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Dienstag, 31. Dezember 2024

Orhan Pamuk : "Die weiße Festung"

Orhan Pamuk :
"Die weiße Festung"
original "Beyaz kale"
1985, Can Yayinlari, Istanbul
Aus dem Türkischen von Ingrid Iren
1990, Insel Verlag / 2008 Fischer Verlag Frankfurt a. Main
206 Seiten + 2 Seiten Glossar
ISBN 978-3-596-17762-2

Ein Manuskript wird gefunden : in ihm erzählt ein junger gebildeter Venezianer wie er von Türken im 17. Jahrhundert gefangen genommen wird und dort sein Leben verbringt. Zuerst hilft er Mitgefangenen mit seinen rudimentären medizinischen Kenntnissen und bringt sich Türkisch bei; er wird weiterverkauft und landet bei dem "Hodscha", einen neugierigen wissensdurstigen Mann, der ihm ähnlich sieht. Der Venezianer gibt ihm Stück für Stück sein Wissen weiter und gemeinsam bereiten sie ein Feuerwerk vor, da alle in Istanbul in Staunen versetzt. Um Einfluß auf den Padischa zu erlangen schreiben die beiden Bücher über exotische (oft italienische) Tiere die in Fabeln den unabhängigen Geist des Jungen entwickeln soll, damit er sich aus den Intrigen lösen vermöge. Der Hodscha wird oft gerufen um aus Träumen, Wolken und Tierverhalten die Zukunft hervor zu sagen. Manchmal ist der Venezianer in der verknechteten Zusammenarbeit der geistig Führende, manchmal setzt er sich als Ziel den Hodscha zu zerstören oder wenigstens zu deprimieren. Der Padischah hält den Venezianer für den wahrhaft Intelligenten, und holt ab später diesen zu sich, während der Padischah an einer Riesenkanone arbeitet. Bei dem Feldzug ist das riesenhafte Ding unbrauchbar; der Hodscha und der Venezianer wechseln die Kleidung, und der Hodscha macht sich auf den Weg nach Venedig  ........

Die Geschichte wird aus Ich-Sicht des Venezianers erzählt; er beobachtet, kommentiert, fühlt, und erzählt von dem Leben in Istanbul an dem er lange nicht teilhaben kann, es später aber doch möglich ist.
Die Überlegungen, und Ängste des Venezianers ziehen in den Bann; er ist sich jederzeit bewußt, daß jederzeit sein Kopf rollen kann und wird.

Die Beziehung zwischen Hodscha und den Venezianer ist vielfältig und kompliziert; sie wechselt von Herr-Sklave, Arbeitsgemeinschaft, Freundschaft, gemeinsamen und verschiedenen Zielen und bei dem Venezianer auch Verkauf seiner Seele und Werte, mit Ausnahme der Aufgabe des Christentums.

Das Buch zog mich in den Bann; mich haben die Sprache, die Intensität, die feinen Bilder, und die Beschreibung der menschlichen Beziehungen sehr angesprochen. 

Viel Freude beim Lesen dieses wunderbaren Romans.

Orhan Pamuk  wurde am 7. Juni 1952 in Istanbul geboren. Er wurde erster türkischer Schriftsteller 2006 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet.

Sonntag, 14. Juni 2020

Fulvio Ervas : "Nur der Spumante kann uns retten"

Fulvio Ervas :
"Nur der Spumante kann uns retten"
original "Pinguini arrosto"
2008, Marcos y Marcos Mailand
Aus dem Italienischen von Sylvia Höfer
2014, Piper Verlag
300 Seiten
ISBN 978-3-8333-0967-0

Ein Priester wurde in einem kleinen Ort ermordet. Inspektor Stucky wird ausgeschickt um zu ermitteln. Stuck befragt sich in diesem Ort den zusätzlichen Priester der auch Motorradfan ist, im Wirtshaus, und einen älteren Mann der autark und einsam lebt. Langsam tut sich ihm eine alte Geschichte auf in der die mächtige Familie de Zhol, die viel in Immobilien macht, eine schöne Frau erobert hat, und keiner Intrige ausweicht.
Parallel dazu wird er von drei aufdringlichen Nachbarinnen, die jeden Abend laufen gehen, einem brutalen Menschen der laufende Menschen anrempelt und dabei verletzt, auf die Spur gebracht.

Kursiv sind die Betrachtungen der rumänischen Pflegefrau für die demente Frau de Zhol eingefügt. Sie räsoniert über Pflege, Alter, Religion, die Würde des Menschen und wie schön die lateinische Sprache ist.

Leider konnte ich mit den meisten Personen der Handlung nichts anfangen. Der Inspektor bleibt für mich farblos, die Läufergemeinde plakatativ, den Nachbarinnen möchte ich nicht begegnen. Nur zwei Menschen sind für mich greifbar : Die Handpflegerin Frau Ferrand plaudert viel, hilft den Menschen gerne und durchschaut sie liebevoll. Signor Bressan lebt in der Pension als Aussteiger und bewirtschaftet sein Stück Land ohne Strom, und sonstige Annehmlichkeiten.

Leider tat ich mir mit dem Stil schwer, und habe mich mühsam durch das Buch durchgearbeitet. Schade, denn ich mag die Gegend um Treviso, und Venetien, und hatte mich auf den Roman gefreut.

Fulvio Ervas wurde am 23 Juli 1955 in Musile di Piave geboren. Er studierte Agrarwissenschaften und forschte über Tierhaltung, insbesondere bei Kühen. 2005 erschien sein erster Roman. Das Buch 'Se ti abbraccio non aver paura' aus 2012 ( dt.„Wenn ich dich umarme, hab keine Angst“ 2013) über den Autismus seines Neffen wurde ein internationaler Bestseller. 

Mittwoch, 21. August 2019

Keigo Higashino : "Heilige Mörderin"

Keigo Higashino :
"Heilige Mörderin"
Kriminalroman
original "Seijo no Kyüsai"
2008, Bungeisdunju Ltd Tokio
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
2014, J.G. Cotta'sche Buchhandlung
311 Seiten
ISBN 978-3-608-98012-7

Der Firmenchef Yoshitaka Mashiba teilt seiner Frau Ayane mit, daß er die Scheidung möchte, weil sie nicht schwanger wurde. Nach einer Nacht mit seiner Geliebten Hiromi, die die Assistentin seiner Frau ist, wird der tot aufgefunden. Polizeidetektiv Kusanagi ist von der Charme der Witwe fasziniert, seine Kollegin Utsumi mißtrauischer und schaltet den besten Freund des Detektivs, den Physikprofessor Yukawa ein. Im Stil von Inspector Colombo forscht dieser solange, bis der Trick mit dem Giftmord herausbekommt. Im Hintergrund recherchiert die Polizei, daß für Yoshitaka jede Frau die ihm seinen Kinderwunsch nicht erfüllen konnte, wertlos erachtet und gegen eine neue ausgetauscht wurde.

Die Geschichte springt zwischen den Personen der Handlung dem Inspektor, seiner Kollegin, der Witwe, der Geliebten, und dem Professor hin und her. Es geht ausschließlich um den Mord, es gibt leider keinen Nebenstrang in diesem Roman.

Polizeidetektiv Kusanagi ist der Ermordete mit seinem absoluten Wunsch und Verwendung von Frau als Gebärmaschine zutiefst unsympathisch, und sensibler als andere zu diesem Thema.
Yoshitaka Mashiba wird als gutaussehend und unterhaltend beschrieben, Witwe Ayane als schöne Frau mit Charisma, die Geliebte Hiromi blieb in ihren Beschreibungen nicht begreifbar.

Die Gespräche mit den Verdächtigen sind immer sehr höflich. 
Interessant ist die Beschreibung der Patchwork Kunst, die Ayane herstellt.

Der Roman ist spannend geschrieben. Gute Unterhaltung an einem Regentag !

Keigo Higashino wurde am 4. Februar 1958 geboren. Er begann bereits in der Schulzeit Kriminalromane zu schreiben. Später studierte er Elektrotechnik und begann 1981 als Ingenieur zu arbeiten. 1985 wurde ein Roman von ihm bei einem Preis ausgezeichnet , und seine Schriftstellerkarriere begann. Mittlerweile sind seine Kriminalromane Bestseller, einige wurden auch verfilmt.

Samstag, 27. April 2019

Alan Bennett : "Die Souveräne Leserin"

Alan Bennett :
"Die Souveräne Leserin"
original "London Review of Books" oder auch "The Uncommon Reader"
2007, Forelake Ltd
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
2008, 2012, 19. Auflage 2017, Verlag Wagenbach Salto, Berlin
111 Seiten + 1 Seite Porträt des Autors
ISBN 978-3-8031-1254-5

Der Queen kommen ihre berühmten, aber etwas unerzogenen Corgis aus, und sie entdeckt einen Bücherbus und damit das Lesen. In dieser Liebeserklärung an das Lesen und Literatur, wird die Queen in die Welt der Bücher, der Phantasie, und der Geschichten gezogen. Die pflichtbewußte Dame beginnt ihre Termine etwas zu vernachlässigen und Bücher der Gesellschaft von Menschen vorzuziehen. Nach den ersten Buchempfehlungen des Bücherbusmannes, hilft ihr ein belesener Diener den sie aus der Küche geholt hat ihren eigenen Lesengeschmack zu entwickeln. Hofintrigen lassen nicht auf sich warten; manche gehen auf, manche werden zurück geschlagen. Die Gäste der Queen die bislang Smalltalk über Autos gemacht hatten, mußten sich überlegen welches Buch sie gerade lesen würden. Mit feinem Humor führt die Geschichte zur Überlegung, ob die Queen selbst zu schreiben anfangen sollte.

Das Buch ist liebevoll geschrieben. Mit Feingefühl ist das Leben, das Denken der Queen beschrieben, wie sich ihre Gedanken mit den Qualität der Bücher emanzipieren.
Am Hof lebende Menschen sind fast nur der Herzog mit seinen trockenen Kommentaren und ein ziemlich intriganter Sekretär beschrieben.

Es gibt kleine feine Betrachtungen über den Unterschied zwischen Lesen und Informieren, ob Literatur buckelt oder unabhängig ist, ob Lesen Bürgerpflicht sein sollte oder nicht, und die Überlegung, daß es schade ist so viele Autoren gekannt zu haben, ohne mit ihnen wirklich geplaudert zu haben. Ihr Versuch dies nachzuholen scheitert leider gründlich.

In Summe ein wunderbares feines Buch, das Anregungen zu vielen Büchern gibt. Viel Freude beim Lesen !

Alan Bennett wurde am 9. Mai 1934 in Leeds geboren. Als Sohn eines Fleischhauers konnte er dank eines Stipendiums Geschichte in Exeter studieren. Darauf folgte eine Professur in Oxford. Später wurde der Dramatiker, Regisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller. Er verarbeitete seine Krebserkrankung literarisch, und erhielt viele Auszeichnungen. Im den Buch ist der mit Hausschwein an der Leine abgebildet. 

Dienstag, 2. Januar 2018

J.K. Rowling : "Was wichtig ist"

J.K.Rowling :
"Was wichtig ist" - Vom Nutzen des Scheiterns und die Kraft der Fantasie
2008, "Very good lifes. The Fringe Benefits of Failure and the Importance of Imagination"
2015, published Little, Brown
Illustrationen von Joel Holland
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
2017, Carlsen Verlag Hamburg
   Seiten
ISBN 978-3-551-58777-0

In dem Buch ist eine Rede, die die berühmte Harry Potter Autorin bereits 2008 in Harvard gehalten hat abgedruckt. Ergänzt mit liebevollen rot-weißen-Illustrationen.

Bei dem Nutzen des Scheiterns bezieht sie sich darauf, daß sie echte Freunde dadurch kennen gelernt hat und auch sich auf ihren Traum, nämlich das Schreiben, konzentrieren zu können, was sie in einem normalen Job nicht gemacht hätte.

Leider ist für mich der Klappentext etwas irreführend, weil mir die Kraft der Phantasie zu kurz kommt. Mehr ist hier Augenmerk darauf, daß wir Menschen etwas darauf achten sollten, uns bißchen Mitgefühl für unsere Mitmenschen zu bewahren.

Beim Mitgefühl bewahren und etwas tun um anderen Menschen zu helfen, erzählt sie von ihrer Mitarbeit bei Amnesty International und damit Wissen über Menschenleben, das sie sonst so nicht gehabt hätte. Trotz all dem Schrecklichen, das sie dort gehört/gelesen hat, ist für sie das Positive und das Grundgefühl etwas Bewegen zu können überwiegend. Das Gefühl gibt sie mit.

Montag, 26. Dezember 2016

Andrea Schacht : "Katzen Weihnacht"

Andrea Schacht :
"Katzen Weihnacht"
2008, Aufbau Verlag GbmH
* "Die himmlische Weihnachtskatze"
2003, Rütten & Loening Berlin
* "Die Katze und der Weihnachtsengel"
2005, Rütten & Loening Berlin
99 Seiten + 107 Seiten
ISBN 978-4-746-2499-0

In dem Buch sind zwei Katzengeschichten, die beide um Weihnachten angesiedelt sind.
In der "himmlischen Weihnachtskatze" kommt eine bildhübsche dreifarbige Wunderkatze auf die Welt, die hier einem Mädchen verhilft, daß ihr Vater wieder liebevoll wird und eine neue Frau - die Katzen liebt - findet. Nebenbei erfüllt die Katze Wünsche, wird von dummen Buben gejagt und hilft dem schwarzen Kater auch zu einer liebevollen Familie.
In "Katze und Weihnachtsengel" fällt ein Engel aus den Wolken, verändert eine Großmutter ihr Leben und ein verwöhnter schwarzer Kater büxt aus weil er sich nicht mehr als Puppe verkleiden möchte. Erzengel Michael wird ausgesandt, den Engelbengel zu finden, der sich durch die praktische und nicht hysterische Hilfe der Großmutter überraschend gut auf der Welt zurecht findet und vielen Menschen und Katzen helfen kann. Als Gegengewicht ist auch ein böser Dämon auf der Welt, der allen schwarzen Katzen ans Fell möchte. Auch hier geht alles gut aus.

Menschen und Orte der Handlung sind gut vorstellbar, wobei den liebevollen Menschen etwas mehr Raum gegeben wird. Wie im klassischen Märchen geht für die 'Guten' alles gut aus, und die 'Bösen' nicht.

Die Darstellung des Himmels mit den Figuren auf den Wolken ist sehr unterhaltsam, wenn sie auch für puristische Christen zu frech sein dürfte. Für andere sind die Szenen zum Kichern einladend.

Es sind wunderbare Geschichten mit wunderbaren Katzen - 'Sternchen' als Himmelskatze stelle ich mir wunderschön vor. Die Geschichten sind gut lesbar und tun bei den Grauslichkeiten der Welt rundherum einfach gut. Viel Freude dabei - miau !

Andrea Schacht wurde 1956 in Schleswig-Holstein geboren. Sie studierte Werkstofftechnik und Betriebswirtschaft  und war anschließend im industriellen Großanlagenbau tätig. Seit 1992 widmet sie sich nur noch dem Schreiben - inspiriert durch einen schwarzen Hotelkater im Urlaub. 1994 erschien der erste Katzenroman, dann Roman deren Heldin im Mittelalter lebt. Schacht lebt in Wachtberg (Nordrhein - Westfalen).

Dienstag, 5. Juli 2016

Helen & Morna Mulgray : "Die Teneriffa-Connection"

Helen & Morna Mulgray :
"Die Teneriffa-Connection" - Lady Detektive Smith und Gorgonzola auf heißer Spur
original "Under Suspicion"
2008, Allison & Busby Ltd, London
Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer
2010 Bloomsbery Berlin
325 Seiten
ISBN 978-3-8270-0835-4

Schwungvoll wird beschrieben wie Lady Detektiv Deborah (Debs) Smith mit ihrer zerfransten roten Katze namens Gorgonzola wegen eines Mordes nach Teneriffa gerufen wird. Sie schleust sich - Dank ihrer Katze - bei einem Immobilienbüro für Top-Objekte ein, betreut mit exklusiven extravaganten Touren mögliche Kunden und kommt einem Drogenschmuggel auf die Spur. Sie übersteht sogar einen trickreichen Mordanschlag und die feine Nase der Katze führt zum Drogenversteck.

Es gibt zwar einige Leichen, trotzdem ist die Geschichte mit Humor und vielen unterschiedlichen Menschen unterhaltsam geschrieben. Deborah ist engagiert, fantasiebegabt, sportlich, hat eine komische Sache mit Jason hinter sich, und löst Probleme mit ziemlicher Flexibilität. Ihr Chef im Geheimdienst Gerry ist eher karg an Informationen, ihr Chef im Immobilienbereich ist ein kalter reicher Mann dessen einzige Zuneigung seinem Kater The Prince gehört. Während im Geheimdienst die wunderbare Jayne eine grandiose Fassade für ein Reisebüro aufgebaut hat, ist Deborah im Immobereich mit der bildschönen, kalten, intriganten Monique konfrontiert. Als Gäste stehen Deborah ein pingeliger Mann, eine neugierige Journalistin und als einzig netter Mensch eine Witwe gegenüber.

Die Orte auf Teneriffa sind Hafen, luxuriöse Hotels, halbwegs gemütliche Reihenhausanlagen, Berge und auch das Meer.

Am Ende ist alles gut, die bösen erwischt, so manchem netten Menschen geholfen, und auch den Katzen geht es gut. Viel Spaß bei diesem unterhaltsamen Kriminalroman, der in der Sonne spielt.

Helen und Morna Mulgray sind ein-eiige Zwillinge und wurden 1939 in Juppa/Edinburgh geboren. Nach ihrer Pensionierung als Englisch Lehrerinnen begannen sie zusammen Kriminalgeschichten zu schreiben. 2007 erschien der erste Roman "No Suspicious Circumstances"

Sonntag, 22. Mai 2016

Ingrid Noll : "Kuckuckskind"

Ingrid Noll :
"Kuckuckskind"
Roman
2008, Diogenes Verlag
334 Seiten
ISBN 978-3-257-24012-2

Anja Reinhold erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht. Sie überrascht ihren Mann mit einer anderen Frau, zieht in eine gräßliche Wohnung, läßt sich scheiden, ätzt mit ihrer Freundin Birgit, die auch an einem Gymnasium unterrichtet über ihre Mitmenschen, rafft sich auf, zieht in eine neue Wohnung bei einem Schüler und dessen Vater, beobachtet daß ihre Freundin schwanger ist und weiß daß der Ehemann nicht der Samenspender sein wird, und beginnt Fragen zu stellen. Am Schluß gibt es zwei Tote und eine etwas schräge aber glückliche sowie zusammengebastelte Familie inkl. Baby.

Der Roman ist herrlich lesbar. Die Personen im Lehrerzimmer sind aus dem Fundus aus Lehrenden Menschen gegriffen -  die Kommentare der Freundinnen frei von Freundlichkeit. Birgit die immer lustig und fröhlich herumwirbelt, ist es am Schluß gar nicht mehr. Wie Anja doch ihr Leben umgekrempelt bekommt, ihr Mutter wohlmeinend bis anstrengend eingreift, und wie sich das Leben mit dem Schüler und dessen Vater zum allgemeinen Wohlwollen entwickelt, spult sich schön sichtbar ab.

Die Schüler sind meist freundlich geschildert. Wirklich mühsame Gestalten sind keine dabei. Die Sorgen und Überlegungen so mancher vortragenden Person werden über Anja transportiert, wobei sie  mit Deutsch und Französisch und einer Vorliebe für schöne Sprache und Barock und Lyrik angelegt ist.

Das Thema Schwangerschaft, Nicht-Schwangerschaft, In-vitro-Fertilisation, Vaterschaftstest (auch heimlich) wird genannt inkl. aller seelischer Probleme, und gesellschaftlichem Echo.

Sprachlich macht es Spaß, wenn Anja für die Übersetzung von meterosexuell zehn verschiedene Vokabel aus drei europäischen Jahrhunderten zum besten gibt und in ihrem Wohnzimmer eine Recamiere (elegantes und gemütliches Möbel zum herumlümmeln) stehen hat, für die Besucher drei andere Wörter bereit haben. Oder wenn die Autorin das Sächseln (?) der Kollegenschaft Anjas in Lautschrift nachmacht.

In Summe ein wunderbares Buch nach einem mühsamen Arbeitstag oder um einen Regentag gut zu überstehen. Viel Spaß beim Lesen !

Ingrid Noll wurde am 29. September 1935 in Shanghai geboren und wuchs in Najing bis zu ihrer flucht dort auf. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte nicht fertig. Sie heißt verheiratet Ingrid Gullatz und hat drei Kinder. Viele ihrer Krimis spielen in Mannheim und Umgebung. 1991 erschien der erste Roman 'Der Hahn ist tot' . Ihre vermutlich bekanntestes Buch 'Die Apothekerin' erschien 1994 und wurde auch mit Katja Riemann in der Hauptrolle glänzend verfilmt.  Ihre Bücher wurden in 27 Sprachen übersetzt.

Donnerstag, 12. Mai 2016

Andrea Camilleri : "Die Tage des Zweifels"

Andrea Camilleri :
"Die Tage des Zweifels" - Commissario Montalbanos vierzehnter Fall
Roman
original "Letá del dubbio"
2008, Sellerio Editore, Palermo
Aus dem Italienischen von Rita Seuß und Walter Kögler
2013, Bastei Lübbe Köln
Bastei Lübbe Taschenbuch 17147
246 Seiten
ISBN 978-3-404-17147-7

Commissario Salvo Montalbano fischt bei einem Wolkenbruch eine junge Frau auf, die ihm einiges über eine Yacht erzählt. Die junge Frau erweist sich als Täuschung, einiges an der Yacht ebenso. Ein Toter mit kaputtem Gesicht taucht auf, und ein Matrose stürzt ins Meer ab, während sich der Commissario in die bildschöne Frau Leutnant Belladonna im Hafen verliebt (was durch Gegenseitigkeit nicht einfacher wird). Er kämpft gegen die Gefühle und die Midlife-Crises, schickt seine Kollegen Fazio und Mimí aus, ärgert sich über Catarella, hat Probleme mit seinen Vorgesetzten und versetzt letztendlich weltweiten Diamantschmuggel einen ziemlichen Schlag.

Basisgeschichte ist Diamantschmuggel, der hauptsächlich zwischen Afrika, Mittelmeerraum, und Holland stattfindet und Blutdiamanten reinwaschen soll. Menschenleben hat in diesem Business keinen Wert.

Montalbanos Midlife-crise nimmt ziemlichen Raum ein. Seine Beziehung mit Livia ist weiterhin telephonisch, aber die Anziehung zwischen ihm und Laura Belladonna (nomen est omen) ist in der Übersetzung sehr greifbar.

Der Roman wurde zwar 2008 geschrieben, hat Internet aber unterhaltsamerweise hat Montalbano kein Handy sondern hetzt sich nach Hause damit er dort bei seinem Festnetzanschluß abheben kann. Er hat auch noch keine Telephon-nummern-Erkennung, was einige komische Situationen erzeugt wenn er ohne zu wissen wer dran ist losdonnert.

Die gewohnten Kabbeleien im Kommisariat sind vertraut und die kulinarischen Schilderungen machen wie gewohnt Appetit auf Sizilien. Der Kriminalroman ist wie gewohnt gut geschrieben und gut lesbar. Viel Freude beim Lesen !

Andrea Camilleri wurde am 6. September 1925 in Porto Empedocle in Sizilien geboren. 1942 begann Camilleri für Theater und Rundfunk als Regisseur zu arbeiten. Er machte sich damit verdient, Werke von August Strindberg, Samuel Beckett, Eugene Ionesco und T.S. Eliot in Italien einzuführen. Von 1958 bis 1970  unterrichtete er am Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom. Von 1977 bis 1997 war er Professor an der Nationalakademie der Dramatischen Künste „Silvio D’Amico“. 1978 erschien sein erster Roman 'Hahn im Korb'. 1994 erschien der erste Roman mit dem sizilianische Commissario Montalbano 'La forma dell’acqua' , den er nach dem spanischen Schriftsteller Mauel Vazquez Montalban benannte. (1999 erschien dieser Roman unter dem Titel 'Die Form des Wassers - Commissario Montalbano denkt nach'. Die Kriminalromane mit Commissario Montalbano wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Camilleri ist verheiratet, hat drei Töchter und vier Enkel und lebt in Rom.

Sonntag, 4. Januar 2015

Julia Alvarez : "Die Mission der Isabel Gómez"

Julia Alvarez :
"Die Mission der Isabel Gómez"
Roman
original "Saving the World"
2006, Algonquin Books of Chapel Hill, New York
aus dem Amerikanischen von Elke Link
2008, Piper Verlag GmbH München
490 Seiten
ISBN 978-3-492-27132-5

Das Cover mit einem Selbstbildnis von Frida Kahlo hat mich zum Kauf dieses Romans gebracht.

Zwei Handlungsstränge, die zu verschiedenen Zeiten spielen, werden verwoben. In der Jetztzeit ist Alma die Hauptperson. Sie ist aus der Dominikanischen Republik, Autorin die sich mühsam durchgeschlagen hat bis sie der liebenswürdigen Richard mit Helferssyndrom in Vermont geheiratet hat. Sie ist lt. Selbstschilderungen mit dem täglichen Leben überfordert, besucht ihre liebe alte Nachbarin und hat eine ziemlich verrückte Aktivistin als Freundin. Richard wird in die Dominikanische Republik zu einer Klinik als Entwicklungshelfer geschickt. Dort wird er mit Patienten gekidnappt; leider geht diese Geschichte nicht aus.
Der zweite Strang erzählt die Geschichte in der Doña Isabel Sendales y Gómez, die 1801 in Galizien ein Waisenhaus mit Liebe, Strenge und Gottglauben führt. Don Francisco und sie gehen auf Befehl des Königs mit einigen Waisenknaben auf große Seefahrt, wobei das große Ziel Pockenserum über Impflinge zu entwickeln und so der Seuche Einhalt zu gebieten. Über die Kanarischen Inseln geht es über den Atlantik zu Inseln, Kuba, Venezuela, Mexico wobei der Empfang und die Freude sehr unterschiedlich bis enttäuschend ist. Doña Isabel reist weiter zu den Philippinen, die Jungen bleiben zurück. Sie kehrt zurück und sieht was inzwischen passiert ist ...

Alma und ihre Geschichte sind aus Erzählperspektive erzählt, während die Geschichte von Isabel aus allein ihrer Sicht wie eine Art Tagebuch an Farben gewinnt. Mir hat Isabel und ihre Erzählungen mit der Schiffsreise, der Unterschiedlichkeit der Menschen, der Ungeduld und Engstirnigkeit von Don Francisco, und wie sie mit den unterschiedlichen Buben umgeht besser gefallen. Alma und ihre Geschichte war mir zu farblos, bzw. mir ging diese Frau eher auf die Nerven.

Spannend waren für  mich die Abschnitte in denen Isabel ganz anderes Leben jenseits des Atlantik beschreibt. Sie beschreibt auch die Befreiungskriege um Pastor Hidalgo in Mexiko. Im Nachwort erzählt die Autorin wie sie den Spuren Dr. Balmins folgt und den Informationen, daß eine Frau für die Waisenknaben an Schiff war.

Die Beschreibungen des Kidnappings in der Dom.Rep und die eigenartigen Gruppendynamik der desorganisierten Jungs die die Zukunftslosigkeit leitet sind schön beschrieben. Die Amerikaner die hier auf Entwicklungshelfer machen sind entweder als Idealisten oder Geschäftemacher gezeichnet.

Warum ein Selbstportrait von Frida Kahlo, einer Mexikanerin, auf dem Cover eines Buches mit US-Amerikaner und Menschen der Dominikanischen Republik, landet, verstehe ich nicht; auch nicht ob es einen Zusammenhang zwischen den zwei Frauen in dem Buch und der beeindruckenden berührenden Malerin geben soll.

In Summe ein Buch, das meine Erwartungen nicht erfüllte. Andererseits fand ich die Geschichte mit den Pocken und den Kampf gegen diese Seuche spannend.

Montag, 1. Dezember 2014

Joann Sfar : "Die Katze des Rabbiners"

Joann Sfar :
"Die Katze des Rabbiners"
Text und Zeichnungen : Joann Sfar
Kolorierung : Brigitte Findakly
Sammelband 1
2008, Dargaud Verlag
2014, Avant-Verlag Berlin
146 Seiten
ISBN 978-3-945034-01-9

In diesem ersten Sammelband sind die ersten drei Geschichten von Joann Sfar zusammengesetzt.
  • <La Bar-Mitsva> (2001),  (dt.: Die Bar-Mizwa, 2004) 44 Seiten
  • <Le Malka des lions>s (2002),  (dt.: Malka, der Herr der Löwen, 2004) 46 Seiten
  • <L’Exode> (2003),  (dt.: Exodus, 2004) 46 Seiten

  • Kater Moujroum wohnt bei einem liebevollen rundlichen Rabbi und dessen schöner Tochter Zlabya im Algerien der 1920/30-er Jahre. Nach Verspeisen des nervenden sprechenden Papageis kann der Kater plötzlich sprechen. Als respektloser, hinterfotzig denkender Kater möchte der liebevolle Vater nicht, daß er seine Tochter beeinflußt. Der Kater verhandelt bis der Rabbi dem Studium der Thora, des Thalmuds etc. mit dem Kater zustimmt um mit einer Bar-Mitsva eine Prüfung zu bestehen. Der intolorante dünne Rabbi des Rabbi ist dagegen und verlangt die Tötung des armen Katzenviehs. Zlabya würde ihrem Vater das nie verzeihen und schlußendlich verspricht der Kater dem Rabbi mit seiner Tochter nicht zu sprechen ...

    Malka, ist der Cousin des Rabbi. Er kommt mit Charisma und Löwen aus der Wüste. Ein junger Mann aus Paris kommt zu Besuch; er wird Rabbi in der Nachbarschaft und verliebt sich in Abwesenheit des Rabbis in seine Tochter. Der Rabbi mit Kater trifft in der Wüste einen muslemischen Musiker mit Esel - sie singen miteinander und freunden sich an. Leider verliert Moujroum in diesem Band leider die Fähigkeit zu sprechen.

    Im dritten Band reist das junge Ehepaar mit Rabbi und Kater nach Paris. Zuerst irrt der kreuzunglückliche Rabbi durch die Stadt, campiert in einer katholischen Kirche (die Darstellungen der halbnackten Märtyrer und Märtyrerinnen schrecken ihn ziemlich) und genießt einen Abend lang unkoscheres Essen. Der Kater trifft einen netten Hund. Der Rabbi trifft sich mit seinem Neffen, dessen Stimme ein wunderbare Karriere versprochen hatte. Jetzt ist er Straßenkünstler und vermittelt dem Rabbi ein nicht den Regeln unterworfenes Lebensgefühl. Zurück in Algerien vermisst der Rabbi Paris und hält eine ziemlich entspannte Predigt sehr zum Staunen seiner Gemeinde

    Es ist viel Information über die mosaische Religion in diesem Comic verpackt. Nachdem mich der Inhalt immer mehr zu interessieren begann, habe ich weniger auf die humorvollen Szenen geachtet.

    Der Zeichenstil macht mich etwas nervös, weil er mir ziemlich unruhig scheint. Menschen und Einrichtungen wirken ruhig - sowohl er liebevolle rundliche Rabbi, als auch der dünne unliebenswürdige Rabbi des Rabbi, liebevoll ist auch die Tochter des Rabbis mit vielen netten Details in der Kleidung. Die Katze hat allerdings eine lang Schnauze, bei der ich mich manchmal frage ob hier nicht doch ein Dackel Pate gestanden ist - versiertere Menschen haben mich korrigiert und meinen Siam können so lange Nasen haben (sorry, keine der Siamkatzen die ich kannte sah so aus).

    Einzig in dem Traum in dem Kater und der Rabbi als ziemlich rundlicher Kater unterwegs sind, gibt es eine runde Katze. Der kleine Hund in Paris ist dem Kater sehr ähnlich. Gut gefiel mir der Löwe von Malka.

    Die Diskussionen über Gott, verschiedene Regeln, andere Religionen, was Toleranz ist bzw. sein kann bringen zu denken.

    Ein hochinteressanter Comic, der sehr empfehlenswert ist.

    Joann Sfar wurde am 28. August 1971 in Nizza geboren. Er studiert Philosophie und die schönen Künste in Frankreich. Die "Katze des Rabbiners" begann 2001 als Serie, 2011 wurde teilweise als animierter Spielfilm umgesetzt. Der Autor spielt auch ein Instrument - die Ukulele.

    Mittwoch, 20. August 2014

    Lea Singer : "Konzert für die linke Hand"

    Lea Singer :
    "Konzert für die linke Hand" - Romanbiographie über Paul Wittgenstein
    2008, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
    2011, Deutscher Taschenbuch Verlag
    448 Seiten  + 5 Seiten Epilog +5 Seiten Komponisten und Werke Paul Wittgenstein gewidmet +  1 Seite Familie Karl und Leopoldine Wittgenstein
    ISBN 978-3-423-21323-3

    Anhand des zweitjüngsten Sohnes und späteren Pianisten Paul Wittgenstein erzählt dieser Roman über das Familien- und Gesellschaftsleben des Heranwachsenden, den ersten Weltkrieg bis zum Zeitpunkt als der Wien/Österreich/Europa wegen der Machtnahme der Nationalsozialisten verlassen muß.

    Der dominante, erfolgreiche, einflußreiche Vater Karl diktiert das berufliche und private Leben seines Umfelds. Neun Kinder bringt ihm seine ihn verehrende Ehefrau Leopoldine (Poldi) auf die Welt. Ein Sohn verschwindet als Erwachsener, einer begeht Selbstmord und das Leben geht in engen Linien weiter. Der reiche Vater gönnt sich und der Gesellschaft die besten Künstler und unterstützt mit Aufträgen und Einfluß. Gegen die Doktrin, daß keines seiner Kinder selbst künstlerisch tätig sein darf setzt sich erst Paul mit seinem Wunsch Pianist zu werden durch. Der Vater stirbt vor Ausbruch des ersten Weltkrieges.
    Paul ist Offizier und geht nach Galizien und weiter, verliert seine rechte Hand und kurz darauf seine Freiheit durch russische Kriegsgefangenschaft. Erst 1916 wird er eingetauscht. Er ist von der Idee Leschetitzkys von der Möglichkeit auch mit einer Hand als Pianist Erfolg zu haben angetan, übt, spielt einschlägiges und beginnt nach dem Weltkrieg Komponisten nach Kammermusikwerken und Orchesterwerken zu beauftragen. Die Gesellschaft anerkennt seine Leistung an, die älteren Schwestern werden nicht müde sich für den jüngsten Bruder Ludwig (später Philosoph in Oxford) zu engagieren und immer Paul vorzuziehen. Auch in das Liebesleben Pauls mischen sich die Schwestern menschenverachtend ein. Am Ende des Buchs geht Paul über Schweiz in die USA und Kuba, und holt mit viel Mühen seine blinde Geliebte (dann Ehefrau) und die heimlichen Kinder nach.
    Der Epilog erzählt dann in rascher Form die Jahre zwischen 1938 und zum Tod (1961).

    Mich haben einige Passagen sehr fasziniert. Beispielsweise : die Schilderungen der Kriegsgefangenschaft in Rußland, mit dem Querverweis, daß Fjodor Dostojewski auch in einem der Gefängnisse in den Paul war, gesessen hatte. Die Schilderungen wie abgehoben die Familie lebte und nach dem Zusammenbruch von Kaiserreich, Landwirtschaft, Gesellschaftsnormen als das Elend übergriff fast unbeteiligt war. Die Schilderungen von Paul Hindemith, Erich Wolfgang Korngold, Sergej Prokofieff und Maurice Ravel, als Paul Kompositionen beauftragte aber auch in seinen Erwartungen enttäuscht wurde.

    Die Figuren sind schön geschildert - die Eltern, die Geschwister, die lesbischen Tanten, die Doppelbödigkeit der homosexuellen Brüder, die treuen Diener, Künstler wie Klimt, Engelmann, Mahler, Laber, Korngold Vater und Sohn, R. Strauss und Gattin, etc.
    Die langen Spaziergänge die Paul durch Wien unternimmt sind nachvollziehbar, die unterschiedlichen Gegenden und Hausbauten schön gezeichnet.
    Der Wandel im Leben als die Menschen in Wien in die Armut schlittern, und menschenverachtende zuerst politisch unverträgliche Bünde dann Machthaber agieren, bis zum Erkennen, daß er gehen muß ist gespenstisch.

    Als selbst etwas Klavier klimpernder Mensch vermisse ich in dem Buch das Haptische des Pianisten. Es werden die Werke musiktheoretisch beschrieben, aber wie es ist wirklich am Klavier zu sitzen und die Tasten zu spüren und Musik auszudrücken, vermisse ich bei den Schilderungen des Buchs.

    In Summe ein gutes Buch für Leser und Leserinnen, die mit Musik und den ersten 40 Jahren des 20. Jahrhunderts in Wien umgehen können. Viel Vergnügen !

    Eva Gesine Baur wurde am 11. August 1960 geboren. Ihr Pseudonym Lea Singer verwendet sie für Nicht-Sachbücher. Sie hat Kunstgeschichte, Musikgeschichte, und Literaturwissenschaft studiert. Sachbücher veröffentlicht sie unter ihrem eigenen Namen. Sie lebt in München und ist beidhändig.

    Mittwoch, 23. Juli 2014

    Muriel Barbery : "Die Eleganz des Igels"

    Muriel Barbery :
    "Die Eleganz des Igels"
    Roman
    original "L'Élegance du hérrison"
    2006, Edition Gallimard Paris
    aus dem Französischen von Gabriela Zehnder
    2008, Deutscher Taschenbuch Verlag München
    Donaulandausgabe
    358 Seiten + 4 Seiten Inhaltsangabe
    Buch-Nr. 069518

    Der Roman beschreibt in sehr schöner Art und Weise wie zwei hochintelligente Menschen in ihren einsamen Inseln leben, ein dritter Mensch dazukommt und die Türen öffnet und trotz letalem Ende Hoffnung macht.

    Der Igel, das ist die Concierge Renée Michel; sie ist Mitte fünfzig, klein, bucklig, unschön, liebt Philosophie, russische Romane, japanische Kunstfilme und manchen Hollywood Mainstream. Sie lebt mit Kater Leo, nach Tolstoj; die Vorgänger hatte auch beziehungsvolle Namen gehabt. Sie ist Witwe.
    Im gleichen Haus, einem feudalen Haus mit großen Appartements in einem eleganten Viertel von Paris, lebt im vierten Stock ein 12 jähriges Mädchen - Paloma Josse - mit klarem Verstand, die Strukturen von Gruppen und Menschen durchschaut, japanisch lernt, Mangas im Original lesen möchte und eigentlich beschlossen hat sich zum ihrem 13 Geburtstag umzubringen, da sie nicht ihr Leben wie ein Fisch im Wasserglas leben möchte.
    Bei einem Drittel des Buches betritt Kakuro Ozu das Haus und plötzlich tut sich was. Er durchschaut die Stacheln des Igels von Renée. Behutsam baut sich ein tiefes Verständnis zwischen den beiden Menschen auf, die beide niederländische Stilleben, japanische Filme und Mozart lieben.
    Paloma beginnt sich zu Renée zu verziehen wenn sie ihre Ruhe oder ein gutes Gespräch möchte.
    Den beginnenden Zauber zwischen Renée und Kakuro zerstört ein Verkehrsunfall.

    Das Buch ist in Kapiteln aus der Sicht von Renée und von Paloma beschrieben. Paloma führt mehrere Tagebücher in denen sie ihre Gedanken notiert. Die Kapitel über Bewegungen haben mich fasziniert. Das Thema Alter war nie wichtig, es ist nicht aufgefallen ob eine junge oder mittelalte Frau hier denkt, beide waren ebenbürtig interessant und mitreißend zu lesen.

    Ein kleines Details das mir gefallen hat, waren die Haustiere. Renée hatte immer Katzen, die Familie von Paloma hat 2 Katzen (namens 'Constitution' und 'Parlement'), Kakuro hat 2 Siamkatzen; eine Partei hat Spaniel 'Neptun' (eigensinnig und charmant) und dann gibt es noch ein kleines Hundetier.

    Kamilien ziehen sich als zartes Thema mit durchs Buch. Renée hat einige gepflanzt, in japanischen Filmen sind sie wichtig, und ein schönes Gespräch kommt auch daraus.

    Das Thema Freunde wird wichtig, weil Renée die zeitlebens achtgab, damit niemand durchschaut was sie alles durchschaut und die bisher nur eine wunderbare Freundin hat - eine portugisische Putzfrau mit Herz und Verstand, plötzlich lernen darf daß es nicht nur Einsamkeit sondern miteinander diskutieren und genießen gibt.

    Witzig fand ich daß Palomas Schwester Colombe heißt. Beide Namen heißen auf deutsch Taube. Leider ist die Schwester sonst eher unliebenswürdig gezeichnet.

    Kleine Seitenhiebe gibt es auf die snobistische Gesellschaft, Werte die Minister leben oder sich nach außen hin verpflichtet fühlen zu leben, kleine Bosheiten auf die politischen Rechten und Linken (die aber nicht untergriffig sind).

    Die kleinen Betrachtungen über Philosophie waren mir manchmal etwas zu anstrengend, da mir die Grundlagen fehlen. Die Überlegungen zu Anna Karenina oder Filmen waren unterhaltsam bis anregend zu lesen.

    Ein wunderbares Buch, das ich gerne weiterempfehle (auch wenn ich am Schluß ziemlich weinen mußte).

    Muriel Barbery wurde am 28. Mai 1969 in Casablanca (Marokko) geboren. Sie studierte Philosiphie und unterrichtete dann diese an der Universität. 2000 veröffentlichte sie ihren ersten Roman : 'Une Gourmandise' (deutsch: Die letzte Delikatesse). 'Die Eleganz des Igels' ist ihr zweiter Roman und wurde zum Bestseller; und wurde 2009 verfilmt. Sie lebt jetzt in Japan.

    Samstag, 28. April 2012

    Guillermo Martínez : "Der langsame Tod der Luciana B."

    Guillermo Martínez :
    "Der langsame Tod der Luciana B."
    2007 erschienen
    original "La muerte lenta de Luciana B."
    Aus dem Spanischen von Angelica Ammar
    2008 Eichborn AG, Frankfurt
    192 Seiten
    ISBN 978-3-8218-7200-1

    Der Roman beschreibt eine starke Geschichte zwischen zwei Schriftstellern und einer Frau. Es ist keine Liebesgeschichte zwischen drei Menschen, sondern läßt weil zwei komplett verschiedene Sichtweisen von Situationen erzählt werden, einige Fragen offen.

    Luciana, eine junge attraktive Frau arbeitet als Sekretärin, sie tippt nach Diktat, für einen gerühmten Schriftsteller. Kloster - er ist nur nur seinen Nachnamen präsent. Während er verreist ist, wird Luciana an einen anderen Schriftsteller mit Gips in Schreibhand über den Verlag vermittelt. Dieser Schriftsteller ist namenlos und beschreibt den Roman in Ich-form, mit seinen Gesprächen/Gedanken/Reflexionen.

    Zehn Jahre nach der Aushilfe meldet sich Luciana und ersucht um Hilfe. Es sind mittlerweile ihr Freund, ihre Eltern und auch ihr Bruder verstorben. Sie beschreibt dem Erzähler wie es möglich ist, daß hinter all diesen Todesfällen Kloster steckt/stecken kann. Auf ihr Ersuchen besucht der weniger erfolgreiche Schriftsteller den mittlerweile hochberühmten Bestseller-Schriftsteller um seine quasi Gegendarstellung zu erfahren, die prompt erfolgt. Ob am Ende das Böse siegt, wer oder was das Böse ist oder sein kann, oder ob doch ein zartes happy End mit anderen Menschen möglich ist, sollte selber nachgelesen werden.

    Die Geschichte ist spannend. Ich habe den Roman immer wieder zusammengeklappt um mir die Darstellungen und Antworten darauf durchzudenken.
    Die Figuren sind klar gezeichnet, leben aber vor meinem geistigen Auge nicht. Eher habe ich das Gefühl ich höre die Geschichte erzählt. Nervig finde ich das Matcho-getue, daß eine Frau letztendlich daran beurteilt wird, ob und welchen Busen sie hat und ob deshalb Liebe möglich ist oder nicht.

    Auf die geschilderte Umgebung schien mir weniger geachtet, nur den Urlaubsort Gsell in Argentinien nachgelesen, da mir der Name fremd gewesen war.

    Der Roman arbeitet nach. Ich empfehle ihn gerne weiter, weil er mich beim Lesen fasziniert hat.

    Samstag, 31. März 2012

    Gina Kaus : "Morgen um Neun"

    Gina Kaus :
    "Morgen um Neun"
    Roman
    Mit einem Nachwort von Gerhard Bauer
    2008, Georg Olms Verlag
    Bibliothek Verbrannter Bücher
    originalgetreuer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1932
    (Im Verlag Ullstein . Berlin)
    302 Seiten
    9 Seiten Nachwort
    ISBN 978-3-487-13614-7

    Da ich vor cirka zweieinhalb Jahren "Die Geschwister Kleh" von Gina Kaus gelesen habe, und sowohl die Geschichte als auch ihren farbigen Schreibstil sehr mochte, war ich neugierig auf diesen Roman. Vorneweg, dieser Roman ist für mich anders als "die Geschwister Kleh", die Frau Kaus 1933 geschrieben hat (also ein Jahr nach diesem).

    In "morgen um neun" macht sich ein Ehepaar vor dem Notar aus, am nächsten Tag um neun Uhr die besprochene Scheidung inkl. Modalitäten durchzuführen. Beide sind ruhig, gesittet, ziemlich emotionslos und klar, daß die Ehe sich auseinander entwickelt hat. In den folgenden Stunden inkl. Nacht versuchen beide Partner zu erkunden warum die fünfjährige Ehe gescheitert ist, und - sie entdecken bis dahin Seiten des Ehepartner die sie nicht gewußt hatten.
    In der erotiklosen Ehe gab es mehrere Geliebte für den Ehemann - die letzte & seit Jahren aktuelle Geliebte wird ersucht zum Scheidungstermin zu erscheinen, denn einer muß schuld haben. Als der Ehemann entdeckt, daß seine Ehefrau seit einem Jahr einen Liebhaber hat, zuckt bei ihm erstmals Eifersucht auf.
    Seine Ehefrau entdeckt inzwischen daß er regelmäßige Zahlungen leistet, ohne daß sie davon wußte. Bei einer fidelen nächtlichen Tanzpartie in der Wiener Vorstadt findet sie heraus, daß eine der Geliebten ihres Mannes bei der Geburt seines Kindes gestorben ist. Ihr hat er immer gesagt, daß er kein Kind möchte. Sie setzt sich in den Zug und holt das Kind vom Land ab, in die Wiener Großstadt.
    Als der Ehemann nach einer Liebesnacht mit einem neuen Mädel vor dem Scheidungstermin Änderungen wünscht - schließlich habe seine Ehefrau ihn ja auch betrogen - wird er mit seinem Kind konfrontiert. Der Kinderwunsch seiner Ehefrau bringt die beiden zusammen, sodaß aus dem Scheidungstermin nichts wird.

    In dem Roman sind weniger Energie und Farbenpracht, sondern der Stil gleitet gemütlich dahin. Ruhig wird die Wohnung der Langzeitgeliebten Franzi geschildet, süß wie sie ein liebevolles hausfrauliches reizendes Wesen ist. Leicht boshaft die gemieteten Zimmer des Ehemanns bei der älteren etwas betulichen Gräfin. Schön wie die Wohnung des Ehepaares geschildert wird mit ihrem langsam Wohlstand erarbeiten, der grantigen Haushilfe und einem Dackel Luzifer.

    Die Menschen sind tw. schön klar gezeichnet - der Kunsthändler Marholm, seine Frau, die Freundin Felice, der Künstler und Pianist und Komponist Bratt bleibt wenig konturenhaft. Eigenartigerweise gehen mir weder Ehemann, noch Ehefrau unter die Haut. Sie sind mir an Anfang mit dem auseinander-gelebt-haben griffiger, als am Schluß als sie wieder zusammenfinden und das Kind seiner Geliebten im Nebenzimmer ist..

    Das Buch war verboten worden, weil es unmoralisch sei. Der Ehemann denkt auch dauernd mit wechselndem guten oder schlechten Gewissen an seine Geliebten, inkl. der Herzlosigkeit zu der er Franzi dazu rät sich von einem reichen Mann aushalten zu lassen.

    Der Roman ist gut geschrieben und gemütlich und rasch zu lesen. Obwohl mir die Hauptprotagonisten fremd bleiben, ziehen die Schilderungen der Umgebung in die Geschichte hinein.

    Samstag, 24. März 2012

    Juan Gómez-Jurado : "Das Zeichen des Verräters"

    Juan Gómez-Jurado :
    "Das Zeichen des Verräters"
    Thriller
    original "El emblema del traidor"
    2008, Plaza & Janés Editores, S.A. Barcelona
    Deutsch von Luis Ruby
    2010, Rowohlt Taschenbuch Verlag
    463 Seiten + 5 Seiten Schlußbemerkung des Autos
    ISBN 978-3-499-25279-2

    Am Cover steht Thriller, eine Erwartung die ich nicht gestillt sehe. Allerdings ist das Buch schön rasch zu lesender Roman der in der spannenden Zwischenkriegszeit Großteils in Deutschland spielt und dort die politische Situation als Hintergrund für menschliche Schicksale nutzt.

    Paul und seine Mutter leben bei der Schwester von Pauls Mutter, die einen Baron geehelicht hat und helfen im Haushalt für Kost und Logis. Jürgen, Pauls Cousin, vertreibt sich die Zeit indem er Paul schikaniert. Alle Fragen Pauls an die Mutter was mit seinem Vater sei, wird ausgewichen.
    Nachdem sich Pauls anderer Cousin, der aus dem ersten Weltkrieg als desillusionierter Krüppel zurückgekommen ist, erschossen hat, werden Paul und seiner Mutter ins München der Nachkriegszeit mit dem Überlebenskampf der Menschen und steigenden Brutalität der politischen Parteien geworfen. Jürgen findet in einer neu aufstrebenden Partei Platz für seine Aggressionen und hilft auch beim versuchten Putsch der Nationalsozialisten von 1923 mit (tötet aber vorher noch Pauls Mutter, weil sie ihm entdeckt, daß er Pauls Bruder ist).
    Paul sucht inzwischen nach der Wahrheit um seinen Vater und ist zwischen 1923 und 1933 in Südwestafrika auf Vaters Spuren.
    Als er auf Spuren eines Mannes der seinen Vater kannte wieder nach Deutschland zurückkommt löst er nicht nur endlich die Lügengeschichten um den Tod seines Vaters, sondern wehrt sich auch erfolgreich (und tödlich) gegen Jürgen sondern holt auch die verehrte/geliebte Frau (eine Jüdin) in einer dramatischen Aktion aus dem Lager Dachau heraus. Über Portugal fliehen sie (Paul, die geliebte Frau, deren gemeinsamen Sohn und den Bruder der Frau) dann nach Amerika.

    Parallelgeschichte sind die Freimaurer in Deutschland in der Zwischenkriegszeit. Als frei denkende Menschen waren sie dem hierarchischen Nationalsozialismus nicht genehm und sie wurden mehr oder weniger freiwillig aufgelöst. Ob der Ansatz, daß Leute eingeschleust wurden um die Namenslisten der Freimaurer zu erhalten stimmt oder nicht, weiß ich nicht - als Ansatz in einem Roman ist er spannungserzeugend. Jürgen war der Verräter als der eingeschleuste Mann, und wandte sich damit gegen seinen und Pauls Vater, der Freimaurer war.

    Die Liebesgeschichte des Buches findet zwischen Alice, der jüdischen Bankerstochter, und Paul statt. Es ist keine glückliche sondern eine mühsame Liebe. Auch Jürgen behauptet die schöne Frau gefalle ihm - was aber unglaubhaft bleibt. Daß ein uneheliches Kind dieser Bindung entspringt ist nicht so logisch, aber der Bub ist nett geschildert.

    Die Menschen sind tw. greifbar, tw. oberflächlich geschildert. Jürgen als Brutalo eher einseitig, Paul ist schwankend gezeichnet zwischen gestaltend-anpackend oder in Selbstmitleid versinkend, Alice ist schön aber schlagfertig und damit so manchem Mann unsympathisch (sie arbeitet als Photographin, was ab einem gewissen Zeitpunkt historisch ziemlich unglaubwürdig ist), Tante Brunhilda wird mit ihrer Bösartigkeit und Verzweiflung gut gezeichnet, der spielsüchtige Baron sowie der Freimaurerfreund und Buchhändler Keller ebenfalls.

     Das Buch ist gut und rasch zu lesen. Die Ungereimtheiten stören zwar, hindern aber den Zug der Spannung nicht.

    Montag, 30. Januar 2012

    Óscar Urra : "Poker mit Pandora"

    Óscar Urra :
    "Poker mit Pandora"
    2008 bei Salto de Página, Madrid
    "A timba abierta"
    aus dem Spanischen von Peter Kultzen
    Deutsche Erstausgabe
    2011, Unionsverlag Zürich
    185 Seiten
    1 Seite über Autor und Übersetzer
    4 Seiten des Autors über sich selbst
    ISBN 978-3-293-00428-3

    Der Privatdetektiv und leidenschaftliche Spieler Julio Cabria möchte sich eigentlich umbringen, wird aber von seiner eigenen Laschheit und einem lukrativen Auftrag davon abgehalten. Er soll eine Frau namens Pandora finden, deren Suche bereits einigen Männern das Leben gekostet hat. Mehr oder minder freiwillig macht er sich gemeinsam mit dem Polizisten Meléndez, der seine Chance sieht nicht in die Pension abgeschoben zu werden, auf die Suche. Bei der Lösung des Krimis wird klar, daß Pandora keine leibhaftige, lebendige Frau, sondern ein Ergebnis der Computerwelt ist.

    Es sind fast nur Männer die Darsteller in diesem Buch: der Detektiv + Spieler + Gin Tonic Fan Gabria, Polizist Meléndez der Gabrias Ex-Frau heiraten möchte, der Kellner und César der alles hört aber wenig spricht, der hinkende und wunderbare Zuhörer Vitorio und damit leicht in die falschen Hände gerät, der Polizeichef Subirats, der Mafiachef El Botines und seine schlagkräftigen Jungs ...
    Die 2 Frauen sind Gabrias Ex-Frau, die den Polizisten heiraten möchte und eine junge Frau, die die Energie hat Gabria aus seiner Lethargie zu reißen.

    Ort des Romans ist Madrid und hier einige Hauptstraßen, die auch mir etwas sagen und einige Plätze und kleinere Straßen, die offenbar eher der Spieler-Szene zugeschrieben werden.

    Das Buch ist spannend geschrieben, ist aber kein Krimi im who-dunn-it-Genre. Die Lösung bietet ein eigenbrötlerischer junger Mann, der sich mit Internet, Bloggs, Kommunikation via Internet und Viren (eigentlich Trojanern) excellent auskennt, aber die echten Menschen keinen Umgang mehr pflegen kann.
    Genau wird auf die verschiedenen (Karten-)Spiele die Gabria spielt eingegangen, bei denen ich erst ein Lexikon oder im Internet eine Suchfunktion starten mußte. Auch die Schuß- und Prügel-szenen sind detalliert geschildert, mir aber zu brutal.

    Die Stimmung des Buches ist eher pessimistisch oder hoffnungslos - erinnert mich an Krimis aus Spanien, die aus den 80-ern stammen. Das Buch kann ich jedem empfehlen, der einen bösen schwarzen Krimi mit Prügeln, Schußwechseln und leider auch 'Guten', die sterben, verträgt.

    Dienstag, 24. Januar 2012

    Martín Solanes (alias Martine Mairal) : "Mallorquinisches Blut"

    Martín Solanes (alias Martine Mairal) :
    "Mallorquinisches Blut"
    2008 Flammarion, Paris
    "Quand la lune sera bleue"
    aus dem Französischen von Ute Bechberger und Cornelia Weinkauf
    2009, Piper München Zürich
    302 Seiten
    1 Seite köstliche Küchenspezialitäten
    3 Seiten Lokale, Hotels, Einkaufsmöglichkeiten
    3 Seiten Kultur, Sehenswürdigkeiten & Ausflugstipps
    ISBN 978-3-492-05259-7

    In diesem dicht geschriebenen Kriminalroman auf Mallorca klärt die Polizei einige sehr brutale Morde eines Serienmörders inklusive das 'warum' auf.

    Pilar Más, eine junge intelligente etwas eigensinnige aber excellente Mitarbeiterin der Spurensicherung - mit ihrer Kamera - kehrt nach Jahren der Ausbildung und beruflichen Bewährung auf ihre Geburtsinsel Mallorca zurück. Hier werden Teile von Menschen gefunden, die nicht zu einem Menschen alleine gehören. Die Art und Weise wie mit den Teilen umgegangen war, weist auf einen bösartigen Menschen, der geplant und gezielt vorgeht.
    Eine Spezialtruppe der Polizei wird zusammengestellt - was auch helfen soll, die Intrigen und bewußte Nicht-Weitergabe von Information zu untergraben. Bruno Montaner, in Mallorca verliebter Polizist dessen Frau und Kinder lieber am Festland wohnen, und Gerónimo, Chef der Spurensicherheit, bilden ein Team gegen den arrogant gezeichneten Madrilenen Polizisten Olazabal.
    Es werden weitere Leichenteile, verkohlte Körperstücke und auch ein vermisster Freund von Pilar - leider ermordet - gefunden. Kurze Zeit weisen die Hinweise des Mörders auf Pilar, die beim dramatischen Showdown noch von ihren Freunden bei der Polizei vor dem Tod durch den Serienmörder gerettet wird.

    Eine spannende Geschichte - bei der einiges von der Insel beschrieben wird. Vor allem die Insel "La Dragonera", die jetzt ein Naturschutzgebiet ist, ist ein wichtiger Angelpunkt. Mit liebevollen Details wird auf Gastronomie, Landschaft, Flora und Geologie der Insel Mallorca eingegangen.

    Die Personen sind schön beschrieben, ohne daß die Geschichte deshalb an Tempo verliert.
    Pilar - der Angelpunkt - ist als gescheite, sportliche Frau geschildert, deren Familie sie ziemlich verachtet hat. Daß der Grund der Morde in der Geschichte aus ihrem tyrannischen selbstherrlichen Großvater kommt, wird erst spät entdeckt.
    Bruno Montaner lebt lieber bei seiner übersinnlich begabten Mutter auf Mallorca, als bei Frau und Kindern auf dem Festland oder gar in einer großen Stadt. Er kennt die Insel genausogut wie Pilar. Da er ein gutes Netzwerk in der Bevölkerung hat, löst er seine Fälle anerkanntermaßen gut.
    Auch die anderen Personen sind gut und greifbar geschildert, Carmen die Spurensicherin, Virus der seinen Spitznamen aus seinem Umgang mit dem Computer hat, die Geliebte von Montaner, Tauchfreunde von Pilar, der alte Verwalter auf dem Gut des Großvaters, etc ...

    Der originale französische Titel "la lune bleue" bezieht sich auf den (Aber-)Glauben, daß der zweite Vollmond im gleichen Monat ein blauer Mond sei und Unglück bringe / oder zumindest Unannehmlichkeiten.

    Mir hat es Freude gemacht den Krimi der im Hochsommer im Mittelmeer spielt zu lesen und kann das Buch nur empfehlen.

    Dienstag, 22. November 2011

    Hannes Gans : "Dem Wiener sein Tod"

    Hannes Gans :
    "Dem Wiener sein Tod" - Ein Totentanz
    Cartoons
    Agens Ketterl, Wien 2008
    ISBN 978-3-8502573-3-5

    In diesem quadratischen Buch sind Federzeichnungen und Texte von Hannes Gans über den Tod bzw. dem launigen Zugang des Wieners zu Tod. Herr Gans hat viele Jahre lang mit seiner Tuba auf Begräbnissen aufgespielt.

    In sehr schönen Federzeichnungen hat er die verschiedenen Ausdrücke "des Wieners" über das Sterben zu beschwingten Linien geführt. Mit ebenso leichten Linien werden die Lieblinge des Wieners wie die Kapuzinergruft, die Barockkirchen bis zum Heurigen als Schauplätze oder zu humorvollen Situationen über das Sterben genutzt.

    Ein Buch für Menschen die schöne Zeichnungen mit etwas skurrilem Humor lieben.

    Freitag, 21. Oktober 2011

    Matti Rönka: "Bruderland"

    Matti Rönka :
    "Bruderland"
    - Kriminalroman
    original "hyvä veli, paha veli"
    2003 Gummerus Kustannus Oy, Helsinki
    aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
    Deutsche Erstausgabe, 2008, Grafit Verlag GmbH, Dortmund
    217 Seiten
    ISBN 978-3-89425-656-2

    Viktor Kärppä lebt in Helsinki und organisiert Arbeiter für Baustellen. Zmindest ist das der offizielle Job. Früher hat er für die russische und die finnische Schimannschaft Dopingmittel und andere Drogen besorgt. Durch seinen Vater kann er russisch, durch die Familie seiner Mutter finnisch. Diese Sprachkenntnisse setzte er bei auch bei Übersetzungen für Arbeitsvermittlungen ein.

    Der Polizist Korhonen, der christliche Zitate von sich gibt und leise christliche Lieder vor sich hinsummt, ist auf ihn angesetzt, da neues Heroin bereits einige Menschenleben gefordert hat. Viktor muß die Lieferanten finden, denn es glaubt ihm niemand, daß er nichts mehr mit Drogen zu tun hat.
    Viktors Bruder Aleksej, kommt von Rußland nach Finnland und bereitet - da er bereits mit Drogen zu tun hatte - noch mehr Sorgen.
    Freundin Marja ist zur Zeit in den USA und e-mails erzählen von gegenseitiger Sehnsucht - was Viktor nicht von Flirts oder mehr abhält.

    Die Umgebung sind Baustellen, Lagerhallen, Polizeidienststellen, Fahrt nach Rußland und retour, Wohnungen mit mühsam erworbenen Habseligkeiten. Es gibt einige Machtorganisationen (Polizei, Mafia mit Schmuggel von Drogen, Porno-Dvds bis Baumaterial).

    Spannend für mich war das Wort 'Rückwanderer' mit dem die Menschen bezeichnet werden, die Finnen waren, aus Karelien in die Sowjetunion abgezogen worden waren, und nun zurückkommen. Es gibt nicht nur Sprachschwierigkeiten,  Rückwanderer und Menschen deren Eltern aus beiden Kulturen (russisch und finnisch) kommen, bekommen mehr als nur dumme Kommentare ab.

    Die Menschen sind eher vierschrötig geschildert, als Menschen die anpacken, aber moralisch-ethische Standpunkte wegen Überlebens beiseite lassen (müssen).
    Ein kleines Happy End gibt es da Viktor das Haus in dem er bisher gewohnt hat, erwirbt und viele Freunde ihm bei der Sanierung helfen.

    Das Buch ist gut, aber es bleibt etwas kühl in seinen Schilderungen, was vielleicht am Temperament im Norden Europas liegen mag.