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Montag, 30. Dezember 2013

Stefan Zweig : "Brasilien"

Stefan Zweig :
"Brasilien" - Ein Land der Zukunft
1941 erstmals bei Bermann-Fischer Verlag AB, Stockholm erschienen
Insel Taschenbuch 4208
2013, Suhrkamp Berlin
275 Seiten
13 Seiten Einleitung von Stefan Zweig
13 Seiten Nachwort von Volker Michaels, Frankfurt a. Main 1994
ISBN 978-3-458-35908-1

Das Buch ist ein wunderbares Buch mit wunderschöner Sprache, schönen Bildern im Kopf und spannend geschrieben. Der Roman eignet sich weniger zum Querhinunterlesen sondern es ist schöner hier die Sätze, Metaphern bewußt und konzentriert zu lesen, auch wenn das mehr Zeit benötigt.

Vor allem die Geschichte grandios erzählt. Auf diesen Teil wieder immer wieder zurückgegriffen, wenn die Wirtschaft extra erzählt wird oder einzelnen Städte in ihrem auf und ab mit der Entwicklung der Rohstoffe wie Kautschuk, Kakao oder Kaffee reflektiert. Am willkürlichsten liest sich der Teil als der Goldrausch ausgebrochen war, und zwei Generationen später bereits erloschen war.

Die ersten 80 Seiten Geschichte sind spannend erzählt. Fast so spannend wie ein gut geschriebener Thriller. Brasilien wurde meist in Ruhe gelassen, die hohen Erwartungen die an die von den Spaniern entdeckten Länder gerichtet waren und zu derem raschen kulturellem Ruin führten, fand hier nicht statt. Dafür haben hier die Jesuiten über Generationen viel an Schulung durchgeführt, die später von den eigenen Landsleuten durch Menschenraub zunichte gemacht wurde. Dann kam interimistisch der portugiesische Königshof um den europäischen Wirren zu entfliehen. Für Rohstoffgewinnung brachten später Schiffe ladungenweise Arbeiter aus Afrika. Zuwanderer kamen aus Deutschland, Holland etc ..

Das Völkergemisch aus ausgewanderten und angelieferten Menschen bietet ein vielfältiges Kulturangebot, das sich Kirchen der verschiedensten Ausstattungen wiederspiegelt. Wie Stefan Zweig die vielen unterschiedlichen Kirchen in Bahia, 'der alten Dame', beschreibt macht Freude zu lesen.

Stefan Zweig betrachtet Literatur, Lyrik, Musik,  Architektur, das reiche Pflanzenangebot und die Freundlichkeit der Menschen und im Miteinander. Er sah sich Kaffee und Kautschukplantagen an, und auch den damals aktuellen Stand der Goldgewinnung. Hier war er enttäuscht, denn keine Sinnlichkeit war zu spüren, obwohl so viel Arbeit in der Gewinnung steckt, die dann wegegesperrt wird

Hochinteressant ist zu lesen wie er Rio de Janeiro, Sao Paolo, Bahia, die Goldstädte, Recife in ihren Unterschiedlichkeiten vergleicht und auch Lebensqualität wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und kulturelle Umgebung eingeht.

Das Buch ist nicht unumstritten. Teilweise wird behauptet, daß das Buch quasi ein Auftragswerk im Gegenzug zum guten Leben in Brasilien sei. Im Nachwort ist vermerkt, daß Zweig vorgeworfen wurde zu positiv über Brasilien schrieb und die durchaus existierenden Probleme schön schrieb. Bei den Absätzen in denen er die Favelas in Rio pitturesk beschreibt und die Neger (er verwendet das Wort) so nett und freundlich und unbekümmert ihre Blechbehausungen gelassen von einem Hügel auf den anderen tragen, versteht man diese Überlegungen.

Vorwort und Nachwort sind hier absolut empfehlenswert ebenfalls zu lesen. In Summe ein großartiges Buch, das ich großteils genossen habe. Viel Muße und Freude beim Lesen !

Stefan Zweig wurde am 28. November 1887 in Wien geboren. Er war rasch als Romancier anerkannt und seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Er reiste viel und lernte über den PEN-Club Brasilien kennen. Als der von ihm initiierte Verlag nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten seine Werke nicht mehr drucken durfte, und es auch in Österreich (Zweig lebte in Salzburg) eng wurde, nahm er die Einladung in Brasilien zu leben - nach Scheidung für Neuvermählung - an. Trotzdem nahm er sich 1942 in Petrópolis, Brasilien, das Leben.

Mittwoch, 8. August 2012

Rosa Ribas : "Falsche Freundin"

Rosa Ribas :
"Falsche Freundin"
- der dritte Fall für Komissarin Cornelia Weber-Tejedor
original "en caída libre"
2011, Editorial Viceversa, Barcelona
aus dem Spanischen von Peter Schwaar
Deutsche Erstausgabe
2012, Suhrkamp Taschenbuch Verlag
407 Seiten
ISBN 978-3-518-46302-4

Der mehr als 400 Seiten starke Kriminalroman erzählt eine zeitweise ziemlich brutale Geschichte um Drogen, die Verteilung, die kleinen Teilchen in dem großen Netzwerk und den Kampf um Macht der Gruppen. Mittendrin Kommissarin Cornelia Weber-Tejedor, die als Putzfrau im Gefüge des Flughafens Frankfurt versteckt, Vertrauen aufbaut, ins Netzwerk kommt und damit hilft zumindest einige Morde aufzuklären.

Hauptfigur ist Cornelia Weber-Tejedor, Tochter einer spanischen Mutter und eines deutschen Vaters, deren Ehe vor den Scherben steht. Sie ist in einen Kollegen verliebt. Um all dem zu entfliehen heuert sie versteckt für Mitarbeit in den Putztrupps des Flughafens an, da hier die Weitergabe von Drogen beobachtet wurde. Sie bewährt sich nach Wochen und wird in den engen Kreis der Drogentransporteure aufgenommen. Das Regiment ist brutal, denn mimimales Abweichen von Loyalität und Ordnung oder mögliche Gefahr wird sofort von Schlägerjungs geahndet - bzw. manche Drogenleiche wird gefunden. Die Eskalation findet statt als sich zwei Gruppen die beide die Macht um die Drogen beanspruchen in die Quere kommen - wer bei welcher Gruppe ist wird der Kommissarin sehr spät klar.

Ich habe etwas Zeit gebraucht bis ich endlich den Drive der Geschichte gespürt habe, konnte aber dann das Buch nicht aus der Hand legen, bis endlich einige Knoten aufgelöst worden waren.

Die Art der Menschenschilderung gefällt mir sehr sehr gut. Die Polizeikollegen sind schön gezeichnet : Reiner, Leo, Vorgesetzter Rossmann, Sulima. Die Putzfrauen : die Polin Beata, die Möchtegernschauspielerin Freya, die Deutsch-Türkin Selin mit Bruder Harun und Ehefrau Raquel, Carolina aus Lateinamerika, deren immer grantige Chefin Ramona, der planungswütige Chef Raschke. Die liebenswürdige Nachbarin Gamze mit ihrem dicken Sohn Hakim, der auf eine Operation zur Magenverkleinerung wartet (und sie rettet).
Die Menschen sind als Menschen greifbar mit ihren unterschiedlichen Temperamenten. Jeder hat sein einzelnes Schicksal, das nie stereotyp wirkt.
Es gibt gute und böse Menschen, quer durch die multi-kulti-Umgebung, aber nicht aufgrund der Herkunft erkennbar.

Der Flughafen ist ein Arbeitsplatz. Mehr nicht. Die Menschen sind wichtig, nicht der Ort.

Die Geschichte wird in Ich-form aus Sicht der Kommissarin erzählt, mit ihren Eindrücken von Menschen und Situationen, ihre Hoffnungen (Beziehung) und Ängsten (Exmann, Eltern, ob ihre Deckung gut ist). Stark sind die Schilderungen über ihre Eltern, deren Beziehung und wie die beiden sich im Altern gegen das Aufarbeiten der Franco-Zeit wehren (etwas das sie in jüngeren Jahren befürwortet hatten).

In Summe kann ich das Buch gerne empfehlen. Die Brutalitäten sind nicht meins, aber die Geschichte ist spannend erzählt und durchaus vorstellbar. Viel Vergnügen !