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Freitag, 7. März 2025

Nagib Machfus : "Cheops"

Nagib Machfus :
"Cheops"
Roman
original "Abath al-Aqdar"
1939, Salama Moussa
Aus dem Arabischen von Doris Kilias
2007 /3. Auflage 2024 Unionsverlag
Nachwort in der englischen Ausgabe unter dem Titel 'Khufu's Wisdom", 2003, American Universiry in Cairo Press
239 Seiten +  4 Seiten mit einem Nachwort Raymond Stock + 4 Seiten Nagib Machfus : Leben und Werk
ISBN 978-3-293-20380-8

Cheops wird vorausgesagt, daß sein Nachfolger Sohn des Ra-Priesters und nicht einer seiner Söhne werde, worauf er, sein Sohn und eine Gruppe Bewaffneter dies zu verhindern suchen. Das Schicksal trennt Mutter und Priestersohn Dadaf, der Priestersohn wird mit der Dienerin als eigenes Kind und sie als zweite Frau angenommen. Während die Halbgeschwister andere Wege einschlagen, zieht es den Dadaf zum Millitär, bei dessen Abschlußprüfungen er brilliert. Inzwischen lernt er eine junge Frau kennen, die sich als Tochter des Pharaos Miri-si-Anch entpuppt, weshalb beide auf Abstand gehen. Dadaf, der immer noch nicht über seine Abstammung Bescheid weiß, wird Heerführer und begleitet den Kronprinzen im Krieg gegen die Nachbarn. Als sich eine der Gefangenen als seine echte Mutter entpuppt, wird endlich seine Abstammung geklärt und Cheops muß den Wunsch des Schicksals akzeptieren.

Der Roman wurde vom ersten ägyptischen Verleger umbenannt in "die Absurditität des Schicksals". Dieser Roman ist der erste der Pharaonen Trilogie des Autors - die beiden anderen Bände heißen auf deutsch "Radubis" und 'Kefah Teba' (engl. 'Thebes at War'). 

Der Roman ist ziemlich geradlienig geschrieben, die Personen sind eher einfach beschrieben. Cheops ist als selbstbewußter und machtbewußter Mensch beschrieben; der Kronprinz als Mann des Krieges und des machtvollen Hinterhalts; der Wesir ist weise. Die Ersatzfamilie von Dadaf ist ähnlich einfach : der Quasi Vater ist ein gutmütiger Beamter, Dadafs Ersatzmutter ist liebevoll.

Mir ging beim Lesen dieses Buches die Vielfalt und Vielschichtigkeit der Figuren aus den anderen (und später geschriebenen) Bücher von dieses Autors ab;
trotzdem ein interessanter Roman.

Samstag, 19. November 2022

Khaled Hosseini : "Tausend strahlende Sonnen"

 

Khaled Hosseini :
"Tausend strahlende Sonnen"
original "A Thousand Splendid Suns"
2007, Riverhead New York
Aus dem Englischen von Michael Windgassen
2014, Fischer Verlag / Fischer TaschenBibliothek 3. Auflage 2018
560 Seiten + 2 Seiten Nachwort + 2 Seiten Danksagung + 12 Seiten Gespräch mit Khaled Hosseini
ISBN 978-3-596-52070-1

Mariam ist die uneheliche Tochter einer reichen Kaufmanns in Herat, die nach dem Tod ihrer Mutter, mit einem Schuster in Kabul verheiratet wird. Nach vielen Fehlgeburten ist die Ehe sehr unglücklich, in der Raschid seiner Frau die schuld für alles gibt, und zuschlägt.
In Kabul wächst Laila als jüngstes Kind und einzige Tochter nach zwei älteren Brüdern in einer Familie mit Universitätsprofessor heran, der an seine Tochter glaubt.
Mitte der 70-er Jahre sind in Afghanistan zumindest die Frauen der Reichen und gehobeneren Schichten halbwegs frei. Dann kommen die Russen, und Bürgerkriege der verschiedenen Stämme, bis die Taliban siegen und alle freier Denkenden entweder töten oder aus Landes zwingen. Lailas Eltern sterben kurz vor der Flucht bei einem Raketenangriff, Raschid nimmt das Mädchen auf - das schwanger von ihrem Uraltfreund Tariqu in die Ehe als Zweitfrau einwilligt.
Wie die beiden Frauen langsam aber stetig beginnen sich eine Art Freundschaft, und fast Geschwisterlichkeit aufbauen, vor allem als die Welt für Frauen rundherum immer kleiner und brutaler wird, liest sich faszinierend; Raschid bleibt immer der böse prügelnde Mann, der leider auch nicht einmal immer gut für seine Familie zu sorgen imstande ist. Als nach Jahren Tariqu aus dem benachbarten Pakistan zurückkommt, kommt es zum Eklat, den Mariam mit dem Leben bezahlt.
In  dem Buch gibt es Hoffnung da Laila, Tariqu und die Kinder wieder zurückkehren und Schulen für Mdächen möglich sind.

Ich habe durch dieses Buch sehr viel über Afghanistan und die verschiedenen Sprachen und Stämme gelernt. Dieses Buch zu lesen während in Afghanistan wieder die Frauen entrechtet sind, tut fast köperlich weh.
In einer Szene wird beschrieben, daß die ärztliche Versorgung für Frauen schlecht ist, weil sie nur für Frauen ist. 

Die Geschichte ist aus Sicht von Mariam und Leila beschrieben. Die Männer kommen mit ihren Sichtweisen nicht zu Wort (der Autor hat ein anderes Buch geschrieben, indem die Männer zu Wort kommen). Es wird sehr anschaulich beschrieben wie die Umstellung auf einen Dschador ist, wie welche Gerichte gekocht werden, wie das Leben der armen Menschen ist die viel improvisieren müssen.

Der Autor nimmt sich Zeit über die Schönheit der afghanischen, und auch später der pakistanischen Landschaft und Kultur zu schreiben. Die großen Buddhas, die später zerstört werden, bekommen einen besonderen Platz in dem Buch.

Der Titel ist eine Ode entnommen.

Die Ausgabe in eine entzückende kleine mit sonnengelben Cover, die gut in kleine Taschen paßt. Leider hat kein Glossar der afghanischen Ausdrücke Platz, was wenn man das Vokabular nicht kennt, sehr schade ist.

In Summe ein wunderbarer, intensiver (Frauen-)Roman, der sehr unter die Haut geht und berührt.

Dienstag, 11. Februar 2020

Camilla Läckberg : "Schneesturm und Mandelduft"

Camilla Läckberg :
"Schneesturm und Mandelduft"
original "Snöstorm och mandeldoft"
2007, forum Verlag Stockholm
Aus dem Schwedischen von Max Stadler
2013, Ullstein Buchverlag / List Taschenbuch
134 Seiten + Leseprobe für "Der Leuchtturmwärter"
ISBN 978-3-548-61176-1

Kommissar Martin Molin begleitet seine Freundin zu deren Fest mit deren Familie, wo ziemlich bald der reiche Großvater vergiftet stirbt. An Verdächtigen auf der verschneiten Insel, die wegen Schneesturms unerreichbar ist, mangelt es nicht. Jeder in der Familie hätte Chance und Motiv gehabt. Es gibt noch einen zweiten Toten, ehe der Kommissar es schafft das Rätsel um die Toten zu lösen - Sherlock Holmes sei Dank.

Ort der Handlung ist bei Fjällbacka.
Die Menschen in der Familie sind ein Gemisch aus zu weich für Geschäftsführung, spielsüchtig, selbstgefällig, verträumt, depressiv, egoistisch, sensibel, mit dunklem Geheimnis geschildert.
Der Kommissar selbst ist alleine auf sich gestellt, die Beziehung mit seiner Freundin ist abgelaufen.

Die Geschichte ist gut geschrieben, aber hat mich nicht mit Spannung eingefangen. Leider ist nur ein Erzählstrang. Mitraten nach dem Mörder ist möglich.

Jean Edith Camilla Läckberg Eriksson wurde am 30. August 1974 in Fjällbacka geboren. Sie ist Schriftstellerin. Ihr erster Roman ist 2003 erschienen; mittlerweile sind 15 Bücher zu verzeichnen.

Montag, 13. Januar 2020

Jonathan Safran Foer : "Extrem laut und unglaublich nah"

Jonathan Safran Foer :
"Extrem laut und unglaublich nah"
Roman
original "Extremly loud and incredibly close"
2005, Houghton Mifflin
Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens
2007, Fischer Verlag / Auflage November 2009
352 Seiten
ISBN 978-3-596-16922-1

Oskar Schell ist ein neugieriger, nicht einfacher Bub im Zentrum New Yorks, der damit fertig werden muß, daß sein Vater, der einzige Mensch der ihn beruhigen und gleichzeitig fordern kann, plötzlich nicht mehr da ist. Es entschlüsselt sich, daß Thomas Schell, der Vater, in den Zwillingstürmen zum Zeitpunkt der Flugzeugseinschläge war; er hat Nachrichten am Telephonantworter hinterlassen, die Oskar vor seiner Mutter versteckt. Er sucht ein verstecktes Zeichen seines Vaters, findet einen Schlüssel und das Wort Black, worauf er sich auf die alphabetische Suche nach den Blacks in New York macht. Ein älterer Mann begleitet ihn einige Monate lang. Im Haus gegenüber wohnt seine Großmutter, die Mutter seines Vaters, bei der später ein Mieter auftaucht. Dieser hilft Oskar und seiner Mutter mit dem Tod des Vaters/Ehemann fertig zu werden.
Parallel wird in das Leben von Oskars Großeltern in Dresden Ende des zweiten Weltkriegs erzählt. Oskars Großvater, der die Schwester von Oskars Großmutter liebte, die bei den Bombardierungen um Leben kam, und der durch die Geschehnisse die Sprache verlor. Er kommunizierte über Zeilen in Heften und seinen Händen und verschwand als sein Sohn auf die Welt kam. Die Großmutter, die in ihrer Liebe zweimal den Großvater Oskars in ihr Leben läßt.

Viele Abschnitte gingen mir beim Lesen unter die Haut. Die Stellen in denen die Sehnsucht des Buben nach der Ruhe des Vaters geschildert wird, wie er versucht den gefundenen Schlüssel als Rätsel zu begreifen (was schief geht) und die Beschreibungen der Brandbombenvernichtungen in Dresden.
Die Dialoge zwischen den Menschen, die manchmal sehr abgebrochen und assoziatitiv sind lesen sich beindruckend.

Es sind viele Photos in diesem Buch abgebildet, die in Beziehung zu dem Text stehen. Oskar findet für sich eine Lösung, die er in Photos umsetzt.

Auf der einen Seite ist die Figur des Oskar faszinierend wenn er "gugolplexviele" Erfinderideen hat, sachlich Probleme durchdenkt und mit seiner Begeisterung die wichtigsten Genies wegen Mitarbeit anschreibt. Auf der anderen Seite stelle ich mir das Leben mit ihm der Angst vor vielem hat, mit Tambourin (die "Blechtrommel" läßt grüßen ?) durch die Straßen geht nicht einfach vor.
Leider bekommt seine Mutter, die mit dem Tod des Ehemanns fertig werden muß, weniger Mitgefühl des Autors. Dafür der Großvater, der der großen Liebe nachtrauert, mit der Schwester der Liebe lebt und sich vor der Verantwortung für seinen Sohn entzieht, umso mehr.

Der Titel "Extrem laut und unglaublich nah" bezieht sich im Gegensatz zu meinen Erwartungen, daß es etwas mit den Flugzeugeinschlägen zu tun hat, auf das Erlebnis eines älteren Herrn Black, als dieser erstmals mittels Hörgeräten einen Schwarm Vögel als laut laut und nahe erlebt.

Dieses Buch ist mir bereits 2009 geschenkt worden, allerdings war offenbar erst jetzt der richtige Zeitpunkt um die Welt des kleinen Oskar Schell einzutauchen.

In Summe ein starkes Buch für das ich länger gebraucht habe, und sehr unter die Haut geht. Ich wünsche gutes intensives Lesevergnügen !

Jonathan Safran Foer wurde am 21. Februar 1977 in Washington, DC geboren. Er war zuerst Ghostwriter und Rezeptionist, bevor er beschloß Schrifsteller zu sein.
2002 erschien Foers Debütroman 'Everything Is Illuminated' ( dt "Alles ist erleuchtet 2003). 'Extremely Loud & Incredibly Close' ist sein zweiter Roman. 2009 erschien sein erstes Sachbuch 'Eating Animals' (dt. Tiere essen).

Samstag, 27. April 2019

Alan Bennett : "Die Souveräne Leserin"

Alan Bennett :
"Die Souveräne Leserin"
original "London Review of Books" oder auch "The Uncommon Reader"
2007, Forelake Ltd
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
2008, 2012, 19. Auflage 2017, Verlag Wagenbach Salto, Berlin
111 Seiten + 1 Seite Porträt des Autors
ISBN 978-3-8031-1254-5

Der Queen kommen ihre berühmten, aber etwas unerzogenen Corgis aus, und sie entdeckt einen Bücherbus und damit das Lesen. In dieser Liebeserklärung an das Lesen und Literatur, wird die Queen in die Welt der Bücher, der Phantasie, und der Geschichten gezogen. Die pflichtbewußte Dame beginnt ihre Termine etwas zu vernachlässigen und Bücher der Gesellschaft von Menschen vorzuziehen. Nach den ersten Buchempfehlungen des Bücherbusmannes, hilft ihr ein belesener Diener den sie aus der Küche geholt hat ihren eigenen Lesengeschmack zu entwickeln. Hofintrigen lassen nicht auf sich warten; manche gehen auf, manche werden zurück geschlagen. Die Gäste der Queen die bislang Smalltalk über Autos gemacht hatten, mußten sich überlegen welches Buch sie gerade lesen würden. Mit feinem Humor führt die Geschichte zur Überlegung, ob die Queen selbst zu schreiben anfangen sollte.

Das Buch ist liebevoll geschrieben. Mit Feingefühl ist das Leben, das Denken der Queen beschrieben, wie sich ihre Gedanken mit den Qualität der Bücher emanzipieren.
Am Hof lebende Menschen sind fast nur der Herzog mit seinen trockenen Kommentaren und ein ziemlich intriganter Sekretär beschrieben.

Es gibt kleine feine Betrachtungen über den Unterschied zwischen Lesen und Informieren, ob Literatur buckelt oder unabhängig ist, ob Lesen Bürgerpflicht sein sollte oder nicht, und die Überlegung, daß es schade ist so viele Autoren gekannt zu haben, ohne mit ihnen wirklich geplaudert zu haben. Ihr Versuch dies nachzuholen scheitert leider gründlich.

In Summe ein wunderbares feines Buch, das Anregungen zu vielen Büchern gibt. Viel Freude beim Lesen !

Alan Bennett wurde am 9. Mai 1934 in Leeds geboren. Als Sohn eines Fleischhauers konnte er dank eines Stipendiums Geschichte in Exeter studieren. Darauf folgte eine Professur in Oxford. Später wurde der Dramatiker, Regisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller. Er verarbeitete seine Krebserkrankung literarisch, und erhielt viele Auszeichnungen. Im den Buch ist der mit Hausschwein an der Leine abgebildet. 

Samstag, 27. Mai 2017

Jorge Bucay : "Komm, ich erzähl dir eine Geschichte"

Jorge Bucay :
"Komm, ich erzähl dir eine Geschichte"
original "Déjame que tu cuente ..."
1999, Editorial del Nuevo Extremo, Buenos Aires
Aus dem Spanischen von Stephanie von Harrach
2007, Fischer Taschenbuch Verlag
275 Seiten + 2 Seiten Inhaltsverzeichnis
ISBN 978-3-296-17092-0

Demian, ein junger Mann mit vielen Fragen, kommt nach Besuch bei einigen Therapeuten zu dem dicklichen Jorge, der ihm auf seine Fragen und Probleme im Alltag, mit Geschichten antwortet. Manche Geschichten sind zwei Seiten lang, manche auch länger - aber sie haben oft überraschendes Ende.

Die Geschichten sind aus vielen Kultur- und Religionskreisen der Welt - auch Saint-Exupery schaut ums Eck'. Oft ist ein weiser Mensch dabei, der Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Manche Geschichten bezaubern durch Humor, und erfreuen damit; andere bringen zu Nachdenken.

Die Kapitel über Lügen, sich-die-Welt-zurecht-biegen, Phantasiewelt-leben, Lügen-bringt-wem-was-? brachten mich zum Grübeln. Es geht um Liebe, Anerkennung, den Weg-finden, Erwartungen-zurückschrauben etc ...

Ich habe dieses Buch vornehmlich vor dem Einschlafen gelesen, da mir die freundliche Gelassenheit  gut getan hat. Manchmal schien es so, als sei so etwas wie Liebe zu spüren.

In Summe für mich ein wunderbares Buch. Diese Freude wünsche ich auch anderen Leserinnen und Lesern.

Jorge Bucay wurde am 30. Oktober 1949 in Buenos Aires, Argentinien, geboren. Sein familiärer Background ist kulturell gemischt, da er aus einer Familie mit arabisch-jüdischen Wurzeln stammt und in einem überwiegend christlichen Viertel von Buenos Aires aufwuchs. Er studierte Medizin und Psychoanalyse und ist heute einer der einflussreichsten Gestalttherapeuten des Landes.

Montag, 15. Mai 2017

Frank Tallis : "Vienna Blood"

Frank Tallis :
"Vienna Blood" - Volume two of the Liebermann Papers
2007, Arrow Books, U.K.
474 Seiten + 2 Seiten Acknowledgment and Sources
ISBN 978-0-099-47132-5

Auf deutsch ist der Kriminalroman unter dem Titel "Wiener Blut" erschienen. Der Titel bezieht sich auf einen Absatz in dem der Walzer dieses Namens gespielt wird.

Psychiater Max(imilian) Liebermann und sein guter Freund Inspektor Oskar Rheinhardt sind wieder auf der Suche nach einem Mörder. Die Lieblingsschlange des Kaisers in Schönbrunn wurde zerschnitten, drei Huren und ihre Puffmutter in einem Bordell bestialisch ermordet, ein dunkelhäutiger Diener erdolcht - Die Wien geht die Angst um. Zuerst wird ein Schlächter verdächtigt, aber die damals noch neue Technik einer Blutuntersuchung beweist, daß nur jede Menge Tierblut an seinen Kleidern ist.  Eine Aufführung der  "Die Zauberflöte" in der Staatsoper wird zum Schlüssel um endlich der Lösung nach zu kommen. Liebermann und Rheinhardt, die beide gebildete Mittelschicht mit verschiedenen Religionen darstellen, beginnen sich mit Kreisen zu beschäftigen die Ausländer, Zureisende, Andersfärbige, Andersreligiöse und Freimaurer zutiefst hassen. In einer Bibliothek kommt es zum Showdown mit Fechtszene.

Die Kriminalgeschichte ist großzügig geschrieben, in der Menschen, ihren Beweggründen und Bewegungen Raum gegeben wird, ohne zu kitschig zu werden.
Die Menschen sind unterschiedlichst.
Dem Titelgebenden Max Liebermann wird der meiste Platz eingeräumt: er ist verlobt und nicht wirklich glücklich. Fein wird beschrieben wie er damit umgeht, und wie die Gesellschaft mit seiner Entscheidung umgeht. Mir als Musikfan haben die Stellen in denen er Musik genießt bzw, mit dem Inspektor gemeinsam musiziert sehr gut gefallen. Als Psychiater sucht er auch den großen Freud auf. Neue Ideen werden entwickelt. Die Kapitel in denen er einen Patienten der in Liebe zu einer unerreichbaren Erzherzogin entbrannt ist schildert sind faszinierend; erschreckend eine altmodische Methode psychisch kranke Menschen durch Drehungen sogenannt zu kurieren.
Der Inspektor hat einen freundlichen Untergebenen, und einen mieselsüchtigen Vorgesetzten. Er selbst geht seinen Weg und versucht den Mord zu klären. Er ist ein wirklich guter Freund Liebermanns, der ihm als Mensch und Polizist zur Seite steht und seine Denkansätze zu schätzen weiß.
Die Künstler und Literaten aus dem deutsch-tümelden Bereich sind gut vorstellbar, auch wenn es fasziniert daß Menschen mit Hunde- oder Rattengesicht beschrieben werden. Künstler zerbrechen an ihrem Anspruch genial zu sein, aber zu bemerken, daß sie mittelmäßig sind. 
Die stolzen Uhlanen sind in dem Buch die Soldaten deren Benehmen mit Arroganz, Selbstgefälligkeit, und eigenartigen Werten mit Duellen und Ehrenmorden auffallen.

Es wird viel aus Wien beschrieben wie das Burgtheater, das Rathaus, die schwebende Straßenbahn, etc. Stimmungsmäßig ist festgehalten, daß die Freimaurer auch politisch bedroht sind, und sehr versteckt ihren Werten und Ritualen nachgehen müssen. Wien ist geographisch gut geschildert und als Wienerin sind die Wege und Strecken gut nachvollziehbar.

Die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten werden beschrieben. Max Liebermann lebt als gebildeter Mensch in seiner Schichte aber lernt viel aus anderen Leben durch seine Arbeit . Er erlebt auch die Oper in der Loge und genießt Gustav Mahler als Dirigent. Das Elend der Prostituierten, die verrauchten billigen Lokale sowie das Vegetieren der ganz Armen in den Kanälen unterhalb der Stadt wird bildhaft eingefangen.
Das Buch ist schönem reichen vielfältigen Englisch geschrieben. Ich habe jede Menge neuer schöner Adjektive und Redewendungen kennen gelernt (darunter einige Vokabel für 'durchsichtig').

Ich habe zwar länger an dem Buch gelesen, es aber sehr genossen. Viel Freude auch anderen Leserinnen und Lesern !
 
Frank Tallis, wurde am 1 September 1958in London geboren. Er ist klinischer Psychologe mit Spezialisierung auf Zwangsstörungen. Er schreibt sowohl Fachliteratur, als auch Kriminalgeschichten und Fantasyromane (diese allerdings unter dem Autorennamen 'F. R. Tallis')

Mittwoch, 9. November 2016

Rafael Cardoso : "Sechzehn Frauen"

Rafael Cardoso :
"Sechzehn Frauen" - Geschichten aus Rio
original "Entre as mulheres"
2007, Editora Record, Rio de Janeiro
aus dem brasilianischen Portugiesisch von Peter Kultzen
2013, S. Fischer Verlag, Frankfurt
312 Seiten
ISBN 978-3-10-010850-0

16 kurze Geschichten über Frau in Rio de Janeiro sind hier gesammelt. Die Frauen im Alter von 6 bis 93 sind aus allen Gesellschafts- und Einkommensschichten, verliebt -entliebt - verheiratet - geschieden - verwitwet, schwanger - kinderlos - mit Kind, reich - arm - arbeitssuchend, hetero- homo-erotisch, reich an Erfahrung bis naiv-freundlich.

Manche Geschichten sind lose miteinander verbunden, wenn einzelne Figuren nicht nur erzählen, sondern auch in anderen Geschichten vorkommen - z.B. Frau Yete, oder so wie ein Raffael/Raffa, ein attraktiver DJ mit grünen Augen, der durch das Leben einiger Frauen geistert, der aber nicht selbst zu Wort kommt.

Das Ende der kurzen Geschichten ist sehr unterschiedlich: bei manchen bleibt alles beim Gleichen, bei manchen dreht sich das Ende zu positivem Ende, bei anderen zerplatzen alle Träume bis keine Hoffnung übrig bleibt.

Leider kenne ich Rio überhaupt nicht weshalb ich die Hinweise auf das südliche Rio bei dem die Menschen anders, reicher, positiver, bunter, lebensfroher geschildert werden.

Skurril finde ich die letzte Geschichte von Ana, die als Stewardess Höhenkrankheit mittel Schokolade bekämpft. Cíntia ist eine wunderschöne aber gehbehinderte Frau - sie erzählt wie Männerfantasien bei ihrem Anblick auf Touren gehen, und wie sie zerfallen wenn sie humpeln beginnt; sie empanzipiert sich von der überbehütenden Mutter. Maria, pflegt mit ihren 93 die demente Schwester und muß mit einem jugendlichen unerfahrenen Einbrecher fertig werden, der nicht versteht, daß er als siebenter Einbrecher nichts mehr vorfinden kann. Auch die Geschichte von Renata hat Faszinierendes; da sie von ihrem Mann keine Aufmerksamkeit und keine Mutterschaft dank seiner Damenbesuche mehr erwarten kann, und sich beides von einer Zufallsbekanntschaft holt, wobei die Ehelüge aufrecht bleibt.

Die Frauen sind sehr gut vorstellbar beschrieben; die Erzählungen die tw aus der Ich-Sicht geschrieben sind ziehen in die Gedanken und Emotionswelt der Darstellerinnen hinein.
Viel Freude beim Lesen.

Rafael Cardoso Denis wurde am 4. Juni 1964 in Rio de Janeiro geboren. Er wuchs ab seinem fünften Lebensjahr in den USA auf und studierte Kunstgeschichte in USA, Brasilien und London; später wurde er Professor für Kunstgeschichte und Kurator von Ausstellungen. Er veröffentlichte sowohl Werke über brasilianische Kunst, als auch drei Romane.

Montag, 11. Januar 2016

Daniel Scholten : "Der zweite Tod"

Daniel Scholten :
"Der zweite Tod" - ein Fall für Kommissar Cederström
2007, Wilhelm Goldmann Verlag München
337 Seiten + 1 Seite Karte Stockholm Umgebung + 1 Seite Karte Stockholm
ISBN 978-3-442-46402-9

In diesem Kriminalroman aus Schweden mit sprachlichen Ausflügen nach Island und echten nach Ägypten und Spanien ermittelt Kommissar Kjell Cederström mithilfe seines Teams und manchmal seiner künstlerischen Tochter.

Das Team wird gebeten den Mord um einen charismatischen Altertumsforscher aufzuklären. Die verschwundene Geliebte wird gesucht, die ehemaligen Assistentinnen ausgeforscht, der Ruf der durch Fälschungen ruiniert worden war untersucht und vor allem den Forschungen um den Diskos von Phaistos nachgegangen. Sofi, das Computergenie in Cederströms Team, jagt einem 45-stelligen Passwort nach. Ein Sommerhaus geht in Flammen auf, eine Leiche wird entdeckt, Sofi in Kairo überfallen und einer schwedische Firma, die Firmen hilft Probleme zu bereinigen, auf den Zahn gefühlt. Schlußendlich ging es bei dem Mord am Forscher nur um Geld.

Den Personen der Handlung wird viel Platz gegeben.
Kjell Sederström ist Witwer, hatte eine Affäre mit Ida vor zehn Jahren gehabt, die wieder aufblüht. Er liebt Bücher, Archäologie und seine malende Teenagertochter Linda.
Linda hat durch Ida zu malen begonnen und eine genaue Maltechnik entwickelt. Sie hat ihre erste Beziehung mit einem älteren faszinierenden berühmten Maler, der sie unterstützt. Sie hilft beim Rätseln des Passwortes.
Sofi ist erst seit Kurzen im Team; sie war ein Ägypten gewesen und kann arabisch. Ihre Computerkenntnisse sind formidabel. Sie und Henning bringen Linda das Autofahren bei. Barbro ist schon länger in Cederströms Team. Sie hat eine Tochter Emilie. Henning ist der älteste des taktischen Teams das im Showdown am Ende gut zusammenspielt.
Ida wird Charisma zugeschrieben, zwei ehemalige Freundinnen des Opfer Mari und Kajsa sind unterschiedlich mal sehr weich und naiv und die andere zielstrebig und klar beschrieben; Fohlin als Chef einer Firma wird mit gelernter Gelassenheit und Soldatenfocus beschrieben.

Der zweite Tod heißt das Buch durch den Brauch der Ägypter, ihre Toten für das Weiterleben nach dem ersten Tod auszustatten. Erst wenn die Prüfung des Lebens negativ ausfällt stirbt die Seele wirklich- den zweiten Tod.

Die Fährte zur Entschlüsselung des Diskos führt einerseits in die kühlen Sommergebiete Schwedens, als auch für Sofi und Linda einige Tage nach Kairo. Oft sitzt Sofi aber auch nur dem Computer und grübelt.

An Liebensgeschichten werden drei unterschiedliche geboten. Kjell und Ida kommen wieder zusammen. Linda hat eine Affäre. Zwischen Babro und Henning könnte etwas werden. Als vierte könnte die des Mordopfers zur lange Zeit Verdächtigen gelten.

Als Hintergrund der Geschichte ist der fortwährende Schmuggel von Antiquitäten bzw. das Herstellen von Fälschungen beschrieben.

Nebenbei gibt es kleine Hinweise auf isländische Kultur, die mit dem Autor persönlich zu tun haben

Das Buch ist gut geschrieben und mir haben die Personen der Handlung gut gefallen. Der Krimi ist netterweise nicht so düster wie eines anderen wichtigen skandinavischen leider kürzlich verstorbener Kriminalromanciers.

Daniel Scholten wurde 1973 geboren. Er ist ein deutsch-isländischer Schriftsteller. Davor arbeitete er als Typograph und studierte in München Äygptologie und historische Sprachwissenschaften. Nebenbei beschäftigt sich Scholten auch mit skandinavischer Literatur (Isländisch und Schwedisch) und publiziert dafür auch zwei Literaturzeitschriften. Er hat auch einen Video-Podcast 'Belles Lettres', der sich  sich mit Sprachkunde und Stilistik befaßt und dem Zuschauer die eigene Urteilsfindung über diverse Elemente der deutschen Sprache ermöglichen möchte .
Ab erschienen 2007 die Kriminalromane mit Kommissar Cederström. Es erschienen von ihm auch Bücher zur isländischen Grammatik.
Seit 2012 lebt Scholten abwechselnd in Stockholm und München.

Samstag, 5. Dezember 2015

Andrea Isari : "Römische Rache"

Andrea Isari :
"Römische Rache" - ein Leda-Giallo-Krimi
2007, Piper Verlag Gmbh, München
227 Seiten + 5 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-492-25093-1

Dieser Krimi ist Band drei von mittlerweile vier Krimis mit Leda Giallo. Die etwas rundliche Mordkommissarin mit roten Haaren ist erfolgreich im Beruf, hat einen liebevollen Freund und Liebhaber und zwei Kinder.

Als ihr Sohn und sein bester Freund nach einem Fußballmatch von rechten Extremisten zusammengeprügelt werden und der beste Freund an den Verletzungen stirbt, beginnen die Ermittlungen zu laufen. Allerdings wird der Chef der rechtsextremen Gruppe ermordet aufgefunden, dann ein lebensfroher Immobilienbesitzer und am Schluß eine alte arme Frau - jeweils mit einem Buchstaben als Markierungszeichen. Nach Polizeiinternen Hickhack wird Leda kurzfristig beurlaubt, was sie nicht daran hindert weiter zu fragen. Am Schluß kommt eine historische Tatsache aus den Zeiten als unter Mussolini vielen Juden an den Kragen - inkl. Verrat in den eigenen Reihen - gegangen war, als Hintergrund für die aktuellen Morde ans Tageslicht.

Die Menschen sind sehr schön geschildert ! Leda Giallo liebt nicht nur netterweise Essen, sondern hat auch einen liebevollen und durchsätzungsfähigen Charakter; ihr Freund Paolo ist Journalist; dessen Mutter ist eine temperamentvolle Persönlichkeit, deren Verliebtheit von einem faulen Mann ausgenutzt wird/wurde; die junge Raffaela und Ugo sind in ihrem Polizeiteam; Claretta  war die Freundin des Extremisten Michele; Alessandro ist Tennislehrer und bemüht sich um Claretta; Ledas Vorgesetzter Libero wird positiv, während Presidente Raimondi als Gegenteil geschildert. Auch dem Leben der Ermordeten wird Raum gegeben.

Wie in vielen Italienkrimis ist auch hier von Essen die Rede. allerdings ist es hier nur sparsam eingesetzt und erwähnt die Spezialiäten aus Rom und Trastevere kurz und knackig.

Im  Nachwort wird erzählt, daß in Italien anders als in Deutschland und Österreich es weniger zur Aufarbeitung der Ungerechtigkeiten an Juden gekommen ist. Viele Immobilien, die zu einem Schleuderpreis erworben worden waren, wurden nie zurückgegeben. am 24. März 1944 wurden in Ardennes (?) aus Rache beliebige Menschen erschossen - hier waren Denunziationen von Juden dafür verantwortlich, daß viele Juden hier den Tod gefunden hatten.

Der Krimi ist gut und spannend geschrieben. Ich habe ihn zur Entspannung an einem Nachmittag quasi 'verschlungen' und kann ich gerne weiterempfehlen.

Andrea Isari, geboren 1954 in Koblenz am Rhein, studierte in Montpellier/Frankreich sowie in Freiburg und München. Nach ihrem 2. juristischen Staatsexamen wechselte sie in den Journalismus. Viele Jahre war sie als politische Journalistin in Rio de Janeiro, Bonn und Rom tätig.
Heute lebt und arbeitet die Autorin in Frankfurt am Main.

Sonntag, 13. Juli 2014

Juan Marsé : "Liebesweisen in Lolitas Club"

Juan Marsé :
"Liebesweisen in Lolitas Club"
Roman
original, "Canciones de Amor en Lolita's Club"
2005, Arete, Barcelona
aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
2007, Wagenbach Verlag Berlin
247 Seiten
ISBN 978-3-8031-3213-0

Raúl Fuentes ist frustrierter, zynischer Polizist, der zum Zuschlagen neigt. Als er zwei Frauen beschützt und dumme Motorfahrer zusammenschlägt, ist leider der Sohn eine mächtigen Mannes dabei. Er wird suspendiert und fährt zur Vater, Zwillingsbruder und deren Pferden in Galicien. Valentín, der Zwillingsbruder, ist der einzige Mensch dem er Zuneigung entgegenbringt - allerdings ist Valentín durch Probleme bei der Geburt geistig zurückgeblieben, dafür liebevoll und vorurteilslos. Er hat sich in eine traurige illegal eingereiste Prostituierte verliebt. Keiner kann ihm das ausreden. . Auch oder gerade Raúl mit seinem Haß und Verachtung auf und für alle Frauen - die Mutter hat sie beide verlassen - nicht. Valentín hilft in dem Etablissement als Koch/Kellner/Bote/Mädchen für alles aus. Ein Irrtum löst Valentíns Problem, das der anderen nicht.

Der Roman ist irgendwie spröde. Manchmal geht die Geschichte überhaupt nicht weiter, dann ist plötzlich Dynamik drin. Die Stellen in denen die beruflichen Unterhaltungsmädchen auf den Abend warten und nichts tun, ziehen sich mir etwas zu lange.

Die Menschen sind in ihren Träumen und Traumata gefangen. Raúl mit seinem Ansatz, daß alle Frauen Huren wären, der Vater der die Willkür der Franco-Ära nicht überwunden hat, die Mädchen die in die Fremde geschleppt wurden und denen es nun schlechter als vorhin geht, die Freundin des Vaters (die Raúls Ex-irgendetwas war) und nun den Haushalt der Männer schupft.

Kurz wird es politisch, als ein arrivierter Arzt und der Raúls Vater die sich aus alten Zeiten kennen und etwas schuldig sind, versuchen Raúl zu helfen. Die Frage nach den Werten in der Politik, gerade das diktatorische rechts und die Frage wie Demokratie funktionieren kann wird kurz angerissen. Wie paßt man hier seine Werte an, oder nicht ? und wie reagieren anderen darauf ?

Wer sich für Spanisches interessiert und einen eher mißmutigen Hauptdarsteller (Beschreibung im Buch : Herz wie ein Stachelsaurier) umgehen kann, dem wird das Buch vermutlich gut gefallen. Wer freundliche heitere Urlaubslektüre möchte, ist hier nicht gut aufgehoben. Mich hat das Buch angesprochen.

Juan Marsé ( geboren als Juan Faneca Roca; adoptiert Marsé) wurde 1933 in Barcelona geboren. Er arbeitete in einigen Berufen (Spanischlehrer, Übersetzter, Laborgehilfe, bei einem Goldschmied etc) und schrieb Filmskripten und für die Werbebranche. 1961 erschien sein erstes Buch, 1966 mit 'Últimas tardes con Teresa' (auf dt.: Letzte Tage mit Teresa) war der Durchbruch. 1973 wurde 'Si te dicen que caí' (auf dt. Wenn man Dir sagt, ich sei gefallen...), da es durch die spanische Zensur fiel in Mexico herausgebracht und brachte ihm einen internationalen Preis. Er erhielt 2001 den 'Premio Nacional de la Crítica' und für sein bisheriges Gesamtwerk den 'Premio Nacional de Literatura'.

Mittwoch, 22. Januar 2014

Preethi Nair : "Koriandergrün und Safranrot"

Preethi Nair :
"Koriandergrün und Safranrot"
Roman
original "One Hundred Shades of White"
HarperCollins Publishers, London
Aus dem Englischen von Karin Dufner
2007, Knaur Taschenbuch Verlag
374 Seiten
2 Seiten Glossar mit indischen Ausdrücken z.B. innerhalb der Familie und Gewürze & Essen betreffend
ISBN 978-3-426-63658-9

Das Buch birgt einen gut lesbaren, farbenfrohen, gut erzählten Frauen - Roman, den ich an einem Tag gelesen und genossen habe.

Die Geschichte erzählt von einer Familie die zuerst glücklich in Indien gelebt hat, dann dem Ehemann/Vater zu dessen beruflicher Entwicklung nach London folgte. Dort gab es denn Ernährer plötzlich nicht mehr und Nadili, die Mutter der beiden Kinder, war auf sich gestellt. Mithilfe von Freunden bekam sie ein Dach über den Kopf, Arbeit und auch dann die Ideen sich wieder dem indischen Kochen zu widmen. Mit ihren süß-scharfen Pickels kann sie sich und den Kindern endlich mehr zum Leben gönnen, und lernt Ravi, einen diesmal wirklich liebenswürdigen Mann, kennen. Saatchi, der Sohn, und Maya, die Tochter machen mehrmalige Übersiedlungen mit, und entwickeln sich kritisch mit. Am Schluß steht ein Happy End.

Der Roman ist aus Sicht von Nadili und Maya geschrieben. Nadili erzählt auch die Hintergründe des Lebens in Indien, und als ihr ihre Mutter das Kochen beibringt. Maya reist und sieht Spanien, USA und auch das aktuelle Indien, ebenso wie die Hütte in der ihre Großmutter gestorben ist.

Es ist eher ein Frauenroman, da Nadili, ihre Mutter, die Tochter Maya und Maggie, eine Irin, die es nach London verschlagen hat, beschrieben werden. Bei den Frauen werden die Entwicklungen genauer beschrieben. Bei den Männern sind nur Saatchi wichtig, und Ravi; der zwielichtige Vater von Maya und Saatchi, der nie Wort hält, kommt nicht gut weg.

In dem Buch werden Gewürze beschrieben, auch welche Mischungen die Pickels haben, aber richtig nachkochbare Rezepte fand ich nicht. Allerdings habe ich mir nach dem Fertiglesen ein Gericht mit Zimt und Koriander zubereitet, da es draußen kalt war.
Ob den Zutaten oder Gewürzen wirklich die Kräfte zukommen, die beschrieben werden, - Kräfte des Vergessens, Verzeihens, der Energie etc - ist mir nicht klar, aber es liest sich schön. Das Einzige das irritiert ist, daß von einem Gewürz namens Turmeric geschrieben wird - was Kurkuma ist.

In Summe ein einfach schöner Roman, der in der kalten Jahreszeit genau das Richtige zum Lesen war. Wer an kalten Abenden etwas unterhaltsames lesen möchte, ist bei diesem Roman durchaus gut aufgehoben. Viel Freude !

Preethi Nair wurde 1971 in Kerala/Indien geboren. Ihre Familie zog nach London wo sie auch jetzt lebt. Sie arbeitet als Unternehmensberaterin bevor sie ihren ersten Roman "Gypsy Masala" schrieb, den sie mangels Interesse der Verlage im Selbstverlag und Selbst-PR herausbrachte. 2008 veröffentliche sie ihren dritten Roman "The Colour of Love" (Duft der Farben), mittlerweile bei Harper Collins, London.

Mittwoch, 13. Februar 2013

Günther Zäuner : "Kokoschanskys Trip"

Günther Zäuner :
"Kokoschanskys Trip"
Faction-Thriller
2007, Kontrast Verlag, D - Pfalzfeld
276 Seiten + 5 Seiten Erläuterungen Wiener Idioms
ISBN 978-3-93528669-5

Obwohl der Journalist Kokoschansky im Titel steht (es gibt bereits vier andere Bücher mit ihm als Protagonisten), stehen für mich die Polizisten Thomas Petrenko und Bertram Oblacher im Mittelpunkt des schnell lesbaren Wiener Krimis.

Die Polizei wird zur Hilfe gerufen als mehrere Ärzte grausam und grauslich ermordet und einige Apotheker effizient erschossen aufgefunden wurden. Gemeinsamer Nenner ist das Drogenmilieu und damit der Zusammenhang zu diversen Drogensubstitutionspräparaten. Ein widerlicher, spielsüchtiger Journalist eines Billigblattes macht Stimmung gegen die Polizei. Parallel entdeckt Thomas Petrenko der in diesen Fällen in der Sonderkommission mitarbeitet, daß seine halbwüchsige Tochter Drogen probiert hat und droht in Prostitution und Drogen hängen zu bleiben. Letztendlich wird der Mörder tot gefunden. Grund war daß bei einem Substitutionsmittel stärkere und schwächere Mischungen an den Süchtigen 'ausprobiert' worden waren, die viele die aussteigen wollten den Tod brachten.

Interessant in dem Krimi ist der Ansatz, daß innerhalb der Pharmaindustrie verschiedene Stärken eines Medikaments ausprobiert werden - hier in dem Buch ohne Studie, ohne Ethik und einem russischen Geschäftsmann angedichtet. Ein gemobter Arzt und Wissenschaftler hat seine Unterlagen vor seinem Tod noch sichern können.

Machtspiele und Seilschaften funktionieren oder auch nicht, wenn der Polizist und Vater einem eher ungerührten Arzt gegenübersteht, der auf die Emotionalität des Vaters nur mit Anruf beim Minister und damit Probleme im Arbeitsbereich zu reagieren weiß. Hier gibt es ein happy end - einen Rücktritt.

Freundschaft und Hoffnung ist ein anderer Strang. Freundschaft als der Vorgesetzte von Petrenko Herr Oblacher zu diesem hält und gegen Intrigen von oben weiterarbeiten läßt. Hoffnung und Liebesgeschichte als der versoffene und verkokste Kokoschanwsky von einer - nona - jüngeren, intelligenten, loyalen und bildschönen Polizistin quasi gerettet und wieder auf ein Leben ohne Drogen zurückgeliebt wird.

Das Buch liest sich wie ein Actiontriller, wobei mir die Personenschilderungen auf der Strecke bleiben und einiges zu platt ist. Aber die Story hat Zug.

Dienstag, 5. Februar 2013

Ebertowski Jürgen : "Agentur Istanbul"

Ebertowski Jürgen :
"Agentur Istanbul"
(Eugen Meuniers dritter Fall)
Kriminalroman
2007 Rotbuch Verlag GmbH, Berlin
199 Seiten
2 Seiten Personen
ISBN 978-3-86789-002-1

Eugen Meunier, wird von seiner Ex Olga um Mitarbeit in ihrer Organisation "Agentur Istanbul" ersucht - seine türkisch und japanisch Kenntnisse sind gefragt. Daß er ein Aikido-Studio hatte,  aktuell immer noch unterrichtet stört nicht. Der Brotberuf als Journalist und Buchschreiber bringt nicht genug fananziell ein. Bei seinen Nachforschungen nach einem türkischen Übersetzer trifft er mit schlagwütigen Japanern zusammen. Die Geschichte spinnt sind weiter als seine türkischen guten Freunde, die auch sehr enge Geschäftsfreunde sind, ihn nach Istanbul einladen und dort in einem ziemlich blutgetränkten Show down einige Japaner, Türken ihr Leben lassen. Im Hintergrund waren eine geplante Erpressung vor der EM in Deutschland gewesen, Waffendeals, und Versuche mit Psychopharmaka, die willenlos und ausführend machen, gestanden.

Der Krimi ist rasch und gut zu lesen. Es ist einiges an Aktion drin. Welcher der Männer gerade mit welcher der Damen erotisch verbandelt ist, wer die Hauptfrau oder der Neben/Ersatzmann für welchen Mann / welche Frau ist ist nicht immer klar, aber für die Handlung nicht notwendig.

Für ein entspannendes Wochenende ist der Krimi gerade richtig. Viel Spaß.

Mittwoch, 4. Juli 2012

Annie Hruschka : "Schüsse in der Nacht"

Annie Hruschka :
"Schüsse in der Nacht"
erstmals 1914 erschienen
2007, Verlag Federfrei, Marchtrenk
Edition 'Alte österreichische Krimi-Meister'
216 Seiten
ISBN 978-3-9502370-4-7

Der unterhaltsame, gut geschriebene Rätselkrimi beinhaltet alle netten Inkredienzien eines etwas altmodischen Krimis - mit zeitlosem Mordmotiv.

Die Zwillingen Mara und Jolanthe sind wunderschöne junge Damen mit sehr unterschiedlichem Wesen und Charakter, leben daheim bei Vater, einem wissenschaftlich denken Ritter und ihrer hübschen jungen Stiefmutter, und deren Patenonkel der sich liebevoll um das Anwesen um das Schloß kümmert. Eine der Töchter hat einen Verehrer, was aber heimlich bleibt. Der Ritter wird erschossen aufgefunden. Polizei und Detektiv Silas Hempel machen sich auf die Suche nach Motiv und Mörder.
Während die einen Damen ihres Standes gemäß entweder vor der Wirklichkeit oder schal wirkender Verehrung davonreisen, findet die andere Trost darin den Gedanken des Vaters nahe zu sein. Während sich die Polizei auf einen Verdächtigen konzentriert, geht der Detektiv seinen Recherchen nach und löst am Schluß das Rätsel, indem auch so manche Existenz als sehr unehrenhaft und betrügerisch aufgedeckt wird.

Die Geschichte ist nett lesbar und vergnüglich geschrieben. Nur das sogenannte zarte Gemüt der Damen geht mir etwas auf die Nerven. Da sticht die klar kalkulierende Art einer der Schwestern ziemlich hervor.

Ort ist Kreuzstein bei Wien und es macht Spaß den Weingärten bei Wildgrube, Schreiberweg und Heiligenstadt gedanklich nachzugehen.

Die Personen sind anschaulich geschildert - sei es eine einfache Frau im Schloß, der treue Diener des Herrn, die liebevolle Tante des Verdächtigten, der herrlich kochende Hausdrachen des Detektivs. Mobiliar und Häuser ebenfalls. Der Film lief vor meinem geistigen Auge ab.

Im Summe ein sehr nettes Buch (nett ist österreichisch, nicht deutsch gemeint), das gut unterhält. Ich kann den Krimi und das gemütlich eintauchen in eine andere Zeit gut empfehlen.

Frau Annie Hruschka lebte in Östereich, und hat 15 Kriminalromane geschrieben - die meisten unter dem Pseudonym Erich Ebenstein. Leider habe ich nicht herausfinden können, ob das auch bei diesem Krimi der Fall war, und welcher der Erstverlag war.

Samstag, 28. April 2012

Guillermo Martínez : "Der langsame Tod der Luciana B."

Guillermo Martínez :
"Der langsame Tod der Luciana B."
2007 erschienen
original "La muerte lenta de Luciana B."
Aus dem Spanischen von Angelica Ammar
2008 Eichborn AG, Frankfurt
192 Seiten
ISBN 978-3-8218-7200-1

Der Roman beschreibt eine starke Geschichte zwischen zwei Schriftstellern und einer Frau. Es ist keine Liebesgeschichte zwischen drei Menschen, sondern läßt weil zwei komplett verschiedene Sichtweisen von Situationen erzählt werden, einige Fragen offen.

Luciana, eine junge attraktive Frau arbeitet als Sekretärin, sie tippt nach Diktat, für einen gerühmten Schriftsteller. Kloster - er ist nur nur seinen Nachnamen präsent. Während er verreist ist, wird Luciana an einen anderen Schriftsteller mit Gips in Schreibhand über den Verlag vermittelt. Dieser Schriftsteller ist namenlos und beschreibt den Roman in Ich-form, mit seinen Gesprächen/Gedanken/Reflexionen.

Zehn Jahre nach der Aushilfe meldet sich Luciana und ersucht um Hilfe. Es sind mittlerweile ihr Freund, ihre Eltern und auch ihr Bruder verstorben. Sie beschreibt dem Erzähler wie es möglich ist, daß hinter all diesen Todesfällen Kloster steckt/stecken kann. Auf ihr Ersuchen besucht der weniger erfolgreiche Schriftsteller den mittlerweile hochberühmten Bestseller-Schriftsteller um seine quasi Gegendarstellung zu erfahren, die prompt erfolgt. Ob am Ende das Böse siegt, wer oder was das Böse ist oder sein kann, oder ob doch ein zartes happy End mit anderen Menschen möglich ist, sollte selber nachgelesen werden.

Die Geschichte ist spannend. Ich habe den Roman immer wieder zusammengeklappt um mir die Darstellungen und Antworten darauf durchzudenken.
Die Figuren sind klar gezeichnet, leben aber vor meinem geistigen Auge nicht. Eher habe ich das Gefühl ich höre die Geschichte erzählt. Nervig finde ich das Matcho-getue, daß eine Frau letztendlich daran beurteilt wird, ob und welchen Busen sie hat und ob deshalb Liebe möglich ist oder nicht.

Auf die geschilderte Umgebung schien mir weniger geachtet, nur den Urlaubsort Gsell in Argentinien nachgelesen, da mir der Name fremd gewesen war.

Der Roman arbeitet nach. Ich empfehle ihn gerne weiter, weil er mich beim Lesen fasziniert hat.

Freitag, 13. Januar 2012

Teresa Solana : "Mord auf katalanisch"

Teresa Solana :
"Mord auf katalanisch" - ein Barcelona-Krimi
2006 bei Edicions 62 in Barcelona
"Un crim imperfect"
aus dem Katalanischen übersetzt von Petra Zickmann
2007, Piper München Zürich
2 Seiten Stadtplan auf den beiden Innencovers
1 Seite Spezialitäten
271 Seiten
ISBN 978-3-492-04951-1

Barcelona im Winter. Das Brüderpaar Eduard und 'Borja' nennt, betreiben miteinander eine Detektei und erledigen meist - erfolgreich und diskret - Seitensprung-Angelegenheiten. Diesmal verdächtigt ein Politiker seine Gattin des Seitensprungs, da ein bekannter Maler ein Bild von ihr gemalt hat. Beweise findet das Brüderpaar keine, aber sie sehen viele Gespräche der verdächtigten Dame mit Menschen, die sie meist unglücklich zurück läßt. Am Weihnachtstag wird die Dame vergiftet aufgefunden.
Die beiden Detektive gehen einiges Spuren nach, und lösen letztendlich den Fall. Polizei und Presse lösen den Fall anders, aber die Detektive sind mit dem Ausgang zufrieden.

Ein zwei-seitiger Epilog erzählt im Kurzüberblick wie sich das Leben einiger Beteiligter über die nächsten Jahre weiterentwickelt.

Die Personen und ihre Umgebung sind detailliert und mit Freude zum Detail geschildert.
Eduardo ist verheiratet, hat 3 Kinder und ist ehemaliger Bankangestellter und Buchhalter. Sein Zwillingsbruder Pep, nennt sich Borja und hat sich einen fantasievollen Nachnahmen zugelegt - er ist der Schillernde und Faszinierende des Duos; aber da sich die beiden nicht ähnlich sehen, funktioniert die Geschichte mit der beruflichen Freundschaft sehr gut.
Am besten hat mir die Schilderung einer niveauvollen Dame der reichen Oberschicht mit viel Humor, Macht und Intelligenz gefallen. Böse sind die Beobachtungen des Mordopfers das als eine wunderschöne aber durch extremen Ehrgeinz eher ungute Person geschildert wird. Die Frauen in dem Krimi sind sehr unterschiedlich - die etwas alternative Montse, die verheiratete geliftete erfolgreiche Geliebte, die überkandidelte Direktorin einer Schule. Die sonstigen Männer sind Politiker wie der Mann des späteren Opfers, ein Lehrer und ein fürsorglicher Butler.

Eine schöne Idee finde ich, daß das Portrait der Dame über ein Photo im Zug seinen Ursprung hat. Der Künstler hatte das Photo einer schlafenden Frau gemacht und dann - seinem Stil entsprechend - in wunderschöner Weise gemalt.
Gut gefällt mir, daß im Anhang auf einige gastronomische Spezialitäten Katalonien stehen. Ob man sich die Restaurant-empfehlungen am Ende des Buches ansehen will, ist Entscheidung des Lesers (ich habe es nicht getan).

In Summe finde ich das Buch gut lesbar, die Geschichte und die Menschen sprechen mich an und meine Erwartung im Winter ein Buch aus wärmeren Gegenden wärmt meine Seele wurde erfüllt. Viel Vergnügen beim Lesen !

Sonntag, 25. September 2011

Rosa Cerrato : "Das Böse Blut der Donna Luna"

Rosa Cerrato :
"Das Böse Blut der Donna Luna"
- Nelly Rossi ermittelt
2007, Fratelli Frilli Editori
"La maman de via del Campo"
aus dem Italienischen von Verena von Koskull
2010, Aufbau Taschenbuch
387 Seiten
ISBN 978-3-7466-2661-1

Meine Erwartungen waren : ein schöner dicker Krimischmöker der mich unterhält und fasziniert. Vorneweg : diese Erwartungen wurden erfüllt und der Krimi hat mich in den Bann gezogen; die dezenten Informationen betreffend genuesische Essensspezialitäten habe ich genossen.

Dottoressa Nelly Rosso ist Commisario und eine lebhafte rothaarige Frau, die mit  Sohn Maurizio (Mau) und den drei Katzen Minni, Silvestro und Pippo in Genua lebt.
Mitten im tropenheißen Sommer werden Leichen von enthaupteten jungen schönen Frauen gefunden - ohne Kopf und eigenartig drapiert. Der erste Verdächtige muß entlassen werden, da wieder kopflose Frauenleichen gefunden werden - was den mediengeilen Polizeichef ärgert. Ein Profiler, der aus Amerika nach Italien zurückübersiedelt ist, wird um Verstärkung des Polizeiteams gebeten, was die interne Polizeipsychologin eifersüchtig stimmt. Eifersucht auch deshalb weil sich Nelly mit dem Polizeivize, einem blendend aussehenden höchst charmanten aber beziehungsunfähigen Mann auf freundschaftlicher Ebene bestens versteht und er auch ihre Entscheidungen innnerhalb der Polizei meist unterstützt. Eine Frau, die aus Senegal kam, tw. Frauen hilft, aber auch etwas zwielichtig ist, hilft Nelly mit ihren Zauberkräften (Vodoo ?) ihren Instinkt zu unterstützen und daß am Schluß bei dem besessenen Mörder überlebt. Am Ende sind eigentlich viele Leichen zusammengekommen inkl. einer übereifrigen Journalistin, einem Geistlichen der eine Organisation zur Unterstützung Jugendicher aufgebaut hat, und einem Anwalt der ebenfalls in dieser Organisation mitarbeitet.

Es ist eine starke Geschichte, bei der es vor Menschen, ihren Schicksalen und Einstellungen/Gefühlen wimmelt: Der Sohn dessen Freundin schwanger ist, und beide vor der Matura stehen. Der Polizist dessen Frau ihn nach langen Jahren verläßt weil sie endlich ein Kind will. Die Polizistenkollegin die endlich die Karriereleiter etwas hinauf möchte. Eine Organisiation von wohltätigen Damen, die Ausländerinnen zu Hungerlöhnen einstellen und wie Sklaven arbeiten lassen. Hilfreiche Polizisten und solche die erst zum gelösten Fall erscheinen um das Lob der Medien abzukassieren etc etc etc.

Auf die Spannungen zwischen den Menschen wird genauer eingegangen - v.a. die zwischen Nelly und dem Profiler Alessandro. Erst am Schluß wird der Knoten entwirrt, der zeigt, daß seine Besessenheit (Mutter, Schwester, Mond) hinter den Morden steht - auch wenn er die meisten nicht selbst begangen hat sondern andere als Marionetten einsetzte.

Die tropische Sommerhitze in der Stadt ist greifbar und dicht geschildert, inkl. Wasserknappheit und Gesundheitsprobleme der Bevölkerung.
Nett fand ich die Nebenhinweise auf die ligurischen gastronomischen Köstlichkeiten - diese Liste inkl. Kurzbeschreibung hätte ich gerne nicht nur als Fußnoten, sondern zusammengefaßt am Anfang oder Ende des Buches nochmals nachgelesen.

In Summe ein gutes Buch, das ich trotz seiner Seitenanzahl empfehlen kann/muß.

Mittwoch, 14. September 2011

Tatjana Kruse : "Wie klaut man eine Insel?"

Tatjana Kruse :
"Wie klaut man eine Insel ?"
- Ein Borkum-Krimi
2007, Leda-Verlag, Leer, Deutschland
156 Seiten
3 Seiten 'Die Akteure und Aktricen'
1 Seite Vorwort
1 Seite Geleitwort für Borkumreisende
ISBN 3-934927-96-3

Flappsig wird hier beschrieben wie sich ein weinerliches Muttersöhnchen, das sich für einen Philosophen hält, auf einer norddeutschen Ferieninsel als Detektiv versucht.

Ein österreichischer Adeliger meint Ansprüche als Inselfürst zu haben. Ein Doppelgänger von ihm wird ermodet aufgefunden. Die Journalistenmeute erscheint. Ein Revolutzer glaubt daß er die Rolle Fidel Castros für Borkum übernehmen kann. Einige weibliche Personen versuchen die Aufmerksamkeit des Philosophen zu erringen. Die Ehefrau und die Geliebte des zukünftigen Inselfürstes probieren das Gleiche um seine adelige Person. Am Schluß stellt sich heraus, daß der Adelige die Morde begangen hat und die Ansprüche auf einem Spaß von Napoleon begründet sind.

Der Stil des Buches ist zwischen nett flappsig, nett respektlos und einiges ungut respektlos. Vermutlich ist das typisch norddeutscher Humor - tw. gut, tw. flappsig, tw. einfach nur fad.

Die Menschen sind allesamt ungut gezeichnet - ich habe leider keine einzige positive Gestalt gesehen, bis auf die Frau im Blümchenkleid die sich Humor bewahrt hat und den lebensunfrohen Philosophen ins Leben zurückküßt.

Dienstag, 5. Juli 2011

Eugenio Fuentes : "Das Herz des Mörders"

Eugenio Fuentes :
"Das Herz des Mörders"
Untertitel "Nur wer liebt, kann auch töten ..."
"Ein Fall für Ricardo Cupido"
original "Cuerpo a cuerpo", 2007
übersetzt von Roberto de Hollanda
2008, Goldmannverlag - Deutsche Erstveröffentlichung
400 Seiten
ISBN 978-3-442-46673-3

Ein schöner dicht geschriebener Detektivroman, mit verschiedenen starken Charakteren, die allesamt genau beschrieben werden. Am Schluß bleibt leise Traurigkeit, weil die Frage wie die Menschen weiterleben im Raum stehen bleibt.

Samuel, Kleinunternehmer der Altpapier sammelt und recycelt, macht bei der Beobachtung einer schönen Nachbarin mittels automatischer Kamera Photos in denen ein Bitbullterrier einen Teenager ums Leben bringt. Er löscht die Photos nicht. Ein Zufall gibt ihm die Chance die schöne Frau Marina kennen zu lernen. Deren Vater Camilo Olmedo ist Soldat und wird eines Tages erschossen aufgefunden. Seine Tochter glaubt nicht an Selbstmord und beauftragt Ricardo Cupido (und seinen Freund El Alkalino) hier nachzuforschen.

Camilo Olmedo hatte den Auftrag Kasernen auf ihre Wirtschaftlichkeit zu überprüfen und auch wie weit der aktuelle Stand des Heeres den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entspricht. Er hat empfohlen eine nahe gelegene Kaserne zu schließen, und sich damit einige Feinde gemacht (und damit 3 schöne Charaktere in Fuentes' Buch initiiert).
Die Mutter Marinas war an einer Schönheitsoperation verstorben. Ursache war ein kaputtes Gerät gewesen, das dem Anästesisten damit keine notwendigen Informationen gegeben hatte - Olmedo hatte eine zeitweise Suspendierung dieses Arztes von seiner Arbeit durchgesetzt. Seit einiger Zeit ist er mit Gabriela, der Mutter des verstorbenen Teenagers befreundet.

Fuentes nimmt sich Zeit für seine Darsteller und widmet fast jedem mindestens ein Kapitel : dem Obersten der Kaserne der nur noch mit Würde die Kaserne schließen möchte, zwei anderen Offizieren - der eine möchte nur noch nach Afghanistan (wo wirklich Krieg ist) und der andere sich zurückziehen um seinen dementen Vater zu pflegen, der Arzt der endlich wieder arbeiten darf und doch immer wieder von der 'alten' Geschichte eingeholt wird bis zum Noch-Ehemann von Marina, der als der rücksichtslose Filou geschildert wird wie ihn sein Schwiegervater befürchtet hatte. Zarten Raum hat die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen Marina und Samuel. Auch Ricardo Cupido, der seine Werte hinterfragt und sein Freund finden Platz sich zu entwickeln.

Daß Samuel die Photos auf denen der Hund einen Teenager umbringt nicht gelöscht hat, bringt den Tod von Olmede.

Die Personenbeschreibung gefällt mir sehr gut, sie ist klar aber der 'drive' der Handlung leidet nicht darunter. Die Orte sind auch klar skizziert von Strand mit Jugendlichen, bis elegantem Hotel, die Präzision und auch Melancholie der Kaserne bis zum Ausflug durch die Villengebiete.

Ein schönes Buch das gedanklich entführt - ich kann es nur empfehlen; ich überlege mir eine der anderen Detektivgeschichten mit Ricardo Cupido zum Lesen zu organisieren.