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Samstag, 27. Juni 2026

Jegana Dschabbarowa : "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt"

Jegana Dschabbarowa :
"Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt"
Roman
original ' Руки женщин моей семьи были не для письма'
2023, No Kidding Press. Moskau

Aus dem Russischen von Maria Rajer
2025, Paul Zsolnay Verlag
130 Seiten
ISBN 978-3-552-07591-7

In elf Kapiteln die Titel von Körperregionen haben erzählt eine junge Frau (Jegana), die ältere Tochter einer Familie, aus Aserbeidschan, die auch in Rußland leben. Sie erzählt von der Gewalt und Unterdrückung die ihre Mutter durch ihren permanent eifersüchtigen Ehemann erleben mußte. Die Unterdrückung von Frauen bzw der wenige Ausdruck der ihnen erlaubt war, wird auch anhand ihrer Mutter erzählt. Ausnahme ist der Großvater der immer liebevoll war, und in ihr die Liebe zu Lyrik und zur Schönheit der Natur erweckte.
Frauen müssen für den Mann schön sein, Kinder gebähren und der Haushalt muß blitzen vor Sauberkeit. Die Frauen der kleinen Familie halten trotzdem gegen den prügelnden Vater und Ehemann zusammen, und blockieren ihn auch wenn er Süßigkeiten nach Hause bringt.

Sie (Jegana) hat ein anderes Leben als die anderen Frauen, da bei ihr die Stimme versagt, immerwieder Körperteile, manchmal ein Bein bis es endlich zu Diagnose kommt, daß sie generalisierte Dystonie hat. Zuerst sollen Medikamente helfen, als sie auf der Universität ist, wird ihr eine Operation genehmigt. Auch dort wird ihr Vater nur eifersüchtig, weil sie wie allen anderen Patienten Leggings und Sweatshirt trug, und damit ihre Beine zeigt.

Spannend ist wie sie Rußland und Asserbeidschan vergleicht - und schreibt, daß sie in keinem von beiden Länder zu hause war, und ihre öfter gesagt wurde, daß sie keine Sprache wirklich kann.

Die Kapitel heißten "Augenbrauen", "Augen", "Haare", "Mund", "Schultern", "Hände", "Zunge", "Rücken", "Beine", "Hals" und "Bauch".Die Körperlichkeit der Frauen, die von den Männern unterdrückt wird, ist spürbar. 

Ich habe länger gebraucht dieses Buch zu lesen, weil mir die geschilderten Situationen  mit Gewalt und seelischer Enge der Frauen unter die Haut gingen.

In Summe ein starkes eindrückliches Buch über Frauen in engen Gesellschaften; ich wünsche gutes Lesen !

Jegana Dschabbarowa, wurde 1992 in einer aserbaidschanischen Familie in Jekaterinburg/Russland geboren. 2024 war sie gezwungen wegen Morddrohungen, Russland zu verlassen; sie lebt heute in Hamburg. 'Die Hände der Frauen in meiner Familie' waren nicht zum Schreiben bestimmt ist ihr Debütroman.

Freitag, 31. Mai 2024

Fernando Aramburo : "Patria"

Fernando Aramburo :
"Patria"
Roman
original "Patria"
2016, Tusquets Editores, Barcelona
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
2018, Rowohlt Taschenbuch / 3. Auflage Oktober 2020
750 Seiten + 5 Seiten Glossar der baskischen Wörter und Redewendungen + 4 Seiten Inhaltsverzeichnis
ISBN 978-3-499-27361-2

Zwei Familien im Baskenland zur Zeit der Attentate der ETA und danach - bei einer ist ein Sohn aktiv bei der ETA und später inhaftiert, der anderen Familie fällt der Vater durch ein ETA-Attentat zum Opfer. In vielen zeitlichen Sprüngen wird die Zeit vor, während und nach den Attentaten für die Generation der Eltern und Kinder beschrieben, und auch die Frage gestellt was für jeden Baske sein bedeutet.

Bittori, die erkrankt ist und wissen möchte wer ihren Mann und Unternehmer Taxto letztendlich umgebracht hat, und ist mit ihrer Anwesenheit im Dorf 20 Jahre nach dem Ereignis eine stumme unangenehme Erinnerung an die Ermordung. Deren Sohn Xavier ist Arzt geworden; die Tochter Nerea hat Jus studiert, und hat nach einigen Beziehungen einen sehr gut aussehenden Mann (nicht Basken) geheiratet.

Die andere Familie besteht aus Mirren mit ihrem Mann Joxian und deren drei Kinder. Der älteste Sohn Joxe Mari hat sich bald der ETA angehängt, war in Frankreich im Exil und bei einigen Attentaten im Baskenland beteiligt; letztendlich ist er im Gefängnis. Tochter Arantxa hat auch einen Spanier (Nicht-Basken) geheiratet und zwei Kinder mit ihm; sie hatte im Urlaub einen massiven Schlaganfall, der ihren wachen und eigenwilligen Geist in einen maroden Körper sperren will; der jüngste Sohn Gorka geht bald in die Literatur und veröffentlicht Werke auf Euskara, arbeitet später in einem baskischen Radiosender, schließt sich aber von Gewaltausübung aus.

Es geht auch um die Frage der Amnestie für aggressive ETA-Mitglieder, die aus den Gefängnissen entlassen werden sollen. Während die Familien dieser darauf hoffen, protestieren die Familien der Getöteten dagegen, auch weil diese in der Gemeinschaft gemobbt wurden und werden. Die Rolle der nicht immer christlich liebenden und vermittelnden Kirche, sondern  - hier gegen die Familie des Getöteten - auch mobbenden Priester wird skizziert.

Freundschaften zerbrechen innerhalb kurzer Momente und finden eigentlich nicht mehr zusammen.

In den Kapiteln werden die verschiedenen Sichtweisen der fünf und vier Familienmitglieder beschrieben. Manche die sich einfach nur klein machen wollen  andere die einen Weg suchen, manche streiten, andere versuchen zu handeln, manche wollen einfach nur ihre normale Arbeit machen ohne dafür verurteilt oder getötet zu werden.

Die Menschen sind gut geschildert und deren Temperamente, Launen und Charakteristika entstanden wie ein Film vor meinen Augen. Auch die verschiedenen Lebensräume wie Kleinstadt, Stadt, fremde Orte zum Verstecken, Studienstadt sind gut beschrieben.

Unter die Haut gingen mir die Einsamkeit der Witwe, und die Kälte wie mit ihr umgegangen ist.

Ich habe länger an dem Buch gelesen, und durchaus Zeit gebraucht bis ich mich bei den Personen der Handlung und den Zeitsprüngen ausgekannt habe.

In Summe ein starker und sehr eindrücklicher Roman bei dem klar wird, welche Verletzungen politische Geschehen für Familien und Gesellschaft haben. 

Fernando Aramburu Irigoyen wurde am 4. Jänner 1959 in San Sebastián geboren. Der Autor studierte in Saragossa panische Philologie, lebt seit 1984 in Hannover  und arbeitete zunächst als Spanischlehrer. Seit 2009 verfasst er ausschließlich Bücher sowie Beiträge für spanische Zeitungen. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.Er spricht fließend deutsch. Sein erster war 'Roman Fuegos con limón' (1996) (Limonenfeuer)(2009).  

"Patria" wurde mittlerweile  in 20 Sprachen übersetzt, und ist als Serie in Spanien verfilmt worden.

Mittwoch, 19. August 2020

Donna Leon : "Geheime Quellen"

Donna Leon :
"Geheime Quellen" - Commissario Brunettis neunundzwanzigster Fall
original "Trace Elements"
2020, Cornerstone Digital
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz
2020, Diogenes Verlag
307 Seiten
ISBN 978-3-257-07099-6

Commissario Guido Brunetti und seine neapolitanische Kollegin Commissaria Claudia Griffoni werden im drückend heißen Venedig zu einer sterbenden Patientin gerufen. Sie setzt die beiden auf den Tod ihres Mannes und schmutziges Geld an. Während sich Vice-Questore um Handtaschendiebe die zufällig die Frau des Bürgermeisters beklaut haben sorgt, gehen die beiden mit Hilfe des bekannten Teams, also Sergente Lorenzo Vianello und Signora Elletra Zorzi, der Spur zu einer Wasserprüfanstalt im Veneto nach. Dort begegnen sie der Personalchefin und dem Chef der chemischen Abteilung, die einander mit großer Antipathie begegnen. Brunetti und Vianello arbeiten sich durch Daten und Grenzwerte, um am Schluß einen unsympathischen Menschen laufen lassen zu müssen, und einen möglichen Unfall zur Anzeige bringen.

Donna Leon greift diesmal zwei Themen auf. Das eine wie manche Firmen rücksichtslos mit dem Wasser, das für alle da ist, firmen-egoistisch umgehen und nicht vor Vergiftung für alle zurückschrecken. Das andere Thema ist, daß es bei Krankheit die Zwei-Klassen-Gesellschaft bei Behandlung gibt, die sich durch Vorhandensein von Geld oder nicht, definiert. Beide Themen ließen mich bedrückt zurück.

Etwas Platz ist Griffoni gewidmet, bei der beschrieben wird, daß sie bereits Veneziano umsetzt, wie sie genial Gespräche führt, aber auch wie sehr sie sich an Venedig gewöhnt hat.

Die Menschen sind wie immer genial skizziert. Der Chefchemiker der im Luxus lebt, und der sich jegliche Empathie mit Mensch und Tier abgewöhnt hat; die Personalchefin die sich mit fremden Federn schmückt und in den falschen Mann verliebt ist; der Unfalltote der absolute Werte lebte, sich damit wenig Freunde machte.

Wer gerade bei einem lieben Menschen den Krebstod miterlebt hat, oder dem körperlichen Abbau eines nahestehenden Menschen zusehen mußte, sollte vielleicht einige Kapitel überspringen.

Der Kriminalroman ist wie gewohnt sehr gut geschrieben und gut zu lesen. Leider läßt das Ende keine Freude aufkommen. Trotzdem viel Freude beim Lesen.

Donnerstag, 19. September 2019

Tina Schlegel : "Die dunkle Seite des Sees"

Tina Schlegel :
"Die dunkle Seite des Sees" - Bodensee Krimi
2017, emons Verlag
362 Seiten
ISBN 978-3-7408-0078-9

Kommissar ist Paul Sito ist nach Krebserkrankung und Unfalltod seiner Frau zwar zurück im normalen Leben, aber noch zaghaft im Beruf. Ihm zur Seite wurde der Roman Enzig, der ihm als Psychologe durch Trauma und Krebs geholfen hat, gestellt. Rascher als allen lieb ist werden sie auf die Fähre eines Serienmörders gesetzt, der Kopf und Corpus von Frauen getrennt finden läßt. Während die Polizei fieberhaft sucht, findet Paul einen Sparringpartner um über Tod, Leben, Scheinleben, die verschiedenen Seiten des Lebens zu diskutieren. Dieser Curt Schewege ist charismatischer, charmanter, belesener aber auch eiskalt kalkulierender Professor an die Universität in Konstanz. Es gibt noch einige Leichen, bis die Polizei endlich einen weiteren Mord verhindern kann und den Mörder schnappt.

Die ersten hundert Seiten lesen sich zähe, vor allem da die Vorgeschichten von Paul Sito sich erst langsam entschlüssen. Bei einige Absätzen ist nicht klar ob Sito hier Albträume hat, Todesphantasien oder gar der Mörder selbst ist.
Dann beginnt die Geschichte Fahrt zu bekommen und am Schluß ist es hochspannend.

Die Gespräche zwischen Paul und Curt sind zwischen traumverloren, hoch intelligent, einander in ihren Gedankengängen überraschend und eigenartig vertraut in ihrer Nähe und Selbstverständlichkeit mit dem Tod.

Die Polizeitruppe rund um Sito ist unterschiedlich geschildert. Staatsanwalt Bolder der poltert, dann bremst und am Schluß doch Tempo macht. Kollege Marc Busch der fleißig und engagiert Steinchen um Steinchen zusammen setzt. andere Kollegen mißtrauen Sito, ob er wieder zu 150 % einsatzfähig ist. Enzig ist endlich wieder verliebt und als Psychologe im Fall und als Freund und Betreuer Sitos viel gefordert. Auch Sito traut sich wieder Nähe zu einer Frau zu, wird aber von seiner Vergangenheit oft in Frage gestellt.

Ort der Handlung ist Konstanz am Bodensee, an einem flirrend heißen Sommer und frühen Herbst, der alle Kraft kostet.

In Summe ein doch spannender Krimi, bei der für mich die Gestalt des Professors und die Gespräche zwischen ihm und dem Kommissar bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Viel Freude beim Lesen !

Mittwoch, 10. Juli 2019

Lenz Koppelstätter : "Die Stille der Lärchen"

Lenz Koppelstätter :
"Die Stille der Lärchen" - ein Fall für Commissario Grauner
2016, Verlag Kiepenheuer Witsch Köln
298 Seiten - erste Innenseite mit Plan des Ultentales - Innenseite des Rückencovers mit Plan von Südtirol
ISBN 978-3-462-04734-9

Eine wunderschöne junge Frau sitzt ermordet an Lärchen, das zum Aufbrechen alter Vorurteile, alter Geschichten und aktueller bis dahin nicht anerkannter Brutalitäten führt. Commissario Grauner der aus Südtirol stammt und Ispettore Saltapepe, der aus Neapel versetzt worden war, sehen sich den Einflüssen des sehr konservativen Pfarrers, dem trauernden Großvater der Toten, einem mächtigen Wirtschaftstreibenden des Tales, einem schützenden Vater und alten Geschichten der Jahrhundertwende um die Dichterfamilie Mann gegenüber. Grauner und Saltapeppe rollen das Leben um die Familie der Toten und des Hauptverdächtigen auf, und setzen sich selbst einigen Gefahren aus. Der Tod der jungen Frau wird aufgelöst, und auch einiges anderes was falsch gelaufen war, wird wieder zurecht gerückt.

Die Geschichte ist sehr spannend geschrieben und überrascht im Ende.
Dieser Kriminalroman ist der zweite Band mit den Herren Grauner und Saltapepe.

Die beiden Polizisten sind gut vorstellbar in ihrerm Temperament und Vorlieben geschildert. Die vier Zeilen. in denen der Südtiroler Grauner leidenschaftlich auf italienisch flucht, bringen fast zu Lachen. Die Namen die er seinen Kühen gegeben hat, bringen zu Lachen. Die Probleme mit der Mafia brachten den Neapolitaner nach Südtirol, das ihn immer wieder überfordert. Seine Leidenschaft für einfache gute Spaghetti pomodoro ohne extra Zutaten ist berührend.
Beide sind als halbwegs angenehmem Polizisten geschildert, die um die Aufklärung des Falles bemüht sind, und danach trachten möglichst vielen Vorurteilen auszuweichen.

Es wird die Geschichte des Ultentales erzählt, das um die Jahrhundertwende ähnlich wie der Semmering für seine Erholung berühmt gewesen war. Ein österreichischer Arzt sorgte hier lange für das Wohl seiner überreizten und kranken Patienten.

Gegenpol ist ein übertriebenes Projekt, das einem Unternehmer in dem Buch anfällt, bei dem dieser auch gewissenlos an Grundstücke und Wasserbesitz kommen möchte.
Beängstigend ist auch die Figur des Pfarrers der engstirnig die Bevölkerung des Tales gegen einen jungen nicht-angepassten etwas kranken Mann aufwiegeln möchte, und keinerlei Gewissensprobleme entwickelt.

In Summe ein sehr empfehlenswerter Kriminalroman. Viel Spaß beim Lesen !

Lenz Koppelstätter wurde 1982 in Bozen geboren. Er wuchs in Bozen und Tramin in Südtirol auf und studierte in Bologna und Berlin. Zuerst arbeitete als Journalist, 2015 erschien der erste Band mit Commissario Grauner "Der Tote am Gletscher", 2020 soll der fünfte Kriminalroman in dieser Serie erscheinen.

Montag, 18. März 2019

Gudrun Lerchbaum : "Wo Rauch ist"

Gudrun Lerchbaum :
"Wo Rauch ist"
2018, Argument Verlag, Ariadne 1233
276  Seiten + 2 Seiten Anmerkungen und Dank
ISBN 978-3-86754-233-3

Olga, die an Multiple Sklerose erkrankt ist, versucht mithilfe des Trauerredners Adrian und der etwas verrückten Kiki, die nach einem Mord aus dem Gefängnis entlassen wurde, den Tod ihres Exmannes Can zu erklären. Can war ein charismatischer und investigativer Journalist gewesen, der sein Heimatland Türkei zwar geliebt hat, aber keine extremen und diktatorischen oder gar freiheitseinschränkenden Ideologien unterstützte, im Gegenteil diese medial anprangerte. Die Suche nach Unterlagen führt zum Laptop und einem charismatischen Friseur, unangenehmen Besuch durch einen kampferprobten Mann, Kontakt mit der Wiener Polizei und Cans Familie. Am Schluß wird Cans Tod durch die tatkräftige Unterstützung von Cans Familie aufgeklärt.

Die Geschichte wird aus drei Blickwinkeln und Persönlichkeiten geschildert : Olga, Kiki und Adrian.
Olga muß neben ihrem Mißtrauen gegenüber vielen Menschen und etablierten Strukturen, auch mit ihrem Körper der immer weniger da macht was sie will, auseinander setzten; ihren Verstand betrifft die Krankheit nicht, allerdings ist sie nicht bereit weniger bissig mit ihrem Umfeld umzugehen.
Adrian, der als Grabredner die richtigen Sätze drechselt und Verwandte mit Mitgefühl begleiten kann, läßt sich wiederwillig in die Recherchearbeiten ziehen und entdeckt, daß ihm die üppige ermittelnde Polizistin gefällt.
Kiki wird als Assistenz von Olga engagiert, und macht bei ihren Versuchen zu helfen, ziemliche Fehler und Selbstüberschätzungen. Mich persönlich hat die Figur ziemlich genervt.

Die türkischen politischen Hintergründe und Seilschaften sind frei erfunden, bleiben aber trotzdem ungut in Erinnerung. Die Konstruktionen von militärischen Organisationen mit kampflustigen Gesellen, sowie engstirnige Frauengemeinschaften und der unfreundliche Auftritt der Staatsgewalt machen beim Lesen Angst.

Die Menschen sind unterschiedlich engagiert, charmant, intelligent, organisationstreu oder flexibel im Denken geschildert. Es kommt viele wirklich gut weg, da jeder meint daß nur seine Gesinnung und Toleranz-Intoleranz richtig sei. Einzig Adrian versucht einen Weg zu gehen, um Menschen nicht nur vor den Kopf zu stossen oder anderen seine Ansichten aufzudrücken.

Beim Lesen bekam ich wieder einmal Respekt vor der Arbeit als Assistenz für körperlich behinderte Menschen. Wie diese einerseits nur Hände oder Füße sein sollen, ohne zu denken, andererseits aber die körperlichen Probleme bereits vorweg denken sollen, imponiert mir.

In Summe ein spannender Kriminalroman.

Gudrun Lerchbaum wurde als Gudrun Hepperle am 13. April 1965 in wien geboren. Sie lebte als Kind in Wien, Paris und Düsseldorf. In Wien studierte sie an der Technischen Universität Architektur und konzepierte Textilkunst. 2015 erschien ihr erster Roman "Die Venezianerin und der Baumeister".

Sonntag, 5. August 2018

Marie-Sabine Roger : "Das Leben ist ein listiger Kater"

Marie-Sabine Roger :
"Das Leben ist ein listiger Kater"
Roman
original "Bon rétablissement"
2012, Èditions du Rouergue
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
2014, Atlantik Verlag
217 Seiten
ISBN 978-3-455-60002-5

Jean-Pierre ist Witwer und findet sich in einem Krankenbett wieder. Der Polizist bemüht sich herauszubekommen was passiert ist. Ein studierender Stricher hatte ihn aus der Seine gefischt. Ein rundliches Mädchen kommt ihn im Zimmer besuchen und borgt sich einfach seinen Computer aus. Seine Familie nervt ihn.
Sein rauhbeiniger Charme - er war viel auf Schiffen unterwegs gewesen - kommt bei den Krankenschwestern gut an; bei den Ärzten weniger.
Humorvoll bis zynisch erzählt er vom Krankenhausalltag; traurig auf seine Ehe, in der seine Frau wegen unerfülltem Kinderwunsch immer mehr von ihm abdriftete, und die alleine starb als er weit entfernt war.
Am Schluß gibt es vier Menschen mit denen er in Kontakt bleiben möchte und dafür auch etwas tut.

Die Geschichte ist aus Ich -Sicht erzählt, weil Jean-Pierre an seinen Memoiren formuliert. Eigentlich nerven ihn alle - vor allem die Familie und das manierenlose runde Mädchen Maeva. Nur der Polizist Maxime der nicht aufgibt um das Rätsel um seinen Unfall zu lösen und der junge Mann Camille, der ihn aus der Seine gefischt hat, kommen durch seine harte Schale. Aus seiner Schulzeit poppt eine alte Freundschaft mit Serge auf, die  mit ziemlich skurrillen e-mail-verkehr dargestellt wird.

Die Geschichte ist humorvoll erzählt. Erst langsam wird klar wie sehr sich Jean-Pierre zurückgezogen hat und Menschen nicht mehr um sich haben möchte. Sein kauziger Charme und seine direkte Art machen es nicht einfach für sein Umfeld; daß er sein Herz am rechten Fleck hat ist aber auch klar.

Es macht Spaß die Charaktere zu beobachten, bei den Schilderungen des Krankenhausalltages vergeht der Spaß manchmal. Ort der Handlung ist ein Krankenzimmer.

Immer wieder werden Schriftsteller genannt. Manche sind weltweit bekannt, andere mehr frankophilen Leserinnen und Lesern.

Der französische Originaltitel heißt übersetzt "Gute Gesserung". Kater gibt es einen in der Geschichte; er fügt einige Puzzlestücke zusammen und trägt einen originellen Namen.

In Summe ein Roman, der die Seele wärmt und Hoffnung auf Freunde und liebevolle Menschen macht. Viel Freude beim Lesen !

Marie-Sabine Roger wurde am 19. September 1957 in Bordeeaux geboren. Sie war Lehrerin in der Vorschule als das erste Buch eröffentlicht wurde. Mittlerweile ist sie ausschließlich Roman- und Kinderbuchautorin und hat über 30 Romane und 50 Kinderbücher veröffentlicht. Sie hat einige Zeit in Québec, Madagaskar und La Réunion gelebt.

Samstag, 16. Dezember 2017

Ernst Solér : "Staub im Paradies"

Ernst Solér :
"Staub im Paradies"
2009, Grafiti Verlag
203 Seiten + 1 Seite Erklärung und Danke + 2 Seiten Glossar (gemischt schweizerische und tamilische Ausdrücke)
ISBN 978-3-89425-357-8

In diesem großartigen Kriminalroman werden in zwei Strängen Morde einmal in der Schweiz, einmal in Sri Lanka erzählt. Der schweizerische Kriminalkommissar Staub besucht mit seiner Familie die Tochter aus einer früheren Beziehung. Mitten in den Bergen wird ein Malariaforscher, ein Kollege der Tochter, erschossen. Währenddessen wird in der Schweiz die übrige Truppe von Staub mit einem ermordeten Tamilen konfrontiert.
Staub holt einige Informationen aus der Schweiz für quasi seinen Mord, und hilft den Mord seiner Gruppe aufzulösen.
Mordursache sind der (Bürger-)Krieg zwischen Tamilen und Singhalesen, der wie ein scharfes Schwert über den Menschen hängt, und Intrigen.

Eine kleine Liebesgeschichte bahnt sich zwischen Gret und einem Lokalbesitzer an. Staubs große Tochter hat sich endlich in einen für den Vater brauchbaren Mann, einen engagierten Arzt, verliebt. Sein Sohn hat sich einen temperamentvolle Schönheit verliebt, und auch Staubs Frau hat Witz und Willen.

Die Orte der Handlung sind in Sri Lanka die Bergwelt bei Pelmadulla, aber auch Stadt und Strandgegenden. In der Schweiz dürfte es um Zürich, mit Ausflüge nach Basel gehen.

Die Absätze über Ansätze die Übertragung der Malaria zu übertragen sind hochinteressant. DDT wird sehr kritisch betrachtet.

Ich habe die Sprache und die Metaphern in diesem Buch genossen. Ich habe in gefühlt jedem zweiten Absatz mindestens eine Formulierung oder Analogie gefunden, die mich zum Schmunzeln brachte : hier einige Beispiele :  Schweizer Mücken als flügellahme Lachnummern, abgasgeplagte Palmen,

Die zwei verwebten Geschichten sind in sehr schöner Sprache geschrieben, die ich sehr genossen habe. Spannend sind die beide Handlungsstränge ebenfalls. Leider gibt es keine gutes Ende mit dem ich mich wohl gefühlt habe (was mich an Donna Leon erinnert hat).

Viel Freude beim Lesen dieses unterhaltsamen und spannenden Kriminalromans !

Ernst Solèr wurde am 7. Juli 1960 in Männedorf (Kanton Zürich) geboren. Einige zeitlang war er Ethnologie-Student, Rock-Gitarrist und Spiele-erfinder. Ab 1987 arbeitete er als beim Schweizer Fernsehen. Ab 1999 widmetet er sich dem Schreiben - als Journalist und Schriftsteller.  2006 erschien der erste der vier Krimis um Hauptmann Fred Staub. Er starb am 16. Juli 2008 an Krebs.

Mittwoch, 1. Juli 2015

Thomas Sautner : "Die Älteste"

Thomas Sautner :
"Die Älteste"
2015, Picus Verlag
134 Seiten und 2 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-7117-2021-4

In diesem schmalen Buch steckt ein wunderbarer dichter Roman über eine alte charismatische Frau, die als Heilerin, einer kopflastigen Stadtfrau mit Krebs hilft mit diesen in Einklang zu kommen.

Lisbeth, ist die Heilerin, die in Einklang mit der Natur, Teich, Tieren, in einem Wohnwagen lebt. Sophie kommt zu ihr - sie hat einen Hirntumor, dessentwegen ihr die Ärzte wenig Hoffnung machen.
Lisbeth übermittelt ihr Liebe, Freude am Leben, Akzeptanz ihres Körpers und Loslassen vom "Egoverstand"; und hilft mit Substanzen aus dem Wald.

Das Buch war für mich wunderbar zu Lesen. Es ist ein bißchen 'zu schön um wahr zu sein', wie Weiblichkeit, Intuition und Freude in Sophie wieder stärker werden. Zum Grinsen brachte mich der Satz : "Der Verstand schaute nur blöd".

Die Geschichte ist dicht und ohne Schnörksel geschrieben, aber trotzdem niemals schwer(fällig). Faszinierend finde ich, daß das Buch über zwei Frauen und durchaus esoterisch anmutenden Ansichten von einem Autor und nicht von einer Autorin geschrieben wurde.

Im Roman und im Nachwort ist das Thema "die Jenischen" angesprochen; sie sind eine Gruppe nicht-seßhafter Menschen mit eigener Sprache über die in Deutschland und der Schweiz viel bekannt ist - in Österreich weniger. Sie sind zwar blau-äugig und hell-haarig, waren aber den Rasse-denkenden im 2. Weltkrieg nicht genehm. Erst jetzt wird man sich langsam der Stärken dieser Gruppe bewußt(er).

Im Summe ein Buch das mich sehr beeindruckt hat und das ich einigen Freundinnen persönlich weiterempfehlen und schenken werde. Ich wünsche allen Lesern und Leserinnnen das gleiche Vergnügen und das Gefühl leicht-zu-werden beim Lesen, das ich hatte !

Thomas Sautner wurde 1970 in Gmünd im Waldviertel (Niederösterreich/Österreich) geboren. Er studierte Zeitgeschichte und Politikwissenschaften; arbeitete als Journalist. Sein erster Roman "Fuchserde" erschien 2006. Er lebt in Wien oder im nördlichen Waldviertel.

Samstag, 27. Juli 2013

Carmen Stephan : "Mal Aria"

Carmen Stephan :
"Mal Aria"
2012, S. Fischer Verlage
200 Seiten
ISBN: 978-3-10-075141-6

In diesem dichten, spannenden und eindrücklichen Roman in 13 Kapiteln erzählt ein Mosquito - genauer ein weiblicher Anopheles - wie er die Krankheitserreger überträgt, begleitet seinen letzten Menschen und schildert nebenbei die Medizingeschichte über die Malaria bis zur Entdeckung die Erreger und Transporteure der Krankheit.

Carmen und Carl machen einen Ausflug in den Regenwald. Dort wird Carmen von der Stechmücke gestochen, der sie zuvor begleitet hat und ihr auch weiterhin treu zu Seite steht. Es ist gerade Dengue-epidemie und niemand nimmt sich die Mühe das Blut der jungen Frau zu untersuchen, oder sie abzutasten. In 13 Tagen baut sie ab, ihre Organe zerlegen sich und erst am Schluß dechiffriert ein Arzt die Symptome richtig.

Während Carmen zerfällt erinnert sich ihr Geist an Momente aus ihrem Leben, wie die Großeltern in Bayern, ihren Freund Carl den sie schon früher nach Deutschland zurückgeschickt hatte und daß sie im Regenwald doch keine Riesenfrösche gesehen hat.

Malaria galt lange als "römische Krankheit", da der Körper um die Geißeln loszuwerden sehr hohes Fieber entwickelt. 'Mal Aria' heißt schlechte Luft, weil man dachte daß die schlechte Luft in den Tropen die Menschen erkranken lassen. Die Italiener, dann die Franzosen, dann ein beharrlicher Engländer und am Schluß wieder ein Italiener forschten über zwei Jahrhunderte bis zuerst der Erreger (die Geißeln) und dann der Transporter (die Anopheles .. ) klar war. Alle Methoden die Mücken zu vernichten haben sie stärker, resistenter gemacht.
Bis heute muß die Krankheit rasch erkannt und behandelt werden. In Afrika gilt der Spruch : es ist solange Malaria bis keine andere Krankheit bestätigt ist. Die fiktive junge Frau im Roman in Brasilien hatte nicht das Glück.

Der Roman wird aus der Ich-Sicht des Mosquito erzählt, der sich aus irgendeinen Grund um Carmen sorgt. Er spürt das Blut der jungen Frau, kann die Gedanken mitbekommen und erzählt ihre Gefühle und Gedanken.
Dazwischen springen die Gedanken zur Geschichte der Malaria und wie Menschen einerseits mit Insekten umgehen (Angst, Mosquitonetz, Ekel auch wenn das Tier erschlagen worden war) und Abgrenzungen zwischen Insekt und Mensch (wann von Gott geschaffen, welche Hirnleistung möglich und der Mensch nicht nutzt sondern drücken läßt, was Insekten [viel] und Menschen [wenig] leisten). Diese infragestellenden Absätze sind hochinteressant und schwingen nach dem Lesen noch länger nach.

In Summe ein großartiges Buch, das mich die ganze Lesezeit fasziniert hat. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.

Carmen Stephan, geboren am 1. August 1974 in Bayern, wohnt in München. Sie arbeitet einige Zeit als Journalistin für Zeitschriften. Sie lebte als Autorin für mehrere Jahre in Rio de Janeiro. 2005 erschien der Geschichtenband 'Brasília Stories'

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Carlos Ruiz Zafón : "Marina"

Carlos Ruiz Zafón : "Marina" Roman
original "Marina"
1999, Edebé, Barcelona
geschrieben lt. Vorwort zwischen 1996 und 1997
aus dem Spanischen von Peter Schwaar
2011, S. Fischer Verlag
339 Seiten
3 Seiten Vorwort
2 Seiten Epilog
ISBN 978-3-10-095401-5

'Marina' ist ein Roman über Jugendliebe, erste Liebe, und Kunst, der zu einem guten Drittel eine Gruselgeschichte ist, in der es wieder um Liebe und Kunst geht. Mit schönen, starken dichten Metaphern sind die Umgebung und die Menschen beschrieben - die Geschichte zieht in den Bann.

Òscar Drai, ein junger Mann der 1979 im Internat in Barcelona lebt, durchstreift gerne die Straße und lernt nachdem er Kater Kafka verfolgt hat, deren Besitzerin die zarte, schöne, gleichaltrige Marina und deren Vater Géronimo Blau kennen. Sie leben in einer ziemlich verfallenen Jugendstilvilla in einer Gegend mit alten, eher verfallenen Häusern. Die Mutter Marinas war eine wunderbare, gefeierte begnadete Sängerin gewesen, die an TBC verstorben ist. Géronimo hatte den Zauber seiner Frau als genialer Maler der er war, in wunderschönen Bildern festgehalten.
Marina zeigt Òscar auf dem Friedhof in Serría eine schöne tiefverschleierte Frau. Beim Verfolgen dieser Frau entdecken sie ein gespenstisches Gartenhaus mit mißgestalteten Marionetten. Òscar und Marina folgen der Geschichte und Stück für Stück wird ihnen die bizarre Lebensgeschichte von Michael Kolwenik aus Waisentum, Varieté, Geld, medizinischen Gelenken, großer Liebe, Salzsäure, Betrug und beginnendem Wahnsinn aus Mißbildung erzählt.

Die Menschen in den Roman sind wunderschön geschildert - Òscar als ungelenker aber netter junger Mann, Marina als schöne gescheite junge Frau, ihr Vater Géronimo als Herr der alten Schule mit Manieren, mit Bildung, und Zurückhaltung, Kater Kafka der genau weiß was er will, Pater Sergiu im Internet, die verschleierte Frau, Dr. Shelley mit Tochter. Schöne Metaphern umschreiben die Personen - Géronimo dessen Fahrweise beschrieben wird, daß er selbst Ameisen den Vortritt läßt. Auch Géronimo hat seine Familiengeschichte als Liebe, Schönheit und Verrat vorzuweisen. Die verschiedenen menschlichen Facetten von Michael Kolwenig, vom genialen Ingenieur, zum verliebten Mann der einen Traum gestalten will und sich über menschliche Grenzen hinwegsetzen möchte sind beängstigend nahe beschrieben.

Mir haben die Formulieren und Beschreibungen des in Ich-Form geschriebenen Buchs in diesem Buch besonders gut gefallen: Beispiele dafür sind ' Regen kratzt am Fenster', 'Maler heißt schreiben mit Licht', 'wo die Gezeiten atmeten wie ein versteinerter Wal', 'das Lichtdiadem des Vordachs' bis 'Kobold der Zeit' und ' Müdigkeit begann mich zu umzingeln wie hungrige Wölfe'.

Das Buch in lesbaren großen Buchstaben geschrieben - es war nicht notwendig nach der Lesebrille zu suchen.
Sehr angesprochen haben mich auf die Beschreibungen der Ort, des Mystik der Ort, der Nebel der die Villengegenden verhängt. Es ist kein buntes Barcelona, das hier beschrieben wird, sondern die scharz-grau schillernden geheimnisvollen Teile der Stadt.

Im Vorwort erzählt der Autor, daß es lange dauerte bis ein Verlag das Buch komplett veröffentlichte und nicht mit Strichen, die die Gesamtheit der Geschichte sehr beeinträchtigt hatten.

Der Roman ist sehr empfehlenswert, wenn der Leser/die Leserin in eine vergangene Welt mit Zauber tauchen will, denn die Stadt wird als sehr versunken geschildert. Das Erwachsen werden von Òscar ist behutsam geschildert, seine Freundschaft und der Zauber zu Marina, das Kennenlernen von Rücksicht wie sie in der Familie von Marina praktiziert wird. Mir hat das Buch sehr sehr gut gefallen.

Dienstag, 19. April 2011

Elfriede Jelinek : „Winterreise“


Elfriede Jelinek :
„Winterreise“
Untertitel auf der Innenseite ‚Ein Theaterstück’
2011, Rowohlt Verlag
127 Seiten
ISBN 978-3-498-03236-4

Der Gusto nach Jahren wieder einmal den Einsatz von Sprache von Elfriede Jelinek zu erleben bzw. darin zu versinken ließ mich nach dem Buch greifen. Vorneweg : ich wurde nicht enttäuscht, sondern habe das Buch (das ich nicht als Theaterstück, sondern als Prosa gelesen habe) sehr genossen.

In acht Kapiteln, die unterschiedlich lang sind, nimmt die Autorin und Sprachspielerin Themen auf, die uns alle – manche mehr in Österreich – manche auch im sonstigen Europa bewegen.

Die nach außen hin griffigen Themen sind die Art und Weise wie die Öffentlichkeit mit dem Menschen Natascha Kampusch umgeht, weiters eine zynische Abrechnung über die Machenschaften der Hypo Adria, und einige Betrachtungen zum (Un-)Wesen Vernetzung bis zu sozialen Netzwerken die keine Informationslöschung mehr zulassen und in denen der Wunsch nach Liebe zugrunde gemacht wird. In dem für mich stärksten Kapitel versucht sie sich in die Welt eines geistig abbauenden Menschen zu versetzen und annahmeweise (denn ob es von innen so ist wissen wir nicht) den Verlust von Merken und damit den Verlust von Menschen und Zuwendung schildert.
Daß autobiographische Teile wie die dominierende und vermutlich übergroße Liebe der Mutter aber auch die Alzheimer Krankheit des Vaters eingebaut sind, ist für mich legitim.

Sonst geht es viel um Zeit – Zeit als etwas das Vorbei ist, Zeit in der Öffentlichkeit in der immer kurzweiligere Informationen gebracht werden soll(t)en, Zeit in Netzwerken bzw. Zeitlosigkeit (weil sich Daten nicht mehr löschen lassen), der laut dröhnende Tourismus der Zeitwahrnehmung bremst, Zeit die das Jetzt sein möchte und sich kürzestfristig als sich auflösende Träne manifestiert.

Wieso Winterreise ? weil Frau Jelinek, offenbar Schubartfan, in dem Kapitel über den Merkverlust das verstärkte nicht-mehr-merken von (Ver)Weiser(n) anmerkt, und die „Verweiser“ aus Schuberts/Müllers „Winterreise“ zitiert. Auch andere Zeilen aus der „Winterreise“ werden behutsam in die Texte gestreut.

Ich habe die Texte und die Art und Weise wie die österreichische Nobelpreisträgerin für Literatur mit Sprache oder Sprachbildern umgeht mit Konzentration, aber doch sehr genossen. Viel Vergnügen beim Hineintauchen in diese Sprachwelt.

Montag, 23. August 2010

Daniel Múgica : "Die Stadt von unten"

Daniel Múgica :
"Die Stadt von unten"
1996 Plaza & Janés Editores, Barcelona
"La ciudad de abajo"
aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann
1998, Ullstein Taschenbuch
140 Seiten
ISBN3-548-24342-8

1. Krankheit
2. Die Schulen
3. Die Freunde
4. Der Alkohol
5. Die Reise
6. Die Frauen
7. Die Trauer
8. Der Unfall
9. Die Kinder
10. Die Gegenwart

Ein faszinierendes Buch, das - chronologisch gesehen - die Geschichte eines Buben erzählt, der als Kind eine Hüftkrankheit hat, dann gesund wird, die Adolezenz erlebt, als Jüngling immer wieder in die verschiedenen Suchtmittelräusche abstürzt .... und am Schluß 'Sicherheit' im klassischen Rahmen der Familie mit Frau und Kindern findet.

Die Chronologie der 10 Kapitel wird in Erzählform gesprengt - der Jugendliche ist einmal der kranke Bub und zwei Sätze später der erwachsene Mensch, der Familienvater und Ehemann ist, und genau dort ankert.

Die Stadt von unten ist einerseits ein Bild für die Schmerzen, die ihn immer wieder abstürzen lassen oder in die er sich immer wieder geistig rettet, um mit den Schmerzen und den Behinderungen fertig zu werden.
Später ist die Stadt von unten die Welt der Räusche, die er entweder alleine oder mit wechselnden Partnerinnen und Freunden hat. Im Detail schildert der Autor die verschiedenen 'Aufnahmearten' der unterschiedlichen Drogen. Preisgelder, die mit 22 Jahren für Schriftstellerarbeit genommen werden, werden mit Drogen verheizt.
Schilderungen sind auch das idylle Familienleben mit Frau und Zwillingen, die wie ein Happy End am Ende des Romans stehen.

Kurz, aber intensiv schreibt der Autor über terroristische Angriffe auf Menschen mit Idealen, die familiär aus dem dritten Reich und später das Baskenland und dortigen Terror betreffen.

Mich hat die Dichtheit und das Rauschhafte in dem Beschreiben des Drogenkonsums, des Wegtretens, des Alkoholkonsums, das Absacken wenn Drogen wichtiger werden als Miete zahlen oder sich um die Wäsche kümmern fasziniert; das Familiengetue und Happy End war mir zu kitschig.

Mich faszinieren die sprachlichen Bilder des Autors/ vielen Dank an den Übersetzer :
.. daß man immer allein ist, wenn das auch gegen den Willen derjeniger geschieht, die dich lieben (S.12)
.. das Schwimmbecken .. ein flüssiger Planet ..
.. impulsive spontane Verabredungen mit der Traurigkeit (S.23)
Ich ging in den Klängen auf und schlich mich wie ein heimlicher Untermieter in ihre Seele ein (2.35)
.. der Mond ... warf seine Messerklingen in die Wellen (2.49/50)
.. eine riesige Schlingpflanze aus blauem und orangerotem Feuer rankte sich an einem Firmament aus Alkohol empor (S.52)
S. 81 ... daß ich Illusionen sammelte und mir keine mehr blieben.
S. 84 .. Garten, in dem der Herbst, ..., Laubwirbel umherstreute.
S. 123 Die Bücher überziehen die Wände wie Schlingpflanzen und klettern die Treppe empor, überfluten die Schlafzimmer und finden Ruhe.