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Mittwoch, 7. November 2018

Paula Hawkins : "The Girl in the train"

Paula Hawkins :
"The Girl in the train" - "Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich"
Roman
original "The Girl in the train"
2015, Doubleday London
Deutsch von Christoph Göhler
2015, Blanvalet München
438 Seiten
ISBN 978-3-7645-0522-6

Rachel, die durch Alkohol ihre Ehe und den Job verloren hat, behält ihre Zugfahrroutine und beobachtet wiederholt voll Freunde ein attraktives Ehepaar vor seinem Haus - aus dem Zug heraus. Als die Frau dieses Ehepaares Megan vermißt wird, und später ihre Leiche gefunden wird, kommt Rachel der Polizei in die Quere da einige Häuser weiter ihr Exmann Tom mit seiner neuen Frau Anna und Kind lebt und sie diese im Suff wiederholt belästet hat. Rachel versucht mit dem Ehemann des opfers Scott als auch mit deren Psychotherapeuten Kamal näher zu kommen, was sie bei der Polizei noch verdächtiger macht. Als Rachel erkennt, was sie im Suff vergessen hat und was hier wirklich läuft, kommt es zum spannenden Show Down.

Das Buch ist aus drei Blickwinkeln aus beschrieben - von Rachel, Megan und Anna. Keiner der drei Männer hat hier eine eigene Stimme. Alle schreiben aus ihrer Sicht zeitlich chronologisch, aber die Kapitel starten zu unterschiedlichen Zeitpunkten : Rachel beim Beobachten der Häuser, Megan schon ein Jahr zuvor und Anna wird erst später dazu eingestreut.

Ziemlich lange zieht sich das Buch, vor allem wenn man Rachels Alkoholsucht folgt. Dann beginnt sich die Geschichte zu drehen, und die Charaktäre der Männer wird deutlicher. Spannend ist es dem einem Mann beim Verfall zuzusehen, dem anderen der sein innere Ruhe versucht zu leben und der dritte der ein genialer Lügner ist der versucht seine Lügen aufrecht zu halten.
Eigenartig ist der rothaarige Mann den Rachel immer wieder trifft, der dann wieder in die Unwichtigkeit versinkt.

Die Personen werden alle als attraktiv geschildert, mit Ausnahme daß man Rachel die Alkoholsucht ansieht. Auch die Männer sind gutaussehend und auf unterschiedliche Art charmant.

Der Ort der Handlung ist ein Vorort an der Eisenbahn. Rachel erzählt hier von der Einsamkeit im Zug, von den Menschen im Zug, von der Verachtung die sie spürt wenn sie früh morgens im Zug zu trinken anfängt. Die Orte der Handlung sind entweder Vorstadthäuser die alle den gleichen Aufbau haben, oder das Zimmerchen, das ihr eine Bekannte als Zuflucht nach der Scheidung zur Verfügung stellt.

Der Thriller ist in angenehm großen Buchstaben gedruckt.

In Summe ein gut geschriebenes Buch das in den Bann zieht. Viel Spaß beim Lesen !

Paula Hawkins wurde am 26. August 1972 in Salisbury / Britisch-Rhodesien geboren. Sie arbeitete lange als Journalistin, bis sie 2009 mit ihrem ersten Buch mit "Confessions of a Reluctant Recessionista" veröffentlicht wurde.

Freitag, 17. August 2018

Melinda Mullet : "Whisky mit Mord"

Melinda Mullet :
"Whisky mit Mord"
Kriminalroman
original "Single Malt Murder"
2017, Alibi
aus dem Englischen von Ulrike Seeberger
2018, Aufbau Verlag
375 Seiten
ISBN : 978-3-7466-3391-6

Abigail Logan erbt von ihrem Onkel eine kleine feine Distillerie in Schottland, die sich endlich zu rentieren beginnt. Sie erhält mehrere böse Briefe, um sie von der Übernahme abzuhalten und einem der Angebote zuzuschieben. Allerdings sind die Menschen vor Ort teilweise mehr daran interessiert, daß sie die Destillerie in den Highlands erhält. Knistern mit Grant, der "Nase" in der Distellerie ist, sorgt für weiteres Unbehagen. Ein Mord findet statt, die Polizei sucht nach dem Mörder, sie sucht gemeinsam mit ihrem Terrier Liam nach Antworten und stolpert über die ziemlich gefährliche Lösung.

Die Geschichte ist in Ich-Form mit den Gedanken und Gefühlen von Abi(gail) erzählt. Flüssig und unterhaltsam sind die Menschen denen sie begegnet geschildert. Ihr Uraltfreund Patrick als ihr Alter Ego sowie der treue Hund stehen ihr zur Seite.
Der charmante Duff, seine eher bissige Mutter Shioban, die liebenswürdige Fergie, die tarkräftige Ärztin Kerstin, sowie in der Distellerie Grant, Cam, Hunter etc und einige Kaufinteressenten von japanischen Millionär in Kilt, dem italienischen sinnesfreundige Menschen und einem zwielichten Mann, der vor unverholenen Drohnungen nicht zurückschreckt, wird ein breites Spektrum an Charakteren zu Lesen angeboten.

Es wird hier einiges über Whiskyherstellung, sowie die Geschichte einiger Distillerien erzählt. Betonung haben hier die Highland Whiskys; den getorften Whiskys wird hier keine Sympathie geschenkt (leider).

Die Geschichte wird schwungvoll erzählt und Mitraten wer hinter der Intrige gegen Abi steht und wer der Mörder ist, ist gut möglich.
Viel Spaß beim Lesen (auch ohne feinem Whisky in der Nase).

Melinda Mullet ist in Dallas auf die Welt gekommen, und war Anwältin bevor sie aufs Krimischreiben umstieg. Jetzt lebt sie in Washington. Auf Englisch sind bereits drei Krimimalromane ,die sich alle mit Whisky beschäftigen, erschienen.

Donnerstag, 23. November 2017

Wendy Guerra : "Alle gehen fort"

Wendy Guerra :
"Alle gehen fort"
Roman
original "Todos se van"
2006 Indent Literary Agency
Aus dem Spanischen von Peter Tremp
2017, Unionsverlag Taschenbuch
197 Seiten + 3 Seiten Worterklärungen (Namen, Schlagworte)
ISBN 978-3-293-2077-5

Nieve schreibt in Tagebüchern über ihr Leben, zuerst als Kind, dann als Jugendliche. Sie lernt früh, daß wichtige Menschen gehen, entweder ins Gefängnis oder weil sie Kuba verlassen (müssen). Ihre Mutter, eine kreative Frau die Puppen bastelt und im Radio Kindersendungen macht, glaubt zwar dem kubanischen Kommunismus, versteht aber die Reglementierungen und die Unmenschlichkeit der Diktatur sowie die Brutalität gegen Kunst nicht. Nieves Vater wird als Alkoholiker mit Wandertheater geschildert, der zwar seine Tochter beherrschen, sie aber nicht versorgen will. (Die Abschnitte über Gewalt und Hunger sind heftig). Fausto, der liebevolle freundliche schwedische Freund der Mutter, wird des Landes verwiesen. Nieve verliert alle Kontakte bei jedem Schulwechsel. Sie lernt sich oft zu verabschieden.
Als Jugendliche ist sie in kreativen Kreisen. Sie lernt Osvaldo, einen berühmten Künstler kennen und lieben. Als er nach Paris eingeladen wird, heißt es lange warten, bis klar wird, daß sie nicht nachreisen kann. Filmemacher Antonio bringt sie darauf das echte Leben zu betrachten, nicht nur durch die Seiten der Tagebücher, die sie schreibt.

Die Geschichte wird aus der Ich-Sicht in Tagebuchform erzählt, in die manchmal Gedichte einfließen. Der einzige Teil der nicht aus Nieves Sicht beschrieben ist, ist ein langer Brief von Antonio.

Ich bin eingetaucht in die Welt und die Beschreibungen des Mädchens und später der jungen Frau. Diese Welt bestand am Anfang aus Liebe der Mutter und ihres Freundes, sowie der Brutalität ihres Vaters. Früh lernt sie Angst und Mund halten kennen, weshalb sie sich nur den Tagebüchern anvertraut (was - wie sie weiß - politischer Wahnsinn ist).
Die Stellen in denen kreativ gearbeitet wird und Menschen einfach Kunst und Musik leben wollen sind stark; ebenso die in denen verbotene Literatur, weil zensuriert, versteckt werden muß.

Es gibt einige deftige erotische Absätze.

Politischer Hintergrund ist die Zeit der Repressionen und Hungerszeit der 70-er auf Kuba, in der viele Menschen gehen wollen. Ich habe einiges nachgelesen in der Geschichte Kubas : über die Zeit als die Menschen in der peruanischen Botschaft Zuflucht suchten, als Ausreisewillige wüst beschimpft wurden und die künstlerisch 'graue' Ära auf der Insel.

Die Namen der Worterklärungen führen zu einigen Künstlern die mir neu waren.

Im Summe ein dichter Roman bei dem sich Menschen und Rundherum gut vorstellen lassen - sowohl das Lebensgefühl, auch auch die Diktatur der Lebensverweigerung. Viel Freude beim Lesen !

Wendy Guerra wurde am 11. Dezember 1970 in Havanna (Kuba) geboren. Mit 17 veröffentlichte sie ihren ersten Lyrikband, dann ging sie auf die Kunsthochschule. Später arbeitete sie als Radio- und Fernsehsprecherin und Schauspielerin und besuchte die Filmhochschule um Regie zu lernen. Nach dem außenpolitischen Erfolg ihrer Gedichte, wurde sie in Kuba negiert, was sie dazubrachte in spanischen Zeitungen zu schreiben. Mittlerweile sind drei Gedichtbände und fünf Romane von ihr erschienen. Sie lebt weiterhin auf Kuba.

Montag, 17. Juli 2017

Hernán Rivera Letelier : "Der Traumkicker"

Hernán Rivera Letelier :
"Der Traumkicker"
Roman
original "El fantasista"
2006, Chilena de Ediciones, Santiago de Chile
Aus dem Spanischen von Svenja Becker
2013, Insel Verlag
200 Seiten
ISBN 978-3-458-35932-6

Ich hatte von dem Autor das entzückende Buch "Die Filmerzählerin" gelesen, das mich wegen seines Zaubers mitten in Kargheit fasziniert hat.
Bei dem "Kicker" ist kein Zauber zu spüren sondern das knochentrockene Leben der Menschen um den Salpeterabbau vermischt mit viel Essen, viel Trinken, viel Sex und noch mehr über Sex reden und noch mehr Gespräche über Fußball.

In der Rivalität zur Nachbargemeinde wird um Frauen und Fußball rivalisiert, wobei die Karten ungleich verteilt sind, da die Nachbargemeinde mehr Geld für gute Fußballer zur Verfügung hat. Als sich ein Mann der mit einen Fußball Tricks spielt in den Ort verirrt, hoffe alle auf einen legendären Sieg - vor allem da der Siedlung der komplette Abriß wegen Baustellenschließung bevorsteht. Parallel zu den Vorbereitungen auf das letzte Spiel gibt es zwei Liebesgeschichten, viele erotische Ausflüge, und das Begleiten der verschiedenen Charaktere in der Siedlung. Am Ende steht ein spannendes Fußballmatch und die Destruktion der Siedlung.

Die Story zieht sich manchmal etwas, aber die Menschen in dem Roman / in der Siedlung sind ein ziemliches Panoptikum.
Expedito González : der Mann der stehend mit einem Fußball fasziniert - und seine rothaarige grünäugige Freundin die aus dem Unterhaltungsgewerbe stammt.
Cachimoco Farfán : mit Mikrophon, originellen Fußballmatch-Beschreibungen und dem Tick diese mit medizinischem Fachjargon zu ergänzen; Tuny Robledo - der endlich seine Angst vor dem Elfmeter schießen vergißt; Siedlungscasanova Choche Marivilla; bis zu sieben Menschen die unter einem Dach leben und die sieben Todsünden verkörpern
Leider ist kein Verständnis für den Tormann in dem Buch zu lesen - es geht nur um Angriff und Prügeleien.

Ort der Handlung ist eine Siedlung mit Laden, Kino, Gasthaus, vier Elektrikern und einem rachegeifernden Priester in der trockenen Atacamawüste bei den Salpetersiedlungen. Es wird beschrieben wie trocken die Gegend ist, wie sich eine Windhose gemütlich ausbreitet und ein seltener Wolkenbruch.
Zeit dürfte einige nach dem Putsch von Augusto Pinochet 1973 sein, der aber nur kurz gestreift wird. Als fußballgeschichtlicher Hintergrund wird auch ein Flugzeugabsturz in den Anden erzählt, der am 3. April 1961 gewesen sein dürfte und der Fußballclub 'Green Cross' wird bewundernd genannt.

Die Geschichte aus einer Wir- bzw. Ich-Sicht geschrieben, wobei nie ganz klar ist wer der Ich /die wir sind außer Einwohner der Siedlung.

Die Geschichte ist etwas deftig ge- und beschrieben als Sex, Trinken, Essen, und medizinische Einläufe oft und genau geschildert werden. Liebhaber, Seitensprünge, Hodengrößen und Huren werden moralfrei erzählt. Das Buch ist nichts für Feinde von Fußball. Allen anderen viel Zeit und Spaß beim Lesen !

Hernán Rivera Letelier wurde am 11. Juli 1950 in Talca (Anm : Mitte von Chile südlich von Santiago de Chile) geboren. Er lebte als Kind und Jugendlicher im Norden Chiles bei den Salpeterbaustellen, auch nach dem Tod seiner Eltern. Einige Zeit reiste er durch die Nachbarländer bis er bei den Salpeterminen zu arbeiten begann, und nebenbei die Matura nachmachte. 1987 veröffentlichte er die ersten Gedichte, 1990 die ersten Kurzgeschichten und mit "La reina Isabel cantaba rancheras" erschien 1994 der erste Roman. Jetzt lebt er mit seiner Familie in Antofagasta.

Samstag, 6. August 2016

Werner Bergengruen : "Der Tod von Reval"

Werner Bergengruen :
"Der Tod von Reval"
1939 geschrieben
1949 Peter Schifferli, Verlags-AG "Die Arche", Zürich
1979, Deutscher Taschenbuchverlag, München
dtv-Großdruck 2524
168 Seiten
ISBN 3-423-02524-7

Reval ist der deutschsprachige Name für Tallinn, die estnische Landeshauptstadt. In skurrilen Geschichten wird hier ein dichtes Porträt von eigenwilligen Charakteren, die diese Stadt im Mittelalter und bis in die Neuzeit geprägt haben können gezeichnet.

  'Die Stadt der Toten' ist quasi das Vorwort und lädt ein sich zu jeder Menge Alkohol Geschichten erzählen zu lassen.
  'Bericht vom Lebens- und Todeslauf eines merkwürdigen Mannes' ist die längste Geschichte und handelt vom Herzog von Croy der ein leutseliger unverläßlicher Mann in der Zeit des 30-jährigen Krieges gewesen sein. Er war vielen Herrschern treu oder untreu gewesen und strandete in Reval, wo er ohne Gedanken an Schulden sein Leben genoß, und es ihm leutseligerweisen niemand verbot. Als er starb versuchte man zuerst die Leiche gegen Schuldendeckung zu verhandeln, als die mangels Interesse nicht möglich war mutierte der durch alkohol quasi balsamierte Mann nach seinem Tod zum Geldbringer bis nach weiteren 200 Jahren ein Machtwort gesprochen wurde und er endlich unter der Erde verschwand.
  'Der Seeteufel' war die Kapitänin, Frau eines Kapitäns, die Alkohol an Bord verbot, aber die leider an Bord starb, und in einem Faß mit Alkohol wieder heim gebracht wurde. Der Zustand der Mannschaft brach Bände.
  'Jakubsons Zuflucht' war das Totenbett der gottfrömmigen Witwe Heydenacker, was leider der armen vorgeworfen wurde.
  'Die wunderliche Herberge' war wunderlich, da sie von Doktor Brag eingerichtet worden war, falls jemand lebendig begraben worden war und nun neben dem Friedhof eine Herberge suchte. Seine Haushälterin, die Sebberische, hatte dafür nach seinem Tod zu sorgen. Sie sorgte bei Nachfrage aber auch für junge Paare, leider auch für einen entflohenen Sträfling. Der Polizist erzählte nichts, da er keine Schwierigkeiten wollte.
  'Kaddri in der Wake' erzählt die eigenartige Liebesgeschichte zwischen dem Fischer Tönno und seiner trinkfreudigen Frau Kaddri, die er eines Tages nicht mehr findet. Die Aale fanden die arme Frau, worauf Tönno sich der Liebe besinnt und ihr ein großes Begräbnis ausrichtet.
  'Schneider und sein Obelisk' ist eine glüclich-unglückliges Liebesgeschichte. Schneider liebt seine erste Frau Ebba die zu rasch stirbt, er macht es sich auf dem Friedhof ihr zu ehren gemütlich und lernt Alwine kennen. die beiden heiraten. er stirbt, sie heiratet den Prokuristen "mit schwärzlichem Favoris", sie stirbt, er stirbt - alle 4 haben ein Relief am Grab der Ebba.
  'Der Kopf' gehört dem in der Heimat nicht anerkannten Dichters Magnus Rutz. In Italien leben möchte er seinen Leib in Italien, seinen Kopf aber in Reval bei der "literärischen" Gesellschaft bestattet wissen. Es geht schief, da die Kisten mit Honig und Topf verwechselt werden.
  'Die gelbe Totenvorreitersche' ist eine Frau die es sich zu Ehre gemacht hat jeden Totenzug anzuführen - in gelbem Wams. Sie denkt damit, daß in Ferne jemand ihrem Mann diese Ehre hatte angedeien lassen. Bei ihrem Totenzug gehen auch eine paar Gespenster (lange schon tot Seiende) mit.
  'Abschied' ist der Dank sich diese Geschichten erzählen zu lassen.

Die Geschichten sind ziemlich skurril aber unterhalten gut. Die Personen sind dicht und gut vorstellbar beschrieben. Manches bleibt schräg - die Totenkulte, die Aktionen der Besoffenen und die Reaktionen darauf. Manches ist sehr hinterfragt (Liebe, langanhaltende Trauer, Totenriten etc.), dafür manches überhaupt nicht (junge Paare in Herberge, wer zahlt Schulden, wieso ist der Ruf der Toten befleckt wenn ein Betrunkener nicht merkt daß er neben einer Toten schläft etc.)

Das Buch ist in Großdruck gedruckt, was mir erlaubte die Lesebrille nicht suchen zu müssen.

Wer in dichtes Beschreiben alter Zeit von Mittelalter und Grafen bis zur Neuzeit und hart arbeitenden Fischern eintauchen möchte, ist bei diesen Erzählungen gut aufgehoben. Viel Freude damit !

Werner Max Oskar Paul Bergengruen wurde am 16. September 1892 in Riga geboren, war nach dem Ersten Weltkrieg Journalist und begann ab 1923 zu veröffentlichen. 1936 trat er zum Katholizismus über, 1937 wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und lebte danach zurückgezogen in Bayern und Tirol, später in der Schweiz. Er schrieb Romane, Novellen, Erzählungs-bände und Lyrik. Asl bekanntes Buch gilt "Der Großtyrann und das Gericht" dem er die Probleme mit der Kammer verdankte. Er starb am 4. September 1964 in Baden-Baden.

PS: Seine Literatur waren in der kommunistischen Zeit unbekannt und werden jetzt auf estnisch und lettisch übersetzt um die Zeit und Kultur der Deutschbalten der jetzigen Bevölkerung zum Lesen anzubieten.

Samstag, 9. Juli 2016

Carsten Sebastian Henn : "Der letzte Whisky"

Carsten Sebastian Henn :
"Der letzte Whisky" - ein kulinarischer Krimi
2016, Piper Verlag GmbH
324 Seiten Roman, 10 Seiten Rezepte, 11 Seiten Whisky-Glossar, sowie 2 Seiten Karte von Islay mit Destillerien
ISBN 978-3-492-30815-1

Prof Adalbert Bietigheim wird ein unwiderstehliches Angebot gemacht : er klärt einen Mord auf - im Tausch gegen ein Whiskeyfaß seiner Entscheidung. Er reist mit Terrier Benno von Saber an, quartiert sich in einer Pension mit sauertöpfischer Wirtin, die genial kocht ein und geht auf die Suche. Auf Anraten gibt er sich als unehelicher Sohn eines Vermißten aus, um endlich durch Gespräche etwas zu erfahren. Leider gibt es noch zwei weitere Morde, neben einigem an Radfahren und Whiskeytrinken bis der Professor einen uralten Mord und die aktuellen klärt.

Bietigheim zerreißt es diesmal zwischen seinen Passionen Essen, Trinken, Morde aufklären und seiner Liebe zur beeindruckenden, wortgewaltigen Hildegard von Trömmsen. Sein Freund und Rocker Pit hat ebenfalls die Liebe auf die Insel verschlagen; und Hund Benno entflammt für Terrierdame Maria.

Hintergrund dieses kulinarischen Romans ist Whiskey - schottischer Whiskey : seine Geschichte, verschiedene Hersteller, noch mehr Geschmacksbeschreibungen. Sehr unterhaltsam wird es als Bietigheim mit Minze kocht, und dabei seinen Widerwillen gegen dieses von ihm ungeliebte und ungeschätzte Gewürz präzise vermeldet.

Orte sind die Insel Islay, die oft mit dem Rad erobert werden und wo auch passenderweise ein Wolkenbruch darüber geht, sowie Edinburgh, wo Pit recherchiert.
Die Menschen werden knorrig und mißtrauisch beschrieben, aus Stolz wird einiges nicht gesagt, was zu sehr langen Mißverständnissen führt.

Der Roman ist sehr unterhaltend, und läßt sich auch ohne feinen Whisky in der anderen Hand genießen. Slante !


Sonntag, 15. April 2012

Lilja Sigurdardóttir : "Zwölf Schritte"

Lilja Sigurdardóttir :
"Zwölf Schritte"
2009 Bjartur, Reykjavík
original "spor"
aus dem isländischen übersetzt von Ursula Giger und Angela Schamberger
2011, Rowohlt Taschenbuch Verlag
Deutsche Erstausgabe
247 Seiten
ISBN 978-3-499-25658-5

Dieser Debütroman ist ein spannender Thriller, bei dem sich ein Serienmörder unter anonymen Alkoholikern herumtreibt.

Idunn bekommt ihren ersten großen Fall bei der Polizei und fragt Magni, ihren Exmann um Hilfe.
Magni ist Übersetzer von Romanen, und war nach dem Tod ihres gemeinsamen einwöchigen Kindes in die Alkoholsucht abgeglitten. Er ist gerade aus dem Krankenhaus nach gelungenem Entzug entlassen worden und muß sich im Leben ohne Alkohol behaupten.
Es sind einige Leichen gefunden worden, deren gemeinsamer Nenner Treffen bei den Anonymen Alkoholikern sind. Da diese treffen anonym sind, soll Magni, der diese Treffen besuchen muß, sich dort umhören. Ihm ist das Spion sein unangenehm, und nur die Hoffnung daß doch wieder eine Beziehung mit Idunn möglich sein könnte, veranlaßt ihn mitzumachen.

Bei den Treffen der Anonymen Alkoholikern gibt es als spirituelle Unterstützung die 12 Schritte, bei denen es darum geht zur eigenen Schwäche zu stehen, Fehler gutzumachen zu versuchen aber auch spirituelle/christliche Hilfe anzuerkennen und anzunehmen. Die Treffen sind unterschiedlich religiös oder einfach nur als tägliche Zusammentreffen geschildert.

Die bisherigen Morde werden durch Magnis Hilfe unterschiedlichen Stufen dieses 12-schritte-programms zugeordnet. Leider passieren noch einige Übergriffe und Morde die aus dem näheren Umfeld von Magni sind, bis Idunn und Megan, eine norwegisch-amerikanische Profilerin, und die Polizei Magni aus der Gewalt des Serienkillers (er wollte Gott helfen) befreien.

Der Roman ist in Ich-Form geschrieben und schildert wie Magni mit den Polizeiphotos, den Anonymen Alkoholikern - Treffen und auch seiner Freizeit umgeht, um möglichst nicht wieder dem Alkohol zu verfallen. Die anderen Personen bewegen sich wie Planeten um ihn herum - auch die Auflösung des Falles wird ihm erzählt.
Die Schilderungen des täglichen Kampfes gegen den Wunsch nach Alkohol und welche Strategien Magni entwickelt - z.B. kochen und essen - sind faszinierend.

Die Menschen sind schön geschildert - Idunn, Megan auch sein Bruder Egill, die attraktive Frida, der sympathische vertrauenerweckende Geir, der handfest Atli oder der Polizist Njördur. Islands Weite ist bei einem Ausflug geschildert, als die beiden im Schnee stecken bleiben und dann im Konvoi mit anderen Autos hinter einem Schneepflug herfahren dürfen.

Der Krimi ist empfehlenswert und spannend geschrieben - ich hatte einen anderen 'Mörder' in Verdacht gehabt, muß aber gestehen, daß ich dieses Buch nur bei Tag gelesen habe.

Montag, 30. Januar 2012

Óscar Urra : "Poker mit Pandora"

Óscar Urra :
"Poker mit Pandora"
2008 bei Salto de Página, Madrid
"A timba abierta"
aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Deutsche Erstausgabe
2011, Unionsverlag Zürich
185 Seiten
1 Seite über Autor und Übersetzer
4 Seiten des Autors über sich selbst
ISBN 978-3-293-00428-3

Der Privatdetektiv und leidenschaftliche Spieler Julio Cabria möchte sich eigentlich umbringen, wird aber von seiner eigenen Laschheit und einem lukrativen Auftrag davon abgehalten. Er soll eine Frau namens Pandora finden, deren Suche bereits einigen Männern das Leben gekostet hat. Mehr oder minder freiwillig macht er sich gemeinsam mit dem Polizisten Meléndez, der seine Chance sieht nicht in die Pension abgeschoben zu werden, auf die Suche. Bei der Lösung des Krimis wird klar, daß Pandora keine leibhaftige, lebendige Frau, sondern ein Ergebnis der Computerwelt ist.

Es sind fast nur Männer die Darsteller in diesem Buch: der Detektiv + Spieler + Gin Tonic Fan Gabria, Polizist Meléndez der Gabrias Ex-Frau heiraten möchte, der Kellner und César der alles hört aber wenig spricht, der hinkende und wunderbare Zuhörer Vitorio und damit leicht in die falschen Hände gerät, der Polizeichef Subirats, der Mafiachef El Botines und seine schlagkräftigen Jungs ...
Die 2 Frauen sind Gabrias Ex-Frau, die den Polizisten heiraten möchte und eine junge Frau, die die Energie hat Gabria aus seiner Lethargie zu reißen.

Ort des Romans ist Madrid und hier einige Hauptstraßen, die auch mir etwas sagen und einige Plätze und kleinere Straßen, die offenbar eher der Spieler-Szene zugeschrieben werden.

Das Buch ist spannend geschrieben, ist aber kein Krimi im who-dunn-it-Genre. Die Lösung bietet ein eigenbrötlerischer junger Mann, der sich mit Internet, Bloggs, Kommunikation via Internet und Viren (eigentlich Trojanern) excellent auskennt, aber die echten Menschen keinen Umgang mehr pflegen kann.
Genau wird auf die verschiedenen (Karten-)Spiele die Gabria spielt eingegangen, bei denen ich erst ein Lexikon oder im Internet eine Suchfunktion starten mußte. Auch die Schuß- und Prügel-szenen sind detalliert geschildert, mir aber zu brutal.

Die Stimmung des Buches ist eher pessimistisch oder hoffnungslos - erinnert mich an Krimis aus Spanien, die aus den 80-ern stammen. Das Buch kann ich jedem empfehlen, der einen bösen schwarzen Krimi mit Prügeln, Schußwechseln und leider auch 'Guten', die sterben, verträgt.