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Mittwoch, 18. Januar 2017

Max Oban : "Tod in Salzburg"

Max Oban :
"Tod in Salzburg"
Kriminalroman
2014, Verlag Federfrei, Marchtrenk (Oberösterreich)
234 Seiten + 2 Seiten gezeichneter Salzburg Plan "wie Paul Peck ihn fühlt" + 1 Seite Glossar Österreichisch-Deutsch
ISBN 978-3-902784-16-2

Der bücherlesende, sinnenfreudige Ex-Manager Paul Peck ist seit einem Jahr Detektiv in Salzburg. Als die Tochter und Geschäftsführerin verschwindet wird er vom Vater beauftragt sie zu finden. Er stochert in der Firma, in der Ehe, der Familie und im Liebesleben nach und befördert einiges an Ungereimtheiten zu Tage. Es gibt weitere Leichen und wüste Schlägereien bis er der richtigen Fährte eines ungeklärten Mordes auf die Spur kommt.

Die Personen sind gut und detailreich geschildert. Paul Peck selber als ex-Manager, der nicht mehr in Zeiten mit Orientierung nach Umsatzzahlen paßt, und in der Einfachheit halber immer schwarz gekleidet, aber mit roten Socken unterwegs ist. Als Entspannung kauft und liest er Bücher (Literatur) und hört klassische Musik. Er ist geschieden und hat ein Kind in der Steiermark.
Seit 15 Jahre ist die Buchhändlerin Sophia seine Freundin. Sie schaut auf Ernährung und hat ebenfalls aus einer älteren Beziehung ein Kind.
Von Seiten der Polizei gibt es einen zuerst vorsichtigen, dann eher zusammenarbeitenden Polizisten namens Funke.
Die Beteiligten der Firma sind unterschiedlich : der charismatische Seniorchef, seine energische Tochter mit Grundwerten die sie das Leben kosten, der gescheite, aber schlüpfrige Schwiegersohn, der erpressbare technische Leiter, die eisige-verblühte Assistentin des Schwiegersohns, die warmherzige Assistentin der Tochter, sind als Menschen gut vorstellbar.

Ort der Handlung ist Salzburg und der Raum um Salzburg. Die Spaziergänge von Paul Peck und die Busfahrten in der Stadt sind nachvollziehbar. Ein Ausflug nach Freilassing und einer nach Wien sind ebenfalls beschrieben - mit richtiger Geographie.

Die Geschichte ist gut lesbar und schön erzählt  (bis auf die letzte Rauferei die mir zu detailreich war). Überlegungen, wer der oder die Täter waren, ist möglich.

Max Oban wurde 1947 in Oberösterreich geboren, arbeitete nach seinem Studium in Wien und Karlsruhe im Management eines internationalen Konzerns mit Sitz in Deutschland. Max Oban arbeitet heute als Dozent in Salzburg und Rosenheim, wo er Internationales Management und Marketing lehrt. Er lebt seit zwanzig Jahren in Salzburg.

Samstag, 27. August 2016

Kirk Delaney : "Life Changing Money"

Kirk Delaney
"Life Changing Money: A Harry Beckett Private Eye Novel"
Dateigröße: 646 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 201 Seiten
Sprache: Englisch
ASIN: B00T0NIU14

In diesem Roman werden einige Themen und Handlungsstränge angerissen, manche weitergespielt, während andere Nebenlinien sind.
Harry Becket, der von seinem Vater aufgezogen wurde, kommt als Landei an die amerikanische Küste nach San Francisco, wird von einem Schlitzohr aufgenommen dem er quasi als Detektiv hilft, er kämpft als Marine in Korea und lernt dort seinen guten verläßlichen Freund Charnett Washington (genannt Wash) kennen. Nach dem Krieg versucht sich Becket als Boxer, mit Wash als Coach. Zu dieser Zeit geht ein Geheimnis umwittertes U-boot in San Francisco unter - die Leviatan, die mit futuristischen Tesla-Logik angetrieben wurde. Die beiden Detektive versuchen dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, was Wash das Leben kostet. Jahre später hat sich Harry komplett in die Recherche verzettelt, er kommt einigen grausamen Morden auf die Spur, und hat Glück daß ihm nicht mehr als öfter zusammengeprügelt zu werden passiert. Im Showdown gegen den Bösewicht sind dann zuerst drei Frauen, dann die Wangs und auch die guten Cops an seiner Seite. Ende gut, Agentur läuft ab nun gut.

Als Nebengeschichten werden geschildert:
Harry Beckets Leben bei seinem Vater inkl. einer wilden Geschichte, bei denen er einem Sheriff hilft in den Rocky Mountains Gefängnisausbrecher zu erledigen.
Charlie Wangs Leben in Asien bei den Mönchen, deren Werten, deren Art zu überleben und wie er es zu einem Schiffimperium brachte; faszinierend ist wie er manches in Amerika anpaßt und bei welchen Punkten er sich lieber nicht anpassen möchte.
Die Ideen von Nikola Tesla, der vorauseilend geniale Ideen im Bereich der Elektrotechnik gehabt haben dürfte, aber kein Geschäftsmann gewesen sein dürfte und sich mit Edison überwarf. Das Leben in einem U-boot und welche Befehlsketten beachtet werden müssen und wie die Rettungsaktionen ablaufen sollten.
Tibbidoe-s Imperium mit Bordellen, Kaschemmen und korrupten Polizisten.

Die Geschichte ist ein Gemisch aus der Coolness von Mike Hammer, alten Matrosenfilmen mit vielen Raufszenen, ein wenig Bogarth und Raymond Chandler als B-movie; auch eine schöne Frau namens Jasmine gibt es, die singt und Becket in ziemlich verrückte Lokale bringt, sowie die treue ex-Mitarbeiterin Dandy die ihn wiederholt zusammenklaubt.
Der Roman wird soweit es Harry Becket betrifft in Ich-form erzählt, weshalb der Leser/die Leserin an den Schlägen die er einsteckt und Bewegungen im Showdown einiges mitbekommt.

Die Sprache ist tw. sehr umgangssprachlich (z.b. 'kraut' für Polizisten) und ich mußte einiges nachrecherchieren. Manche Vokabel sind gar nicht recherchierbar, sondern kann sich der Leser/die Leserin nur zusammenreimen.

Ich habe länger an dem Buch gelesen, weil diese Art Englisch für mich ungewohnt war, und weil die Handlungsstränge manchmal nicht einfach zusammengehängt sind, oder eben nicht.

Über Kirk Delany habe ich nur herausgefunden, daß er oder sie in Wellesly Hills, Massachuttes (USA) leben könnte.

Montag, 9. Mai 2016

Radek Knapp : "Reise nach Kalino"

Radek Knapp :
"Reise nach Kalino"
Roman
2012, Piper Verlag München GmbH
251 Seiten
ISBN: 978-3-492-30222-7

Julius Werkazy ist mit seinem Technik verliebten Partner Bruno als mäßig erfolgreicher Detektiv tätig. Ein Auftrag ruft ihn in die mysteriöse Stadt Kalino, in der ihn der Chef Osmos persönlich den Auftrag gibt einen Mord (hier Verschwinden, weil die Kalanianer den Tod nicht kennen) des genialen Wissenschaftlers Buschart aufzuklären. Das Leben in Kalino ist jung, attraktiv aber sehr kontrolliert. Es gibt keine Fenster, aber alle persönlichen Daten sind am Auto außen abgedruckt. Werkazy besucht den Chef Wissenschaftler Kliszt, den Chauffeur von Buschart und Witwe Buschart sowie den Gründerfreund von Osmos Dornort mit seiner Assistentin Wiweka. Werkazy durchschaut immer mehr was alles unstimmig ist, bis er mit Hilfe in der Stadt einiges ändern kann und rechtzeitig entkommt.

Der Roman ist gut geschrieben, wobei die Gedanken und Aktionen von Werkazy begleitet werden. Er, der gerne Alkohol trinkt, wird bei der Grenze seines Otards beraubt und mit dem Denkmantel der Gesundheit auf Abstinenz gesetzt. Er muß eine Schlucht hinunterkraxeln, klaut ein superschnelles futuristisches Auto, und trixst die Bewacher aus.
Kalino ist blitzsauber und steril, die Aussicht von der Villa Osmos auf die Stadt grandios, die Türen sind schwer und lautlos, aber eine alte Stadt zerfällt, genauso wie einiges in den Menschen.

In einem Absatz wurde kurz Mord diskutiert; ob nicht das den Geist einschränken genauso Mord wäre. Freies Denken wird in Kalino bereinigt - alles Schädliche wird dem Körper entzogen.

Der Krimi ist gut lesbar, die Geschichte entwickelt sich gut verfolgbar, und die Personen gut vorstellbar. Viel spaß bei Lesen !
 
Radek Knapp, wurde am 3. Oktober 1964 in Warschau geboren. 1976 kam er mit seiner Mutter nach Wien, wo er nach der HAK Philosophie an der Universität Wien studierte. Jetzt lebt er als freier Schriftsteller in Wien und in der Nähe von Warschau.
1994 kam sein Durchbruch als Schriftsteller mit dem aspekte-Preis ausgezeichnete Band »Franio«. außerdem erschienen von ihm : Roman »Herrn Kukas Empfehlungen«, Erzählungssammlung »Papiertiger«, eine »Gebrauchsanweisung für Polen«.

Dienstag, 2. Februar 2016

Bernhard Schlink : "Selbs Mord"

Bernhard Schlink :
"Selbs Mord"
2001, Diogenes Verlag Zürich
258 Seiten
ISBN 3-257-06280-X

Selb hilft im Schneetreiben einem anderen Autofahrer und bekommt dafür einen Detektivauftrag in von einer kleinen renommierten Bank: ein stiller Gesellschafter muß aufgetrieben werden. Dieser Mann mußte mit seiner Familie durch den Nationalsozialismus nach London verschwinden, was nicht allen geglückt ist. Ein altes Faktotum der Bank der sich im Archiv auskennt kommt auf eine Spur die ihm das Leben kostet. Selb trifft sich mit dem Bankenbesitzer und dessen Chauffeur/Mädchen für alles. Nachdem er alte Fäden in Straßbourg aufgenommen hat, kommt er der Geschichte des stillen Gesellschafters nahe. Einige Männer in dunklen Anzügen schalten sich mit Erpressung und Schießereien ein, ehe die Fäden zusammenfinden.

Gerhard Selb wird als Mann an der Grenze zum Pensionsalter beschrieben, der immer noch der Arbeit eines Detektivs nachgeht, und 2000 noch kein Handy hat. Eigentlich ist er in Brigitte verliebt und ihren Sohn für den er ein quasi-Vater ist. Er recherchiert in seinem gewohnten Stil indem er mit Menschen spricht und sie besucht. Bankenfaktotum Schuler ist ein ziemlich schräger Charakter der emsig Unterlagen zusammensucht und Selb über einiges informieren kann, und einen Koffer mit Geld bei dem Detektiv deponiert; letztendlich hat er das letzte Puzzlestück in seinen Unterlagen.
Bankenbesitzer Weller wird als freundlich, hilfesuchend beschrieben; wofür diese Fassade herhält wird erst später klar. Sein Chauffeur Samarin hat eine undurchsichtige Rolle.

Hintergrund der Geschichte sind die kleinen Privatbanken und ihre Probleme in der Zwischenkriegszeit, in der DDR und parallel in Deutschland; hier konkret angesiedelt in Mannheim. Kleine Ausflüge nach Berlin und Cottbus helfen entdecken, daß mit einer kleinen Bank der Ex-DDR nicht das kleine Geld der kleinen Genossen, sondern ganz anderen Menschen gewaschen wird. Die Darstellung der dort arbeitenden, methodischen, engagierten Bankfrau ist fein, und geht zu Herzen.

Selb selber geht es durch seine Herzprobleme die ganze Zeit nicht wirklich gut. Sowohl er als auch Welker überlegen wie sie würdig in den Ruhestand abtreten können. Selb wird zusätzlich von einem Mann genervt, der behauptet sein Sohn zu sein; seine verstorbene Gattin hätte hier wohl helfen können.

Die Geschichte ist klar geschrieben. Die Personen gut vorstellbar. Das Banken-Unwesen ist durchaus schlüssig erklärt. Ein gut geschriebener Kriminalroman, der auch etwas Pepp durch Männer mit Pistolen erhält. Gutes Lesen !

Bernhard Schlink wurde am 6. Juli 1944 bei Bielefeld geboren. Er ist Jurist und Schriftsteller. Als Jurist war er Professor für Öffentliches Recht. 1987 schrieben er und ein Freund gemeinsam den ersten Kriminalroman " Selbs Justiz", mit dem 69-jährigen Detektiv und Ex-Anwalt als Hauptfigur. Weitere Kriminalromane erschienen, sowie der berühmt gewordene Roman "Der Vorleser" 1995. Er lebt in New York und Berlin.

Donnerstag, 21. Januar 2016

Santiago Gamboa : "Verlieren ist eine Frage der Methode"

Santiago Gamboa :
"Verlieren ist eine Frage der Methode"
original "Perder es cuestión de método"
1979, Grijalbo Mondadori, Barcelona
aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold
2000, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
Roman
315 Seiten
ISBN 3 8031 3149 9

Victor Silanpa ist Privatdektektiv, Journalist und gut mit Polizeichef Aristófanes Moya befreundet. Dieser setzt ihn auf eine grauslich mißhandelte Leiche außerhalb Bogotas an, da er sich lieber den wichtigen Problem des Abnehmens widmet. Silanpa findet heraus daß einige wichtige Menschen an einem Grundstück in Bestlage interessiert sind, die einen um ihren Nudistenclub weiterhin dort zu halten, die anderen weil ihnen Reichtum durch Golfanlage etc. vorschwebt. Ein Rechtsanwalt, ein Senator, ein Bauunternehmer und ein Mafioso sind in die Machenschaften verwickelt. Am Ende sind einige tot, und einige Schuldige trotzdem frei.

Silanpa wird von Estupinán unterstützt, der in dem mißhandelten Toten seinen Bruder Ósler zu erkennen meint. Die Tour der beiden durch Bogota und Randbezirke, durch Clubs, Bordelle, Landschaft, Wohnungen und Büros nimmt den Großteil des Romans ein.
Unterbrochen wird der Aktionsfluß von einer Erzählungsabschnitten in der der dicke Polizeichef eine selbstmitleidige Rede trainiert, die ihm helfen soll einer spirituellen Gruppe mit dem Ziel abzunehmen, beizutreten.

Die Gruppe die um das Grundstück giert sind: der ehemalige Eigentümer und Nudist Pereira Antúnez, der mit grober Gewalt zur Übergabe gezwungen und dann getötet worden war. Zuerst hatte der Mafioso Heliodoro Tiflis und seine Schlägertypen die Hände im Spiel, Senator Marco Tullio Esquilache war auf der Seite von Tiflis aktiv, dann wollten sie den Bauunternehmer Doktor Ángel Vargas Vicuna drohend überzeugen ihnen das Grundstück zu überlassen, der die Leiche mißhandeln ließ um seine Macht zu zeigen. Anwalt Emilio Barragán hat eigentlich damit nichts zu tun, aber solche Schulden daß er alles für Geld macht; in seiner Verzweiflung erschießt er Esquilache, was ihm die Polizei beweisen kann und auch die anderen Machenschaften werden ihm erfolgreich in die Schuhe geschoben.

Die Geschichte ist so verwirrend geschrieben, wie sie für Silanpa ist. Allerdings versucht er für sich und Leser seiner Zeitung immer wieder Klarheit zu finden. Es gibt einige Stellen in denen Brutalität, Gewalt, oder einfach nur kaputt machen geschildert wird; es ist allerdings schlüßig.

Die Abschnitte in denen Moya schildert wie er zu dem dicken Kerl wurde, sind faszinierend. Wie der Mann beschönigt, daß er gutes und viel essen mußte, ist hochinteressant aus kulinarischer Hinsicht und auch in psychologischen Begründungen. Es werden einige sehr appetitliche Gerichte aus Kolumbien geschildert (die Eintöpfe und Süßspeisen dürften exzellent sein).

Liebe bzw. Sex gibt es zuhauf in dem Buch. Eigentlich ist Silanpa seit einigen Jahren mit Mónica zusammen, die er aber vernachläßigt und betrügt. Als sie Schluß macht bricht zuerst die Welt zusammen, dann rettet er sich zur jugendlichen Hure Chica. Sowohl Moya als auch Estupinán haben herrlich kochende Ehefrauen. Tiflis benutzt seine Couch mit Susan (einer erwachsenen bildschönen kalten Frau), und Barragán betrügt seine Frau mit seiner blutjungen Bürogehilfin Nancy im Büro, im Motel, im Auto etc.

Zwei skurrile Ideen gibt es um Silanpa: das eine ist eine Schneiderpuppe, mit der er spricht und die er als Orakel benutzt in dem er 'Gescheite Sprüche' zieht oder neue hineinstopft. Das andere ist er Freund Fernando Guzmán, der ein genialer Journalist mit Spürsinn gewesen war, bis er an Aufputschmittel zusammengebrochen ist und seitdem im Krankenhaus lebt.

In Summe ein sehr interessantes Buch, das zwar nicht ganz einfach zu lesen ist, bei dem sowohl die Personenbeschreibungen als auch die Geschichte sehr spannend sind. Viel Freude beim Lesen !

Santiago Gamboa wurde 1965 in Bogota geboren. Er studierte spanische Philologie in Bogota und Madrid. Gamboa arbeitet als Korrespondent für ein Tageszeitungen und lebt in Rom. 1995 erschien sein erster Roman "Páginas de vuelta".

Dienstag, 3. November 2015

Theresa Prammer : "Wiener Totenlieder"

Theresa Prammer :
"Wiener Totenlieder" - Kriminalroman
2015, Marion von Schröder Verlage / Ullstein Buchverlage Berlin
368 Seiten + 2 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-547-71209-4

Die Hauptfigur, Carlotta / Lotta Fiori, führt in der Ich-Form durch den Großteil des Buches. Sie ist gescheiterte Sängerin in das sie von ihrer berühmten Sänger-mutter geschoben wurde, ist bei der Aufnahmeprüfung zur Polizei durchgefallen und arbeitet als Kaufhausdetektivin; ihr Liebesleben ist auch eher ein Scherbenhaufen. Nachdem in der Oper ein Unfall und ein Mord geschehen waren, werden sie und ein ehemaliger Polizist als Statisten in das Musikhaus eingeschleust um die Interna zu erfahren. Hier sind einige interessante bis eigenartige Persönlichkeiten versammelt. Parallel kommt Lotte ihr ungeordnetes Liebesleben in die Quere und sie rauft sich mit dem ehemaligen Polizisten Konrad Fürst, der das Verschwinden seiner Tochter nie überwunden hat, zusammen. Der Showdown findet erwartungsgemäß in der Oper statt.

Das Buch wurde mit dem Wiener Leo-Perutz Preis 2015 ausgezeichnet. Da ich den Schreibstil von Leo Perutz (1885 - 1957) als sehr dicht und schön empfand, hatte ich mir ähnliche Wirkung bei diesem Buch vorgestellt und wurde ziemlich enttäuscht.
Der Krimi ist rasch und gut lesbar.
Leider fängt mich die geschilderte Opernatmosphäre nicht ein, da mir Wiener Staatsoper als Stehplatzlerin etwas vertraut ist und ich erst durch den Lebenslauf der Autorin entdeckt habe, daß sie vermutlich ihre Inspiration aus der Wiener Volksoper gezogen hat.

Die Personen sind griffig und gut vorstellbar geschildert : die chaotische Lotta (sie haßt es Carlotta genannt zu werden) mit Hang zum Alkohol; der ehemalige Freund und Polizist Johannes; Konrad Fürst als Clown, ex-Polizist, trauernder Vater, der kocht um nicht zu saufen; die Übermutter und Sängerin Maria Fiore mit der sie auch nach dem Tod immer noch verglichen wird; ein Sopranistin die Charisma und schöne Stimme hat; ein Tenor der was mit der Mutter gehabt hat; ein Bühnenbildner der mit ihr verlobt gewesen war; Polizist Krump der einiges an Hilfeleistung gut zu machen hat; die Souffleuse die spindeldürr ist; die charismatische Direktorin die nichts anbrennen läßt (schon gar nicht Ballettdamen); sowie ein aufgewecktes Bühnenkind das Cher und Barbra Streisand liebt.
Immer wieder taucht eine verwirrte Frau auf - sie kennt das Spiel von Lotta, bei dem sie Lieblingsfarbe, ein Essen und Lieblingszahl beim Anblick von Menschen diese kategorisiert. Wie nah Lotta dieser Frau ist wird auch am Schluß aufgelöst.

Kursiv sind Kapitel eingeschoben, in denen ein verzweifeltes Kind mit seinem Alpträumen fertig werden muß. Diese Kapitel sind dicht und stimmig geschrieben, und es ist nachvollziehbar, daß Vertrauen ein rares Gut wird. Dieser Faden wird am Ende des Buches gelöst.

Wer als Unterhaltung und Entspannung einen netten Kriminalroman - inkl. who-dun-it-Raten - lesen möchte ist hier sicher gut aufgehoben; leider hält die Opernatmosphäre nicht den Erwartungen eines Opernnarren stand.

Theresa Prammer wurde 1974 in Wien geboren. Sie ist Schauspielerin - u.a am Wiener Burgtheater und in der Volksoper, bei Film und Fernsehen; und engagiert sich in den Komödienspielen Neulengbach. Ihr erster Roman erschien 2013 : 'Die Rettung der Regenwürmer'. 2015 der erste Krimi mit Privatermittlerin Carlotta Fiore.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

José Luis Correa : "Drei Wochen im November"

José Luis Correa :
"Drei Wochen im November - Ricardo Blanco, Privatdetektiv auf Gran Canaria"
original "Quince dias de noviembre"
2003, Alba Editorial, Barcelona
Aus dem Spanischen von Verena Kilchling
2006, Unionsverlag Zürich
180 Seiten
ISBN 978-3-293-20365-5

Aus der Ich-Perspektive erzählt der Privatdetektiv Ricardo Blanco, wie eine wunderschöne Frau in seine Kanzlei kommt und mit der Aufklärung des Todes ihres Verlobten betraut. Maria Arancha Manrique, Kosename Maracha, ist schön, reich, erfolgreich und als Snob geschildert. Sie schleust den Detektiv in ihre Clique ein. Verliebtheit, näher Kommen, eigenartige Vorfälle, Tod eines gutes Freundes, führen langsam zur Aufklärung, die nicht glücklich stimmt.

Er vergleicht sich mit Bogart und Gary Cooper, mich hat der Detektiv eher an die englische Originalfassung der Mike Hammer-Serie (gespielt von Stacy Keach) erinnert. Er liest Pessoa, und genießt Duke Ellington; seine Verletzungen und Bauch hindern ihn nicht daran, als Liebhaber erfolgreich zu sein (auch wenn diese Szenen etwas nerven).

Das Buch nutzt schöne sprachliche Vergleiche, die Bilder erzeugen, und Freude machen.

Ort ist Las Palmas auf den Kanarischen Inseln; der Hafen, die Restaurants, ein ruhiger Bereich auf dem Land und auf dem Meer.
Die Geschichte spielt im Jahr 1998. Internet gab es damals noch nicht - für jedermann. Handys begannen langsam bekannt zu werden - die Snobs hatten schon welche.

Die Menschen sind vorstellbar geschildert - v.a. hat ist die Faszinination des Mannes durch eine schöne Frau, hier Amanda, zu spüren. Die anderen Mitglieder der Clique sind weniger spürbar. Schöne Figuren sind der Großvater von Blanco mit seiner Lebensnähe und positiven Art, und auch Alvaro der Polizist und Freund von Blanco.

Das Buch ist gut zu lesen und lenkt in der kalten Jahreszeit schön ab. Die leise Ironie des Detektivs ist schön zu lesen. Viel Spaß !

José Luis Correa wurde 1962 in Las Palmas geboren. Auf deutsch ist auch "Tod im April" von ihm erschienen

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Robert Galbraith (Pseud.) : "Der Ruf des Kuckucks"

Robert Galbraith (Pseud.) :
"Der Ruf des Kuckucks"
Original: 'The Cuckoo's Calling'
2013 Sphere, London
Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, und Kristof Kurz
2013, Blanvalet Verlag München, Randomhouse
627 Seiten
ISBN 978-3-7645-0510-3

In dem dicken Kriminalroman wird eine spannende Geschichte um ein dunkelhäutiges Supermodell in London erzählt, dessen Bruder nicht an Selbstmord glaubt. Er beauftragt den Detektiv Cormoran Strike, der ein Schulfreund seines Bruders gewesen war, mit der Suche nach der Wahrheit. Cormoran trifft viele Menschen, teilweise mithilfe des Auftraggebers bis er entdeckt, daß der sogenannte Selbstmord ein sehr geschickter Mord gewesen war. Showdown inklusive.

Mehrere Handlungsstränge sind verwoben.
Das Modell mit dem Künstlernamen 'Lula Landry', das von ihrem Lieblingsdesigner liebevoll "Cuckoo" genannt wird, sucht seine Ursprungsfamilie und entdeckt, daß die biologische Mutter mittlerweile ziemlich heruntergekommen ist, und mit Genuß über die berühmte Tochter mit der Presse spricht. Ihre noch lebende Adoptivfamilie besteht aus einer weichen liebevollen Mutter die krank ist, dem großen Adoptivbruder der sich um Mutter und Schwester kümmert und einem Onkel der immer schon gegen die Adoptivkinder seiner Schwester war.
Cormoran Strike, der uneheliges Kind eines Rockstars mit einem Groupie ist, hat im Afghanistankrieg Teil eines Beines verloren und humpelt jetzt mit Prothese herum. Seine Beziehungsgeschichte mit der Upperclass Charlotte mit ihren großen schönen aber auch destruktiven Elementen geht dem Ende zu.
Robin, eine attraktive intelligente junge Frau, wird von einer Arbeitsvermittlung zu Cormoran als Assistentin geschickt. Ihr Verlobter der als engstirniger Buchhalter geschildert wird, dem der Detektiv nur suspekt ist und dem die Arbeit seiner Verlobten bei diesem Mann wenig paßt.

Netterweise gibt es in diesem Roman nur eine brutale Szene, und die ist der logische Showdown, und nur eine Sexszene, die auch ihre logische Schlüßigkeit hat.

Es machte mir Freude auch die weiteren Figuren rundherum zu lesen. Geschildert werden u.a. : der Portier des Appartmentshauses, der Fahrer der Leihlimousine, die beste Freundin die ebenfalls eine wunderschönes aber sehr helles Modell ist, eine dunkelhäutige ankeübersääte Freundin aus der Entzugsklinik, das Ehepaar in der Nachbarschaft das aus einem Filmmacher und einer drogensüchtigen geldsüchtigen mitleiderregenden Ehefrau besteht, Anwälte mit kalten Augen. Die Orte der Handlung sind gemütliche Pubs bis zu Restaurants der Superklasse.

Angenehm bei dieser Ausgabe ist die Schriftgröße, die es erlaubt auch bei müden Augen lesen zu können, ohne die Brille suchen zu müssen.

Ich habe den Krimi gemütlich in zwei Nächten gelesen und wünsche allen anderen Leserinnen und Lesern ebenfalls viel Spaß dabei.

Robert Galbraith ist ein Pseudonym für eine berühmte britische Schriftstellerin, die  in den letzten Jahren eine Serie von Kinder- und Jugendbüchern veröffentlicht hat.

Montag, 27. Januar 2014

Roberto Ampuero : "Tod in der Atacama"

Roberto Ampuero :
"Tod in der Atacama" - Cayetano Brulé ermittelt
Roman
auf original "El Alemán de Atacama"
1996, Planeta, Santiago de Chile
Aus dem Spanischen von Carsten Regling
2012, Bloomsbury Berlin
338 Seiten
ISBN 978-3-8270-1034-6

Der unterhaltsame Krimi ist gut geschrieben und macht Freude zu lesen.

Detektiv Brulé und sein Helferlein Suzuki bekommen von einer rothaarigen attraktiven deutschen Journalistin den Auftrag dem Tod eines idealistischen Bekannten nachzugehen. Dieser ebenfalls Deutsche war mit zwei Kugeln im Körper in der Atacamawüste aufgefunden worden. Obwohl Brulé die regenfeuchte Karibik vorzieht, fährt er auftragsgemäß in die trockene, heiße und hochgelegene Ebene. Er trifft dort Atacamenos, Touristen, Barbesitzer, und Ingenieure die Schürfrechte haben. Es dauert seine Zeit, aber schlußendlich kommt er einem Umweltskandal auf die Spur, die dem Deutschen, einer Ingenieurin, und einem chilenischen Politiker das Leben gekostet hat.

Ort der Handlung ist die Atacamawüste, über die und deren Bewohner viel erzählt wird. Die Atacamenos hatten eine uralte Kultur (älter als 1500 Jahre), von der nur wenig erhalten blieb, da Räuber erfolgreicher waren als Archäologen. Mittlerweile ist das Land Schauplatz verschiedener Baustellen, weil mehrfach nach Rohstoffen gesucht wird.
Die Kargheit der Landschaft, die Weite bis zu den Kordilleren, die Magie der nächtlichen Beleuchtung des Mondes und der Sterne sind schön beschrieben.

Die Figur des Detektivs Cayetano Brulé ist vielfältig. Seine Familie war aus Frankreich ausgewandert, seine Eltern hatten im vorrevolutionären Kuba gelebt, ihr hatte als junger Mann die Lust an Revolution nach Chile verschlagen. Jetzt ist er ein rundlicher, dem Essen zugeneigter Mann mit dicken Brillengläsern, dicken Schnurrbart, der mit violetter Krawatte mit Guanakos vor dem geistigen Augen des Lesers gut vorstellbar ist.

Die anderen Menschen in dem Roman sind ebenfalls gut vorstellbar: die deutsche Journalistin Cornelia Katz, die ehemalige Freundin des Ermordeten Isabel Ayabire, der Touristenführer und leidenschaftliche Schatzsucher Pompeyo Jara mit seinem klapprigen Pick-up sowie der Unternehmensleiter Bodo Pankow.

Der Krimi ist drei Jahren nach dem Ende von Pinochets Diktatur entstanden. Innen-Politisches kommt nur auf wenn die Atacamenos über ihre Diskriminierung berichten - sie waren lange nur Durchzugsgebiet für Bolivien und Peru gewesen, und die Chilenen kommen nicht gut weg. Witzig liest sich der Vergleich von kommunistischem Regime und rechter Diktatur unter Pinochet - - die Entwicklung der Idealisten bei beiden Gruppen kann nach Auflösung der tyrannischen Strukturen vom Superkapitalisten bis zum Entwicklungshelfer gehen. Aber es bleiben die extremen Bereiche.

Ich habe es genossen das Buch zu lesen und empfehle es gerne weiter !

Roberto Ampuero wurde am 22. Februar 1953 in Valparaíso / Chile geboren. Er war zwischen 1973 bis 1993 im Exil - lange davon an der Universität in Leipzig/DDR. Seit 2012 ist er Botschafter für Chile in Mexiko.
 
Roberto Ampuero hat 1993 mit der Figur dieses Detektivs begonnen: "? Quién mató a Christián Kustermann" (1993), "Boleras en La Habana" (1994), "El alemán de Atacama" (1996; auf deutsch "Tod in der Atacama), "Cita en al Azul Profundo" (2001), "Halcones de la noche" (2005; ) und als derzeit letzter "El caso Neruda" (2008; auf deutsch "Der Fall Neruda" 2011)

Mittwoch, 4. Juli 2012

Annie Hruschka : "Schüsse in der Nacht"

Annie Hruschka :
"Schüsse in der Nacht"
erstmals 1914 erschienen
2007, Verlag Federfrei, Marchtrenk
Edition 'Alte österreichische Krimi-Meister'
216 Seiten
ISBN 978-3-9502370-4-7

Der unterhaltsame, gut geschriebene Rätselkrimi beinhaltet alle netten Inkredienzien eines etwas altmodischen Krimis - mit zeitlosem Mordmotiv.

Die Zwillingen Mara und Jolanthe sind wunderschöne junge Damen mit sehr unterschiedlichem Wesen und Charakter, leben daheim bei Vater, einem wissenschaftlich denken Ritter und ihrer hübschen jungen Stiefmutter, und deren Patenonkel der sich liebevoll um das Anwesen um das Schloß kümmert. Eine der Töchter hat einen Verehrer, was aber heimlich bleibt. Der Ritter wird erschossen aufgefunden. Polizei und Detektiv Silas Hempel machen sich auf die Suche nach Motiv und Mörder.
Während die einen Damen ihres Standes gemäß entweder vor der Wirklichkeit oder schal wirkender Verehrung davonreisen, findet die andere Trost darin den Gedanken des Vaters nahe zu sein. Während sich die Polizei auf einen Verdächtigen konzentriert, geht der Detektiv seinen Recherchen nach und löst am Schluß das Rätsel, indem auch so manche Existenz als sehr unehrenhaft und betrügerisch aufgedeckt wird.

Die Geschichte ist nett lesbar und vergnüglich geschrieben. Nur das sogenannte zarte Gemüt der Damen geht mir etwas auf die Nerven. Da sticht die klar kalkulierende Art einer der Schwestern ziemlich hervor.

Ort ist Kreuzstein bei Wien und es macht Spaß den Weingärten bei Wildgrube, Schreiberweg und Heiligenstadt gedanklich nachzugehen.

Die Personen sind anschaulich geschildert - sei es eine einfache Frau im Schloß, der treue Diener des Herrn, die liebevolle Tante des Verdächtigten, der herrlich kochende Hausdrachen des Detektivs. Mobiliar und Häuser ebenfalls. Der Film lief vor meinem geistigen Auge ab.

Im Summe ein sehr nettes Buch (nett ist österreichisch, nicht deutsch gemeint), das gut unterhält. Ich kann den Krimi und das gemütlich eintauchen in eine andere Zeit gut empfehlen.

Frau Annie Hruschka lebte in Östereich, und hat 15 Kriminalromane geschrieben - die meisten unter dem Pseudonym Erich Ebenstein. Leider habe ich nicht herausfinden können, ob das auch bei diesem Krimi der Fall war, und welcher der Erstverlag war.

Freitag, 29. Juni 2012

Stefan Slupetzky : "Der Fall des Lemming"

Stefan Slupetzky :
"Der Fall des Lemming"
2004, Rowohl Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg
(Die Schreibweise entspricht den Regeln der neuen Rechtschreibung)
247 Seiten
1 Seite Glossar für Nicht-Wiener
ISBN 3-499-23553-6

Nachdem mir einige Bekannte vorgeschwärmt hatten, andere aber abgeraten haben - habe ich den ersten Band von mittlerweile vier 'Lemming'-Büchern gelesen.

Der Krimi ist in Wien, Hauptperson ist Leopold Wallisch. Er war Polizist, wurde durch Mobbing innerhalb der Polizei und v.a. seinen rassistischen Vorgesetzten mit Hang zu extrem derben Kommentaren über seine Mitmenschen, hinausgeekelt und schlägt sich als Detektiv, mit dem Spitznamen "Lemming" - den hat er dem Vorgesetzten zu verdanken - durchs Leben.
Seinen Auftrag einen alten Herrn zu observieren vermasselt er, weil er ihn nur noch als Ermordeten findet. Er ermittelt auf eigene Faust weiter, findet eine alte Brille und einen großen vertrauensvollen Hund.
Der Ermordete war Gymnasiallehrer und für seine beherrschende Art bekannt gewesen. Wallisch befragt einige ehemalige Schüler, und verfolgt weitere Spuren. Leider gibt es weitere Tote, der Mord wird allerdings aufgeklärt.

Parallel zu der in Wien spielenden Geschichte gibt es Kapitel die ein ganz anderes Leben schildern - eines vom Überleben auf einer Insel, Schiffsfahrten und Ankunft in Triest.

Durch die ersten Seiten mußte ich mich mühsam durchkämpfen denn die Aussagen des rassistischen Polizisten waren mehr als nur political non-correct, auch negativ und extrem herabwürdigend.
Als die Geschichte dann zu Laufen begann, war es spannend der Erzählung und den Menschen zu folgen.

Die Menschen werden fast als Panorama geschildert : die Witwe des Lehrers die sich einen Schwips und Operette gönnt, die sympathische Tierärztin, der weiblichere Teil eines Männerpaares, ein Möchte-gern-Künstler mit sogenannter Komposition, ein Polizeiarzt bis zu einem Fahrer einen Liliputbahn im Prater.

Die Umgebungen sind für einen Wiener nachvollziehbar - Villengegend, Prater, kleine altmodische dunkle Wohnungen, Roßauer Kaserne ...

In Summe haben mir die Menschenschilderungen gut gefallen. Das Buch ist Lesern die sich einen Wien-Krimi geben möchten, und denen stellenweise ziemlich rüder Ton nichts ausmacht zu empfehlen. Die feine Klinge hat dieser Krimi nicht.

Dienstag, 26. Juni 2012

Parker Bilal :"Die dunklen Straßen von Kairo"

Parker Bilal :
"Die dunklen Straßen von Kairo"
Kriminalroman
Original "the goldes scales"
2012, Bloomsbury Publishing, New York
übersetzt von Karolina Fell
2012, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg
434 Seiten
ISBN 978-3-499-25765-0

Der Roman erzählt eine starke Geschichte über Detektiv Makana, der seit sieben Jahren in einem armseligen unsichern Hausboot am Nil bei Kairo wohnt. Er wird hinzugezogen um einen Fußballstar zu finden, der verschwunden ist.
Saad Hanafi ist ein mächtiger Mann - der sich gerade leistet ein Stadion zu bauen und eine sehr gute Fußballmannschaft zu unterhalten. Seine intelligente, wunderschöne Tochter Soraya unterstützt ihn in der Geschäftsführung. In der Vergangenheit hatte er einen brutalen Freund und Helfer, der in Afghanistan und Tschetschenien kämpfte und dort umgekommen sein soll. Beide waren nicht zimperlich im Durchsetzen ihrer Ziele, auch Frauen gegenüber.
Makana trifft auch die Tochter eines Earls, die ihr verschwundenes Mädchen immer wieder sucht. Sie wird ermordet aufgefunden.
Am Ende werden die Stränge entflochten und die Fragen beantwortet

Der Autor läßt die Entführung eines vierjährigen Mädchens 1981 zur Zeit der Ermordung von Präsident Anwar as-Sadat spielen. Alles weitere 1998.
Hier folgt die Erzählung dem was Detektiv Makana erlebt - seine Besuche bei den Filmmenschen, einer wunderschönen Schauspielerin, einem charismatischen Fälscher und Schachspieler, einem reichen Russen etc - , manchmal durchbrochen vom chronologischen Erzählen wie sich sein Leben im Sudan verändert hat, wie es immer ungemütlicher wurde bis zur seiner Flucht.

Das Buch ist gut geschrieben und schön zu lesen. Der Erzählstil gibt Zeit sich die Umgebung, die Menschen und ihre Eigenarten vorzustellen. Der Sand, die Baustellen, die löchrigen Straßen, die armseligen Teestuben und bodenständigen Gastronomielokale standen mehr vor meinem Augen, als Reichtum und Luxus, der ebenfalls Ort des Geschehens ist.

Angst machen die Kapitel in denen beschrieben wird, wie in Karthum/Sudan nach der Übernahme der islamistenpartei Religion zur Staatsangelegenheit wird, das private Ausüben der Religion Fragen nach sich zieht, Professoren die den Darwinismus unterrichten ermordet werden und Frauen die in ihrer Arbeit gut sind vergewaltigt und ermordet aufgefunden werden. Dem Vorgesetzte Makanas sind Religion wichtiger als eigenartige Morde, v.a. wenn sie an ehrlosen, weil gebildeten und arbeitsamen Frauen begangen worden waren. Makana wird immer vorgeworfen daß sein Vater Lehrer war und er in London gelebt hatte. Seriöse polizeiliche Recherchen werden unterbunden, bzw. bewaffnete ungebildete Männer ohne Moral bestimmen wer welches Vergehens schuldig sei.

Leider fehlt mir in dem Buch ein Glossar, der typische Gerichte oder Formulierungen oder Anreden in Ägypten, die zwar kursiv gesetzt sind, erklärt.

Dieser Roman hat mir sehr gut gefallen. Die erzeugten Bilder sind stark im Kopf und arbeiten nach. Ich kann das Buch nur weiterempfehlen.