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Montag, 19. Dezember 2016

Alberto Vázquez-Figueroa : "Der Leguan"

Alberto Vázquez-Figueroa :
"Der Leguan"
original "La Iguana"
1982, Palaza & Janés, Barcelona
Aus dem Spanischen von Jan Moewes
2003, Unionsverlag, Zürich
245 Seiten
ISBN 978-3-293-20324-2

Der Leguan ist der böse Spitzname die einem häßlichen unliebenswürdigen Menschen auf einem Schiff gegeben werden. Nach einigen bösen Events bleibt er auf einer Insel als einziger zurück und richtet sich diese als seinen Herrschaftsbereich ein. Nur die Vögel, die Riesenschildkröten und die Leguane sind seine Gefährten, bis er sich - oftmals böse überrascht - Gefährten kidnappt und zwingt für ihn auf der Insel zu schuften. Einer bringt ihm sogar Lesen und eine Art Schreiben bei, bis 'Leguan Oberlus' auch eine bildschöne Frau kidnappen kann. Nach Jahresfrist kam ein Kind, und auch Probleme, denen er sich durch eine wahnwitzige Flucht zu entziehen sucht.

Ort der Handlung ist eine der kleinen Galapagos Inseln, die damals noch "Hood" hieß, jetzt unter 'Espanola' bekannt ist. Es wird von Kakteen, Albatrossen, Riesenschildkröten erzählt - die Nutzungen/Abschlachtungen der Schildkröten sind genauso grausam wie die Kämpfe zwischen den Menschen und Demütigungen der Unterlegenen.

Der 'Leguan' ist grundsätzliche wahre Geschichte, die zur Zeit der Schiffstransporte und Piraten mit Machete und Pistolen gewesen sei.

Der Großteil der Geschichte ist aus seiner Sicht geschrieben. Wie die Menschen lieblos mit ihm umgehen, wie sie ihn nur als excellenten Harpunierer schätzen, wie er lernt auf nie gespürte Zuneigung zu verzichten, wie er grausam zu seinen Sklaven auf der Insel ist und wie er das Leben auf der Insel organisiert, genauso wie die Flucht.
Einige Kapitel sind der schönen Frau Carmen de Ibarra gewidmet, die zwar immer wieder Männer liebt und wiedergeliebt wird, aber nicht glücklich dabei ist. Sie paßt sich dem Leguan irgendwie an, verzeiht ihm aber nicht, daß er ihr/das Kind getötet hat ohne daß sie es sehen konnte.

Das Geschehen ist sehr anschaulich beschrieben. Es sind die Kargheit der Insel, der langsame Tod der Schildkröten, das Luftschnappen der Jungvögel nach dem Vulkanausbruch nach Frischluft, die große Welle des Tsunami, die Qualen sowie Verzweiflung der gekidnappten Menschen spürbar. Fremd bleiben die Stellen mit der Frau, die irgendwie männlichen Wunschvorstellungen zu entspringen scheinen.

Der Roman ist dicht geschrieben und spannend, weil man nie weiß wie die Geschichte weitergeht, welcher Gekidnappte es schafft, und wie es der Hauptperson weiter ergehen wird. Viel Freude beim Lesen !

Alberto Vázquez-Figueroa Rial wurde am 11. Oktober 1936 in Santa Cruz de Tenerife geboren. Sein Kindheit und Jugend verbrachte Vázquez-Figueroa in der jetzt marrokanischen  Wüste in der damaligen Kolonie 'Spanisch Sahara'. Mehrere seiner Romane wurden für das Kino verfilmt. Als Journalist und Auslandskorrespondent reiste er von 1965 bis Ende der 1970er Jahre durch Afrika und Lateinamerika. Als sein erster goßer Roman gilt „Ébano“ (1975 auf spanisch). 1980 erschien dann der erste große Erfolgsroman „Tuareg“, der 1984 unter dem Titel „Tuareg - Il guerriero del deserto“ (dt. 'Gazel, der Wüstenkrieger') verfilmt wurde. Der Autor lebt zurzeit auf Tenerriffa.

Freitag, 6. Mai 2011

Thomas Bernhard : "Wittgensteins Neffe"

Thomas Bernhard :
"Wittgensteins Neffe" - 'eine Freundschaft'
1982, Bibliothek Suhrkamp Band 788
163 Seiten
ISBN 3-518-01788-8

Wie schreibt Thomas Bernhard eigentlich, fragt sich ein Theatergeher, der vor Jahren im Wiener Volkstheater eine dramatisierte Version von "Wittgensteins Neffe" im leider halbleeren Raum genossen hat ? Wie seine Biographien, die als 5 Bücherln damals über dtv erhältlich waren ?

Ähnlich intensiv liest sich der Rückblick Thomas Bernhards auf eine Freundschaft mit einem vermutlich faszinierenden, aber vermutlich auch nicht weniger anstrengenden Mann.
Mit Paul Wittgenstein (1907 - 1979) verband Thomas Bernhard Musikliebe, die Gabe Menschen zu beobachten oder zu durchschauen, Gesellschaftsschemata zu bewerten und zu klassifizieren, aber auch gemeinsam Verrücktes zu machen und zu schweigen.
Böse beschreibt Thomas Bernhard u.a. die Überreichung eines Preises an ihn bei der Akademie (bei der nicht einmal seine Biographie korrekt war) und das Verhalten von Menschen gegenüber chronisch Kranken (egal ob Geist [Paul Wittgenstein] oder Körper [er selber]).
Für einen Leser, der Musik liebt, ist es schön in den musikalischen Szenerien (mit) zu mitschwelgen, die Herr Wittgenstein und Herr Bernhard miteinander auch bei Freunden erleben (dürfen).
Eindringlich ist es wenn Thomas Bernhard beschreibt wie ihm die körperlicher Nähe-Bedürftigkeit seines Freundes schwer fiel, und noch mehr als er das Ende von Paul Wittgenstein beschreibt, bei dem die Freunde den geistigen, körperlichen und finanziellen Abstieg miterlebten und aus Scham auf Distanz gingen.

Ein wunderbares, starkes, eindringliches Buch, das nicht wirklich losläßt / nicht loslassen soll.

Samstag, 13. Februar 2010

Sylvia T. Haymon: "Ritualmord"

Sylvia T. Haymon
"Ritualmord"
aus dem Englischen von Christine Mrowietz
Original "Ritual murder" bei Constable & Co ltd (1982)
Serie Piper Spannung (1986)
266 Seiten
ISBN 3-492-15504-9

Großteils guter Kriminalroman mit schönen Figuren, klaren Szenerien, dem am Ende irgendwie der Atem ausgeht.

Inspektor Ben Jurnet, der aussieht wie ein Italian Lover, wird zu dem toten Buben Arthur gerufen, der wie ein ermordeter Zuckerbäckerssohn aus 1144, jetzt als St. Ulf bekannt, hergerichtet . Der Leichnam des Chorknaben wurde auch noch in der archäologischen Grabstelle des St. Ulf gefunden.
Es stellt sich heraus daß Arthur eher unbeliebt gewesen war, und mit Zeitungsaustragen Taschengeld verdiente. Nach und nach addiert sich dazu, daß er damit auch Drogen transportierte.
Am Schluß stellt sich heraus daß ein anderer Chorknabe, mit dem Arthur seine Machtspielchen trieb, seine Hände bei dem tödlichen Unfall im Spiel hatte. Ob Unfall oder Absicht bleibt die Gewissensfrage des Inspektors.

Viele unterschiedlichen Menschen bevölkern die Szenerien wie die pedantisch putzende Mutter des ermordeten Buben, den etwas überhebliche Dean der Kathedrale und einige seiner hilfreichen Menschen, ohne die ein Kirchenbetrieb kaum möglich ist, das Archäologenteam mit redseligem Chef und wunderschöner erotischer Tochter eines Lords, einem Ehepaar aus Wien die die Nazis überlebt haben und in England mit Wiener Konditorei einen Neuanfang schafften, die beschränkte liebevolle zauberhafte Mutter eines intelligenten Buben die der Chef der Familie in einem verwahrlosten Wohnwagen leben läßt und die fast einem Anschlag zum Opfer fallen, bis dem Aufflackern des Antisemitismus.

Angst machen die Absätze in denen Rückblick auf die Zeit des Antisemitismus im mittelalterlichen England gehalten wird, aber auch in denen die Grausamkeit zwischen Kindern und parallel wiederaufkommender Antisemtismus und religiöser Zwangbekehrungsgedanken aufkommen.

Nette Metaphern bei der zB: wird der schöne Dom dessen Vorlage die Kathedrale von Norwich ist als "steinerne Hochzeitstorte" beschrieben ..

Empfehlenswert für Menschen die sich gerne Szenerien und Menschen schildern lassen, die die Verschiedenartigkeit von Menschen / Schichten/ Herkünften mögen und die Feinheit von Beoabachtungen.