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Freitag, 21. August 2020

Sebastian Themessl : "Wo dein sanfter Flügel weilt"

Sebastian Themessl :
"Wo dein sanfter Flügel weilt" - Schuberts letzte Symphonie - ein musikgeschichtlicher Kriminalroman
2020, Hollitzer Verlag Wien
404 Seiten
ISBN 978-3-99012-806-0

Der amerikanische Dozent Phil Mason hört in Wien Schuberts große C-Dur Symphonie. Ihm entschlüsselt sich ein Zusammenhang zu Mozart, er findet eine wissenschaftliche Arbeit in der diese Komposition Beethovens 9. Symphonie gegenübergestellt wird, und hell und dunkel in diese Kompositionen und Aufführungen interpretiert wird. Phil kommt einer großangelegten Verschwörung gegen Schuberts große Symphonie inklusive Weltherrschaftsanspruch seit dem Beginn dieser Symphonie auf die Spur, geht nach Moskau zur Recherche, reist mit seinem Bruder Adam nach Südamerika und kommt wirklich auf die Rädelsführer, die größer als Freimaurer oder Illuminati sind. Er kommt wie alle, die davor auf der Spur dieser Vernetzung sind, nicht mehr an die Nähe der Veröffentlichung.

Für mich als Klassikfan sind Überlegungen die Große Schubert-C-Dur Symphonie als negatives Gegenstück zur positiven 9. Symphonie von Beethoven zu positionieren unterhaltsam, obwohl mich die Intensität dieser Schubert Komposition immer in den Bann zieht.

Die vielen Menschen die hier vorallem in Wien, aber auch in Moskau beschrieben werden sind von faszinierend vielfältig bis zu aktuellen Personen sehr genau nachempfunden. Manche Namen in Wien dürften nur leicht verändert sein, und werden Menschen, die sich in der Musikszene Wiens auskennen, vermutlich zum Schmunzeln bringen.

Es gibt viele Menschen, die als Typen gut beschrieben sind und mir gefallen haben: in Wien z.B  die musikenthusiastische pensionierte Vermieterin, die schöne ukrainische Musikstudentin, der versoffene Musikprofessor, der Pubbesitzer der griechische Verse an die Wand seines Pubs schreibt; in Russland sind es der intrigante Wirtschaftsmensch, und ein witziger Archivar.
Leider ist mir die Hauptperson Phil Mason nicht sympathisch.

Zum Lachen brachte mich eine kurze Szene, in der ein junger Komponist in schönstem pidgin-english einen nerven Phototouristen weiß macht, daß in Wien am Montag Photo machen verboten sind - bei Gefängnisstrafe. Leider fliegt die Idee rasch auf, der Tourist wird aber noch einmal durch den Kakao gezogen.

Mir fehlen bei dem Buch das Inhaltsverzeichnis, und ein Glossar der vielen musiktheoretischen Begriffe.
Der Titel ist Friedrich Schiller und Beethovens 9. Symphonie entnommen.

Beim Lesen war ich zuerst gut unterhalten, dann war es spannend, und am Schluß war ein Gemisch aus traurig und verrückt.

Da es in dem Buch von Komponistennamen und anderen Worten in Musikzusammenhang ziemlich wimmelt, werden sich vermutlich Musikenthusisten/-innen bei dem Buch gut unterhalten Am Schluß hatte ich das Gefühl einem Roman der nicht mehr um Liebe, Mantel und Degen, sondern und Internet, Tod und Verschwörung geht.

Sebastian Themessl wurde 1975 in Innsbruck geboren. Er studierte zunächst Geschichte und Philosophie und 2003 schloss er ein Kompositionsstudium an der Musikuniversität Wien ab. Er ist Komponist, Schriftsteller und Lehrbeauftragter für Musiktheorie. 

Sonntag, 6. Januar 2019

Giuliano Ramella & Stefano Cattaneo : "El Che"

Giuliano Ramella (Szenario) & Stefano Cattaneo (Zeichnungen):
"El Che"
original "El Che - la victoire ou la mort"
2012, Heupé Sarl / Emmanuel Proust Editions, Paris
aus dem Französischen von Anja Kootz
2018, Knesenbeck, München
100 Seiten Graphic + 2 Seiten über Che Guevara von Marcel Niedergang
ISBN 978-3-95728-221-7

In assoziativen Geschichten wird einiges aus dem Leben von Che Guevara erzählt. Es beginnt mit seiner Jugend und dem Bestreben etwas zu ändern und springt dann zwischen Kuba, Bolivien, Kongo, der Rede vor der UNO und Kuba. Die Szenerien sind im Wald, in der Guerilla, etc. Mittendrin ist seine Erschießung, aber auch daß er selbst zur Waffe zur Disziplinierung griff; das Ende ist die Vision vor Sonnenuntergang, daß um Gerechtigkeit gekämpt werden muß.

Ich habe das Buch auch wegen meines Interesses für die Zeichnungen gekauft. Diese sind sehr statisch, was mitten um Regen-/Urwald fasziniert. Die Zeichnungen wenn ein Soldat am Fluß steht und raucht, wirken wie erstarrt - auch der Rauch in seiner fein ziselierten Strichelweise. Auch die flache Architekturzeichnung funktioniert.
Die Gesichter sind rauh, und ausdrucksstark.

Am Anfang dauert es bis ich in die Geschichte gekommen, dann war es einfacher den auch geographischen Sprüngen zu folgen.
Aus dem an sich schon vielfältigen und spannenden Leben Che Guevaras wurden einige Punkte herausgeholt und betont; damit fehlen bei dem Seitenumfang andere Themen.

Bei der Übersetzung sind mir paar Hoppalas und Eigenheiten bei Phrasen aufgefallen.

In Summe ein beeindruckendes Buch über einen brutalen, aber visionären Menschen. Alleine schon die Graphiken sprechen auch für sich und machen damit eine Empfehlung aus. Viel Freude beim Einlassen auf dieses Buch.

Giuliano Ramella heißt eigentlich Giuliano Ramella Peza, studierte an der Hochschule für Comic-Kunst in Mailand und arbeitete bereits an der italienischen Comic-Serie 'John Raider'.
Stefano Cattaneo ist Italiener, der in England lebt. Sein Zeichenstil ist italienische Schule, beeinflußt von Pratt à Giardino.

Samstag, 30. Juni 2018

Rodrigo Hasbún : "Die Affekte"

Rodrigo Hasbún:
"Die Affekte"
Roman
original "Los afectos"
2015, Penguin Random House Barcelona
Aus dem Spanischen von Christian Hansen
2017, Suhrkamp Berlin
130 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis
ISBN 978-3-518-42764-4

In kurzen Kapiteln wird jeweils aus der Sicht anderer Menschen erzählt wie unglücklich Frau Aurelia und Töchter Monika, Heidi und Trixi bei der Emigration aus Deutschland nach Bolivien waren, wie begeistert ein bis zwei Töchter den Vater auf seinen Photoexpeditionen begleiteten und dann deren Entwicklungen als Erwachsene. Während Heide mit dem Arbeitskollegen ihres Vaters wieder nach Deutschland geht und etwas aufbaut, und Trixi dem Rauchen verfällt, entwickelt sich Monika von einem unbeherrschten Mädchen, zu einer gelangweilten Ehefrau, entdeckt ihr Engagement für die Armen und Indios, hat eine Affäre mit ihrem Schwager und wird zur radikalen im Untergrund arbeitenden Guerilera die steckbrieflich gesucht wird. Parallel sind Kapitel aus dem bolivianischen Urwald und der Guerilla eingebaut - inklusive daß die Brutalitäten bei den Zusammenstössen zwischen Militär und Untergrund inkl. Folter angesprochen werden.

Die Geschichte basiert auf der der Familie Hans Ertls und seiner Tochter Monika, auch wenn als Vorwort steht, daß die Geschichte zufällig ist. Es geht um die Zeit zwischen 1953 und 1973, mit seinen Umbrüchen in Lateinamerika. Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland findet nur am Rande statt.

Unter dem Begriff "Affekte" habe ich mehrere Bedeutungen gefunden : Gefühle, Anregung, Antrieb, Instinkt, Anwandlung, Instinkt bis Idee. Mir fällt die Zuordnungsbedeutung für dieses Buch jedoch schwer.

Die Kapitel sind dicht geschrieben und ich bin in den Stil hineingefallen. Es ist spannend herauszufinden aus welcher Sicht die Kapitel sind - es sind auch der Schwager Monikas bis zu Arbeitern dabei.

Die Menschen sind nicht beschrieben, aber in ihrer Energie und Gedanken, ihre Sorgen und Gefühle und Gelüste spürbar. Dafür sind La Paz, sowie Regen- und Urwald und Häuser bis Lehmhütten in Worten umrissen.

In Summe ein spannendes Buch, das ich empfehlenswert finde. Viel Freude beim Lesen !

Rodrigo Hasbún wurde 1981 in Cochabamba (Bolivien) geboren. Er studierte Journalismus in Bolivien und Chile. 2007 erschien sein erster Roman.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Eskil Engdal, Kjetil Saeter : "Fischmafia"

Eskil Engdal, Kjetil Saeter :
"Fischmafia" - Die Jagd nach den skrupellosen Geschäftemachern auf unseren Weltmeeren
original "Jakten pâ Thunder"
2017, Forlaget Vigmostad & Bjorke AS
Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider
2017 Campus Verlag Frankfurt / New York
306 Seiten Text + 16 Seiten bunte Photos mitten im Buch + 3 Seiten Dank + 21 Seiten Anmerkungen
Hardcover und Lesebändchen
ISBN 978-3-593-50671-5

Fast 200 Seiten geht es um die Verfolgung der "Thunder" unter Kapitän Gataldo durch das Schiff der 'Sea Shepherd' durch die "Rob Barker" unter Kapitän Peter Hammerstadt. Hintergrund ist der Verdacht, daß Schiffbesatzungen illegal schwarzer Antarktisdorsch (genannt das "weiße Gold") aus den Tiefen von 600 Meter entlang des Südpoles fischen, konservieren und an einem Hafen meist in Asien oder Afrika illegal an Land bringen. Von dort wird der hochbezahlte fein schmeckende Fisch für hohe Preise weltweit weiterverkauft.
Ziel ist es eines der Schiffe auf frischer Tat zu erwischen und alles zu belegen und damit an die Hintermänner und Drahzieher zu gelangen.

Am 17 Dezember wird die "Thunder" erstmals von der Brücker der "Rob Barker" gesehen. 110 Tage später geht die "Thunder", nachdem Wasser über Lucken hereingelassen wurde, um 12h52 ziemlich spektakulär zwischen nahe San Tome vor Äquatorial-Guinea unter - und sinkt auf 3.800 Meter Tiefe ab. Die Mannschaft wird über Rettungsinsel auf zwei Schiffe der 'Sea Shepherd' gerettet und interviewt, vor Gericht gestellt, verurteilt und dann über Hintertüren heimwärts geschafft.

Auf vielen Seiten wird das Hintereinanderherfahren und Manövrieren der beiden Schiffe inkl. Kommunikation beschrieben.
Während am Schiff der 'Sea Sheperd' lauter Freiwillige und Begeisterte an einem Strang ziehen, ist auf dem berufsmäßigen Fischereischiff eine indonesische Mannschaft für die niedrigen Dienste und Spanier sowie Lateinamerikaner an den entscheidenden Positionen nach Willen der Auftraggeber angestellt.
Emotional faszinierend bleibt für mich als Leser, daß zwei doch kleine Schiffe über diese riesige Wasserfläche einen Wettkampf führen; es wird über brüllende Breitengrade, Zyklone, 20 Meter hohe Wellen und sonst Unwetter berichtet.

Parallel zur "Thunder" hat die 'Sea Shepherd' weitere fünf Schiffe als Jagdziele auserkoren, da auch sie zur illegalen Jagd auf Schwarzen Seehecht im Südpol eingesetzt werden. Im Buch werden immer wieder die "Yongding" sowie "Kunlun" genannt; später auch die "Viking".
Das Schiff "Tiantai" geht nahe dem Eisrand unter - die Mannschaft konnte sich vorher noch auf ein Nachbarschiff retten. (In den Medien war damals mehr von der Suche nach dem vermißten Flugzeug der Malaysia Airlines 2014 zu lesen)
Mühsam zu verfolgen, sind die vielen unterschiedlichen Namen, die Schiffe im Rahmen ihres Schifflebens haben. Nur die IMO-Nummer bleibt, sonst bekommen die Schiffe, die illegal eingesetzt werden, manchmal sehr plötzlich neue Namen, und neue Flaggen unter deren Staaten sie angeblich angemeldet sind.

Weiteres Schiff der Sea Shepard ist die "Sam Simon" unter dem Kapitän Sid Chakravarty.
Faszinierend ist die Besessenheit mit der die Leute der 'Sea Shepherd' unterwegs sind; für einige war 'Greenpeace' nicht extrem genug.

Die Geschichte Nigerias ab den 80-er Jahren mit wechselnden Präsidenten, aber gleichbleibender Brutalität wird erzählt. Ähnlich liest sich die Geschichte Äquatorial-Guineas in und nach den 80-er Jahren als das Meer sogar als Feind angesehen wurde. Auch die Geschichte der Insel San Tome mit möglichem Kakaoanbau und dann fast komplettem Abbau von legaler Arbeitsmöglichkeit liest sich interessant bis erschreckend.

Das Gegenteil ist Ribeira in Departement Galicien (Spanien nahe Portugal / am Atlantik). Hier wohnen einerseits arme arbeitssame Fischer, aber es gibt auch bestens geschützte, bestens ausgestattete Villen für einige Mitglieder einer reich gewordenen Familie. Einige der Beteiligten werden/wurden vor Gericht gestellt, manche verurteilt. Viele der Kapitäne und Maschinisten der illegalen Schiffe haben kaum mehr Chancen eine Heuer zu erhalten.

Die Karten im Buchinnendeckel zeigen zwar die Fahrt der beiden Schiffe zwischen Antarktis und Versenkpunkt der Thunder, aber die vielen Feinheiten auf der Verfolgungsfahrt fehlen.
Karten auf denen z.B. die Banzare-bank eingezeichnet ist fehlen, genauso wie die Breitengrade die gerade mit ihren maritimen Herausforderungen an die Schiffe wichtig ist.

Der Inhalt des Buches in hochinteressant und spannend. Allerdings ist mir die Sprache zu einfach, und erinnert mich stilistisch an die Schulaufsätze eines 15-jährigen, was mir zum Lesen wenig Freude macht.

Auch hat mich irritiert daß das Schiff als böse und illegal Fische jagend oder Hacken auf dem Meer schlagend erzählt wird, als ob das Schiff selbst böse wäre und abstrakt selbstständig einen Weg wählt, statt von Entscheidungen auf der Offiziersbrücke zu schreiben. Warum die "Viking" explodiert, also zerstört werden mußte war mir nicht nachvollziehbar.

In Summe aber ein hochinteressantes Buch über ein wichtiges Thema wenn wir uns unsere Erde ansehen.

Über die Journalisten/Autoren Eskil Engdal und Kjetil Saeter habe ich leider keine autobiographischen Daten im Internet gefunden.
Übersetzer Lothar Schneider wurde 1946 geboren und hat Skandinavistik, Geschichte und Philosophie studiert und besonderes Naheverhältnis zu Norwegen.


Samstag, 9. April 2016

Antal Szerb : "Reise im Mondlicht"

Antal Szerb :
"Reise im Mondlicht"
Roman
original "Utas és holdvilág"
1937, Révai, Budapest
aus dem Ungarischen von Christina Viragh
2003, Deutscher Taschenbuch Verlag
250 Seiten + 3 Seiten Nachwort von Péter Esterházy
ISBN 3-423-24370-8

Der Roman startet mit der Hochzeitsreise von Mihály und Erszi nach Italien. Erszi war bereits verheiratet gewesen und freut sich in der Ehe mit dem besonnen Mihály auf ein geregeltes Leben. Ein Jugendfreund von ihm taucht auf und ab nun diktiert die Vergangenheit sein Leben: er erzählt seiner Frau von der Jugendclique mit Evá, Tamás, Ervin und János, deren intellektuellen Spielchen und der Todessehnsucht von Tamas, der dieser später nachgeben wird. Ervin liebt Eva, entscheidet sich dann für das das Leben als Mönch, wo ihm Mihaly prompt begegnet. Auch Eva ist plötzlich da.
Erzsi zieht nach Paris, lernt dort einen faszinierenden Perser kennen und entscheidet sich dann doch wieder für ihren Ex-Mann Zóltan, der ihr das Leben bietet das sie gewohnt ist, und der sein Leben immerhin in die Hand nimmt, im Gegensatz zu fremdbestimmten Mihaly.

Spannend ist die Schilderung der Personen : Mihaly läßt sich treiben und beeinflussen, solange die Person die ihm was sagt stark genug ist und versieht somit seine Arbeit in der väterlichen Firma mit Pflichtgefühlt, sonst sieht er sich lieber die Gegend an; Erszi dürfte eine schöne Frau sein, die Luxus schätzt und das Gefühl verwöhnt zu werden, aber auch ihr wird zuviel daß Mihaly Eva noch immer liebt und wenig eigenen Antrieb hat; Zoltan ist bürgerlicher und brilliant-durchtriebener Geschäftsmann der zwar nur seinen Geldes wegen geschätzt wird, Erzsi aber trotz seiner Seitensprünge immer noch liebt; Eva dürfte eine wunderschöne charismatische und eigenwillige Frau sein, die nach der tiefen Verbindung zu ihrem Bruder auf der Suche nach einem ebenso zu tiefen Gefühl ist; Ervin ist die Figur die am extremsten handelt und ändert als er vom Judentum zum Katholizismus übertritt, der Liebe zu Eva abschwört und statt dessen weiser charismatischer aber leider körperlich kranker Franziskanermönch wird; Janos ist ein unsympathischer etwas provozierender Mensch; Millicent beglückt Mihaly einige Zeit lang und ist als dummes reiches aber liebenswertes Geschöpf geschildert; Sarí eine Freundin von Erzsi hilft ihr in Paris zu überleben, und ist bodenständig und humorvoll gezeichnet; Waldheim, ein Studienkollege von Mihaly ein Wissenschaftler über Religion/Spiritualität der gut lebt, Frauen liebt, und Mihaly hilft einiges an Werten wieder zusammenzurücken.

Auch wenn sich die vielen Ungarn nur in Italien und dann in Paris treffen, spielt der Roman hauptsächlich in Italien. Es wird die Toskana mit ihren Kulturschätzen, Landschaften und Klöstern und später Rom mit dem Trastevere Viertel, Friedhöfen, Hügel mit Amphorenscherben, billigen Tavernen + Hotels und einfachen bis armen Menschen geschildert. Bei den Beschreibungen in Italien gibt es schöne Passagen in den das Licht daß durch die Landschaft fällt erzählt wird.
Realistisch wird in dem Roman angesprochen, daß man Geld zu zahlen der Lebensnotwendigkeiten braucht und wie Erzsi in Paris überlebt, wie sich Mihaly durchs Leben in Italien schnorrt und die Winkelzüge von Zoltan und Janos laufen bis zum Vater Mihalys der plötzlich auftaucht, alles zahlt und dann den Sohn nach Budapest retour nimmt.

Der Roman ist schön geschrieben. Der Autor nimmt sich die Zeit Szenerien zu beschreiben ohne sich zu hetzten aber auch ohne langatmig  zu werden. Immer wieder sind schöne für heute fast bisserl altvatrische Worte verwendet (ob das an Autor oder Übersetzerin liegt kann ich nicht entscheiden), die die Stimmung sehr schön einfangen.

Für Leser und Leserinnen die sich die Zeit für ein Buch nehmen können und wollen, ist das Buch genau richtig. Viel Freude damit !

Antal Szerb  wurde am 1. Mai 1901 in Budapest geboren. Er studierte in Graz klassische und moderne Philologie und in Budapest Hungarologie, Germanistik und Anglistik. Zuerst arbeitete auf Studienreisen in Italien und Frankreich, dann in London; später als Lehrer für Ungarisch und Englisch. 1937 schaffte er es zu habilitieren, und auf der Uni zu lehren bis er zum Arbeitsdienst verpflichtet wurde. Er wurde am 27. Jänner 1945 im Lager Balf (Gebiet Sopron-Fertöd/West-Ungarn) erschlagen.
Als Schriftsteller schrieb er unter seinen eigenen Namen und auch unter dem Pseudonym A. H. Redcliff. 1934 erschien seine 'Ungarische Literaturgeschichte', 1938 seine Romantheorie, 'Die Suche nach dem Wunder. Umschau und Problematik in der modernen Romanliteratur' (unter dem eingedeutschten Namen Anton Szerb). 1941 wurde seine Literaturgeschichte der Welt veröffentlicht.

Dienstag, 31. März 2015

Terry Pratchett : "The Amazing Maurice and His Educated Rodents"

Terry Pratchett :
"The Amazing Maurice and His Educated Rodents"
2001 Doubleday, Random House Childrens Books, London
2002 Corgi Book, Random House Childrens Books, London
262 Seiten + Authors Note
ISBN 978-0-552-54693-5

Dieser Band ist der 28. aus der Serie der "Discworld", dem Universum von Terry Pratchetts Fantasy Welt. Es gibt keine Gestalten aus den anderen Discworld-Büchern weshalb es angenehm war dieses Buch zu lesen.

Maurice ist ein vier Jahre alter kampferprobter roter Kater, dem ein Ohr fehlt und der mehrere Narben aufweist. Als er plötzlich mit Ratten kommunizieren kann, beschließt er keine sprechen könnende mehr zu fressen und baut mit diesen sprechenden, denkenden Nagern inklusive dumm dreinschauenden jungen Mann mit Flöte einen Plan 'a la Rattenfänger von Hameln'  auf und sie reisen sich bereichernd durchs Land. Bei den Ratten entwickelt sich nicht nur das Sprechen, sondern auch das Hinterfragen von ethischen bis philosophischen Werten und sie beschließen einen letzten Coup. In diesem Dorf ist allerdings alles anders - die Menschen sind arm, Essen ist rar, und Rattenfänger ziehen durch das Dorf ohne daß auch nur eine Ratte zu sehen oder zur riechen ist. Nach und nach entdecken die Ratten, der junge Mann Keith, der Hilfe durch die märchensüchtigen Bürgermeisterstochter Malicia hat, und der Kater daß die Rattenfänger sich am Essen bereichern, Kampfratten für Ratten-Hunde-Kämpfe züchten und sich eine 'Rat King' mit böser Macht gebildet hat.
Am Ende geht alles gut aus und Kater, die gebildeten Ratten und der Bürgermeister tüfteln einen gigantischen Marketing-gag mit den Ratten aus, von dem alle in Dorf etwas haben.

Kater Maurice ist ein selbstständigen auf Überleben bedachter Vierpföter, dem das Philosophieren der Ratten manchmal auf die Nerven geht; er findet meist Argumente um doch seine Ansicht durchzusetzen. Er kann rekapitulieren, daß er eine Ratte gefressen hatte, die giftigen Abfall der 'unseen university' gefressen hatte; dadurch hat er mit Menschen und Ratten sprechen gelernt.

Die Ratten sind phaszinierend unterschiedlich geschildert; ihre Machtstrukturen sind die gewohnten rättischen die auf Größe und Stärke aufbauen: der stärkste Rat' ist 'Hamnpork', dem das Hinterfragen und viele Denken etwas zu viel ist, was er zu verstecken versucht. 'Dangerous Beans' ist eine fast blinde Ratte, der Denker der Gruppe der einzige der dem bösen Denken des 'Rat King' Spider etwas entgegensetzen kann. 'Peaches' schreibt die Gedanken von 'Dangerous Beans' auf, und führt ihn bei Bedarf. 'Darktan' ist der Führer der Kampftruppen, der grandios die Stärken und Schwächen der Gruppen einzuschätzen weiß, aber seine Verantwortung als Führer erst lernen muß. Eine unterhaltsame Ratte ist 'Sardines', der sich einen Strohhut gebastelt hat und lieber tänzelt als geht; damit bringt er Menschen zum Schreien oder Lachen ! 'Nourishing' ist auch eine hilfreiche gescheit kleine Ratte.
Es gibt auch heftig philosophische Elemente, wenn das Wesen der "Ratte" und das "warum" hinterfragt wird.
Die nicht sprechen-denkenden Ratten werden herablassend 'keekees' genannt.

Keith der dumme jungen Mann, wird als Mensch genutzt; witzig finde ich Malicia beschrieben, die alle Märchen gelesen und gelebt hat. Sie hat eine große Tasche mit viel Zeugs bei sich - das manchmal auch brauchbar ist. Entzückend unterhaltsam ist die Szene in der der Bürgermeister und der Führer der Ratten einander das Leid über die Einsamkeit als Führer und Entscheidungsnotwendigkeiten klagen.

Die Szenerien sind ein Dorf, die Tunnels im Keller, dumpfe grauslich geschilderte Kellerräume die mit Rattenkäfigen vollgestopft sind.

Mir hat das Englisch sehr gut gefallen, auch wenn ich immer wieder Vokabel nachsehen mußte.

Mir hat die Geschichte, die Kommunikation der beteiligten Gestalten, und daß es ein humorvolles Happy-end trotz Kampfgeschehens gibt gut gefallen, sodaß ich das Buch Jugendlichen und Erwachsenen gerne empfehle.

Sir Terence David John "Terry" Pratchett, wurde am 28 April 1948 geboren und starb am 12 März 2015. Das erste Buch erschien 1971, 1983 erschien der erste 'Discworld' Roman "The Colour of Magic". Bis zu seinem Tod erschienen über 40 Bände, die in bis zu 37 Sprachen übersetzt worden sind. Er wurde mit den höchsten britischen Preisen ausgezeichnet. 2007 wurde eine Art Alzheimer diagnostiziert, die ihn am Ende dazu brachte seinen letzten Roman zu diktieren.

Samstag, 14. Februar 2015

Mo Yan : "Die Schnapsstadt"

Mo Yan :
"Die Schnapsstadt"
Roman
original "Jiuguo"
1992, Hungfan, Taibei
Deutsch von Peter Weber-Schäfer
2012, Unionsverlag Zürich
506 Seiten
ISBN 978-3-293-20563-5

Der Wunsch ein Werk des Nobelpreisträgers 2012 zu lesen ließ mich zu diesem Buch greifen. Gleich vornweg: ich hatte ziemliche Anstrengung mit diesem vielseitigen Roman über Alkohol, Gewalt, Alkohol, möglichem Kinder essen, Gewalt, Sex und Alkohol; sowie eigenartigen hierarchischem Bewußtsein und Stolz und gleichmachendem Kommunismus und Verehrung des großen Mao Tse

Drei Stränge gibt es in diesem Roman. Die Hauptgeschichte gilt dem Sonderermittler Ding Gou'er, der in die (Fantasie)-Provinz Jiuguo geschickt wird um dem Verdacht, daß hier hohe Verwaltungsbeamte Kinder essen würden, nachzugehen. Die Untersuchung ertrinkt im Alkohol. Unter anderem trifft Sonderermittler Ding Gou'er auf die Lastwagenfahrerin, die mit einem hohen Verwaltungsbeamten verheiratet ist, und genießt eine brutale Sexnacht mit ihr. Sie bringt ihn zu dem Zwergen Yu Yichi, der ein Spezialitätenrestaurant führt. Schlußendlich trifft der Sonderermittler auf einen alten Veteranen, der einen Heldenfriedhof bewacht, flieht vor Ratten und geht unter.
Parallel schreibt der Doktorand der Alkoholkunde Li Yidou Briefe an Mo Yan, in denen er um Rat und auch Unterstützung ersucht. Er organisiert das Affenschnaps-Festival und bringt seinen verehrten Mentor dazu, dieses zu besuchen.
Li Yidou schreibt Geschichten, eigenartige Geschichten; über Kinder die so gefüttert werden, daß sie gut verkauft werden können, über Schwalbennester aus dem Speichel der Vögel, die gekocht ebenfalls als Delikatesse erzählt werden, Spezialschnaps aus Früchten die von Affen gesammelt werden, über den Zwergen mit seinem Restaurant mit Esels-Spezialitäten und Geschichten über den alkoholkundigen Professor und Schwiegervater Yuan Shuangyu und seine wunderschöne Frau, die leider die begehrenswerte Schwiegermutter sei.

Die Geschichten haben mich inhaltlich abgestossen und mir sind das hierarchische Kriechen und Schleimen und dann wieder gleichtun ziemlich fremd. Allerdings ist das Buch spannend geschrieben oder genial übersetzt, denn es zieht in den Bann.

Sonderermittler Ding Gou'er wird zwar mit Respekt ausgestattet, geht aber in seinen erotischen Wünschen und Phantasien unter; er tritt gerne ihm untergebene Menschen oder solche die er als minderwertig betrachtet. Das bißchen vorhandene Liebe gelten kurz der Lastwagenfahrerin, und kurz vor dem Untergang seinem Sohn. Die Elemente aus denen der Zwerg Yu Yichi zusammengesetzt ist sind Macht, Genuß, erotische Ausstrahlung und Überzeugungskraft. Leider haben die beiden Frauen des Buches keine Namen, denn sie werden nur als 'Lastwagenfahrerin' und 'Schwiegermutter' geführt - im Gegensatz zu Konkubinen der alten Zeit deren Namen entweder für Raumgestaltung oder Schnapsbenennung herhalten.

Die englische Übersetzung lautet die des Titels heißt übrigens "the Rupublic of Wine".

Ich habe über an Jahr an dem Buch mit Unterbrechungen gelesen, und mußte mich immer wieder motivieren dieses eigenartige Werk komplett und fertig zu lesen; Unterbrechungen von kurzweiligeren, spannenderen oder nicht ganz so fremden Büchern waren willkommen.

In Summe ein durchaus beeindruckendes Buch, das vermutlich für Leser und Leserinnen, die mit Werten in China besser vertraut sind als ich, sehr zu empfehlen ist.

Mo Yan (was so viel heißt wie »keine Sprache«) ist das Pseudonym von Guan Moye. Er wurde 1956 in Gaomi in der Provinz Shandong geboren und entstammt einer bäuerlichen Familie. Seine Bücher wurden mit zahlreichen bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet. Spätestens seit Zhang Yimous preisgekrönter Verfilmung seines Romans »Das rote Kornfeld« gilt Mo Yan auch international als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Autoren der chinesischen Gegenwartsliteratur. Mo Yan hat 2012 den Literatur Nobelpreis gewonnen

Sonntag, 12. Januar 2014

Jesús Carrasco : "Die Flucht"

Jesús Carrasco :
"Die Flucht"
original "Intemperie"
2013, Verlag Seix-Barral, Barcelona
Aus dem Spanischen von Petra Strien
2013, J.G.Cotta'sche Buchhandlung; Klett-Cotta
201 Seiten
ISBN 978-3-608-98001-1

Der spannende Roman erzählt wie ein Halbwüchsiger, der aus einem Dorf verschwunden ist, durch die karge Landschaft mit wenig Versteckmöglichkeiten flieht. Er hatte geplant, aber auch sich verplant. Hilfe bietet überraschenderweise ein Hirte mit seinen Ziegen, dem Hund, und dem Esel. Er zeigt ihm wie man überlebt. Und er steht ihm bei und erduldet des Jungen wegen gemeine Folter. Am Schluß ist der Junge wieder allein.

Keine der Personen hat einen Namen: es sind der Junge, der Hirte, der Polizist, der Scherge, der Krüppel. Den Vater gibt es nur im kurzen Rückblick.
Warum der Junge geflohen ist und dermassen Angst vor dem Polizisten und seinem Bluthund hat, läßt sich nur aus kurzen Sätzen erahnen.

Ort der Handlung ist eine ausgedorrte Landschaft mit wenig Gestrüpp. Die Ziegen finden hin und wieder Nahrung. Eine Ruine spendet einige Zeit Schatten vor Sonne und Hitze.

Der Hirte zeigt Tricks und Wege wie ein Mensch überleben kann, wie er einfachste Materialien zu seinem Nutzen verarbeiten kann z.B. ein Gatter für die Ziegen bastelt. Er weist den Halbwüchsigen auf Gefahren des Wassers aus Brunnen hin.

'Intemperie' heißt Unbillen, Wetterunbillen bis obdachlos- lt. Internetdictionaire.

Der Roman ist dicht geschrieben und geht unter die Haut. Die Beschreibung des Terrors an dem alten Hirten sind heftig. Viel Überleben, einiges an Gewalt, aber die Suche nach etwas Zuneigung und Vertrauen wechseln sich ungleich ab. Ein intensives starkes Buch, das lange nach dem Zuschlagen der letzten Seite nacharbeitet. Sehr empfehlenswert !

Jesus Carrasco wurde 1972 in Badajoz geboren. "Die Flucht" ist sein erster Roman. Er lebt seit 2005 in Sevilla und ist Herausgeber einer Zeitschrift.

Donnerstag, 27. Juni 2013

Howard L. Anderson : "Albert - Ein glorreiches Schnabeltier"

Howard L. Anderson :
"Albert - Ein glorreiches Schnabeltier"
Roman
original "Albert of Adelaide"
2012, Twelve, New York
aus dem Amerikanischen von Georg Deggerich
2013, Ullstein Buchverlage GmbH
260 Seiten
2 Seiten Vorwort und 1 Seite Mitwirkende
In den Buchinnenseiten Karte Australiens mit der Route von Albert
ISBN 978-3-550-08894-0

Als ich das Buchcover mit einer Zeichnung eines aufrecht sitzenden Schnabeltieres (Platypus) mit Hut und Flasche unter dem Arm sah, habe ich gedacht hier eine nette posierliche Geschichte lesen zu dürfen. Nett und posierlich ist der Roman nicht, sondern eine Geschichte von Tieren mit sehr menschlichem Verhalten, einigen Toten aber doch einem Sieg des "Guten".

Der Titelheld Albert ist aus dem Tiergarten in Adelaide ausgebrochen weil ihm das Leben dort, mit geplantem Essen, dummen Menschengesichtern und keiner Rückzugsmöglichkeit auf die Nerven ging. Leider hat er auf dem Weg ins "alte Australien" zu wenig Flüssigkeit in die Wüste mitgenommen. Jack, ein Wombat in Mantel, mit Pistole, Teeblättern und Sardinenbüchsen rettet ihn. In einem Schnapsladen in einer Stadt lernt Albert die beiden Bandicoots (Nasenbeutler, die Ratten ziemlich ähnlich sehen) Roger und Alvin kennen - zwei eher unverläßliche Zeitgenossen. Als Jack den Schnapsladen und irrtümlich die halbe Stadt niederbrennt, erklärt das Känguru, dem der Schnapsladen gehörte und der ausgewiesener Beuteltierfreund (also Schnabeltierfeind) ist, Albert zum Feind und läßt ihn steckbrieflich suchen. Albert und Jack trennen sich sicherheitshalber. Albert gerät in den Hinterhalt zweier Krimineller : des Possums Theodore und des Wallabys Bertram. Wallabys haben einen schlechten Ruf in Australien - auf Bertram trifft er zu. Albert wird von TJ gerettet. TJ ist ein kämpferischer, auf Sauberkeit bedachter Waschbär aus Chicago, der sich irrtümlich auf ein Schiff nach Australien gerettet hat. Daß er kämpfen kann, sichert ihm den Respekt der Dingos die sonst wenig Respekt vor anderen haben und Feinde auffressen. In einer Schlacht kämpfen der Schnapsladenbesitzer und die zwei Kriminellen mit Wallabys gegen Albert, TJ, Jack, die Dingos und Muldoon. Muldoon ist ein tasmanischer Teufel (was eh schon selten ist) und ein legendärer Kämpfer. Er ist ein ehemaliger Freund von Jack, der versucht hatte bei einem Kampf mit Feuer zu helfen und so sich und seinen Freund gefährdet und ziemlich verletzt hatte. Nach der Schlacht, bei der 'die guten' siegen, gibt es einige Tote zu betrauern, TJ sucht sich ein Schiff um wieder nach Chicago zu fahren und Albert sucht weiter das "alte Australien".

Die eher skurrile Geschichte ist gut zu lesen, bzw. lief bei mir als Zeichentrickfilm vor meinem geistigen Auge ab. Die Charaktäre sind tw. schön gezeichnet. Manche bleiben flach. Als Versuch kleine 'happy ends' zu schreiben sind in dem Roman wenn Jack und Muldoon an ihre frühere Freundschaft wieder anknüpfen, bzw. TJ nach einer ziemlichen Keilerei von seinen Freunden wieder geheilt wird. Auch Weichheit und Verrat haben Platz in den Beobachtungen.

Böse beobachtet ist wenn das Schild vor dem Schnapsladen beschrieben wird, in dem nur Beuteltiere Eintritt haben. Albert kann mit einem Trick hinein. Böse ist es auch wenn Albert entdeckt, daß die Kriminellen Possum & Wallaby das Wasser der Dingos vergiften und er als wasserliebendes Tier dieses nur abscheulich finden kann.

Es ist keine wirklich nette Geschichte, aber Menschen die Australien kennen und mögen durchaus zu empfehlen.

Sonntag, 7. April 2013

Carlos María Domínguez : "Wüste Meere"

Carlos María Domínguez :
"Wüste Meere"
original "mares baldíos"
2005, Carlos María Domínguez
aus dem Spanischen übersetzt von Elisabeth Müller
2006, Eichborn AG, Frankfurt
158 Seiten
ISBN 3-8218-5774-9

In diesem Buch sind sieben wunderschöne dichte Erzählungen abgedruckt, die sich alle mit dem Thema Wasser, Fluß oder Meer beschäftigen. Allen Geschichten ist für mich auch eine Art von Laissez-faire oder auch Toleranz eigen - man läßt dem anderen sein Tun. Die Geschichten sind dicht und schön geschildert, und gehören zu den wenigen Erzählungen die ich gerne gelesen habe und nicht mit dem Gefühl übrig geblieben bin, um einen Teil quasi betrogen worden zu sein.

In 'Johnnys Bekenntnis' lernt ein junger Uruguayer mitten unter seinen argentinischen Schwimmkollegen den großen Star Johnny Weißmüller kennen. Als alternder Star gibt er Masterclasses für die schwimmbegeisterte Jugend. Bei einem Wettschwimmen läßt der Junge den Alten gewinnen, weil er es braucht. Das Idol bekommt Risse, aber mit Menschlichkeit kommen die beiden auf neue Ebenen.

In 'Der Baum mit den Reihern' wird eine winzige Insel mit einem Baum, einer miserablen Hütte, einem Menschen und vielen Reihern von einem Orkan heimgesucht. Obwohl Orkane gewohnt, ist diesmal die nassen und windigen Elemente doch stärker als gewohnt. Der Mensch versucht Hütte und sich zu retten, verliert die Hütte aber überlebt. Die Reiher müssen ihn zwischendurch wärmen.

'Mancuso' ist ein alternder berühmter Pirat. Er versucht mit seiner Crew ein Schiff, das auf eine Sandbank gelaufen ist, zu heben und sich des Guts zu bemächtigen. Der Versicherungsbetrug des Eigentümers inkl. dessen machtvolle Vernetzungen sind stärker als er und seine Crew. Mißtrauen steigt, der Ruhm ist am Ende dahin. Die Mafia hat gesiegt.

'Die Falle im Sand' erzähltvon einem Schiff, das gute und schlechte Frachten gehabt hat und bereits mehrere Namen getragen hatte. Der Kapitän versucht das zu verheimlichen, denn Schiffe mit vielen Namen haben einen schlechten Ruf. Als sie auf einer neuen Sandbank des Rio Plato auflaufen (die Sandbänke sind hier tückisch und flexibel), werden ihm und seinen drei Leuten das Wohl des Schiffes anvertraut. Versicherungen, Beamte, Eigentümer streiten wie es weitergehen soll. Die Crew hält das Schiff bei einem Orkan. Später wird das Schiff gesichtet - es hat wieder einen neuen Namen.

In 'Delta' erzählt ein alter Mann gegen paar Schnäpse die Geschichte eines Mannes der Frau und Kind am Gardasee verläßt um wieder am Wasser zu arbeiten. Er schließt sich Marcia Brooke, einer Piratin in den Flüssen an. Als es durch die Entwicklung immer schwerer wird mit Piraterie Erfolg zu haben, zieht sich die Gruppe zurück. Der Sohn taucht auf und findet statt dem ersehnten reichen Vater ein Wrack, das sein Hirn durch zuviel Alkohol vernichtet hat. Als der Sohn geht, läßt er eine Schachtel zurück - ein Finger mit einem Ehering.

In 'Brände' erzählt ein ehemaliger erster Schiffsoffizier wie er im Irakkrieg auf einem imponierenden hochmodernen Tanker, der mit Inertgasen fährt (unbrennbar), bei einem Überfall und anschließender Panik, leider einen Menschen tötet/töten muß um die Hierarchie aufrecht zu halten. Er rettet damit das Schiff und die vielen Menschen an Mord. Reederei, Ministerium, alle anderen sprechen ihn von Verantwortung frei - nur er kann sich nicht verzeihen und zieht ans Land, mit Blick auf die großen Schiffe im Hafen.

'Eine aufrichtige Unterhaltung' findet zwischen einem polnischen Maschinisten (Mirko) und einem lateinamerikanischen Offizier (Adrede) bei einer Flasche Grappa statt. Jeder spricht nur seine Muttersprache. Sie sprechen von Zweifeln, alten Geschichten und alten Lieben. Keiner versteht die Wort, nur die Mimik. Am Schluß entdecken sie einen erfrorenen Chinesen (blinder Passagier) in der defekt geglaubten Klimaanlage an Bord und wickeln das Geheimnis in beider Fremdsprache (englisch) ab.

Die Geschichten sind zwischen 15 und 20 Seiten lang. Nur die letzte Erzählung braucht fast 30 Seiten.

Alle Geschichten habe ich gerne gelesen, und nach dem fertigwerden etwas nachwirken lassen. Es ist keine Hektik, sondern Gelassenheit vorherrschend.

Die Landschaften und Zustände des Wassers sind schön geschildert. Die handelnden oder erzählenden Personen gut vorstellbar. Kein Knick stört.

In Summe ein sehr schönes Buch, das ich Menschen die sich entspannen und gleichzeitig mit den Gedanken reisen wollen, sehr empfehlen kann.


Carlos María Domínguez wurde am 23. April 1955 in Buenos Aires geboren. Er lebt seit 1989 in Montevideo, wo er als Journalist für Wochenzeitschriften und literarische Wochenendbeilagen, Literaturkritiker und Schriftsteller arbeitet.
Andere auf deutsch erhältliche Bücher von ihm sind : 'Das Papierhaus'. Erzählung. Eichborn Verlag, Frankfurt 2004 (Originaltitel: 'Casa de Papel', übersetzt von Elisabeth Müller); 'Die blinde Küste'. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 16. August 2010 (Originaltitel: 'Costa Ciega', übersetzt von Susanne Lange). Seit 1985 schreibt er Erzählungen und Berichte die in Verlagen aus Argentinien und Uruguay verlegt sind. 2002 erhielt er 2 einheimische und einen spanischen Preis, 2004 einen aus Darmstadt und 2005 den Preis der jungen Autoren in Österreich.

Donnerstag, 31. Mai 2012

Albert Sánchez Piñol : "Im Rausch der Stille"

Albert Sánchez Piñol :
"Im Rausch der Stille"
2002, Edicions La Campana, Barcelona
aus dem Katalanischen von Angelika Maass
2005, S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt
Roman
246 Seiten
ISBN 3-10-061602-2

Ein Mann wird auf eine Insel inmitten der antarktischen Eisberge gebracht. Er soll dort für ein Jahr das Wetter beobachten. Der Wetterbeobachter, der abgelöst werden soll, ist nicht zu finden, dafür ein wortkarger Leuchtturmwächter. Das Schiff fährt ab. Der Kampf ums Überleben gegen eigenartige Wesen mit fischartigen Klaueen, die das Licht fürchten, und nur nächtens kommen beginnt.

Dank seines Vorlebens als irischer Untergrundkämpfer überlebt der Neuankömmling - bis ihn der andere Mann in den Turm läßt. Batís entpuppt sich als der frühere Wetterbeobachter, und geht in Strategien im nächtlichen Kampf gegen die - wie er sie nennt - Froschmänner auf. Eines der Wesen hat er trainiert: es warnt ihn vor den Angriffen, fängt ihm Fische Krebse und Muscheln und wird auch zu häuslichen und erotischen Zwecken eingesetzt.

Lange wird gekämpft - mit Gewehren, bengalischen Feuern und auch mit unter Mühsal ertauchtem Dynamit. Der Erzähler beginnt sich langsam mit dem weiblichen Froschwesen anzufreunden, und entwickelt über etwas ähnliches wie Zuneigung Interesse für die Wesen. Er beginnt aus dem Singen des Wesens zu interessieren - es entstehen einen Namen für die Wesen (Citauren) und dieses speziellen eine (Aneris). Und er beginnt mit den Kindern zu spielen.

Die Zusammenarbeit der beiden Männer bröckelt, Batis kommt um, ein neuer Wetterbeobachter wird abgeliefert und das Spiel beginnt fast von Neuem.

Die Männer werden charakterlich unterschiedlich geschildert: Batís Caffó, dem österreichische Nationalität angedichtet wird (was bei dem Namen ziemlicher Unfug ist) ist als ehemaliger Förster zwar den Umgang mit Natur gewöhnt, aber trotz Schach spielens kein Stratege. Der Erzähler ist zumindest ein Weg mehr offen, nämlich die Wesen als eigenständig zu verstehen, und in ihrem Handeln auch freundliches Tun zu suchen.

Spät beginnt man sich zu fragen, warum der Batís nicht die Chance ergriff von der Insel zu gehen. Die gleiche Frage stellt sich als der neue Wetterbeobachter kommt und der Erzähler die Chance zu gehen nicht erkennt /erkennen will.

Das Buch ist aus Sicht des neuen Wetterbeobachters geschrieben - Namen hat er keinen. Nur die anderen wie Batís, und Tom der Freund aus der Kinderzeit sowie sein alter Tutor etc.
Spannend finde ich die Hintergrundgeschichte aus Irland, in der beschrieben wird, welche Aufgaben er erfüllte und v.a. als dann endlich die Befreiung da war sich die neuen Menschen, denen er vertraut war, plötzlich wie die alten Machthaber benahmen.

Das Buch ist spannend, es zieht wie ein Tornado hinein und hat Zug bis zur letzten Seite.

Sonntag, 26. Juni 2011

Hanns P. Karr & Walter Wehner : "Rattensommer"

Hanns P. Karr & Walter Wehner :
"Rattensommer" - ein Gonzo-Krimi
1995, Haffmans Verlag AG Zürich
229 Seiten
1 Seite 'was noch zu sagen ist'
ISBN 3-251-30055-5

Das Autorenteam, das lt. Internet die Geschichten im Caféhaus oder sonst einem Lokal sitzend spinnt, erzählt als zweiten Teil einer Ruhrpot-Tetralogie, wie Herr Gonschakow, Spitzname Gonzo, mit seiner Kamera an einem heißen Sommer mit der üblichen Auftragsflaute um Aufträge kämpft und in ein Geschäft mit mörderischen Pornoaufnahmen verwickelt wird.

Gonzo fährt durch die Stadt den Polizeifunk illegal abhörend um irgendwo als erster Kameramann Aufnahmen zu machen, und diese dann so rasch wie möglich an Fernsehsender zu verkaufen. Er nimmt alles auf : verendende Tiere, Feuerausbruch inklusive. Zwischendurch verhilft er als Kameramann zu eher lustlosen Pornostreifen. Die Tierschützer beschäftigen ihn zur Dokumentation ihrer Aktionen.
Parallel ist die Polizei damit beschäftigt junge tote entstellte Frauen aus dem Fluß zu fischen.
Sie zwingen Gonzo zur Mitarbeit.
Letztendlich fliegt die Zusammenarbeit des Pornohändlers mit einem Polizisten auf, die miteinander sadistische Pornos gedreht haben. Die Mädchen waren aus Polen eingeschmuggelt worden. Der Fahrer dieser Mädchen hatte sich in eines davon verliebt - als er entdeckt wozu sie mißbraucht und getötet worden war, tötet er den Pornomann und der Polizist überlebt das danach angezündete Flammenmeer mühsam.

In dem Buch ist permanent irgendwo Actiooon. Die Menschen kämpfen alle mühsam ums Überleben - die Angestellten an der Würstchenbüde, Gonzo selber gegen diverse Inkassobüros. Zum Drüberstreuen gibt es Leutchens die behaupten Hitlers Schreibmaschine zu horten oder Goebbels Reden in Überlautstärke hören.

Wer ein Buch mit Drive, Spannung und viel 'Action' lesen möchte ist hier sicher gut aufgehoben. Liebesgeschichte findet keine statt, eher Hormonelles.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Rudyard Kipling : "Kim"


Rudyard Kipling :
"Kim"
1901 auf englisch erschienen
deutsch von Hans Reisinger
1981, Deutscher Taschenbuchverlag
13. Auflage 2007
328 Seiten
ISBN 978-3-423-12602-1

Das ist für mich ein wunderbares vielschichtiges Buch, eine herrliche farbenfrohe aktive Geschichte voll mit verschiedenen Religionen, Menschen aus verschiedenen Schichten.

Kim O'Hara ist ein Bub, der sich geschickt und intelligent durchs Stadtleben von Lahore schlägt, und in Mahbub dem wichtigen Pferdehändler einen Freund hat. Ein Lama aus Tibet taucht auf und erzählt daß er auf der Suche nach einem Fluß ist, der alle Sünden abwäscht. Kim beschließt sein Chela zu werden, indem er für den alten weisen Mann sorgen wird, und gleichzeitig das Land sehen wird.
Da Kim ein gescheiter, gewitzer junger Mensch ist, der rasch aufnimmt welche Wünsche, Flüche oder Verhaltensweisen erfolgreich sind, und auch verschwiegen ist, vertraut ihm Mahbub ein Schreiben zur sicheren Weiterlieferung an. Später erst wird klar, daß damit ein größerer Krieg und viele Tote verhindert worden waren.
Auf der Reise durch das Land sehen der Lama und Kim viele unterschiedliche Menschen, Gesellschaftsschichten, Religionen und Teufelsglauben, und erfahren weil der Lama als heiliger Mann gilt meist günstige Aufnahme (im Tausch gegen Segen, Schutz oder Horoskoplesen).
Als sie zu nahe an einen Trupp englischer Soldaten kommen, enthüllt sich, daß Kim irischer Abstammung und kein Inder ist. Ein Pater und ein Oberst setzten ihren Einfluß, daß Kim die ihm zustehende westliche Ausbildung erhält. Der Lama setzt seine Kontakte in Gang und schafft es, daß Kim auf die beste dieser Schulen kommt. Kim ist drei Jahre dort und lernt lesen, schreiben und die Kunst Karten zu zeichnen. In den Ferien zieht er mit Mahbub, dem Pferdehändler und Spion durchs Land, oder sucht mit dem Lama den heiligen Fluß oder wird bei Lurgan, einem Mann der Magie und der Edelsteine und der Heilmedikamente in die Kunst der Heilung eingeführt.
Danach enthüllen Mahbub und Babu/Hakim Kim, daß sie dringend seine 'spionistische' Hilfe im Norden Indiens brauchen, und Kim und der Lama machen sich auf den Weg in die Kälte und Schnee der Berge. Während es dem Lama als geborener Mann der Berge immer besser geht, hat Kim als flachlandgewohnter Mensch einige Anpassungsprobleme. Die beiden treffen dort auf Männer und es gelingt ihnen in den Besitz geheimer Berichte zwischen Rußland und anderen Stämmen und abtrünnigen Königen zum kommen und diese zu übergeben.
Zurück im Flachland bei einer scharfzüngigen reichen Sahiba, wird Kim wieder gesund gepflegt und der Lama erreicht nach Fasten und Meditieren Reinigung im Fluß und damit Erlösung seiner Sünden und auch der Menschen die er liebt.

Kipling beschreibt sehr schön Menschen, Kleidung, Charakteristika unterschiedlicher Religionen, Häuser in der Stadt oder am Land; er geht schön auf die Hitze im Süden des Landes ein, genauso wie auf Schnee, kalten Wind, verkarstet Gebirgszüge und deren tierische Bewohner; es ist faszinierend wie er dem Süden die großen Wasserbüffel und dem bergigen Norden die Bergziegen, kleinen Wollschafe und kleinen Kühe zuschreibt.

Auch wenn Kim der Hauptprotagonist ist, finde ich das Heilsuchen des Lamas faszinierend. Die Art wie er mit Medition, Fasten aber auch "Verdienst erzielen" durch das Senden Kims in die beste Schule an sich arbeitet. Als er in Zorn gerät weil ihn ein Mensch in den Bergen schlägt, verzweifelt er fast an der Schuld weil der nicht das Rad des Lebens akzeptieren kann.

Einziges Manko in dem Buch ist für mich, daß ich gerne eine Karte Indiens mit den wichtigsten Punkten dieses Buches im Anhang gefunden hätte.

Ich habe den Roman genossen : die Spiritualität, die Menschen, die Ziele, die Beschreibung von Landschaften und hoffe andere Leser genießen ihn genauso wie ich.