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Samstag, 15. Januar 2022

Florent Silloray : "Capa - die Wahrheit ist das beste Bild"

Florent Silloray :
"Capa - die Wahrheit ist das beste Bild"
original "Capa - l'Etoile filante"
2016, Casterman, Brüssel
Aus dem Französischen von Anja Kootz
2017 Knesebeck, München
81 Seiten
ISBN 978-3-95728-067-1

Endre Friedmann, Künstlername als Photograph Robert Capa, blickt auf sein Leben zurück. In braun-schwarz-weißen Bildern wird sein Leben in Ungarn, dann Frankreich, Bürgerkriegszeit in Spanien, USA, Mexico, D-Day in der Normandie, japanische Invasion in China, Indiochine, Gründung der Photoagentur Magnum und dazwischen die großen Lieben in seinem Leben, photographin Gerda und Schauspielerin Ingrid erzählt. Daß er gerne teuer lebte, trank und beim Poker verlor wird nicht ausgelassen.
Faszinierend ist die Sehnsucht des Photographen nach dem intensiven Teilhaben am kriegerischen und politischen Geschehen photographieren zu dürfen - und wie er in Rußland und China behindert wurde. 

Wichtige Teile wie "Mexican Suitcase" und auch daß 11 Photos bei dem Wasser im D-Day brauchbar waren, sind gezeichnet; kleine Details wie  Heirat für Staatsbürgerschaft ebenfalls.

Die Graphic novel ist spannend und zieht in den Bann, sowohl von der Geschichte, also auch den dynamischen zeichnen.

Viel Freude beim Lesen und Betrachten der Zeichnen !

Sonntag, 6. Januar 2019

Giuliano Ramella & Stefano Cattaneo : "El Che"

Giuliano Ramella (Szenario) & Stefano Cattaneo (Zeichnungen):
"El Che"
original "El Che - la victoire ou la mort"
2012, Heupé Sarl / Emmanuel Proust Editions, Paris
aus dem Französischen von Anja Kootz
2018, Knesenbeck, München
100 Seiten Graphic + 2 Seiten über Che Guevara von Marcel Niedergang
ISBN 978-3-95728-221-7

In assoziativen Geschichten wird einiges aus dem Leben von Che Guevara erzählt. Es beginnt mit seiner Jugend und dem Bestreben etwas zu ändern und springt dann zwischen Kuba, Bolivien, Kongo, der Rede vor der UNO und Kuba. Die Szenerien sind im Wald, in der Guerilla, etc. Mittendrin ist seine Erschießung, aber auch daß er selbst zur Waffe zur Disziplinierung griff; das Ende ist die Vision vor Sonnenuntergang, daß um Gerechtigkeit gekämpt werden muß.

Ich habe das Buch auch wegen meines Interesses für die Zeichnungen gekauft. Diese sind sehr statisch, was mitten um Regen-/Urwald fasziniert. Die Zeichnungen wenn ein Soldat am Fluß steht und raucht, wirken wie erstarrt - auch der Rauch in seiner fein ziselierten Strichelweise. Auch die flache Architekturzeichnung funktioniert.
Die Gesichter sind rauh, und ausdrucksstark.

Am Anfang dauert es bis ich in die Geschichte gekommen, dann war es einfacher den auch geographischen Sprüngen zu folgen.
Aus dem an sich schon vielfältigen und spannenden Leben Che Guevaras wurden einige Punkte herausgeholt und betont; damit fehlen bei dem Seitenumfang andere Themen.

Bei der Übersetzung sind mir paar Hoppalas und Eigenheiten bei Phrasen aufgefallen.

In Summe ein beeindruckendes Buch über einen brutalen, aber visionären Menschen. Alleine schon die Graphiken sprechen auch für sich und machen damit eine Empfehlung aus. Viel Freude beim Einlassen auf dieses Buch.

Giuliano Ramella heißt eigentlich Giuliano Ramella Peza, studierte an der Hochschule für Comic-Kunst in Mailand und arbeitete bereits an der italienischen Comic-Serie 'John Raider'.
Stefano Cattaneo ist Italiener, der in England lebt. Sein Zeichenstil ist italienische Schule, beeinflußt von Pratt à Giardino.

Dienstag, 12. Juli 2016

Petra Hartlieb : "Meine wundervolle Buchhandlung"

Petra Hartlieb :
"Meine wundervolle Buchhandlung"
2014, DuMont Buchverlag Köln
201 Seiten
ISBN 978-3-8321-6343-3

Mit viel Begeisterung erzählt die Autorin, Ex-Literaturkritikerin und doppelte Buchhandlungsbesitzerin von dem Entstehen der ersten Buchhaltung im 18. Wiener Gemeindebezirk. Aus einem Konkurs erhalten sie und ihr Mann den Zuschlag eine Buchhandlung in einer gut frequentierten Einkaufsstraße und guter Gegend zu erwerben. Sie sind selbst überrascht und springen mit beiden Beinen in das Projekt. Der große Vorteil für beide ist, daß sie beide aus der Verlagsbranche kommen und damit ein großes berufliches Netzwerk haben. Auch ihre privates Netzwerk mit vielen Menschen die viel helfen funktioniert. Glück ist auch daß die gemeinsame kleine, dann heranwachsende Tochter leicht zum organisieren ist; der ältere Sohn aus einer früheren Beziehung hat mit Wien seine Probleme und bleibt lieber in Hamburg mit Freunden. Allen Unkenrufen zum Trotz wird die Buchhandlung ein Erfolg, und eine zweite Buchhandlung, die sich auf Sprachen spezialisiert, wird später auch aufgemacht.

Die Geschichte ist gut lesbar erzählt und unterhaltend, obwohl manche Situationen mit Baustelle, Computerchaos oder Schnee auf der Markise wenig unterhaltend sind.

Schön ist das Gefühl, daß offenbar immer wieder die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt in das Leben der beiden Buchhandlungsbesitzer gekommen sind. Sei es Mitarbeiter oder auch die richtigen Kunden (ohne die kein Erfolg möglich ist).

Witzig wird es wenn erzählt wird daß Kundenwünsche manchmal unterhalten oder auch schwierig sind, denn ein 'gutes Buch' ist für jeden anders; und als Geschenk noch schwieriger.

Da die Autorin aus der Buchszene kommt, kennt sie viele Schriftstellernamen bereits von früher. Hier kann es anstrengend werden, wenn manche Autorennamen mit Selbstverständlichkeit genannt werden, die aber vielleicht nicht jedem Leser/jeder Leserin vertraut sind. Man kann durchaus eine Anregung sich mit diesen Autoren auseinanderzusetzten verstehen ;-)

In Summe ein empfehlenswertes Buch, das v.a. Publikum das gerne Literatur liest, wirklich genießen kann.

Petra Hartlieb wurde 1967 in München geboren. Sie wuchs in Oberösterreich auf  und studierte Psychologie und Geschichte an der Uni Wien: Später arbeitete als Pressefrau und Literaturkritikerin in Wien und Hamburg. Ab 2001 ändert sich ihr Leben, wovon dieses Buch erzählt.

Montag, 27. Juli 2015

Martin Windrow : "Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank"

Martin Windrow :
"Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank - Mein Leben mit Mumble"
original "The Owl liked Sitting on Caesar. Life With a Lovable Tawny Owl"
2014, Bantam Press, London
aus dem Englischen von Sabine Hübner
2015, Carl Hanser München
307  Seiten + 2 Seiten Vorwort des Autors + 2 Seiten Inhaltsverzeichnis
ISBN 978-3-446-44328-0

Ein britischer Militärhistoriker erzählt auf humorvolle Weise über seine wunderbare Beziehung zu einem bezaubernden Waldkauz, einer Dame namens Mumble.

Der Autor sah bei der Familie das Zusammenleben mit dem Waldkauz "Wol" und versuchte zuerst mit einer kleinen Eule (Athene noctua) namens "Wellington"; leider war diese schon zu weit in ihrem Erwachsen werden, sodaß ein Zusammenleben mit dem Menschen nicht mehr möglich war.
"Mumble" war das erste Ei eines Geleges und wurde vom Neffen mit Hand gefüttert; der erste Name war "Nutellabrot" (im englischen  Original "Marmite Sandwich") und ist ein Waldkauz (Strix aluco).
Der Autor schmuggelt die Eule in seine Dachgeschoßwohnung im 7. Stock in London und langsam gewöhnen sich er und das zerrupfte Flauschi mit den großen Augen aneinander.
Liebevoll schildert er wie die Eule fliegen lernt, welche die Lieblingsplätze sind, wie oft Lampenschirme zerfetzt werden, die Nutzbarkeit von gesammelten Militärkopfbedeckungen gegen scharfe Eulenkrallen und wie die halbwüchsige Eule auf Freunde und Nachbarn reagiert. Als Mumble erwachsen wird, schränkt sich ihr Freundschaftskreis ein und er ist die alleinig wichtige Bezugsperson / füttern dürfen auch andere Menschen.
Der Autor übersiedelt nach Sussex, baut eine Voliere und die beiden leben gemütlich zusammen in dem sie das Jahr mit Mauser, Distanz-Nähe, Winter, Mäuse fressen etc. genießen. Leider wollte ein Unbekannter Mumble gewaltsam ins Freie (und die sogenannte Freiheit) bringen, was deren Herz durch die Aufregung und das Eindringen in ihr Terrain (die Voliere) vermutlich nicht ausgehalten hatte.

Der Autor ist Wissenschaftler; dementsprechend erzählt er nicht einfach sein Leben mit diesem faszinierenden Lebewesen, sondern er schreibt auch über die Abstammung der Eulen, deren Körperbau, Physik des Fliegens (hier bin ich ausgestiegen), die verschiedenen Laute und Geräusche, das unterschiedliche Federkleid, Ablauf der Mauser und vieles theoretische mehr. Am Ende "rettet" er sich ins Abstrakte um die Zuneigung zu diesem Wesen, mit dem er 15 Jahre in einer Beziehung gelebt hat irgendwie erklären zu können; in dem Wissen daß er scheitert.

Mumble hat es übrigens geliebt aus dem tropfenden Wasserhahn Wasser in den Schnabel zu nehmen und sie hatte in der Londoner Wohnung einen ihrer Lieblingsplätze auf der Kopfskulptur des Germanicus (Bruder des Claudius).

Martin Widrow beschreibt mit Humor und Zärtlichkeit wie ihn die Eule um die Kralle wickelt; ein kleines Piepsen, oder Köpfchen drehen um etwas Schmusen zu initiieren. Es ist berührend zu lesen wie er die Schmusestunde am Samstag vormittag beschreibt (auch wenn die Eule durch das Frühstück zu ihm trabt und dabei Mist macht).

Im Vorwort warnt der Autor eindringlich davor angeblich gestrandete Eulenküken retten zu wollen; er plädiert dafür den Kauzeltern die sicher in der Umgebung sind, Zeit zu lassen sich um ihren Nachwuchs zu kümmern und nichts zu tun.

Das Buch ist für Eulenfans ein "muß", weil viel Wissenswertes und Lebenswertes erzählt wird. Nicht ganz so intensive Eulenfans könnten die Kapitel 2, 4, etc in deren sehr theoretisches Wissen transportiert wird, etwas ermüdend finden.

Ich habe das Buch langsam und bewußt gelesen und sehr genossen; mich hat der Charme dieser Kauzdame und Autor / Übersetzerin fasziniert und in eine andere Welt eintauchen lassen. Diese Freude wünsche ich auch anderen Lesern.

Martin C. Windrow wurde 1944 geboren und im Wellington College erzogen. Er ist britischer Historiker, mit Konzentration auf das Militär. 2004 erschien sein Buch über den ersten Indochina Krieg. Er ist Mitglied der "Royal Historical Society" und lebt in Sussex.

Sonntag, 14. Juni 2015

Edle Astrup Hubay : "Licht und Schatten"

Edle Astrup Hubay :
"Licht und Schatten" - Autobiographie
original "Medljen har to sider"
1980, H. Aschehoug & Co
aus dem Norwegischen übersetzt von Alexia Gerhardus
Verlag Publication PN Bibliothek der Provinz
Hrsg Richard Pils
233 Seiten inkl. Vorwort, Epilog und Nachwort der Übersetzerin
ISBN 3 85252 534 9

In dieser Autobiographie erzählt eine junge Frau über ihr Leben in der Zwischenkriegszeit in Europa, im Krieg und nach dem Krieg in Ungarn und der Flucht aus dem diktatorischen kommunistischen Ungarn.

Edle, das ist ein norwegischer Vorname, kein deutschsprachiger Titel, erlebt als in Norwegen geborenes Mädchen aus wohlhabenden Verhältnissen die europäische Zwischenkriegszeit in Oslo, London und Paris. Über eine Freundin aus der Schulzeit lernt sie in Ungarn den Maler und Sohn des Komponisten Jenö Hubay Andor Hubay kennen. Sie heiraten und binnen einen Jahres lernt sie ungarisch, das sie braucht um sich mit den Hausangestellten und den Menschen in der Landwirtschaft unterhalten zu können. Sie leben in einen Palais in Budapest, oder zwei Stunden entfernt auf einem Landgut, das auf mittlerweile tschechischen Boden steht; der dritte Wohnsitz ist weiter entfernt, aber sehr charismatisch. Auf den Reisen durch Europa sehen sie das Aufkommen des Nationalsozialismus, der Andor empört. Vor dem Krieg kommt noch ihre Tochter auf die Welt. Dann kommen die Flüchtlingsströme aus der Tschechoslowakei und Polen - alle auf der Flucht vor den Nationalsozialisten und dem Krieg. Erst als die Russen Ungarn überrollen wird es massiv schlechter; Frauen müssen sich in Sicherheit bringen, was oft nicht gelingt, viele schöne oder einfach nur notwendige Hausratssachen werden ruiniert oder mit dem Argumente, daß Krieg ist, gestohlen. Freundschaften werden in dieser Zeit aufgebaut, mit Menschen die sie Jahre später als in Ungarn der Kommunismus eingebrochen ist, in der Ferne auch weiterhalten. Nachdem Krieg helfen zuerst alle zusammen um das Land aufzubauen - Andor geht wieder zu Herend (Porzellanfabrik). Als nach den freien Wahlen die Kommunisten trotz nur 17% Wahlanteil die Macht übernehmen und zu verstaatlichen beginnen, flüchtet die kleine Familie mit Glück zuerst nach Norwegen, wo der Sohn Laszlo auf die Welt kommt. Später reisen sie in das fernste, aber noch europäischste Land : Portugal. Auch hier arbeitet Andor wieder als Chef der Porzellanfabrik, bis die Nelkenrevolution über das Land bricht. Andor wird Lehrer, und die Familie ist trotzdem glücklich. Andor starb am 19. Februar 1971 in Portugal.

Im Nachwort wird erzählt, daß alle Bemühungen der Familie Hubay wenigstens einiges an Grund und Boden von Ungarn zurückzuerhalten, abgeschmettert werden. Immerhin schaffen sie es in Ungarn, daß das Gedenken an den Komponisten und Violinisten Jenö Hubay wieder existent ist. Seine Kompositionen und Violinbearbeitungen werden jetzt wieder gespielt und auf CD eingespielt.

Das Buch ist faszinierend, weil zuerst die Leichtigkeit mit der Kontakte und Menschen der Zwischenkriegszeit beschrieben werden. Als es dann hart auf hart geht, ums Überleben, ums Nahrung auftreiben, Freunde die an Regime verloren gehen, und die Frage ist welche Werte gelten und wie man innerlich durchhält, stark berühren.
Die Abschnitte russischer Übergriffe, Respektlosigkeit und Gewalt gegenüber Frauen und allem was nicht niet- und nagelfest ist, gehen ziemlich unter die Haut.
Die Zeit nach dem Weltkrieg als die früheren Schloßbesitzer als Angestellte für Amerikaner arbeiteten, und das Leben von dieser Seite kennen lernten, war mit Realismus und zartem Humor geschildert.

Die Sprachen die in dem Buch als Selbstverständlichkeit gesehen werden, haben mich beeindruckt. Frau Astrup Hubay dürfte norwegisch, englisch, französisch, deutsch, italienisch (?), ungarisch und dann portugiesisch gesprochen haben. Die Tochter Rozanne lernte ungarisch, hatte ein Schweizer Kindermädchen für deutsch und französisch, dann kamen englisch, portugiesisch dazu.

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und beschreibt meist linear die Ereignisse. Die Sprache ist klar und direkt, ohne zu verletzen.

In Summe ein faszinierendes Buch, das ich nicht weglegen konnte, da ich wissen wollte wie es weiter geht, ob die Reisen/Flucht klappen/klappt und wie das Leben ohne Paß aber durch hilfreiche Menschen funktionierte. Für mich ein Stück europäischer Geschichte.

Edle Astrup Hubay starb am 3. Februar 1989 in Portugal.

Mittwoch, 20. August 2014

Lea Singer : "Konzert für die linke Hand"

Lea Singer :
"Konzert für die linke Hand" - Romanbiographie über Paul Wittgenstein
2008, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
2011, Deutscher Taschenbuch Verlag
448 Seiten  + 5 Seiten Epilog +5 Seiten Komponisten und Werke Paul Wittgenstein gewidmet +  1 Seite Familie Karl und Leopoldine Wittgenstein
ISBN 978-3-423-21323-3

Anhand des zweitjüngsten Sohnes und späteren Pianisten Paul Wittgenstein erzählt dieser Roman über das Familien- und Gesellschaftsleben des Heranwachsenden, den ersten Weltkrieg bis zum Zeitpunkt als der Wien/Österreich/Europa wegen der Machtnahme der Nationalsozialisten verlassen muß.

Der dominante, erfolgreiche, einflußreiche Vater Karl diktiert das berufliche und private Leben seines Umfelds. Neun Kinder bringt ihm seine ihn verehrende Ehefrau Leopoldine (Poldi) auf die Welt. Ein Sohn verschwindet als Erwachsener, einer begeht Selbstmord und das Leben geht in engen Linien weiter. Der reiche Vater gönnt sich und der Gesellschaft die besten Künstler und unterstützt mit Aufträgen und Einfluß. Gegen die Doktrin, daß keines seiner Kinder selbst künstlerisch tätig sein darf setzt sich erst Paul mit seinem Wunsch Pianist zu werden durch. Der Vater stirbt vor Ausbruch des ersten Weltkrieges.
Paul ist Offizier und geht nach Galizien und weiter, verliert seine rechte Hand und kurz darauf seine Freiheit durch russische Kriegsgefangenschaft. Erst 1916 wird er eingetauscht. Er ist von der Idee Leschetitzkys von der Möglichkeit auch mit einer Hand als Pianist Erfolg zu haben angetan, übt, spielt einschlägiges und beginnt nach dem Weltkrieg Komponisten nach Kammermusikwerken und Orchesterwerken zu beauftragen. Die Gesellschaft anerkennt seine Leistung an, die älteren Schwestern werden nicht müde sich für den jüngsten Bruder Ludwig (später Philosoph in Oxford) zu engagieren und immer Paul vorzuziehen. Auch in das Liebesleben Pauls mischen sich die Schwestern menschenverachtend ein. Am Ende des Buchs geht Paul über Schweiz in die USA und Kuba, und holt mit viel Mühen seine blinde Geliebte (dann Ehefrau) und die heimlichen Kinder nach.
Der Epilog erzählt dann in rascher Form die Jahre zwischen 1938 und zum Tod (1961).

Mich haben einige Passagen sehr fasziniert. Beispielsweise : die Schilderungen der Kriegsgefangenschaft in Rußland, mit dem Querverweis, daß Fjodor Dostojewski auch in einem der Gefängnisse in den Paul war, gesessen hatte. Die Schilderungen wie abgehoben die Familie lebte und nach dem Zusammenbruch von Kaiserreich, Landwirtschaft, Gesellschaftsnormen als das Elend übergriff fast unbeteiligt war. Die Schilderungen von Paul Hindemith, Erich Wolfgang Korngold, Sergej Prokofieff und Maurice Ravel, als Paul Kompositionen beauftragte aber auch in seinen Erwartungen enttäuscht wurde.

Die Figuren sind schön geschildert - die Eltern, die Geschwister, die lesbischen Tanten, die Doppelbödigkeit der homosexuellen Brüder, die treuen Diener, Künstler wie Klimt, Engelmann, Mahler, Laber, Korngold Vater und Sohn, R. Strauss und Gattin, etc.
Die langen Spaziergänge die Paul durch Wien unternimmt sind nachvollziehbar, die unterschiedlichen Gegenden und Hausbauten schön gezeichnet.
Der Wandel im Leben als die Menschen in Wien in die Armut schlittern, und menschenverachtende zuerst politisch unverträgliche Bünde dann Machthaber agieren, bis zum Erkennen, daß er gehen muß ist gespenstisch.

Als selbst etwas Klavier klimpernder Mensch vermisse ich in dem Buch das Haptische des Pianisten. Es werden die Werke musiktheoretisch beschrieben, aber wie es ist wirklich am Klavier zu sitzen und die Tasten zu spüren und Musik auszudrücken, vermisse ich bei den Schilderungen des Buchs.

In Summe ein gutes Buch für Leser und Leserinnen, die mit Musik und den ersten 40 Jahren des 20. Jahrhunderts in Wien umgehen können. Viel Vergnügen !

Eva Gesine Baur wurde am 11. August 1960 geboren. Ihr Pseudonym Lea Singer verwendet sie für Nicht-Sachbücher. Sie hat Kunstgeschichte, Musikgeschichte, und Literaturwissenschaft studiert. Sachbücher veröffentlicht sie unter ihrem eigenen Namen. Sie lebt in München und ist beidhändig.

Sonntag, 14. November 2010

Monika Mertl: "Nikolaus Harnoncourt - Vom Denken des Herzens"


Monika Mertl:
"Nikolaus Harnoncourt
- Vom Denken des Herzens"
Eine Biographie
2004, Residenz Verlag
366 Seiten
2 Seiten Einstimmung
9 Seiten Zeittafel
22 Seiten Diskographie
5 Seiten Personenregister
ISBN 3-7017-1409-6

Ein faszinierendes Buch über faszinierende Menschen, das mich einige Monate in Spannung gehalten hat.
Die Autorin schildert Nikolaus Harnoncourt als Musiker, als Familienmenschen, als 'Bastler' und geht auf die musikalische Umgebung und deren Wandlungen ein.

Das Buch startet bei dem familiären Hintergrund (den Großeltern und Eltern) von Nikolaus Harnoncourt, geht dann über Jugend in der Steiermark, und dann Studium und Liebe in Wien, in der er der späteren Ehefrau und Mitstreiterin Alice Harnoncourt geborene Hoffelner in Wien begegnet, über die Zeit bei den Wiener Symphonikern als Cellist. Es ist Zeit und Beschreibungen der Rezeption der "alten" Musik in den 50-er und 60-er Jahren in Wien gewidmet und zeigt die Auseinandersetzung und das Entwickeln einer eigener Rezeption und Musikdarstellung.

Schön sind die Einblicke in Studenten-, Musikerzeit, Ehe- und Familienleben - faszinierend wie Menschen genau zu spüren scheinen wo sie hingehen und hingehören um genau das Richtige zu tun (auch wenn dies Nikolaus Harnoncourt anders wahrgenommen hat).


Als geschichtsinteressierten Menschen waren für mich die Reflexionen auf Zwischenkriegszeit (Familie), Weltkrieg und Aufbau des Lebens hochinteressant.

Die Menschen sind interessant, aber fast spannend wird es für musikinteressierten Menschen wenn erzählt wie mit alter Musik damals an der Uni umgegangen wurde, wie die Welt der Konzert in den 60-er Jahren bestückt war, wie die Entwicklung / Herausforderung verlief und welche Polarisierungen die unterschiedlichen Musikauseinandersetzungen hervorrief.

Am Schluß des Buches geht es um Salzburg und wie damals mit Karajan, Post-Karajan und Mortier etc. in der Ausseinandersetzung um Mozart umgegangen wurde.

Platz finden die wichtigen Ensembles und Orchester mit denen Zusammenarbeit besteht und besteht : wichtig sind der Concentus Wien, dessen Wachsen und Gedeien bis zu großen Reisen, sehr intensiv und fast nahe geschildert ist, aber auch das Concertgebouw orkest, das Zürcher Opernorchester bis zu den Wiener Philharmonikern finden viel Raum.

Faszinierend ist für mich wie die Zeit der Zusammenarbeit für die Mozart - Opern in der Schweiz beschrieben wird: für mich entstand der Eindruck einer fast idealen Zeit in der sich ein 'Dream Team' mit Jean-Pierre Ponelle zusammenfunden haben dürfte.

Da immer wieder Ausschnitte aus Gesprächen mit Nikolaus Harnoncourt abgedruckt sind, (und ich seine Stimme aus Interviews kenne), hatte ich immer wieder das Gefühl direkt angesprochen zu werden oder direkt manches 'gesprochen' zu erhalten.

Für mich ein Buch bei dem ich immer wieder die Seiten zumachen und durchdenken mußte, auch hinterfragend, was ich mitgekriegt habe oder was auch nicht, ob ich in dem Konzert / der Aufführung gewesen war und wie ich dieses Konzert / Aufführung in Erinnerung habe.

Ein wunderbares Buch für musikverliebte Leser, die sich von einem faszierenden Menschen und einer außergewöhnlichen Harmonie in Beziehung in den Bann ziehen lassen möchten.