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Sonntag, 4. Oktober 2020

Longlist 2020 / Shortlist Debüt 2020

Longlist 2020 / Shortlist Debüt 2020
2020, Österreichischer Buchpreis
1 Seite Vorwort + 2 Seiten Inhaltsverzeichnis + 106 Seiten Gedichte/Textausschnitte/ je 1 Seite mit Cover des Buches + 2 Seiten Jury

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links (Verlag Jung und Jung)
  - Romanausschnitt : Um ein Mädchen, das von seinen älteren Geschwistern geärgert wird, und sich in Phantasiewelten flüchtet
Xaver Bayer: Geschichte mit Marianne (Verlag Jung und Jung)
  - Romanausschnitt : in dem Marianne ein Luxusmenü kocht, während in der Stadt Krawalle statt finden und Menschen getötet werden, was Marianne und die ich-person amüsiert.
Melitta Breznik: Mutter (Luchterhand Literaturverlag)
 - Romanausschnitt : indem die Ich-person aus der Ferne kommt, um die Mutter im Altersheim zu besuchen und hofft die gewohnte Mutter mit Zuneigung wieder zu entdecken
Ludwig Fels: Mondbeben (Verlag Jung und Jung)
 - Romanausschnitt : Helen und die Ich-Person verreisen, oder sind sie auf der Flucht ?
Monika Helfer: Die Bagage (Carl Hanser Verlag)
  - Romanausschnitt : Margareta war das ungeliebte Kind eines schönen Paares am Ende des Tales. Der Vater war gutaussehend, etwas macho-haft und liebte sie nicht; im Gegensatz zur Mutter die bewundert wurde, und sie liebte. Bei der Geschichte möchte ich wissen wie sie weiter- und ausgeht.
Karin Peschka: Putzt euch, tanzt, lacht (Otto Müller Verlag)
  - Romanausschnitt : Die Ich-person will nicht mehr zur Therapie und sich weiterhin brav um Ehemann, Tochter, schwiegersohn und Enkel kümmern sondern um sich ... und haut ab.
Verena Stauffer: Ousia (kookbooks)
 - Gedichte :  die sich mir nicht erschließen
Michael Stavaric: Fremdes Licht (Luchterhand Literaturverlag)
  - Romanausschnitt : Elaine wird bereits als Kind von ihrem Großvater für das Leben und die Weltsicht der Enuit begeistert.
Cornelia Travnicek: Feenstaub (Picus Verlag)
  - Romanausschnitt : in Absätzen wird Stimmung beschrieben, Kinder werden menschengroß und schrumpfen bei Nutzung des Feenstaubs. Der Stil erschloß sich mir nicht.
Ilija Trojanow: Doppelte Spur (S. Fischer)
  - Romanausschnitt : Boris und die ich-Figur lesen Dokumente auf Laptops, wobei sie untergetaucht sind. Sie trafen über verschlüsselte e-mails aufeinander. Wie geht die Geschichte aus ?

Die Titel der Shortlist Debüt:
Leander Fischer: Die Forelle (Wallstein Verlag)
- Romanausschnitt : ein Musiklehrer bastelt Köder aus Fell und Haaren fürs fliegenfischen zu haben.
Gunther Neumann: Über allem und nichts (Residenz Verlag)
 - Romanausschnitt : eine Pilotin kehrt nach Jahren nach Srilanka zurück. wie geht die Geschichte weiter ?
Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen (Kiepenheuer & Witsch)
 - Romanausschnitt : eine junge Frau kauft einen Mops aus Protest, kifft dann mit einem alten Freund, und liest Marx und Stalin. Teile des ausschnitts erzählen einen Dialog. Ich konnte mit dem Stil nichts anfangen.

Mich hat der Ausschnitt von Monika Helfer und des Debütanten Gunther Neumann am meisten angesprochen. 
Keines der Bücher hat es leider auf die Shortlist geschafft

Helena Adler: * 1983 in Oberndorf bei Salzburg
Xaver Bayer: * 1977 in Wien
Melitta Breznik: * 1961 in Kapfenberg
Ludwig Fels: * 1946 in Treuchtlingen, lebt in Wien
Monika Helfer: * 1947 in Au/Bregenzerwald
Karin Peschka: * 1967 in Eferding
Verena Stauffer: * 1978 in Oberöstereich
Michael Stavaric: * 1972 in Brno (damals :Tschechoslowakei)
Cornelia Travnicek: * 1987 in Niederösterreich
Ilija Trojanow: * 1965 in Sofia
Leander Fischer: * 1992 in Vöcklabruck
Gunther Neumann: * in Linz
Mercedes Spannagel: * 1995

Samstag, 23. Juni 2018

Anfänge - Neue österreichische Literatur

Anfänge - Neue österreichische Literatur
Herausgegeben von Heinz Sychrovsky
Welttag des Buches - 23. April 2018
Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Jeweils die ersten zehn Seiten der Texte sind hier abgedruckt.

+Nava Ebrahimi - Sechzehn Wörter : eine junge Frau aus Deutschland fliegt nach Persien, weil ihre Großmutter gestorben ist und denkt über ihre Familie nach. Und welche Wörter es in deutsch gibt, aber nicht in Farsi  - und umgekehrt. Um welche titelgebenden 16 Wörter es hier geht, wird aus dem Ausschnitt nicht klar. Der Stil ist dicht und zieht in die Welt der Fragen und Wörter und hier starken Frauen hinein.
+ Christoph Linher - Ungemach : Ein Mann hat seine Rechtsanwaltslizenz verloren, und folgt daher dem Ruf einer Tante ihn am Pflegebett in der Einöde zu besuchen. am besten gefiel mir die Formulierung in der Wolken  mit  'geschichteterem Schiefer' verglichen wurden.
+ Irene Diwiak - Liebwies : ein Musiklehrer ohne Freude an irgendwas kehrt aus dem ersten Weltkrieg zurück, säuft einige Zeit bis er beschließt aufs Land zu fahren und durch mehrere Zufälle als Dorflehrer beginnt.
+ Theodora Bauer - Chikago : Katica ist als Mädchen von einem Ort schwanger von einem jungen Soldaten. Das Kind wird von der Großmutter aufgezogen. Die Absätze springen in der Zeit hin und her. Es kommen kurze Sätze in einer anderen Sprache vor, die leider nicht übersetzt werden. Sprachlich hat mich der Ausschnitt nicht angesprochen.
+ Marie Luise Lehner - Fliegenpilze aus Kork : kurze Absätze machen Schlaglichter eines Kindes und seine Erinnerungen an die getrennt lebenden Eltern. Der Vater ist attraktiv und lieb zu ihr. Das Kind erinnert sich an ein Meerschweinchen, an Radfahren, an Ausflug auf den Schneeberg, an eine Demonstration bei der es auf den Schultern des Vaters sitzt. Die Absätze, kurzen Abschnitte oder auch das eine Gedicht machen starke Stimmung.
+ Laura Freudenthaler - Die Königin schweigt : Fanny hat eine alte Aufpasserin, was sie besonders macht. Ihr Bruder darf den Eltern auf dem Feld helfen. - die beschrieben Atmosphäre ist dicht, aber ich konnte nicht erkennen wohin der Raum führt.
+ Elias Hirschl - Hundert schwarze Nähmaschinen :  Ein Zivi wird eine WG mit ziemlich schrägen bis älteren Menschen zugeteilt. Die Beschreibungen sind heftig.  Spannend ist wie er Geruch der Kleidung und einer Wohnung mit der Sprache aus der Parfumbranche beschreibt.
+ Mario Hladicz - Gedichte zwischen Uhr und Bett : Gedichte
+ Sophie Reyer - Schildkrötentage : eine Frau bekommt mit 40 die erste tiefe Falte und denkt an ihren Kindheitswunsch eine Schildkröte zu haben und diese durch Plastikechsen zu substituieren.
+ Cordula Simon - Der Neubauer : Eine obdachlose Ich-Person beschreibt wie sie einen jungen reichen Schnösel in einer Bar kennenlernt und sich bei ihm  - weil es Winter ist - für einige Tage einquartiert. Die Frauen und der farblose reiche Mann schneiden nicht gut ab.
+ Mascha Dabic - Reibungsverluste : Nora hat zu ihrem 30-er beschlossen ein Vierteljahr keine Bücher zu lesen. Für sie ist das fast eine Revolution, da sie sich schon als Kind die die Welt der Bücher geflüchtet hat. Sie beschreibt auch ihre Zeit als sie in Russland lebte und sich eine Freundin um ihre Hände gekümmert hatte. Witzig fand ich die Formulierung, daß sich Bücher auf einem Sofa räkeln. Die Sprache und Situationen sind dicht und gut vorstellbar und schön lesbar.
+ Jakob Pretterhofer - Tagwache : hier ist Herr Hüttner Ausbildner im österreichischen Bundesheer, und denkt immer noch an den Selbstmord eines Rekruten nach.
+ Raphaela Edelbauer - Entdecker. Eine Poetik / mit Zeichnungen von Simon Goritschnig : Gebrauchsanweisung und Bestiarium, die sich mit Text-Bestien und Sprachanweisungen beschäftigen. Es werden hochgestochene Vokabel eingesetzt.   Dazwischen sind kleine faszinierende Zeichnungen aus verschiedenen Elementen zusammengesetzter Objekte aus der Natur.

Theodora Bauer : * 1990 in Wien
Mascha Dabic : * 1981 in Sarajevo
Irene Diwiak : * 1991 in Graz
Nava Ebrahimi :  * 1978 in Teheran
Raphaela Edelbauer : * 1990 in Wien
Laura Freudenthaler : * 1984 in Salzburg
Elias Hirschl : * 1994 in Wien
Mario Hladicz : * 1984 in Graz
Marie Luise Lehner : * 1995
Christoph Linher : * 1983 in Bludenz
Jakob Pretterhofer : * 1985 in Graz
Sophie Reyer : * 1984 in Wien
Cordula Simon : * 1986 in Graz

Donnerstag, 23. November 2017

Wendy Guerra : "Alle gehen fort"

Wendy Guerra :
"Alle gehen fort"
Roman
original "Todos se van"
2006 Indent Literary Agency
Aus dem Spanischen von Peter Tremp
2017, Unionsverlag Taschenbuch
197 Seiten + 3 Seiten Worterklärungen (Namen, Schlagworte)
ISBN 978-3-293-2077-5

Nieve schreibt in Tagebüchern über ihr Leben, zuerst als Kind, dann als Jugendliche. Sie lernt früh, daß wichtige Menschen gehen, entweder ins Gefängnis oder weil sie Kuba verlassen (müssen). Ihre Mutter, eine kreative Frau die Puppen bastelt und im Radio Kindersendungen macht, glaubt zwar dem kubanischen Kommunismus, versteht aber die Reglementierungen und die Unmenschlichkeit der Diktatur sowie die Brutalität gegen Kunst nicht. Nieves Vater wird als Alkoholiker mit Wandertheater geschildert, der zwar seine Tochter beherrschen, sie aber nicht versorgen will. (Die Abschnitte über Gewalt und Hunger sind heftig). Fausto, der liebevolle freundliche schwedische Freund der Mutter, wird des Landes verwiesen. Nieve verliert alle Kontakte bei jedem Schulwechsel. Sie lernt sich oft zu verabschieden.
Als Jugendliche ist sie in kreativen Kreisen. Sie lernt Osvaldo, einen berühmten Künstler kennen und lieben. Als er nach Paris eingeladen wird, heißt es lange warten, bis klar wird, daß sie nicht nachreisen kann. Filmemacher Antonio bringt sie darauf das echte Leben zu betrachten, nicht nur durch die Seiten der Tagebücher, die sie schreibt.

Die Geschichte wird aus der Ich-Sicht in Tagebuchform erzählt, in die manchmal Gedichte einfließen. Der einzige Teil der nicht aus Nieves Sicht beschrieben ist, ist ein langer Brief von Antonio.

Ich bin eingetaucht in die Welt und die Beschreibungen des Mädchens und später der jungen Frau. Diese Welt bestand am Anfang aus Liebe der Mutter und ihres Freundes, sowie der Brutalität ihres Vaters. Früh lernt sie Angst und Mund halten kennen, weshalb sie sich nur den Tagebüchern anvertraut (was - wie sie weiß - politischer Wahnsinn ist).
Die Stellen in denen kreativ gearbeitet wird und Menschen einfach Kunst und Musik leben wollen sind stark; ebenso die in denen verbotene Literatur, weil zensuriert, versteckt werden muß.

Es gibt einige deftige erotische Absätze.

Politischer Hintergrund ist die Zeit der Repressionen und Hungerszeit der 70-er auf Kuba, in der viele Menschen gehen wollen. Ich habe einiges nachgelesen in der Geschichte Kubas : über die Zeit als die Menschen in der peruanischen Botschaft Zuflucht suchten, als Ausreisewillige wüst beschimpft wurden und die künstlerisch 'graue' Ära auf der Insel.

Die Namen der Worterklärungen führen zu einigen Künstlern die mir neu waren.

Im Summe ein dichter Roman bei dem sich Menschen und Rundherum gut vorstellen lassen - sowohl das Lebensgefühl, auch auch die Diktatur der Lebensverweigerung. Viel Freude beim Lesen !

Wendy Guerra wurde am 11. Dezember 1970 in Havanna (Kuba) geboren. Mit 17 veröffentlichte sie ihren ersten Lyrikband, dann ging sie auf die Kunsthochschule. Später arbeitete sie als Radio- und Fernsehsprecherin und Schauspielerin und besuchte die Filmhochschule um Regie zu lernen. Nach dem außenpolitischen Erfolg ihrer Gedichte, wurde sie in Kuba negiert, was sie dazubrachte in spanischen Zeitungen zu schreiben. Mittlerweile sind drei Gedichtbände und fünf Romane von ihr erschienen. Sie lebt weiterhin auf Kuba.

Samstag, 7. Oktober 2017

Longlist 2017

Longlist 2017
2017, Österreichischer Buchpreis
1 Seite Vorwort + 2 Seiten Inhaltsverzeichnis + 92 Seiten Gedichte/Textausschnitte/ je 1 Seite mit Photo und Vita des/r Autoren/in + 2 Seiten Jury

Oswald Egger: Val Di Non (Suhrkamp)
 - Sprachspielereien und Gedichte; dazwischen schöne kleine Zeichnungen
Brigitta Falkner: Strategien der Wirtsfindung (Matthes & Seitz Berlin)
 - Sprachspiele um Insekten und 2 schöne große Zeichnungen in weiß-schwarz
Olga Flor: Klartraum (Jung und Jung)
 - Romanausschnitt mit zerfetzt-anspruchsvollen Text über eine Beziehung
Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war (Deuticke)
 - Romanausschnitt mit Kindern im Frühjahr 1945 in Niederösterreich
Doris Knecht: Alles über Beziehungen (Rowohlt Berlin)
 - Romanausschnitt über Victor, Intendant, Ex-Freund und verlobt
Eva Menasse: Tiere für Fortgeschrittene (Kiepenheuer & Witsch)
 - Romanausschnitt über Enten / eine Familie die in Urlaub fährt
Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp Verlag)
 - Romanausschnitt bei dem ein Schwein durch Brüssel galoppiert
Karin Peschka: Autolyse Wien (Otto Müller Verlag)
 - Romanausschnitt durch ein zerstörtes Wien, in dem einzelne Menschen alleine mühsam überleben
Doron Rabinovici: Die Außerirdischen (Suhrkamp)
 - Romanausschnitt mit Vorbereitungen und Ankunft der Außerirdischen
Franz Schuh: Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks (Zsolnay)
 - Gedichte und Absätze  mit einer unterhaltsamen Wortschöpfung  - dem Dummdödel - und einer Abhandlung zwischen Thomas Mann und Bürgerlichkeit

Die Titel der Shortlist Debüt:
Mascha Dabić: Reibungsverluste (Edition Atelier)
- Romanausschnitt : Übersetzerin von Texten Gefolterter und bei Interviews; die Problematik wie man sich bei den Geschichten abgrenzen soll, aber auch wie übersetzt man zwischen wortgenau und sinngemäß richtig.
Irene Diwiak: Liebwies (Deuticke)
 - Romanausschnitt in dem ein versehrter Musiklehrer nach dem ersten Weltkrieg wieder Fuß fassen will.
Nava Ebrahimi: Sechzehn Wörter (btb Verlag)
 - Romanausschnitt über eine Frau die zwar in Deutschland lebt aber gerade ihre Großmutter in Persien besucht.

Mich hat der Ausschnitt von Karin Peschka am meisten angesprochen. Ich bin neugierig welche Bücher es auf die Shortlist schaffen werden.

Oswald Egger: * 1963 in Lana (Südtirol)
Brigitta Falkner: * 1959 in Wien
Olga Flor: * 1968 in Wien
Paulus Hochgatterer: * 1961 in Amstetten (NÖ)
Doris Knecht: * 1966 in Rankweil (Vorarlberg)
Eva Menasse: * 1970 in Wien
Robert Menasse: * 1954 in Wien
Karin Peschka: * 1967 in Eferding (ÖO)
Doron Rabinovici: * 1961 In Tel Aviv
Franz Schuh: * 1947 in Wien
Mascha Dabić: * 1981 in Sarejevo
Irene Diwiak: * 1991 in Graz
Nava Ebrahimi: * 1978 in Teheran

Donnerstag, 15. Juni 2017

Juan Gómez Bárcena : "Der Himmel von Lima"

Juan Gómez Bárcena :
"Der Himmel von Lima"
Roman
original "El Cielo de Lima"
2014, Editorial Salto de Página, S.L. Madrid
Aus dem Spanischen von Steven Uhly
2016, Secession Verlag für Literatur, Zürich
308 Seiten
ISBN 978-3-905951-95-0

Der Roman führt durch vier Kapitel : Komödie - eine Liebesgeschichte - eine Tragödie - Ein Gedicht. José und Carlos sind reiche junge Männer in Lima (Peru) die sich als Dichter sehen, statt sich auf die Nachfolge in den Firmen der Väter vorzubereiten. Um näher an einen bewunderten Dichter in Spanien heranzukommen erfinden sie eine junge Frau, in deren Namen sie dem Dichter bewundernde Briefe zu schreiben mit dem Ziel ein Gedicht dafür zu erhalten. Die Briefe gehen 1904 / 05 noch per schiff, die Damen sind entweder elegant zurückhaltend oder in Bordellen beschrieben. Die jungen Möchte-gern-Dichter holen sich Ratschläge bei Magister Cristóbal, der auf dem Hauptplatz von Lima als Schreiber für Analphabeten und für Verliebte agiert. Der Dichter im fernen Spanien schreibt immer zärtlicher und verliebter, José und Carlos zerstreiten sich, der Dichter plant ein Schiff zu nehmen und die erfundene junge Frau darf endlich an Schwindsucht sterben.

Der Schreibstil ist langsam und bewußt. Der Autor nimmt sich Zeit das damalige Peru, seine alte Oberschicht, die Neureichen, die Hobbies der Reichen, aber auch Politik die Arbeitern etwas menschenwürdiges Leben zugestehen möchte, und Bordelle bei denen dieser Ehrgeiz nicht vorhanden ist zu beschreiben.

Im Mittelpunkt stehen für mich José und Carlos. Beide sind reich, aber Carlos' Vater hat sich vom Kautschukarbeiter hinaufgearbeitet. Er versucht seinen Sohn zum Mann zu machen und fast peinlich in die bessere alt-reiche Gesellschaft zu bringen. Während Jose kein Problem hat die Bordelle zu besuchen, ist es eines für Carlos. Da Carlos eine schönere Handschrift nachmachen kann und somit die erfundene 'Georgina Hübner'-Briefe schreibt, nennt ihn José halb scherzhaft halb ärgernd 'Carlota' was v.a. in der jungen Männer Runde zum Problem escaliert. José ist der verwegenere der beiden, sammelt aber die Briefe des angeschwärmten Dichters; Carlos erfindet als Bub einen imaginären Freund, weshalb er auch eher das Gespür hat wie sich die erfundene Frau verhalten könnte.
Faszinierend finde ich die Gestalt des Magister Cristóbal, der nach einem Krieg als Schreiber am Hauptplatz zurückkehrt. Die Kapitel in denen er den beiden jungen Männern über den Reiz und Nicht-Reiz der Frauen die Chemie zwischen Mann und Frau zu erklären sucht sind sehr unterhaltsam.

Eigenartig sind die Stellen in denen Carlos zu einer Hure geht. Die anderen Mädchen/Frauen in dem Haus haben Namen, nur die die er besucht ist/bleibt namenlos.

Der Schriftsteller vergleicht Liebesgeschichten aus der Literatur wobei "María" von Jorge Isaacs aus Kolumbien neu für mich war.

Für diesen Roman sollte man sich Zeit nehmen, denn er ist nicht einfach von links oben nach recht unten zu lesen; ich habe ihn aber genossen. Viel Freude beim Lesen !
   
Juan Gómez Bárcena wurde am 5. Dezember 1984 in Santander (Spanien) geboren. Er studierte Literaturtheorie und Vergleichende Literatur sowie Geschichte in Madrid und auch Philosophie. Er arbeitet als spanischer Autor, Literaturkritiker  und Dozent für 'Kreatives Schreiben'. Derzeit lebt er in Barcelona.

Sonntag, 12. Februar 2017

Anna Achmatowa : "Gedichte"

Anna Achmatowa :
"Gedichte"
ausgewählt und übertragen von Hans Baumann
1967, Langewiesche-Brandt Verlag, Ebenhausen bei München
87 Seiten + 5 Seiten biographisches Nachwort + 1 Seite Bibliographische Anmerkungen + 4 Seiten Anmerkungen zum Text + 3 Seiten Inhaltsverzeichnis
keine ISBN

Da Anna Achmatowa zu einer der großen Lyrikerinnen zählt und die Repressalien unter Stalins Herrschaft überstanden hat, habe ich zu diesem Lyrik-band gegriffen.

In drei Kapiteln (I. 'Im dunklen Kreis'; II. 'Netze am Ufer'; III. 'Gekreuzte Regenbogen'; Requiem [1935 - 1940]) sind Gedichte zusammengefaßt, die zwischen 1911 und 1963 entstanden sind.

Mich haben die Gedichte im zweiten Kapitel am meisten angesprochen da in ihnen Liebe, Sehnsucht, Zärtlichkeit, Hoffnung, Behutsamkeit zu spüren ist. Im ersten Kapitel ist das Elend des Krieges und Verzweiflung in der blockierten Stadt Leningrad spürbar. Die Gedichte im dritten Kapitel kann ich nicht zusammenfassen, mir gefällt auf Seite 62 der acht-Zeiler über die Muse aber am besten.
Die Gedichte im Kapitel 'Requiem' sind schwarz, das Unglück der Menschen um sie ist spürbar.

Es kommen die großen Namen der russischen Dichtkunst wie Puschkin, Pasternak vor.
Auch sonstige russische Örtlichkeiten wie die Malka (Fluß), die jemanden der sich in Rußland nicht auskennt, beim Lesen zum Straucheln bringt.

Obwohl ich kein Lyrik-Fan bin (und  mich mit Gedichten ehrlicherweise eher schwer tue) haben mich diese Zeilen und Reime sehr angesprochen. Sie sind zwar nicht einfach zu lesen und damit nicht unterhaltend, aber sie 'entschleunigen' und bringen zum Nachfühlen und Nachgrübeln. Viel Freude beim Mitgehen !

Anna Achmatowa (Anna Andrejewna Gorenko) wurde am 23.Juni 1889, Odessa (Ukraine) geboren. Sie ging in ein exklusives Lyzeum, und kannte von Kindesbeinen an Künstler. Sie veröffentlichte Gedichte als Jugendliche und bereits vor der Revolution, hatte dann Veröffentlichungsevrbot zwischen 1922 bis 1940, ihr erster Mann wurde erschossen, der Sohn inhaftiert, der zweite Mann wurde ebenfalls inhaftiert. Sie erlebte Teile der Blockade um Leningrad mit, wurde erst nach Stalins Tod teilweise rehabilitiert und durfte in den 60-er ins Ausland zu Entgegennahme von Ehrungen. Sie starb am 5. März 1966, Moskau (Rußland).

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Rund um dieses Buch kam es zu Diskussionen, da Hans Baumann, geboren 1914, als ex-Hitlerjugendführer und Verfasser des Liedes "Es zittern die morschen Knochen" als Übersetzer von Achmatowa kam. Ingeborg Bachmann drückte ihr Entsetzten aus, kündigte beim Piper-Verlag, wechselte zu Suhrkamp. Im Piper Verlag sollten eigentlich die Achmatowa-Gedichte erscheinen - die fallen gelassenen Gedichte wurden dann in Raten vom Kristof Wachinger, dem Chef des Münchner Kleinverlags Langewiesche-Brandt, dem großen Kollegen Piper die 3900 bereits gedruckten "Gekreuzten Regenbogen" abgekauft. Mit neuem Verlagsimpressum und neuem Titel ("Gedichte") wurde diese Achmatowa-Gedichte dann auf den Markt gebracht - Piper produzierte die ausgewählten Gedichte mit neutralem Einband und schenkten sie dem Übersetzer.
[das Buch ist übrigens in einer öffentlichen Stadtbibliothek zum Leihen]

Donnerstag, 25. Dezember 2014

"Das kleine Eulenbuch"

"Das kleine Eulenbuch"
- Eine Hommage in Geschichten, Gedichten und Bildern
zusammengestellt von Daniel Kampa
Umschlagillustration und Frontispiz von Tomi Ungerer
Zeichnung auf der Mottoseite von Paul Flora
2014, Diogenes Verlag AG Zürich
250 Seiten inkl. Vor- und Nachwort
8 Seiten Text- und 4 Seiten Bildnachweise
ISBN 978-3-257-79734-3

Nach einem entzückenden Vorwort von Charles de Coster aus dem Jahr 1867 damals für den Ulenspiegel geschrieben wurden in dem Büchlein Gedichte sowie kurze und lange Erzählungen von Baudelaire über Jandl und Eugen Orth bis Gebrüder Grimm, Emily Dickinson, Lessing, Highsmith und Dörrie und vielen anderen mehr zusammengefaßt.

Es gibt liebevolle, humorvolle, tragische und traurig stimmende Wortmeldungen zum Thema Eule (oder auch Uhu). Gut gefällt mir die Idee die Eule als die "gefiederte Schwester der Katze" zu bezeichnen - aber ich bin ein Katzen- & Eulenfan.

Es sind nicht alle Geschichten positiv stimmend, da bei einigen der dumme Aberglauben bzw. die Dummheit der Menschen zuschlägt und die arme Eule deshalb umkommt.

Dazwischen gibt es gemalte und gezeichnete Eulen seit Hieronymus Bosch bis Paul Flora, Pablo Picasso, Alfred Kubin etc ... Selbst die Mottoseite ist voller Eulen.

Im Nachwort finden Jakob Arjouni mit seiner Anekdote eine Eule mit Salami aufgepäppelt zu haben und auch Tanja Blixen Ausdruck ihrer Eulenfaszination.

Der Verlag zeigt auf den Seiten 245 und 255 Eulen seit seinem Bestehen.

In Summe ein wunderbares Buch mit kleinen netten Geschichten und kurzweiliger Lyrik. Für Eulenfans fast ein "must-have".