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Samstag, 27. Juni 2026

Jegana Dschabbarowa : "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt"

Jegana Dschabbarowa :
"Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt"
Roman
original ' Руки женщин моей семьи были не для письма'
2023, No Kidding Press. Moskau

Aus dem Russischen von Maria Rajer
2025, Paul Zsolnay Verlag
130 Seiten
ISBN 978-3-552-07591-7

In elf Kapiteln die Titel von Körperregionen haben erzählt eine junge Frau (Jegana), die ältere Tochter einer Familie, aus Aserbeidschan, die auch in Rußland leben. Sie erzählt von der Gewalt und Unterdrückung die ihre Mutter durch ihren permanent eifersüchtigen Ehemann erleben mußte. Die Unterdrückung von Frauen bzw der wenige Ausdruck der ihnen erlaubt war, wird auch anhand ihrer Mutter erzählt. Ausnahme ist der Großvater der immer liebevoll war, und in ihr die Liebe zu Lyrik und zur Schönheit der Natur erweckte.
Frauen müssen für den Mann schön sein, Kinder gebähren und der Haushalt muß blitzen vor Sauberkeit. Die Frauen der kleinen Familie halten trotzdem gegen den prügelnden Vater und Ehemann zusammen, und blockieren ihn auch wenn er Süßigkeiten nach Hause bringt.

Sie (Jegana) hat ein anderes Leben als die anderen Frauen, da bei ihr die Stimme versagt, immerwieder Körperteile, manchmal ein Bein bis es endlich zu Diagnose kommt, daß sie generalisierte Dystonie hat. Zuerst sollen Medikamente helfen, als sie auf der Universität ist, wird ihr eine Operation genehmigt. Auch dort wird ihr Vater nur eifersüchtig, weil sie wie allen anderen Patienten Leggings und Sweatshirt trug, und damit ihre Beine zeigt.

Spannend ist wie sie Rußland und Asserbeidschan vergleicht - und schreibt, daß sie in keinem von beiden Länder zu hause war, und ihre öfter gesagt wurde, daß sie keine Sprache wirklich kann.

Die Kapitel heißten "Augenbrauen", "Augen", "Haare", "Mund", "Schultern", "Hände", "Zunge", "Rücken", "Beine", "Hals" und "Bauch".Die Körperlichkeit der Frauen, die von den Männern unterdrückt wird, ist spürbar. 

Ich habe länger gebraucht dieses Buch zu lesen, weil mir die geschilderten Situationen  mit Gewalt und seelischer Enge der Frauen unter die Haut gingen.

In Summe ein starkes eindrückliches Buch über Frauen in engen Gesellschaften; ich wünsche gutes Lesen !

Jegana Dschabbarowa, wurde 1992 in einer aserbaidschanischen Familie in Jekaterinburg/Russland geboren. 2024 war sie gezwungen wegen Morddrohungen, Russland zu verlassen; sie lebt heute in Hamburg. 'Die Hände der Frauen in meiner Familie' waren nicht zum Schreiben bestimmt ist ihr Debütroman.

Freitag, 19. Juni 2026

Gabrielle Filteau - Chiba : "Die Ungezähmten"

Gabrielle Filteau - Chiba :
"Die Ungezähmten"
Roman
Original "Sauvagine"
2019, Les Éditions XYZ, Montreal
Aus dem Französischen von Katrin Segerer
2025, DTV München
321 Seiten mit schwarzem Lesebändchen + 1 Seite Danksagung + 2 Seiten Anmerkungen + 1 Seite Biographie der Autorin und der Übersetzerin
ISBN 978-3-423-28515-5

Mit Illustrationen der Autorin

Die Wildhüterin Raphaelle (kurz Raph) Robichaud umsorgt mit ihrer Halbhund-HalbCojtote Hündin einen Teil eines Naturschutzgebietes ins Kamourska; sie wohnt in einem Wohnwagen, duscht sich mit kalten Wasser, und lebt einfach aber naturverbunden. Als ihre Hündin fast an einer der illegalen Fallen mittels Schlinge, die Wilderer aufgestellt haben, stirbt, und als sie entdeckt, daß einer dieser Wilderer sie durch eine Wildtierkamera in ihren sehr privaten Momenten filmt, und sie zusätzlich entdeckt, daß dieser Wilderer Teil einer mächtigen Familie ist, entwickelt sie gemeinsam mit einem guten alten Wildhüterfreund einen  Plan das gefährlichste Tier, nämlich den rücksichtlosen Menschen, in eine Falle zu locken.
Als ihr zuerst ein Tagebuch in die Hände fällt, und sie dann später die Autorin dieses Buches und  Waldmensch Anouk kennen lernt, bekommt sich emotionale Unterstützung bei ihrem archaischen Racheplan.

Das Buch ist in Ich-form aus Sicht von Raphaelle geschrieben, bis auf die Tagebuchseiten, die kursiv gedruckt sind und in denen Anouk erzählt. Intensiv, direkt, ohne Scham erzählt sie ihr Leben im Wald und wie einfach sie manche Probleme löst, sei es sich mit Moos den Popsch auszuwischen, oder sich einen Joint am Wochenende dreht, aber auch wie bewußt sich mit der Gefahr von Bären umgeht. Für sie sind nicht die Tiere das Problem im Wald, sondern Menschen, die sich der Natur bedienen und dabei rücksichtslos Tier verenden lassen (statt wenigstens einen raschen Tod herbeizuführen).
Ihr gegenüber ist Anouk die einsam lebend sehr offen geworden ist, und die sich einfach traut mit Raphaelle in eine Beziehung zu gleiten, und sie auf ihrem Rachefeldzug mit Rückzug zu begleiten.

Die Wälder, die Landschaften, der schöne Baum an der Staatengrenze, die Tiere sind wunderschön geschildert. Auch die Menschen sind - teilweise durch ihre Kosenamen - vorstellbar.

Mir waren nur die seitenlangen Erotikbeschreibungen etwas zu viel.

In Summe ein faszinierender, kraftvoller Roman. Viel Freude beim Lesen !

Gabrielle Filteau-Chiba lebt am Ufer des Kamouraska-Flusses. Sie studierte an der Universite Laval, und verließ im Alter von 25 Jahren ihre Heimatstadt Montreal und zog sich in die Wildnis von Québec zurück. Sie schreibt, übersetzt, illustriert und verteidigt die Wildnis Québecs. Zuletzt erschien ›Bis der Fluss taut‹ (2022). ›Die Ungezähmten‹ war sowohl in Québec als auch in Frankreich ein Bestseller und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Freitag, 19. Dezember 2025

Bernhard Schlink : "Der Vorleser"

Bernhard Schlink :
"Der Vorleser"
Ausgabe Eine Stadt. Ein Buch
copyright 1995, Diogenes Verlag 2023 Echomedia Buchverlag / Eine Stadt. Ein Buch.
203 Seiten + 8 Seiten Interview Bernhard Schlink
keine ISBN 

Der Teenager Michael Berg lernt durch einen Zufall die etwas über 30 jährige Hanna Schmitz kennen, die als Bahnschaffnerin arbeitet. Er verliebt sich in ihre warmherzige bodenständige sinnliche Art, und beginnt ihr auf ihren Wunsch hin vorzulesen. Die erotische Beziehung und den Kontakt mit ihr verschweigt er seiner Umgebung komplett. Später im Gymnasium hat er mehr Kontakt mit gleichaltrigen, und die Beziehung zerbricht.
Während des Studiums wird eine Gruppe um einen Professor dazu eingeteilt einen Gerichtsprozeß zu verfolgen, bei dem einige KZ-aufsehende Frauen jüdische Gefangene bei dem Transport weg von den russischen Soldaten in einem brennenden Gebäude eingeschlossen haben und umkommen lassen, zu diesem Verbrechen angeklagt werden. Michael erkennt Hanna, die sich zu manchem bekennt, manches hinterfragt, und ihm wird klar, daß sie Analphabetin ist, was nicht bekannt ist. Um ihre Souveränität nicht zu verletzen sagt er nichts; sie wird zu langer Gefängnisstrafe verurteilt. Die Auseinandersetzung mit der Arbeit als KZ-Aufseherin unterbleibt.
Als seine Ehe gescheitert ist, beginnt er Kassetten mit Text aus Romanen vorzulesen und zu besprechen und schickt diese an Hanna ins Gefängnis. Jahre später kommt Antwort in eckiger Schrift; die Zeilen werden mit der Zeit flüssiger. Hanna bringt sich kurz vor der Entlassung aus dem Krankenhaus um, und Michael erfährt von der Gefängnisleiterin, daß sie sich am Ende ihres Lebens mit Biographien anderer KZ-Aufseherinnen beschäftigt hat, und ihr Geld Angehörigen der damals verbrannten Frauen vermacht hat.

Der Roman ist dreiteilig aufgebaut - Teenagerzeit, Student, nach seiner Ehe; und in Ich-form aus Sicht von Michael Berg geschildert.

Als Person werden nur Michael Berg geschildert und wie er die anderen Menschen sieht. Er fühlt sich bei der rundlichen geraden Hanna wohler als bei vielen anderen Menschen, auch wenn sie ihn - um ihren Analphabetismus zu vermeiden - immer wieder hart behandelt. Der Vater ist zwar da, aber ferne und kalt.
Die Abschnitte, in denen es um das/die Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus geht, werden überraschend unemotional beschrieben, vermutlich das Grauen im Kopf den Lesern/Leserinnen überlassend.

Der Roman ist sehr gut geschrieben; die Szenerien laufen vor Auge ab. Die Kontakte zwischen Michael und Hanna sind spürbar, auch wenn eigentlich kein Kontakt mehr vorhanden ist; die Einsamkeit der beiden ist ebenfalls spürbar.

In Summe ein Roman der eindrücklich bei mir in Erinnerung bleibt.

Bernhard Schlink wurde am 6. Juli 1944 in Großdornberg / Bielefeld geboren. Er ist Jurist und wurde Professor für öffentliches Recht in Deutschland. 1987 begann er zu schreiben, zuerst als als Co-Autor, später alleine vor allem als Kriminal-Schriftsteller.

Sonntag, 5. Oktober 2025

Italo Calvino : "Der Baron auf den Bäumen"

Italo Calvino :
"Der Baron auf den Bäumen"
original "Il barone rampante"
1957, Giulio Einaudi editore, Turin
Aus dem Italienischen von Oswalt von Nostiz
deutsche Übersetzung 1960
S. Fischerverlag 6. Auflage 2023
173 Seiten
ISBN 978-3-596-90441-9

Der zwölfjährige Zweitgeborene, Cosimo Piovasco di Rondò, aus einer Adelsfamilie schwingt sich bei einem ekelerregenden Mittagessen in fader Kommunikation auf den Baum vor dem Eßzimmer und bewegt sich über die Bäume weiter. Er beschließt, daß er keinen Fuß mehr auf den Boden setzt, und sich nur noch in den Bäumen bewegt. Auf diese Art lernt er die schöne Nachbarstochter kennen, aber auch eine Jugendbande die er sich mit seinem kleinen Schwert vom Leibe hält. Er richtet es sich in den Bäumen ein, mit Bett, Regenschutz, und Rutsche um seine Kleidung gewaschen zu erhalten.
Er verkehrt mit Piraten und Räubern, und plaudert mit gekrönten Menschen
Als er von Menschen hört die auch die Bäumen leben, klettert er über tagelang zu den Spaniern, und hat dort eine wichtige Liebe, ehe die Spanier wieder nach Hause reisen.
Über seinen Hund kommt er wieder mit der schönen Nachbarstochter, die jetzt reiche Witwe ist, zusammen; leider zerstreiten sich die beiden Sturköpfe.
Als Cosimo älter wird, kommen Heißluftballone auf; als eines vorbeifliegt, ergreift er sich ein Seil, und fliegt aufs Meer hinaus.

Der Erzähler der Geschichte ist der erstgeborene ältere Bruder, der sich am meisten um den Baron in den Bäumen kümmert, und auch um die Güter der Familie. 
Ort der Handlung ist Ligurien, um von 1767 bis nach Napoleons Kriegszügen.

Die Personen sind zum Angreifen nahe geschildert. Die Mutter des Barons, als Tochter eines Generals, als hochzufrieden und durchgetaktet, die schleimige Tante, der noch schleimigere geistliche Lehrer der Buben, der unnahbare sehr arrogante Vater von Baron und Erzähler, und auch der aufgeweckt junge Baron in den Bäumen selbst; witzig ist die verwöhnte eigenwillige Nachbarstochter, spätere schöne eigenwillige Frau.

Die Geschichte ist sehr skurril und unterhält gut.
Nicht nur die turnerische Begabung des jungen Mannes unterhält, sondern auch die verschiedenen Menschen, mit denen er zusammentrifft; wie z.b. der Liebesroman süchtige Bandit, oder die wie er die faulen Soldaten mit Läusen zu Hygiene und Bewegung bringt.

Am Anfang brauchte ich etwas Zeit um mich an den Stil oder Übersetzung zu gewöhnen, später bin ich beim Lesen lächelnd in der Straßenbahn gesessen.

In Summe ein sehr unterhaltsames Buch; viel Freude beim Lesen !

Italo Calvino wurde am 15. Oktober 1923 in Santiago de las Vegas, Provinz Havanna, Kuba geboren. Er lebte zuerst mit seiner Familie in Kuba, begann dann ein Studium der Agrarwissenschaften; Ende des Krieges schloß er sich den Kommunisten an und engagierte er sich bei den Partisanen. Nach dem Krieg studierte er Literaturwissenschaften, und beim Verlag Einaudi in Presseabteilung und später Lektorat zu arbeiten. 1957 trat er aus der Kommunistischen Partei aus Enttäuschung über den Einmarsch in Ungarn aus. Er lebte später auch auf Kuba und in Paris.
1947 erschien sein erster Roman
'Il sentiero dei nidi di ragno' bei Einaudi, Turin / Deutsch: 'Wo Spinnen ihre Nester bauen'.
Er starb am 19. September 1985 in Siena, Italien.

Freitag, 29. August 2025

Javier Marías : "Berta Isla"

Javier Marías :
"Berta Isla"
Roman
original "Berta Isla"
2017, Alfaguara Barcelona
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
2022, Fischer Taschenbuchverlag
648 Seiten
ISBN 978-3-596-70341-8

Berta Isla ist eine intelligente junge Frau, die bereits früh in einer Beziehung mit Tomás ist. Sie ist Spanierin, er halb spanisch halb britisch weshalb er als diese beiden Sprachen und als Sprachtalent in vielen Akzenten spricht. Sie heirateten, es kommt er Kind, er arbeitet die ganze Zeit in einem Arbeitsbereich über den er nicht sprechen darf in England, oder wo aus immer. Kind zwei kommt, und einige Zeit später erfährt Berta, daß ihr Mann umgekommen sei, aber seine Leiche nicht gefunden wurde. Berta hat zwar Affären und Beziehungen, ist aber nicht überzeugt, daß Tomás nicht mehr am Leben sei.
      Parallel wird Tomás Leben erzählt - mit einer Affäre in England, die scheitert, und Gesprächen, die ihn überzeugen seine Talente in den Dienst des englischen Geheimdiensts zu stellen. Sein mentaler Anker in den Einsätzen bleibt der Glaube an Berta, auch als er in Pension in verschiedenen kleinen Städten Englands lebt.
   Die Endwendung ist sehr überraschend, und plötzlich sieht alles anders aus.

Die Kapitel sind abwechselnd aus der Sicht von Berta und Tomás geschrieben, aber nicht in I-form, und begleiten die beiden seit ihrer gemeinsamer Studienzeit. Tomás ist ein fröhlicher kommunikativer Mensch, sie ist eine korrekte Spanierin - beiden ist klar daß sie zusammen sind.

Vor dem Hintergrund der Margaret-Thatcher-regierung in England, den Attentaten der ETA in Spanien, und anderen europäischen Themen wird die Geschichte von viel Abwesenheit des Ehemannes erzählt, in der Berta die Kinder aufzieht, selbst Lehrerin ist, und auch ein sehr unangenehmes Erlebnis mit Agenten hat.

Dieses Buch ist mehr aus der Sicht von Berta geschrieben.
Die andere Sichtweise ist hier : 2021: Tomás Nevinson. Alfaguara, Madrid, dt. von Susanne Lange als Tomás Nevinson, S. Fischer, Frankfurt 2022.

Ich habe in  den 90-er Jahren "Sein Herz zu weiß" gelesen, und war damals von dem Stil nicht begeistert, weil ich mir nicht in den Bann gezogen hat.
Dieses Buch ist - obwohl distanziert - so geschrieben (oder übersetzt), daß die coole beherrschte logische Berta mit ihren Ängsten, Sorgen, Gedanken stimmig und fühlbar war. 

Die intellektuelle Auseinandersetzung zwischen den beiden ist spürbar. Faszinierend wird es wenn Berta englischer Literatur zitiert, die mehr die Heimat von Tomás ist, um sich verständlich zu machen.

In Summe ein intensiver Roman; viel Freude beim Lesen.

Javier Marías Franco wurde am 20. September 1951 in Madrid geboren und verbrachte einige Jahre seiner Jugend in USA, da sein Vater sich der spanischen Republik zugehörend bekannte. Er studierte Literaturwissenschaften und Philosophie. war ein Schriftsteller, Kolumnist und Übersetzer. Er starb am 11. September 2922.
Er begann früh schrifstellerisch zu arbeiten.
Zu seinen Werken gehören die Romane 'El hombre sentimental' (1982, deutsch: Der Gefühlsmensch) , Todas las almas (1986, deutsch: Alle Seele und sein siebenter Roman Corazón tan blanco (1992, deutsch: Mein Herz so weiß), der ein internationaler Erfolg wurde. Seine Romane sechszehn und siebzehn sind "Berta Isla" und "Tomás Nevinsson".

Samstag, 24. Mai 2025

Han Kang : "Deine Kalten Hände"

Han Kang :
"Deine Kalten Hände"
original 2002, Moonji Publishing
Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
3. Auflage 2023 Aufbau Taschenbuch
307 Seiten +  1 Seite Nachwort
ISBN 978-3-7466-3731-0

In der Rahmenhandlung wird die Erzählerin immer wieder von Skulpturen die schwebende Hände zeigen fasziniert.
Ihr wird ein Manuskript überspielt, in dem ein Künstler von seiner kaltherzigen Familie erzählt und wie er sich ins Funktionieren retten muß, und später Bildhauer wird. Er entwickelt seine spezielle Technik dünne Gipsabzüge von Händen zu nehmen, dieser Abzüge nochmals abzuziehen und zu bearbeiten. Ein rundliche Frau mit schönen Händen ist lange sein Modell, und er beginnt nicht nur Hände zu gestalten. Später sind es andere Frauen. Manchmal werde alle seine fertigen Werke zerstört, was ihn nur dazu bringt weiter zu arbeiten. Über einen Auftrag lernt er eine bildschöne perfekte Frau kennen, die er zuerst auch als Modell einsetzen darf, bis sie umgekehrt ihn als Modell für Gipsabzüge verwendet. Hier erkennt er, daß seine Technik für seine Modells extrem schmerzhaft ist. Die bildschöne Frau hat eine Hand-operation hinter sich, weil sie 6 Finger gehabt hatte; die seelischen Narben sind nie verheilt.
In einer Galerie könnten der Künstler und seine Freundin gesehen worden sein, aber das ist unklar.

Die Menschen in diesem Buch haben keine Namen, maximal Buchstaben. Allerdings waren die Beschreibungen sehr gut, und haben mich sehr berührt. Bei den Menschen waren für mich zwei Frauen in ihrem Wandel stark : die rundliche Frau mit starker Seele, die es schafft abzunehmen, dann bulemisch wird und mit dem gesellschaftlich gewünschten schlank sein ihre Persönlichkeit und Charme einbüßt; und die schöne Frau die durch ihre 6 Finger so geächtet war, daß sie sich auf perfekt trainiert mit perfekt abgestimmter Kleidung, vorschriftsmäßiger Wohnungseinrichtung und extrem angepaßter strahlender Höflichkeit und Schönheit. 

Manchmal reist der Künstler, aber mir die koreanische Geographie und Städte nichts sagen, war mir das nicht wichtig.

Mich hat das Gemisch aus getrieben sein und dann wieder kompletter Abgehobenheit des Künstlers fasziniert; manchmal ist er was, dann auch wieder nicht; er arbeitet wenn ihn eine Idee gepackt hat ganz intensiv. Als praktisch denkender Mensch habe ich manchmal überlegt, wie er dieses Leben finanziert ..

In Summe ein grandioser Roman der mich sehr berührt habe, auch wenn die Gesichter für mich gesichtslos geblieben sind. Viel Freude beim Lesen !

Hang Kang wurde am 27. November 1970 in Gwangju, Provinz Süd-Jeolla, Südkorea geboren. Sie studierte koreanische Literatur in Seoul, und begann danach Gedichte und Prosa zu veröffentlichen. Nebenbei arbeitete sie als Journalistin. 2007 erschien ihr erster Roman "Die Vegetarierin" auf koreanisch, der 2016 auf deutsch erschien. 2024 erhielt sie den Literatur-Nobelpreis.

Donnerstag, 8. Mai 2025

Karosh Taha : "Beschreibung einer Krabbenwanderung"

Karosh Taha :
"Beschreibung einer Krabbenwanderung"
Roman
2018, DoMont Buchverlag Köln
200 Seiten + 1 Seite Danksagung + rotes Lesebändchen
ISBN 978-3-8121-9880-0

Sanaa lebt mit ihren Eltern, ihrer jüngeren Schwester und vielen ebenfalls kurdischen Familien in einem deutschen Hochhaus. Sie ist Studentin, trifft sich aber parallel mit zwei jungen Männern, und lebt ein westliches Leben. Ihr Sorge gilt ihrer Mutter Asia, die meist träumend am Balkon steht, oft vergißt etwas zu kochen, und dünn und schmal ist. Ihre Schwester ist einiges jünger, und am Beginn der Pubertät. Ihr Vater, der die treibende Kraft zur Übersiedlung nach Deutschland war, wechselt dauernd seine Hilfsjobs und ist selten bei seiner Familie.
Meist sitzt Besuch auf der Wohnzimmercouch; zwei dicke Tanten machen es sich bequem, rauchen und lästern und manipulieren nach Lust und Laune. Es dauert bis Sanaa es schafft sich deren Einfluß zu entziehen und ihre Mutter wieder Lust am Kochen, v.a. am Backen wieder entdeckt und damit auch ihre Würde.

Der Roman ist aus der Sicht von Sanaa geschrieben. Sie kann sich noch Kurdistan, den Irak, die Farben des Flußes und der Erde erinnern; und denkt oft an ihre damalige beste beste Freundin, die etwas älter war und bereits mit der Pubertät begann.
Es ist spannend wie sie versucht an das Hochzeitsvideo ihrer Eltern zu kommen, um zu sehen ob ihre Eltern jemals glücklich miteinander waren; es gibt unterschiedliche Erzählungen wie sich die beiden kennen lernten und dann je nach Sichtweise heirateten bzw heiraten mußten. 

Die titelgebenden Krabben bzw deren Wanderung ist ein Bild das die Autorin/ Saana öfters verwendet, sei es um die Bewegungen und Ziele der Menschen zu beschreiben, aber auch um die Schrammen durch die Handwerkarbeiten am gesamten Arm ihres Vaters zu charakterisieren. Manchmal beschreibt sie eine Krabbe alleine, manchmal auch viele die gerade einen ziemlich eigenartigen Weg gehen.

Die Beschreibungen der Menschen sind gut gelungen: die fetten Tanten wie sie am Tisch sitzen, die Heimlichtuerei mit ihrem deutschen Universitätsfreund, die Doppelbödigkeit der kurdischen Familien auch in Deutschland.

Die Rezepte, die ihre Mutter zubereitet, lesen sich wunderbar.

Der Roman ist gut geschrieben; mich hat die Geschichte der jungen Frau die den Spagat aus zwei Kulturen macht fasziniert, und die Liebe wie sie über ihre Großmutter im Irak schreibt.
Viel Freude beim Lesen.

Karosh Taha wurde 1987 in Zaxo, Kurdistan - Irak geboren. 1997 kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland, wo sie in Duisburg aufwuchs. Sie absolvierte zuerst eine Lehramtsstudium für Englisch und Geschichte und arbeitete auch als Lehrerin, ehe sie ab 2021 ausschließlich als Schriftstellerin tätig ist.

Dienstag, 29. April 2025

Gerhard Roth : "Der Strom"

Gerhard Roth :
"Der Strom"
Roman
3. Auflage 2002 S. Fischer
337  Seiten + 4 Seiten Inhaltsverzeichnung + blaues Lesebändchen
ISBN 3-10-066056-0

Thomas Mach wird vom Reisebüro seines Onkels in Österreich nach Ägypten gesandt um herauszufinden, was mit seiner Vorgängerin Eva Blum als Fremdenführerin passiert ist, da sie über den Hotelbalkon gefallen oder gesprungen war. Er folgt hier mehr seiner inneren Stimme und den Notizen Eva Blums als den Wünschen eines deutschen ehemaligen Polizisten und einen Arbeitskollegen von Frau Blum. Er kutschiert durch Kairo und seine Vororte, er fährt nach Alexandria und in die Oase, er besucht eine Moschee und Menschen auf Hausbooten in der Corniche von Kairo. Er bleibt in Ägypten.

Eigentlich soll ein möglicher Mord aufgeklärt werden, aber in dem Roman bewegt sich Thomas durch eigenartige, skurille und sehr ägyptischen Situationen und Gegenden; er hat keine Scheu vor den Handwerksbezirken, den Friedhöfen in denen die Armen leben.
In den Notizen Eva Blums findet er mehrsprachige Informationen über Orte, und ein Kloster in einer Oase; auch stellt er fest, daß sie koptisch kann.

Die Stimmung ist für mich oft unwirklich als ob Thomas mach wie in einer Traumlandschaft unterwegs ist; wenn der den Witwer von Eva Blum einen Tag lang verfolgt wird es teilweise sehr skurril.
Ebenso unwirklich wirkt es wenn er sich mit seinem Chauffeur einem älteren Mann versucht zu unterhalten, ohne daß einer auch nur eine Sprache des anderen sprechen kann. Die beiden finden eine gemeinsame Sprache.

"Der Strom" ist Teil des Romanzyklus "Orkus", an dem der Autor 1995 bis 2011 geschrieben hat.

Der Roman hat mich in den Bann gezogen. Der Nil glitzert und ist ruhig, und immer vorhanden als Lebensmotor in Kairo und Alexandria. Der Krimi ist für mich kein Krimi, sondern ein träumender Roman. 

Viel Freude beim Lesen.

Gerhard Roth wurde am 24. Juni 1942 in Graz, er starb am 8 Februar 2022. Er begann Medizin zu studieren, sattelte dann auf Organisationsleiter eines Rechenzentrums um, und hatte seine erste Veröffentlichung 1972. Später reiste er nach Amerika und schrieb weiter. Er war Erzähler, Dramatiker und Essayist und auch Drehbuchautor.

Donnerstag, 10. April 2025

Alaa al-Aswani : "Der Jakubijan-Bau"

Alaa al-Aswani :
"Der Jakubijan-Bau"
original "Imârat Ya'qûbyân!
2002, published by arrangement with the American University in Cairo Press
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
(2007), 4. Auflage 2011, Lenos Pocket 123, Basel
354 Seiten + 2 Seiten 'Die wichtigsten Personen' + 7 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-85787-723-0

Der "Jakubijan-Bau" in der Suleiman Pascha Straße hat schöne Wohnungen, schöne Geschäfte und je höher es geht umso einfachere Behausungen, vor allem auf dem Dach. In diesem Roman erzählt der Autor das Leben einiger wie ihnen das Leben spielt oder auch wie sie mit dem Leben anderer spielen.
Taha lernt und will auf die Polizeischule, was ihm trotz seiner Noten nur wegen seiner Abstammung zu einem Torhüter verwehrt wird. Ihm wird mitgeteilt daß er studieren darf, lernt dort sehr gläubige Menschen kennen und folgt einem manipulativen Scheich. Sein Aufenthalt im Gefängnis bringt ihn weiter auf die aggressive Bahn, die schlecht für ihn ausgeht.
Buthina ist seine ehemalige Freundin. Als intelligente Frau ohne Vater kann sie nicht weiterstudieren, muß arbeiten gehen und lernen wie man als hübsche Frau mit lästigen Männern umgeht. Durch eine List wird sie Assistentin von Saki, einem nicht mehr ganz jungen Bonvivant mit Faible für schöne Frauen. Sie hilft ihm und die Geschichte geht gut für sie aus.
Hatim ist ein gescheiter, belesener aber einsamer und homosexueller Chefredakteur. Seine Verbindung zu einem jungen attraktiven verheirateten Soldaten wird für den jungen Mann immer problematischer. Hatim hilft ihm weiter, die Beziehung hat keine Chancen.
Hagg ist ein Unternehmer mit vielen Beziehungen und dem Wunsch auch politisch aufzusteigen. Er findet immer die richtigen Leute die ihm die richtigen Ratschläge geben - sei es für die Politik als auch für sein Privatleben. Er heiratet heimlich die junge schöne Suad, wobei sie nur als seine geliebte gilt und kein Kind von ihm haben darf. Als doch ein Kind entsteht weiß ein machtbewußter Scheich wie man auch dieses Problem - dem Koran zum Trotz - erledigt.
Als Nebenfiguren gibt es den Diener von Saki, der geschäftstüchtig ist und mit seinem Bruder weiß wie man gut mit Nebengeschäften und Brutalität durchkommt.

Die Menschen sind teilweise gut gezeichnet, manchmal auch etwas plakativ. Die Lebensgeschichten der einzelnen Menschen ist intensiv geschrieben, die einen in ihrer durch Ungerechtigkeit angestachelten religiöser Überzeugung, andere die durch Anpassung versuchen etwas besser zu leben.

Die beiden Scheichs werden skrupellos geschildert, der eine für die religiöse Sache, der andere zum Nutzen der Reichen und Schaden der Armen.

Unter die Haut ging mir das Schicksal von Suad, die als zweite Frau vollkommen rechtlos ist, mit deren Bruder ein Vertrag über sie gemacht wurde, die ihren eigenen Sohn aus der Ehe davor nicht sehen darf, aber einem ältlichen Mann die reizvolle Frau spielt; sie paßt sich auch an als der Scheich kommt. Wie dann die Rache der Mächtigen über sie kommt fand ich schaurig.

Die Beschreibungen von Gewalt sind deftig, genauso von Sexualität. Der Roman ist kraftvoll wie er zwischen von den Schicksalen der Menschen erzählt, auch wenn er den Tod des kleines Kind des Freundes von Hatim beschreibt, oder die noch stärkere Verzweiflung Hatims auf der Suche nach Liebe und Beziehung als andere Figuren in dem Roman.

Mit den Orten der Handlungen konnte ich wenig anfangen, mir sind die Menschen nahe gegangen.

In Summe ein starker Roman, bei dem ich manchmal auch mit weniger Brutalität verstanden hätte, was der Autor bezweckt.

ʿAla' al-Aswani (vom Verlag verwendete Transkription Alaa al-Aswani) wurde am 26. Mai 1957 in Kairo geboren. Er war in Kairo im Lycee und studierte später Zahnmedizin in Kairo und Paris, mit späterer Weiterbildung in USA. Er ist Wortführer für die demokratische Opposition in Ägypten, war wichtig bei dem Sturz Mubaraks 2011. 2002 veröffentlichte er den Roman ʿImarat Yaʿqubian' (Der Jakubijan-Bau), 2006 schrieb er den Roman (ar.: 'riwayah') 'Shikaju', 2021 erschien sein Roman 'Die Republik der Träumer' über den Arabischen Frühling in Kairo. Er lebt seit 2019 zwischen Paris und New York im selbstgewählten Exil.

Sonntag, 30. März 2025

Waguih Ghali : "Snooker in Kairo"

Waguih Ghali :
"Snooker in Kairo"
original "Beer in the Scnooker club"
1964, Serpent's Tail, London
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch
2018, C.H. Bock München
6 Seiten Einführung von Diana Athill - 235 Seiten - 7 Seiten Glossar
ISBN 978-3-406-71902-8

Ram ist eine junger Mann aus guter, aber veramter koptischer ägyptischer Familie. Er verbringt seine Tage in Kairo in verschiedenen Clubs, trinkt Whiskey und anderes, flirtet Frauen an und spielt Snooker. Seine große Liebe ist die etwas ältere Edna, eine intellektuelle junge Frau aus einer reichen jüdischen Familie. Sie ermöglicht ihm nach London zu reisen und dort einige Zeit zu leben und zu studieren. Wieder zurück verbringt er weiterhin seine Tage gemütlich. Bei einer reichen Tante trifft er wieder eine Freundin Didi aus Londoner Tagen.

Der Roman ist in Ich-form aus der Sicht von Ram geschrieben. Die Zeit in London beschreibt er in Rückblicken, wobei das Panoptikum aus Menschen dort aus ehemaligen Soldaten am Sues, einem ägyptischen Freund, manchen hilfreichen Freunden besteht.
Die Cliquen in Kairo sind unterschiedlich - es gibt die Freunde zum Snooker spielen, Freunde die seine Leben finanzieren, einen Freund der in einem Club an der Bar arbeitet; seine Familie ist verarmt, seine Mutter würzt mit franzöischen Worten ihre Sprache, alle hoffen auf Zuwendungen der reichen Verwandten.

Als Kopte (Anmerkung : vermutlich Mitglied der koptisch-orthodoxen christlichen Kirche, die in Ägypten immer benachteiligt wurde) hat Ram weniger Chancen Arbeit zu finden, teilweise gilt er sogar als gefährlich.
Die Stimmung in dem Roman ist eigen, fast abgehoben; Ram denkt und trinkt sich durch den Tag, aber die Frage was er wirklich tut bleibt beim lesen für mich.

Liebe findet statt, zerbricht oder wird eingetauscht. Das Leben und Snooker gehen weiter.
Dieser Roman wirkt in mir durch seine Sprache und Schilderungen nach.

Waguih Ghali wurde am am 25 Feb 1927 oder 1928 oder 1929 in Ägypten in einer wohlhabenden koptischen Familie geboren. Nachdem er sich mit der Zeit immer stärker kommunistischen Ideen angenähert hatte, war er gezwungen, Ägypten 1958 zu verlassen und nach London zu gehen, da die Gefahr bestand, dass er in Ägypten als Kommunist eingesperrt würde. Als sein Pass abgelaufen war, ging Ghali ins Exil nach Deutschland, wo er neben der Arbeit in einer Fabrik seinen Debütroman schrieb. Er begann einen zweiten Roman über das Leben als „Gastarbeiter“, vollendete diesen jedoch nicht. 1966 ging er nach London zurück. Er starb durch Suizid am 5. Jänn 1969 in London, in der Wohnung seiner damaligen Freundin Diana Athill.
Er schrieb seinen einzig veröffentlichten Roman auf englisch.

Dienstag, 15. Oktober 2024

Susan Abulhawa : "Während die Welt schlief"

Susan Abulhawa :
"Während die Welt schlief"
Roman
original "Morning in Jenin"
2010, Bloomsbury, New York City, USA
aus dem Amerikanischen von Stefanie Fahrner
2023, Wilhelm Heyne Verlag München
416 Seiten + 4 Seiten Nachwort + 5 Seiten Glossar inkl. Quellennachweis +  1 Seite Stammbaum - Vorschau auf Buch "Ihr letzer Tanz"
ISBN 0978-3-453-42780-8

Der Roman beginnt 1941 als die Palästinenser sich ihren Olivenhainen widmen, und Amals Eltern eine Familie aufbauen. 1947 vertreiben israelischen Soldaten nicht nur diese Familie bei denen auch ein Sohn verloren geht; das Leben in den Lagern beginnt und Amal kommt dort auf die Welt. Als sich ihr großer Bruder den Kämpfern an schließt sich die ihr Land zurückerobern wollen, und ihre Eltern bei Säuberungsaktionen ums Leben kommen, hilft man ihr als fleißiger Schülerin in ein Internat in Jerusalem. Von dort erhält sie ein Stipendium nach USA. Später lernt sie ihren Mann kennen, und eine Tochter kommt auf die Welt. Bei einem Bombenattentat in Jerusalem kommt Amals Mann ums Leben. Ihr großer Bruder findet endlich mit seiner großen Liebe und damit auch Familie zusammen, die ihm Frieden gibt. Bei einem Massaker kommt die Familie gräßlich ums Leben und er schließt sich dem militanten Widerstand an.
Dem verlorenen Sohn wird eröffnet, daß seine israelischen Eltern nicht seine Eltern sind, und macht sich auf die Suche nach seiner Familie.
Am Schluß kommt Amal ums Leben, und die folgende Generation findet eine friedliche Lösung fürs Zusammenleben.

Die Geschichte der Palästinensischen Flüchtlinge wird von Beginn an erzählt. Neu war für mich, daß der Diplomat Folke Bernadotte von der UNO eingesetzt wurde um gegen die Vertreibung der Palästinenser 1948 zu verhandeln ("Bernadotte-Plan"); leider wurde er kurz nach dem Auftrag erschossen.

Der Roman wird von unterschiedlichen Positionen aus, aber meist aus Sicht von Amal geschrieben. Ihr wird vom großen Bruder erzählt wie der Vater und der Großvater vor der Vertreibung gewesen waren, und auch die früher sehr lebhafte, dann superstrenge Mutter.
Andere Kapitel sind aus Sicht des Bruders / der Brüder geschrieben.

Familienbande und hier leider sehr zerstörerische Politik dominieren diesen Roman, der mich durch seine Emotionalität sehr beeindruckte.
Auch wenn hier vieles Fiktion ist, wurde mir doch klar, wie tiefgreifende Wunden durch Massaker, Übergriffe, Bürgerkriege, brutale Politik und Terrorangriffe entstehen und dann Selbstläufer werden. Lösung scheint es für mich keine zu geben.

Stark sind die Erzählungen im Waisenhaus - später las ich nach, daß die Autorin in solch einem gelebt hatte. 

Die Geschichte des palästinensischen Säuglings, der als Israeli aufwuchs, geht auf eine wahre Geschichte zurück. Leider hat mich dieser Teil des Romans emotional weniger erreicht.

Die Orte der Handlung sind für mich durch Photographien der Medien vor Augen; stärker sind für mich die Personen der Handlung.

Das Glossar ist sehr gut und wichtig.

Frieden sind durch zwei für mich berührende Teile in dem Buch spürbar: einerseits daß der Vater von Amal Freundschaft mit einem israelischen Buben schließt, die gegenseitigen Sprachen lernen und von den Müttern unterstützt werden. andererseits am Ende des Buches als die Tochter Amals und ihr israelischer Cousin gemeinsam leider in Amerika und nicht vor Ort aber doch miteinander leben.

Ich möchte das Buch nochmals lesen, und diesmal mehr über die politisch-militärischen Gegebenheiten parallel mitlesen.

Mich hat das Buch sehr berührt, und emotional erreicht weil die Probleme vor Ort nicht lösbar scheinen. Ich wünsche auch anderen Leserinnen & Lesern intensive Lese-erlebnisse.

Susan Abulhawa wurde am 23. Juni 1970 in Kuwait geboren; ihre Eltern waren Flüchtlinge des Kriegs von 1967. Sie lebte in Jordanien, USA, Kuwait, Palästina und später in einem Waisenhaus in Jerusalem, bis sie über ein Waisenprogramm nach USA kam. Zuerst studierte und arbeitet sie im Bereich Humanmedizin, bevor sie Autorin und Menschenrechtsaktivistin für die Rechte der Palästinenser wurde.

Sonntag, 15. September 2024

Francesc Miralles : "Samuel und die Liebe zu den kleinen Dingen"

Francesc Miralles :
"Samuel und die Liebe zu den kleinen Dingen"
Roman
original "Amor en minúscula"
2006, Vergara, Barcelona
Aus dem Spanischen von Anja Lutter
2010, List Verlag
296 Seiten + 1 Seite Danke
ISBN 978-3-548-60936-2

Samuel lebt sein sehr organisiertes Leben in Barcelona als Literaturdozent für deutsche Sprache & Literatur. Am ersten Jänner sitzt eine Katze vor seiner Türe, nennt sie Mishima und er muß sich um sie kümmern indem er unter anderem eine/n Tierarzt/ärztin sucht. Auf einer Straßenkreuzung begegnet ihm seine Schulliebe, die er seit 30 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Der Zufall führt ihn in genau das Musikgeschäft, in dem diese Frau arbeitet.
Parallel kommt er mit einem Nachbarn ins Gespräch und bemüht sich um dessen Angelegenheiten, während dieser im Krankenhaus ist. Und er hilft einem obdachlosen Professor.
Am Schluß gibt es Liebe.

In fünf Kapiteln denkt, liest, sinniert und läuft Samuel durch sein Barcelona.
Witzig wird es wenn er beschreibt, daß die Studenten nicht mal die rudimentärsten Grundlagen haben und sie nur durchläßt, damit er sich nicht mehr mit ihnen beschäftigen muß.

Samuel ist für mich leider nicht fühlbar geworden; nur sein Faible für das Wörterbuch der Wörter, deren Bedeutung es nur in einer Sprache gibt, hat mich angesprochen. Die warmherzige Tierärztin war für mich gut spürbar. Die Jugendliebe Gabriele bliebt leider etwas ferne. Unterhaltsam sind der weise wißbegierige Nachbar & Journalist, sowie der Professor der von der geplanten Zukunft schreibt.

Leider ist zu wenig von der Katze geschrieben. 

Ich hatte mir mehr von diesem Roman versprochen, und hatte bei der Liebe doch auf anderes Ende gehofft.

Francesc Miralles Contijoch  wurde am 27. August in Barcelona geboren. Er ist ein Catalanischer Schriftsteller, Essayist, Übersetzer, und Musiker. Er war viel gereist, und hatte sich auf Indien spezialisiert. Sein erster Roman auf katalanisch war 'Perdut a Bombai' (Lost in Bombay) (2001); auf spanisch 'El lector de Kafka', Ed. Océano, 2000. Er hat auch einige Jugend- und Kinderbücher geschrieben.

Freitag, 6. September 2024

Elif Shafak : "Das Flüstern der Feigenbäume"

Elif Shafak :
"Das Flüstern der Feigenbäume"
original "The Island of MissingTrees"
2021, Viking, London
Aus dem Englischen von Michaela Grabungen
2023, Kein & Aber Zürich - Berlin
481 Seiten inkl Prolog + 2 Seiten Einleitung + 5 Seiten Anmerkung der Autorin + 1 Seite Photo Feigenkaktus im Maschenzaun + 2 Seiten Danke + 1 Seite Zitatnachweise + 2 Seiten Glossar (türkisch - griechische Wörter)
ISBN 978-3-0369-6162-0

Ada 'mou' lebt in London. Ihre Mutter Define ist vor kurzem verstorben, und ihr Vater Kostas ist leidenschaftlicher Gärtner und vergäbt seine junge Feige über den Winter unter der Erde.
Die Schwester der Mutter, Meryem, kommt aus Zypern zu Weihnachten nach London - nachdem die Eltern gestorben sind und sie endlich ihre Nichte besuchen darf.
In zeitlichen Sprüngen wird die Geschichte der Aufsplittung Zyperns anhand der Liebe der Türkin Define und des Griechen Kostas, deren Familien sowie eines Männerpaares, die eine Taverne "zur glückliche Feige" führen.
Die Briten verlassen die Insel, und das frühere Zusammenleben weicht bewaffneten Konflikten, sowie mehr oder weniger offenen Morden auf der Straße, die auch zivile Personen Kollateralschäden sind.
Die junge Liebe muß heimlich bleiben, Kostas wird außer Landes geschickt, als er später zurückkommt findet er Delfine beim Aufarbeiten von Massengräbern, die Liebe ist stark, die beiden reisen nach London aus mit einem Zweig des Feigenbaums aus der alten verbrannten Taverne.

Einige Kapitel sind aus der Sicht des / der Feigenbäume geschrieben : einige aus der Sicht des Feigenbaums in der Taverne, einige aus der Sicht des Ablegers in London. Die Perspektive ist durchaus nicht uninteressant, nur wird es mir am Schluß etwas zu kitschig.

Stark fand ich die Kapitel in denen die Geschichte der Teilung der Insel erzählt wird, und was es mit den Menschen vor Ort hier fiktiv aber vermutlich nicht unrealistisch gemacht hat. Es stellt sich die Frage, wie Versöhnung möglich sein kann.

Es war interessant die unterschiedlichen Charaktäre Ada in ihrer verletzten Pubertät zu lesen und wie die Tante aus Zypern mit Buntheit, fröhlichem Essen aber auch Geschichte der Familie schafft an die junge Frau doch heranzukommen.

Stark fand ich die Nebengeschichte des freundlichen hilfsbereiten Männerpaares, die auch türkisch-griechisch sind, und die eigentlich nur eine Taverne führen möchten. In manchen Regimen ist nicht einmal das möglich.

Das Glossar ist gut - ich wünschte es nur gerne um die Kochrezepte ergänzt.

In Summe ein Roman der mich lange fasziniert hat, nur am Schluß zu sehr ins happy end abgebogen ist.

Elif Şafak wurde am 25. Okt 1971 in Straßbourg als Elif Bilgin geboren ; international meist Elif Shafak geschrieben. Nach der Trennung ihrer Eltern zog sie mit ihrer Mutter zur Großmutter nach Ankara.
Sie studierte "Internationale Beziehungen" und "Politikwissenschaft" in Ankara. Ab 2006 arbeitete sie als Gastdozentin an der Abteilung für Nahost-Studien in Tucson. Shafak hat an verschiedenen Universitäten in der Türkei, den USA und im Vereinigten Königreich gelehrt, darunter am St. Anne’s College der Universität Oxford, wo sie Ehrenmitglied ist.
Literarisch debütierte Elif Shafak mit der 1994 veröffentlichten Erzählung 'Kem Gözlere Anadolu'. Ihr erster Roman 'Pinhan' erschien 1997. Ein erster Durchbruch gelang ihr mit dem Roman 'Şehrin Aynaları' ('Spiegel der Stadt').

Dienstag, 20. August 2024

Michael Köhlmeier : "Matou"

Michael Köhlmeier :                                                                                          
"Matou"
2021, Hanser Verlag
947 Seiten + rotes Lesebändchen
ISBN 978-3-446-27079-4 

Matou ist ein hübscher roter Kater mit weißer Schwanzspitze, der bereits in seinem ersten Leben entdeckt, daß er menschliches Sprechen lernen kann. Später lernt er auch Lesen, und liest sich im Laufe des Romans durch die Enzyklopädien, Romane, Philosophischen Traktate der Weltgeschichte des Menschen.
Im ersten Kapitel lebt er zur Zeit der französischen Revolution bei Camille Desmoulins, dessen Frau, Kind und Schwiegermutter und lernt auch die wichtigen Menschen der französischen Revolution kennen. Der Kater lernt Liebe, Romantik, Charme, Machtspiele kennen. Und menschliches Sprechen
Für das zweite Leben sucht er sich das Leben bei E.T.A. Hoffman und seiner Frau aus. Hier lernt er Lesen. Hoffmans Frau ist allerdings sehr mißtrauisch. Später unternimmt er eine Schiffreise, überlebt im Dschungel und perfektioniert sein intrigantes Spiel indem er Menschen gegeneinander aufhetzt.
Im dritten Leben lebt er auf einer Insel mit anderen Katzen, schwingt sich mit einigen Schlägerkatzen um Diktator auf, hält manipulative Reden, erzählt eigenartige Narrative und kommt am Schluß drauf, daß ihn auch das nicht interessiert.
Im vierten Leben ist er in Afrika und lebt als Leopard, erzählt die Übergriffe aus dem belgischen Königreich auf deren Kosten viele Menschenleben gingen und zieht mit einem verstümmelten Mädchen als Albtraumerinnerung durchs Land.
Das fünfte Leben ist in Prag bei einem Ehepaar mit dick gefüllter Bibliothek, deren Enzyklopädie er liest. Paulina Bartok ist eine sensible Künstlerin, die das Wilde sucht. Bei Kriegsausbruch 1914 ist alles vorbei.
Sein sechstes Leben verbringt er in den USA, was für europäische Katzen sehr ungewöhnlich ist. Er hat sich Andy Warhol ausgesucht, weil er sich ein luxuriöses Leben gewünscht hat und eine große Bibliothek, was beides nicht geklappt hat.
Im siebenten Leben ist er in Wien, und wohnt bei einer netten älteren Frau und ihrem etwas faden Neffen, den er bereits als Kind tröstet. Der Neffe studiert Philosophie und der Kater hilft ihm dabei, und versucht ihm die Wichtigkeit von Charme beizubringen.

Zwischen den verschiedenen Leben erzählt der Kater vom Leben im "Weggemachten" mit den anderen Katern und Katzen in der Zeit zwischen den sieben (europäische Katzen) bis neun (amerikanische Katzen) Leben der Katzen.
Eine der Katzen merkt sich wie Matou (wie er sich selbst nennt, auch wenn ihm Menschen anderen Namen geben) die verschiedenen Leben; Fragnichtchen ist eine schöne Katze mit blauen Augen, die Matou vom dritten bis fünften Leben immer wieder trifft.

Die Geschichte ist aus Ich-Sicht des Katers geschrieben, und springt dementsprechend auch in den Erzählebenen, und es gibt jede Menge Hinweise auf andere Leben.

Es gibt lange Abhandlungen über den "Charme", wer ihn hatte oder gehabt haben mag, und wie man Charme lernen kann. Viel ist über Macht und Machtspiele zu lesen. Matou vergräbt sich auch in die Werke der großen Philosophen und versucht damit den Menschen zu entschlüsseln, denn ihm bleibt immer unklar warum manches für Menschen wichtig ist und einiges nicht.

Da ich zugegebenermassen den Stil des Autors sehr mag habe ich mich in die langen Sätze, komplizierten Schachtelungen gerne eingelassen.
Es gibt viele Hinweise und lange Leselisten für weiterführendes Lesen.

Ich habe fast drei Jahre an diesem Buch gelesen, das mich zwar sehr interessiert hat im Sinne von wie geht es weiter, mußte aber meinen Widerwillen gegen diesen obergescheiten arroganten intriganten und eigentlich mir nicht sympathischen "Kater" kämpfen.

In Summe ein wunderbares Buch, das mich viele Stunden gut unterhalten und in den Bann gezogen hat.

Michael Johannes Maria Köhlmeier wurde am 15. Oktober 1949 in Hard (Vorarlberg) geboren. In den 70-er Jahren begann er mit Hörspielen, in den 80-er Jahren wurden die ersten schriftstellerischen Arbeiten veröffentlicht.

Samstag, 22. Juni 2024

Ahmet Ümit : "Das Derwischtor"

Ahmet Ümit :
"Das Derwischtor"
Kriminalroman
original "Bab-i-Esrar"
2012, Verlag Everest Yarinlari, Istanbul
Aus dem Türkischen von Sabine Adetepe
2020, btb verlag bei Verlagsgruppe Random House GmbH
499 Seiten + 2 Seiten Anmerkungen der Übersetzerin (betreffend Aussprache, Anrede und Begrifflichkeiten; Schreibweisen) + 1 Seite Danksagung + 3 Seiten Quellen
ISBN 97-3-442-71765-1

Karen Kimya Greenwood wird wegen einer Versicherungssache und weil sie Türkisch kann, nach Konya geschickt. Dort hat sie mehrere mystische Begegnungen mit einem geheimnisvollen charismatischen Mann und arbeitet das Verschwinden ihres Vaters auf.
Bei dem charismatischen Mann geht es um mystische Erlebnisse mit Shams-e Tabrizzi und den Sufi-Meister und Poeten Rumi, deren Freundschaft und wie diese anderen Menschen irritierte.
Ihr Vater hatte die Familie verlassen, weil der Ruf des Sufi-Ordens wieder stärker für ihn geworden war, wie ihr in Koya langsam vermittelt wird.
Parallel muß sich Karen Kimya entscheiden, ob sie ihre Schwangerschaft leben möchte oder nicht.

Konya ist faszinierend geschildert. In dem Roman ist geschildert wie schöne alte Häuser mit Innenhöfen neuen Hotel-bauten ohne Ausstrahlung weichen müssen; aber der Zauber der alten Häuser ist spürbar.
Für Touristen ist diese Stadt durch die "drehenden Derwische" bekannt.

Die Menschen sind für mich leider wenig spürbar, bis auf Karen Kimya selbst (mit den Problemen und Entscheidungen, die anstehen) und ihre flippige Mutter. 

Rumi und Sufi-Orden sind verzaubernd. Die Kapitel, in denen nach Spiritualität gesucht wird, finde ich gut geschrieben.

In Summe ein angenehmer Urlaubs-Roman mit etwas Krimi, bei dem ich mich gut entspannen konnte. Gutes Lesen !                                       

 Ahmet Ümit  wurde 1960 in Gaziantep (Südanatolien) geboren. Er studierte Verwaltungswissenschaften und begann zu schreiben. Seine erste Erzählung entstand 1983. Er veröffentlichte mehrere Kriminalromane, von denen einige auch ins Deutsche übersetzt wurden, außerdem Gedichte, zahlreiche Kurzgeschichten und ein Märchen. Außerdem schreibt er Drehbücher.   

Mittwoch, 12. Juni 2024

Martin Suter : "Lila, Lila"

Martin Suter :
"Lila, Lila"
2004, Diogenes Verlag
341 Seiten
ISBN 978-3-257-23469-5

David, der als Kellner arbeitet, findet in einer alten Kommode ein Manuskript mit einer unglücklichen endenden Liebesgeschichte aus den 50-er Jahren. Verliebt in die schöne Marie erzählt er ihr, daß das sein Werk ist. Sie sucht einen Verlag, und der Roman wird veröffentlicht mit leichter Abänderung des Frauennamens. Er muß durch kleine Orte tingeln und in halbleeren Buchhandlungen vorlesen, was er mehr schlecht als recht macht, bis plötzlich eine grandiose Kritik erscheint und der Roman die Bestsellerlisten stürmt und die Buchmessen. Bei einer der Buchlesungen wird er von einem charistmatischen Mann namens Jacky mit vielen humorvollen Geschichten angesprochen, der sich als Autor der Liebesgeschichte vorstellt, und seinen Anteil des Erfolgs unter der Hand möchte. David verschweigt Marie, warum Jacky ihn immer mehr begleitet. Am Höhepunkt streiten sich die Verlage um sein nächstes Werk, es gibt zwei Agenten. Am Schluß hat sich Marie einen anderen Weg gesucht, und David versucht einen Liebesroman zu schreiben.

Von Anfang an begleitet man David mit seinen Unsicherheiten und Zweifeln über seinen Selbstwert, seine Kreativität, seine Liebe zur schönen Marie. Allerdings wurde mir dieser inaktive Mann im Laufe des Lesens immer unsympathischer.
Marie ist eine schöne junge Frau die eine Ausbildung parallel zur Arbeit macht, mit der sich hofft mehr Freude zu haben. Sie findet leicht Anklang bei Menschen, auch wenn ihre Beziehungen und Kurzzeit-beziehungen sie meist doch nicht glücklich machen. Sie merkt, daß David ihr was vorspielt und hat sofort Mißtrauen gegenüber Jacky.

Die Orte der Handlung sind gut vorstellbar. Es ist unterhaltsam zu lesen wie David durch die ersten Buchhandlungen in kleinen Ortschaften tingeln muß und sich durch die Lesungen durchstottert. Ebenso unterhaltsam ist die große Frankfurter Buchmesse mit allem was Rang und Namen hat, und wie dort genetzwerkt wird.

In Summe ein Buch das mich einerseits gut unterhalten hat, andererseits ist mir die Hauptperson sehr auf die Nerven gegangen. Trotzdem viel Freude beim Lesen. 

Freitag, 31. Mai 2024

Fernando Aramburo : "Patria"

Fernando Aramburo :
"Patria"
Roman
original "Patria"
2016, Tusquets Editores, Barcelona
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
2018, Rowohlt Taschenbuch / 3. Auflage Oktober 2020
750 Seiten + 5 Seiten Glossar der baskischen Wörter und Redewendungen + 4 Seiten Inhaltsverzeichnis
ISBN 978-3-499-27361-2

Zwei Familien im Baskenland zur Zeit der Attentate der ETA und danach - bei einer ist ein Sohn aktiv bei der ETA und später inhaftiert, der anderen Familie fällt der Vater durch ein ETA-Attentat zum Opfer. In vielen zeitlichen Sprüngen wird die Zeit vor, während und nach den Attentaten für die Generation der Eltern und Kinder beschrieben, und auch die Frage gestellt was für jeden Baske sein bedeutet.

Bittori, die erkrankt ist und wissen möchte wer ihren Mann und Unternehmer Taxto letztendlich umgebracht hat, und ist mit ihrer Anwesenheit im Dorf 20 Jahre nach dem Ereignis eine stumme unangenehme Erinnerung an die Ermordung. Deren Sohn Xavier ist Arzt geworden; die Tochter Nerea hat Jus studiert, und hat nach einigen Beziehungen einen sehr gut aussehenden Mann (nicht Basken) geheiratet.

Die andere Familie besteht aus Mirren mit ihrem Mann Joxian und deren drei Kinder. Der älteste Sohn Joxe Mari hat sich bald der ETA angehängt, war in Frankreich im Exil und bei einigen Attentaten im Baskenland beteiligt; letztendlich ist er im Gefängnis. Tochter Arantxa hat auch einen Spanier (Nicht-Basken) geheiratet und zwei Kinder mit ihm; sie hatte im Urlaub einen massiven Schlaganfall, der ihren wachen und eigenwilligen Geist in einen maroden Körper sperren will; der jüngste Sohn Gorka geht bald in die Literatur und veröffentlicht Werke auf Euskara, arbeitet später in einem baskischen Radiosender, schließt sich aber von Gewaltausübung aus.

Es geht auch um die Frage der Amnestie für aggressive ETA-Mitglieder, die aus den Gefängnissen entlassen werden sollen. Während die Familien dieser darauf hoffen, protestieren die Familien der Getöteten dagegen, auch weil diese in der Gemeinschaft gemobbt wurden und werden. Die Rolle der nicht immer christlich liebenden und vermittelnden Kirche, sondern  - hier gegen die Familie des Getöteten - auch mobbenden Priester wird skizziert.

Freundschaften zerbrechen innerhalb kurzer Momente und finden eigentlich nicht mehr zusammen.

In den Kapiteln werden die verschiedenen Sichtweisen der fünf und vier Familienmitglieder beschrieben. Manche die sich einfach nur klein machen wollen  andere die einen Weg suchen, manche streiten, andere versuchen zu handeln, manche wollen einfach nur ihre normale Arbeit machen ohne dafür verurteilt oder getötet zu werden.

Die Menschen sind gut geschildert und deren Temperamente, Launen und Charakteristika entstanden wie ein Film vor meinen Augen. Auch die verschiedenen Lebensräume wie Kleinstadt, Stadt, fremde Orte zum Verstecken, Studienstadt sind gut beschrieben.

Unter die Haut gingen mir die Einsamkeit der Witwe, und die Kälte wie mit ihr umgegangen ist.

Ich habe länger an dem Buch gelesen, und durchaus Zeit gebraucht bis ich mich bei den Personen der Handlung und den Zeitsprüngen ausgekannt habe.

In Summe ein starker und sehr eindrücklicher Roman bei dem klar wird, welche Verletzungen politische Geschehen für Familien und Gesellschaft haben. 

Fernando Aramburu Irigoyen wurde am 4. Jänner 1959 in San Sebastián geboren. Der Autor studierte in Saragossa panische Philologie, lebt seit 1984 in Hannover  und arbeitete zunächst als Spanischlehrer. Seit 2009 verfasst er ausschließlich Bücher sowie Beiträge für spanische Zeitungen. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.Er spricht fließend deutsch. Sein erster war 'Roman Fuegos con limón' (1996) (Limonenfeuer)(2009).  

"Patria" wurde mittlerweile  in 20 Sprachen übersetzt, und ist als Serie in Spanien verfilmt worden.

Montag, 13. Mai 2024

Gerald Durrell : "Die aberwitzige Reise eines betrunkenen Elefanten" *

Gerald Durrell :
"Die aberwitzige Reise eines betrunkenen Elefanten" * - eine fast wahre Geschichte
original "Rosy is My Relative"
1968, Collins London
Aus dem Englischen von Sabine Schilasky
2021, Ullstein Taschenbuch
   Seiten
ISBN 978-3-548-06417-8

Adrian Rockwhistle ist ein vorsichtiger Mensch mit einem langweiligen Job. Sein Onkel vererbt ihm eine Elephantendame, Rosy - früher ein Zirkusattraktion, und leider dem Alkohol zugetan. Adrian versucht mit ihr quer durch die Insel zu reisen, um sie bei einem Zirkus unterzubringen. Die Reise bringt vor allem Adrian an seine Grenzen, denn zuerst wird eine Jagdgesellschaft durcheinander gewürfelt, dann eine Geburtstagsparty zum Desaster, später bricht sich Adrian den Arm und verliebt sich - der Gastgeber meint in einem seiner früheren Leben mehrer Elephanten gehabt zu haben, eine entzückende Hexe namens Nell hilft ihnen immer wieder weiter, beim Zirkus gibt es Problem, später einen Gerichtsprozess, dank dessen humorvollem Richter dann alles doch gut ausgeht.

Die Landschaften sind englisch, sanft hügelig und nicht immer einfach eine Elephantendame mit Temperament zu verstecken.

Die Personen sind sehr unterhaltsam geschildert. Es gibt den eingebildeten Jagd-adeligen, den humorvollen Adeligen, die Schreckschraube an Gattin, eine bezaubernde Hexe, einen Mann mit vielen Leben, eine schöne kluge medizinisch erfahrene junge Frau, Menschen die alles besser wissen, einen gescheiten Anwalt, den nervösen aber liebenswerten Adrian, und seinen Freund den Schmied.

Rosy ist eine zirkustrainierte freundliche Elephantendame. Wenn ihr Obst oder Gemüse gefällt ist sie es einfach, Bier bis Rum und Schnaps sind auch immer willkommen. Sie ist auch hilfsbereit wenn es darum geht mit dem Rüssel Wasser zu verteilen.

Das Buch ist sehr humorvoll geschrieben. Ich habe viel in den Straßenbahnen gelesen und mußte öfters laut lachen.

Viel Freude beim Lesen und gutes Lachen  !

Gerald ('Gerry') Malcolm Durrell wurde am 7. Jänner 1925 in Jamshadpur, Indien geboren und starb am 30. Jän ner 1995 auf Jersey. Er war ein britischer autodidaktischer Zoologe, Autor, Tierpfleger, filmte Tiere für die BBC und war zuletzt auch Tiergartendirektor.

Samstag, 20. Januar 2024

Shelby van Pelt : "Das Glück hat acht Arme"

Shelby van Pelt :
"Das Glück hat acht Arme"
Roman
original "Remarkably Bright Creatures"
2022, Ecco/Harper Collings New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer
2022, S. Fischer Verlag gmbH
453 Seiten + 3 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-596-70700-3

Marcellus, ein pazifischer Riesenkrake, lebt in einem großen Aquarium. Er ist blitzgescheit und kann sich durch die schmalsten Ritzen durchbewegen, auch in benachbarte Fisch- und Muschelbereiche. Er weiß, daß er nur vier Jahre alt wird.
Mit ihm reden Schulkinder, aber auch die ältere einsame Tova, die in der Nacht putzt und über ihren verschwundenen Sohn spricht. Sie lebt alleine in einem schönen großen Haus, das ihr eigentlich zu groß ist.
Cameron ist ein junger Mann, der nichts auf die Reihe bekommt, allerdings sich vieles merkt was man ihm erzählt, wie den Namen einer Clematis, Einzelheiten über Kraken. Seine Tante Jeanne ist die einzige  verbliebene Familie, mit der er in einem Wohnpark lebt. Er macht sich auf die Suche nach seinem Vater und arbeitet zwischendurch als Putzkraft in dem Aquarium bei Marcellus.
Am Schluß haben sich alle drei Fäden miteinander verbunden,

Die Kapitel von Marcellus sind auch Ich-sicht geschrieben; sie sind unterhaltsam und haben mich sehr berührt.
Die Kapitel aus der Sicht von Tova und Cameron sind aus Beobachterebene erzählt.

Der Roman ist ein gut geschriebener Roman mit meist freundlichen Personen und für einen grauen Abend genau das richtige Buch mit Wohlfühl-faktor. Viel Genuß beim Lesen !

Donnerstag, 14. Dezember 2023

Andrea Stift-Laube : "Schiff oder Schornstein"

Andrea Stift-Laube :
"Schiff oder Schornstein"
Roman
2019, Kremayr & Scheriau
180 Seiten + 1 Seite Dank + Lesebändchen
ISBN 978-3-218-01154-9

Franziska ist die ältere Schwester von Ilia, und aktive Umweltschützerin; sie macht bei Aktionen auf Schornsteinen und Schiffen mit bei denen auf den Klimawandelt aufmerksam gemacht werden soll.
Ila ist die jüngere Schwester, der die Umwelt auch wichtig ist. Die macht aber bei kleinen Gruppen mit, die Tiere pflegen, ist Vegetarierin. Sie bewundert ihre Schwester, traut sich aber deren Leben nicht zu. Sie sucht ihre verschwundene Schwester.
Konstantin ist verliebt in Franziska und würde alles für sie tun. Er geht mit ihr Hühner als Legebatterien befreien, bleibt nach ihrem Weggehen am Hof mit vielen Obstbäumen leben. 

Franziska bleibt verschwunden.
Ila beginnt mit Konstantin eine Kunst-Installation um auf den Klimawandel hinzuweisen, und baut eine Fake-website mit Katzenfleisch auf. Der erwartete Shit.storm kommt, ohne auf den Klimawandel hinzuweisen.

Konstantin kippt in den Kapitalismus, Ila hilft einer netten älteren Dame die zu viele Tiere beherbergt.

Die Geschichte ist entweder aus Sicht von Ila oder Konstantin in Ich-Form geschrieben. Beide zweifeln an dem was sie tun, aber während Ila langsam ihre weg findet, driftet Konstantin weiterhin unglücklich verliebt herum.

Das Thema Klimawandel, Sorge um die Umwelt wird thematisiert. Es geht entweder um die großen Umweltsünder oder vegetarisches/'veganes Leben.
Die ältere Dame mit ihren Tieren, die aber nicht vegetarisch lebt, ist hier eine Mischung aus beiden Positionen.

Orte der Handlung sind irgendwo in Österreich, ohne konkrete Ortsnennung mit Stadt und Land.

Die Sätze sind kurz, teilweise als ob sie gesprochen wären. 

Das Thema Katze zieht sich durch das Buch, da Ila durch ihre Katze Lucky  zur Umwelt findet, und ihre Entscheidungen beeinflußt.

Am Cover ist ein schwarzer Katzenkopf abgebildet.

Der Roman ist gut geschrieben, wollte aber daß ich ihn bewußt lese, und nicht beim Lesen einfach überflogen werden.

Andrea Stift-Laube wurde am 16. Jänner 1976 in der Südsteiermark (Österreich) geboren. Sie studierte Germanistik und Sprachwissenschaft und ist Schriftstellerin und Herausgeberin einer Zeitschrift. Ihre erste schriftstellerische Veröffentlichung war 2007 "Reben" (Erzählungen).