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Samstag, 27. Juni 2026

Jegana Dschabbarowa : "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt"

Jegana Dschabbarowa :
"Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt"
Roman
original ' Руки женщин моей семьи были не для письма'
2023, No Kidding Press. Moskau

Aus dem Russischen von Maria Rajer
2025, Paul Zsolnay Verlag
130 Seiten
ISBN 978-3-552-07591-7

In elf Kapiteln die Titel von Körperregionen haben erzählt eine junge Frau (Jegana), die ältere Tochter einer Familie, aus Aserbeidschan, die auch in Rußland leben. Sie erzählt von der Gewalt und Unterdrückung die ihre Mutter durch ihren permanent eifersüchtigen Ehemann erleben mußte. Die Unterdrückung von Frauen bzw der wenige Ausdruck der ihnen erlaubt war, wird auch anhand ihrer Mutter erzählt. Ausnahme ist der Großvater der immer liebevoll war, und in ihr die Liebe zu Lyrik und zur Schönheit der Natur erweckte.
Frauen müssen für den Mann schön sein, Kinder gebähren und der Haushalt muß blitzen vor Sauberkeit. Die Frauen der kleinen Familie halten trotzdem gegen den prügelnden Vater und Ehemann zusammen, und blockieren ihn auch wenn er Süßigkeiten nach Hause bringt.

Sie (Jegana) hat ein anderes Leben als die anderen Frauen, da bei ihr die Stimme versagt, immerwieder Körperteile, manchmal ein Bein bis es endlich zu Diagnose kommt, daß sie generalisierte Dystonie hat. Zuerst sollen Medikamente helfen, als sie auf der Universität ist, wird ihr eine Operation genehmigt. Auch dort wird ihr Vater nur eifersüchtig, weil sie wie allen anderen Patienten Leggings und Sweatshirt trug, und damit ihre Beine zeigt.

Spannend ist wie sie Rußland und Asserbeidschan vergleicht - und schreibt, daß sie in keinem von beiden Länder zu hause war, und ihre öfter gesagt wurde, daß sie keine Sprache wirklich kann.

Die Kapitel heißten "Augenbrauen", "Augen", "Haare", "Mund", "Schultern", "Hände", "Zunge", "Rücken", "Beine", "Hals" und "Bauch".Die Körperlichkeit der Frauen, die von den Männern unterdrückt wird, ist spürbar. 

Ich habe länger gebraucht dieses Buch zu lesen, weil mir die geschilderten Situationen  mit Gewalt und seelischer Enge der Frauen unter die Haut gingen.

In Summe ein starkes eindrückliches Buch über Frauen in engen Gesellschaften; ich wünsche gutes Lesen !

Jegana Dschabbarowa, wurde 1992 in einer aserbaidschanischen Familie in Jekaterinburg/Russland geboren. 2024 war sie gezwungen wegen Morddrohungen, Russland zu verlassen; sie lebt heute in Hamburg. 'Die Hände der Frauen in meiner Familie' waren nicht zum Schreiben bestimmt ist ihr Debütroman.

Freitag, 19. Juni 2026

Gabrielle Filteau - Chiba : "Die Ungezähmten"

Gabrielle Filteau - Chiba :
"Die Ungezähmten"
Roman
Original "Sauvagine"
2019, Les Éditions XYZ, Montreal
Aus dem Französischen von Katrin Segerer
2025, DTV München
321 Seiten mit schwarzem Lesebändchen + 1 Seite Danksagung + 2 Seiten Anmerkungen + 1 Seite Biographie der Autorin und der Übersetzerin
ISBN 978-3-423-28515-5

Mit Illustrationen der Autorin

Die Wildhüterin Raphaelle (kurz Raph) Robichaud umsorgt mit ihrer Halbhund-HalbCojtote Hündin einen Teil eines Naturschutzgebietes ins Kamourska; sie wohnt in einem Wohnwagen, duscht sich mit kalten Wasser, und lebt einfach aber naturverbunden. Als ihre Hündin fast an einer der illegalen Fallen mittels Schlinge, die Wilderer aufgestellt haben, stirbt, und als sie entdeckt, daß einer dieser Wilderer sie durch eine Wildtierkamera in ihren sehr privaten Momenten filmt, und sie zusätzlich entdeckt, daß dieser Wilderer Teil einer mächtigen Familie ist, entwickelt sie gemeinsam mit einem guten alten Wildhüterfreund einen  Plan das gefährlichste Tier, nämlich den rücksichtlosen Menschen, in eine Falle zu locken.
Als ihr zuerst ein Tagebuch in die Hände fällt, und sie dann später die Autorin dieses Buches und  Waldmensch Anouk kennen lernt, bekommt sich emotionale Unterstützung bei ihrem archaischen Racheplan.

Das Buch ist in Ich-form aus Sicht von Raphaelle geschrieben, bis auf die Tagebuchseiten, die kursiv gedruckt sind und in denen Anouk erzählt. Intensiv, direkt, ohne Scham erzählt sie ihr Leben im Wald und wie einfach sie manche Probleme löst, sei es sich mit Moos den Popsch auszuwischen, oder sich einen Joint am Wochenende dreht, aber auch wie bewußt sich mit der Gefahr von Bären umgeht. Für sie sind nicht die Tiere das Problem im Wald, sondern Menschen, die sich der Natur bedienen und dabei rücksichtslos Tier verenden lassen (statt wenigstens einen raschen Tod herbeizuführen).
Ihr gegenüber ist Anouk die einsam lebend sehr offen geworden ist, und die sich einfach traut mit Raphaelle in eine Beziehung zu gleiten, und sie auf ihrem Rachefeldzug mit Rückzug zu begleiten.

Die Wälder, die Landschaften, der schöne Baum an der Staatengrenze, die Tiere sind wunderschön geschildert. Auch die Menschen sind - teilweise durch ihre Kosenamen - vorstellbar.

Mir waren nur die seitenlangen Erotikbeschreibungen etwas zu viel.

In Summe ein faszinierender, kraftvoller Roman. Viel Freude beim Lesen !

Gabrielle Filteau-Chiba lebt am Ufer des Kamouraska-Flusses. Sie studierte an der Universite Laval, und verließ im Alter von 25 Jahren ihre Heimatstadt Montreal und zog sich in die Wildnis von Québec zurück. Sie schreibt, übersetzt, illustriert und verteidigt die Wildnis Québecs. Zuletzt erschien ›Bis der Fluss taut‹ (2022). ›Die Ungezähmten‹ war sowohl in Québec als auch in Frankreich ein Bestseller und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Sonntag, 28. September 2025

Igort : "Berichte aus der Ukraine [Tagebuch einer Invasion]"

Igort :
"Berichte aus der Ukraine [Tagebuch einer Invasion]"
original 'Quaderni ucraini : Diario di un 'invasione'
2022, Oblomov Edizioni
Aus dem Italienischen von Mariam Alfano
2023, Reprodukt Berlin
156 Seiten + 4 Seiten "Goldfisch oder Elefant" + 3 Seiten Postscriptum

ISBN 978-3-95640-357-6

In dem Tagebuch werden die ersten 98 Tage nach dem militärischen Angriff der russischen Truppen auf die Ukraine ab 24. Feb 2022 und einige Rückblenden der ukrainisch-russischen und russischen Geschichte erzählt.
Nach Einzelschicksalen von auseinander gerissenen Familien (der Mann bleibt, Frau und Kinder suchen Sicherheit zwischen Bombenangriffen) mit sehr dunklen Bildern, bringen wackelnde Säulen den Leser in das Geschehen um das Theater in Mariupol mit allen Menschen die im Keller nach Beschuß umkommen und einen Exkurs in den Holodomor in den 30-er Jahren, der vielen Ukrainern das Leben durch Hunger gekostet hat; diese Zeichnungen sind mit vielen feinen Strichen gezeichnet.
Butscha, ein Vorort von Kiew, ist mittlerweile zum Kennwort für die Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegen Zivilisten und Familien geworden; die Graphiken sind in dunklem Braun, Grau und Schwarz gehalten und sind Hintergrund zu Worten die von den Gräulichkeiten berichten.

Die Graphic Novel endet am 1. Juni; die Soldaten der Asow-Werke in Mariupol werden am 22. Juni 2022 kapitulieren.

In diesem Buch sind im Gegensatz zu vielen anderen Graphic Novels und Comics mehr Seiten mit viel bis ausschließlich Text, in dem die Geschichte erzählt wird, oder intensiv die Situationen von ausgewählten Menschen im Krieg, und auch auf der Flucht.

Die Geschichten über die einzelnen Menschen gehen unter die Haut - z.b. die eines russischen Soldaten der zufällig überfahren wird, nachdem er beschlossen hat, zurück in die Heimat zu fahren, und dort zu verbreiten wie dieser Krieg wirklich ist, und welche Lügen erzählt worden sind.

Neu war für mich der Politiker Stepan Bandera; für ihn waren nach dem Holodomor Nazi-Deutschland weniger problematisch als Rußland um eine politisch sehr rechts stehende Unabhängigkeitspartei der Ukraine zu gründen; leider wurden auch für diese Unabhängigkeit viele tausende als unpassend geltende Menschen ermordet, was für ihn nur Notwendigkeit ohne Gewissensbisse gewesen ist. Er war sein Leben lang als Feind der Russen bekannt, und wurde schlußendlich vergiftet.

Die Graphic Novel erzählt von Soldaten, von Frauen, von Männer, von Töchtern und Söhnen, von Eltern. Es sind kurze Kapitel, die sehr unter die Haut gehen.

Igort wurde am 26. September 1958 in Cagliari als Igor Tuveri geboren. Sein Vater ist klassischer Komponist, und er lernte über ihn russische Musik und Literatur kennen. Er hat zwei Jahre in der Ukraine gelebt.
Mit 20 zog er nach Bologna und begann als Comiczeichner zu arbeiten. Seine Werke erschienenen auch in Frankreich und Japan, und anderen europäischen Ländern. Ab 1993 erschienen regelmäßig Werke von ihm
Seit 1980 arbeitete er parallel als Musiker mit verschiedenen Bands als Komponist, Sänger und Arrangeur.
Filme nach seinen Drehbüchern erscheinen seit 2019.

2011 erschien 'Berichte aus der Ukraine (Erinnerungen an die Zeit der UdSSR)'. Eine erste Sammlung dieser öffentlichen Tagebuch-Blätter erschien 2022 als zweiter Band seiner "Quaderni ucraini" (auf Deutsch 2023: 'Berichte aus der Ukraine 2').

Freitag, 29. August 2025

Javier Marías : "Berta Isla"

Javier Marías :
"Berta Isla"
Roman
original "Berta Isla"
2017, Alfaguara Barcelona
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
2022, Fischer Taschenbuchverlag
648 Seiten
ISBN 978-3-596-70341-8

Berta Isla ist eine intelligente junge Frau, die bereits früh in einer Beziehung mit Tomás ist. Sie ist Spanierin, er halb spanisch halb britisch weshalb er als diese beiden Sprachen und als Sprachtalent in vielen Akzenten spricht. Sie heirateten, es kommt er Kind, er arbeitet die ganze Zeit in einem Arbeitsbereich über den er nicht sprechen darf in England, oder wo aus immer. Kind zwei kommt, und einige Zeit später erfährt Berta, daß ihr Mann umgekommen sei, aber seine Leiche nicht gefunden wurde. Berta hat zwar Affären und Beziehungen, ist aber nicht überzeugt, daß Tomás nicht mehr am Leben sei.
      Parallel wird Tomás Leben erzählt - mit einer Affäre in England, die scheitert, und Gesprächen, die ihn überzeugen seine Talente in den Dienst des englischen Geheimdiensts zu stellen. Sein mentaler Anker in den Einsätzen bleibt der Glaube an Berta, auch als er in Pension in verschiedenen kleinen Städten Englands lebt.
   Die Endwendung ist sehr überraschend, und plötzlich sieht alles anders aus.

Die Kapitel sind abwechselnd aus der Sicht von Berta und Tomás geschrieben, aber nicht in I-form, und begleiten die beiden seit ihrer gemeinsamer Studienzeit. Tomás ist ein fröhlicher kommunikativer Mensch, sie ist eine korrekte Spanierin - beiden ist klar daß sie zusammen sind.

Vor dem Hintergrund der Margaret-Thatcher-regierung in England, den Attentaten der ETA in Spanien, und anderen europäischen Themen wird die Geschichte von viel Abwesenheit des Ehemannes erzählt, in der Berta die Kinder aufzieht, selbst Lehrerin ist, und auch ein sehr unangenehmes Erlebnis mit Agenten hat.

Dieses Buch ist mehr aus der Sicht von Berta geschrieben.
Die andere Sichtweise ist hier : 2021: Tomás Nevinson. Alfaguara, Madrid, dt. von Susanne Lange als Tomás Nevinson, S. Fischer, Frankfurt 2022.

Ich habe in  den 90-er Jahren "Sein Herz zu weiß" gelesen, und war damals von dem Stil nicht begeistert, weil ich mir nicht in den Bann gezogen hat.
Dieses Buch ist - obwohl distanziert - so geschrieben (oder übersetzt), daß die coole beherrschte logische Berta mit ihren Ängsten, Sorgen, Gedanken stimmig und fühlbar war. 

Die intellektuelle Auseinandersetzung zwischen den beiden ist spürbar. Faszinierend wird es wenn Berta englischer Literatur zitiert, die mehr die Heimat von Tomás ist, um sich verständlich zu machen.

In Summe ein intensiver Roman; viel Freude beim Lesen.

Javier Marías Franco wurde am 20. September 1951 in Madrid geboren und verbrachte einige Jahre seiner Jugend in USA, da sein Vater sich der spanischen Republik zugehörend bekannte. Er studierte Literaturwissenschaften und Philosophie. war ein Schriftsteller, Kolumnist und Übersetzer. Er starb am 11. September 2922.
Er begann früh schrifstellerisch zu arbeiten.
Zu seinen Werken gehören die Romane 'El hombre sentimental' (1982, deutsch: Der Gefühlsmensch) , Todas las almas (1986, deutsch: Alle Seele und sein siebenter Roman Corazón tan blanco (1992, deutsch: Mein Herz so weiß), der ein internationaler Erfolg wurde. Seine Romane sechszehn und siebzehn sind "Berta Isla" und "Tomás Nevinsson".

Samstag, 14. Juni 2025

Liza Markland : "Prime Time"

Liza Markland :
"Prime Time" - ein Annika Bengtzon - Roman
original "Prime Time
2002, Piratförlaget, Stockhom
Deutsch von Susanne Dahmann
2005, Rowohlt Taschenbuch Verlag
408  Seiten + 3 Seiten Danksagung
ISBN 978-6-499-23298-7

Annika muß nach der Geburts des zweiten Kindes nach der Karenz wieder zurück in ihre journalistische Arbeit, während ihr Partner mit den beiden gemeinsamen  Kindern einige Tage bei seiner Familie im Urlaub ist. Eine charismatische Fernsehmoderatorin war ein einem dort Regen abgeschlossenen Ort ermordet worden - weshalb es genug eindeutige Verdächtige aus der Medienbranche gibt, von denen jeder einiges zu verbergen hat.
Nebenbei kämpft der Herausgeber der Zeitung, in der Annika angestellt ist, gegen das Gefühl, daß der aktuelle Besitzer die Zeitung in den Abgrund und Verkauf führen möchte, und setzt Annika auf heimlich Recherche an.
Am Schluß hat Annika Insiderhandel aufgedeckt, die Zeitung gerettet und in einem großen Showdown wird der Mord aufgeklärt.

In dem Kriminalroman wird einiges aus dem Hintergrund des Fernsehjournalismus erzählt - Bänder recherche, Datenbank, Machtkampf und Intrigen mit Terminen, Menschen die es nie schaffen werden aber notwendig sind, und zerstörte Visionen weil zuwenig Kameracharisma vorhanden sein kann. Diese Abschnitte sind sehr glaubhaft, und habe mich am meisten berührt.

Nebenbei gibt es Familienthemen weil Annikas Partner einige Erwartungen seiner Familie zurecht rückt, und mit Glück sich auch seiner Arbeit neue Türen auftun.

Der Roman ist gut geschrieben und durchaus unterhaltend. Viel Spaß beim Lesen über die Medienbranche.

Eva Elisabeth „Liza“ Marklund wude am 9. September 1962 in Parmark, einem Dorf bei Pitea , in Stadt in der Provinz Norrbottens geboren . Sie  eine schwedische Journalistin, Krimiautorin und Gründerin des Verlages Piragförlaget. Annika BengtzonRomane erschienen ab 1999 auf schwedisch; mittlerweile gibt es 13 Romane. Ihr erster Roman war 'Mia. Ein Leben im Versteck', Originaltitel 'Gömda' (1995, überarbeitete Auflage 2000).

Samstag, 24. Mai 2025

Han Kang : "Deine Kalten Hände"

Han Kang :
"Deine Kalten Hände"
original 2002, Moonji Publishing
Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
3. Auflage 2023 Aufbau Taschenbuch
307 Seiten +  1 Seite Nachwort
ISBN 978-3-7466-3731-0

In der Rahmenhandlung wird die Erzählerin immer wieder von Skulpturen die schwebende Hände zeigen fasziniert.
Ihr wird ein Manuskript überspielt, in dem ein Künstler von seiner kaltherzigen Familie erzählt und wie er sich ins Funktionieren retten muß, und später Bildhauer wird. Er entwickelt seine spezielle Technik dünne Gipsabzüge von Händen zu nehmen, dieser Abzüge nochmals abzuziehen und zu bearbeiten. Ein rundliche Frau mit schönen Händen ist lange sein Modell, und er beginnt nicht nur Hände zu gestalten. Später sind es andere Frauen. Manchmal werde alle seine fertigen Werke zerstört, was ihn nur dazu bringt weiter zu arbeiten. Über einen Auftrag lernt er eine bildschöne perfekte Frau kennen, die er zuerst auch als Modell einsetzen darf, bis sie umgekehrt ihn als Modell für Gipsabzüge verwendet. Hier erkennt er, daß seine Technik für seine Modells extrem schmerzhaft ist. Die bildschöne Frau hat eine Hand-operation hinter sich, weil sie 6 Finger gehabt hatte; die seelischen Narben sind nie verheilt.
In einer Galerie könnten der Künstler und seine Freundin gesehen worden sein, aber das ist unklar.

Die Menschen in diesem Buch haben keine Namen, maximal Buchstaben. Allerdings waren die Beschreibungen sehr gut, und haben mich sehr berührt. Bei den Menschen waren für mich zwei Frauen in ihrem Wandel stark : die rundliche Frau mit starker Seele, die es schafft abzunehmen, dann bulemisch wird und mit dem gesellschaftlich gewünschten schlank sein ihre Persönlichkeit und Charme einbüßt; und die schöne Frau die durch ihre 6 Finger so geächtet war, daß sie sich auf perfekt trainiert mit perfekt abgestimmter Kleidung, vorschriftsmäßiger Wohnungseinrichtung und extrem angepaßter strahlender Höflichkeit und Schönheit. 

Manchmal reist der Künstler, aber mir die koreanische Geographie und Städte nichts sagen, war mir das nicht wichtig.

Mich hat das Gemisch aus getrieben sein und dann wieder kompletter Abgehobenheit des Künstlers fasziniert; manchmal ist er was, dann auch wieder nicht; er arbeitet wenn ihn eine Idee gepackt hat ganz intensiv. Als praktisch denkender Mensch habe ich manchmal überlegt, wie er dieses Leben finanziert ..

In Summe ein grandioser Roman der mich sehr berührt habe, auch wenn die Gesichter für mich gesichtslos geblieben sind. Viel Freude beim Lesen !

Hang Kang wurde am 27. November 1970 in Gwangju, Provinz Süd-Jeolla, Südkorea geboren. Sie studierte koreanische Literatur in Seoul, und begann danach Gedichte und Prosa zu veröffentlichen. Nebenbei arbeitete sie als Journalistin. 2007 erschien ihr erster Roman "Die Vegetarierin" auf koreanisch, der 2016 auf deutsch erschien. 2024 erhielt sie den Literatur-Nobelpreis.

Sonntag, 30. März 2025

Waguih Ghali : "Snooker in Kairo"

Waguih Ghali :
"Snooker in Kairo"
original "Beer in the Scnooker club"
1964, Serpent's Tail, London
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch
2018, C.H. Bock München
6 Seiten Einführung von Diana Athill - 235 Seiten - 7 Seiten Glossar
ISBN 978-3-406-71902-8

Ram ist eine junger Mann aus guter, aber veramter koptischer ägyptischer Familie. Er verbringt seine Tage in Kairo in verschiedenen Clubs, trinkt Whiskey und anderes, flirtet Frauen an und spielt Snooker. Seine große Liebe ist die etwas ältere Edna, eine intellektuelle junge Frau aus einer reichen jüdischen Familie. Sie ermöglicht ihm nach London zu reisen und dort einige Zeit zu leben und zu studieren. Wieder zurück verbringt er weiterhin seine Tage gemütlich. Bei einer reichen Tante trifft er wieder eine Freundin Didi aus Londoner Tagen.

Der Roman ist in Ich-form aus der Sicht von Ram geschrieben. Die Zeit in London beschreibt er in Rückblicken, wobei das Panoptikum aus Menschen dort aus ehemaligen Soldaten am Sues, einem ägyptischen Freund, manchen hilfreichen Freunden besteht.
Die Cliquen in Kairo sind unterschiedlich - es gibt die Freunde zum Snooker spielen, Freunde die seine Leben finanzieren, einen Freund der in einem Club an der Bar arbeitet; seine Familie ist verarmt, seine Mutter würzt mit franzöischen Worten ihre Sprache, alle hoffen auf Zuwendungen der reichen Verwandten.

Als Kopte (Anmerkung : vermutlich Mitglied der koptisch-orthodoxen christlichen Kirche, die in Ägypten immer benachteiligt wurde) hat Ram weniger Chancen Arbeit zu finden, teilweise gilt er sogar als gefährlich.
Die Stimmung in dem Roman ist eigen, fast abgehoben; Ram denkt und trinkt sich durch den Tag, aber die Frage was er wirklich tut bleibt beim lesen für mich.

Liebe findet statt, zerbricht oder wird eingetauscht. Das Leben und Snooker gehen weiter.
Dieser Roman wirkt in mir durch seine Sprache und Schilderungen nach.

Waguih Ghali wurde am am 25 Feb 1927 oder 1928 oder 1929 in Ägypten in einer wohlhabenden koptischen Familie geboren. Nachdem er sich mit der Zeit immer stärker kommunistischen Ideen angenähert hatte, war er gezwungen, Ägypten 1958 zu verlassen und nach London zu gehen, da die Gefahr bestand, dass er in Ägypten als Kommunist eingesperrt würde. Als sein Pass abgelaufen war, ging Ghali ins Exil nach Deutschland, wo er neben der Arbeit in einer Fabrik seinen Debütroman schrieb. Er begann einen zweiten Roman über das Leben als „Gastarbeiter“, vollendete diesen jedoch nicht. 1966 ging er nach London zurück. Er starb durch Suizid am 5. Jänn 1969 in London, in der Wohnung seiner damaligen Freundin Diana Athill.
Er schrieb seinen einzig veröffentlichten Roman auf englisch.

Sonntag, 16. März 2025

Nagib Machfus : "Der Dieb und die Hunde"

Nagib Machfus :
"Der Dieb und die Hunde"
original "al-liss wa al-kilab"
1961, Maktabat Misr, Kairo
Aus dem Arabischen von Doris Erpenbeck
1986, Verlag C.H. Beck München
163 Seiten + 4 Seiten Nachbemerkung von Doris Erpenbeck
ISBN 3-406-31025-7

Said Muhran, ehemals erfolreicher aber verratener Dieb, wird nach vier Jahren aus dem Gefängnis entlassen, und findet alles verändert vor, v.a. sind seine große Liebe und sein Kind nicht mehr an ihm interessiert. Er geht zu dem Scheich, bei dem sein Vater und er früher Schutz und geistige Führung gesucht und gefunden hatten. Diesmal ist der Haß stärker - der Haß auf seinen ehemligen Schüler, den Frau und Kind jetzt lieben und der Haß auf seinen ehemaligen Kompagnion der gut in einem schönen Haus lebt. Einige alte Freunde versuchen ihn zu warnen, und auch zu helfen, aber bis auf eine alte Freundin, die ihm wirklich hilft, kommt niemand an ihn durch. Nachdem er mit seiner Rache Unschuldige getötet hat, zieht sich der Kreis der Verfolger eng und enger um ihn.

In dem Roman wird Said begleitet - von seiner Entlassung aus dem Gefängnis, bei den für ihn demütigenden Besuch bei ex-frau und Tochter und den hämischen Grinsen der Beobachter, bei dem ruhigen weisen Scheich der in seiner eigenen spirituellen Welt zu leben scheint aber ihm trotzdem mit Schlafraum und Essen weiterhilft, einem Wirt aus alten Zeiten der zumindest Essen bringt, der hochnäsige reiche ehemalige Kompagnon der nur einen kleinen schäbigen Job in Aussicht stellt, und eine ehemalige Freundin und schöne Frau Nur die sich verkauft und ihm einige schöne Zeit beschafft. 

Die Gedanken von Said ziehen ihn in einen Zerstörungswahn, der sich immer schneller dreht und mich als Leser mitgezogen hat.
Allerdings gilt mein Mitgefühl auch dieser Frau Nur, die ihre Liebe und viel gibt und dann plötzlich nicht mehr in dem Buch vorhanden ist.

Der steigenden Verzweiflung von Said steht die betonte Ruhe des Scheichs gegenüber, der Zeilen aus dem Koran zitiert und damit Spiegel und Hilfe für Said sein könnte, was dieser nicht annimmt oder nicht annehmen kann.

In Summe ein faszinierender roman, auch wenn er für mich nicht ganz einfach zu Lesen war !

Montag, 10. März 2025

Nagib Machfus : "Echnaton"

Nagib Machfus :
"Echnaton" - Der in der Wahrheit lebt
Roman
original "Al-A'isch fi l-Haqiqa"
1985, American University in Kairo
Aus dem Arabischen von Doris Kilian
2011 / 4. Auflage 2023, Unionsverlag
180 Seiten + 1 Seite "Nagib Machfus : Leben und Werk" + 3 Seiten Worterklärungen
ISBN 978-3-293-20530-7

In einer Rahmenhandlung begibt sich ein junger Mann Merimun einige Jahre nach dem Tod von Echnaton auf die Suche nach dem Leben und Wirken von Echnaton, der als Amenphobis IV auf den Thron kam. Er trifft in Gesprächen enge und ferne Freunde und Feinde von Echnaton und seiner Frau Nofrete und versucht zu erkennen warum so schlecht über Echnaton und seine Zeit gesprochen wird.
In Gesprächen bei Familie seiner Frau Nofrete, alten Freunden, persönlichem Arzt, ehemaligen Priestern, bis zuletzt bei Nofretet persönlich entschlüsseln daß Echnaton von beginn an anders war, da er weder an Militär interessiert war, auf der Suche nach etwas anderem spirituellen und dabei sehr charismatisch war. Hoffnungen seiner Familie und der traditionellen Priesterschaft, daß seine Frau ihn auf den traditionellen Weg bringen würde, zerschlugen sich als Nofrete mit ihm seinen spirituellen Weg zu nur einem Gott ging. Das Leben in der neuen Stadt war gut, aber da die Feinde Ägyptens militärisch nicht zurückgeschlagen wurden, wandte sich die Meinung gegen das Pharaonenpaar.

Die fiktiven Gespräche sind meist abwechselnd pro oder contra Echnaton, dem Ketzter wie ihn manche nannten. Es wechseln tiefer Haß und Verachtung, bis zu Verehrung, Bewunderung und tiefer Liebe ab. Auch Jahre später sind die Fronten für Verständnis verhärtet, wenn auch die Preister ihre Macht zurückerhalten haben.

Machfus läßt auch Eje und Haremhab zu Wort kommen, die später selber auf dem Pharaonenthron sitzen werden.

Feinfühlig zeichnet der Autor die mögliche Entwicklung dieses Pharaos nach einem anderen spirituellen Gott, vor allem mit mehr Liebe und weniger machtvollen Preistern nach.

Ein wunderbares Buch !

Freitag, 7. März 2025

Nagib Machfus : "Cheops"

Nagib Machfus :
"Cheops"
Roman
original "Abath al-Aqdar"
1939, Salama Moussa
Aus dem Arabischen von Doris Kilias
2007 /3. Auflage 2024 Unionsverlag
Nachwort in der englischen Ausgabe unter dem Titel 'Khufu's Wisdom", 2003, American Universiry in Cairo Press
239 Seiten +  4 Seiten mit einem Nachwort Raymond Stock + 4 Seiten Nagib Machfus : Leben und Werk
ISBN 978-3-293-20380-8

Cheops wird vorausgesagt, daß sein Nachfolger Sohn des Ra-Priesters und nicht einer seiner Söhne werde, worauf er, sein Sohn und eine Gruppe Bewaffneter dies zu verhindern suchen. Das Schicksal trennt Mutter und Priestersohn Dadaf, der Priestersohn wird mit der Dienerin als eigenes Kind und sie als zweite Frau angenommen. Während die Halbgeschwister andere Wege einschlagen, zieht es den Dadaf zum Millitär, bei dessen Abschlußprüfungen er brilliert. Inzwischen lernt er eine junge Frau kennen, die sich als Tochter des Pharaos Miri-si-Anch entpuppt, weshalb beide auf Abstand gehen. Dadaf, der immer noch nicht über seine Abstammung Bescheid weiß, wird Heerführer und begleitet den Kronprinzen im Krieg gegen die Nachbarn. Als sich eine der Gefangenen als seine echte Mutter entpuppt, wird endlich seine Abstammung geklärt und Cheops muß den Wunsch des Schicksals akzeptieren.

Der Roman wurde vom ersten ägyptischen Verleger umbenannt in "die Absurditität des Schicksals". Dieser Roman ist der erste der Pharaonen Trilogie des Autors - die beiden anderen Bände heißen auf deutsch "Radubis" und 'Kefah Teba' (engl. 'Thebes at War'). 

Der Roman ist ziemlich geradlienig geschrieben, die Personen sind eher einfach beschrieben. Cheops ist als selbstbewußter und machtbewußter Mensch beschrieben; der Kronprinz als Mann des Krieges und des machtvollen Hinterhalts; der Wesir ist weise. Die Ersatzfamilie von Dadaf ist ähnlich einfach : der Quasi Vater ist ein gutmütiger Beamter, Dadafs Ersatzmutter ist liebevoll.

Mir ging beim Lesen dieses Buches die Vielfalt und Vielschichtigkeit der Figuren aus den anderen (und später geschriebenen) Bücher von dieses Autors ab;
trotzdem ein interessanter Roman.

Samstag, 1. März 2025

Nagib Machfus : "Karnak-Café"

Nagib Machfus :
"Karnak-Café"
original "Al Karnak in Kairo"
1974, American University in Cairo Press
Aus dem Arabischen von Doris Kilias
2009, Unionsverlag
114 Seiten + 2 Seiten Worterklärungen / Die Übersetzerin + 6 Seiten : Roger Allen : Das Bild einer aufgewühlten Welt
ISBN 978-3-293-00400-9

Der Erzähler geht in ein Café abseits der Hauptstraße und sieht am Eingang, am Kassenplatz, eine wunderschöne Frau, in der er eine ehemalige Tänzerin Kurunfula entdeckt. Sie führt jetzt das Café, und einige ehemalige Verehrer arbeiten jetzt ebenfalls dort.Regelmäßige Besucher sind vier junge Studenten, 3 junge Männer und eine junge Frau; einer der jungen Männer, Hilmi Hamada, wird der Freund von Kurunfula, was sie strahlen läßt. Zwischen der jungen Frau und einem der jungen Männer beginnt sich eine Romanze anzubahnen, als Polizeirepresalien zuschlagen. Insgesamt drei mal werden dei jungen Leute verhaftet; nach dem dritten Mal kommen nur drei zurück und etwas ist in ihnen zerbrochen. Auch für die anderen Menschen hat sich das Leben nach dem Sechs-Tage-Krieg (1967) einiges geändert; einige träumen der Revolution von 1952 nach, andere sprechen gar nicht mehr über Politik.

Ismail Asch-Scheich, einer der jungen Studenten, ist aus armer Familie und darf studieren. Bei dem ersten Gefängnisaufenthalt wird ihm ein Naheverhältnis zur muslemischen Bruderschaft vorgeworfen, bei dem zweiten daß er Kommunist sei, beim dritten wird seine Vertrautheit mit Zainab zerstört und er sieht den zerstörten Hilmi.
Mir bleibt bei ihm seine Einsamkeit am Schluß, eigentlich Orientierungslosigkeit im Gedächtnis

Zainab Dijab, ist das die junge Frau, die seit ihrer Jugend mit Ismail befreundet und vertraut ist. Auch sie studiert. Wie Ismail werden ihr unterschiedliche politische Gruppenzugehörigkeiten angedichtet, und am Schluß ihr die Würde als Frau genommen.
Mir bleibt ihre Wut am Schluß am meisten im Gedächtnis.

Chalid Safwan, kommt erst am Schluß ins Café. Er ist der Chef der Polizei im Gefängnis und damit der Albtraum der Jugendlichen gewesen. Mit freundlichen Sätzen schafft er es, daß ihm eine zweite Chance gegeben wird und er in die Gemeinschaft der Cafébesucher aufgenommen wird.

In diesen vier Kapiteln erzählt der Autor wie Hoffnung und Engagement zerstört werden, und sich die Menschen ändern und anpassen müssen. 

Sympathisch ist mir Kurunfula, die immer noch an die Liebe glaubt und für die Altersgrenzen nicht vorhanden sind. Wie der Autor sie beschrieben hat, mir ihrem Charme und Ausstrahlung ist faszinierend.

Der Autor hat mich mit seinen Menschenschilderungen wieder in den Bann gezogen; ein wunderbares, aber auch verstörendes kleines feines Buch.

Montag, 24. Februar 2025

Andrej Kurkow : "Picknick auf dem Eis"

Andrej Kurkow :
"Picknick auf dem Eis"
original "Smert' postoronnego"
1996, Folio, Charkiw
Aus dem Russischen von Christa Vogel
1999 / 2024 Echomedia Buchverlag / Eine Stadt. Ein Buch.
283 Seiten + 6 Seiten Interview mit Andrej Kurkow
keine ISBN 

Viktor lebt mit dem Pinguin Mischa, den er aus einem Tiergarten zu sich genommen hat. Als Möchtegern Schriftsteller und arbeitsloser Journalist kann er leider nicht schreiben, bis ihm angeboten wird Nachrufe auf Vorrat für eine Zeitung zu schreiben. Er bekommt Stichworte an die er sich zu halten hat, darf nicht darüber erzählen und wird gut bezahlt. Einige der Menschen für die er Nachrufe verfaßt hat, sterben wirklich und sein Werk wird unter einem Pseudonym abgedruckt. Zum Pinguin dazu vertraut ihm der Chefredakteur, auch ein Mischa, seine Tochter an. Der Chefredakteur verschwindet, und Viktor, die Tochter des Redakteurs, die Kindersitterin und Pinguin fahren gemeinsam mit einem Polizisten in eine hübsches Haus am Land. Später verreist der Polizist und kommt nicht mehr zurück. Viktor möchte dem Pinguin eine Reise in die Antarktis spendieren, damit er unter Artgenossen kommt, aber alles kommt anders.

Die Menschen sind in ihrer Traurigkeit und Einsamkeit gut vorstellbar. 
Viktor lebt traurig vor sich hin, trinkt, schreibt, versorgt Pinguin und die immer größer werdende Quasi-Familie. Seine Gedanken sind eher mißmutig, und freudlos. Für den Pinguin macht er mehr als für viele Menschen. So besucht er einen alten Mann der Pinguinforscher gewesen war. In den Grsprächen ist große Traurigkeit spürbar.
Der Kontakt zum Chefredakteur ist eigenartig und es schwingt Gewalt mit. Der Ausflug in eine andere Stadt wird zum Desaster und es gibt plötzlich Leichen.

Der deutsche Titel kommt von einem Picknick am Eis der kleinen Quasi-Familie. Skurril wird in der Szene erzählt wie die Angler erstaunt sind einen Pinguin unter Eis zu sehen.

Daß auch andere Mächte und Gesellscahfgten am Werk sind, läßt der Autor durchblicken, wenn verschlossene Türen nicht ausreichen, und eigenartige Informationen kommen.

Skurril ist das Wort das mir beim Lesen dieses Romans am meisten durch den Kopf schoß : ein Pinguin der den Kopf auf den Schoß des Menschens legt ? ein Pinguin der auf Begräbnissen gewünscht wird ?
Weniger skurril ist wie Menschen verschwinden oder sarkastisch zurückgeliefert werden. 

Der Roman ist eindrücklich - zuerst zog er mich mit seinen verrückten Gestalten und Einsamkeit in den Bann, die Falle der Gewalt am Schluß der sich Viktor entzieht wirkt nach.

Viel Genuß beim Lesen !

Andrej Kurkow wurde am 23. April 1961 in St. Petersburg geboren. Er lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen, war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach schrieb er zahlreiche Drehbücher. Er lebt in Kiew. 

Dienstag, 31. Dezember 2024

Orhan Pamuk : "Die weiße Festung"

Orhan Pamuk :
"Die weiße Festung"
original "Beyaz kale"
1985, Can Yayinlari, Istanbul
Aus dem Türkischen von Ingrid Iren
1990, Insel Verlag / 2008 Fischer Verlag Frankfurt a. Main
206 Seiten + 2 Seiten Glossar
ISBN 978-3-596-17762-2

Ein Manuskript wird gefunden : in ihm erzählt ein junger gebildeter Venezianer wie er von Türken im 17. Jahrhundert gefangen genommen wird und dort sein Leben verbringt. Zuerst hilft er Mitgefangenen mit seinen rudimentären medizinischen Kenntnissen und bringt sich Türkisch bei; er wird weiterverkauft und landet bei dem "Hodscha", einen neugierigen wissensdurstigen Mann, der ihm ähnlich sieht. Der Venezianer gibt ihm Stück für Stück sein Wissen weiter und gemeinsam bereiten sie ein Feuerwerk vor, da alle in Istanbul in Staunen versetzt. Um Einfluß auf den Padischa zu erlangen schreiben die beiden Bücher über exotische (oft italienische) Tiere die in Fabeln den unabhängigen Geist des Jungen entwickeln soll, damit er sich aus den Intrigen lösen vermöge. Der Hodscha wird oft gerufen um aus Träumen, Wolken und Tierverhalten die Zukunft hervor zu sagen. Manchmal ist der Venezianer in der verknechteten Zusammenarbeit der geistig Führende, manchmal setzt er sich als Ziel den Hodscha zu zerstören oder wenigstens zu deprimieren. Der Padischah hält den Venezianer für den wahrhaft Intelligenten, und holt ab später diesen zu sich, während der Padischah an einer Riesenkanone arbeitet. Bei dem Feldzug ist das riesenhafte Ding unbrauchbar; der Hodscha und der Venezianer wechseln die Kleidung, und der Hodscha macht sich auf den Weg nach Venedig  ........

Die Geschichte wird aus Ich-Sicht des Venezianers erzählt; er beobachtet, kommentiert, fühlt, und erzählt von dem Leben in Istanbul an dem er lange nicht teilhaben kann, es später aber doch möglich ist.
Die Überlegungen, und Ängste des Venezianers ziehen in den Bann; er ist sich jederzeit bewußt, daß jederzeit sein Kopf rollen kann und wird.

Die Beziehung zwischen Hodscha und den Venezianer ist vielfältig und kompliziert; sie wechselt von Herr-Sklave, Arbeitsgemeinschaft, Freundschaft, gemeinsamen und verschiedenen Zielen und bei dem Venezianer auch Verkauf seiner Seele und Werte, mit Ausnahme der Aufgabe des Christentums.

Das Buch zog mich in den Bann; mich haben die Sprache, die Intensität, die feinen Bilder, und die Beschreibung der menschlichen Beziehungen sehr angesprochen. 

Viel Freude beim Lesen dieses wunderbaren Romans.

Orhan Pamuk  wurde am 7. Juni 1952 in Istanbul geboren. Er wurde erster türkischer Schriftsteller 2006 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet.

Freitag, 27. Dezember 2024

William Roy & Sylvain Dorange : "Hedy Lamarr"

William Roy & Sylvain Dorange :
"Hedy Lamarr" - Wienerin, Hollywoodstar, Erfinderin
original "The incredible Life of Hedy Lamarr"
2018, La Boite a Bulles
Aus dem Französischen von Yara Haidinger
2024, Bahoe Books
172  Seiten
ISBN 978-3-903478-20-6

Die Graphic Novel beginnt 1957 bei amüsantem Menschen erraten Quiz, zu einem Zeitpunkt an dem Hedy Lamarr als schönste Frau der Welt bekannt ist. Dann wird ihr Leben gezeichnet'/ erzählt : Kindheit in Wien, erste Filme, erster Ehemann, Übersiedlung nach USA, Filme, Ehen und Kinder, eigene Filmproduktion, Ansprechpartner für ihre technischen Erfindung in George Antheil, Sexistisches in der Filmbranche, spät aber doch Anerkennung ihrer technischen Erfindungen und was sie bewirken, und erleben, daß ehemals sehr schöne Frauen es im Alter nicht leicht haben.

Diese Graphic Novel erzählt die Geschichte ziemlich gerade oder Verzweigungen; leider gibt es mir zu wenig graphische Feinheiten in den Illustrationen - was für mich in Graphic Novels ein wichtiges Element ist.
Beispielsweise ist auf Seite 11 der Blick auf Wien ohne auch nur ein klassisches Wien-Bauwerk gezeichnet - Stephansdom und Riesenrad gab es in der Zwischenkriegszeit, und die Berge sind auch anders (hier erwarte ich von einer 30 EUR Graphic Novel doch bessere Recherche).

Das Leben dieser vermutlich sehr faszinierenden Frau wird wie in dem üblichen Nachschlagwerk im Internet erzählt; es gibt bis auf die sexistischen Bemerkungen kaum Neues zu entdecken, was mich enttäuschte.

Wer anfängt sich mit Hedy Lamarr zu beschäftigen für den ist diese Graphic Novel richtig; wer schon mehr weiß und graphisch mehr sehen möchte, weiß ich nicht ob zufrieden ist.

Dienstag, 15. Oktober 2024

Susan Abulhawa : "Während die Welt schlief"

Susan Abulhawa :
"Während die Welt schlief"
Roman
original "Morning in Jenin"
2010, Bloomsbury, New York City, USA
aus dem Amerikanischen von Stefanie Fahrner
2023, Wilhelm Heyne Verlag München
416 Seiten + 4 Seiten Nachwort + 5 Seiten Glossar inkl. Quellennachweis +  1 Seite Stammbaum - Vorschau auf Buch "Ihr letzer Tanz"
ISBN 0978-3-453-42780-8

Der Roman beginnt 1941 als die Palästinenser sich ihren Olivenhainen widmen, und Amals Eltern eine Familie aufbauen. 1947 vertreiben israelischen Soldaten nicht nur diese Familie bei denen auch ein Sohn verloren geht; das Leben in den Lagern beginnt und Amal kommt dort auf die Welt. Als sich ihr großer Bruder den Kämpfern an schließt sich die ihr Land zurückerobern wollen, und ihre Eltern bei Säuberungsaktionen ums Leben kommen, hilft man ihr als fleißiger Schülerin in ein Internat in Jerusalem. Von dort erhält sie ein Stipendium nach USA. Später lernt sie ihren Mann kennen, und eine Tochter kommt auf die Welt. Bei einem Bombenattentat in Jerusalem kommt Amals Mann ums Leben. Ihr großer Bruder findet endlich mit seiner großen Liebe und damit auch Familie zusammen, die ihm Frieden gibt. Bei einem Massaker kommt die Familie gräßlich ums Leben und er schließt sich dem militanten Widerstand an.
Dem verlorenen Sohn wird eröffnet, daß seine israelischen Eltern nicht seine Eltern sind, und macht sich auf die Suche nach seiner Familie.
Am Schluß kommt Amal ums Leben, und die folgende Generation findet eine friedliche Lösung fürs Zusammenleben.

Die Geschichte der Palästinensischen Flüchtlinge wird von Beginn an erzählt. Neu war für mich, daß der Diplomat Folke Bernadotte von der UNO eingesetzt wurde um gegen die Vertreibung der Palästinenser 1948 zu verhandeln ("Bernadotte-Plan"); leider wurde er kurz nach dem Auftrag erschossen.

Der Roman wird von unterschiedlichen Positionen aus, aber meist aus Sicht von Amal geschrieben. Ihr wird vom großen Bruder erzählt wie der Vater und der Großvater vor der Vertreibung gewesen waren, und auch die früher sehr lebhafte, dann superstrenge Mutter.
Andere Kapitel sind aus Sicht des Bruders / der Brüder geschrieben.

Familienbande und hier leider sehr zerstörerische Politik dominieren diesen Roman, der mich durch seine Emotionalität sehr beeindruckte.
Auch wenn hier vieles Fiktion ist, wurde mir doch klar, wie tiefgreifende Wunden durch Massaker, Übergriffe, Bürgerkriege, brutale Politik und Terrorangriffe entstehen und dann Selbstläufer werden. Lösung scheint es für mich keine zu geben.

Stark sind die Erzählungen im Waisenhaus - später las ich nach, daß die Autorin in solch einem gelebt hatte. 

Die Geschichte des palästinensischen Säuglings, der als Israeli aufwuchs, geht auf eine wahre Geschichte zurück. Leider hat mich dieser Teil des Romans emotional weniger erreicht.

Die Orte der Handlung sind für mich durch Photographien der Medien vor Augen; stärker sind für mich die Personen der Handlung.

Das Glossar ist sehr gut und wichtig.

Frieden sind durch zwei für mich berührende Teile in dem Buch spürbar: einerseits daß der Vater von Amal Freundschaft mit einem israelischen Buben schließt, die gegenseitigen Sprachen lernen und von den Müttern unterstützt werden. andererseits am Ende des Buches als die Tochter Amals und ihr israelischer Cousin gemeinsam leider in Amerika und nicht vor Ort aber doch miteinander leben.

Ich möchte das Buch nochmals lesen, und diesmal mehr über die politisch-militärischen Gegebenheiten parallel mitlesen.

Mich hat das Buch sehr berührt, und emotional erreicht weil die Probleme vor Ort nicht lösbar scheinen. Ich wünsche auch anderen Leserinnen & Lesern intensive Lese-erlebnisse.

Susan Abulhawa wurde am 23. Juni 1970 in Kuwait geboren; ihre Eltern waren Flüchtlinge des Kriegs von 1967. Sie lebte in Jordanien, USA, Kuwait, Palästina und später in einem Waisenhaus in Jerusalem, bis sie über ein Waisenprogramm nach USA kam. Zuerst studierte und arbeitet sie im Bereich Humanmedizin, bevor sie Autorin und Menschenrechtsaktivistin für die Rechte der Palästinenser wurde.

Sonntag, 15. September 2024

Francesc Miralles : "Samuel und die Liebe zu den kleinen Dingen"

Francesc Miralles :
"Samuel und die Liebe zu den kleinen Dingen"
Roman
original "Amor en minúscula"
2006, Vergara, Barcelona
Aus dem Spanischen von Anja Lutter
2010, List Verlag
296 Seiten + 1 Seite Danke
ISBN 978-3-548-60936-2

Samuel lebt sein sehr organisiertes Leben in Barcelona als Literaturdozent für deutsche Sprache & Literatur. Am ersten Jänner sitzt eine Katze vor seiner Türe, nennt sie Mishima und er muß sich um sie kümmern indem er unter anderem eine/n Tierarzt/ärztin sucht. Auf einer Straßenkreuzung begegnet ihm seine Schulliebe, die er seit 30 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Der Zufall führt ihn in genau das Musikgeschäft, in dem diese Frau arbeitet.
Parallel kommt er mit einem Nachbarn ins Gespräch und bemüht sich um dessen Angelegenheiten, während dieser im Krankenhaus ist. Und er hilft einem obdachlosen Professor.
Am Schluß gibt es Liebe.

In fünf Kapiteln denkt, liest, sinniert und läuft Samuel durch sein Barcelona.
Witzig wird es wenn er beschreibt, daß die Studenten nicht mal die rudimentärsten Grundlagen haben und sie nur durchläßt, damit er sich nicht mehr mit ihnen beschäftigen muß.

Samuel ist für mich leider nicht fühlbar geworden; nur sein Faible für das Wörterbuch der Wörter, deren Bedeutung es nur in einer Sprache gibt, hat mich angesprochen. Die warmherzige Tierärztin war für mich gut spürbar. Die Jugendliebe Gabriele bliebt leider etwas ferne. Unterhaltsam sind der weise wißbegierige Nachbar & Journalist, sowie der Professor der von der geplanten Zukunft schreibt.

Leider ist zu wenig von der Katze geschrieben. 

Ich hatte mir mehr von diesem Roman versprochen, und hatte bei der Liebe doch auf anderes Ende gehofft.

Francesc Miralles Contijoch  wurde am 27. August in Barcelona geboren. Er ist ein Catalanischer Schriftsteller, Essayist, Übersetzer, und Musiker. Er war viel gereist, und hatte sich auf Indien spezialisiert. Sein erster Roman auf katalanisch war 'Perdut a Bombai' (Lost in Bombay) (2001); auf spanisch 'El lector de Kafka', Ed. Océano, 2000. Er hat auch einige Jugend- und Kinderbücher geschrieben.

Freitag, 6. September 2024

Elif Shafak : "Das Flüstern der Feigenbäume"

Elif Shafak :
"Das Flüstern der Feigenbäume"
original "The Island of MissingTrees"
2021, Viking, London
Aus dem Englischen von Michaela Grabungen
2023, Kein & Aber Zürich - Berlin
481 Seiten inkl Prolog + 2 Seiten Einleitung + 5 Seiten Anmerkung der Autorin + 1 Seite Photo Feigenkaktus im Maschenzaun + 2 Seiten Danke + 1 Seite Zitatnachweise + 2 Seiten Glossar (türkisch - griechische Wörter)
ISBN 978-3-0369-6162-0

Ada 'mou' lebt in London. Ihre Mutter Define ist vor kurzem verstorben, und ihr Vater Kostas ist leidenschaftlicher Gärtner und vergäbt seine junge Feige über den Winter unter der Erde.
Die Schwester der Mutter, Meryem, kommt aus Zypern zu Weihnachten nach London - nachdem die Eltern gestorben sind und sie endlich ihre Nichte besuchen darf.
In zeitlichen Sprüngen wird die Geschichte der Aufsplittung Zyperns anhand der Liebe der Türkin Define und des Griechen Kostas, deren Familien sowie eines Männerpaares, die eine Taverne "zur glückliche Feige" führen.
Die Briten verlassen die Insel, und das frühere Zusammenleben weicht bewaffneten Konflikten, sowie mehr oder weniger offenen Morden auf der Straße, die auch zivile Personen Kollateralschäden sind.
Die junge Liebe muß heimlich bleiben, Kostas wird außer Landes geschickt, als er später zurückkommt findet er Delfine beim Aufarbeiten von Massengräbern, die Liebe ist stark, die beiden reisen nach London aus mit einem Zweig des Feigenbaums aus der alten verbrannten Taverne.

Einige Kapitel sind aus der Sicht des / der Feigenbäume geschrieben : einige aus der Sicht des Feigenbaums in der Taverne, einige aus der Sicht des Ablegers in London. Die Perspektive ist durchaus nicht uninteressant, nur wird es mir am Schluß etwas zu kitschig.

Stark fand ich die Kapitel in denen die Geschichte der Teilung der Insel erzählt wird, und was es mit den Menschen vor Ort hier fiktiv aber vermutlich nicht unrealistisch gemacht hat. Es stellt sich die Frage, wie Versöhnung möglich sein kann.

Es war interessant die unterschiedlichen Charaktäre Ada in ihrer verletzten Pubertät zu lesen und wie die Tante aus Zypern mit Buntheit, fröhlichem Essen aber auch Geschichte der Familie schafft an die junge Frau doch heranzukommen.

Stark fand ich die Nebengeschichte des freundlichen hilfsbereiten Männerpaares, die auch türkisch-griechisch sind, und die eigentlich nur eine Taverne führen möchten. In manchen Regimen ist nicht einmal das möglich.

Das Glossar ist gut - ich wünschte es nur gerne um die Kochrezepte ergänzt.

In Summe ein Roman der mich lange fasziniert hat, nur am Schluß zu sehr ins happy end abgebogen ist.

Elif Şafak wurde am 25. Okt 1971 in Straßbourg als Elif Bilgin geboren ; international meist Elif Shafak geschrieben. Nach der Trennung ihrer Eltern zog sie mit ihrer Mutter zur Großmutter nach Ankara.
Sie studierte "Internationale Beziehungen" und "Politikwissenschaft" in Ankara. Ab 2006 arbeitete sie als Gastdozentin an der Abteilung für Nahost-Studien in Tucson. Shafak hat an verschiedenen Universitäten in der Türkei, den USA und im Vereinigten Königreich gelehrt, darunter am St. Anne’s College der Universität Oxford, wo sie Ehrenmitglied ist.
Literarisch debütierte Elif Shafak mit der 1994 veröffentlichten Erzählung 'Kem Gözlere Anadolu'. Ihr erster Roman 'Pinhan' erschien 1997. Ein erster Durchbruch gelang ihr mit dem Roman 'Şehrin Aynaları' ('Spiegel der Stadt').

Mittwoch, 31. Juli 2024

Max Aub : "Die Stunde des Verrats"

Max Aub
"Die Stunde des Verrats" - Das Magische Labyrinth IV
Roman
original "Campo del Moro"
1963
Aus dem Spanischen von Albrecht Buschmann und Stefanie Gerhold
Herausgegeben und kommentiert von Mercedes Figueras
2001/2003, Piper Verlag GmbH München
300 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 43 Seiten Anhang Anmerkungen von Mercedes Figueras + 5 Seiten Nachwort
ISBN 3-492-21791-0

Auf sieben Kapiteln von 5. bis 13. März 1939 wird in einem Gemisch aus Geschichte und deren realen Personen und manchen fiktiven Menschen wie Politiker verschiedener Parteien und Gruppen versuchen die Menschen in Spanien, hier konzentriert eher Madrid, gegen die Truppen Francos zu schützen bzw die Übergabe für die Menschen erträglich zu machen.
Dieser Roman konzentriert sich auf die Menschen die vor Ort leben und Politiker der sozialistischen und kommunistischen Parteien. Die Seite Francos wird nicht erzählt - es ist nur klar, daß es kein Erbarmen bei der Übernahme der Städte für die  Bevölkerung und Gegner geben wird.

Die 43 Seiten mit Anmerkungen zu den Figuren sind für mich essentiell gewesen, da es hier genaue Informationen über echte und fiktive Personen gibt, was bei den vielen unterschiedlichen Charakteren wichtig ist.

Am Anfang des Buches gibt es manchmal noch Hoffnung, einzelne Menschen kämpfen für ihre Ideale und Spanien. Hunger wird auch beschrieben : eine Brotkante wird zum Luxusessen.
Am Schluß gibt es nur Flucht, Hektik, zerbrochene Hoffnungen und Werte.

Spannend ist die gescheiterte Politik, in der sich die sozialistische Partei und kommunistische Partei auch nicht einmal zugunsten der Menschen auf gemeinsames Handeln zusammen finden, und selbst fliehen.

Mehr geht mir das Schicksal einzelner (fiktiver) Personen unter die Haut, die sich in die Esoterik oder Liebe retten, wobei die Liebe meist schlecht ausgeht. Es bleibt viel Traurigkeit, Zerstörung und tote Menschen übrig.

Der Roman ist intensiv geschrieben und ließ mich nicht kalt, auch wenn ich das Buch mindestens nocheinmal lesen muß in der Hoffnung die Handlungsstränge besser zu verstehen.

Max Aub, auch Max Aub Mohrenwitz, wurde am 2. Juni 1903 in Paris geboren und war ein spanischer Schriftsteller französischer Herkunft mit deutschen Vorfahren. Er schrieb spanisch, und organisierte Theater in Spanien. Juli 1936 wurde Honorarkonsul im Frankreich und erteilte den Auftrag zu "Guernica" an Pablo Picasso. 1940 wurde er in Spanien denunziert, verhaftet und konnte 1942 nach Mexico ausreisen. Lange wurde ihm ein Besuch in Spanien verwehr, erst 1969 durfte er wieder kurz zu Besuch kommen. Er starb am 22. Juli 1972 in Mexiko Stadt.
'Das magische Labyrinth
' („El laberinto mágico“) schrieb er zwischen 1943 und 1968, und besteht aus sechs Bänden zum spanischen Bürgerkrieg.

Montag, 15. Juli 2024

Pedro Almodóvar : "Der letzte Traum"

Pedro Almodóvar :
"Der letzte Traum" - Zwölf Erzählungen
original " El último dueno"
2023, Penguin Random House Gruop Editorial, Barcelon
Aus dem Spanischen von Angelica Ammar
2024, S. Fischer Verlag
214 Seiten inkl Vorwort + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + Lesebändchen
ISBN 978-3-10-397569-7

In den Buch sind zwölf sehr unterschiedliche Erzählungen über längeren Zeitraum zu sehr verschiedenen Themen zusammengestellt. Im Vorwort erklärt der bekannte Regisseur, daß er nie eine Autobiographie schreiben wollte und diese Erzählungen als Teil eines Tagebuch sieht, daß er Ideen für seine Filme vorgreift oder sie auf diese Art anders abschließt.

Der Besuch - eine attraktive und sehr hergerichtete junge Frau geht in einem ländlichen Dorf in die Kirche mit angeschlossenem Internat und verwickelt den ehemaliger Pater jetzt Direktor in ein Gespräch. Sie zeigt ihm Texte des Bruders, indem er über die sexuellen Übergriffe der Patres aus seiner Kindheit und seine Verwirrung daraus zählt.  Die letzte Wendung der Geschichte überrascht, oder eigentlich bei Almodovar nicht.

Zu viele Geschlechtsumwandlungen - es geht um Leon, Schauspieler und Geliebter und Partner, und vielen Varianten von Endstation Sehnsucht (zumindest ist es das, was mir am stärksten in Erinnerung blieb)

Die Spiegelzeremonie - Graf Dracula und der Abt eines strengen Klosters finden zu eine eigenartigen Symbiose.

Johanna, das Wahnröschen - Johanna, spanische Köngistochter, fällt nach dem Stich einer Nadel in riefen Schlaf, ihre Eltern organisieren den Niederländischen Prinzen sie wach zu küssen, leider stirbt ihr Ehemann und sie meint daß er nur schläft und wird von ihrem Vater in einem Schloß eingesperrt. Jahre später holen sie Revolutionäre und sie ist Königin. Die Vermischung der spanischen Geschichte um Johanna die Wahnsinnige gemischt mit Dornröschen ist faszinierend.

Der letzte Traum (2002) - über seine Mutter, die ihm den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion beibrachte, und daß Fiktion das Leben erträglich macht(e).

Leben und Tod von Miguel - Miguel erlebt sein Leben vom Tod rückwärts, er wurde erschossen, schrieb Literatur, wollte mit einer Frau ins Ausland gehen, und alles läuft zurück bis er wieder im Schoß seiner Mutter ist und sich niemand mehr an ihn erinnert. Faszinierend erzählt !

Bekenntnisse eines Sex-Symbols (1979) - Patty Diphusa, eine grandiose Porno-Darstellerin, erzählt über das Leben mit Männer, Drogen, Schmuck und Machtspiele. 

Bittere Weihnachten - eine erfolgreiche Regisseurin kämpft mit Hilfe ihres Freundes gegen gräßliche Schmerzen und vergißt diese erst als sie bei einer guten Freundin und deren Tochter ist, und Musik von Chavela Vargas La Lorrona spielt.

Adieu, Vulkan - ist eine Liebeserklärung an das Leben der mexikanischen Diva Chavela Vargas La Lorrona.

Die Erlösung - eine Variante von Jesus ist auf der Erde, spricht zu den Menschen und lernt hier im Gefängnis Barbaras kennen. Auch hier wird Barbaras freigesprochen, das Ende ist aber nicht das was in der Bibel steht sondern ein Bekenntnis zu Freundschaft zwischen sehr verschiedenen Menschen die sich einander angeglichen haben.

Erinnerung an einen leeren Tag - es ist Gründonnerstag und er schreibt über Andy Warhols Tagebücher, über Slimani die sich in die Dugan in Venedig einschließen läßt um kreativ zu sein, und daß das für ihn gar nicht geht, denn er braucht die Menschen um sich, auch wenn er es verabsäumt hat Freundschaften zu pflegen.

Ein schlechter Roman (2022) - ist ein Diskurs ob jemand der keinen Roman schreiben kann, nicht Drehbuchautor sein kein (nein), und endet dabei das Drehbücher und Roman ganz unterschiedliche Stärken haben und Drehbuchautor nahe dem Geschehen sein muß, während sich der Schriftsteller vergraben kann. 

Ich war fasziniert von den vielen Büchern und Autoren, die Almodovar hier zitiert und werde mir das Buch nochmals durchlesen und die Bücher für mich herausschreiben (in der Hoffnung sie zu lesen).

Nachdem ich zwischen Erzählungen immer wieder Pausen mache, habe ich über das Leben von Chavela Vargas nachgelesen und mir einige Canciones in ihrer sehr markanten intensiven Stimme angehört. Die Stimme macht bei mir Gänsehaut.

In Summe eine Sammlung für mich intensiven, starken Erzählungen, die ich gerne weiterempfehle. Viel Freude beim Lesen !

Samstag, 22. Juni 2024

Ahmet Ümit : "Das Derwischtor"

Ahmet Ümit :
"Das Derwischtor"
Kriminalroman
original "Bab-i-Esrar"
2012, Verlag Everest Yarinlari, Istanbul
Aus dem Türkischen von Sabine Adetepe
2020, btb verlag bei Verlagsgruppe Random House GmbH
499 Seiten + 2 Seiten Anmerkungen der Übersetzerin (betreffend Aussprache, Anrede und Begrifflichkeiten; Schreibweisen) + 1 Seite Danksagung + 3 Seiten Quellen
ISBN 97-3-442-71765-1

Karen Kimya Greenwood wird wegen einer Versicherungssache und weil sie Türkisch kann, nach Konya geschickt. Dort hat sie mehrere mystische Begegnungen mit einem geheimnisvollen charismatischen Mann und arbeitet das Verschwinden ihres Vaters auf.
Bei dem charismatischen Mann geht es um mystische Erlebnisse mit Shams-e Tabrizzi und den Sufi-Meister und Poeten Rumi, deren Freundschaft und wie diese anderen Menschen irritierte.
Ihr Vater hatte die Familie verlassen, weil der Ruf des Sufi-Ordens wieder stärker für ihn geworden war, wie ihr in Koya langsam vermittelt wird.
Parallel muß sich Karen Kimya entscheiden, ob sie ihre Schwangerschaft leben möchte oder nicht.

Konya ist faszinierend geschildert. In dem Roman ist geschildert wie schöne alte Häuser mit Innenhöfen neuen Hotel-bauten ohne Ausstrahlung weichen müssen; aber der Zauber der alten Häuser ist spürbar.
Für Touristen ist diese Stadt durch die "drehenden Derwische" bekannt.

Die Menschen sind für mich leider wenig spürbar, bis auf Karen Kimya selbst (mit den Problemen und Entscheidungen, die anstehen) und ihre flippige Mutter. 

Rumi und Sufi-Orden sind verzaubernd. Die Kapitel, in denen nach Spiritualität gesucht wird, finde ich gut geschrieben.

In Summe ein angenehmer Urlaubs-Roman mit etwas Krimi, bei dem ich mich gut entspannen konnte. Gutes Lesen !                                       

 Ahmet Ümit  wurde 1960 in Gaziantep (Südanatolien) geboren. Er studierte Verwaltungswissenschaften und begann zu schreiben. Seine erste Erzählung entstand 1983. Er veröffentlichte mehrere Kriminalromane, von denen einige auch ins Deutsche übersetzt wurden, außerdem Gedichte, zahlreiche Kurzgeschichten und ein Märchen. Außerdem schreibt er Drehbücher.