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Mittwoch, 30. September 2020

Friedrich Glauser : "Wachtmeister Studer"

Friedrich Glauser :
"Wachtmeister Studer"
erstmals 1936 als Fortsetzungsgeschichte erschienen, 1955 erstmals als Roman
Dateigröße :
541 KB

Seitenzahl der Print-Ausgabe : 238 Seiten
ASIN :
B00ANU7MRG
ISBN-Quelle für Seitenzahl : 3955844013

In dem Roman geht es um "Schlumpf Erwin Mord"

Fahnderwachtmeister Studer muß kurz vor der Pensionsionierung den jungen Erwin Schlumopf in Gefängnis bringen, weil er verdächtigt wird als ehemaliger Häftling Wendlin Witschi ermordet zu haben soll, um an die Tochter zu kommen. Für das Dorf und die Nachbarn wäre dies die ideale Lösung, aber Studer quartiert sich in Gerzenstein ein, und hört sich um. Er lernt die schüchterne Sonja kennen, die versucht zu Erwin zu halten. In der Baumschule arbeiten viele ex-Häftlinge wie Erwin, die unterhaltenderweise in einer Jazzband auftreten. Baumschulenbesitzer Gottlieb Ellenberger wirkt zwielichtig. Gemeindepräsident Emil Aeschbacher ist aalglatt, und redet je nach gegenüber swyzerdütsch, hochdeutsch und französisch. Studer deckt auf, daß die Familie des Toten Witschi massive Geldprobleme hatte und ein Versicherungsbetrug versucht wurde, bei dem der Tote starb. Diese offizielle Lösung gefällt Studer nicht, und ermittelt weiter erfolgreich, und landet im Krankenhaus.

Der Roman ist langsam geschrieben. Gemählich werden Abendessen beschrieben, das Verhalten der Menschen im Gasthaus, die kleinen Gesprächsstrukturen aus denen sich Sehnsüchte und Nebengeschichten entwickeln. 

Kleine Details aus dem Swyzerdütsch sind unterhaltsam, vor allem wenn man sie sich beim Lesen gesprochen vorstellt. 

Vorbild der Figur Studer ist Maigret, der genauso stoisch arbeitet.
Der Ort der Handlung ist erfunden.

Die vielen zusätzlichen Personen des Romans werden mit Feingefühl und Verschiedenartigkeit geschildert. Es gibt den selbstgefälligen Untersuchungsrichter, den dummen Gefängnisaufseher, die halbunglücklich verliebte Serviererin im Gasthaus, der etwas protzige Lehrer

In dem Roman ist autobiographisches hineingearbeitet wie ein Selbstmordversuch, einige Typen aus dem Gefängnis und deren Probleme beim Wiedereingliedern in das normale Leben, und Verschlagenheit einiger Menschen aus der Fremdenlegion.

Mich hat dieser Kriminalroman interessiert, weil der Autor zu den Meilensteinen der Kriminalliteratur gezählt wird. Mitraten des Who-dunnit ist möglich.

Der Stil und die Beschreibungen haben mich fasziniert. Mich hat der Roman und seine Wendungen in den Bann gezogen. Viel Freude beim Lesen !

Friedrich Charles Glauser wurde am 4. Februar 1896 in Wien geboren. Er war ein komplizierter Sohn, arbeitete in den unterschiedlichen Jobs, war bei der Fremdenlegion, Im Gefängnis, in psychiatrischen Einheiten, bis er spät als Schriftsteller Erfolg hatte. Drogenkonsum zog sich durch fast sein ganzes Leben. Er starb am 8 Dezember 1938 in Nervi bei Genua.

Donnerstag, 19. Dezember 2019

Georg Gracher : "Kiebitzjagd"

Georg Gracher :
"Kiebitzjagd"
Kriminalroman
2016, Emons Verlag GmbH
243 Seiten + 2 Seiten Glossar
ISBN 978-3-95451-971-2

In einem Seminar, das gestreßte Menschen wieder auf Ruhe und Besinnung bringen sollte, wird bei einem meditativen Spaziergang eine Frau getötet. Die Polizei entdeckt, daß einige Beteiligte nicht den Lebenslauf leben den sie angeben. Ein pädophiler Priester ist vorhanden, eine Drogensüchtige, Opfer und Täter eines dubiosen Handels mit Wertpapieren, und mindestens zwei Menschen sind gute Schauspieler. Leider gibt es noch einen Toten und zwei Menschen werden außer Gefecht gesetzt, bis einer der Polizisten einer Geheimdienstsache auf die Spur kommt.

Die Menschen, die hier in Ruhe und schöner Landschaft (Pinzgau) zusammentreffen, sind sehr unterschiedlich geschildert. Vor Ort ist der etwas überhebliche aber gescheite Jesuitenpater Franz Mayer, ihm zur Seite steht eine attraktive Schwester Elisabetta die energisch zupackt, der etwas unsympathische Bruder Nikodemus und eine alte Freundin vor Ort. Als Besucher kommen die verhärmte Bankfrau Fliegenschnee, die schöne aber unstete Journalistin Barzani, die unglückliche Ärztin Unbescheid, der überreizte Manager Rauner, der ewig besser wissende Headhunter Pökelschot, der junge Wirtschaftstreuhandanwärter Schatzmann und der ehemalige Vizebürgermeister Krautstingl. Als Polizisten werden der sehr attraktive aber kühle Inspektor Vogelsang sowie der große vierschrötige Major Redl, und später durchsetzungsfähige und ortskundige Major Jacobi den anderen Personen gegenübergestellt.
Ich habe beim Lesen die Personen immer wieder durcheinander gebracht, was aber der Spannung keinen Abbruch tat.

Das Gemisch aus Wirtschaftskriminalität, in die Pädophilie gemengt wird, später Drogen, bis alles in einer etwas eigenartigen Mischung aus Vatikan und Geheimpolizei endet. Mitraten des 'who dunnit' ist möglich. Viel Spaß beim Lesen.

Georg Gracher wurde 1949 in Bad Gastein geboren. Er unterrichtete Deutsch und Geschichte in Bad Hofgastein. In der Pension schreibt er Kriminalromane - als erster erschien 2009 der Alpenkrimi "Hahnbalz".

Dienstag, 7. Mai 2019

Karin Fossum : "Eine undankbare Frau"

Karin Fossum :
"Eine undankbare Frau"
Kriminalroman
original "Varsleren"
2009, Cappelen Damm, Oslo
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
2013, Berlin Verlag Taschenbuch
298 Seiten
ISBN 978-3-8333-0908-3

Böser Unfug erschüttert kleine selig erscheinende Familien in ihren Tiefen und mit langfristigen Folgen. Der vernachlässigte Jugendliche Johnny mit Alkohol süchtiger Mutter und liebendem unbeweglichen Großvater fährt mit seinem roten Motorrad durch die Gegend. Das Mädchen Else mit flammend roten Haaren fährt auf ihrem blauen Fahrrad ebenso durch die Gegend. Hunde attackieren einen Buben. Zwischen all diesem sind führen die Inspectoren Sejer und Jakob Skarre Gespräche. Ein der Täter der bösartigen Streiche ist nachher tot, ein anderer nicht. Es bleibt viel Wut und Hilflosigkeit übrig.

Die beiden Inspectoren Sejer und Jakob Skarre werden mit Freundlichkeit und Einfühlungsvermögen geschildert; beide machen keine Machtspiele. Bei Sejer wird auch Privates erzählt, indem es um seinen dunkelhäutigen Enkel geht der eine grandiose klassische Tänzerkarriere vor sich hat.
Johnny wird viel von Haß, Neid, Verachtung an die Adresse seiner Mutter und nur bißchen Liebe für den Großvater und Meerschweinchen/Hamster, die kuscheln, geschildert. Else bekommt seine Wut ab, was ihre starke und eigensinnige Persönlichkeit nicht gut triggern dürfte.
Mit Mitgefühl sind die kleinen Familien, die älteren Paare, tödlich Erkrankte geschildert, die durch die Bösartigkeit der Scherze die Zerbrechlichkeit und Unsicherheiten aufbrechen lassen.
Die alkoholabhängige Mutter ist mit ihrer Schwäche, Egoismus und Rücksichtslosigkeit gegenüber ihrem Buben sehr unsympathisch beschrieben.

Die Orte der Handlung sind kleine Ortschaften in Norwegen, mit guter oder schlechter Infrastruktur, Familienhäuser, am See oder auch mitten am Land.

Da ich mit dem deutschen Titel "Eine undankbare Frau" auf diese Geschichte bezogen Probleme hatte, habe ich etwas recherchiert wie der Titel in anderen Sprachen heißt. Leider konnte ich nicht herausbekommen, was der Originaltitel "Varsleren" eigentlich heißt. Auf Englisch heißt der Kriminalroman "The Caller"/'der Anrufer', auf französisch "L'Enfer commence maintenant"  / 'die Hölle beginnt hier' , auf italienisch "Al lupo al lupo"/'Hilfe, der Wolf ist da' und auf spanisch "Presagios"/ 'Omen' oder 'Vorzeichen'. Die Vielfalt der Titel ist faszinierend, weil offenbar jeder einen anderen Ansatz in dem Buch interessant findet.

Der Roman ist spannend geschrieben, aber er macht auf Grund der Tristesse von Johnny und der Hilflosifkeit vieler anderen in dem Buch beschriebener Menschen traurig.
Es findet viel unkörperliche Grausamkeit statt; die körperliche Gemeinheit tut auch beim Lesen weh.

In Summe ist es ein sehr empfehlenswerter Roman, der unter die Haut geht und länger nacharbeitet.

Karim Fossum wurde am 6. November 1954 in Sandefjord / Norwegen geboren. 1974 erschienen ihre ersten Gedichtbände und fuhr Taxi. 1990 veröffentlichte sie Kurzgeschichten. Die Kriminaromane mit Inspector Sejer mit Unterstützung von Inspector Jakob Skarre begannen 1995 mit 'Evas øye'; 2016 erschien der 13. Band.

Samstag, 30. März 2019

Reinhard Kaiser-Mühlecker : "Enteignung"

Reinhard Kaiser-Mühlecker :
"Enteignung"
Roman
2019, S. Fischer Verlag
218 Seiten
ISBN 978-3-10-397408-9

Ein Journalist mittleren Alters der viel Erfolg gehabt hatte, lebt im Haus der verstorbenen Tante, schreibt kleine Artikel und Glossen in einem Ortsblatt und fliegt zu Entspannung mit kleinen Flugzeugen. Weil ihm langweilig ist, rutscht er in eine erotische Beziehung mit der Lehrerin Ines. Durch einen Zeitungsartikel kommt er wieder mit einem Schulkollegen Flor in Kontakt und beginnt auf dessen Schweinebauernhof als Hilfskraft mitzuarbeiten. Die Frau des Bauern, Hemma, beginnt ihn zu faszinieren was zu geheimen Treffen führt, und er bemerkt, daß Flor ebenfalls eine geheime Beziehung mit Ines hat. Der Gemeindebedienstete Benam macht Flor Probleme, und Parker der Chefredakteur rutscht ins Burn out. Am Schluß gibt es zwei Tote, und der Ich-Journalist und Parker verlassen den Ort.

Die Geschichte wird aus Ich-sicht erzählt. Jan / Walter gleitet als Beobachter ohne emotionale Beteiligung oder Ziel durch das Leben. Ihn überrascht, daß er eifersüchtig bei Ines wird, und auch daß ihm die Zeit mit Hemma wichtig wird. Einzig der Kater und das kümmern um ihn, sowie das Grab der Tante sind ihm wichtig. Am Ende steht wieder Unbeteiligung und Beobachtung.

Das politisch-ökologische Drama bei dem Flors Wald enteignet wurde, um einem Windpark in einer windlosen Gegend zu bauen, läßt ihn kalt; auch daß Benam eine Baugenehmigung an Flor wegen persönlicher Rache nicht weitergibt, ebenfalls.

Ort der Handlung ist eine Stadt in der österrechischen Provinz, von der wenig spürbar ist. Es wird nur der Supermarkt genannt, und das lokale Zeitungsblatt.
Die Zeitspanne ist von heißem Hochsommer, über Winter, bis es wieder warm ist.
Die Landschaft ist oft von oben aus dem Flugzeug beschrieben und zeigt die Größe von Wald und Landwirtschaft.

Die Sprache und die Beschreibungen haben mich in den Bann gezogen. Die Szenerien sind wie mit einem Aquarellpinsel gezeichnet.
Umso mehr haben mich die nicht-österreichischen Formulierung wie "hoch sehen", "sich auf einen Stuhl setzen" und "schöner Wein" gestört. Hier sollte ein Lektorat die österreichische Sprache nicht für den deutschen Markt zurecht korrigieren, da sie bei dem Autor nicht stimmig ist.

Angenehmerweise ist von vielen erotischen Treffen in dem Roman nur eines eindeutig geschildert, bei den anderen gibt es nur ein kurz davor und kurz danach, und bleibt damit im dem Leser/der Leserin vorstellbaren oder streichbaren Raum.

Auf dem Cover ist die Zeichnung einer schlafenden Katze eines niederländischen Zeichners. Es ist nett, daß eine Katzenabbildung auf dem Cover mit einer Katze im Roman korreliert.

In Summe hat mich dieser Roman fasziniert, seine unbeteiligte Hauptfigur, die Schilderungen der Ausflüge im Flugzeug und der Landschaften. Viel Freude beim Lesen und Genießen !

Reinhard Kaiser-Mühlecker wurden am 10. Dezember 1982 in Kirchdorf an der Krems  geboren und wuchs in Eberstalzell (Traunviertel / Oberösterreich) auf. Er studierte Landwirtschaft, Geschichte und internationale Entwicklung in Wien. 2008 erschien sein erster Roman "Der lange Gang über die Stationen". Der siebente Roman - ein Dorfroman - "Fremde Seele, dunkler Wald" gelangte auf die Shortlist 2016 des deutschen Buchpreises. "Enteignung" ist sein achter Roman.

Donnerstag, 5. Juli 2018

Helen MacDonald : "H wie Habicht"

Helen MacDonald :
"H wie Habicht"
original "H wie Hawk"
2014, Verlag Jonathan Cape, Random House
Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
2015, Allagria, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
372 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 4 Seiten Postskriptum + 18 Seiten Anmerkungen  (Quellenangaben) + 2 Seiten Danksagung
mit Lesebändchen
ISBN 978-3-7934-2298-3

Das schöne Cover mit einem Linolschnitt eines Habichts hat mich zum Griff nach diesem Buch veranlaßt.

Die Geschichte wird aus Sicht der Autorin in Ich-Sicht erzählt. Man nimmt an ihren Gedanken, Sorgen, Trauer um den Vater und ihre Besessenheit um T.H.White und seinen Habicht Gos(hawk) und die Erziehung ihres wunderschönen Habichts teil.

In schöner Sprache aber ziemlicher Egozentrik erzählt sie von ihren Kindheitserinnerungen an Vater, und Tier/Falken-bücher, über Falknerei, und wie sie gemeinsam mit ihrem Habicht Mabel (liebevoll auch Mabes genannt) eine Einheit aufbaut. Diese Teile in denen sie die Aufzucht, das Training, das immer mehr loslassen, die Sorge, die Feinfühligkeit um diesen faszinierenden und auch geliebten Vogel erzählt zogen mich in den Bann.
Die Abschnitte in denen sie sich an T.H.White abarbeitet sind sehr eigen. Es wird von Whites brutaler Kindheit erzählt, und wie er diese im Erwachsenenleben an anderen Menschen und Tieren auslebt, dabei weder mit seinem Sadismus noch seiner Homoerotik fertig wird. Seine sogenannte Liebe zu Gos wird nur als besitzergreifend transportier und ist oft unachtsam und seine Verantwortung dem Habicht gegenüber falsch einschätzen. Kein Wunder daß Gos das Vertrauen verliert und verloren geht (wie es diesem Habicht weiter ergeht bleibt offen - leider).

Exkurs :  Terence Hanbury White lebte von 1906 bis 1964. Er veröffentlichte unter T.H. White oder dem Pseudonym James Aston. Am bekanntesten dürfte seine Version der Merlin-, und Arthussage sein.

Das Buch umfaßt gefühlt das Trauerjahr nach dem Tod des Vaters - die Autorin verwendet die Formulierung 'Archäologie der Trauer'.

Die Welt in der sich die Autorin bewegt ist eine der belesenen Professoren in Cambridge, die Wälder der Umgebung, und andere Menschen die Falken bis Habichte lieben und mit ihnen leben. Normales Leben ist wenig zu spüren; skurril ist es wenn sie beschreibt mit welchem Habichtsfutter die Tiefkühltruhe gefüllt ist.

Berührend ist es wenn sie von den Beobachtungen von Flugzeugen über England, die ihr Vater als Kind und Jugendlicher penibel aufgeschrieben hat, schreibt.
Schön finde ich die Beschreibungen wenn sie und Mabel durch das Land streifen, sie die Landschaft beschreibt und dann Mabels Verhalten mit der Natur genau schildert.

Das Buch ist nicht einfach zu lesen, da die Ich-zentriert der Autorin zeitweise strapaziös ist. Ich habe länger dazu gebraucht und es zwischendurch mit Lesezeichen liegen gelassen bis ich weiterlesen konnte.

Diese Buch ist für alle Menschen die sich für Greifvögel und schöne Sprache interessieren sehr empfehlenswert. Viel Freude dabei !

Helen MacDonald wurde 1970 geboren. Sie ist Lyrikerin und Autorin und unterrichtet in Cambridge. 1993 erschienen ihre erste Gedichte. 

Montag, 18. Juni 2018

Christine Neumeyer : "Spargelmorde"

Christine Neumeyer :
"Spargelmorde"
2017, Kriminalroman Verlag NY
257 Seiten
ISBN 978-0997757972

Elfriede Volkmann als Polizistin in Wien wird zu dem Mord an ihrem ehemaligen Lehrer in Spargelstein gerufen. Wenig später wird eine Leiche in Schloß Hof gefunden, und dann noch eine wieder in Spargelstein. Elfriede hat nicht nur den Fall zu lösen, sondern auch Probleme innerhalb der Polizei und daß ihr Vater im Nachbarorts Spargelsteins ihre Aufmerksamkeit möchte. Spät entdeckt sie daß moralische Engstirnigkeit betreffend Homosexualität zu den Morden geführt hatte.

Die Geschichte wird fast ohne Charme erzählt, nur der frisch gefangte Polizist mit seiner Angst, und der vorgesetzter Heinz Huber der in Pension gehen wird sowie die beste Freundin Psychologin Sylvia mit ihren Beziehungsproblemen sind als sympathische Menschen geschildert. Die anderen sind meist sehr ungemütlich, engstirnig und verbohrt.
Die Menschen sind unterschiedlich. Elfriede als burschikose Polizistin die mit Panikattacken durch den Nazi-, dann Monarchie-wahn ihres Vaters fertig werden muß. Huber der sich auf die Pension und die Fahrt mit dem Motorrad freut. der neue Polizist Grün zaubert am Computer. Der Spargelwirt wird als extrem charmanter wirt geschilder. Der geistig einfache Sebastian wird als hilfreicher sehr gläubiger Mensch beschrieben, der Pfarrer ist von den christlichen Werten so überzeugt, daß er die Menschen ringsum vergißt.

Eine Romanze zwischen Elfriede und Heinz Huber bahnt sich an, trotzdem einer der Mitarbeiter um Elfriede wunderschöne Augen hat.

Das Buch hat mich sprachlich nicht angesprochen.

Witzig wird es wenn ein bekannter Spargeltempel im Marchfeld beschrieben wird. Die beschriebene Sammelleidenschaft von Gegenständen aus der Monarchie und der Zwischenkriegszeit aus dem Militär- oder Privatbereich ist jedem der die Vorlage zu dem Lokal kennt bekannt.

Hoffentlich gefällt der Krimi anderen besser als mir.

Christine Neumeyer wurde 1965 in Straßhof (Marchfeld, Niederösterreich) geboren. Nach Abschluß der HAK arbeitete sie lange im Direktionsbüro des Belvedere. 2013 erschien ihr erster Marchfeld-Krimi.

Sonntag, 12. März 2017

Traudi und Hugo Portisch : "Die Olive & Wir"

Traudi und Hugo Portisch :
"Die Olive & Wir"
2009, Ecowin Verlag Salzburg
2 Seiten Vorwort + 214 Seiten + 2 Seiten "Liebe Leser .."  + 1 Seite Dank
ISBN 978-3-902404-72-5

Ein Haus in der Toskana lädt ein, und das Ehepaar kauft dieses dank vieler Zufälle. Mit Glück kommen die richtigen Menschen zusammen und ein wunderschönes Heim entsteht inmitten von Oliven, und anderen schönen Pflanzen und Bäumen. Sie lernt die Sprache. Ein Kater bleibt, ein Hund, noch ein Kater und noch eine Hündin. Weihnachten und Sylvester werden dort erlebt.
Und - titelgebend - wird ein Film über das Ernten von Oliven mit Nachbarn nachgestellt und mit Ton während des Ausstrahlens bespielt, sehr zur Unterhaltung des Dorfes.

Den verschiedenen Kapiteln sind italienische Sprichworte mit deutscher Übersetzung vorangestellt. In den Kapiteln geht es um Weinbau, Oliven, Hunde, Hausbau, Nachbarschaftspflege, einen wunderbaren alten Mann als Gärtner, eine wunderbare Nachbarin als Haushälterin, die bodenständige Polizei, den Pfarrer, einen weisen Mann der zwischen Professor und Magier wirkt, zwei Begegnungen mit Eulen, Weinbau, Schnapsgewinnung etc.

Da in einem Kapitel von Lire geschrieben wird, sind diese Geschichten vermutlich in den 90-er Jahren erlebt worden, was ihren Reiz nicht schmälert.

Im Nachwort geht der politische Journalist kurz darauf ein, daß in Italien Politik zwar vorhanden ist, aber wenig im Leben der Menschen bestimmt. Es ist nicht einmal klar welcher der Nachbar welche politische Einstellung hat, was ihn ziemlich verwundert.

Das Buch ist gut zu lesen und strömt etwas Urlaubsfeeling. Viel Spaß dabei.

Hugo Portisch  wurde am 19. Februar 1927 in Pressburg geboren. Seine Eltern und er mußten nach 1945 in St. Pölten bleiben. Hugo studierte dann an der Universität Wien Geschichte, Germanistik, Anglistik und Publizistik und schloss 1951 das Studium mit der Dissertation 'Das Zeitungswesen und die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vor und während des Bürger-krieges 1861–1865'. Er arbeitete zuerst beim Kurier, später beim ORF, für den er als Auslandskorrespondent unterwegs war. Dann kamen geschichtliche Dokumentation für das Fernsehen u.a.  über Österreich nach dem ersten und zweiten Weltkrieg.
Gertraude Portisch geboren und aufgewachsen in Wien, erwachsen geworden in England, heim-gekehrt nach Österreich, verheiratet mit dem Journalisten Hugo Portisch. Unter dem Namen Traudi Reich verfaßt sie eine Reihe von Kinder- und Jugendbüchern. Gertraude Portisch / Traudi Reich lebt und schreibt heute in Wien und der Toskana.

Sonntag, 6. November 2016

Claudia Rossbacher : "Steirerland"

Claudia Rossbacher :
"Steirerland" - Sandra Mohrs fünfter Fall
2015, Gmeinerverlag
265  Seiten + 3 Seite Glossar steirischer und österreichischer Vokabel
ISBN 978-3-8392-1683-5

Kommissarin Sandra Mohr ist wieder mit dem Sprüche klopfenden Chefinspektor Sascha Bergmann in der Steiermark unterwegs. Diesmal geht es um Leichen denen Teile des Körpers fehlen. Sie befragen Josefine, eine Bio-Bäuerin der Umgebung, deren Hilfe Irmgard, den Arzt Kropf, den aus Deutschland hergereisten Blech-Künstler Groneberg und kranke Freundin, Teile einer Band und eine Fußballmannschaft. Gerüchte um Wettleidenschaft, Homoerotik werden genannt, bis ein genetisches Problem aufpoppt und zu einer überraschenden Lösung führt.

Die Sympathie liegt bei der Kommissarin Mitte 30, die ihr Burn-out in Griff hat und sich über die Aufmerksamkeit eines abteilungsfremden Mitarbeiters freut, was ihrem Chef nicht gefällt. Dieser rüppelt sich durch die Menschen, und hat u.a. merkbar Probleme mit Gewohnheitsnamen der Bauern im südsteirischen Umfeld. die bildhübsche Polizistin Miriam hilft bei Recherchen. Auch Josefine die Biobäuerin wird als sehr attraktiv und freundlich geschildert; der Arzt ist eher arrogant, und Künstler sehr uncooperativ gezeichnet.

Geographisch sind die Polizisten zwischen Graz, der Riegersburg und Straden unterwegs. Kürbiskernöl, Schokolade, Bioprodukte sowie viel über Wein wird auch erzählt.

In Summe ein gut lesbarer Krimi mit Mit-Rätsel-Möglichkeit und gut vorstellbaren Personen und zwischenmenschlichen Problemchen. viel Spaß beim Lesen.

Claudia Rossbacher wurde in Wien geboren, dann folgte Tourismusstudium und Reisen in die Modemetropolen der Welt, wo sie als Model im Scheinwerferlicht stand. Danach war sie Texterin, später Kreativdirektorin in internationalen Werbeagenturen. Seit 2006 arbeitet sie als freie Autorin. Ihr erster Steirerkrimi »Steirerblut« erschien 2011 und wurde verfilmt.

Sonntag, 12. Januar 2014

Jesús Carrasco : "Die Flucht"

Jesús Carrasco :
"Die Flucht"
original "Intemperie"
2013, Verlag Seix-Barral, Barcelona
Aus dem Spanischen von Petra Strien
2013, J.G.Cotta'sche Buchhandlung; Klett-Cotta
201 Seiten
ISBN 978-3-608-98001-1

Der spannende Roman erzählt wie ein Halbwüchsiger, der aus einem Dorf verschwunden ist, durch die karge Landschaft mit wenig Versteckmöglichkeiten flieht. Er hatte geplant, aber auch sich verplant. Hilfe bietet überraschenderweise ein Hirte mit seinen Ziegen, dem Hund, und dem Esel. Er zeigt ihm wie man überlebt. Und er steht ihm bei und erduldet des Jungen wegen gemeine Folter. Am Schluß ist der Junge wieder allein.

Keine der Personen hat einen Namen: es sind der Junge, der Hirte, der Polizist, der Scherge, der Krüppel. Den Vater gibt es nur im kurzen Rückblick.
Warum der Junge geflohen ist und dermassen Angst vor dem Polizisten und seinem Bluthund hat, läßt sich nur aus kurzen Sätzen erahnen.

Ort der Handlung ist eine ausgedorrte Landschaft mit wenig Gestrüpp. Die Ziegen finden hin und wieder Nahrung. Eine Ruine spendet einige Zeit Schatten vor Sonne und Hitze.

Der Hirte zeigt Tricks und Wege wie ein Mensch überleben kann, wie er einfachste Materialien zu seinem Nutzen verarbeiten kann z.B. ein Gatter für die Ziegen bastelt. Er weist den Halbwüchsigen auf Gefahren des Wassers aus Brunnen hin.

'Intemperie' heißt Unbillen, Wetterunbillen bis obdachlos- lt. Internetdictionaire.

Der Roman ist dicht geschrieben und geht unter die Haut. Die Beschreibung des Terrors an dem alten Hirten sind heftig. Viel Überleben, einiges an Gewalt, aber die Suche nach etwas Zuneigung und Vertrauen wechseln sich ungleich ab. Ein intensives starkes Buch, das lange nach dem Zuschlagen der letzten Seite nacharbeitet. Sehr empfehlenswert !

Jesus Carrasco wurde 1972 in Badajoz geboren. "Die Flucht" ist sein erster Roman. Er lebt seit 2005 in Sevilla und ist Herausgeber einer Zeitschrift.

Sonntag, 2. September 2012

George Sand : "Ein Winter auf Mallorca"


George Sand :
"Ein Winter auf Mallorca"
1985, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH München
(16. Auflage 2004)
8 Seiten Vorwort des Herausgebers
17 Seiten J.B. Laurens - Erinnerungen einer Kunstreise nach Mallorca
219 Seiten George Sand - "ein Winter auf Mallorca" in drei Teilen
15 Seiten George Sand - Geschichte meines Aufenthalts auf Mallorca
1 Seite Bibliographie
1 Seite Bildquellen Nachweis
2 Seiten Karte vom Mallorca
ISBN 3-423-12497-0

Titel der Originalausgabe:
'Un hiver à Majorque'
Paris 1842

Ich hatte einiges über George Sand gehört und war neugierig darauf wie sie schreibt. Mein Wissen über sie war, daß sie unkonventionell war, Schriftstellerin, 2 Kinder und - v.a. - die Gefährtin Chopins.

"Ein Winter auf Mallorca" ist entstanden nachdem sie mit ihren Kindern und Chopin drei Monate 1838 auf der Insel verbracht hatte, mit den Ziel dem kalten Winter in Paris zu entfliehen und damit ihrem Sohn Maurice Krankheiten zu ersparen bzw. daß er sich erholen kann. Maurice hat sich erholt und sie beschreibt wie er und ihre Tochter Solange wie die Ziegen auf den Steinen der Insel herumkraxeln.
Leider ist Chopin erkrankt, weshalb der Aufenthalt auf der Insel kürzer als geplant war. Die gewünschte Erholung hatten die Erwachsenen bei dem Aufenthalt nicht.

Sie beschreibt die Insel, die Vegetation, die Architektur, die Art und Weise wie Menschen wohnen die mehr haben, genauso wie die Bauern, Landwirtschaft, Nutztiere und viel was sie an Benehmen ihnen gegebenüber wahrgenommen hat.

Die vier Reisenden wurden nicht wohlwollend aufgenommen: sie und ihre Tochter trugen Hosen, sie und Chopin waren nicht verheiratet und sie gingen sonntags nicht in die Kirche . Verhalten das in Paris als extravagant galt, war auf der Insel unerwünscht.
Hilfe für Kranke war nicht üblich - im Gegenteil Kranke galten als ansteckend und wurde gemieden, was v.a. Chopin erfahren mußte.

Seitenlang beschreibt sie die Kartause in Vallemosa, mit ihren Trakten, Höfen, Bäumen, Ruinenteilen, wenigen Mönchen. Wie sie beschreibt und welche Metaphern sie findet, hat mich fasziniert. Schön sind ihre Assoziationen wenn sie Romantisches mit Operninszenierungen vergleicht oder französische Maler (wie Delacroix) zitiert.

Faszinierend finde ich ihre Beschreibungen der Kleidung der Menschen und wie sie die Menschen ans sich beschreibt - Gesichter, Körper, Benehmen (das sie als ungastlich und schmarotzend empfindet).

Geschichtliche Rückblicke auf den Zusammenhang zwischen Spanien und der Insel werden aufgeblättert. Keine Pferde, weil die nur vom Festland für den Krieg eingezogen wurden, kaum Rind weil das gleiche hier geschah, dafür Schweine, weil die wollten die Spanier nicht.

Sie beschäftigte sich auch mit der Geschichte der Klöster, bzw. der Auflassung und of Niederbrennung. Viele verbrannte Klosterruinen zieren die Landschaft. Dem zur Zeit herrschenden Romantizismus stellt sie in einem fiktiven Gespräch einen Mönch entgegeben, der von den eigenen Katholiken im Kerker ohne Sonne gehalten wurde. Die Inquisition hatte auch hier reiche Beute gefunden und Schuldlosigkeit galt noch nicht - was für Menschen der Aufklärung im Nachhinein schwer zu verstehen ist. Das Gespräch ist sehr packend geschrieben.

Ich habe einige Wochen an dem Buch gelesen - immer wieder unterbrochen von anderen Büchern. Mich hat der Stil und was Frau Sand schreibt fasziniert und ich kann jedem Leser nur das gleiche Verngügen an Sprache, Beschreibung und auch Fiktion wünschen.

George Sand, (eigentlich Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil)  lebte vom 1. Juli 1804 bis 8 Juno 1876. Sie war Schriftstellerin und galt als Vielschreiberin (was einige Zeitgenossen nicht schätzten). Ihre Werke sind Romane, Novellen und auch Theaterstücke - viele Briefe von ihr sollen erhalten sein.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Rudyard Kipling : "Kim"


Rudyard Kipling :
"Kim"
1901 auf englisch erschienen
deutsch von Hans Reisinger
1981, Deutscher Taschenbuchverlag
13. Auflage 2007
328 Seiten
ISBN 978-3-423-12602-1

Das ist für mich ein wunderbares vielschichtiges Buch, eine herrliche farbenfrohe aktive Geschichte voll mit verschiedenen Religionen, Menschen aus verschiedenen Schichten.

Kim O'Hara ist ein Bub, der sich geschickt und intelligent durchs Stadtleben von Lahore schlägt, und in Mahbub dem wichtigen Pferdehändler einen Freund hat. Ein Lama aus Tibet taucht auf und erzählt daß er auf der Suche nach einem Fluß ist, der alle Sünden abwäscht. Kim beschließt sein Chela zu werden, indem er für den alten weisen Mann sorgen wird, und gleichzeitig das Land sehen wird.
Da Kim ein gescheiter, gewitzer junger Mensch ist, der rasch aufnimmt welche Wünsche, Flüche oder Verhaltensweisen erfolgreich sind, und auch verschwiegen ist, vertraut ihm Mahbub ein Schreiben zur sicheren Weiterlieferung an. Später erst wird klar, daß damit ein größerer Krieg und viele Tote verhindert worden waren.
Auf der Reise durch das Land sehen der Lama und Kim viele unterschiedliche Menschen, Gesellschaftsschichten, Religionen und Teufelsglauben, und erfahren weil der Lama als heiliger Mann gilt meist günstige Aufnahme (im Tausch gegen Segen, Schutz oder Horoskoplesen).
Als sie zu nahe an einen Trupp englischer Soldaten kommen, enthüllt sich, daß Kim irischer Abstammung und kein Inder ist. Ein Pater und ein Oberst setzten ihren Einfluß, daß Kim die ihm zustehende westliche Ausbildung erhält. Der Lama setzt seine Kontakte in Gang und schafft es, daß Kim auf die beste dieser Schulen kommt. Kim ist drei Jahre dort und lernt lesen, schreiben und die Kunst Karten zu zeichnen. In den Ferien zieht er mit Mahbub, dem Pferdehändler und Spion durchs Land, oder sucht mit dem Lama den heiligen Fluß oder wird bei Lurgan, einem Mann der Magie und der Edelsteine und der Heilmedikamente in die Kunst der Heilung eingeführt.
Danach enthüllen Mahbub und Babu/Hakim Kim, daß sie dringend seine 'spionistische' Hilfe im Norden Indiens brauchen, und Kim und der Lama machen sich auf den Weg in die Kälte und Schnee der Berge. Während es dem Lama als geborener Mann der Berge immer besser geht, hat Kim als flachlandgewohnter Mensch einige Anpassungsprobleme. Die beiden treffen dort auf Männer und es gelingt ihnen in den Besitz geheimer Berichte zwischen Rußland und anderen Stämmen und abtrünnigen Königen zum kommen und diese zu übergeben.
Zurück im Flachland bei einer scharfzüngigen reichen Sahiba, wird Kim wieder gesund gepflegt und der Lama erreicht nach Fasten und Meditieren Reinigung im Fluß und damit Erlösung seiner Sünden und auch der Menschen die er liebt.

Kipling beschreibt sehr schön Menschen, Kleidung, Charakteristika unterschiedlicher Religionen, Häuser in der Stadt oder am Land; er geht schön auf die Hitze im Süden des Landes ein, genauso wie auf Schnee, kalten Wind, verkarstet Gebirgszüge und deren tierische Bewohner; es ist faszinierend wie er dem Süden die großen Wasserbüffel und dem bergigen Norden die Bergziegen, kleinen Wollschafe und kleinen Kühe zuschreibt.

Auch wenn Kim der Hauptprotagonist ist, finde ich das Heilsuchen des Lamas faszinierend. Die Art wie er mit Medition, Fasten aber auch "Verdienst erzielen" durch das Senden Kims in die beste Schule an sich arbeitet. Als er in Zorn gerät weil ihn ein Mensch in den Bergen schlägt, verzweifelt er fast an der Schuld weil der nicht das Rad des Lebens akzeptieren kann.

Einziges Manko in dem Buch ist für mich, daß ich gerne eine Karte Indiens mit den wichtigsten Punkten dieses Buches im Anhang gefunden hätte.

Ich habe den Roman genossen : die Spiritualität, die Menschen, die Ziele, die Beschreibung von Landschaften und hoffe andere Leser genießen ihn genauso wie ich.

Mittwoch, 15. September 2010

Alice Munro : "Der Traum meiner Mutter"

Alice Munro : "Der Traum meiner Mutter"
unter "The Love of a Good Woman"
1998 bei A. Knopf, New York
aus dem Englischen von Heidi Zerning
2002, S. Fischer Verlag, Frankfurt
221 Seiten
7 Seiten Nachwort von Judith Hermann
ISBN 3-10-048817-2

* Der Traum meiner Mutter (62 Seiten)
* Die Kinder bleiben hier (44 Seiten)
* Stinkreich (50 Seiten)
* Vor dem Wandel (50 Seiten)

Das Buch enthält vier starke, dicht beschriebene Geschichten, in denen Frauen in ihrem Leben , in ihrer Entwicklung beschrieben werden.

Der 'Traum meiner Mutter' beschreibt wie eine junge Frau Jill, die Musikerin werden möchte, von einem Mann der im Krieg umkommt ein Kind auf die Welt bringt. Sie ist so überfordert, daß die Schwestern des Mannes einspringen. Erst als die jungen Mutter einen Tag alleine mit dem Baby ist, ist es möglich, daß die beiden miteinander eine Beziehung aufzubauen beginnen.

In die 'Kinder bleiben hier' erzählt eine junge Frau und doppelte Mutter Pauline, wie sie beim Schauspielen in eine Affäre gleitet, und ihr Mann am Schluß als Rache die Kinder behält. Schön sind hier die Beschreibungen des Strandes an dem die Familie mit ihren Schwiegereltern ist.
Das Stück das geschauspielert werden soll, ist die "Eurydike" von Jean Anouilh, in dem die junge Mutter die Eurydike spielt, und der spätere Geliebte der Regisseur ist.

In "stinkreich" geht es um drei Frauen und einen Mann. Die drei Frauen sind die Ehefrau, eine Lektorin und deren Tochter. Die Tochter Karin ist die bei der die Entwicklungen, die Versuchungen ans Lebens erzählt werden. Als sie sich spaßhalber das Hochzeitskleid der Ehefrau ausborgt, gerät sie in Kerzen und holt sich schlimme Hautverletzungen. Auf der letzen Seite ist die Zeile, daß sie ihre innere Kraft gefunden hat.

„Vor dem Wandel“ ist für mich fast gespenstisch, da die junge Frau die heimkehrt ins Haus ihres wortkargen Vaters fast keine Kommunikation findet. Erst als Erwachsene findet sie heraus, daß ihr Vater als Landarzt Besuch von Stadtfrauen zur heimlichen Abtreibung bekommt. Als er nach einem Schlaganfall stirbt, entdecken alle daß er nie Geld damit gemacht hat und es fast nichts zum Erben gibt. Parallel zur den vergeblichen Kommunikationsversuchen erzählt die junge Frau, daß sie in der Hauptstadt beim Studium einen Theologiestudenten kennengelernt hatte, dieser aber einen Schwangerschaftsabbruch gefordert hatte, der für sie nicht möglich war, weshalb das Kind jetzt Adoptiveltern hat.

Der Aufbau der Geschichten erscheint mir sehr ähnlich, denn mehr als drei Viertel der Geschichte verlaufen in einem ruhigen deskriptiven Strom, und dann plötzlich schlägt die Geschichte einen Hacken und man landet ganz woanders.
Im 'Traum meiner Mutter' hat es die junge Mutter geschafft als Musikerin in einem Orchester zu spielen; in 'die Kinder bleiben hier' ist klar, daß der Regisseur nur eine Affäre und ja nichts wichtiges war.
Im „Vor dem Wandel“ befreit der unerwartete Tod des Vaters die junge Frau von engen Erwartungen, auch wenn nicht klar ist, was sie damit tun möchte.

Mir gefällt sehr gut wie die ruhigen, beobachtenden (fast passiven) Menschen beschrieben sind. Trotzdem dreht sich die Geschichte um sie, und die Welt dreht sich um sie herum.
Beim Lesen der Geschichten habe ich mich gefragt wann diese Geschichten handeln – für mich haben sie eine Enge, die mich an den konservativen Filme aus den 60-Jahren erinnert. Für Frauen gab es einige Lebensperpektiven und wenige Ausdrucksmöglichkeiten.

Die Landschaften, die Häuser, deren Einrichtung, das Geschirr sind schön skizziert, das Gewand und die Szenerie sind wie eine aquarellierte Bleistiftzeichnung beschrieben.

Das Buch kann ich allen Lesern empfehlen, die sich gerne in eine andere - in dem Fall die der kanadischen Landschaft – Welt ziehen lassen und das Gefühl, daß die Zeit still gestanden sein könnte genießen wollen.