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Donnerstag, 10. April 2025

Alaa al-Aswani : "Der Jakubijan-Bau"

Alaa al-Aswani :
"Der Jakubijan-Bau"
original "Imârat Ya'qûbyân!
2002, published by arrangement with the American University in Cairo Press
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
(2007), 4. Auflage 2011, Lenos Pocket 123, Basel
354 Seiten + 2 Seiten 'Die wichtigsten Personen' + 7 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-85787-723-0

Der "Jakubijan-Bau" in der Suleiman Pascha Straße hat schöne Wohnungen, schöne Geschäfte und je höher es geht umso einfachere Behausungen, vor allem auf dem Dach. In diesem Roman erzählt der Autor das Leben einiger wie ihnen das Leben spielt oder auch wie sie mit dem Leben anderer spielen.
Taha lernt und will auf die Polizeischule, was ihm trotz seiner Noten nur wegen seiner Abstammung zu einem Torhüter verwehrt wird. Ihm wird mitgeteilt daß er studieren darf, lernt dort sehr gläubige Menschen kennen und folgt einem manipulativen Scheich. Sein Aufenthalt im Gefängnis bringt ihn weiter auf die aggressive Bahn, die schlecht für ihn ausgeht.
Buthina ist seine ehemalige Freundin. Als intelligente Frau ohne Vater kann sie nicht weiterstudieren, muß arbeiten gehen und lernen wie man als hübsche Frau mit lästigen Männern umgeht. Durch eine List wird sie Assistentin von Saki, einem nicht mehr ganz jungen Bonvivant mit Faible für schöne Frauen. Sie hilft ihm und die Geschichte geht gut für sie aus.
Hatim ist ein gescheiter, belesener aber einsamer und homosexueller Chefredakteur. Seine Verbindung zu einem jungen attraktiven verheirateten Soldaten wird für den jungen Mann immer problematischer. Hatim hilft ihm weiter, die Beziehung hat keine Chancen.
Hagg ist ein Unternehmer mit vielen Beziehungen und dem Wunsch auch politisch aufzusteigen. Er findet immer die richtigen Leute die ihm die richtigen Ratschläge geben - sei es für die Politik als auch für sein Privatleben. Er heiratet heimlich die junge schöne Suad, wobei sie nur als seine geliebte gilt und kein Kind von ihm haben darf. Als doch ein Kind entsteht weiß ein machtbewußter Scheich wie man auch dieses Problem - dem Koran zum Trotz - erledigt.
Als Nebenfiguren gibt es den Diener von Saki, der geschäftstüchtig ist und mit seinem Bruder weiß wie man gut mit Nebengeschäften und Brutalität durchkommt.

Die Menschen sind teilweise gut gezeichnet, manchmal auch etwas plakativ. Die Lebensgeschichten der einzelnen Menschen ist intensiv geschrieben, die einen in ihrer durch Ungerechtigkeit angestachelten religiöser Überzeugung, andere die durch Anpassung versuchen etwas besser zu leben.

Die beiden Scheichs werden skrupellos geschildert, der eine für die religiöse Sache, der andere zum Nutzen der Reichen und Schaden der Armen.

Unter die Haut ging mir das Schicksal von Suad, die als zweite Frau vollkommen rechtlos ist, mit deren Bruder ein Vertrag über sie gemacht wurde, die ihren eigenen Sohn aus der Ehe davor nicht sehen darf, aber einem ältlichen Mann die reizvolle Frau spielt; sie paßt sich auch an als der Scheich kommt. Wie dann die Rache der Mächtigen über sie kommt fand ich schaurig.

Die Beschreibungen von Gewalt sind deftig, genauso von Sexualität. Der Roman ist kraftvoll wie er zwischen von den Schicksalen der Menschen erzählt, auch wenn er den Tod des kleines Kind des Freundes von Hatim beschreibt, oder die noch stärkere Verzweiflung Hatims auf der Suche nach Liebe und Beziehung als andere Figuren in dem Roman.

Mit den Orten der Handlungen konnte ich wenig anfangen, mir sind die Menschen nahe gegangen.

In Summe ein starker Roman, bei dem ich manchmal auch mit weniger Brutalität verstanden hätte, was der Autor bezweckt.

ʿAla' al-Aswani (vom Verlag verwendete Transkription Alaa al-Aswani) wurde am 26. Mai 1957 in Kairo geboren. Er war in Kairo im Lycee und studierte später Zahnmedizin in Kairo und Paris, mit späterer Weiterbildung in USA. Er ist Wortführer für die demokratische Opposition in Ägypten, war wichtig bei dem Sturz Mubaraks 2011. 2002 veröffentlichte er den Roman ʿImarat Yaʿqubian' (Der Jakubijan-Bau), 2006 schrieb er den Roman (ar.: 'riwayah') 'Shikaju', 2021 erschien sein Roman 'Die Republik der Träumer' über den Arabischen Frühling in Kairo. Er lebt seit 2019 zwischen Paris und New York im selbstgewählten Exil.

Montag, 10. März 2025

Nagib Machfus : "Echnaton"

Nagib Machfus :
"Echnaton" - Der in der Wahrheit lebt
Roman
original "Al-A'isch fi l-Haqiqa"
1985, American University in Kairo
Aus dem Arabischen von Doris Kilian
2011 / 4. Auflage 2023, Unionsverlag
180 Seiten + 1 Seite "Nagib Machfus : Leben und Werk" + 3 Seiten Worterklärungen
ISBN 978-3-293-20530-7

In einer Rahmenhandlung begibt sich ein junger Mann Merimun einige Jahre nach dem Tod von Echnaton auf die Suche nach dem Leben und Wirken von Echnaton, der als Amenphobis IV auf den Thron kam. Er trifft in Gesprächen enge und ferne Freunde und Feinde von Echnaton und seiner Frau Nofrete und versucht zu erkennen warum so schlecht über Echnaton und seine Zeit gesprochen wird.
In Gesprächen bei Familie seiner Frau Nofrete, alten Freunden, persönlichem Arzt, ehemaligen Priestern, bis zuletzt bei Nofretet persönlich entschlüsseln daß Echnaton von beginn an anders war, da er weder an Militär interessiert war, auf der Suche nach etwas anderem spirituellen und dabei sehr charismatisch war. Hoffnungen seiner Familie und der traditionellen Priesterschaft, daß seine Frau ihn auf den traditionellen Weg bringen würde, zerschlugen sich als Nofrete mit ihm seinen spirituellen Weg zu nur einem Gott ging. Das Leben in der neuen Stadt war gut, aber da die Feinde Ägyptens militärisch nicht zurückgeschlagen wurden, wandte sich die Meinung gegen das Pharaonenpaar.

Die fiktiven Gespräche sind meist abwechselnd pro oder contra Echnaton, dem Ketzter wie ihn manche nannten. Es wechseln tiefer Haß und Verachtung, bis zu Verehrung, Bewunderung und tiefer Liebe ab. Auch Jahre später sind die Fronten für Verständnis verhärtet, wenn auch die Preister ihre Macht zurückerhalten haben.

Machfus läßt auch Eje und Haremhab zu Wort kommen, die später selber auf dem Pharaonenthron sitzen werden.

Feinfühlig zeichnet der Autor die mögliche Entwicklung dieses Pharaos nach einem anderen spirituellen Gott, vor allem mit mehr Liebe und weniger machtvollen Preistern nach.

Ein wunderbares Buch !

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Xavier-Marie Bonnot : "Die Melodie der Geister"

Xavier-Marie Bonnot :
"Die Melodie der Geister" - der fünfte Fall für Michel de Palma
Kriminalroman
original "Le pays oublié du temps"
2011, Actes Sud, Arles
Aus dem Französischen von Gerhard Meier
2015, Unionsverlag, Zürich
357 Seiten
ISBN 978-3-293-00484-9

Polizeikommandant Michel de Palma muß den Mord in Marseille an einem alten Forscher Delorme aufklären, auf dessen Gesicht eine alte Maske aus Neuguinea gesetzt worden war. Mithilfe der Tochter versucht er das Leben des Forschers nachzuvollziehen und bekommt einiges aus dessen Zeit der Forschung gemeinsam mit dem alten Freund Ballancourt erzählt. Die beiden waren in den 30-er Jahren bei den Einheimischen gewesen und haben Masken gegen Waffen eingetauscht. Diese Masken haben Jahrzehnte später hohen Sammlerwert und auch die ursprünglichen Stämme sind an den Masken interessiert. Später kommt heraus, daß es vor Jahrzehnten auch zu einer Liebesgeschichte zwischen einem der Forscher und einer einheimischen Witwe gekommen war.
In Marseille wird ein Händler ermordet, ebenso wie ein Matrose eines unter Observation stehenden Schiffes, und ein kleiner Dieb. de Palma muß Sigmund Freud über Totem und Eros nachlesen, und verstaubtes Denken über Urvölker beseite räumen um an des Rätsels Lösung zu kommen.
Als Parallelgeschichte beginnt zwischen dem Polizeikommandanten und seiner alten Liebe eine Romanze aufzuflackern.

Die Regionen und Flüsse auf Neuguinea mußte ich nachlesen.

Faszinierend fand ich wie beschreiben wird wie die Schädel der Feinde/Freunde behandelt werden, verziert werden, mit Muscheln und Knebmaterial aus Köpfen ausdrucksstarke Bewältigung von Furcht, Liebe und Trauer werden.

Den deutschen Titel hat das Buch weil leise Melodien erklingen, wenn der gespannte Bogen, mit dem der Pfeil abgeschossen wird, klingt.

Die Geschichte ist spannend. Aber leider bin ich nicht in den Stil hineingefallen.

Xavier-Marie Bonnot wurde am 7 Dezember 1962 in Marseille geboren. Er promovierte in Geschichte und studierte Soziologie und französische Literatur. Seine berufliche Karriere begann er als Filmregisseur von Dokumentarsendungen und Reportagen. 2002 feierte er mit der Veröffentlichung seines ersten Kriminalromans 'La première empreinte' /dt. 'der große Jäger' mit Band eins sein literarisches Debüt. Seither erschienen weitere Fälle mit dem Marseiller Polizeikommandanten Michel de Palma. Sie wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

Freitag, 17. November 2023

Elena Ferrante : "Meine geniale Freundin"

Elena Ferrante :
"Meine geniale Freundin" -Band 1/ Kindheit, frühe Junged
Roman
original "L'amica geniale"
2011, Edizione e/o, Rom
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
2016, Suhrkamp
406 Seiten - 5 Seiten mit handelnden Personen
ISBN 978-3-518-42553-4

Im Prolog erzählt die Ich-Person, Lenuccia genannt Lenù oder Elena Greco, daß der Sohn von Raffaela Cerullo, genannt Lina oder Elena, seine Mutter sucht, weil sich die beiden seit mehr als sechzig Jahren kennen. Hier startet die Rückblende in die Kindheit.

Kindheit heißt hier eines der Armenviertel Neapels - konkret Rione - , in denen die Familien eher unter sich bleiben und sehr vorsichtig sind, wenn es um Familien mit Machteinfluß geht. Manche Familien gehen leise mit Problemen um, andere sehr laut. Elena Greco ist das Kind eines Pförtners und wird in der Schule sehr gefödert, während Lila Cerullo keine Förderung bekommt aber durch viel Lesen viel Wissen und Logik kombiniert, und damit Elena damit für schulische Leistungen herausfordert. Die beiden Mädchen werden enge Freundinnen, wobei Lila Elena auch menschlich zu neuen Grenzen bringt.
Während Elena weiterhin in die Schule gehen darf und schönes Italienisch lernt, Latein und später auch Griechisch, muß Lila ihrem Vater und Bruder im Schuhladen helfen. Sie hat Ideen für neue schöne Schuhe, die ihr Bruder nach viel Mühen zusammenbringt.
Elena macht einen Kururlaub auf Ischia, und wird hübsch; Lila entwickelt sich zu einer interessanten Schönheit und verlobt sich mit Stefano Carracci, der ihr verspricht ihre Schuhideen umzusetzen und ihrer Familie zu helfen.
Bei der Hochzeit entdeckt sie, daß ihr Ehemann sie belogen hat, da das Geld von der verhaßten Familie Solara kommt, die mit der Mafia zusammenarbeitet, und alle anderen Familien unter Druck setzt.

In dem Buch sind 10 Familien aufgezählt, was viel hilft die Namen und Zusammenhänge halbwegs im Überblick zu halten. Ich habe mir schwer getan die vielen Familien- und Mädchennamen zu behalten.
Dieser Roman ist der erste von vier Teilen.

Die Menschen und ihre Leben sind spannend beschrieben. Die meisten Familien sind arm, Kleider werden lange gepflegt, und die meisten Menschen haben Arbeit die wenig Einkommen bringt.

Die Freundschaft der beiden Mädchen wird schön beschrieben, in ihrem Gegensatz von brav und blond zu hager und blitzenden Augen.

Der Roman ist dicht geschreiben, die Szenerien liefen vor meinem geistigen Auge. Viel Freude beim Lesen.

Elena Ferrante, geboren am 4. April 1943 in Neapel, ist  ein Pseudonym einer italienischen Schriftstellerin, die es geschafft hat seit den 1990-er Jahrn anonym zu bleiben. Die Interviews werden ausschließlich schriftlich geführt. 1992 erschien ihr erster Roman "L'amore molesto", der 1994 auf deutsch, und dann nochmals 2018 übersetzt wurde. "L'amica geniale" ist der erste Band einer Tetralogie.

Samstag, 7. Mai 2022

Zoe Beck : "Der frühe Tod"

Zoe Beck :
"Der frühe Tod"
2011, Bastei Lübbe Taschenbuch
291 Seiten + 2 Seiten Landkarten
ISBN 978-3-404-16309-0

Caitlin Anderson hat unter anderem Namen einen Job im fernen Schottland bei einer Stiftung für Jugendliche angenommen, um ihrem Exmann zu entkommen. Sie findet seine Leiche am Strand.
Journalist Ben Edwards wird durch ein Fax auf die Fährte von toten Jugendlichen bei einer Stiftung gesetzt.
Während Caitlin die Polizei auf den Fersen ist, sie sich nach einem Unfall in einer Klinik eingesperrt findet, und nach London zu einer Freundin flieht, wo es noch spannender wird, versucht Ben an Jugendliche und Familien der toten Jugendlichen heranzukommen.
Lange denkt man beim Lesen an eine Lösungsspur, bis sich eine sehr überraschende aber nicht weniger menschenverachtende Ursache für die toten Jugendlichen ergibt.

Die Personen dieser vielfältig und interessant geschildert.
Caitlin ist als unsichere manipulierte Frau mit starkem Überlebenswillen geschildert. Es ist spannend wie sie beginnt die Lügen um sich herum zu begreifen und sich durch zusetzen. Bei diesem Durchsetzen bleiben einige durchaus liebenswerte Menschen wegen des mächtigen Gegners auf der Strecke.
Ben ist aus der Unterschicht und hat das Ziel und den Instinkt ein guter Journalist zu werden. Er recherchiert unter teilweise nicht einfachen menschlichen Verhältnissen, bis er die Vernetzung zwischen Wirtschaft, Philantropie und Medikamentenversuche zieht. Er kann erkennen, daß eine Falle für Caitlin aufgestellt worden war, weil man an ihren ex-mann herankommen wollte.

Es ist spannend geschrieben wie Caitlin in dem kleinen Ort abgelehnt wird, und genau die Menschen die ihr helfen, auf die Seite geräumt werden. Am Schluß zeigen sich Hoffnungsstreifen.

Der Roman ist spannend geschrieben; die Einsamkeit der mißtrauischen Caitlin ist fast körperlich spürbar.

Zoe Beck wurde als Heinrike Heiland in Ehrlingshause am 12. März 1975 geboren. 2007 nahm sie den Namen Zoe Beck an. Sie ist ist eine Schriftstellerin, Übersetzerin aus dem Englischen, Dialogbuchautorin, Synchron-Regisseurin und hat 2015 einen Verlag gegründet.

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Peter May : "Die Katakomben von Paris"

Peter May :
"Die Katakomben von Paris" - Ein Fall für Enzo Mackay
original "Extraordinary People"
2006, Poisend Pen Press, Scottsdale AZ
Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer
2011, Rowohlt Taschenbuch Verlag
437 Seiten + 2 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-499-25402-4

Den schottischen Forensiker Enzo Mackay hat die Liebe nach Frankreich gebracht, wofür seine Familie in Schottland zerbrochen war. Aufgrund einer Wette beginnt er nach dem Verbleib eines hochintelligenten Menschen oder deren Reste zu suchen, wobei ihm die Recherchen des Journalisten Raffin behilflich sind. In der Kirche, in die der letzte Kalendereintrag führt, findet er die erste Bestätigung seines Verdachtes. Später wird ihm von einem Koffer mit einem Schädel und fünf eigenartigen Utensilien erzählt. Enzo setzt diese fünf Elemente zu neuer Information zusammen - wobei er Hilfe durch das Wissen aus dem Internet hat. Nachdem ein zweiter Koffer mit weiteren Körperteilen und wieder einigen Utensilien gefunden wurde, wird ihm von der bildschönen berechnenden Justizministerin mitgeteilt, daß die weitere Recherche von Offiziellen übernommen wird. Quer durch Frankreich tauchen noch weitere Koffer mit Körperteilen und Hinweisen auf, es sterben noch einige Menschen gewaltsam, eine junge Frau verschwindet und es kommt zum Showdown in den Katakomben von Paris.

Enzo wird als großer Mann mit längeren Haaren, einer weißen Haarsträhne geschildert, der gerne trinkt, und mit Geld nicht umgehen kann. Er löst die Rätsel mit Leidenschaft, leider ist er bei seinen Damen, hier seine Töchter und auch bei Charlotte nicht ganz so erfolgreich. Der Journalist Raffin wird als gut aussehender, gut gekleideter Pariser Mann geschildert, der mit Coolness durch die Situationen geht. Tochter Sophie ist die Tochter seiner großen Liebe, die Enzo alleine aufgezogen hat, und die sich in einen nicht nur gut aussehenden Fitnesstrainer verliebt hat. Tochter Kirsty aus erster Ehe, ist spröder geschildert. Charlotte ist eine sehr gut aussehende Frau, Psychiaterin, Ex-freundin von Raffin, hilft Enzo einige zeitlang weiter.

Faszinierend ist der Hintergrund der Elite-Universität ENA, deren Ruf, deren Anspruch, das Wissen, daß dort alle Politiker und Wirtschaftstreibenden ausgebildet werden und später netzwerken werden. Enzo merkt an, daß es kein Wunder ist, daß die Politiker nicht mehr wissen, was das Volk möchte, wenn alle Politiker aller Parteien auf eine gemeinsame Elite-Universität gehen. 

Der Roman ist gut geschrieben. Auch wenn viel in der Gegend herumgefahren wird, sind die Ort vorstellbar, und auch die menschlichen Tragödien. Viel spaß beim Lesen !

Dienstag, 22. Juni 2021

Antonio Hill : "Der Sommer der toten Puppen"

Antonio Hill :
"Der Sommer der toten Puppen" - ein Barcelona-Krimi
original "El verano de los juguetes muertos"
2011, Debolsillo Barcelona
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
2013, Suhrkamp Taschenbuch
362 Seiten + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-518-46467-0

Hauptperson ist der argentinische Inspektor Hector Salgado, dem in Barcelona die Wut über einen Mädchenhändler Schwierigkeiten beschert hat. Ein Freund ersucht ihn  zu untersuchen ob ein Teenager wirklich beim Rauchen aus dem Fenster gefallen ist, oder ob mehr dahinter steckt.
Aus mehreren Blickpunkten wird spannend erzählt und auch in die Vergangenheit gesprungen, wie ein Kindheitserlebnis - bei dem Puppen um eine Leiche im Wasser trieben - Jahre später endlich gelöst wird, und weitere Tote bringt.
Die Lösung und das wieso hatte ich nicht erwartet, es geht aber um Kindesmißbrauch.

Hector Salgado, war der Liebe wegen in Barcelona hängen geblieben; seine Ex-Frau liebt jetzt eine Frau; es gibt einen Sohn. Innerhalb der Polizei hat er Menschen die ihn  unterstützen, was wichtig ist, da aus dem Mädchenhändlerring ein sehr bösartiger Rachefeldzug gegen ihn aktiv ist. Er wird als schwierig, verschwiegen und eigenbrötlerisch beschrieben.
Die neue ihm zugeteilte Kollegin Leire ist jung, gescheit, denkt schräg und ist sexuell sehr aktiv.
Marc Castell ist der Teenager, der aus dem Fenster gefallen war; er war sehr verschlossen, hatte sich erst im Auslandssemester wegen Englisch zu öffnen begonnen, und eine junge Frau kennen gelernt.
Sein bester Freund Aleix Rovira hat Krebs besiegt, ist sehr attraktiv und charmant, und spielt mit der Gefahr und Frauen. Seine Familie zählt zu den wichtigen und reichen der Stadt; liebevoll und ihm durch die Krankheit geholfen hat ihm allerdings nur sein Bruder Eduard.
Deren gemeinsame Freundin Gina Ballester ist lieb, besorgt und läßt sich leider zu leicht zu führen.
Enric Castell, der Vater von Marc, ist erzkatholisch, zeigt wenig Liebe, was zu einem Teil des Problems wird.
Joanna, die Mutter Marcs, hat ihren Mann und Sohn verlassen, ist aber diejenige die nicht aufgibt die Lösung um ihren Sohn zu wissen zu wollen.
Felix Castell ist der Onkel von Marc, ein Priester, der sich immer um seinen Neffen liebevoll gekümmert hat, und der ihm wichtig ist. Er weiß mehr über die Leiche mit den Puppen, sah sich aber veranlaßt zwei  Menschen zu schützen.

Der Roman ist spannend geschrieben.
Die Menschen sind oft einsam und in ihren Gedanken und Problemen geschildert.

In Summe ein sehr empfehlenswerter Kriminalroman der auch unter die Haut geht. Viel Freude beim Lesen !

Antonio Hill, wurde 1966 in Barcelona geboren. Er studierte Psychologie und arbeitet dann als Übersetzer aus dem Englischen. Er lebt und arbeitet in Barcelona.

Donnerstag, 16. Juli 2020

Deon Mayer : "Dreizehn Stunden"

Deon Mayer :
"Dreizehn Stunden"
original "13Uur"
2009,
Aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer
2011, Aufbau Taschenbuch
457 Seiten + 2 Seiten Danksagung + 2 Seiten Glossar von afrikaanssprachigen Wörtern + Leseprobe
ISBN 978-3-7466-2737-3

Bernie Griessel muß als Mentor zwei parallel laufende Morduntersuchungen in Kapstadt begleiten und leiten. Ein junge Amerikanerin und ein Plattenproduzent sind ermordet worden. Die Amerikanerin hat eine Freundin, die auf der Flucht vor Männern ist, beim Produzenten deutet alles auf seine immer betrunkene Ehefrau, eine ehemals berühmte Sängerin hin. Die Medien und internationale Probleme erleichtern nicht die Arbeit, genausowenig wie polizeiinterne Machtprobleme, Rassismus innerhalb der Polizei, Sexismus in den eigenen Reihen und am Schluß auch polizeiinterne Korruption. Der Verdacht auf Drogenhandel hält lange an, bis der Schwenk zu Organhandel auf höchstem Niveau offenbart wird. Am Schluß werden die Morde überraschend zusammen gelöst und ein weiterer verhindert.

Die Kapitelüberschriften sind Uhrzeiten, die von der Früh bis in den frühen Abend an einem Tag führen. Innerhalb dieser wird in Absätzen sprunghaft beschrieben was die junge Frau auf der Flucht macht und denkt, wie Inspector Griessel seine Alkoholsucht, seine Untreue, seine Überlegungen zu den Fällen, wie er seine Kollegen durch die Fälle choacht, wie er Probleme zu Vorgesetzten und zu Mitarbeitern versucht flach zu halten. Andere Polizisten und Polizistinnen vermischen ebenso private wie berufliche Probleme und zeigen oft keinerlei Bereitschaft zusammen zu arbeiten; dazu sitzt das Rassismusproblem in Südafrika zu tief.

Interessant ist was über den Musikmarkt geschrieben ist. Die Musikströmungen sagen mir zwar persönlich nichts, die Art wie über Musikpropuktion geschrieben wird hat mich fasziniert. Die Figur des ermordeten Musikproduzenten ist hier charismatisch, und für die Musikschaffenden überraschend positiv geschildert.

Der Roman ist spannend geschrieben. Leider hatte ich Schwierigkeiten mir die vielen Namen und Menschen zu merken und habe die "Figuren" öfters durcheinander gebracht, was das Lesen nicht einfach machte. Als Gegenpol zu dem rothaarischen, irisch-stämmigen Griesel, der als Mentor Ruhe bewahren muß, ist eine dicke unsympathische feministische taktlose schwarze Kaleni Mbali gezeichnet.

Im Glossar sind Afrikaans Wörter genannt, mir wären auch weitere Wörter aus dem geographischen Bereich in Kaptstadt, Hinweise auf Xhosa, etc. wichtig gewesen.

Samstag, 25. April 2020

Gisa Pauly : "Inselzirkus"

Gisa Pauly :
"Inselzirkus" - ein Sylt -Krimi
2011, Piper Verlag München
484 Seiten
ISBN 978-3-42-26450-1

Auf Sylt wird für eine Herz-Schmerz-Serie gedreht. Die italienische Großmutter Carlotta aus Umbrien steht mit ihren Enkeln als Komparsen zur Verfügung, als der Schwiegersohn der Polizist ist zu einer Leiche gerufen wird. Es ist ein Journaillist, der für ein Revolverblatt möglichst saftige Geschichten aus dem Leben der Fernsehstars ausgräbt. Polizist Erik und sein Kollegen Sören fragen sich durch das Fernsehteam, und lernen die Machtspiele des Regisseurs kennen, den gutaussenden Gaststar, einer jungen Schauspielerin Andrea und der Lehrerin des Ortes Alina. Mamma Carlotta unterhält sich inzwischen mit den nicht mehr ganz jungen Schauspielerinnen, der sehr rundlichen und gemütlichen Organisatorin, und zeigt diesen auch ein abgewohntes Gasthaus. Als der Regisseur tot aufgefunden wird, gerät die Polizei kurzfristig unter Druck kann aber dann doch beide Morde auflösen.

Die Personen des Buches sind sehr unterhaltsam beschrieben.
Hauptperson ist die temperamentvolle, fürsorgliche, plaudernder Großmutter Carlotta. Sie kocht der Familie der verstorbenen Tochter immer wieder für Wochen wunderbares italienisches Essen und bemuttert. sie bezaubert nicht nur die Kollegen ihres Schwiegersohns mit ihren Antipasti, sondern auch den Wirten und einen Obdachlosen.
Enkelin Carolin zickt als Teenager, Enkel Felix ist ein netter Lausbub; Schwiegersohn Erik ist ein braver ordentlicher Polizist der seine verstorbene Frau Lucia immer noch vermißt.
Bruce Margreiter ist cooler gutaussehender Star mit bewegter Frauen-Vergangenheit. Die junge hübsche Schauspielerin Andrea Zielcke tanzt um ihn herum und spioniert ihm nach. Die nette gescheite hübsche Deutschlehrerin Carolins, Alina Olsted, wird immer wieder mit Bruce gesehen. Harry Jumperz wird als unguter Regisseur beschrieben, der nicht attraktiv aber mächtig ist, und Frauen ausnutzt. Luca ist der Stuntman für Bruce und sieht ihm, wenn er geschminkt ist, wirklich ähnlich. Tanja Möck ist ruhig und sehr rund - und die einzige die in der Fernsehtruppe ruhig und freundlich ist. Heidi, Beate und Kristen sind nicht mehr junge, nicht mehr schöne Frauen die weiterhin auf größere Rollen im Fernsehen hoffen.

Die Geschichte aus entweder aus der Sicht von Carlotta erzählt, oder aus der des Polizisten Erik.
Dieser Roman ist der fünfte Band mit Mama Carlotta - es ist nicht irritierend die Romane davor zu lesen, was sehr angenehm ist.

Am Anfang habe ich mich sehr gut beim Lesen unterhalten. Später hat die Geschichte dann für mich an Schwung verloren. Vor allem das Ende hat mich enttäuscht, hier hatte ich auf etwas Spannenderes gehofft.

In Summe habe ich mich gut beim Lesen unterhalten, das beschriebene Essen macht Gusto. Viel Spaß beim Lesen !

Gisa Pauly wurde am 23. Februar 1947 in Gronau im Münsterland geboren. Sie arbeitete als Lehrerin einer Berufsschule, wurde dann freie Autorin ab 1993 und schrieb als Autorin für eine Telenovelas der ARD. Der erste Roman mit Mama Carlotta erschien 2007 'Die Tote am Watt'. 2013 erschien bereits der dreizehnte Roman mit dieser Großmutter. Die ersten Romane der Autorin erschienen bereits in den 90-er Jahren



Samstag, 14. März 2020

Rebecca Michéle : "Die Tote von Higher Barton"

Rebecca Michéle :
"Die Tote von Higher Barton" - ein Cornwall-Krimi
2011, Goldfinch Verlag, Frankfurt
347 Seiten
ISBN 978-3-940258-14-4

In diesem Krimi besucht die pensionierte Mabel ihre Cousine Abigail, die ihr einst den Freund ausgespannt hatte. Sie findet eine tote Frau in der Bibliothek, die als die Polizei erscheint verschwunden ist. Mabel gibt nicht auf, bekommt zögerlich Hilfe des Tierarztes, bekommt mit der Laientheatergruppe des Ortes Kontakt und fragt sich durch. Im Schloß der Cousine ist der zu attraktive Chauffeur Justin. Während die Leiche verschwunden bleibt, hat ein junger schauspieler einen Unfall mit derm Motorrad und auch bei Mabels Auto gibt es Probleme. Am Ende wird die Leiche gefunden und der Mörder gefaßt.

Als kleine Parallelgeschichte findet eine Liebe zwischen zwei Frauen statt, was in diesem Ort überhaupt nicht tragbar ist.
In dem Ort wird auch noch gesellschaftlicher Dünkel gelebt, der hilft oder gerade bei jungen Menschen sehr hinderlich ist. Auch alte Geschichten heben den Kopf und stören die Klärung von Situationen.

Mabel ist als praktische Frau ohne Allüren geschildert, die trachtet den Boden unter den Füßen zu halten. Victor der verschrobene Tierarzt hat mehr Gefühl für Tiere, als Menschen, ist tatkräftig. Abigail ist eine schöne reiche Frau, die gewohnt ist alles durchzusetzen was sie will; die dann ziemlich desillusioniert wird.

Die Roman ist gut zu lesen und unterhält gut. Mitraten nach dem Mörder ist möglich. Viel Spaß beim Lesen !

Rebecca Michéle, eigentlich verheiratete Ursula Schreiber, wurde am 11. Juni 1963 in Rottweil (Baden Württemberg) geboren. Sie arbeitete zuerst in einer Krankenkasse, ehe sie nach zwei Romanen nur noch Schriftstellerin ist. 1996 erschien der Roman "Das Erbe der Lady Marian". Bis 2018 sind bereits sieben Cornwall-Krimis erschienen. Sie veröffentlicht auch unter zwei anderen Pseudonymen.

Freitag, 27. September 2019

Tom Hillenbrand : "Teufelsfrucht"

Tom Hillenbrand :
"Teufelsfrucht" - ein kulinarischer Krimi
2011, Kiepenheuer & Witsch
292 Seiten + 3 Seiten Glossar Küchenlatein (meist lützelburgische Ausdrücke)
ISBN 978-3-462-04287-0

Xavier Kieffer ist Koch für luxemburgische rustikale Spezialitäten in Luxemburg. Als ein Gastrokritiker vor seinem Lokal ermordet wird, beginnen die Probleme. Er reist nach Paris zum Arbeitgeber dieses Gastrokritikers, in den Süden Frankreichs zu seinem ehemaligen sehr despotischen Lehrmeister, findet dort nur ein abgebranntes Restaurant, eine geheime Küche und recherchiert in Richtung einer eigenartigen Frucht, die alle Nahrungsmittelverstärkungsstoffe in den Schatten stellt. Hier sind ihm einige Leute auf den Fersen und er hat Glück zu entwischen. Am Schluß findet ein Nahrungsmittelkonzern eine für ihn noble Lösung.

Xavier Kieefer ist als mitteljunger Mensch geschildert, für den Kochen, Essen und Trinken essentiell ist. Er sitzt oft bei Sylvaner und anderen guten Tropfen Wein oder Schnaps und liest oder diskutiert. Guter Freund in Luxenburg ist ein Finne, logischer Denker und den Genüssen zugetan, der in der EU-Kommission arbeitet, was zu einigen vergnüglichen bösartigen Kommentaren über die dortige Bürokratie führt. Valerie ist die attraktive Besitzerin eines Gourmentführerverlages. Es gibt einen charismatischen blitzgescheiten durchgeknallten Wissenschaftler, dessen Visionen Insekten oder Fertigbreipampe mit dem Nahrungsmittelverstärker Genuß vorzugaukeln ziemlich erschreckend sind; leider nicht unrealistisch. Ein aufdringlicher sich wichtig fühlender ehemaliger Kochkollege hat mit Fernsehshows und Büchern das Kochen als gewinnbringend entdeckt; wie er vor sich hinflucht, liest sich unterhaltsam.

Das Buch sollte man nur lesen,wenn man keinen Hunger hat. Es wimmelt von guten Würsten, gutem Käse (leider auch künstlichem Käsezustand), Haseneintopf, weich gekochtem Hendlfleisch etc. Auch die Weine und Schnäpse sind in ihren Schilderungen sehr geschmackvoll zu lesen.

Viel Spaß bei diesem Kriminalroman.

Tom Hillenbrand wurde 1972 in Hamburg geboren. Er studierte Politik und Wirtschaft, wechselte dann zur Jounalistenausbildung. Mit "Teufelsfrucht" erschien 2011 der erste Krimi mit Xavier Kieffer - mittlerweile ist der sechste Kriminalroman dieser Serien am Markt "Bittere Schokolade" (2018). Der Autor hat auch anderen Bücher veröffentlicht.

Samstag, 21. September 2019

Ferdinand von Schirach : "Der Fall Collini"

Ferdinand von Schirach :
"Der Fall Collini"
Roman
Lesebändchen
2011, Piper Verlag
188 Seiten + 2 Seiten Anhang mit juristischen Paragraphen
ISBN 978-3-492-05475-1

Der italienischer Gastarbeiter Collini, der in Deutschland Jahrzehnte verläßlich in einem Betrieb gearbeitet hat, gibt sich als Journalist aus und erschießt den Vorstandsmanager Meyer in Pension. Caspar Leinen, ein junger Jurist, dem alle Tore für Karriere offen gestanden sind, der aber Verteidiger sein will, wird als Pflichtverteidiger mit diesem Fall betraut. Der Klient schweigt, und er beginnt zu recherchieren. Er deckt auf, daß der Vorstandsmanager in Italien als Sturmbandführer für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt hatte. Collini hat erst nach der Verjährungszeit diese Taten zu Anzeige bringen können, weshalb keine Beurteilung der Tatsachen vor Gericht möglich war. Erst nach dem Tod seiner Familie konnte Collini seinen alten Zorn gegen den NS-Mann umsetzen.

In den letzten Kapiteln wird erklärt wie es zum Ablauf der Verjährungszeit kam, aber auch welche Vergeltungsaktionen im Krieg noch für angemessen gehalten werden.
Diese Regeln wann Vergeltungsaktionen im Krieg als aktzeptierbar gehalten werden, lassen beim Lesen schaudern.

Die Juristen, der junge Leinen und der arrivierte aber neugierig gebliebene Mattinger, sind als Persönlichkeiten vielschichtiger geschildert, als der Mörder oder die Opfer der Greuel im zweiten Weltkrieg.
Als Liebesgeschichte bleibt die aufflammende Jugendliebe zwischem Leinen und der Enkelin des Ermordeten, Johanna, die allerdings keine Chance für die Zukunft hat.

Die Geschichte ist sehr gut und spannend erzählt. Die Situation in Deutschland und Italien mit allen Ungerechtigkeiten gehen unter die Haut.

Das Buch ist in großen Buchstaben gedruckt, was das Lesen vereinfacht.

In Summe ein eindrücklicher und empfehlenswerter Roman.

Ferdinand von Schirach wurde 1964 in München geboren. Sein Großvater ist der durch die NS bekannte Baldur von Schirach. Ferdinand von Schirach studierte Jus, und arbeitet als Rechtsanwalt. 2009 erschien "Verbrechen" mit Kurzgeschichten aus dem juristischen Alltag.

Donnerstag, 26. Juli 2018

Aldo Cazzullo : "Bitter im Abgang"

Aldo Cazzullo :
"Bitter im Abgang"
Kriminalroman
original "La mia anima é ovunque tu sia. Un delitto. Un tesoro. Una guerra. Un amore"
2011, Mondadori Mailand
Aus dem Italienischen von Petra Kaiser
2014, C.H.Beck München
142 Seiten + 2 Seiten Anmerkungen des Autors
ISBN 978-3-406-66038-2

Der lange Originaltitel "La mia anima è ovunque tu sia. Un delitto. Un tesoro. Una guerra. Un amore." heißt übersetzt "Meine Seele ist wo auch immer du bist. Ein Verbrechen. Ein Schatz. Ein Krieg. Eine Liebe" und erzählt damit die Geschichte bereits.

Angesiedelt ist die Geschichte im Piemont. Es werden einige wenige Tage im Jahr 1945, 1963 und 2011 erzählt. 1945 geht es um die schöne Victoria die von zwei Männern geliebt wird, aber von als Partisanenspionin von Regimetreuen grauslich ermordet, 1965 hat sich das Land erholt aber die Frage nach einem Schatz wird immer noch gestellt, 2011 gibt es einen Mord bei dem der Kommissar bei zwei unterschiedlichen Weingütern versucht zu ermitteln.
Die Kapitel springen zwischen den Zeiten und den handelnden Personen. Im Krieg und später ist ein intriganter Priester wichtig, der einem der heimischen Weinproduzenten mit Geld und Verbindungen behilflich ist; für ihn ist das der Aufbau nach dem Krieg.

Die Geschichte wird eigentümlich spannend erzählt. Der Mord gerät fast in den Hintergrund, weil die alten menschlichen und ethischen Rivalitäten noch immer vorherrschen.

Ein mühsame Sexszene wird beschrieben.

Die Charaktäre der Geschichte sind faszinierend. Es sind meist sture, knorrig wirkende, mittlerweile alte Männer die durch die Kriegs-Partisanen-schlachten gelernt haben zu überleben. Es gibt eigentlich nur zwei Seiten - die Katholiken oder die Kommunisten. Die Feindschaften halten über Jahrzehnte.
Als Alternative gibt es einen eher schleimigen machtbewußten Weinmenschen, der durch die Machenschaften des Priesters um den Schatz reich geworden ist.

Der Roman ist in seiner dichten Art beeindruckend. Die Schilderungen gehen unter die Haut. Viel Freude beim Lesen.

Aldo Cazzullo wurde am 17. September 1966 in Alba geboren. Er ist Journalist und Schriftsteller. Die meisten seiner Bücher sind Sachbücher; "Bitter im Abgang" ist der erste Kriminalroman.

Dienstag, 12. September 2017

Fouad Laroui : "Die alte Dame in Marrakesch"

Fouad Laroui :
"Die alte Dame in Marrakesch"
Roman
original "La vieille dame du ruad"
2011, Editions Juillard Paris
Deutsch von Christine Kayer
2015, Merlin Verlag
166 Seiten  + 5 Seiten für Glossar, Liedtexte und Textpassagen
ISBN 978-3-87536-314-2

Als Rahmenhandlung sind Cécile und Francois, ein gut situiertes Paar aus Paris, in Marrakesch unterwegs um einen Wunsch von Francois nach einem Riad (in Marokko ist das ein traditionelles Haus mit einem Innenhof) zu erwerben, was zuerst auch gelingt. Dann finden die beiden eine alte Dame in einem Zimmer, die wie ein Geist wirkt.
Im zweiten langen Kapitel wird anhand von Hadj Fatmi, seiner Berberfrau (der zweiten), deren Sohn Tayeb, die Geschichte Marokkos aus der Sicht der Berber Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts erzählt. Es gibt Bürgerkrieg, Gemetzel, Intrigen, Militärs aus Spanien und Frankreich, Waffen aus England und Deutschland, Wertewandel, Überlegungen wer sich wem wie anpassen soll, IS entsteht, Tayeb meldet sich für die französische Armee im zweiten Weltkrieg und geht verloren.
Im Abschlußkapitel wird der Riad mit all den Unterlagen die das französische Paar mittlerweile über die Berber gesammelt hat eine Art Museum.

Während im ersten Kapitel ein eingespieltes humorvolles Ehepaar miteinander lebt, und zwar ohne wirkliche Probleme, ist das zweite lange Kapitel mit den Kampf- und Kriegswirren sehr spannend geschrieben / spannend übersetzt (was ich nicht entscheiden kann da mein französisch dafür zu schlecht ist).

Die Sichtweise der marokkanischen Geschichte aus dem Blickwinkel der Berber bzw. eines Stammes des Berber, ihre Benachteiligung gegenüber arabisch sprechenden Menschen, der Versuch ihre Kultur auszumerzen, Diskussionen im fernen französischen Paris sind gut vorstellbar beschrieben. Erste islamische Organisationen (es steht im Roman : IS) gegen - hier fremde - Machthaber strukturieren sich.

Die Dialoge des französischen Paares sind sehr unterhaltsam, wobei er als Träumer dargestellt wird. Sie hat mehr Boden unter den Füßen. ist aber doch feinfühliger. Auch die Unterhaltungen der beiden inkl. Gedanken in Marokko mit den dort lebenden Menschen und deren Gepflogenheiten sind humorvoll geschildert.
Die Menschen um Tayeb sind entweder kämpferisch, oder in ihr Schicksal ergeben. Eine eigene Rolle hat die Bedienstete / Sklavin Massouda, die die Gabe hat in die Zukunft zu sehen und eine treue liebevolle Seele ist.

Das Glossar ist wichtig, allerdings mußte ich weitere Wörter nachsehen, die im französischen - islamischen - maghrebinischen Kontext sind. Hier wäre weitere Wörter für das Glossar hinzuzufügen.

In Summe ein spannendes gut geschriebenes Buch mit viel Information über einen geschichtlichen Blick auf die Berber. Viel Freude beim Lesen !

Fouad Laroui  wurde am 12. August 1958 in Oujda (Marokko) geboren.  Er studierte zuerst in Casablanca und später in Paris Ingenieurswissenschaften. Dann arbeitete er in Khouriba (Marokko), dann in Cambridge und York. Hier studierte er Wirtschaft. Später ging er nach Amsterdam um zu unterrichten (was er bis jetzt tut). Nebenbei schreibt er für ein Wochenmagazin und Romane. Sein erster Roman "Les Dents du topographe" erschien 1996.

Freitag, 28. Juli 2017

Bielefeld & Hartlieb : "Auf der Strecke"

Claus-Ulrich Bielefeld & Petra Hartlieb :
"Auf der Strecke - Ein Fall für Berlin und Wien"
Roman
2011 Diogenes
353 Seiten
ISBN 978-3-257-24068-9

Auf der Zugstrecke zwischen Wien und Berlin wird der aufstrebende Stern am Literaturhimmel ermordet. In Wien ermittelt Anna Haberl, die in Berlin Kommissar Thomas Bernhardt kontaktiert. Der Literaturagent in Berlin wird ebenfalls ermordet, die Berliner Freundin des Schriftstellers springt in den Tod und die Wiener Freundin versucht Selbstmord zu begehen; die ursprüngliche Wiener Verlegerin kommt zu Wort, ein guter Freund des Schriftstellers der ebenfalls Schriftsteller ist aber weniger Erfolg hat und in Berlin ein zwielichtiger Geschäftsmann im Bereich Ex-DDR, Vermögen, Immobilien und aktuelle Politikverknüpfung. Bei einer Abendveranstaltung um die Frankfurter Buchmesse kommt es zum show-down.

Der ermordete Schriftsteller wird als arroganter Schnösl geschildert. Nur das teuerste wäre ihm gut genug. Die Idee den Roman mehrfach zu verschlüsseln und parallel an Verlage zu senden um sich abzusichern finde ich durchaus gut.
Die Frauen in dem Buch sind großteils attraktiv geschildert, die Männer netterweise meist interessant.

Die Hintergrundgeschichte mit DDR - Immobilien - Vermögen - Ausläufer in KPÖ sind spannend. Die Infos über die KPÖ interessant. Der Zynismus zwischen Trotzkisten und Maoisten ist heftig.

Nette Hinweise auf Bücher, Buchregale sind vorhanden, was bei Autoren die aus der Buchbranche stammen vermutlich kein Wunder ist.

Der Krimi ist gut und rasch zu lesen. Ein ideales Buch für Regentage und zum Entspannen. Viel Spaß beim Lesen.

Die Kooperation im Buch von Wien und Berlin ist auch bei den Autoren dieses Buches, wobei Petra Hartlieb in Wien ist und Claus-Ulrich Bielefeld in Berlin. Beide sind in der Buch-Zunft als Kritiker, Ex-Kritikerin und Buchhändlerin verwurzelt.

Freitag, 9. Dezember 2016

Leonardo Padura : "Der Schwanz der Schlange"

Leonardo Padura :
"Der Schwanz der Schlange"
Kriminalroman
original "La Cola de la serpiente"
2011, Tuesquets Editores, Barcelona
Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein
2010, Unionsverlag Zürich
174 Seiten + 3 Seiten Anmerkungen des Autors
ISBN 978-6-293-00440-5

Teniente Mario Conde ist wieder unterwegs, diesmal den Mord an einem Chinesen im chinesischen Viertel von Havanna zu klären. Die Tochter eines Chinesen und einer Afrikanerin, die sehr attraktive Polizistin Patricia Chion, bittet ihn hier mit Respekt vorzugehen, und holt auch die Hilfe ihres verschlossenen Vaters ein. Conde irrt zwischen chinesischer Mafia mit Drogenmöglichkeit, altem Glauben, aktueller Verzweiflung, Abschottung innerhalb der sprachlichen und kulturellen Herkünfte, Alkohol und Sturheit hin und her. Er löst den Fall, ist aber wie gewohnt nicht glücklich damit.

Diesmal schildert der Autor das Leben, die verschwundenen Träume der Chinesen die nach der chinesischen Revolution auf Kuba Geld verdienen wollten, und hier nochmals von einer Revolution überrollt worden. Überleben ging nur unter teilweiser Bewahrung der Rest der ursprünglichen Verhaltensweisen.

Schräg sind die Ausflüge in denen chinesischer Aberglauben, afrikanische Zauber vermengt mit jüdischem Zauber. Worte wie 'mayombe', 'palo', 'nganga', 'zarabanda', 'yoruba' sollten vertraut sein, oder nachgeschlagen werden.

Faszinierend wie das Schönheitsideal von Condes Traumfrau ist - oben schmal, hüftabwärts mehr als breit. Deutlich werden die Bewegungen breiten Hüften und Beine beschrieben. Die Jugendliebe Tamara taucht auf der Suche nach ihren Wurzeln wieder auf.

Condes Wohnung beherbergt einen Goldfisch, der immer wieder Rufino genannt wird. Und Bücher, deren Lesen in aus dem Frust der Polizeiarbeit herausholen.
Im polizeilichen Umfeld sind Sergante Manolo, der Vorgesetzte Mayor Rangel und als Hilfe der dicke Contreras an seiner Seite.

Der Titel des Buches resultiert aus den Condes philosophischen Überlegungen ob die Lösung am Kopf oder am Schwanz der Schlange beginnt.

Der Roman ist dicht beschrieben, und es gut zu verfolgen welche Schritte der Teniente verfolgt. Die Menschen sind gut vorstellbar.

In Summe ein wunderbares Buch, auch wenn es nicht ganz einfach zu Lesen ist. Viel Freude beim Lesen !

Leonardo Padura Fuentes wurde 1955 in Havanna geboren. 1980 schloss er sein Studium der Literatur an der Universität Havanna ab und begann dann als Journalist zu arbeiten. 1989 begann er Kriminalromane zu schreiben, für die er Auszeichnungen erhielt. 1991 erschien das erste Buch mit Teniente Conde, das erst 2003 auf deutsch erschien.

Freitag, 28. Oktober 2016

Juan Pablo Villalobos : "Fiesta in der Räuberhöhle"

Juan Pablo Villalobos :
"Fiesta in der Räuberhöhle"
Roman
original "Fiesta en la madriguera"
2010, Anagrama Barcelona
Aus dem Spanischen von Carsten Regling
2011, Berenberg Berlin
71 Seiten
ISBN 978-3-937845-45-0

Aus der Ich-Sicht erzählt der 14-jährige Bub Tochtli wie er fast ohne Menschen aber in viel Reichtum und Gewalt aufwächst. Sein Vater, genannt Yolcaut, dürfte ein Mafia-Boss sein, die Leibwächter Mitzli und Chichilkuali sind nebenbei seine Spielkameraden, es gibt nur wenige Anstellte von denen einige stumm sind.
Der Bub sammelt Hüte, will ein liberianisches Zwergnilpferd (die streng geschützt sind) und darf teilweise nicht einmal Fernseh-sehen, weil gerade Greueltaten des Vaters gebracht werden.
Kurze Zeit ist der gebildete Lehrer Mazatzin da, der ihm von den Werten und Kultur der Samurais erzählt. Leider ist der Lehrer nicht das was er ist, und spät zeigt der Vater dem Sohn seine Waffen, mit denen er handelt.

Empathielos wird diese skurrile Geschichte erzählt, in der Erzähler Geschehnisse der Gegenwart und Vergangenheit entweder in pathetisch oder erbärmlich einteilt. Die Franzosen mit ihrer Guillotine sind ihm wichtig, weil sie den Königen die Krone vor der Enthauptung vom Kopf nehmen. Schräg ist das Ende, in dem wieder Kronen am Kopf bestellt sind.
Die Safari ist eine einzige Unterhaltung, genauso wie die unterschiedlichen Schießwaffen aus aller Herren Länder; begeistert ist er von einer kleinen Pistole mit kleinen Kugeln - päff.

Die Namen sind ziemlich ungewohnt, aber die Geschichte ist sehr gut zu lesen. In meinem Kopf liefen ziemlich bunte Zeichentrickfilme zu dem Geschehen ab.
Viel Spaß beim Lesen !

Biographie von Juan Pablo Villalobos bei "Quesadillas"  / 6. Oktober 2016

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Edmund de Waal : "Der Hase mit den Bernsteinaugen"

Edmund de Waal :
"Der Hase mit den Bernsteinaugen" - Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi
original "The Hare with the Amber Eyes. A Hidden Inheritance"
2010, Chatto & Windus, London
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
2011, Paul Zsolnay Verlag
340 Seiten inkl. Vorwort + 2 Seiten Dank
ISBN 978-3-352-05556-8

Ausgehend von einem Geschenk seines Großonkels, 264 Netsuke (kleine japanische Schnitzereien aus Holz oder Elfenbein, die gemütlich in einer geschlossenen Hand Platz haben und ursprünglich am Kimono getragen wurden) erzählt der Autor die Geschichte seiner Familie : der Efrussi /Ephrussi, indem er hauptsächlich der Geschichte dieser 264 Stück Handwerkskunst in seiner Familie folgt.
Das erste Kapitel ist Paris und seinem Groß-Groß-Onkel Charles gewidmet, das zweite Kapitel Wien und seinen Urgroßeltern Victor und Emmy, dann folgen gemischt verschiedene Stationen z.B. seine Großmutter über Niederlande-Frankreich-Schweiz nach England, andere Familienmitglieder nach USA, und Japan, bis er an die Wurzeln seiner Familie zurück nach Odessa fährt.

Spannend und haptisch wird erzählt wie Geld ermöglicht mit Gefühl und Freude zu sammeln und zu leben. Viel Platz ist Beschreibungen von Wohnungen, und Häusern und dem Landgut gewidmet, viel Platz den Einrichtungen, den Kleinigkeiten, den Bildern, der Farben in den Zimmern, und sonstige Kleinigkeiten wie Uhren um das berührbare Leben vorstellbar zu machen.
Der Bruch der nach dem Anschluß in Wien vollzogen wurde, läßt den Schluß zu, daß niemand innerhalb seiner Familie mit diesen brutalen Aktionen gerechnet hatte, denn sie wurden monetär und seelisch überrumpelt, und waren froh ihr Leben zu retten.
Seine Großmutter, die nach dem ersten Weltkriegt als eine der ersten Frauen studiert hatte, fuhr nach dem zweiten Krieg nach Wien, und bekam von der alten Kleiderfrau ausgehändigt, was sie retten konnte; es ist berührend, daß der Autor erst als der beim Schreiben des Buches nach ihr nachforschen wollte, von niemandem mehr den Familiennamen dieser Frau erfahren konnte.

Ausgehend von den Netsuke, und daß sein Groß-onkel in Japan lebte und starb - und damit die Netsuke einige Zeit wieder 'nach Hause kommeb', wird einiges über Japan erzählt. Auch Japan gehörte nach dem zweiten Weltkrieg zu den besiegten Nationen, und Ausverkauf alten Kulturgutes fand statt. Der Großonkel lernt viel über Japan und seine Kunst (hier gibt es viele neue Vokabel kennen zu lernen wie z.B. 'kakemoto' sind Rollbilder), und gab einiges an den Autor (und Keramik-Künstler) weiter.
Die 264 Kunstwerke kamen Mitte 19. Jahrhunderts über Charles Ephrussi in Paris in den Familie. Dieser hochgebildete kunstsinnige Mann wurde auch der "benediktinische Dandy aus der Rue Monceau" (Zitat Jules Laforgues) genannt. Wunderschön sind hier die Schilderungen des schöngeistigen Paris dieser Zeit, aus dem Charles hier Jahrzehnte lang sammelte. Heftig ist die Reflexion über die jahrelangen Dreyfuss-Intrigen.

Die Menschen sind gut vorstellbar geschrieben. Die Urgroßmutter Emmy ist gut fühlbar, auch Groß groß Onkel Charles, dafür Urgroßvater viktor eigentümlich wenig.

Das Buch ist spannend und sehr gut zu lesen. Die Übersetzung ist sehr sehr gut.
Viel Freude bei diesem Bericht über Kunst und Geschichte von Europa und Japan.

Edmund Arthur Lowndes de Waal wurde am 10. September 1964 in Nottingham, England geboren. Er lernte bereits in der Schule das Töpferhandwerk, studierte dies in Cambridge weiter und arbeitet als ein britischer Keramiker und jetzt auch Professor an der Uni Westminster. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.  

Dienstag, 19. Juli 2016

Viveca Sten : "Tod im Schärengarten"

Viveca Sten :
"Tod im Schärengarten" - ein fall für thomas andreasson
Roman
original "I den innersta krestsen"
2009, Forum Bokförlag, Stockholm
Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt
2011, Kiepenheuer & Witsch
355 Seiten
ISBN 978-3-462-04396-9

Bei einer renommierten Segelwettfahrt wird im Moment des Startschusses ein reicher, eingebildeter Machtmann auf seinem neuen Schiff (einer Swan 601) ermordet. Kommissar Thomas Andreasson und sein Team ermitteln im privaten (es gibt reihenweise Geliebte) und beruflichen (der Tote war Konkursanwalt) Umfeld, und ist teilweise mit den Adeligen in Schweden konfrontiert. Rasch wird klar, daß der Tote zwar sehr charmant, aber nicht beliebt war; seine Machtspiele wurden ihm zum Verhängnis.
Parallel geht es um Nora Linde, eine alte Jugendfreundin von Thomas Andreasson, die ein altes Haus geerbt hat, das ihr Mann gerne verkaufen möchte um sich was Besseres zu gönnen. Nora entscheidet sich anders, was zu ziemlichen Problemen in der Ehe führt.
Immer wieder sind Gedanken und Erinnerungen in kursiv gedruckt. Erst rückwirkend lassen sie sich verschiedenen Menschen zuordnen.

Das Polizeiteam besteht aus dem Mentor Göran Persson, dessen Tochter Carina (mit der Thomas ein Verhältnis hat), Margit (mit der Thomas am besten und eingespielt zusammenarbeitet), sowie Kalle und Eric.
Diesmal stehen sie einer Gruppe aus einer traditionsreichen Segelvereinigung gegenüber: der dynamische Hans Rosensjöö, der 2 Perioden lang der Geschäftsführer gewesen war; dessen Ehefrau Britta; Ingmar von Hahne, den sein Benehmen und Abstammung auszeichnet, aber wenig Konturen zeigt; dessen schöner kühler Ehefrau Isabelle; dem Bankmenschen Martin Nyrén. Es wird hier zeitweise reiches abgehobenes Leben geschildert, als auch die Doppelbödigkeit der Gesellschaft, aber auch daß Menschen für ihren Lebensstandard arbeiten müssen (oder betrügen).

Die Orte der Handlung sind entweder das Meer um die Inseln und im Schärenmeer, Stockholm mit Banken, Polizei-Konferenzräumen und Bibliotheken.
Die Beziehungen sind meist nicht glücklich : entweder lange anspruchslos laufend, oder kur und intensiv, manchmal sehr einseitig, oder auch von Änderungen in Ansprüchen und Werten ausgeliefert.

Die Menschen sind gut vorstellbar. Bei den Orten tue ich mir schon schwerer.
In Summe ein gut lesbarer Kriminalroman bei dem Mitraten nach dem Mörder und dem Motiv möglich ist. Viel Freude beim Lesen !

Viveca Anne Bergstedt Sten wurde am 18. Juni 1969 in Stockholm geboren. Sie studierte Jus, und arbeitet als Juristin bei der schwedischen Post. 2008 wurde der erste Kriminalroman mit den beiden Figuren Kommissar Thomas Andreasson und dessen Jugendfreundin Nora Linde veröffentlicht. Die Romane spielen in den Schären auf Sandhamn, wo sie auch privat lebt.

Montag, 16. Mai 2016

Tomás González : "Das spröde Licht"

Tomás González :
"Das spröde Licht"
Roman
original "La luz dificil"
2011, Verlag Alfaguara, Bogotá
Aus dem Spanischen von Rainer Schultze-Kraft und Peter Schultze-Kraft
2012, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a. Main
165 Seiten
ISBN 978-3-10-026605-7

In diesem dichten, etwas spröden Roman erzählt der Maler David sprunghaft von dem Leben seiner Familie, das durch den Autounfall das ersten Sohnes ziemlich umgekrempelt wird. Die Familie war aus Kolumbien zuerst nach Miami ausgewandert, dann lange in New York bis er im Alter mit seiner wunderschönen, erdenden Frau Sarah wieder an La Mesa in Kolumbien siedelt.
In New York sind das Einkommen von Sara als Krankenschwester, sein werdender Ruhm als Mahler und dann der Unfall von Jacobo bestimmend. In dem Roman wird immer wieder auf die Folgen des Unfalls inklusive Schmerzen trotz Rollstuhl, und der Entscheidung den Freitod zu suchen umkreist; die Nacht in der die Schmerzen beendet werden sind der Angelpunkt auf den immer wieder in ganzen Kapiteln später sprunghaft in einzelnen Absätzen zurückgegriffen wird.

David beschreibt alles aus seiner Sicht, wie er zuerst malt und malte während Sara die Familie erhält, und alles organisiert. Er beschreibt die Farben die er sieht und die Formen, die Flammen in seinem Inneren, den Rost der Fahrräder, Pfeilschwanzkrebse, Gischt und wie er sich müht diese auf großformartigen Bildern abzubilden, die sich zum Glück für die Familie gut umsetzen.

Die Familie besteht aus Jacobo der den Unfall hatte, seine Physiotherapeutin und dann Freundin Venus, Bruder Pablo der Photograph wird und der jüngste Arturo der um die Zeit des Freitodes eine flippige junge Freundin namens Amber hat. Ergänzt wird die Familie von Kater Cristobál und Pagagei Sparky. David und Sara finden Freunde, die sie ihr ganzes Leben begleiten, und auch in der Nacht beistehen.

Schön sind die spanischen Ausdrücke, die immer wieder in der deutschen Übersetzung gebracht werden: 'chontaduros' (Süßigkeit), 'Macho sapiens' (etwas böse), 'Pielroja' (ist das eine spezielle Zigarette ohne Zusätze), 'Aguardiente' (kolumbianischer Schnaps aus Anis und Zuckerrohr) bis 'Envigado' (grüne Ausläufer von Medellín).

Der Roman ist nicht so schnell lesbar, weil die Beschreibungen schöne Bilder im Kopf machen und weil die Hoffnung und Angst um den Freitod wie ein Bumerang immer wieder kommen bis ein Schlußstrich kommt. Ein eindrücklicher starker Roman, den ich sehr genossen habe. Viel Freude beim Lesen !

Tomás González wurde am 18. März 1950 in Medellín / Kolumbien geboren. Er studierte Philosophie in Kolumbien, arbeitete hinter einer Bar, betrieb in Miami eine Fahrradwerkstatt, war Journalist und Übersetzter in New York und schrieb Gedichte, Erzählungen und Romane. 2002 kehrte er nach Kolumbien zurück und lebte acht Jahre lang in Chia, einem Städtchen an der Stadtgrenze von Bogotá. Heute lebt er nördlich der kolumbianischen Hauptstadt im Department Cundinamarca.
Sein erstes veröffentlichtes Buch ist 'Primero estaba el mar' in 1983, das auf deutsch 2010 beim Fischer Taschenbuch Verlag erschien.