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Dienstag, 31. Dezember 2024

Orhan Pamuk : "Die weiße Festung"

Orhan Pamuk :
"Die weiße Festung"
original "Beyaz kale"
1985, Can Yayinlari, Istanbul
Aus dem Türkischen von Ingrid Iren
1990, Insel Verlag / 2008 Fischer Verlag Frankfurt a. Main
206 Seiten + 2 Seiten Glossar
ISBN 978-3-596-17762-2

Ein Manuskript wird gefunden : in ihm erzählt ein junger gebildeter Venezianer wie er von Türken im 17. Jahrhundert gefangen genommen wird und dort sein Leben verbringt. Zuerst hilft er Mitgefangenen mit seinen rudimentären medizinischen Kenntnissen und bringt sich Türkisch bei; er wird weiterverkauft und landet bei dem "Hodscha", einen neugierigen wissensdurstigen Mann, der ihm ähnlich sieht. Der Venezianer gibt ihm Stück für Stück sein Wissen weiter und gemeinsam bereiten sie ein Feuerwerk vor, da alle in Istanbul in Staunen versetzt. Um Einfluß auf den Padischa zu erlangen schreiben die beiden Bücher über exotische (oft italienische) Tiere die in Fabeln den unabhängigen Geist des Jungen entwickeln soll, damit er sich aus den Intrigen lösen vermöge. Der Hodscha wird oft gerufen um aus Träumen, Wolken und Tierverhalten die Zukunft hervor zu sagen. Manchmal ist der Venezianer in der verknechteten Zusammenarbeit der geistig Führende, manchmal setzt er sich als Ziel den Hodscha zu zerstören oder wenigstens zu deprimieren. Der Padischah hält den Venezianer für den wahrhaft Intelligenten, und holt ab später diesen zu sich, während der Padischah an einer Riesenkanone arbeitet. Bei dem Feldzug ist das riesenhafte Ding unbrauchbar; der Hodscha und der Venezianer wechseln die Kleidung, und der Hodscha macht sich auf den Weg nach Venedig  ........

Die Geschichte wird aus Ich-Sicht des Venezianers erzählt; er beobachtet, kommentiert, fühlt, und erzählt von dem Leben in Istanbul an dem er lange nicht teilhaben kann, es später aber doch möglich ist.
Die Überlegungen, und Ängste des Venezianers ziehen in den Bann; er ist sich jederzeit bewußt, daß jederzeit sein Kopf rollen kann und wird.

Die Beziehung zwischen Hodscha und den Venezianer ist vielfältig und kompliziert; sie wechselt von Herr-Sklave, Arbeitsgemeinschaft, Freundschaft, gemeinsamen und verschiedenen Zielen und bei dem Venezianer auch Verkauf seiner Seele und Werte, mit Ausnahme der Aufgabe des Christentums.

Das Buch zog mich in den Bann; mich haben die Sprache, die Intensität, die feinen Bilder, und die Beschreibung der menschlichen Beziehungen sehr angesprochen. 

Viel Freude beim Lesen dieses wunderbaren Romans.

Orhan Pamuk  wurde am 7. Juni 1952 in Istanbul geboren. Er wurde erster türkischer Schriftsteller 2006 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Ece Temelkuran : "Was nützt mir die Revulotion, wenn ich nicht tanzen kann?"

Ece Temelkuran :
"Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann?"
Roman
original "Dügümlere Üfleyen Kadinlar"
2013, Everest Yayinlari, Istanbul
aus dem Türkischen von Johannes Neuner
2014, Atlanik Verlag (in der Hoffmann und Campe Verlag GmbH) Berlin
390 Seiten
ISBN 978-455-60004-9

Dieser dichte Frauenroman der in Tunesien, Lybien, Ägypten, und Libanon nach dem arabischen Frühling spielt, erzählt wie vier faszinierende Frauen auf ihrer Roadstory moralischen Mist über Bord werfen und sich nach und nach zutrauen sich ehrlich zu leben.

Start ist in Tunesien. Drei Frauen trinken gemeinsam, beobachten eine Nachbarin, werden dann zu dieser zum Jasminstrauch, herrlichem Essen und einer verrückten Reise eingeladen. Grenzen werden mit Tricks überwunden, als Fortbewegungsmittel Kamele, Autos, Hubschrauber, Yacht und Flugzeug benutzt, Kleidung anpassungsfähig eingesetzt und bei allen wird gelesen, diskutiert, gelacht, geweint bis jede ihrer kleinen bis großen Lebensaufgabe ins Auge sieht. Anfang und Ende sind der Hof mit dem Jasminbaum.

Das Buch ist aus Ich-Sicht der Türkin, einer Journalistin, die nach Tunis geflohen ist erzählt. Sie ist die zurückhaltendste und am wenigsten spürbar; ihre Lust am Schreiben wird immer stärker.
  Amira ist Tunesierin, Bauchtänzerin und hat sich in einen Dschihadisten verliebt. Sie ist eine emotionale, liebevolle, übersprudelnde Frau. Ihr Traum ist eine eigene Bauchtanzschule - ihr Vater ist dagegen. Sie hat Briefe von dem jungen Ex-Dschihadisten erhalten, der seine Handlungen und Werte in Frage stellt und über das Mittelmeer nach London flieht.
  Maryam ist ägyptische Wissenschaftlerin, die ab den zweiten Abend auf dem Tahirplatz war. Dort begegnete ihr der Chef eines Fußballfanclubs - diese Liebe verändert ihr Leben. Beruflich weiß sie viel über das Leben von Dido, der großen königlichen Dame in Karthago. Sie ist als Muslima durch Schleier tragen erkenntlich. Sie wirkt wie die männliche Ergänzung zur sehr fraulichen Amira.
  Madame Lilla / Esme/ Mutter Thirina ist die ältere, charismatische Dame, die viel erlebt hat, von ihrem Spionageleben spuradisch erzählt, überall Menschen kennt, genußvoll ihre Macht zelebriert, einer großen Liebe nicht verzeihen kann und die Aura einer "Grand Dame" ausstrahlt.

Schön sind die Beschreibungen der jeweiligen Gegenden. Am besten gefiel mir die Formulierung in der die Wüste "bonbonrosa" schien; liebevoll ist beschrieben wie wenig die traditionellen orientalischen Männer in ihren Cafés mit diesen vier Frauen umgehen konnten, denen anzusehen war, daß diese keine Touristinnen sondern aus ihrem Kulturkreis sind.

Die vier Frauen sind die Hauptpersonen. Männer sind wichtig, aber Nebenfiguren in dem großen Schachspiel; sie haben alle Namen und sind nicht auf Funktionen reduziert.
Einer der Männer ist ein Tuareg; auch diese Welt ist dem Roman inkludiert.
Skurril ist der Besuch in einem ehemalig wunderschönen, jetzt zerfallenden Landsitz im Libanon als die vier Frauen auf eine ehemalige Löwenbändigerin stossen, die sich jetzt mit Katzen- und Schlangenzucht über Wasser hält; der Mann züchtet die Tauben.

Weibliche Esoterik blitzt kurz durch, als die vier Frauen bei einer der Reisestationen aufgefordert werden sich mit ihrer Göttin zu unterhalten (Göttin : Aphrodite, Artemis, Hekate etc ...).
Schön finde ich die Elemente wenn die ältere Dame den drei jüngeren zu vermitteln versucht, daß der Atem der Frauen die Welt und die Männer am Leben erhalten.

Etwas unrealistisch scheinen die Grenzübergänge, da es wohl kaum ohne Pässe gehen kann. v.a. wenn beim Rückflug ein Flugzeug einer Chartergesellschaft bestiegen wird; dies mit einem zwei Monate jungen Baby und einer kleinen Siamkatze.

Musik ist ein Teil der Reise. Die Frauen hören und diskutieren über die großen Damen der arabischen Musik: Asmahan, Umm Kulthum und die Libanesin Fairuz.

In Summe ein schönes Buch mit geistigen Ausflügen in den Koran, die Entwicklung von Frauen, Geschichte mit Dido und humorvollen Situationen. Viel Freude !

Ece Temlukuran wurde 1973 in Izmir geboren. Sie ist Juristin, Journalistin und Schriftstellerin; ihren Job als Journalistin verlor sie aufgrund ihrer oppositionellen Einstellung. Ihr erster Roman "Die Stimme der Bananen"(original : "Muz Sesleri") erschien 2010.

Montag, 1. Dezember 2014

Joann Sfar : "Die Katze des Rabbiners"

Joann Sfar :
"Die Katze des Rabbiners"
Text und Zeichnungen : Joann Sfar
Kolorierung : Brigitte Findakly
Sammelband 1
2008, Dargaud Verlag
2014, Avant-Verlag Berlin
146 Seiten
ISBN 978-3-945034-01-9

In diesem ersten Sammelband sind die ersten drei Geschichten von Joann Sfar zusammengesetzt.
  • <La Bar-Mitsva> (2001),  (dt.: Die Bar-Mizwa, 2004) 44 Seiten
  • <Le Malka des lions>s (2002),  (dt.: Malka, der Herr der Löwen, 2004) 46 Seiten
  • <L’Exode> (2003),  (dt.: Exodus, 2004) 46 Seiten

  • Kater Moujroum wohnt bei einem liebevollen rundlichen Rabbi und dessen schöner Tochter Zlabya im Algerien der 1920/30-er Jahre. Nach Verspeisen des nervenden sprechenden Papageis kann der Kater plötzlich sprechen. Als respektloser, hinterfotzig denkender Kater möchte der liebevolle Vater nicht, daß er seine Tochter beeinflußt. Der Kater verhandelt bis der Rabbi dem Studium der Thora, des Thalmuds etc. mit dem Kater zustimmt um mit einer Bar-Mitsva eine Prüfung zu bestehen. Der intolorante dünne Rabbi des Rabbi ist dagegen und verlangt die Tötung des armen Katzenviehs. Zlabya würde ihrem Vater das nie verzeihen und schlußendlich verspricht der Kater dem Rabbi mit seiner Tochter nicht zu sprechen ...

    Malka, ist der Cousin des Rabbi. Er kommt mit Charisma und Löwen aus der Wüste. Ein junger Mann aus Paris kommt zu Besuch; er wird Rabbi in der Nachbarschaft und verliebt sich in Abwesenheit des Rabbis in seine Tochter. Der Rabbi mit Kater trifft in der Wüste einen muslemischen Musiker mit Esel - sie singen miteinander und freunden sich an. Leider verliert Moujroum in diesem Band leider die Fähigkeit zu sprechen.

    Im dritten Band reist das junge Ehepaar mit Rabbi und Kater nach Paris. Zuerst irrt der kreuzunglückliche Rabbi durch die Stadt, campiert in einer katholischen Kirche (die Darstellungen der halbnackten Märtyrer und Märtyrerinnen schrecken ihn ziemlich) und genießt einen Abend lang unkoscheres Essen. Der Kater trifft einen netten Hund. Der Rabbi trifft sich mit seinem Neffen, dessen Stimme ein wunderbare Karriere versprochen hatte. Jetzt ist er Straßenkünstler und vermittelt dem Rabbi ein nicht den Regeln unterworfenes Lebensgefühl. Zurück in Algerien vermisst der Rabbi Paris und hält eine ziemlich entspannte Predigt sehr zum Staunen seiner Gemeinde

    Es ist viel Information über die mosaische Religion in diesem Comic verpackt. Nachdem mich der Inhalt immer mehr zu interessieren begann, habe ich weniger auf die humorvollen Szenen geachtet.

    Der Zeichenstil macht mich etwas nervös, weil er mir ziemlich unruhig scheint. Menschen und Einrichtungen wirken ruhig - sowohl er liebevolle rundliche Rabbi, als auch der dünne unliebenswürdige Rabbi des Rabbi, liebevoll ist auch die Tochter des Rabbis mit vielen netten Details in der Kleidung. Die Katze hat allerdings eine lang Schnauze, bei der ich mich manchmal frage ob hier nicht doch ein Dackel Pate gestanden ist - versiertere Menschen haben mich korrigiert und meinen Siam können so lange Nasen haben (sorry, keine der Siamkatzen die ich kannte sah so aus).

    Einzig in dem Traum in dem Kater und der Rabbi als ziemlich rundlicher Kater unterwegs sind, gibt es eine runde Katze. Der kleine Hund in Paris ist dem Kater sehr ähnlich. Gut gefiel mir der Löwe von Malka.

    Die Diskussionen über Gott, verschiedene Regeln, andere Religionen, was Toleranz ist bzw. sein kann bringen zu denken.

    Ein hochinteressanter Comic, der sehr empfehlenswert ist.

    Joann Sfar wurde am 28. August 1971 in Nizza geboren. Er studiert Philosophie und die schönen Künste in Frankreich. Die "Katze des Rabbiners" begann 2001 als Serie, 2011 wurde teilweise als animierter Spielfilm umgesetzt. Der Autor spielt auch ein Instrument - die Ukulele.