Posts mit dem Label Erinnerungen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Erinnerungen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 5. Februar 2020

Barbara Büchner : "Basiliskenmord"

Barbara Büchner :
"Basiliskenmord"
2015, emons verlag
182 Seiten + 2 Seiten Glossar (wienerisch und Wien Geographie)
ISBN 978-3-95451-712-1

Ein prominenter arroganter Psychiater wird ermordet, mit geschlitzer Zunge und mit Text beschrieben aufgefunden. Später fällt ein charismatischer Psychotherapeut ebenfalls ermordet als Rabenfutter aus den Bäumen, wieder mit geschlitzter Zunge. Die Kommissarin sucht mit ihrer Hilfe und der eines arroganten Profilers und meint den Täter in dem Pathologen Benesch gefunden zu haben. Als ein psychiatrischer Amtsarzt ermordet gefunden wird, beginnt sich die Ermittlungsspirale rascher zu drehen. Am Schluß werden noch einige Rechnungen beglichen, bevor das Kanalnetz Wiens seine Pforten öffnet.

Der Kriminalroman ist gut und zwischendurch schön böse geschrieben. Pathologie, trockene Witze, Internetforen in denen verbal Dampf abgelassen wird, Menschen die Spielball machtbesessener Psychiater/Psychologen/Psychotherapeuten waren, werden durchmischt.
Die Kapitel werden aus Sicht der Kommissarin, des Pathologen, eines Wärters in Steinhof (Irrenhaus), der Tatortreinigerin Charlie, einem wunderschönem Opfer eines Verkehrsunfall, und eines Patienten geschildert. Charlie führt einen Blogg, der im Text in anderem Font ersichtlich ist.

Die Orte in Wien von Pathologie, über Gärten im 16. Bezirk, dem BKA bei der Spittelau, und andere mehr sind gut erkennbar.
Die Kommissarin ist selbst-kritisch und zielbewußt, der Profiler als glatter wiederlicher Mensche, der Pathologe als gutmütiger großer Bär, Charlie als üppige begeisterungsfähige Frau, Tilde als behinderte klar denkene schöne Frau, eine Witwe ist ein blondes Gift geschildert . 'runnig gag' ist eine kurvige Frau die im schönstem Amtsdeutsch nur als weiblicher Kriminalbeamter / w. Krb. doch ein wichtiges Puzzlestück aus einem widerlichen Gesprächgegenüber entlockt.

Die Schilderungen von arroganten und selbstherrlichen Auswüchsen in der Branche der Psychiater/Psychotherapeuten liest sich zwar sehr unterhaltsam, die seelischen Schäden an den Klienten/Patienten und deren vorstellbare Wut ist weniger witzig.

Ich habe mich beim Lesen köstlich unterhalten und öfters laut auflachen müssen. Der schwarze Humor blitzt durch, und ist zugunsten der Geschichte nicht immer vorhanden.
Gute Unterhaltung beim Lesen !!  

Barbara Büchner wurde am 1. Februar 1950 in Wien geboren. Sie war Journalistin, bevor sie sich ihrem eigentlichen Wunsch dem Schrfitstellern widmete. Sie ist für Kinder- und Jugendbücher, Horro- udn Fantasyromane bekannt. Mittlerweile sind über 50 Bücher von ihr erschienen.

Samstag, 2. September 2017

Michail Gorbatschow : "Das neue Russland: Der Umbruch und das System Putin"

Michail Gorbatschow
"Das neue Russland: Der Umbruch und das System Putin"
original "Posle Kremlja"
2015, Bastei Lübbe (Quadriga)
Übersetzer : Boris Reitschuster
514 Seiten + 5 Seiten Inhaltsverzeichnis + 9 Seiten 'Gedanken über mich' + 6 Seiten Anhang + 7 Seiten Personenregister + 9 Seiten Anmerkungen (Fußnoten)
ISBN 978-3-869950822

In diesem dicken gescheiten Buch mit vielen herausfordernden Überlegungen erzählt einer der wichtigsten Politiker des 20. Jahrhunderts über 25 Jahre Rußland. Er geht etwas auf die verkrusteten Strukturen ein bevor es ihm gelang Rußland zu öffnen, und erzählt dann im 1. Kapitel die Zeit der 90-er Jahre mit dem Elend der Bevölkerung und den Fehlern Präsident Boris Jelzins, im 2. Kapitel die Nuller-Jahre des 21. Jahrhunderts inkl. Wirtschaftskrise und dann im 3. Kapitel die Chancen, die Gefahren und die Fehler in Rußland und der Welt und räsoniert über Punkte die ihm in der Welt wichtig sind.

Am Anfang beschreibt er wie man innenpolitisch mit ihm nach dem Präsidentenwechsle 1991 umgegangen ist, wie grob wie abweisend plötzlich viele Menschen und Organisationen waren - er konnte sich nur seine Position als Meinung halten weil er und seine Organisationen zu bekannt waren.
Er blickt auf die Jahre der Perestroika zurück und auf viele Gespräche mit anderen hochkarätigen Politikern in USA, Deutschland und anderen großen Staaten der Welt.

Wie er über Wladimir Wladimirowitsch Putin schreibt ist faszinierend zu lesen. Er bemüht sich um Sachlichkeit und versucht das Positive und Negative abzuwägen. Im dritten Abschnitt findet er nichts mehr Positives zu schreiben. Die Schwachheit von Präsident Boris Nikolajewitsch Jelzin nennt er allerdings klar.

Viele Themen und Fragestellungen werden angesprochen - u.a. :
Frage ob zuerst Reformen laufen sollen und erst dann die Meinungsfreiheit forciert gehört , weil gleichzeitiges die Menschen überfordert ?
was ist für ihn Sozialismus ?
wie wichtig ist Demokratie (vorneweg : es geht nicht ohne)
Gefahren und Chancen der Globalisierung
Seine Sorgen um die Ukraine (ein Elternteil waren Raissa Maximowna Gorbatschowa war aus der Ukraine)
Syrien ist 2015 bei Drucklegung bereits Thema aber noch nicht mit der derzeitigen politischen und menschlichen Tragweite.

Seine Definition von Nationalismus - er meinte aber hier den russischen - ist sehr eigen.
Irritierend ist, daß für ihn Rußland zu Europa gehört, und daß es für ihn erschreckend ist, daß dies Europäer anders sehen.
Wie er China einschätzt ist vollkommen anders als man gewohnt ist zu Lesen.

Das Buch ist nicht einfach zu lesen, weil es viel zitiert wird aus Gesprächen, aus Veröffentlichungen und diese mit anderen Fonts, Absätzen gekennzeichnet sind, was das einfache Lesen herausfordert.

Ich habe mit vielen Unterbrechungen von anderen Büchern fast eineinhalb Jahre an dem Buch gelesen und es hat mich immer fasziniert. Meine Umgebung hat es meist abgekommen wenn ich wieder 10 oder 15 Seiten gelesen hatte und darüber erzählen mußte, weil es hochinteressant - aber kompakt - ist.

In Summe ein faszinierendes Buch über Politik, Demokratie, Meinungsfreiheit das nicht so leicht losläßt und öfters gelesen werden sollte !

Michail Sergejewitsch Gorbatschow wurde am 2. März 1931 in Priwolnoje / Region Stawropol / UdSSR geboren.  Er war von März 1985 bis August 1991 Generalsekretär der KPdSU und von März 1990 bis Dezember 1991 Präsident der Sowjetunion. Er leitete 'Glasnost' (steht für Öffnung und Kommunikation mit den Menschen) und 'Perestroika' (steht für Umbau des politischen, wirtschaftlichen Systems) ein, und beendete den Kalten Krieg mit den USA.
Boris Reitschuster wurde a. 12. Mai 1971 in Augsburg geboren. Er war als Journalisten lange in Rußland tätig und ist auch Sachbuchautor.

Samstag, 17. September 2016

Gaito Gasdanow : "Die Rückkehr des Buddha"

Gaito Gasdanow :
"Die Rückkehr des Buddha"
Roman
original "Возвращение Будды"
1950, in der russischen Literaturzeitschrift 'The New Review', NY
übersetzt aus dem Russischen, mit einem Nachwort von Rosemarie Tietze
2016, Hanser Verlag
208 Seiten und 5 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-446-25047-5

Der Roman spielt in Paris in den frühen 20-jahren des 20. Jahrhunderts. Ein junger Mann der geschichtliches recherchiert taucht immer wieder in eine Traumwelt ab, spendiert einem Bettler einen Geldschein, trifft Pawel Alexandrowitsch /den Bettler wieder, wird des Mordes an ihm verdächtigt und auf Grund des Diebstahls einer kleinen goldenen Buddha-statue, die der Mörder zuerst genutzt hatte und dann gestohlen hatte, von dem Vorwurf des Mordes befreit.

Der "ich" des Buches erzählt anfangs von seinem traumatischen Sterben in den Bergen, was allerdings nur im Kopf stattfindet.
Paris wird viel im Nebel, in Grau und in Elendsviertel geschildert. Die Freundin Pawels Lina, die unglücklich in einen groben Mann aus dem Orient verliebt ist und gewohnt ist ihren Körper zu verkaufen, wird als eigenartige Mischung aus schön, lasziv, kalt, leidenschaftlich bis schlammig geschildert. Pawel selbst ist ein belesener Mensch, nur durch sein Glück an Geld kam. Der Erzähler erzählt auch von einem Schnorrer, der seine große Liebe eine nicht echte Gräfin nicht vergessen kann und vor und nach einer Erzählung immer auf sie zurückkommt. Auch andere Figuren in dem Roman sind zwar für die Erzählung nicht notwendig aber gut gezeichnet und gut vorstellbar.
Die Menschen sind entweder russisch - französisch, oder Franzosen, oder aus einem Gemisch aus Europa und dem Orient um das Atlasgebirge.

Die Bruchstücke die französisch geschrieben sind, sind erfreulicherweise übersetzt, und bleibt nicht als Leser/Leserin dem Rätseln überlassen (oder der Suche nach Vokabeln).

Der Stil des Buches ist gemessen. Es herrscht keine Eile. es gibt immer wieder schöne Beschreibungen wie : ' unisono irgendwelchen musikalischen Müll zu singen', 'undefinierbaren Seelennebel', 'deren Haltlosigkeit sich erst danach herausstellte und nur darum, weil er sich mit dem Sterben verspätet hatte' etc.

Ich habe länger an den Buch gelesen, und konnte es nicht in einem Rutsch durchlesen, weil mich die Sprache bremste. Es ist ein Buch das ich wieder lesen werde ! Viel Freude auch anderen beim Lesen !

Gaito Gasdanow (eigentlich Georgi Iwanowitsch Gasdanow), wurde am 23, Nov (jul Kal)/6. Dezember (greg. Kal) 1903 in St. Petersburg geboren und ist am 4. Dezember 1971 in München gestorben. Da sein Vater Forstbeamter war wurde er als Kind oft mit der Familie versetzt. Er kämpft ab 1919 auf Seite der Weißen Arme. Als Flüchtling nach der Niederlage reist er über Türkei und Bulgarien an Paris, wo er viele unterschiedliche Beschäftigungen hatte und an der Sorbonne Vorlesungen zuhörte. Er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Während des zweiten Weltkrieges war er in der Resistance. Ab 1952 berichtete er als Journalist unter dem Pseudonym „Georgij Tscherkassow“ über das Pariser Kulturleben. Ab 1954 bis  berichtete er zuerst aus München, dann Paris, und wieder München bis zu seinem Tod. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Als wichtigstes Buch gilt "Das Phantom des Alexander Wolf " (Призрак Александра Вольфа, 1948).

Samstag, 27. August 2016

Kirk Delaney : "Life Changing Money"

Kirk Delaney
"Life Changing Money: A Harry Beckett Private Eye Novel"
Dateigröße: 646 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 201 Seiten
Sprache: Englisch
ASIN: B00T0NIU14

In diesem Roman werden einige Themen und Handlungsstränge angerissen, manche weitergespielt, während andere Nebenlinien sind.
Harry Becket, der von seinem Vater aufgezogen wurde, kommt als Landei an die amerikanische Küste nach San Francisco, wird von einem Schlitzohr aufgenommen dem er quasi als Detektiv hilft, er kämpft als Marine in Korea und lernt dort seinen guten verläßlichen Freund Charnett Washington (genannt Wash) kennen. Nach dem Krieg versucht sich Becket als Boxer, mit Wash als Coach. Zu dieser Zeit geht ein Geheimnis umwittertes U-boot in San Francisco unter - die Leviatan, die mit futuristischen Tesla-Logik angetrieben wurde. Die beiden Detektive versuchen dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, was Wash das Leben kostet. Jahre später hat sich Harry komplett in die Recherche verzettelt, er kommt einigen grausamen Morden auf die Spur, und hat Glück daß ihm nicht mehr als öfter zusammengeprügelt zu werden passiert. Im Showdown gegen den Bösewicht sind dann zuerst drei Frauen, dann die Wangs und auch die guten Cops an seiner Seite. Ende gut, Agentur läuft ab nun gut.

Als Nebengeschichten werden geschildert:
Harry Beckets Leben bei seinem Vater inkl. einer wilden Geschichte, bei denen er einem Sheriff hilft in den Rocky Mountains Gefängnisausbrecher zu erledigen.
Charlie Wangs Leben in Asien bei den Mönchen, deren Werten, deren Art zu überleben und wie er es zu einem Schiffimperium brachte; faszinierend ist wie er manches in Amerika anpaßt und bei welchen Punkten er sich lieber nicht anpassen möchte.
Die Ideen von Nikola Tesla, der vorauseilend geniale Ideen im Bereich der Elektrotechnik gehabt haben dürfte, aber kein Geschäftsmann gewesen sein dürfte und sich mit Edison überwarf. Das Leben in einem U-boot und welche Befehlsketten beachtet werden müssen und wie die Rettungsaktionen ablaufen sollten.
Tibbidoe-s Imperium mit Bordellen, Kaschemmen und korrupten Polizisten.

Die Geschichte ist ein Gemisch aus der Coolness von Mike Hammer, alten Matrosenfilmen mit vielen Raufszenen, ein wenig Bogarth und Raymond Chandler als B-movie; auch eine schöne Frau namens Jasmine gibt es, die singt und Becket in ziemlich verrückte Lokale bringt, sowie die treue ex-Mitarbeiterin Dandy die ihn wiederholt zusammenklaubt.
Der Roman wird soweit es Harry Becket betrifft in Ich-form erzählt, weshalb der Leser/die Leserin an den Schlägen die er einsteckt und Bewegungen im Showdown einiges mitbekommt.

Die Sprache ist tw. sehr umgangssprachlich (z.b. 'kraut' für Polizisten) und ich mußte einiges nachrecherchieren. Manche Vokabel sind gar nicht recherchierbar, sondern kann sich der Leser/die Leserin nur zusammenreimen.

Ich habe länger an dem Buch gelesen, weil diese Art Englisch für mich ungewohnt war, und weil die Handlungsstränge manchmal nicht einfach zusammengehängt sind, oder eben nicht.

Über Kirk Delany habe ich nur herausgefunden, daß er oder sie in Wellesly Hills, Massachuttes (USA) leben könnte.

Dienstag, 4. März 2014

Barbara Frischmuth : "Woher wir kommen"

Barbara Frischmuth :
"Woher wir kommen"
2013, Aufbau Verlag GbmH & Co KG Berlin
362 Seiten
ISBN 978-3-351-3508-2

In diesem beeindruckenden Buch beschreibt die Literatin und Orientkennerin mit wunderschöner Sprache das Leben dreier Generationen in zumindest zwei verschiedenen Welten.

Ada, Martha und Lilofee sind die drei Frauen deren Leben beschrieben wird. Ada wird 30 und steht knapp vor ihrem künstlerischen Durchbruch. Martha, ihre Mutter, hat sie und ihren Zwillingsbruder nach dem Bergtod ihres Mannes Robin am Ararat zurück zu ihrer Mutter ins Auseerland gebracht. Martha ist Nichte von Lilofee - die Tochter ihrer Schwester Pia die mit ihrem Ehemann bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Lilofee ist/war die ältere gescheitere Tochter eines angesehenen Kunstprofessors, die in der Kriegszeit einem entflohenen Häftling geholfen hatte - was Probleme für die beiden nach sich gezogen hatte.

Orte des Geschehens sind das Salzkammergut mit den Bergen, den kleinlichen Strukturen des Dorfes, und den Seen. Hier taucht Adas Jugendliebe Jonas wieder auf - als Vater von drei Kindern.
Der städtische Gegenpol ist Istanbul. Hier hat Martha mit Ehemann und Zwillingen gelebt und das Leben in ihrem Viertel mit Läden, verschiedenen  genossen. Zeitlich ist das die Jahrzehnt der 80-er Jahre. Martha hat noch eine gute Freundin aus der Zeit, deren Mann gemeinsam mit ihrem Mann auf dem Berg geblieben war. Da beide Journalisten in einer bewegten Zeit gewesen waren, sind die Gerüchte um politischen Tod nie ganz verstummt.

Die drei Frauen sind stark und gestalten ihr Leben. Lilofee arbeitet durch ihre Englischkenntnisse bei einem Anwalt und macht später in der ehemals elterlichen Villa eine Schank auf. Martha baut das Haus um und macht ein beliebtes Gasthaus daraus. Auch Ada geht ihren Weg.

Besonders gut haben mit die Schilderungen von Kunst und Kunstschaffen gefallen. Wie Ada ihre Kunstwerke entwickelt, überarbeitet, hinterfragt und überdenkt fand ich faszinierend. Ihr Zwillingsbruder lebt seine künstlerische Ader als Galerist aus.
Photographien von Blossfeldt haben die junge Frau als Kind inspiriert. Umgekehrt zeigt Martha ihrer Tante Lilofee als sie das einzige Mal nach Istanbul kommt Werke des mutmaßlichen Künstlers Mehmed Siyah Qualem (so geschrieben wie er im Buch steht; es dürfte viele Schreibweisen geben). Von seiner Vita ist wenig bis nichts bekannt, nur seine Werke faszinieren noch immer.

Geschichtlich wird die Nazizeit, Nachkriegszeit und die Jetztzeit in Österreich beschrieben. Sie läßt in Fragen Platz warum manches aufgearbeitet wurde, über manches rechtzeitig gesprochen wurde und es bei manchem zu spät ist darüber zu sprechen, weil manche die man noch hätte fragen können nicht mehr da sind, und dafür die Gerüchteküche blüht.
In Istanbul wird die Zeit der 80-er Jahre reflektiert - das Aufkommen der Kurdenthematik, der Zuzug in die Hauptstadt aus dem Land, der Verfall und die Enge einzelner beliebter Stadtviertel zugunsten von Reihenhäusern außerhalb der Stadt und die Unsicherheit durch Bomben und Terrormöglichkeit.

Zwei Phrasen haben mich irritiert, denn 'nach draußen gehen' und 'hoch gehen' sind für mich keine österreichischen Formulierungen, sondern eher deutsch. Ich laße mich aber gerne anders belehren.

Ich habe das Buch sehr genossen und sehr konzentriert die schöne Sprache, die Formulierungen und Gedankenwelten verfolgt. Dieses Vergnügen wünsche ich allen Leserinnen & Lesern !

Barbara Frischmuth wurde am 5 Juli 1941 in Altausee (Steiermark) geboren. Sie studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und ist jetzt freie Schriftstellerin. sie arbeitete einige Zeit als Übersetzerin. 1968 erschien ihr erstes Buch "Die Klosterschule". Sie schrieb Romane, Kinderbücher, Theaterstücke, Hörspiele und Filmdrehbücher und hat viele wichtige Preise erhalten.

Freitag, 4. Oktober 2013

Betina Gonzàlez : "Nach allen Regeln der Kunst"

Betina Gonzàlez : "Nach allen Regeln der Kunst"
Roman
original "Arte Menor"
2006, Alfaguara Argentina
Aus dem spanischen von Hanna Grzimek
2010, Hoffmann und Campe
182 Seiten
ISBN 978-3-455-40156-1

Zitate aus 'Rayuela' wurde entnommen : Julio Cortazar 'Rayuela, Himmel und Hölle', 1996 Frankfurt a Mainz; aus dem argentinischen Spanisch von Fritz Rudolf Fries.

Der Bildhauer Fabio Gemelli kommt bei einem Autounfall ums Leben. Eine seiner mittlerweile erwachsenen Töchter Claudia (Claudita) sucht Kontakte um den selten vorhandenen Vater als Mensch endlich kennenzulernen. Ihre Mutter Susana hat immer nur über ihn geschimpft. Ihre Schwester Florencia (Flor) interessiert sich nicht dafür. Ihr Freund Julián ist skeptisch, läßt sie tun.

Gemelli galt als für Frauen faszinierend. Zuerst erzählt die ehemalige Balletttänzerin des Colón über ihre Zeit mit ihm. Nina Vázquez erzählt vom Zauber, von seinen Geschichten aber auch politischen Kontakten. Graciela Luján kannte ihn aus Zeichenkursen, lebte lange mit ihm zusammen, erzählt von Auftragswerken und Wettbewerben im Ausland. Ein eigenartiger Freund, und Astrologe, erzählt der suchenden Tochter schließlich von Lilian (Lilí) Fiore. Die arrogante Tochter eines anerkannten Bildhauers wollte ihm teilweise helfen und fördern. Sie störten seine Frauengeschichten mehr als alle anderen. Und sie wußte, daß die Auftragsarbeiten und Wettbewerbe im Ausland nur Lüge waren, damit der Bildhauer seine Ruhe hatte. Letztendlich findet Claudia eine Statue ihres Vaters.

In dem Buch ist die Geschichte Argentiniens als Hintergrund vorhanden. Die Zeit Mitte der 70-er hatte einige für Auslandsaufenthalt genutzt und waren mit der Demokratie wieder ins Land gekommen.
Der Ort der Handlung ist Buenos Aires, in dem Claudia mit Bus, Zug, Taxi durch die verschiedensten Gegenden fährt und Reihenhäuser, Wohnungen, billige Einkaufszonen etc. besucht.

Claudia die Hauptperson wird als rundliche Frau geschildert, die die Geschichten annimmt und ihren Erinnerungen vergleicht. Zuerst bleibt sie an Geschichten kleben, bis zur Statue kommt, und keine weiteren Reminiszenzen mehr braucht.
Der bildhauernde Vater wird als zwar schöpferischer, aber nicht genialer Künstler spürbar. Er versagt - keine seiner großartigen Geschichten (oder die der Geliebten) stimmen. Nur einige Erinnerungsstücke bleiben.
Die Ballettänzerin Nina ist mit Ballett, und ihrer Verliebtheit für Gemelli spürbar. Wenn sie beschreibt wie sie ihr arrogantestes Gesicht macht, um nicht angesprochen zu werden, ist sie gut vorstellbar. Als der Zauber zu Gemelli zerbricht, ist die Beziehung dahin.
Graciela, die Kunststudentin aus dem Malkurs, ist als normale Frau die normales Leben lebt geschildert. Sie hat den Mann den sie will bekommen - Gemelli. Als es nicht mehr geht, trennen sie sich wortlos.
Lilian, von der die Tochter am meisten erwartet hatte und wußte, daß sie spitze Bemerkungen austeilt, versucht sich wiederholt als Mäzenin. Sie heiratet nach Gemellis Tod den erstbesten Verehrer.

Das Buch mußte ich konzentriert lesen. Es sind viele kleine Schönheiten in Wortwahl, Sprache und Assoziationen verwendet, die etwas Zeit zum Sickern brauchen.

In Summe ein empfehlenswertes Buch, das es wert ist konzentriert und langsam gelesen zu werden, auch wenn die Geschichte der Suche nach dem Bild des Vaters nicht einfach ist.

Betína González wurde 1972 in Buenos Aires geboren. Sie studierte Comunicacíon Social und arbeitet als Forscherin und Vortragende an der Universität. 2003 übersiedelte sie nach Texas um sich im Kurs Creatives schreiben weiterzubilden. 2012 hat sie den Doktortitel über lateinamerikanische Literatur an der Uni in Pittsburgh erhalten. Nach "Arte Menor" hat sie das Buch "Juegos de Playa" 2008 veröffentlicht, dem Kurzgeschichten und Novellen zusammengefaßt wurden. 2013 erschien "Las poseídas", ein Roman.

Dienstag, 14. Juni 2011

Ruth Rybarski (Herausgeberin) : "Katze liebt Frau liebt Katze"

"Katze liebt Frau liebt Katze"
Literarische Streicheleinheiten aufgelesen von Ruth Rybarski
226 Seiten
4 Seiten Überblick über die Autorinnen
2011, Residenz Verlag

23 Erzählungen und ein Gedicht zum Thema Katze hat Frau Rybarski bei Schriftstellerinnen und Journalistinnen erfragt und geliefert bekommen. Die Geschichten sind unterschiedlich lange (oder kurz), humorvoll - liebevoll - skeptisch - skurril - abenteuerlich - spannend (manche auch überraschend fad).

Meine Lieblingsgeschichte ist von Emmy Werner (ja ! der ehemaligen Volkstheaterdirektorin), in der die Katze der Geschichte allergisch auf den Menschen wird.
Skurril und humorvoll ist die kurze Geschichte in der Silke Hassler beschreibt wie sie dabei ist sich in eine Katze zu verwandeln, sich für Katzenfutter zu interessieren und zum Eigenschutz mit der Geschichte aufhört.
Fast gespenstisch ist die Geschichte von Linda Stift, in der sie eine mechanische Katze schildert.

Weitere Geschichten die mir sehr gut gefallen haben sind von Luisa Francia, Julia Franck, und Susanne Scholl.

Die Geschichten sind tw. von der Liebe zu Katzen geschrieben, in denen ich das Gefühl hatte die Autorin hat sich mit dem Wesen der Katzen beschäftigt und von ihrer Grazie und Arroganz um den Finger winkeln lassen. Andere Geschichten sind sehr skurrill und schildern Katzenkämpfe oder Katzenwelten.

Auf dem Cover ist eine sehr nette Katze gezeichnet, deren Körper ein Herz ist. Das Vorwort ist für mich fast eine Liebeserkärung an 'die Katze'. Wer Katzenfan ist wird das Buch sicher genießen - miau ;-)

Das Inhaltsverzeichnis:
Ruth Rybarski : Vorwort
Ingrid Noll : Alles für die Katz
Kathrin Schmidt : Heisser Brei
Christine Haiden : Katz oder Maus ?
Luisa Francia : Die Zauberin
Silke Hassler : Eine Absage
Andrea Maria Dusl : Die Katze des Wahnsinns
Julia Franck : Die Schöne aus Siam im kalten Norden
Ruth Klüger : Cats
Anna Mitgutsch : Wahlverwandtschaften und Todfeindschaften
Andrea Grill : Max
Polly Adler : Bei Doctor Mouse
Mieze Medusa : Miu Miu Miau Miau
Jutta Winklemann und Gisela Getty : Unter dem Cherrybaum
Christine Kaufmann : Kat Zen
Julia Kospach : Der ruhige Genuss des Dekorativen
Lilo Wanders : Onken
Eva Menasse : Ich hasse Katzen
Elisabeth Reichart : Minos von Kreta
Susanne Scholl : Das Familienoberhaupt
Clarissa Stadler : Ivans Rache
Linda Stift : Mary
Emmy Werner : Katzenallergie
Erika Wimmer : Katzen, keine Jammer
Petra Hartlieb : Das Lächeln der Siegerin

Sonntag, 26. September 2010

Ana Menéndez : "Damals in Kuba"


Ana Menéndez :
"Damals in Kuba"
original "In Cuba I was a German Shepherd"
bei Gove Atlantic, NY 1997
aus dem Amerikanischen von Barbara Schaden
2001 Karl Blessing Verlag
220 Seiten
3 Seiten Glossar kubanisch - deutsch
ISBN 3-89667-140-5

Erzählungen:
* In Kuba war ich Schäferhund (27 Seiten)
* Hurrikangeschichten (15 Seiten)
* Die perfekte Frucht (24 Seiten)
* Warum wir gegangen sind (14 Seiten)
* Geschichte eines Papageis ( Seiten)
* Verwechselte Heilige (20 Seiten)
* Baseballträume (18 Seiten)
* Die letzte Rettung (19 Seiten)
* Verwandtschaft in Miami (14 Seiten)
* Das Fest (20 Seiten)
* Das Haus ihrer Mutter ( 25 Seiten)

Die Autorin ist Tochter von Kubanern, die aus Kuba ausgewandert sind, und ihre Geschichten über Menschen die aus Kuba nach Miami etc. gekommen sind, in sehr schöner dichter, manchmal skurriler Weise schreibt.

In "in Kuba war ich Schäferhund" sind die Protagonisten 4 Männer, die gemeinsam Domino spielen und sich Witze erzählen. 2 Männer sind aus Kuba, 2 aus der Dominikanischen Republik. Für Amerikaner sind diese Domino spielenden älteren Herren beliebte Photomotive, was sich die Herren an einem Weihnachtsabend verbieten.

In "Die perfekte Frucht" kocht die Dame das Hauses 3 Tage lang nur Banenen ein, macht Bananenschnitten, Bananenfrapees etc. um die Seitensprünge ihres Ehemannes zu überwinden und um ihm ihre Liebe zu zeigen. Die Geschichte und die Besessenheit des Banenenverwertens war etwas gespenstisch.

"Warum wir gegangen sind" hat mich in den Bann gezogen. Der Mann vergräbt sich in Münzen zählen und die Frau sieht im schneebedeckten Teil der USA Birken mit Hibiskusblüten, dann kommen auch blaue Blüten. Das Paar war aus dem warmen Miami weggezogen, um den Tod ihres Kindes zu überwinden. Am Schluß versinkt die Frau in ihren Träumen von Wärme und blühenden Bäumen im realen tiefen Schnee, und der Mann kann sie nicht mehr zurückholen (?).

In "Geschichte eines Papageis" weckt der Besuch einen wunderschönen bunten Papageis bei einem frustrierten Ehepaar mittleren Alters, die Lebenslust der schönen Frau und sie beginnt wieder an ihre Träume und Kraft etwas umzusetzen zu glauben.

In "Verwechselte Heilige" wartet eine Amerikanerin kubanischen Ursprung auf das illegale Einwandern ihres Ehemanns. Freunde und Familie deuten an, daß sie (möglicherweise) nur geheiratet wurde, damit ihr Ehemann einen Aufenthaltsgrund hat. Er ertrinkt beim Fluchversuch. Ein Überlebender der Flüchtlingsgruppe des Tages zuvor kommt um die Nachricht zu bringen, und gesteht, daß er einen Brief und eine Schnitzerei leider verloren hat - - der Ehemann hat seine (für andere) unschöne Frau geliebt.

Die verrückteste Geschichte war für mich "Verwandschaft im Miami" bei der dem Großvater ein Radio aus dem Ohr wächst und die Antennen im Wind tanzen, die Großmutter im Baum sitzt und sich mit den Zehen festkrallt, Tante Julia Menschen beißt, aber alle auf Info von Onkel aus Kuba warten. In fast jedem Absatz werden verrückte Bilder gemacht, von denen das für mich verrückteste "das Haus füllt sich mit purpurnen Haien" ist.
Ein anderer schöner Satz : "Das wahre Kunststück im Leben besteht darin, für die Traurigkeit einen rosaroten Namen zu finden" (Seite 163)

In "Das Fest" warten viele Menschen bei einer Party auf einen ehemaligen Freund, einen ehemaligen Mächtigen von Kuba von dem die einen als "El Aleman" (weil er so groß und blond war) sprechen, aber auch einige als Mörder bezeichnen, weil er manche Probleme parteifreundlich regelte.

Im "Haus ihrer Mutter" entdeckt eine erfolgreiche Redakteurin, zweite Generation in Miami, daß die Erzählungen ihrer Eltern und v.a. ihrer Mutter über das Haus, die gesellschaftliche Stellung, das Ansehen das sie erzählte erlebt zu haben, nur Phantasie ist. Aber sie wird von Menschen erwartet, die hoffen, daß sie doch wieder zurück nach Kuba kommen wird - was nie sein wird. Detail, das mir in der Geschichte gut gefiel, war, daß der Eheman der Redakteurin jedes Tag zum Frühstückstoast ein selbstverfaßtes Gedicht gelegt hat.

Die Geschichten sind unterschiedlich faszinierend, evozieren unterschiedliche Bilder in mir. Manche habe ich dreimal gelesen, weil mich die bunten, fast papageienhaften, Farben und Assoziationen angesprochen haben und auch unter die Haut gingen.
Ich wünsche auch anderen Lesern viel Freude beim Lesen und Genuß bei den teilweise griffig und angreifbar beschriebenen Menschen, Familien und Pflanzen.