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Montag, 29. Mai 2023

Toby Barlow : "Baba Jaga"

 Toby Barlow :
"Baba Jaga"
original "Babayaga"
2103, Straus & Giraux, New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Giovanni und Ditte Bandini
2014, Hoffmann und Campe, Hamburg // 2. Auflage 2017
530 Seiten + 1 Seite Prolog + 1 Seite historischer Hintergrund + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-455-65062-4

Zoja, eine attraktive junge Frau mit Kurven hat ein gutes Auge welche Männer ihr behilflich sein könnten, im Paris der 50-er Jahre. Sie hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich, da sie aus Rußland kommend durch weise Frauen in die Kunst der Hexerei geschult worden war; ihr sieht man die vielen Jahre ihres Lebens nicht an. Elga ist einer der weisen Frauen, die sie eingeschult hatten, die sich aber zur bösen alten Frau entwickelt hatte, die ausgezeichnet hexen kann.
Will lebt seit einigen Jahren in Paris, hat es aber als Amerikaner nicht weiter als einige Frauenbekanntschaften gebracht, und arbeitet als Werbetexter. Ihm wird ein Naheverhältnis zu einer Außenstelle der CIA nachgesagt. Er lernt über seinen Chef Zoja kennen. Ein Bekannter namens Oliver bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten und mit einigen eigenartigen brutalen Menschen zusammen. Sein Chef Brandon ist etwas undurchsichtig. Seine Liebe zu Zoja bringt beide in Probleme.
Charles Vidot ist Polizist aus Leidenschaft und damit seinem karrieresüchtigen Chef überlegen. Er soll einen Mord aufklären, lernt Elga kennen und wird in einen Floh verwandelt. Er versucht auch als Floh zu überleben, lernt später Will kennen und überlebt.

Der Roman wird vier Büchern erzählt in dem den verschiedenen Figuren gefolgt wird. Es sind immer wieder Strophen abgedruckt bei denen sich langsam entschlüsselt, daß hier Rückblenden stattfinden und manchmal auch gehext wird.

Zojas Leben wird auch in Rückblenden erzählt, als sie eine menschliche junge Frau war, die nur durch die Hilfe der Hexen überlebt. Sie versucht manchmal die menschliche Liebe wieder zu leben, merkt aber daß das sie das nicht mehr machen darf. Elga ist über Jahrhunderte des Lebens hart geworden, für sie zählen Menschenleben nicht mehr. Den beiden sind zwar einige kaltherzige Menschen, die Hexenwissen und magisches Wissen sammeln (wollen), den Menschen nach Wissensübergabe sehr übel mitspielen.
Will lebt zwar in Paris, läßt sich treiben, und wird wie von einem Wirbelwind von den Menschen und Hexen durch die Luft gewirbelt. Vidot ist unterhaltsam wie er als Floh überlebt, er behält seinen Gestaltungswillen auch als Floh, und es gelingt ihm am Schluß sogar seinen unfähigen Chef loszuwerden.
Die Geschichte des Priesters Andrej, der die Hexen über Jahrhunderte begleitet hatte, und seines Bruders Max ist berührend.

Der Roman ist sehr unterhaltsam geschrieben. Die Bilder laufen beim Lesen im Kopf ab. Gewisse Ungereimtheiten, und hier meine ich nicht Hexensprüche und deren Wirkungen, lösen sich doch freundlich auf.

In Summe habe ich diesen Roman sehr genossen und mich köstlich dabei unterhalten (Floh Vidot mit seinen Transporttieren als Beispiel genannt). Viel Spaß beim Lesen !

Mittwoch, 30. August 2017

Dörte Hansen : "Altes Land"

Dörte Hansen :
"Altes Land"
Roman
2015, Albrecht Kraus Verlag
5. Auflage 2017
281 Seiten
ISBN 978-3-328-10012-6

In diesem eindrücklichen Roman werden mehrere Frauengeschichten der Nachkriegszeits - Deutschlands bis heute geschildert. Chronologisch wären dies Ida Eckhof mit Sohn  Karl, Hildegard von Kamcke mit Tochter Vera Eckhoff später Marlene, und deren Tochter Anna mit Sohn Leon. Ort der Handlung ist hauptsächlich ein altes Fachwerkhaus im Norden Deutschlands, das die Frauen von lebenslang bis möglichst kurz beherbergt.

Hauptfigur ist Vera die als Flüchtlingskind in das Haus kommt, dort als Stiefkind von Karl lebt und ihn als Kriegsinvaliden umsorgt nachdem sich ihre Mutter mit einem anderen Mann abgesetzt hat. Ihre Nichte Anna kommt als Hilfesuchende zu ihr (gemeinsam mit dem Sohn) und gemeinsam beginnen die beiden das Haus wieder zu umsorgen. Dazwischen muß sie sich behaupten und kämpfen, wird von den meisten im Dorf abgelehnt, überlebt aber als anerkannte Zahnärztin.
Ihre Mutter Hildegard war als Flüchtling mit Vera gestrandet, hat niemals Stolz oder Ziele vergessen, heiratete zuerst Karl, zog mit einem anderen nebulos bleibenden Mann weg, brachte Marlene und Thomas auf die Welt und blieb fern. Sie wird stolz, aber singend beschrieben.
Ida in deren Haus die 2 Flüchtlinge kamen war eine eher mitleidlose Frau, die sich von den Folgen des Krieges nicht erholte.
Marlene die zweite Tochter von Hildegard wird als überbetuliche Mutter geschildert die zuerst musikalische Wunderkind Anna fördert, dann fallen läßt zugunsten des wirklichen musikalischen Wunderkindes Thomas. Spät beginnt sie das Leben ihrer Mutter Hildegard nachzuforschen, aus dem sie immer ausgeklammert gewesen war.
Anna muß sich nach dem Scheitern als Wunderkind behaupten, lernt tischlern, zieht in die Stadt bekommt ein Kind, wird vom Vater des Kindes einem Romanzenschriftsteller verlassen und baut sich bei ihrer Tante am Land wieder ein Leben auf.

Unter die Haut gehen die kurzen Sequenzen in denen Sterben nach dem Krieg beschrieben wird: einmal die Menschen die sich erhängen oder die Babys die im Kinderwagen erfrieren und einfach stehen gelassen werden.

Nebenelemente ist Dirk vom Felde, ein bodenständiger Bauer mit fröhlicher Frau, Kindern, Hunden, und Traktoren. Als Gegenelement ist Burkhard Weißwerth geschildert : ein Städter den es ins so idyllische Landleben verschlägt, hier einen Bestseller über das Landleben schreibt, aber letztendlich doch merkt, daß was er unter Landleben versteht mit dem wirklichen Landleben wenig zu tun hat und wenig Idylle birgt.

Auch das Kindergartenleben in der Stadt ist anders als am Land wie Leon und seine Mutter merken (müssen) - und auch die Kindergartenleiterin.

Die Schilderungen von Menschen gingen mir unter die Haut. Vor allem Vera mit ihrer Sprödigkeit und Geradlinigkeit hat mich fasziniert; selbst daß sie nur im Sitzen schlafen kann weil sie Angst vor dem Haus hat ist spürbar. Die Menschen machen im Sinnen von bewegen einiges - diese Bewegungen waren gut vorstellbar. Das Buch schildert mehr die Frauen , aber auch der Nachbar von Vera wird mit seinen Veränderungen und seinem Leben - alle drei Söhne gehen vom Bauernhof weg - erzählt.

Hintergrund sind die Nachkriegszeit und dann ist Wiederaufbau spürbar; auch die aktuelle Suche nach Ruhe und sogenannter Idylle ist vorhanden, inkl. Scheitern.

In Summe ein großartiges Buch, das ich genossen habe zu Lesen. Viel Freude auch anderen Leserinnen und Lesern !

Dörte Hansen wurde in Husum (Kreisstadt des in Nordfriesland in Schleswig-Holstein) geboren . Daheim lernte sie zuerst Plattdeutsch, ehe sie in der Schule Schriftdeutsch lernte. Sie ist eine deutsche Linguistin (Linguistik, Anglistik, Romanistik und Frisistik an der Universität Kiel), Journalistin  (NDR, WDR, etc) und Autorin. Sie lebte in Steinkirchen (Niedersachsen) und jetzt wieder in Husum.

Dienstag, 28. Februar 2017

Siegfried Lenz : "Der Mann im Strom"

Siegfried Lenz :
"Der Mann im Strom"
Roman
1957, Lizenz Hoffmann und Campe, Hamburg / 1975, Fackelverlag AG Brugg
201 Seiten
keine ISBN

Hinrich ist über 50 Jahre alt, was ihn dazu bringt sein Geburtsdatum zu ändern damit er Arbeit als Taucher bekommt und seine Tochter und seinen Sohn ernähren kann. Er bekommt rasch Arbeit und freundet sich mit Kuddl einem ruhigen Mann an. Inzwischen taucht Manfred wieder auf - der bei Hinrich als Taucher gelernt hatte, seine Tochter Lena liebt und schwängerte bis er verschwand und jetzt als Führer einer Diebstahlsbande lebt. Leider kommt der Urkundendiebstahl von Hinrich auf, und Manfred stirbt bei einem Tauchgang mit Diebstahlsabsicht.

Diese Geschichte wird dicht beschrieben. Hinrich der ruhig und besonnen versucht Arbeit zu bekommen und dann genauso ruhig dem Tauchen nachgeht, wobei er seinem Boss viel bringt. Manfred war zuerst ein offener Mensch, als er hier in der Geschichte wiederkommt wird er als Mensch mit schmalen Augen, Spott und Verachtung geschildert. Lena liebt ihn am Anfang, träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm und dem Kind, entschließt sich dann doch gegen ihn und für ihren Vater.

Das Thema Alter am Arbeitsmarkt war damals offenbar genauso ein Thema, wie es heute wieder ist. Damals wie heute war man ab einem gewissen Alter nur noch ein altes Schiffswrack das ausgeschlachtet wurde, bevor es verschrottet wurde. Hinrich hat zwei Absätze in denen er sich mit einem der abgewrackten Schiffe vergleicht - die ziemlich unter die Haut gehen.

Ort der Handlung ist Hamburg, am Hafen. Es werden viele Ausdrücke aus dem See- und Tauchbereich verwendet, von denen mir einige nicht bekannt waren (aber die Dichte und Vorstellungskraft des Buches nicht beeinträchtigten).

Der Autor nennt Hinrich oft beim Namen, Manfred ist lange nur "der Junge" bis auch sein Name eingesetzt wird. Dafür ist in der Diebstahlsgruppe einer der "Kleine". Lena und Timmo werden immer mit Namen genannt. Kuddl wird immer mit Namen genannt, der Boss ist meist der Boss. Der Hintergrund mit Politikern und afrikanischem Präsidenten bleibt namenlos.

Ich habe die schöne Sprache und die Bilder die mit Worten gezeichnet werden, sehr genossen.

Im Summe ein wunderbares Buch, das in die Geschichte hineinzieht - auch wenn sie nicht positiv ist. Viel Freude beim Lesen !

Siegfried Lenz wurde am 17. März 1926 in Lyck, Ostpreußen geboren.  Er hat über hundert Erzählungen, Hörspiele, Essays, Theaterstücke, Reden sowie Rezensionen umfasst. Als eines seiner bekanntesten Werke zählt der Roman 'Deutschstunde' aus dem Jahr 1968, welcher die geläufige Aussage, man habe während des Nationalsozialismus nur seine Pflicht getan, kritisch durchleuchtet. Das Werk zählt zu den größten Verkaufserfolge in Deutschland nach 1945. Er starb am 7. Oktober 2014 in Hamburg.

Dienstag, 29. November 2016

Peter Henisch : "Suchbild mit Katze"

Peter Henisch :
"Suchbild mit Katze"
2016, Deutike im Zsolnay Verlag Wien
198 Seiten
ISBN 978-3-552-06327-31

Auf dem Cover ist ein Bub mit Katze, umrahmt von Menschen die den beiden zusehen könnten. Der Autor beschreibt in Ich-Form in Bezug zu der Katze seiner Kindheit, einem schwarzen Kater namens Murli, und dem 'Jetzt', mit einer dreifarbigen Katzenschönheit namens Mimí beides in Wien.
Großteil der Geschichte nimmt sprunghaft die Kindheit des Buben der drei Jahre alt ist, als der zweite Weltkrieg vorbei ist, dessen Vater als Photograph zuerst für die Wehrmacht, dann für alle Zeitungen tätig ist, wie das Wien nach dem Weltkrieg für ein Kind aussieht. Er beschreibt den Schutt, den Aufbau, den Schwarzhandel, aber auch die Eltern seines Vater mit 'belesener' Großmutter und den Eltern seiner Mutter deren Vater Lokomotivfahrer und überzeugter Sozialist ist. Das Jetzt ist in einem hübschen Haus mit Blick ins Grüne, wo er einer jungen Journalistin versucht seine Welt zu erzählen. Es kommt noch eine Katze vor - der rote Kater Hoffmann, den sich die Tochter wünscht und der lange bei der Familie lebt.

Der Autor zeichnet die Szenerien schön in die Phantasie. Wie er die Annäherung und Entfremdung an die Nachbarstochter Friedi beschreibt, die roten Haare deren Mutter, die Streitereien und Anziehungen zwischen seinen attraktiven Eltern mit all ihren Problemen.

Orte des Geschehens sind der dritte Bezirk um die Keinergasse, der achtzehnte um die Schulgasse, der zehnte um die Hasengasse und auch der fünfte.
Situationskomisch war es beim Lesen hier über die Stichwahl mittels kleinen Plakaten an Zäunen zwischen Schutt und Baustellen zwischen Körner und Geißler 1951 als Bundespräsidentschaftskandidaten für Österreich zu lesen, und gleichzeitig den österreichischen Wahlkampf zwischen Van der Bellen und Hofer in den aktuellen Medien mitzubekommen.

Witzig ist wenn er beschreibt, daß die Software am Computer bei älteren Wörtern wie 'belesen' und 'umfehdet' (aus der neuen österreichischen Bundeshymne) rote Linien baut. Auch 'bakschierlich' wird erklärt.

Das Buch ist zwar schön zu lesen, aber keines das 'verschlungen' werden kann; dazu sind mir die Szenen zu behutsam und zu sehr wie  ein Aquarell geschrieben. Viel Freude beim Lesen !

Peter Henisch wurde am 27. August 1943 in Wien geboren. Sein Vater arbeitete als Photograph während des zweiten Weltkrieges und auch danach. Peter Heinisch studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie. Er war Lokalredakteur bei der sozialistischen 'Arbeiterzeitung'. Seit 1971 lebt er als freier Schriftsteller in Wien, Niederösterreich und in der Toskana. Er gründete die Zeitschrift für Literatur 'Wespennest' und war auch musikalisch aktiv.
1971 erschien sein erste Werk 'Hamlet bleibt'. Das bekannteste Werke ist der Roman 'Die kleine Figur meines Vaters' 1975 / 2003 aktualisiert.

Samstag, 17. September 2016

Gaito Gasdanow : "Die Rückkehr des Buddha"

Gaito Gasdanow :
"Die Rückkehr des Buddha"
Roman
original "Возвращение Будды"
1950, in der russischen Literaturzeitschrift 'The New Review', NY
übersetzt aus dem Russischen, mit einem Nachwort von Rosemarie Tietze
2016, Hanser Verlag
208 Seiten und 5 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-446-25047-5

Der Roman spielt in Paris in den frühen 20-jahren des 20. Jahrhunderts. Ein junger Mann der geschichtliches recherchiert taucht immer wieder in eine Traumwelt ab, spendiert einem Bettler einen Geldschein, trifft Pawel Alexandrowitsch /den Bettler wieder, wird des Mordes an ihm verdächtigt und auf Grund des Diebstahls einer kleinen goldenen Buddha-statue, die der Mörder zuerst genutzt hatte und dann gestohlen hatte, von dem Vorwurf des Mordes befreit.

Der "ich" des Buches erzählt anfangs von seinem traumatischen Sterben in den Bergen, was allerdings nur im Kopf stattfindet.
Paris wird viel im Nebel, in Grau und in Elendsviertel geschildert. Die Freundin Pawels Lina, die unglücklich in einen groben Mann aus dem Orient verliebt ist und gewohnt ist ihren Körper zu verkaufen, wird als eigenartige Mischung aus schön, lasziv, kalt, leidenschaftlich bis schlammig geschildert. Pawel selbst ist ein belesener Mensch, nur durch sein Glück an Geld kam. Der Erzähler erzählt auch von einem Schnorrer, der seine große Liebe eine nicht echte Gräfin nicht vergessen kann und vor und nach einer Erzählung immer auf sie zurückkommt. Auch andere Figuren in dem Roman sind zwar für die Erzählung nicht notwendig aber gut gezeichnet und gut vorstellbar.
Die Menschen sind entweder russisch - französisch, oder Franzosen, oder aus einem Gemisch aus Europa und dem Orient um das Atlasgebirge.

Die Bruchstücke die französisch geschrieben sind, sind erfreulicherweise übersetzt, und bleibt nicht als Leser/Leserin dem Rätseln überlassen (oder der Suche nach Vokabeln).

Der Stil des Buches ist gemessen. Es herrscht keine Eile. es gibt immer wieder schöne Beschreibungen wie : ' unisono irgendwelchen musikalischen Müll zu singen', 'undefinierbaren Seelennebel', 'deren Haltlosigkeit sich erst danach herausstellte und nur darum, weil er sich mit dem Sterben verspätet hatte' etc.

Ich habe länger an den Buch gelesen, und konnte es nicht in einem Rutsch durchlesen, weil mich die Sprache bremste. Es ist ein Buch das ich wieder lesen werde ! Viel Freude auch anderen beim Lesen !

Gaito Gasdanow (eigentlich Georgi Iwanowitsch Gasdanow), wurde am 23, Nov (jul Kal)/6. Dezember (greg. Kal) 1903 in St. Petersburg geboren und ist am 4. Dezember 1971 in München gestorben. Da sein Vater Forstbeamter war wurde er als Kind oft mit der Familie versetzt. Er kämpft ab 1919 auf Seite der Weißen Arme. Als Flüchtling nach der Niederlage reist er über Türkei und Bulgarien an Paris, wo er viele unterschiedliche Beschäftigungen hatte und an der Sorbonne Vorlesungen zuhörte. Er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Während des zweiten Weltkrieges war er in der Resistance. Ab 1952 berichtete er als Journalist unter dem Pseudonym „Georgij Tscherkassow“ über das Pariser Kulturleben. Ab 1954 bis  berichtete er zuerst aus München, dann Paris, und wieder München bis zu seinem Tod. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Als wichtigstes Buch gilt "Das Phantom des Alexander Wolf " (Призрак Александра Вольфа, 1948).

Samstag, 27. August 2016

Kirk Delaney : "Life Changing Money"

Kirk Delaney
"Life Changing Money: A Harry Beckett Private Eye Novel"
Dateigröße: 646 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 201 Seiten
Sprache: Englisch
ASIN: B00T0NIU14

In diesem Roman werden einige Themen und Handlungsstränge angerissen, manche weitergespielt, während andere Nebenlinien sind.
Harry Becket, der von seinem Vater aufgezogen wurde, kommt als Landei an die amerikanische Küste nach San Francisco, wird von einem Schlitzohr aufgenommen dem er quasi als Detektiv hilft, er kämpft als Marine in Korea und lernt dort seinen guten verläßlichen Freund Charnett Washington (genannt Wash) kennen. Nach dem Krieg versucht sich Becket als Boxer, mit Wash als Coach. Zu dieser Zeit geht ein Geheimnis umwittertes U-boot in San Francisco unter - die Leviatan, die mit futuristischen Tesla-Logik angetrieben wurde. Die beiden Detektive versuchen dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, was Wash das Leben kostet. Jahre später hat sich Harry komplett in die Recherche verzettelt, er kommt einigen grausamen Morden auf die Spur, und hat Glück daß ihm nicht mehr als öfter zusammengeprügelt zu werden passiert. Im Showdown gegen den Bösewicht sind dann zuerst drei Frauen, dann die Wangs und auch die guten Cops an seiner Seite. Ende gut, Agentur läuft ab nun gut.

Als Nebengeschichten werden geschildert:
Harry Beckets Leben bei seinem Vater inkl. einer wilden Geschichte, bei denen er einem Sheriff hilft in den Rocky Mountains Gefängnisausbrecher zu erledigen.
Charlie Wangs Leben in Asien bei den Mönchen, deren Werten, deren Art zu überleben und wie er es zu einem Schiffimperium brachte; faszinierend ist wie er manches in Amerika anpaßt und bei welchen Punkten er sich lieber nicht anpassen möchte.
Die Ideen von Nikola Tesla, der vorauseilend geniale Ideen im Bereich der Elektrotechnik gehabt haben dürfte, aber kein Geschäftsmann gewesen sein dürfte und sich mit Edison überwarf. Das Leben in einem U-boot und welche Befehlsketten beachtet werden müssen und wie die Rettungsaktionen ablaufen sollten.
Tibbidoe-s Imperium mit Bordellen, Kaschemmen und korrupten Polizisten.

Die Geschichte ist ein Gemisch aus der Coolness von Mike Hammer, alten Matrosenfilmen mit vielen Raufszenen, ein wenig Bogarth und Raymond Chandler als B-movie; auch eine schöne Frau namens Jasmine gibt es, die singt und Becket in ziemlich verrückte Lokale bringt, sowie die treue ex-Mitarbeiterin Dandy die ihn wiederholt zusammenklaubt.
Der Roman wird soweit es Harry Becket betrifft in Ich-form erzählt, weshalb der Leser/die Leserin an den Schlägen die er einsteckt und Bewegungen im Showdown einiges mitbekommt.

Die Sprache ist tw. sehr umgangssprachlich (z.b. 'kraut' für Polizisten) und ich mußte einiges nachrecherchieren. Manche Vokabel sind gar nicht recherchierbar, sondern kann sich der Leser/die Leserin nur zusammenreimen.

Ich habe länger an dem Buch gelesen, weil diese Art Englisch für mich ungewohnt war, und weil die Handlungsstränge manchmal nicht einfach zusammengehängt sind, oder eben nicht.

Über Kirk Delany habe ich nur herausgefunden, daß er oder sie in Wellesly Hills, Massachuttes (USA) leben könnte.

Samstag, 13. August 2016

Nadja Bucher : "Die wilde Gärtnerin"

Nadja Bucher :
"Die wilde Gärtnerin"
Roman
2013, Milena Verlag Wien
349 Seiten
ISBN 978-3-85286-237-8

Helen Cerny lebt seit dem Unfalltod ihres Freundes in ihrem Haus und ihren Garten mitten in Wien. Die Mieter im Haus lassen sie in Ruhe, nur ihre beste Freundin Toni (eigentlich Antonia) versucht sie ins Leben zurück zu locken. Helen beschreibt im Tagebuch was sie im Garten tut (v.a ihre Naturtoilette ist ihr wichtig) und wie in der leeren Wohnung gegenüber eine junge Frau einzieht. Diese junge Frau erzählt ihr von den Mächtigen der Welt, den Netzwerken und daß diese zerstört werden müssen. Helen beginnt wieder einkaufen zu gehen und ein Workshop von Toni beginnt gut, als plötzlich die Polizei auftaucht, und die Gespräche Helens mit der Nachbarin als Terrorgefahr einstuft und alles Helen in die Schuhe schiebt.
Parallel zu dieser Geschichte die 2011, 2012 geschieht wird kapitelweise, und wie ein gewohnter Roman die Geschichte von Helens weiblichen Vorgängerin zuerst zur Zeit des Kaisers, dann der Zwischenkriegszeit, der zweite Weltkrieg und Besatzungszeit, Wiederaufbau und die Hippie-Bewegung geschildert. Die Frauen halten Krieg durch, das Warten auf den liebevollen Ehemann, erhalten ein Gasthaus neben dem Alkoholiker von Ehemann, begraben Träume für den Ehemann, oder brechen aus dem was sie Diktat der Männer nennen aus.

Der Großteil der Geschichte spielt in Wien, manches auch im Waldviertel.
Neben den Tagebüchern von Helen, sind Verhörprotokolle aus der Sicht von Toni zu lesen. Toni ist die empathische sensible sehr esoterisch geschilderte (ein wenige verrückte) Freundin, die hilfreich einspringt, aber wenig Verständnis für paranoide Polizeiaktionen aufbringt.
Am Anfang liest sich der Roman etwas mühsam weil die aktuellen Personen erst langsam aufgebaut werden, am Schluß gibt es aber Energie und man freut sich daß die Geschichte doch ein gutes Ende findet.

Die Welt Helens mit ihrem Garten in dem sie vieles ziehen kann, Kompost macht, und den Kreislauf der Jahreszeiten mit Erdlager gut lebt ist faszinierend.
Die Gespräche mit der Nachbarin, die globales vernetzt, gegen die Mächtigen wettert, und vor Gewalt nicht halt macht, wirkt hier wie ein Gegenpol zur ökologischen, in ihrer Welt verharrenden Helen. Toni schwirrt wie ein Planet um die beiden herum.

Die Figuren der Männer sind sehr unterschiedlich. Ein Großvater von Helen kommt zwar einbeinig aus dem Krieg ist aber liebevoll und langsam. Der andere ist ein Haustyrann von dem die Mutter nach der Matura in eine Kommune wegzog. Es gibt auch einen Bruder der Großmutter der in der Zwischenzeit die Familie durch Schleichhandel und auch beitritt zur NSDAP durchbrachte.

In  Summe in intensives Buch mit gut vorstellbaren Menschen. Einige Ideen bleiben hängen. Viel Freude beim Lesen.

Nadja Bucher wurde in Wien geboren. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien und University of Sussex, UK. Ihr Debütroman "Rosa gegen den Dreck der Welt" erschien  2011 Milena Verlag. Sie arbeitet an Theaterstücken und Hörspielen und ist Performerin für Poetry Slam.                

Dienstag, 25. August 2015

Lucía Puenzo : 'Wakolda"

Lucía Puenzo :
'Wakolda"
original " Wakolda"
2011, Emecé, Buenos Aires
aus dem argentinischen Spanisch von Rike Bolte
2012 Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
200 Seiten
ISBN 978 3 8031 2715 0

In diesem dichten Roman wird die Geschichte eines jungen Mädchens erzählt, das etwas klein geraten ist, und in der argentinischen Pampa einem Arzt begegnet, der ihr Wachstum verspricht, und der geflohene Dr. Mengele ist.

Lilith und ihre Familie fahren ins argentinische Patagonien, um dort die Pension von Liliths Großmutter wiederzueröffnen. Auf einem Parkplatz kommt das Mädchen mit einem Mann ins Gespräch, der sich ihnen anschließt. Dieser Mann ist der erste Gast der Pension, und erwirbt das Vertrauen von Lilith und der Familie. Er investiert in das Puppenhobby von Enzo und interessiert sich für die Zwillingsschwangerschaft von Eva. Dank seines Tuns kommen die Zwillinge gut auf die Welt, und auch Eva überlebt. Er hilft mit Präparaten daß Lilith wächst und beide Zwillinge überleben. Die Präparate sind in den Konzentrationslagern zu Versuchen an Menschen entwickelt worden. Der israelische Geheimdienst ist den alten Hauptverbrechern aus den Konzentrationslagern - auch ihm - auf der Spur, und der Gast verschwindet im Schnee.

Die Figuren der jungen charmanten aufgeweckten aber kleinwüchsigen Lilith und der kühle besessene gewissensfreie Arzt sind eindrücklich geschildert. Lilith fragt direkt, schnüffelt im Zimmer des Arztes und entdeckt dort alte Nazi-Insignien, hält aber den Mund, weil sie der für sie charismatische Arzt fasziniert. Jose/Joseph reizt der Stammbaum der Familie mit schönen und unschönen Menschen und der Zwillingsbauch der Mutter; er hatte sich immer für Zwillingsgeburten und das Machbare bei den Frühgeburten interessiert. Auch mit Wachstum hat er experimentiert. Die Tragbarkeit der Folgen waren für ihn kein Thema, nur die Machbarkeit. Mitgefühl hat er keines; so wie diese Figur wenig Gefühle hat und nur auf Touren kommt wenn es um Versuche am Menschen geht. Die Flucht über Italien nach Argentinien, und daß sein Sohn ihn "Onkel Fritz" nennt, wird auch erzählt.

Vater Enzo hatte Lilith eine Puppe - Herlitzka -, mit weißer Porzellanhaut und sehr fein gemacht; diese tauscht sie als sie bei eine Nacht wegen Wolkenbruchs bei den Mapuche verbringen gegen eine hölzern und stofflich gemachte Puppe -Walkolda - ein. Die Puppen die Jose/Joseph herstellen läßt sind blonde blau-äugige weißhäutige Figuren, die für Exil-Nazis von Bedeutung sind.

Kurz wird das Nebenthema der Mapuche und Tehuelce in Argentinien angesprochen. Auch hier hatte es Konzentrationslager gegeben und Ausrottung von Kulturen. Einige wenige haben überlebt.
Eine weitere Nebenfigur ist Nora, die eines der Versuchskinder im Konzentrationslager gewesen war, und nur auf der Suche nach Menschen ist, die ihr das angetan haben. Sie bleibt im Schnee zurück.

Ort des Geschehens ist die Fahrt nach Bariloche, das Leben dort und der See Nahuel Huapi. Eine deutsche Schule hat es dort bereits vor dem zweiten Weltkrieg gegeben, weshalb dann die deutsch sprechenden Menschen, die nach dem zweiten Weltkrieg kamen nicht weiter auffielen.

Der Roman ist dicht, gut vorstellbar und faszinierend geschrieben/übersetzt. Die Figur der Lilith die dem Arzt alles glaubt, manches in Frage stellt, aber für einiges akzeptiert geht unter die Haut. Die Stellen in denen die neugeborenen Zwillinge unterschiedlich behandelt werden, machen mir Schauder.

In Summe in grandioses Buch, das jedem/r zu empfehlen ist der/die einen guten Roman lesen möchte, auch für Menschen die sich nicht für die Nachbetrachtung der Nazi-zeit interessieren mögen.

Lucía Puenzo wurde am 28. November 1976 in Buenos Aires geboren. Ihr Vater ist Filmdirektor Luis Puenzo - sie ist Autorin und Regisseurin. Ihr Debüt als Drehbuchautorin gab sie 2001 mit dem Dokumentarfilm (H) Historias cotidianas. Anschließend war sie vor allem für das Fernsehen tätig und verfasste Drehbücher für verschiedene Fernsehserien, wie etwa Final Minute. 2004 erschien ihr erster Roman "El niño pez", das erst 2009 auf deutsch "Das Fischkinder" schien. Im Jahre 2007 gab sie ihr Debüt als Regisseurin mit dem Filmdrama "XXY" , in dem es um Intersexualität geht. Für diesen wurde sie unter anderem 2008 mit dem  'Goya' in der Kategorie Bester ausländischer Film in spanischer Sprache ausgezeichnet. Sowohl "Das Fischkind" als auch "Wakolda" wurde verfilmt.

Sonntag, 28. September 2014

Christoph Ransmayr : "Morbus Kitahara"

Christoph Ransmayr :
"Morbus Kitahara"
Roman
1997, S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt
434  Seiten + 2 Seiten Inhaltsverzeichnis
ISBN 3-596-13782-9

Das Buch ist ein wunderschöner, dichter, düsterer Roman der mit feinen und starken Strichen den Untergang einer Region nach dem Krieg erzählt.

Der Untergang ist von oben befohlen : es werden die Schienen zerlegt und Maschinen entfernt, damit die Menschen die früher um ein Konzentrationslager gelebt haben Sühne leisten. Unter den Menschen leben ein Schmied, seine bigotte Frau und ein Junge der zuerst wie ein Vogel spricht und erst spät die menschliche Sprache erlernt. Bering lernt Schmied wie sein Vater und mit Tricks schafft es die Familie, daß sie es ihren Amboß nicht verlieren. Die Schmiedekünste führen Bering zu einem mächtigen Mann, der in einer verfallenen Villa mit herrenlosen Hunden lebt. Sie folgen ihm, weshalb Ambras als Hundeführer gilt. Als dritte Persönlichkeit ist Lily geschildert - sie träumt von Brasilien, ist aber kundig in Geheimpfaden übers Gebirge zu anderen Menschen, zum Leben hin.
Passierscheine gibt es fast nicht zu ergattern, sondern Sühne wird in theatralischen militärischen Shows verlangt. Dann beschließt das Militär auch noch den letzten Stolz der Menschen zu demontieren - den Steinbruch mit grünem Granit. Alle werden ausgesiedelt, da dies Sperrgebiet wird. Jetzt dürfen sie weg - sind aber nicht glücklich. Lily, Bering und Ambras fahren wirklich nach Brasilien - ob jeder zum seinem Ziel, seinem Wunsch kommt ?

Das Buch ist faszinierend geschrieben. Menschen die deprimiert sind, ist diesen Buch nicht zu empfehlen, aber anderen die in diese beschriebene Welt der Düsternis, des Bergwerks, des Militärs das zwingt und demütigt, Bering der sich mit dem Bau eines vogelartigen Autos (die Krähe) verwirklichen darf, eine zarte unerfüllte Liebe zu Lily spüren darf, Ambras dessen Frau (eine zarte schöne Jüdin) schwer mißhandelt wurde und ihm im Steinbruch/Konzentrationslager die Schultergelenke ruiniert wurden, Lily die nie ihr Ziel vor Augen verliert und überall behende durchkommt.

Morbus Kitahara ist das Wort für die blinden / schwarzen Flecken in Berings Augen. Die Frage des Arztes lautet: was willst du nicht sehen ? beantworte die Frage, dann gehen die Flecken wieder weg.

Mich hat die Sprache des Autors mit seinem Metaphern fasziniert. Er schreibt von der 'Wildnis der Kabel' und ähnliche Vergleiche die mich in den Roman hineingezogen haben.

Ich wünsche viel Freude beim Eintauchen in diesen großartigen Roman.

Christoph Ransmayr wurde am 20. März 1954 in Wels (OÖ) geboren. Er studiert Ethnologie und Philosophie in Wien und arbeitete als Redakteur/Autor für Zeitschriften. Seit 1982 ist er hauptberuflicher Schriftsteller. Er hat viele renommierte Preise und Auszeichnungen erhalten.

Dienstag, 4. März 2014

Barbara Frischmuth : "Woher wir kommen"

Barbara Frischmuth :
"Woher wir kommen"
2013, Aufbau Verlag GbmH & Co KG Berlin
362 Seiten
ISBN 978-3-351-3508-2

In diesem beeindruckenden Buch beschreibt die Literatin und Orientkennerin mit wunderschöner Sprache das Leben dreier Generationen in zumindest zwei verschiedenen Welten.

Ada, Martha und Lilofee sind die drei Frauen deren Leben beschrieben wird. Ada wird 30 und steht knapp vor ihrem künstlerischen Durchbruch. Martha, ihre Mutter, hat sie und ihren Zwillingsbruder nach dem Bergtod ihres Mannes Robin am Ararat zurück zu ihrer Mutter ins Auseerland gebracht. Martha ist Nichte von Lilofee - die Tochter ihrer Schwester Pia die mit ihrem Ehemann bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Lilofee ist/war die ältere gescheitere Tochter eines angesehenen Kunstprofessors, die in der Kriegszeit einem entflohenen Häftling geholfen hatte - was Probleme für die beiden nach sich gezogen hatte.

Orte des Geschehens sind das Salzkammergut mit den Bergen, den kleinlichen Strukturen des Dorfes, und den Seen. Hier taucht Adas Jugendliebe Jonas wieder auf - als Vater von drei Kindern.
Der städtische Gegenpol ist Istanbul. Hier hat Martha mit Ehemann und Zwillingen gelebt und das Leben in ihrem Viertel mit Läden, verschiedenen  genossen. Zeitlich ist das die Jahrzehnt der 80-er Jahre. Martha hat noch eine gute Freundin aus der Zeit, deren Mann gemeinsam mit ihrem Mann auf dem Berg geblieben war. Da beide Journalisten in einer bewegten Zeit gewesen waren, sind die Gerüchte um politischen Tod nie ganz verstummt.

Die drei Frauen sind stark und gestalten ihr Leben. Lilofee arbeitet durch ihre Englischkenntnisse bei einem Anwalt und macht später in der ehemals elterlichen Villa eine Schank auf. Martha baut das Haus um und macht ein beliebtes Gasthaus daraus. Auch Ada geht ihren Weg.

Besonders gut haben mit die Schilderungen von Kunst und Kunstschaffen gefallen. Wie Ada ihre Kunstwerke entwickelt, überarbeitet, hinterfragt und überdenkt fand ich faszinierend. Ihr Zwillingsbruder lebt seine künstlerische Ader als Galerist aus.
Photographien von Blossfeldt haben die junge Frau als Kind inspiriert. Umgekehrt zeigt Martha ihrer Tante Lilofee als sie das einzige Mal nach Istanbul kommt Werke des mutmaßlichen Künstlers Mehmed Siyah Qualem (so geschrieben wie er im Buch steht; es dürfte viele Schreibweisen geben). Von seiner Vita ist wenig bis nichts bekannt, nur seine Werke faszinieren noch immer.

Geschichtlich wird die Nazizeit, Nachkriegszeit und die Jetztzeit in Österreich beschrieben. Sie läßt in Fragen Platz warum manches aufgearbeitet wurde, über manches rechtzeitig gesprochen wurde und es bei manchem zu spät ist darüber zu sprechen, weil manche die man noch hätte fragen können nicht mehr da sind, und dafür die Gerüchteküche blüht.
In Istanbul wird die Zeit der 80-er Jahre reflektiert - das Aufkommen der Kurdenthematik, der Zuzug in die Hauptstadt aus dem Land, der Verfall und die Enge einzelner beliebter Stadtviertel zugunsten von Reihenhäusern außerhalb der Stadt und die Unsicherheit durch Bomben und Terrormöglichkeit.

Zwei Phrasen haben mich irritiert, denn 'nach draußen gehen' und 'hoch gehen' sind für mich keine österreichischen Formulierungen, sondern eher deutsch. Ich laße mich aber gerne anders belehren.

Ich habe das Buch sehr genossen und sehr konzentriert die schöne Sprache, die Formulierungen und Gedankenwelten verfolgt. Dieses Vergnügen wünsche ich allen Leserinnen & Lesern !

Barbara Frischmuth wurde am 5 Juli 1941 in Altausee (Steiermark) geboren. Sie studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und ist jetzt freie Schriftstellerin. sie arbeitete einige Zeit als Übersetzerin. 1968 erschien ihr erstes Buch "Die Klosterschule". Sie schrieb Romane, Kinderbücher, Theaterstücke, Hörspiele und Filmdrehbücher und hat viele wichtige Preise erhalten.

Samstag, 17. November 2012

Sandor Márai : "Das Wunder des San Gennaro"

Sándor Márai :
"Das Wunder des San Gennaro"
Roman
original "San Gennaro Vére"
Nachlaß Sándor Márai
1997, Ujváry Griff Verlag, München
Aus dem Ungarischen übersetzt und mit einem Nachwort von Tibor Simányi
2004, Piper München Zürich
274 Seiten
1 Seite Widmungen an die Menschen in Posillipo
4 Seiten Nachwort und 1 Seite Biographie des Übersetzers
ISBN 3-492-27044-1

Das Buch ist kein Roman im Sinne einer logisch erzählten Geschichte, sondern erzählt in drei Kapiteln zuerst über die Menschen in Posillipo, über den Umgang mit Heiligen und erwarteten Wundern und dann von Flucht, Heimatlosigkeit und Erlösung.

Die Schilderungen im ersten Teil wie die Menschen in Posillipo leben, wie sie von bißchen Essen leben, wie sie mit Armut umgehen, aber auch wie sie zu handeln/feilschen vermögen sind schön gelungen. Fast duften die Mimosen des Frühjahrs dort durch das Buch. Die Schilderungen auch der arrivierten Menschen wie Anwalt, Bürgermeister etc. sind gut vorstellbar. Die Ruhe und Gelassenheit wie die Menschen dort Natur, Leben, Fischen, Trinken erleben, entschleunigen beim Lesen. Das fremde Paar ist zwar vorhanden, aber nicht das Hauptaugenmerk.

Im zweiten Teil wird viel von Glauben, Wunder, und wie mit den Heiligen verhandelt wird erzählt.

Im dritten Teil wird in langen Gesprächen enthüllt, warum der Mann des fremden Paares tot aufgefunden wurde.
Zuerst erzählt ein Polizist der viel mit Flüchtlingen zu tun hat seine Gedanken und Gespräche. Er enthüllt den Kampf der Exilanten um die Akzente ihres Namens (für einen Italiener sind die Hackerln über Vokalen und Konsonanten aus Sprachen wie z.B. Ungarisch, Tschechisch und Polnisch vermutlich höchst anstrengend). Er kannte den toten Mann aus Gesprächen - als intelligenten gebildeten Mann, der außerdem ein Visum nach Australien erhalten hatte.
Dann ist ein Priester im Gespräch mit dem Polizeichef - auch er hatte intensive Gespräche mit dem Toten erlebt. Der Mann hat am Ende des Lebens fast einen Ruf als Heiliger gehabt, der Wunder vollbringen könnte und zu dem alle gekommen waren. Mit dem Priester hatte er viel über Erlösung gesprochen, über die Erwartungen an Heilige, über das Leben des Franziskus von Assisi und ob so ein Leben im 20. Jahrhundert möglich wäre.
Das letzte Gespräch findet zwischen der Lebensgefährtin des Mannes und einem x-beliebigen Priester statt. Sie erzählt von der Flucht, den dem nicht mehr leben können wenn man rundherum die Repressalien mitkriegt, auch wenn persönlich noch alles gut läuft. Sie erzählt wie man langsam aber sicher die Identität verliert auf der Flucht - bei jeder Übersiedlung geht etwas mehr von verloren. Sie erzählt wie sie beide in Assisi wieder das Leben spürten, aber auch klar wurde, daß der Mann einen anderen Weg als die Frau gehen würde.

Das Buch ist nicht einfach zu lesen, sondern hat bei mir einiges an Konzentration und Vorstellungsvermögen gefordert. Die Schilderungen im ersten Teil und die Dialoge im dritten Kapitel haben mich stark berührt.

Es ist auch ein politisches Buch, denn es fragt an warum für so viele Menschen klar war, daß der Nationalsozialismus wie er im dritten Reich gelebt wurde, unmenschlich und verbrecherisch war, aber diese Bewertungen nicht für den Bolschewismus galten. Hier hatte man noch versucht eine Menschlichkeit zu erkennen, die es längst nicht mehr gab.

In Summe ist das Buch sehr empfehlenswert, weil es helfen kann die Probleme der Nachkriegszeit in Europa zu verstehen, die Probleme von Menschen in Exil zu sehen und sehr gut geschrieben ist.

Sándor Márai wurde 1900 in Kauschau (heute Slowenien) geboren, er verließ 1948 Ungarn und lebte mit Frau und Adoptivsohn danach bei Posillipo bei Neapel. Hier schrieb er vermutlich "Das Wunder des San Gennaro", das der Autor in Amerika Mitte der 60-er im Eigenverlag publizierte. Er schrieb alle seine Bücher im Exil auf ungarisch. Später wanderte die Familie nach Amerika aus, wo Márai 1989 in San Diego durch Selbstmord verstarb.

Der Übersetzer Tibor Simányi wurde 1924 geboren, war Verlagslektor, Rundfunkredakteur, Übersetzer und Buchautor. Eines seiner Bücher ist der Briefwechsel zwischem ihm und Sándor Márai.

Freitag, 5. August 2011

Veit Heinichen : "Der Tod wirft lange Schatten"

Veit Heinichen :
"Der Tod wirft lange Schatten"
Ein Proteo-Laurenti-Krimi - sein vierter Fall
2. Auflage August 2007, Dtv München
2005 Zsolnay Verlag Wien
355 Seiten
ISBN 978-3-423-20994-6

Commissario Proteo Laurenti hat einige Fäden zu entwirren : Eine Nachkriegsgeschichte mit Waffen aus dem zweiten Weltkrieg, die bis ins 21. Jahrhundert in einer Lagerhalle verstaubt sind. Den Tod eines Mannes, der an einem Ohrring erstickt ist. Tieraktivisten, die versuchen mit Aktionen das Augenmerk auf komplett ungepflegte Schlachttiere zu wenden. Und seinen Kontakt zu dem charismatischen ehemaligen Gerichtsmediziner Galvano, der eine alte Geschichte eines vor langem ermordeten Professors endlich klären möchte, dann aber weil er einer taubstummen Frau, die in eine mafia-ähnlichen Organisation zu überleben versucht, helfen will, plötzlich in ziemlichen Schwierigkeiten steckt. Und Dokumente, die Greueltaten aus dem zweiten Weltkrieg dokumentieren, und damit jetzt promimenten Menschen ziemliche Schwierigkeiten machen können.

Die Liebe kommt auch zu Schrift, da die Besitzerin der Lagerhalle mit den Waffen, eine junge Frau aus Australien - ihre Großeltern waren aus Triest ausgewandert - mit dem faszinierenden aber unehrlichen Gehilfen der Notarin eine leider lausige Liebesgeschichte hat. Laurentis eigene Parallelliebe mit der Staatsanwältin Ziva hat kurz Platz, macht aber irgendwie nicht glücklich.

Laurentis 'alter Feind' Drako zieht auch einige Fäden, und beschleunigt mit dem Auftritt seiner Agentin das Geschehen ziemlich.

Am Schluß ist der Tod des Mannes aufgeklärt. Die Waffen aus der Lagerhalle werden den offiziellen Dienstweg gehen. Die taubstumme Frau ist der Organisation mit ihren menschenunwürdigen Behandlungsweisen entrissen, und der Gerichtsmediziner Galvano hat unter dem Schutz der Polizei Erpressungen um einen Geldkoffer und Dokumente überlebt.

Neu war für mich die Geschichte um Triest nach dem zweiten Weltkrieg, die Alliertenzone und das hin und her um die Stadt am Mittelmeer. Ebenfalls interessant der Teil der dann jugoslawischen Seite der Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg. Eher erschreckend die Möglichkeit, daß die Geheimdienste der jetztigen Staaten entweder mit- oder gegeneinander arbeiten.

Nett ist der Ausflug ins Kulinarische, als der Sohn Marco ein kaltes Fischmenü zaubert.

Böse werden die sogenannten Grillpartys von Laura, des Commissarios Gattin beobachtet.
Spaß machen die Schilderungen des alterndes Gerichtsmediziners Galvano und eine älteren Triestiner Dame mit Temperament und Niveau und deren verbales Scharmützel. Unter die Haut gingen mir die Schilderungen der Organisation die die taubstummen Menschen ohne Paß und unter Druck losschickt.

Das Buch ist gut, will aber konzentriert gelesen werden. Auch wenn einige Handlungsstränge klassisch gelöst werden, bleiben doch einige Fragen im Raum stehen. Vielleicht sollte ich mir doch die Folgebände zu lesen organisieren ?

Montag, 8. Februar 2010

Leena Lander: "Im Sommerhaus"


Leena Lander
"Im Sommerhaus"
aus dem Finnischen und mit einem Nachwort versehen von Angela Plöger
Original "Iloisen kotiinpaluun ausinsjat"
1997, Verlag Söderström, Helsinki
deutsch Wilhelm Goldmann Verlag, München
1. Auflage Taschenbuch September 2001
352 Seiten
ISBN 3-442-72770-7

Ein schönes intensives Buch, das es trotz der Schwierigkeit mehrerer Zeitebenen schafft, die Spannung und Neugier zu halten, und dessen dicht beschriebene Szenen und Menschen unter die Haut gehen.

Lys Bergmann besucht ihren Jugendfreund Olavi Harjula. Hier starten die unterschiedlichen Zeitebenen und verwobenen Handlungsstränge der Menschen, denn sie sucht Hanna Aalto. Nebenbei lernte ich einiges über die Geschichte Finnlands nach dem 2. Weltkrieg.

Lys Bergman - Tocher eines Archäologen in Afrika - kehrt mit ihrer Familie kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges nach Finnland zurück. Ihr Vater wird geschätzt und beneidet - geschätzt weil er im Kinderheim der einzige ist, der die Kinder mit seinen Geschichten zu unterhalten und motivieren weiß.
Olavi Harjula ist der einzige Sohn einer Angestellten in der Schiffswerft, deren russisch Kenntnisse ihr die Arbeit für die Herstellung der als Reparationszahlungen verlangten Schiffe verschafften.
Im der Stadt hat ein Schwesternpaar ein Heim für Kinder aufgemacht - Kinder, die nach Schwedern geschickt worden waren, nun alle zurückkommen müssen, aber nicht immer willkommen sind. Sie versuchen Kindern die finnisch verlernt haben, wieder ein Heim zugeben - das Buch deutet an, welche Wunden die doppelte Entwurzelung für die Kinder (zuerst Familie und Finnland zu verlassen, dann Schweden und neue Familie zu verlassen) geschlagen hat. Daß es nicht alle Kinder so gut hatten eine neue Familie zu finden, sondern nur als gratis Arbeitskraft gegolten haben dürften, ist auch festgehalten.
Hier lebt ein Mädchen, das Hanna Aalto genannt wird und (fast) nicht spricht. Dieses Mädchen nimmt Lys Vater als zweite Tochter in sein Haus - bzw. das seiner Frau und seines Schwiegervaters - auf.

In Szenen wird beschrieben wie Lys und Olavi ihre Teenager-Körperlichkeit miteinander entdecken, daß niemand Hanna vermißte, daß Lys Vater seiner Frau nicht treu war, daß den Schwestern die Arbeit im Heim nicht leicht fiel, daß es die Finnen schafften fast unlösbare Reparationszahlungen in Form von Schiffen wirklich zurückzuzahlen, daß Karrelien im 2. Weltkrieg heiß umkämpft war, und immer wieder im jetzt wie Lys und Olavi sich schwer tun im Großelternalter (beide haben längst Kinder und Enkelkinder) miteinander zu reden.

Knackpunkt ist, daß Lys von Olavi zu einem Zeitpunkt schwanger wurde, als Lys Vater des Sex mit seiner Ziehtochter Hanna angeklagt worden war, aber Hanna nichts zur Klärung beitragen konnte, da sie verschwunden war. Olavi wußte nichts von seiner Vaterschaft. Lys hatte aber einen Brief ihres Kindes (eines Buben) mit ihm erhalten, der um die Geschichte seiner Eltern ersuchte. Lys ersucht Olavi ihr zu helfen den Ruf ihres Vaters zu reinigen - den Ruf als Kindsverführer, der bei einem Unfall das Leben ihrer Eltern gekostet hatte, und sie in ihrer Schwangerschaft in den Wahnsinn getrieben hatte - sodaß sie sich überreden hatte lassen ihr Kind zur Adoption freizugeben.

Lys versucht Hanna zu finden, damit diese ihr helfen möge und langsam entrollt sich, daß Hanna ein russisches Konzentrationslager als einzige der Familie überlebt hat. Als Reparationsleistung hätte sie sofort nach Rußland zurück übergeben werden müssen. Einige Zeit lang war sie als billige Arbeitskraft in einer Fuchsfarm untergebracht, wo sie da sie bei den Füchsen schlief/schlafen mußte. Das jetzt aber auch wohin sie nach ihrer Zeit bei Lys Familie entschwunden war, bleibt aber verborgen.

Ein eigener Erzählungsstrang wird einem Stein auf einer Insel gewidmet, der eigentümliche rote Zeichnungen aufweist, die Lys Vater faszinieren. Phantasietiere und ein Phallus snd wichtige Elemente der Zeichnungen. Es sind aber keine archaischen alten Zeichnungen, sondern Rache der Mädchen die den Zieh- resp. Vater beim außerehelichen Vergnügen beobachtet hatten.
Teile der Zeichungen werden dann zum Puzzlestein zu Hanna, denn die Tiere weisen auf russischen Ursprung genauso wie ihre vier Puppen, die die Namen ihrer vier Schwestern haben, die im Konzentrationslager umgekommen waren.

Befriedigendes Ende gibt es für mich nicht. Es bleiben Fragen : Fragen über die Zeit damals und Fragen wie sich die Geschichte der Darsteller weiter entwickeln würde.
Mir ging der Roman unter die Haut. Ich kann ihn gerne weiterempfehlen an Leser die sich gerne in andere Landschaften entführen lassen, denn vor meinem Auge lief fast ein Film ab.