Samstag, 27. Juni 2026

Jegana Dschabbarowa : "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt"

Jegana Dschabbarowa :
"Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt"
Roman
original ' ‎ Руки женщин моей семьи были не для письма'
2023, No Kidding Press. Moskau

Aus dem Russischen von Maria Rajer
2025, Paul Zsolnay Verlag
130 Seiten
ISBN 978-3-552-07591-7

In elf Kapiteln die Titel von Körperregionen haben erzählt eine junge Frau (Jegana), die ältere Tochter einer Familie, aus Aserbeidschan, die auch in Rußland leben. Sie erzählt von der Gewalt und Unterdrückung die ihre Mutter durch ihren permanent eifersüchtigen Ehemann erleben mußte. Die Unterdrückung von Frauen bzw der wenige Ausdruck der ihnen erlaubt war, wird auch anhand ihrer Mutter erzählt. Ausnahme ist der Großvater der immer liebevoll war, und in ihr die Liebe zu Lyrik und zur Schönheit der Natur erweckte.
Frauen müssen für den Mann schön sein, Kinder gebähren und der Haushalt muß blitzen vor Sauberkeit. Die Frauen der kleinen Familie halten trotzdem gegen den prügelnden Vater und Ehemann zusammen, und blockieren ihn auch wenn er Süßigkeiten nach Hause bringt.

Sie (Jegana) hat ein anderes Leben als die anderen Frauen, da bei ihr die Stimme versagt, immerwieder Körperteile, manchmal ein Bein bis es endlich zu Diagnose kommt, daß sie generalisierte Dystonie hat. Zuerst sollen Medikamente helfen, als sie auf der Universität ist, wird ihr eine Operation genehmigt. Auch dort wird ihr Vater nur eifersüchtig, weil sie wie allen anderen Patienten Leggings und Sweatshirt trug, und damit ihre Beine zeigt.

Spannend ist wie sie Rußland und Asserbeidschan vergleicht - und schreibt, daß sie in keinem von beiden Länder zu hause war, und ihre öfter gesagt wurde, daß sie keine Sprache wirklich kann.

Die Kapitel heißten "Augenbrauen", "Augen", "Haare", "Mund", "Schultern", "Hände", "Zunge", "Rücken", "Beine", "Hals" und "Bauch".Die Körperlichkeit der Frauen, die von den Männern unterdrückt wird, ist spürbar. 

Ich habe länger gebraucht dieses Buch zu lesen, weil mir die geschilderten Situationen  mit Gewalt und seelischer Enge der Frauen unter die Haut gingen.

In Summe ein starkes eindrückliches Buch über Frauen in engen Gesellschaften; ich wünsche gutes Lesen !

Jegana Dschabbarowa, wurde 1992 in einer aserbaidschanischen Familie in Jekaterinburg/Russland geboren. 2024 war sie gezwungen wegen Morddrohungen, Russland zu verlassen; sie lebt heute in Hamburg. 'Die Hände der Frauen in meiner Familie' waren nicht zum Schreiben bestimmt ist ihr Debütroman.

Freitag, 19. Juni 2026

Gabrielle Filteau - Chiba : "Die Ungezähmten"

Gabrielle Filteau - Chiba :
"Die Ungezähmten"
Roman
Original "Sauvagine"
2019, Les Éditions XYZ, Montreal
Aus dem Französischen von Katrin Segerer
2025, DTV München
321 Seiten mit schwarzem Lesebändchen + 1 Seite Danksagung + 2 Seiten Anmerkungen + 1 Seite Biographie der Autorin und der Übersetzerin
ISBN 978-3-423-28515-5

Mit Illustrationen der Autorin

Die Wildhüterin Raphaelle (kurz Raph) Robichaud umsorgt mit ihrer Halbhund-HalbCojtote Hündin einen Teil eines Naturschutzgebietes ins Kamourska; sie wohnt in einem Wohnwagen, duscht sich mit kalten Wasser, und lebt einfach aber naturverbunden. Als ihre Hündin fast an einer der illegalen Fallen mittels Schlinge, die Wilderer aufgestellt haben, stirbt, und als sie entdeckt, daß einer dieser Wilderer sie durch eine Wildtierkamera in ihren sehr privaten Momenten filmt, und sie zusätzlich entdeckt, daß dieser Wilderer Teil einer mächtigen Familie ist, entwickelt sie gemeinsam mit einem guten alten Wildhüterfreund einen  Plan das gefährlichste Tier, nämlich den rücksichtlosen Menschen, in eine Falle zu locken.
Als ihr zuerst ein Tagebuch in die Hände fällt, und sie dann später die Autorin dieses Buches und  Waldmensch Anouk kennen lernt, bekommt sich emotionale Unterstützung bei ihrem archaischen Racheplan.

Das Buch ist in Ich-form aus Sicht von Raphaelle geschrieben, bis auf die Tagebuchseiten, die kursiv gedruckt sind und in denen Anouk erzählt. Intensiv, direkt, ohne Scham erzählt sie ihr Leben im Wald und wie einfach sie manche Probleme löst, sei es sich mit Moos den Popsch auszuwischen, oder sich einen Joint am Wochenende dreht, aber auch wie bewußt sich mit der Gefahr von Bären umgeht. Für sie sind nicht die Tiere das Problem im Wald, sondern Menschen, die sich der Natur bedienen und dabei rücksichtslos Tier verenden lassen (statt wenigstens einen raschen Tod herbeizuführen).
Ihr gegenüber ist Anouk die einsam lebend sehr offen geworden ist, und die sich einfach traut mit Raphaelle in eine Beziehung zu gleiten, und sie auf ihrem Rachefeldzug mit Rückzug zu begleiten.

Die Wälder, die Landschaften, der schöne Baum an der Staatengrenze, die Tiere sind wunderschön geschildert. Auch die Menschen sind - teilweise durch ihre Kosenamen - vorstellbar.

Mir waren nur die seitenlangen Erotikbeschreibungen etwas zu viel.

In Summe ein faszinierender, kraftvoller Roman. Viel Freude beim Lesen !

Gabrielle Filteau-Chiba lebt am Ufer des Kamouraska-Flusses. Sie studierte an der Universite Laval, und verließ im Alter von 25 Jahren ihre Heimatstadt Montreal und zog sich in die Wildnis von Québec zurück. Sie schreibt, übersetzt, illustriert und verteidigt die Wildnis Québecs. Zuletzt erschien ›Bis der Fluss taut‹ (2022). ›Die Ungezähmten‹ war sowohl in Québec als auch in Frankreich ein Bestseller und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Freitag, 12. Juni 2026

Adriana Altaras : "Besser allein als in schlechter Gesellschaft"

Adriana Altaras :
"Besser allein als in schlechter Gesellschaft" - meine eigensinnige Tante
3. Auflage 2024, Kiepenheuer & Witsch
230 Seiten + 1 Seite Dank
ISBN 978-3-462-00702-2

Das Buch ist aus zweierlei Sicht zweier starker Frauen geschrieben - der von Adriana, die 60 ist, geschieden, in Deutschland lebend, und ihrer Tante die ihren 100-ten Geburtstag wegen Corona nicht im Alters-Pflegeheim, feiern kann.
Adriana die sich nach der Scheidung wieder sammeln muß, Theater spielt, sich um ihre Tante sorgt - mit Skype und Telephon die Tante in Norditalien, die mit Stärke, Humor und Zähigkeit der Nichte Tips gibt (Kauf Dir ein Leinenkleid, Nimm' dir einen Liebhaber, warum ist es ein deutscher Mann kein jüdischer ...).
Die Tante hat die Ustascha in Kroatien überlebt, wurde in Italien gerettet, heiratete dort einen Mann mit gräßlicher Mutter und nettem Vater, und hat ihr Leben mit Stärke gemeistert. Sie schaute auf sich, auf ihr großbürgerliches (im Buch steht es so) Niveau, geistige Offenheit, auf gepflegte Erscheinung, gönnte sich einen Liebhaber, denkt an ihre erste Liebe und wie das Leben mit ihm gewesen wäre, und reflektiert über den Abbau von Geist und Körper.

Ich mußte zugegebermassen über die Geschichte Kroatiens nach dem zweiten Weltkrieg nachlesen.

Beim Lesen hat mir gut gefallen, daß immer wieder italienische Phrasen verwendet werden !

Mich haben die Kapitel der Tante mehr angesprochen, und ich habe mir überlegt wie es wäre so eine lebensfrohe, kontroversielle Tante als Gesprächspartner zu haben. Viel Spaß beim Lesen.

Adriana Altaras wurde am 6. April 1960 in Zagreb, damals Jugoslawien geboren. Ihre Eltern sind jüdische Partisanen aus dem heutigen Kroatien. Mit vier Jahren wurde sie nach Mantua, Italien geschmuggelt und lernte dort italienisch. Mit sieben Jahren kam sie zu ihren Eltern nach Gießen, Deutschland. Sie studierte Schauspiel in Berlin und ist mittlerweile Schauspielerin, Theater- und Opernregisseurin und Autorin.
2011 erschien ihr erstes Buch "
Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie". In ihrem 2014 erschienen Roman "Doitscha. Eine jüdische Mutter packt aus" ist das Kapitel 'man briderl' zweisprachig in Jiddisch und Deutsch geschrieben."Besser allein als in schlechter Gesellschaft" ist ihr fünftes Buch.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Martin Suter : "Melody"

Martin Suter :
"Melody"
Roman
2023, Diogenes Verlag
301 Seiten + 2 Seiten Dank + rotes Lesebändchen
ISBN 978-3-257-07234-1

Tom Elmer, mit seinem Jusstudium endlich fertig geworden und ohne Ehrgeiz ist, wird eingeladen bei einem pensionierten ehemaligen Nationalratsabgeordneten mit besten Verbindungen zu wohnen und viel wichtiger seinen Nachlaß zu sortieren. Elmer bekommt bei jedem Abendessen aus dem Leben seines Arbeitgebers erzählt und auch von der traurigen Liebesgeschichte mit Melody, einer wunderschönen Frau die einige Tage vor der Hochzeit - einem anerkannten gesellschaftlichen Höhepunkt  - verschwand. Elmer beginnt bald eine Freundschaft mit Laura, der Nichte des mächtigen Mannes.
In Teil 2 machen sich Elmer und Laura - nach dem Tod des mächtigen Mannes - auf der Suche nach Melody, die sie nach Marokko, Paris und bis nach Griechenland führt. Hier beginnt sich fast in jedem Kapitel eine neue Wendung der Geschichte zu begeben, und am Ende stimmt nichts mehr von der rührenden Geschichte des mächtigen Mannes über die von ihm geliebte und angeschwärmte junge schöne Frau, und man fragt sich wer noch wie lebt.

In Teil eins ist ist alles klar geschildert: Der Tagesablauf des alten kranken Mannes, die Arbeit des jungen Mannes; nur die Geschichte über den Zauber von Melody, die in einem Buchgeschäft tätig ist, viele Sprachen spricht und aus einem traditioneller Marokkanischen Familie stammt. Die Sinnlichkeit mit der Sinnliches ausgelassen wird ist spürbar.
Die Seitenhiebe des Autors wie sie Machenschaften in Politik-Wirtschaft-Journalismus machen lassen, ließen mich beim Lesen gefrieren.
In Teil zwei wird recherchiert, gereist, mit Menschen gesprochen, Irrwege gegangen, mit Menschen gesprochen die auf falsche Fährten locken wollen und es entschlüsselt sich, daß die Geschichte des mächtigen Mannes sehr unwahr ist.

Martin Suter erzählt wie gewohnt genial und spannend. Seine Personen sind gut vorstellbar, wie im Kino; bei den Gesprächen hatte ich das Gefühl im Sessel daneben gewesen zu sein, so nahe sind seine Schilderungen.

In Summe ein sehr guter Roman mit vielen Wendungen,. Viel Spaß beim Lesen !

Samstag, 16. Mai 2026

R.J. Palacio : "Wunder"- Sieh mich nicht an !

R.J. Palacio :
"Wunder" - Sieh mich nicht an !
original "Wonder"
2012, Alfred A. Knopf, Random House Children Books
Aus dem Englischen von André Mumot
2013, Carl HanserVerlag Gmbh, München
2025, 22. Auflage; dtv Verlag
457  Seiten
ISBN 978-3-423-62589-0

Die Geschichte wurde von Hollywood bereits verfilmt, es ist aber wie gewohnt vielschichtiger das Buch mit den Geschichten der Großeltern und die vielen menschlichen Feinheiten zu lesen.

August, oft Auggie genannt, ist eine zehnjähriger Bub der aufgrund von mehreren kombinierten Krankheiten oft operiert werden mußte, und dessen Gesicht sehr unschön aussieht. Seine Eltern beschließen daß es Zeit ist, daß er nicht mehr zwischen den Operationen zu Hause unterrichtet werden soll, sondern daß es Zeit ist, daß er in die normale Schule mit Gleichaltrigen geht.
Wie erwartet bzw befürchtet wollen die meisten in der Klasse nichts mit ihm zu tun haben; Julian hilft ihm, und erst später hört August durch einen Zufall, daß Julian bessere Noten versprochen wurden, wenn er August hilft. Summer, ein bildhübsches Mädchen, hilft ihm ehrlich weiter. Am anfang nuschelt er noch ziemlich, später wird das besser als er besonderes Hörgerät, das allerdings etwas auffälliger ist. Im Laufe des Schuljahres mausert er sich nicht nur zum Liebling der Klasse, sondern auch der Schule.

Die meisten Kapitel sind aus sich von August geschrieben, wie sich die Umwelt ihm gegenüber benimmt, Unterhaltungen seiner Eltern, Gespräche mit seiner hübschen Schwester Vida.

Interessant ist wie der die Unterschiedlichkeit der Eltern und ihrer Familien beschrieben wird. Die Mutter als rundliche lebensfrohe fröhliche Frau aus dem Lateinamerika kommend, der Vater aus Polen mit Eltern die das Grauen des Nationalsozialismus erlebt hatten, der mit viel Humor Situationen ins Positive wandeln kann.

Unterhaltsam finde ich die Kapitel in denen über den Lehrer Brown geschrieben wird. Er fordert die Schüler mit Werten heraus.

Der Schreibstil ist freundlich, die kleinen und großen Gemeinheiten finden im Kopf statt.
Das Buch läßt das glauben, daß freundliches positives miteinander möglich ist.
Danke für das positive Lese-gefühl.

Freitag, 17. April 2026

Melania G. Mazzucco : "Die Villa der Architektin"

Melania G. Mazzucco :
"Die Villa der Architektin"
Roman
original 'L'architettrice'
2019, Verlag Giulio Einaudi Turin
Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl
2024, Folio Verlag Wien + Bozen
441 Seiten mit blauem Lesebändchen + 4 Seiten Rom 2002-2019 + 2 Seiten Anmerkungen + 4 Seiten Verzeichnis der historischen Personen + 2 Seiten Bildnachweis // U2 Plan von Rom
ISBN 978-3-85256-901-7

Es geht um Plautilla Bricci, genannt Bricci, eine Frau aus einfachen Verhältnissen stammt, deren Vater ihr aber als Maler grundlegendes Wissen über Kunst vermittelte, nachdem einige ihrer Brüder nicht interessiert waren. Sie wird sich als Malerin und Architektin einen Namen machen, v.a. da von einigen wichtigen Personlichkeiten und andern wie da Anna von Österreich die gerne Frauen förderte, für Bauprojekte engagiert wurde.

Leider konnte ich mit dem Stil in diesem Buch nicht, da mich die Ausdrucksweisen (hier kann ich nicht unterscheiden ob es an dem Original oder der Übersetzung liegt) in diesem Buch überhaupt nicht ansprach und ich Mühe hatte weiterzulesen. Der Stil war also ob mir eine Schülerin etwas erzählt, nicht eine Frau die Latein und Architektur beherrschte ihr Leben erzählt. Schade denn mich hätte diese Architektin sehr interessiert .....

Freitag, 13. März 2026

"Anne C. Voorhoeve : "Chicken Impossible

Anne C. Voorhoeve :
"Chicken Impossible" - Ein Krimi aus dem Hühnerstall
2025, Emons Verlag
320 Seiten
ISBN 978-3-7408-2351-1

Zwei Schwestern müssen nach dem Tod der Mutter gemeinsam im mütterlichen Haus leben. Die eine hatte Ehemann, Arbeit, Haus und ist innerlich unglücklich und findet, daß sie im Leben immer benachteiligt gewesen war; die anderen ist fröhlich, durfte studieren, hatte nie geregelte Arbeit, kümmerte sich aber liebevoll um ihre Mutter. 
Die Fröhliche hat sich für ihren Teil des Gartens zweimal zwei verschiedene Hühner geholt : 2 Hühner mit badischem Dialekt - Sundheimer - namens Susi und Heidi, und eine robuste amerikanische Rasse namens  Rocky und Amy - - die Hühner erzählen übrigens die Geschichte der zwei Schwestern.
Der Klein- und Nervenkrieg der zwei Schwestern weitet sich mehr und mehr aus, Fetzen eines vernichteten Testaments werden entdeckt, bis leider eine der Schwestern tot ist, und die andere ins Krankenhaus transportiert wird. Die Hühner werden sich selbst überlassen.

Es ist kein Krimi im Sinn eine who-dunn-it, sondern die Geschichte in der es unlösbar auf eine tödliche Lösung zusteuert. Die Menschen machen sich das Leben teilweise sehr gezielt, oder auch ungezielt schwer und zur Hölle.

Bei den Hühnern gibt es klare Ordnung : Rocky ist die Führungsnatur, Amy stimmt zu, beide führen, Susi und Heidi, sind in der Ordnung darunter; bis Susi sich in die Reihe zwei hinein argumentiert und diskutiert.

Die Gespräche zwischen den Hühnern sind sehr humorvoll, den Dialekt mußte ich allerdings laut vor mich sprechen um die Texte zu verstehen. Die Gespräche mit den Waschbären, und wie sie verbünden um nicht gefressen zu werden sind sehr schräg.

In Summe fand ich die Dialoge zwischen den Hühnern grandios, die Geschichte zwischen den Schwestern machte nur traurig.