um rücksichtslos ihre Macht durchzusetzen.
Das Ambiente sind meist zwielichtige Lokale, viel Alkohol, käufliche Damen oder Bankräume/eine Villa/Friedhof. Nirgends ist auch nur ein Hauch von Geborgenheit zu spüren.

Trotz der negativen Atmosphäre hat mich die Geschichte fasziniert  und ich wollte wissen, ob die Rache gelingt. Ob das Buch die Atmosphäre anfang/Mitte der 80-er der Post-franco-ära authentisch einfängt, kann ich nicht beurteilen, aber das Buch durchaus empfehlen.

Samstag, 13. Februar 2010

Sylvia T. Haymon: "Ritualmord"

Sylvia T. Haymon
"Ritualmord"
aus dem Englischen von Christine Mrowietz
Original "Ritual murder" bei Constable & Co ltd (1982)
Serie Piper Spannung (1986)
266 Seiten
ISBN 3-492-15504-9

Großteils guter Kriminalroman mit schönen Figuren, klaren Szenerien, dem am Ende irgendwie der Atem ausgeht.

Inspektor Ben Jurnet, der aussieht wie ein Italian Lover, wird zu dem toten Buben Arthur gerufen, der wie ein ermordeter Zuckerbäckerssohn aus 1144, jetzt als St. Ulf bekannt, hergerichtet . Der Leichnam des Chorknaben wurde auch noch in der archäologischen Grabstelle des St. Ulf gefunden.
Es stellt sich heraus daß Arthur eher unbeliebt gewesen war, und mit Zeitungsaustragen Taschengeld verdiente. Nach und nach addiert sich dazu, daß er damit auch Drogen transportierte.
Am Schluß stellt sich heraus daß ein anderer Chorknabe, mit dem Arthur seine Machtspielchen trieb, seine Hände bei dem tödlichen Unfall im Spiel hatte. Ob Unfall oder Absicht bleibt die Gewissensfrage des Inspektors.

Viele unterschiedlichen Menschen bevölkern die Szenerien wie die pedantisch putzende Mutter des ermordeten Buben, den etwas überhebliche Dean der Kathedrale und einige seiner hilfreichen Menschen, ohne die ein Kirchenbetrieb kaum möglich ist, das Archäologenteam mit redseligem Chef und wunderschöner erotischer Tochter eines Lords, einem Ehepaar aus Wien die die Nazis überlebt haben und in England mit Wiener Konditorei einen Neuanfang schafften, die beschränkte liebevolle zauberhafte Mutter eines intelligenten Buben die der Chef der Familie in einem verwahrlosten Wohnwagen leben läßt und die fast einem Anschlag zum Opfer fallen, bis dem Aufflackern des Antisemitismus.

Angst machen die Absätze in denen Rückblick auf die Zeit des Antisemitismus im mittelalterlichen England gehalten wird, aber auch in denen die Grausamkeit zwischen Kindern und parallel wiederaufkommender Antisemtismus und religiöser Zwangbekehrungsgedanken aufkommen.

Nette Metaphern bei der zB: wird der schöne Dom dessen Vorlage die Kathedrale von Norwich ist als "steinerne Hochzeitstorte" beschrieben ..

Empfehlenswert für Menschen die sich gerne Szenerien und Menschen schildern lassen, die die Verschiedenartigkeit von Menschen / Schichten/ Herkünften mögen und die Feinheit von Beoabachtungen.