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Samstag, 22. Juni 2024

Ahmet Ümit : "Das Derwischtor"

Ahmet Ümit :
"Das Derwischtor"
Kriminalroman
original "Bab-i-Esrar"
2012, Verlag Everest Yarinlari, Istanbul
Aus dem Türkischen von Sabine Adetepe
2020, btb verlag bei Verlagsgruppe Random House GmbH
499 Seiten + 2 Seiten Anmerkungen der Übersetzerin (betreffend Aussprache, Anrede und Begrifflichkeiten; Schreibweisen) + 1 Seite Danksagung + 3 Seiten Quellen
ISBN 97-3-442-71765-1

Karen Kimya Greenwood wird wegen einer Versicherungssache und weil sie Türkisch kann, nach Konya geschickt. Dort hat sie mehrere mystische Begegnungen mit einem geheimnisvollen charismatischen Mann und arbeitet das Verschwinden ihres Vaters auf.
Bei dem charismatischen Mann geht es um mystische Erlebnisse mit Shams-e Tabrizzi und den Sufi-Meister und Poeten Rumi, deren Freundschaft und wie diese anderen Menschen irritierte.
Ihr Vater hatte die Familie verlassen, weil der Ruf des Sufi-Ordens wieder stärker für ihn geworden war, wie ihr in Koya langsam vermittelt wird.
Parallel muß sich Karen Kimya entscheiden, ob sie ihre Schwangerschaft leben möchte oder nicht.

Konya ist faszinierend geschildert. In dem Roman ist geschildert wie schöne alte Häuser mit Innenhöfen neuen Hotel-bauten ohne Ausstrahlung weichen müssen; aber der Zauber der alten Häuser ist spürbar.
Für Touristen ist diese Stadt durch die "drehenden Derwische" bekannt.

Die Menschen sind für mich leider wenig spürbar, bis auf Karen Kimya selbst (mit den Problemen und Entscheidungen, die anstehen) und ihre flippige Mutter. 

Rumi und Sufi-Orden sind verzaubernd. Die Kapitel, in denen nach Spiritualität gesucht wird, finde ich gut geschrieben.

In Summe ein angenehmer Urlaubs-Roman mit etwas Krimi, bei dem ich mich gut entspannen konnte. Gutes Lesen !                                       

 Ahmet Ümit  wurde 1960 in Gaziantep (Südanatolien) geboren. Er studierte Verwaltungswissenschaften und begann zu schreiben. Seine erste Erzählung entstand 1983. Er veröffentlichte mehrere Kriminalromane, von denen einige auch ins Deutsche übersetzt wurden, außerdem Gedichte, zahlreiche Kurzgeschichten und ein Märchen. Außerdem schreibt er Drehbücher.   

Dienstag, 6. Februar 2024

Miriam Elia, Ezra Elia : "Das Tagebuch von Edward dem Hamster 1990-1990"

Miriam Elia, Ezra Elia :
"Das Tagebuch von Edward dem Hamster 1990-1990"
original "The Diary of Edward the Hamster 1990-1990"
2012, Boxtree, Imprint von Pan Macmillan
Aus dem Englischen von Sibylle Meyer
2013, Fischer Taschenbuch / 8. Auflage: Dezember 2021
82  Seiten + 2 Seiten Vorwort + 1 Seite Autoren
ISBN 978-3-596-51310-9

Das Büchlein beginnt mit einem Vorwort, in dem das Tagebuch des philosophischen Hamsters Edward gefunden wird.
Edward langweilt sich alleine in seinem Käfig, weil er keine Ansprache hat. Auch die Katze will nicht mit ihm diskutieren. Als er endlich einen Gefährten bekommt, entpuppt sich dieser als verfressener und eher dümmlicher Zeitgenosse. Dank einer Sabotage am Rad erledigt sich das Problem.
Dann kommt Camilla - eine bezaubernde intelligente Hamsterdame. Eine kurze intensive glückliche Phase kommt für Edward, bis Camilla einem Unfall zum Opfer fällt.

In dem Büchlein sind in kurzen und langen Absätzen Edwards Überlungen und Tagebucheinträge notiert. Abgewechselt werden die Texte von kleinen quadratischen Zeichnungen, in denen weiß auf schwarz das Hamsterleben illustriert ist. Der Hamster sieht meiner Ansicht nach aber nie glücklich aus - offenbar kein Grund für ihn das zu tun.

Manches bringt zum Lachen, bei anderen Beschreibungen kommt eher Rührung auf.

Freitag, 24. Dezember 2021

Andrea Schacht : "Weihnachtskatze gesucht"

Andrea Schacht : 
"Weihnachtskatze gesucht" 
2012, 2. Auflage Aufbau Verlag 
134 Seiten + 1 Seite Personen (und Katzen) + 2 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-7466-2881-3

Blumenhändlerin Silvia ist unglücklich, weil sie SueSue ihre innig geliebte Katze vermißt und für tot hält. Bei einer Photoausstellung sieht sie ein Photo auf einem Friedhof mit einer Katze, die ihrer sehr ähnlich sieht. Der Photograph ist ein grantiger Zeitgenosse, der bei Kriegsphotos ein Bein verloren hat.
Parallel dazu erzählt eine Katze wie es ihr in einem Gnadenhof gemeinsam mit anderen Katzen und Katers, auch Pferden und Schafen geht. Dort trifft sie den dreibeinigen Mac und den blinden weisen Kater Ormuz, dem sie beim orientieren hilft. Sie erzählt von Menschen, die ein drittes gläsernes Auge haben, für das sie schon posiert hat. Es dauert etwas bis sich die zwei Erzählschleifen finden, aber es gibt für einige Menschen und vor allem Katzen/Katers ein "Happy End".

Die Menschen haben Charakter und sind durch diverse Ereignisse nicht mehr einfach zu behandeln. Die Katzen und Kater ebenfalls, wobei ich bei den Katzen/Kater mehr Durchhaltevermögen lese.

Es wird viel über Rangordnungen im Gnadenhof erzählt, wobei sich die dreifarbige erzählende Katze als durchsetzungsfähig erweist. Auch einige Katzenrassen werden genannt - SueSue ist eine Devon Rex.

Ein wunderbares Buch für einen verregneten oder sonst trübsinnigen Tag. Miau !

Dienstag, 30. Juni 2020

Bill Moody : "Auf der Suche nach Chet Baker"

Bill Moody :
"Auf der Suche nach Chet Baker"
original "Looking for Chet Baker"
2002, Walker & Company NY
Auf dem Englischen von Anke Caroline Burger
2012, Union Taschenbuchverlag 557
244 Seiten + 1 Seite Gedicht John Harvey + 1 Seite Vorwort von Russ Freeman + 1 Seite Dank
ISBN 978-3-293-20557-4

Evan Horne, Jazzpianist und Detektiv durch Gelegenheit, wird in den USA von einem Freund gebeten, bei einem Buch über Chet Baker mitzuarbeiten. Er lehnt ab, weil er nichts mehr recherchieren möchte, und weil ein Angebot in Amsterdam Jazz zu spielen lockt.
In Amsterdam angekommen kann er der Versuchung nicht widerstehen zwischen grandios beschriebenen Auftritten mit Jazz, doch den tödlichen Unfall Chet Bakers zu untersuchen. Er besucht ein Jazz Archiv in Amsterdam, ein ehemaliges Drogenviertel und fährt nach Rotterdam, und versucht alte Spuren zu finden. Am Schluß entdeckt er, daß ein Freund ihn ausgetrickt hat, und Chet Bakers Tod ist als Unfall endlich akzeptiert.

Der Roman ist ein Gemisch aus vielen vielen Jazz Legenden, Nennung von Standards, sowie dem Vermitteln wie Musiker gemeinsam auf der Bühne improvisieren - und einer Detektivgeschichte mit fiktionalen Gestalten.
Amsterdam ist gut geschildert, Amerika für mich nicht erfaßbar.
Die Leidenschaft der Musiker ist spürbar; faszinierend die Überlegungen über das Publikum, das manchmal nahe, manchmal ferne, manchmal erwünscht, und manchmal auch nur aufdringlich.

Chet Baker, hieß mit bürgerlichem Namen 'Chesney Henry Baker Jr.' . Er wurde am 23. Dezember 1929 in Yale (Oklahoma) geboren und starb am 13. Mai 1988 in Amsterdam. Er spielte Trompete und Flügelhhorn, sang selbst und war Komponist. Er nahm ungezählte Aufnahmen auf, manche davon technisch gut, einige eher schlecht. Drogen hatten zu starken Einfluß in seinem Leben.

Der Roman ist gut geschrieben und zog mich in den Bann, wobei dies vorallem die Absätze über Musik, Sehnsucht nach Balladen, die "moll-stimmung" des Protagonisten waren.

Viel Freude beim Lesen - mit Musik mit Chet Baker aus der Stereoanlage, oder in den Kopfhörern.

Bill Moody wurde am 27. September 1931 in Webb City ( Missouri) geboren; er starb am 14. Jänner 2018. Er war zuerst Jazz-schlagzeuger, später begann er über Jazz Bücher zu schreiben, ab 1994 begann er mit der Figur des Evan Horne Kriminalromane zu veröffentlichen.

Freitag, 22. Mai 2020

Albert Sánchez Pinol : "Der Untergang Barcelonas"

Albert Sánchez Pinol :
"Der Untergang Barcelonas"
Roman
original "VICTUS. Barcelona 1714"
2012, Edicions La Campana, Barcelona
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
2016, Fischer Verlag Frankfurt - Taschbuchausgabe
695 Seiten + 2 Seiten Vorbemerkung + 4 Seiten Chronologie des spanischen Erbfolgekrieges + 11 Seiten Verzeichnis der Personen
ISBN 978-3-596-19773-6

Der Autor führt uns anhand der halbfiktiven Gestalt des Martí Zuviria durch die zweite Hälfte des spanischen Erbfolgekrieges Anfang des 18. Jahrhunderts, und auch die Unverträglichkeit zwischen Katalanen und Kastillanen. Martí Zuviria, kurz Zuvi genannt, wird in Frankreich von einem der Großen der Baumeister der Stadtmauern, Sebastian Vauban, in die Ingenieurskunst eingeführt. Nach dessen Tod beteiligt sich Zuvi zuerst auf der Seite der Franzosen und Spanier, dann auf Seite der Österreicher und Katalanen, und am Schluß an der Verteidigung Barcelonas gegen alle. Der Autor nutzt eine fiktive Gefangennahme um das Geschehen der Franzosen-Spanier beschreiben zu können, bis Barcelona fällt.

Das Buch ist in drei große Kapitel unterteilt.
In "Veni" ist Zuvi der unbeherrschte versoffene Jugendliche, der nur Unsinn und Frauen im Kopf hat, der aber Schloß Bazoches das Beobachten, das Denken, und Planen lernt.
In "Vedi" zieht er mit den Heeren durch Spanien, lernt Herzog Beswick, Don Antonio Villaroel, Rafael Casanova, Miliquet Ballester und andere großherzige und letztklassige Menschen auf dem Schachbrett des aktuellen Krieges kennen. Auch die privat für ihn wichtigen Menschen treffen in diesem Kapitel zusammen. Allerdings bleibt er unbeherrscht und versoffen.
In "Victus" geht es um die letzten 14 Monate bis Barcelona fällt, in der die Verzweiflung, die Sturheit der Menschen aber auch die arrogante Dummheit der regierenden Oberschicht mit viel Leidenschaft beschrieben wird.

Der Roman ist dicht, emotional, und packend geschrieben. Obwohl ich Kriegsbeschreibungen nicht mag, haben mich die Schilderungen der Kriegs-Ingenieurskunst, die verschiedenen Ansätze des Schlachten führens, und die Probleme zwischen Militär und Fehleinschätzungen von Politik, fasziniert.
Die Sympathie liegt bei den Katalanen, die damals bereits 200 Jahre von den Kastillern ungerecht behandelt wurden; es gibt zu große Unterschiede zwischen den Werten, der Art des Lebens um hier ein schönes Zusammen zu finden. Der Fall Barcelonas am 11. September 1714 hat weitere Ungerechtigkeiten als Folge. Mir war nicht klar gewesen, daß die aktuelle Unabhängigkeitsbewegung der Katalanen (2019/2020) eigentlich jahrhundertealte Wurzeln hat.

Es gibt deftige, erotische Beschreibungen, auch die Kriegswirren und Kollaterralschäden herum sind handfest beschrieben.

Die Menschen in dem Roman werden mit starken Beschreibungen entweder sympathisch - unsympathisch, fähig - unfähig, charismatisch - uninteressant, loyal - illoyal - situationselastisch oder mit starken Vorlieben und Vorurteilen beschrieben.
Die Liebe, Frauen, eine wichtige Frau (Amelis), Kindersatz in Form eines verwahrlosten Buben (Anfan) und eines Zwerges (Nan) bilden die emotionale Familie die Zuvi eine Art von Rückhalt gibt.

Humor blitzt auf wenn besonders einfältige Adelige beschrieben werden, unfähige Oberste oder die fiktive Gestalt, der das Buch diktiert wird.

Als roter Faden zieht sich die Suche Zuvi-s nach dem sogenannten "Mystere" durch das Buch. Es geht bei diesem Geheimnis um eine zugrundeliegenden Wert der Kriegs-Ingenieurskunst, von dem Zuvis Lehrer immer wieder sprechen, und das Zuvi erst ganz am Schluß entschlüsselt.
Spannend ist die Anerkennung und Rivalität der Kriegsingenieure untereinander. Tätowierungen zeigen den Rang an, der Anerkennung erzeugt, aber auch Neid.

In dem Buch sind auch Abbildungen von Barcelona und dem Kriegsgeschehen untergebracht, die helfen das Geschehen zu verstehen.

In Summe ein starkes, großartiges Buch, das ist gerne weiterempfehle !

Albert Sánchez Piñol wurde am 11 Juli 1965 in Barcelona geboren. Er begann Jus zu studierte, beendet dann aber sein Studium der Anthropologie. Er schreibt meist auf katalanisch, das oben genannte Buch ist bis jetzt das einzige, das er auf spanisch geschrieben hat. 2000 erschien sein erstes Buch 'Compagnie difficili'. Mit 'La pell freda', auf dt. "Rausch der Stille" kam 2002 sein Druchbruch (ich habe das Buch am 31. Mai 2012 in den Blogg gehängt).

Donnerstag, 8. August 2019

Diana Fiammetta Lama : "Die toten Mädchen vom Cilento"

Diana Fiammetta Lama :
"Die toten Mädchen vom Cilento" - Maresciallo Santomauro jagt ein Phantom
original "Il Circo delle Maraviglie"
2012,
Aus dem Italienischen von Esther Hansen und Julia Gehring
2012, Aufbau Verlag
418 Seiten
ISBN 978-3-7466-2833-2

Maresciallo Santomauro und sein Team sind diesmal auf der Suche nach dem Mörder von jungen Mädchen. Da die ersten Mädchen aus dem gerade anwesenden Zirkus sind, ist der Vorgesetzte des Maresciallo großem Einsatz abgeneigt. Erst als auch ein einheimisches verwahrlostes Mädchen tot aufgefunden wird, arbeiten Santomauro, Pietro Gnarra und Manfredi Toto, sowie der arrogante Pathologie noch aktiver zusammen. Nachdem ein Mädchen aus ansässiger wohlhabender Familie ermordet aufgefunden wird, verhindert die Polizei mühsam Lynchjustiz an einem Unschuldigen; es gibt aber doch noch einige Tote bis die Polizei die Hintergründe und den Mörder stellen kann.

Die Geschichte ist großteils Santomauro mit seinen Aktionen und Gedanken begleitend geschrieben. Einige Kapitel sind dem teuflisch gutaussenden Jesuitenpater Lillo und dessen Probleme mit dem Schweigegelübde gewidmet, zwei anderen jungen Menschen aus der Gemeinde, oder anderen einsamen Menschen. Kursiv sind die Gefühle über den Angreifer der Mädchen gedruckt.

Maresciallo Santomauro lebt lieber getrennt von den anderen Polizisten am Strand und in der Einsamkeit. Die Beschreibungen des Lebens der anderen Polizisten, die gemeinsam mit den Familien in der Kaserne wohnen, wo der Klatsch blüht, sind unterhaltsam.

Die Menschen sind vielfältig. Maresciallo Santomauro ist ein sensibler Glatzkopf, dem bewußt ist daß die Recherchen nach einem Schuldigen viel lieber geheim gebliebenes bei Unschuldigen zutage befördert. Pietro Gnarra ist attraktiv und durchtrainiert, und bei den Damen sehr beliebt. Manfredi Toto ist mit einer schönen lebhaften Frau verheiratet, hat Kinder und ist sehr eifersüchtig.
Der Pathologe der Polizei ist als großer, grottenarroganter Mensch geschildert der hohe Privathonorare schreibt, dafür gratis den Dienst für die Gemeinde absolviert; dieser Charakter ist sehr brüchig geschildert.
Ebenso wie der neu hinzu gekommene gescheite attraktive Jesuitenpater, dem allerdings alle Schulung nicht aus seinem Problem heraushelfen können.
Im Dorf ist die Familie des Don Carmelo Morace sehr anerkannt. Don Carmelo ist ein Familientyrann, seine Tochter zurückhaltenst bis eisig, ihre Tochter ein temperamentvolles Mädchen, der Sohn des Hauses attraktiv, kreuzunglücklich und will abhauen.
Neben dieser Familie lebt die Famile Folchi, bei denen der Vater ruhig und liebevoll agiert, Tochter Carolina sich um ihre Eltern kümmert statt fertig studiert, die Mutter mit Augenkrankheit die sich im Krankenhaus wohler als draußen fühlt.
Zusätzlich sind ein Kinderpsychiater vor Ort, der seine Ehefrau betrogen hat und auf Abstand gehen muß, und die Zirkusleute, von denen der Chef Mustafa Parsi verantwortungsvoll und beschützend für seine Truppe agiert.

Ort der Handlung sind Badeorte im Cilento, das südlich von Neapel liegt und ein Naturschutzgebiet hat.
Die Namen und das Essen der Gegend sind mir neu. Der Vornamen Sbangiulieddu war mir bis dato ungekannt.

Der Roman ist zuerst eher ruhig. Es werden eher trocken die verschiedenen Handlungstränge und Unglücklichkeiten der Menschen des Dorfers geschildert. Am Schluß wird es sehr spannend.
Mitraten nach dem Mörder ist möglich, mir ist ist es allerdings nicht gelungen.

Die Stimmung ist dicht. Die seelischen Probleme, oft Einsamkeiten, der Menschen sind nachfühlbar geschildert. Mich haben die verschiedenen Menschen mit ihren Schicksalen in diesem Roman sehr angesprochen.

Viel Freude beim Lesen !

Diana Fiammetta Lama wurd am 15. Juli 1960 in Neapel geboren. Sie studiert Medizin und spezialisierte sich auf Herzchirurgie. Später ging sie wieder auf die Universität und studierte Literatur. 1995 erschien der erste Roman gemeinsam mit Vincenzo de Falco. Seit 2003 schreibt sie eigene Romane, von denen über dreißig erschienen sind. Ihre Romane sind in viele Sprachen übersetzt worden.

Sonntag, 6. Januar 2019

Giuliano Ramella & Stefano Cattaneo : "El Che"

Giuliano Ramella (Szenario) & Stefano Cattaneo (Zeichnungen):
"El Che"
original "El Che - la victoire ou la mort"
2012, Heupé Sarl / Emmanuel Proust Editions, Paris
aus dem Französischen von Anja Kootz
2018, Knesenbeck, München
100 Seiten Graphic + 2 Seiten über Che Guevara von Marcel Niedergang
ISBN 978-3-95728-221-7

In assoziativen Geschichten wird einiges aus dem Leben von Che Guevara erzählt. Es beginnt mit seiner Jugend und dem Bestreben etwas zu ändern und springt dann zwischen Kuba, Bolivien, Kongo, der Rede vor der UNO und Kuba. Die Szenerien sind im Wald, in der Guerilla, etc. Mittendrin ist seine Erschießung, aber auch daß er selbst zur Waffe zur Disziplinierung griff; das Ende ist die Vision vor Sonnenuntergang, daß um Gerechtigkeit gekämpt werden muß.

Ich habe das Buch auch wegen meines Interesses für die Zeichnungen gekauft. Diese sind sehr statisch, was mitten um Regen-/Urwald fasziniert. Die Zeichnungen wenn ein Soldat am Fluß steht und raucht, wirken wie erstarrt - auch der Rauch in seiner fein ziselierten Strichelweise. Auch die flache Architekturzeichnung funktioniert.
Die Gesichter sind rauh, und ausdrucksstark.

Am Anfang dauert es bis ich in die Geschichte gekommen, dann war es einfacher den auch geographischen Sprüngen zu folgen.
Aus dem an sich schon vielfältigen und spannenden Leben Che Guevaras wurden einige Punkte herausgeholt und betont; damit fehlen bei dem Seitenumfang andere Themen.

Bei der Übersetzung sind mir paar Hoppalas und Eigenheiten bei Phrasen aufgefallen.

In Summe ein beeindruckendes Buch über einen brutalen, aber visionären Menschen. Alleine schon die Graphiken sprechen auch für sich und machen damit eine Empfehlung aus. Viel Freude beim Einlassen auf dieses Buch.

Giuliano Ramella heißt eigentlich Giuliano Ramella Peza, studierte an der Hochschule für Comic-Kunst in Mailand und arbeitete bereits an der italienischen Comic-Serie 'John Raider'.
Stefano Cattaneo ist Italiener, der in England lebt. Sein Zeichenstil ist italienische Schule, beeinflußt von Pratt à Giardino.

Freitag, 28. Dezember 2018

Nona Fernándenz : "Die Toten im trüben Wasser des Mapocho"

Nona Fernándenz :
"Die Toten im trüben Wasser des Mapocho"
Roman
original "Mapocho"
2003
Aus dem chilenischen Spanisch von Anna Gentz
2012, Septime Verlag Wien
254 Seiten + 2 Seiten Anmerkungen der Übersetzerin
ISBN 978-3-902711-09-0

Rucia sucht nach dem Unfalltod ihrer Mutter in Europa zurück in Santiago de Chile nach ihrem Bruder Indio. Der Vater war vor vielen Jahren festgenommen worden - er lebt als Schriftsteller für die Regierung und schreibt die Geschichte um bzw betont manche gewünschte Aspekte mehr und andere dafür weniger. Mutter und Kinder waren nach des Vaters Abholung durch das Militär aus dem Land verschwunden; sie weiß im Gegensatz zu ihren Kindern daß der Vater lebt und Schecks für das Überleben schickt.
Bei ihren Wanderungen durch ihr ehemals bekannte Viertel Santiagos schieben sich ihre Gegenwart, ihre Erinnerungen und Erinnerungen (und Schmerzen) des Viertel übereinander. Dazu kommen Erinnerungen an die - verbotene sexuelle - Annäherung zwischen ihrem Bruder und ihr, die die Mutter zu verhindern suchte. Die Selbstverstümmelung des Bruders an Händen und Augen hindern ihn nicht daran weiterhin zu malen, und auch zu sehen.
Am Schluß fällt viel wie ein Kartenhaus zusammen.

Der Roman hat vier Teile, es für mich emotional nicht logischer wird, aber einige Puzzleteile verzahnen sich etwas.

Der Roman ist faszinierend in dem Liebe, Familie, Gesellschaft, Brutalität, Flucht, Aggression, Selbstaggression, Schmerz, Vernichtung, chilenische Geschichte der Indigenios, namenloses Militär, Besuch des Teufels in Chile, durcheinander gemischt werden.

Unter die Haut gehen die Liebe von Indio zu Rucia, bzw ihrem Bauchnabel. Die vorhandenen Erotikschilderungen sind sinnlich-saftig.
Unter die Haut gehen auch die Stellen mit Grausamkeiten des Militärs an den Menschen die in einem Stadion eingeschlossen sind, das später - mit den Menschen - in Flammen aufgeht.

Die zwei kreativen Gestalten im Buch scheitern : Der Vater - Fausto - der als Instrument der Diktatur die Landesgeschichte fälscht, und nicht mehr zu seinen eigenen Geschichten für Kinder oder seinem Roman kommt. Indio der offenbar grandios malt und darstellt, aber weder in Europa, noch zurück in Chile anerkannt wird, und dessen Werk komplett zerbröselt.
Rucia versucht zu kitten und scheitert ebenso.

In Summe ein sehr faszinierender Roman, für den ich auf Grund seiner Dichte länger gebracht habe, um ihn zu lesen. Viel Freude bei diesen gedanklichen Ausflügen !

Nona Fernándenz wurde 1971 in Santiago de Chile geboren. Sie ist Schauspielerin, Drehbuchautorin und freischaffende Schriftstellerin.

Sonntag, 5. August 2018

Marie-Sabine Roger : "Das Leben ist ein listiger Kater"

Marie-Sabine Roger :
"Das Leben ist ein listiger Kater"
Roman
original "Bon rétablissement"
2012, Èditions du Rouergue
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
2014, Atlantik Verlag
217 Seiten
ISBN 978-3-455-60002-5

Jean-Pierre ist Witwer und findet sich in einem Krankenbett wieder. Der Polizist bemüht sich herauszubekommen was passiert ist. Ein studierender Stricher hatte ihn aus der Seine gefischt. Ein rundliches Mädchen kommt ihn im Zimmer besuchen und borgt sich einfach seinen Computer aus. Seine Familie nervt ihn.
Sein rauhbeiniger Charme - er war viel auf Schiffen unterwegs gewesen - kommt bei den Krankenschwestern gut an; bei den Ärzten weniger.
Humorvoll bis zynisch erzählt er vom Krankenhausalltag; traurig auf seine Ehe, in der seine Frau wegen unerfülltem Kinderwunsch immer mehr von ihm abdriftete, und die alleine starb als er weit entfernt war.
Am Schluß gibt es vier Menschen mit denen er in Kontakt bleiben möchte und dafür auch etwas tut.

Die Geschichte ist aus Ich -Sicht erzählt, weil Jean-Pierre an seinen Memoiren formuliert. Eigentlich nerven ihn alle - vor allem die Familie und das manierenlose runde Mädchen Maeva. Nur der Polizist Maxime der nicht aufgibt um das Rätsel um seinen Unfall zu lösen und der junge Mann Camille, der ihn aus der Seine gefischt hat, kommen durch seine harte Schale. Aus seiner Schulzeit poppt eine alte Freundschaft mit Serge auf, die  mit ziemlich skurrillen e-mail-verkehr dargestellt wird.

Die Geschichte ist humorvoll erzählt. Erst langsam wird klar wie sehr sich Jean-Pierre zurückgezogen hat und Menschen nicht mehr um sich haben möchte. Sein kauziger Charme und seine direkte Art machen es nicht einfach für sein Umfeld; daß er sein Herz am rechten Fleck hat ist aber auch klar.

Es macht Spaß die Charaktere zu beobachten, bei den Schilderungen des Krankenhausalltages vergeht der Spaß manchmal. Ort der Handlung ist ein Krankenzimmer.

Immer wieder werden Schriftsteller genannt. Manche sind weltweit bekannt, andere mehr frankophilen Leserinnen und Lesern.

Der französische Originaltitel heißt übersetzt "Gute Gesserung". Kater gibt es einen in der Geschichte; er fügt einige Puzzlestücke zusammen und trägt einen originellen Namen.

In Summe ein Roman, der die Seele wärmt und Hoffnung auf Freunde und liebevolle Menschen macht. Viel Freude beim Lesen !

Marie-Sabine Roger wurde am 19. September 1957 in Bordeeaux geboren. Sie war Lehrerin in der Vorschule als das erste Buch eröffentlicht wurde. Mittlerweile ist sie ausschließlich Roman- und Kinderbuchautorin und hat über 30 Romane und 50 Kinderbücher veröffentlicht. Sie hat einige Zeit in Québec, Madagaskar und La Réunion gelebt.

Freitag, 13. Juli 2018

Ingrid Betancourt : "Kein Schweigen, das nicht endet"

Ingrid Betancourt :
"Kein Schweigen, das nicht endet" - Sechs Jahre in der Gewalt der Guerilla
original "Même la silence a la fin"
2010, Gallimard Paris
Aus dem Franzöischen von Maja Ueberle-Pfaff, Elisabeth Liebl und Claudia Feldmann
2012, Knaur
736 Seiten + 3 Seiten Inhaltsverzeichnis
ISBN 978-3-426-78414-3

Detailreich erzählt die Autorin von der Gefangennahme, den Jahren im Regenwald mit den unterschiedlichsten Gruppen der FARC bis zur Befreiungsaktion.

Sie erzählt von den Wäldern, den Flüssen, den Tieren und den Menschen denen sie begegnet ist. Sie erzählt gut vorstellbar vom Gruppenterror, von der Angst bei den Wanderungen und lebensgefährlichen Klettereien durch den Regenwald und an Felsen, von der Enge in Schiffen, aber auch von Demütigungen sei es durch angekettet sein, durch Mobbing in der Gefangenengruppe (aus Angst ums eigene Leben oder weil nichts zu tun war) oder was ihr als einziger Frau an sexuellen Respektlosigkeiten zugemutet wurde.
Da sie schon vorher eine bekannte, weil politische Gestalt in Kolumbien war und weil sich Frankreich (dessen Doppelstaatsbürgerschaft sie hat) für sie eingesetzt hat, fühlte sie sich Gehäßigkeiten durch Neid ausgesetzt. In der Aufarbeitung anderer Mitgefangener in der Freiheit wird klar, daß die Sonderbehandlungen und Sonderaufmerksamkeiten von außen und daß für anderen Gefangenen wenig bis gar nicht gestritten wurde, offene wunde Punkte für strapazierten Seelen der Menschen verursachte.
Spannend sind die unterschiedlichen Farc-Gruppen geschildert: es gibt Teenagergruppen die noch etwas lockerer und freundlicher waren, durchgedrillte Soldaten ohne Fragen, die unterschiedlichen Geliebten der Gruppenführer die manchmal halfen oder auch intrigierten, die durchaus brutale Hackordnung in den Gruppen bis hin zum Kommando an Guerillafrauen die auf Zuruf Geliebte werden mußten. Manche Gruppenführer hatten etwas Respekt vor den Gefangenen, die anderen (die gefühlte Mehrheit) spielten rücksichtslos ihre Macht aus.

Sie schreibt, daß sie sich oft an der Bibel (es gab wenig Probleme eine als Gefangene zu erhalten) und wenn möglich mittels eines Lexikons das Denken erhalten hat. Manchmal durfte sie anderen Gefangenen Sprachen beibringen, wie einem der Amerikaner spanisch und einer anderen Gefangenen französisch.

Mich haben die vielen Details der langen "Reise" fasziniert, in denen die unterschiedlichen Lager, Toiletten, Quasi-Gefängnisse, aber auch Flüsse, Bäume, Blumen und Papageien, Kaimane, Seeschlangen geschildert sind. Hier frage ich mich ob und wie man sich die Autorin das gemerkt hat, ob sie nachrecherchiert hat oder ob beim Schreiben die Erlebnisse aufgepoppt sind und verarbeitet werden konnten.

Der Titel ist einem Gedicht von Pablo Neruda entnommen.

Das Buch ist als Buch schön geschrieben, mit vielen Beschreibungen und mit dichten, vielschichtigen Worten fast farbig geschildert (und übersetzt).

Mich hat dieses Buch in den Bann gezogen, und ich empfehle es gerne trotz seiner hohen Seitenzahl weiter. Achtung : manche der geschilderten Erlebnisse wirken nach und lassen erst langsam los.

Ingrid Betancourt, geb. am 25. Dezember 1961 in Bogotá, studierte Politik in Paris. 1989 kehrte sie mit ihren Kindern nach Kolumbien zurück, wo sie von 1994 bis 1998 Abgeordnete im Repräsentantenhaus war. Sie erhielt Morddrohungen und brachte 1996 ihre Kinder ins Ausland, eine Erfahrung, die sie in ihrem ersten Buch »Die Wut in meinem Herzen« beschrieb. Als Präsidentschaftskandidatin auf Wahlkampftour, wurde sie am 23. Februar 2002 entführt und erst am 2. Juli 2008 aus der Hand der FARC-Guerilla befreit. Heute lebt sie in den USA und Frankreich.

Samstag, 19. August 2017

Bernhard Aichner : "Nur Blau"

Bernhard Aichner :
"Nur Blau"
Roman
2012, Haymon Innsbruck
222 Seiten
ISBN 978-3-85218-903-1

In diesem dichten großartigen Roman geht es um das Blau und dem Maler Yves Klein. Mehrere Fäden werden erzählt, die sich lose miteinander verbinden :

Der eine ist Jo, ein ungestümer junger Mann der so lange mit blau probiert, bis der das Yves Klein blau hat und Kopieren herstellen kann. Mosca ist sein Freund, Literaturagent, gepflegt, elegant und belesen. Ben ist Taxifahrer in Frankfurt und hat grausliche Alpträume durch Tabletten. Oliver ist Mistmann, findet ein Bild von Yves Klein in einer Mülltonne und verliebt sich in Herta die von einem eigenen Restaurant träumt. Anna war mit Ludwig einem Radiosprecher zusammen, der sich quälte - jetzt zeichnet sie mit Bleistift und arbeitet in einem Restaurant; nebenbei hatte sie was mit Ben laufen. Mirella ist aus Italien, lebt in einem Wohnwagen und kannte Yves Klein als sie jung war und er in einer Galerie in Mailand ausstellte. Onnie ist Däne, dünn und hat ein Harnproblem und schnupft Rauschgift; als Mosca ihm helfen will wird das von Ming, einer ehrgeizigen Asiatin, vereitelt. Am Schluß ist ein Fenster offen.

Mich hat der Roman fasziniert und ich mußte weiter- und durchlesen bis ich auf der letzten Seite war. Die Menschen und ihren 2-er oder auch 3-er Beziehungen sind gut spürbar, aber auch die Suche nach wie-will-ich-leben bei denen die Haupt- und Nebenplaneten ist nachvollziehbar.

Die Beziehung zwischen Mosca und Jo ist haptisch und in ihrer Sinnlichkeit schön vorstellbar. Auch die Beziehung zwischen Anna und Ludwig, die Ludwig durch Verletzungen ruiniert, ist in ihrer Körperlichkeit nachvollziehbar.
Als Gegenpole sind Jo der dem abstrakten Klein-Blau nachjagt und Anna die viele Bleistiftzeichnungen ihres eigenen verletzten Körpers zeichnet aufgebaut.

Im Gegensatz zu einem Kriminalroman des Autors bei dem mir die Eigenschaftswörter fehlten, gibt es hier genug vorstellbares und ich konnte in die spannenden Erzählfäden eintauchen.

In Summe : ein grandioses Buch, das ich gerne weiterempfehle !

Yves Klein lebte von 28. April 1928 in Nizza bis 6. Juni 1962 in Paris (Herzinfarkt).

Montag, 17. April 2017

Estelle Ryan : "The Gauguin Connection"

Estelle Ryan :
"The Gauguin Connection (Book 1) (Genevieve Lenard)"
Dateigröße: 1373 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 434 Seiten
Sprache: Englisch
ASIN: B008X3NCRE

Dr. Genevieve Lenard ist eine hyperintelligente etwas autistische junge Frau, die sich ihr Leben geregelt hat und bei einer Versicherung in Straßburg an vielen Computern gleichzeitig arbeitet. Sie wird bei einem Fall von Waffendiebstahl innerhalb einer europäischen Truppe hinzugezogen und der Frage wie diese mit dem Tod einer jungen Künstlerin, die ein Gemälde Gauguin umgewickelt hatte, zusammenhängen. Plötzlich ist sie mit einem Polizisten konfrontiert, einem ehemaligen charmanten Kunstdieb, einem liebevollen Bodyguard und einer sehr effizienten Schlägertruppe. Sie und ihr enger Kreis arbeiten sich durch viele Daten, Listen bis sie einem Kunstfälscherring auf die Spur kommen, die nicht nur Geld waschen sondern die jungen Künstler / = Fälscher töten. Auf einer Party entdeckt sie wer der Machtmensch hinter den Machenschaften ist.

Das Buch ist in Ich-Stil aus Genevieves Sicht beschrieben. Ihre Beobachtungen und Beschreibungen führen durch das Benehmen der Menschen, wobei ihre Betrachtungen über Alpha-Männer vor allem wenn sie sich non-verbal bekriegen sehr unterhaltsam sind. Manchmal amüsiert sie sich, manchmal strengt es sie nur an, weil es ihr Energie kostet und sie durchaus einschreiten muß.
Sie will Körperabstand und muß oft sehr um ihre 50 cm Menschendistanz kämpfen.
Wenn ihr etwas emotional zu nahe geht hilft ihr W.A. Mozart - entweder seine Musik zu hören, oder Takte seiner Musik aufzuschreiben.

Genevieve selbst dürfte eine attraktive junge Frau sein, die durchaus bei Männern ankommt; nur nicht wenn sie sachlich ihre empirischen Beobachtungen über das übliche Lügen / Höflich sein / generelle Mißtrauen zwischen ihren Mitmenschen kundtut.

Philipp ist CEO und Chef der Versicherung, und ihr Mentor und immer wieder Mediator. Er ist ein älterer Herr den Herausforderungen reizen.
Manny Millard ist ein alter Freund von ihm. Er mißtraut allen, v.a. nicht Polizeimenschen, ist vierschrötig geschildert.
Colin Frey, ist ein charmanter Mann, ehemals Kunstdieb, der es schafft Genevieve Vertrauen zu vermitteln, und sie sogar berühren darf. Ihm gehen die Morde an den Künstler am meisten unter die Haut.
Vinnie, ist dessen bester Freund, ein Riese von Mann, der excellent kocht und selbst Genevieves Ansprüchen für Sauberkeit entspricht, weshalb sie ihn als Bodyguard und auch Freund schätzen lernt.
Wieviel die Gruppe allerdings an Kaffee trinkt, ließ sich durch die Kaffeefreude der Autorin erklären.

Ort der Handlung ist Straßburg, wobei hier v.a. Büros und die Wohnung von Genevieve geschildert sind. Spannender als die Locations sind die Menschen, die von Genevieve mit ihren Bewegungen zu- und gegeneinander geschildet werden, und deren Mikrobewegungen mehr Aussage für sie haben, als deren Worte.

Es findet keine wirklich Romanze in den Buch statt, oder gar mühsame Sex-Szene was durchaus angenehm zu Lesen ist, weil die computerlastigen Handlungsstränge für mich viel spannender sind.

Die Geschichte ist in gutem und schönen Englisch geschrieben, und spielt manchmal mit amerikanischem Akzent. Ich mußte immer wieder Vokabel nachsehen die etwas sophisticated waren oder die super-slang-Wörter waren.

Der Stil ist durchaus spannend, sodaß mich die Lösung sehr interessierte; die dann einige offene Ende für Fortsetzung offen ließ.

Ich habe das Buch im Internet legal  mit 0,- EUR Schnupperpreis erworben, es ist aber durchaus den gewohnten Taschenbuchpreis wert. 

In Summe ein sehr lesenswerter Kriminalroman, der mit seinem Mozart-als-Entspannungstherapie-Einsatz durchaus für Musikfreunde interessant sein könnte. Viel Freude beim Lesen !



Estelle Ryan wurde in Südafrika geboren (leide finde ich kein Geburtsjahr). Sie ist viel durch Europa und die Welt gereistSie hat für viele internationale Zeitschriften geschrieben, war Herausgeberin eines europäischen Lifestyle-Magazins und hat auch Liebensromane - unter Pseudonym - veröffentlicht. Sie gilt als Fan von wirklich gutem Kaffee, weshalb es heißt, daß sie in vielen Kaffeehäusern der Welt ihre Bücher schrieb. Die Serie mit 'Dr. Genevieve Lenard'  begann 2012 - im Jänner 2017 erschien der zehnte Band.

Montag, 10. April 2017

Anne Holt : "Schattenkind"

Anne Holt :
"Schattenkind"
Kriminalroman
Original "Skyggedod"
2012, Piratforlaget AS, Olso
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
2013, Piper Verlag
326 Seiten + 2 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-492-30638-6

Vor dem Hintergrund des Terroranschlags des Massakers von Utoya (ein rechtsextremer Einzeltäter bringt insgesamt 77 Menschen um - in Oslo und auf einem Feriencamp in Utoya) wird ein acht-jähriger Buch tot bei seinen Eltern aufgefunden. Da der Bub ADHS hatte, sich immer wieder verletzte liegt der Verdacht eines Unfalls nahe. Kriminalpsychologin Inger Johanne Vik, deren zwei Kinder gerade auf Urlaub sind, wird immer mehr in Fragen ob hier wirklich ein Unfall vorlag gezogen, wobei der junge Polizist Henrik hier auch Fragen stellte. Inger Johanne fragt ihre Freundin, die Mutter des Buben, den Vater, einen guten Freund und trifft auch die Großeltern; Henrik fragt in der Schule nach. Die Lösung ist überraschend, aber durchaus schlüssig, die letzten Seiten dann ganz anders und erschreckend negativ.

In dem Roman werden die Psychologin und der junge Polizist begleitet und ihre Gespräche, Gedanken und Handlungen erzählt. Inge Johanne hat zwei Töchter aus zwei Beziehungen und gilt als gute Psychologin; sie lebt mit Kommissar Yngvar Stubo, der mit dem Terroranschlag beschäftigt ist, zusammen. Henrik ist ein junger dünner Mensch, der viele Phobien hat, aber der Wahrheit um den Buben auf der Spur ist. Die Eltern Ellen und Jon sind eigentlich erfolgreiche Menschen, die ihrem Sohn Sander viel ermöglichen können. Jon ist Chef einer Kommunikationsagentur. Ellen wird als ehemalige erfolgreiche Zahnärztin, dann nur Hausfrau beschrieben. Ihre Wandlung von der Schulfreundin Inger Johannes zu dem Menschen der sein Kind verliert, ist ab stärksten. Joachim ist ein guter Freund und Mitarbeiter von Jon und Freund von Sander, bei dem sich der Bub wohl fühlt. Die eine Großmutter wird als beherrscht beschildert, die andere mehr liebevoll aber weit weg.

Der Terroranschlag bleibt im Hintergrund spürbar, auch weil kein Polizist wirklich Zeit und Energie hat zu prüfen ob der Bub einem Unfall oder einer Absicht zum Opfer fiel. Henrik findet nur wenig Rückhalt bei seinen Fragen, und macht vieles erhebungstechnisch komplett falsch.  An Inge Johanne werden Fragen und Hilfestellungen in beide Seiten gerichtet, die sie innerlich fast zerreißen.
Vermutete Wirtschaftskriminalität findet auch den Weg in die Geschichte, bis hin zu Betrug und Kinderpornos. Belastungen wie unerfüllter Kinderwunsch, Fehlgeburt, künstliche Befruchtung sind weitere Puzzleteile.

Die Geschichte war für mich spannend, weil ich bis zum Schluß gehofft hatte daß sich mögliche böse Verdachte in der Familie des Buben nicht bestätigen. Das Gemisch aus nichts-sehen bis überfordert-sein, Verantwortung teilweise tragen, und Gerüchten die viel zerstören ist sehr emotional.

Das Buch ist dicht geschrieben. Auch wenn für Menschen die Norwegen wenig/nicht kennen die Orte eher nichtssagend bleiben, sind die Häuser, Wohnungen und vor allem die Menschen gut vorstellbar. Der Roman ging mir unter die Haut und hat einiges nach Nachgrübeln verursacht. Viel Freude bei der Intensität des Buches !

Anne Holt wurde am 16. November 1968 in Larvik (im Süden Norwegens) geboren. Sie studierte Jus und arbeitet als Polizeijuristin und Rechtsanwältin. Vom 25. Oktober 1996 bis 4. Februar 1997 war sie Justizministerin der Sozialdemokraten Norwegens, bis sie sich aus Gesundheitsgründen zurückzog. Anfang 1990 begann sie zu schreiben. 1993 begann die 'Hanne-Wilhelmsen-Serie', (bisher sind 10 Bände erschienen) in der die Kommissarin mit einer Frau zusammenlebt. 2001 begann die 'Vik//Stubø-Serie' (bisher 5 Bände). Privat lebt sie mit ihrer eingetragenen Partnerin zusammen.

Montag, 20. Februar 2017

Nagib Machfus : "Miramar"

Nagib Machfus :
"Miramar"
Roman
original "Miramar"
1967
Aus dem Arabischen von Wiebke Walther
1989/2012, Unionsverlag
225 Seiten + 6 Seiten Worterklärungen
ISBN 978-3-293-20591-8

Die Geschichte findet in Alexandria statt, und wird aus mehreren Perspektiven erzählt, wobei in die Historie Ägyptens bis vor den Machtwechsel der Wafd-Partei gegriffen wird. In der Pension der griechisch-gebürtigen Madame Mariana wohnen mehrere Männer unterschiedlichen Alters, die die junge Fellachin Zuchra unterschiedlich betrachten und behandeln. Zuchra ist aus einem Dorf ausgerissen und versucht sich in der Stadt ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen, was in den 60-ern des 20. Jahrhunderts trotz angeblicher Gleichheit nicht einfach ist, da das Benehmen der Männer von respektvoll bis sehr respektlos ist. Am Ende steht ein toter Männerkörper, und daß Zuchra sich eine neue Arbeit suchen muß.

Die Geschichte der fünf Männer, die im Hotel Miramar wohnen, wird aus deren unterschiedlichen Sichtweisen und persönlichen Geschichten erzählt. Keiner der zwei Frauen wird eine Erzählung gewidmet.
   Ausgangspunkte und auch Epilog bietet der alte Journalist Amir Wagdi , der gütig und verständnisvoll die Positionen der Menschen ansieht und auf Revolution(en) und viele Regierungen, und viel Menschliches zurückblickt. Ruhe bieten ihm nur verschiedene Suren.
   Etwas jünger ist der arrogante Tolba Marzuq, der lange Ministerposten und viel Einfluß hatte, und dessen Vermögen nach dem Regierungswandel zerstreut wurde.  Er darf keinen eigenen Blickwinkel anbieten.
Jeder der drei jungen Männer erzählt aus seiner Sicht:
   Husni Allam der sein Geld verjubelt, Frauen ohne Bedenken genießt und in Zuchra zumindest eine Geliebte sieht. Sein Geld möchte er in ein Bordell investieren. Der Stil seiner Sichtweise ist locker und schnell geschrieben. genauso wie er schnell Auto fährt.
   Mansur Bahi, dessen Bruder beim Geheimdienst ist, weshalb er aus Kairo und einer kommunistischen Gruppe gerettet wurde, aber seine Liebe nicht vergessen kann. Leider kann er weder zur seiner Liebe Durrejja stehen, noch politisch etwas weiterbringen. Dafür ist er der einzige der das Wissen um Worte und Geschichte des alten Journalisten zu schätzten weiß, da er beim Radio arbeitet. Er ist grüblerisch, introvertiert, traut sich nichts zu, denkt zuviel nach und explodiert unvermutet.
   Sarhan al-Buheri läßt sich von der Professionellen Sarejja aushalten, verguckt sich in die Zuchra und versucht alles um von ihr erhört zu werden, und flirtet dann mit ihrer Lehrerin. Am Schluß zerfällt alles für ihn : seine Versuche am Schwarzmarkt zu handeln und seine Ideen von Ehe und Geliebter.

Zuchra, die als attraktives Mädchen von dem Land geschildert wird, erzählt selber nicht, aber es wird klar, daß sie in Sarhan verliebt ist/war. Sie bleibt aber geradlinig bei ihrem Ziel lesen und schreiben zu lernen, und mehr zu arbeiten als nur als Ehefrau, Bäuerin oder Hausmädchen, weil sie nicht dumm bleiben will. Einzig Amir sieht dies wohlwollend, und versucht sie bei ihrem Liebeskummer freundlich zu trösten. Selbst die Hotelbesitzerin Mariana hilft ihr am Schluß nicht mehr.

In den Kapiteln sind immer wieder Absätze eingestreut die Dialoge aus der Vergangenheit der jeweiligen Männer quasi einblenden. Diese sind manchmal einfach zu verstehen, manche aber bleiben wegen der ägyptischen (Innen)Politik für mich unverständlich.

In dem Roman wird viel aus der Geschichte Ägypten zur Zeit der Wafd-Partei erzählt, auch daß manche nur einen aktuellen Ausweg entweder bei den Kommunisten oder religiösen Bruderschaften sehen; Amerika bietet keine politische oder lebenswerte Alternative. Auch von einer Revolution 1919 ist zu lesen.

Die Sprache des Autors oder die Übersetzung ist langsam und mit Bildern durchsetzt. Bespiel: "Die Himmelskuppe war von einer Aureole aus gekrempelter Baumwolle umrankt .."(S. 175).

Die Personen sind gut vorstellbar mit ihren Gesichtsbeschreibungen, Stil den sie tragen, die Art wie sich bewegen und temperamentvoll bis introvertiert sind. Die Ort der Handlung (in Alexandria) sind das Hotel in Miramar, die Corniche, verschiedene traditionelle Cafés; gesprochen wird über das Rif (Land) und Feddan (ein Flächenmaß) Land das manche noch haben, anderen aber weggenommen worden war.

In Summe ein schöner Roman, der nicht ganz einfach zu Lesen ist, aber durch seine Personen berührt. Viel Freude beim Lesen.

Nagib Mahfuz (auch Nagib Machfus, Nadschib Mahfus, Naguib Mahfouz, Nadjib Mahfus;) wurde am 11. Dezember 1991 in Kairo geboren. Er studiert Philosophie; ab den 1930er Jahren arbeitete er als Beamter im ägyptischen Bildungsministerium. Er begann daneben Romane zuerst über die Pharaonenzeit zu schreiben, ab den 40-er Jahren dann in zeitgenössischem Ambiente. Mit der 'Kairoer Trilogie" hatte er seinen Durchbruch. 1959 gab es nach 'Die Kinder unseres Viertels' Proteste aus religiösen Gruppen. 1994 griff ihn ein Messerattentäter an, was er überlebte. Er starb am 30. August 2006.

Dienstag, 10. Januar 2017

Mieze Medusa : "Mia Messer"

Mieze Medusa :
"Mia Messer"
Roman
2012, Milena Verlag
210 Seiten + 1 Seite Stammbaum Baruzzi
ISBN 978-3-85286-218-7

(Maria) Mia Messer ist eine junge unauffällige Frau. Sie ist das Ergebnis einer schönen Zeit ihrer naiven Mutter mit einem charismatischen, verheirateten Mann, der noch dazu im Gefängnis sitzt und nichts von seiner unehelichen Tochter weiß. Mutter Johanna Bauernfeind hilft in der Bäckerei ihres Vaters im Niederösterreichischen aus, und verschafft ihrer Tochter den Zugang zur Klosterschule und dem Chor. Als ihre Teilnahme am Chor wegen Intrigen scheitert, büxt sie nach Wien aus - und landet zufällig genau in der Ganovenfamilie ihres unbekannten Vaters. Die Baruzzis nehmen das Mädchen unter ihre Fittiche und lehren ihr 'ihr' Handwerk, bis sie entdecken, daß die junge Frau beim Singen Wirkung auf Menschen hat. Mia's Unauffälligkeit gemeinsam mit technischer Unterstützung gibt ihr die Chance Bilderdiebstähle zu begehen, und sie spezialisiert sich auf Werke von Frauen. Fabio, einer aus der Clique, hilft ihr und auch Sophie, die Tochter des Hauses. Später kommt Ion dazu, der mit aus einer rumänischen Ganovenfamilie kommt und Sophie heiraten wird.

Diese Geschichte wird in Beobachtung von Mia, wie sie leise Lieder singt, erzählt und springt immer wieder im jetzt (im Museum ein Bild aus dem Rahmen schneiden, oder auf der Toilette versteckt warten, oder sich im Zimmer mit Verwandten verstecken) und im früher, wenn sie von der Schule in NÖ oder den Briefen der Mutter ins Gefängnis erzählt.

Mia bleibt durchsichtig, obwohl sie sich frei singen kann, laufen geht und erotisch unterwegs ist. Gegen Ende des Buches sagen ihr ihre Großmutter und Ion, daß sie so gewohnt ist nicht da zu sein, daß sie gar nicht auf de Ausdruck ihres Gesichtes acht gibt und darin dann gelesen werden kann. Ihr Vater ist ein weicher Charakter, seine Frau streng, eine Tante wird nur als "Strichmundfrau" beschrieben, die nur etwas ältere Sophie ist ein bunter Vogel die es in Partydrogen verschlägt aber unverläßlich ist, dafür sind Fabio und später Ion sind verläßlichen Elemente.
Einige strippende Frauen werden beschrieben, deren Bewegungen aber auch wie unterschiedlich sie sind.

Faszinierend finde ich den Strang mit dem Singen. Mia hat innere Lieder mit denen sie sich quasi unsichtbar schalten kann. Im Strip-lokal singt es sie automatisch ohne nachzudenken welches Lied passen kann, und macht damit Stimmung.

Ort der Handlung sind Wien, irgendwo in Niederösterreich, im Zug, in Basel und noch ein Museum. Die Örtlichkeiten sind gut vorstellbar, wenn auch alle etwas grau und nicht farbig.

Bilder folgender Künstlerinnen werden bewegt : Amy Antin, Maria Lassnig, Macheiner, Oswald, Niki de St. Phale.

Die Sprache ist gut verständlich, ab und zu etwas salopp. Witzig fand ich das Vokabel 'hibbelig'.

Der Roman ist gut geschrieben. Es zog mich in die Geschichte hinein, weil ich wissen wollte ob Mia es sich beweisen kann und die richtige Hilfe findet. Happy end im Jane Austen Sinne gibt es nicht.
Viel Freude beim Lesen !

Mieze Medusa (eigentlich Doris Mitterbacher) wird 1975 in Schwetzingen (Deutschland) geboren. Sie zählt zu den fixen Größen in der österreichischen Hip-Hop- und Poetry-Slam-Szene, organisiert und moderiert seit 2004 verschiedene Poetry Slam Formate.
2008 erschien ihr erster Roman "Freischnorcheln" im Milena Verlag.

Freitag, 9. Dezember 2016

Leonardo Padura : "Der Schwanz der Schlange"

Leonardo Padura :
"Der Schwanz der Schlange"
Kriminalroman
original "La Cola de la serpiente"
2011, Tuesquets Editores, Barcelona
Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein
2010, Unionsverlag Zürich
174 Seiten + 3 Seiten Anmerkungen des Autors
ISBN 978-6-293-00440-5

Teniente Mario Conde ist wieder unterwegs, diesmal den Mord an einem Chinesen im chinesischen Viertel von Havanna zu klären. Die Tochter eines Chinesen und einer Afrikanerin, die sehr attraktive Polizistin Patricia Chion, bittet ihn hier mit Respekt vorzugehen, und holt auch die Hilfe ihres verschlossenen Vaters ein. Conde irrt zwischen chinesischer Mafia mit Drogenmöglichkeit, altem Glauben, aktueller Verzweiflung, Abschottung innerhalb der sprachlichen und kulturellen Herkünfte, Alkohol und Sturheit hin und her. Er löst den Fall, ist aber wie gewohnt nicht glücklich damit.

Diesmal schildert der Autor das Leben, die verschwundenen Träume der Chinesen die nach der chinesischen Revolution auf Kuba Geld verdienen wollten, und hier nochmals von einer Revolution überrollt worden. Überleben ging nur unter teilweiser Bewahrung der Rest der ursprünglichen Verhaltensweisen.

Schräg sind die Ausflüge in denen chinesischer Aberglauben, afrikanische Zauber vermengt mit jüdischem Zauber. Worte wie 'mayombe', 'palo', 'nganga', 'zarabanda', 'yoruba' sollten vertraut sein, oder nachgeschlagen werden.

Faszinierend wie das Schönheitsideal von Condes Traumfrau ist - oben schmal, hüftabwärts mehr als breit. Deutlich werden die Bewegungen breiten Hüften und Beine beschrieben. Die Jugendliebe Tamara taucht auf der Suche nach ihren Wurzeln wieder auf.

Condes Wohnung beherbergt einen Goldfisch, der immer wieder Rufino genannt wird. Und Bücher, deren Lesen in aus dem Frust der Polizeiarbeit herausholen.
Im polizeilichen Umfeld sind Sergante Manolo, der Vorgesetzte Mayor Rangel und als Hilfe der dicke Contreras an seiner Seite.

Der Titel des Buches resultiert aus den Condes philosophischen Überlegungen ob die Lösung am Kopf oder am Schwanz der Schlange beginnt.

Der Roman ist dicht beschrieben, und es gut zu verfolgen welche Schritte der Teniente verfolgt. Die Menschen sind gut vorstellbar.

In Summe ein wunderbares Buch, auch wenn es nicht ganz einfach zu Lesen ist. Viel Freude beim Lesen !

Leonardo Padura Fuentes wurde 1955 in Havanna geboren. 1980 schloss er sein Studium der Literatur an der Universität Havanna ab und begann dann als Journalist zu arbeiten. 1989 begann er Kriminalromane zu schreiben, für die er Auszeichnungen erhielt. 1991 erschien das erste Buch mit Teniente Conde, das erst 2003 auf deutsch erschien.

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Juan Pablo Villalobos : "Quesadillas"

Juan Pablo Villalobos :
"Quesadillas"
Roman
original "Si viviéramos en lugar normal"
2012, Editorial Anagrama, Barcelona
Aus dem Spanischen von Carsten Regling
2014, Berenberg Verlag, Berlin
127 Seiten + 2 Seiten Verpflichtung und Dank + 4 Seiten Glossar des Autors + 2 Seiten Anmerkungen
ISBN 978-3-937834-73-3
  
Orest erzählt als zweitältester seiner Familie vom Leben in einem Container, den Gerangel am Familientisch um Käse-quesadillas, Vaters Gefluche über die Politik und seine Geschwister Aristoteles, Archilochos, Kallimachos, Elektra und die zwei-eigigen Zwillingen Kastor und Pollux. Zum Überleben sind Quesadillas, Teigtaschen mit Käse, das wichtigste.
Orest geht in eine schlechte Klosterschule, bekommt ein polnisches verwöhntes Einzelkind als Nachbarn, haut mit Aristoteles ab um die Zwillinge zu suchen und sich dann einige Monate durchs Land zu schlagen. Heimgekehrt muß er dem Nachbarn helfen, der Vater verschläft die politischen Veränderungen und der Container wird zerstört, worauf die Familie beim Melonen züchtenden Großvater Unterschlupf sucht.

Diese ziemlich schrägen Szenariien werden aus Ich-Perspektive von Orest, genau Oreo, geschildert. Er versucht immer wieder wortreich zu überleben, und wird immer wieder durch die körperliche Kraft des älteren Bruders gebremst.

Politisch räumt er mit der Unfähigkeit aber Beliebtheit mancher mexikanischer Präsidenten auf. Das Phlegma, die Sturheit und die absolute Unwillen seines Vaters auf die Veränderungen des Baugrundes sind faszinierend, ebenso wie er dann eine ziemlich hirnverbrannte Aktion etwas Neues aufzubauen startet.

Die Menschen oder auch Typen sind scharf und schrägt gezeichnet.

Der schräge Humor hat mich gut unterhalten. Viel Freude beim Lesen !

Juan Pablo Villalobos  wurde 1973 in Guadalajara, Mexiko geboren. Er studierte Marktforschung und spanische Literatur und lebt in Barcelona. Dort leitet er eine Firma für elektronische Produkte.

Montag, 16. Mai 2016

Tomás González : "Das spröde Licht"

Tomás González :
"Das spröde Licht"
Roman
original "La luz dificil"
2011, Verlag Alfaguara, Bogotá
Aus dem Spanischen von Rainer Schultze-Kraft und Peter Schultze-Kraft
2012, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt a. Main
165 Seiten
ISBN 978-3-10-026605-7

In diesem dichten, etwas spröden Roman erzählt der Maler David sprunghaft von dem Leben seiner Familie, das durch den Autounfall das ersten Sohnes ziemlich umgekrempelt wird. Die Familie war aus Kolumbien zuerst nach Miami ausgewandert, dann lange in New York bis er im Alter mit seiner wunderschönen, erdenden Frau Sarah wieder an La Mesa in Kolumbien siedelt.
In New York sind das Einkommen von Sara als Krankenschwester, sein werdender Ruhm als Mahler und dann der Unfall von Jacobo bestimmend. In dem Roman wird immer wieder auf die Folgen des Unfalls inklusive Schmerzen trotz Rollstuhl, und der Entscheidung den Freitod zu suchen umkreist; die Nacht in der die Schmerzen beendet werden sind der Angelpunkt auf den immer wieder in ganzen Kapiteln später sprunghaft in einzelnen Absätzen zurückgegriffen wird.

David beschreibt alles aus seiner Sicht, wie er zuerst malt und malte während Sara die Familie erhält, und alles organisiert. Er beschreibt die Farben die er sieht und die Formen, die Flammen in seinem Inneren, den Rost der Fahrräder, Pfeilschwanzkrebse, Gischt und wie er sich müht diese auf großformartigen Bildern abzubilden, die sich zum Glück für die Familie gut umsetzen.

Die Familie besteht aus Jacobo der den Unfall hatte, seine Physiotherapeutin und dann Freundin Venus, Bruder Pablo der Photograph wird und der jüngste Arturo der um die Zeit des Freitodes eine flippige junge Freundin namens Amber hat. Ergänzt wird die Familie von Kater Cristobál und Pagagei Sparky. David und Sara finden Freunde, die sie ihr ganzes Leben begleiten, und auch in der Nacht beistehen.

Schön sind die spanischen Ausdrücke, die immer wieder in der deutschen Übersetzung gebracht werden: 'chontaduros' (Süßigkeit), 'Macho sapiens' (etwas böse), 'Pielroja' (ist das eine spezielle Zigarette ohne Zusätze), 'Aguardiente' (kolumbianischer Schnaps aus Anis und Zuckerrohr) bis 'Envigado' (grüne Ausläufer von Medellín).

Der Roman ist nicht so schnell lesbar, weil die Beschreibungen schöne Bilder im Kopf machen und weil die Hoffnung und Angst um den Freitod wie ein Bumerang immer wieder kommen bis ein Schlußstrich kommt. Ein eindrücklicher starker Roman, den ich sehr genossen habe. Viel Freude beim Lesen !

Tomás González wurde am 18. März 1950 in Medellín / Kolumbien geboren. Er studierte Philosophie in Kolumbien, arbeitete hinter einer Bar, betrieb in Miami eine Fahrradwerkstatt, war Journalist und Übersetzter in New York und schrieb Gedichte, Erzählungen und Romane. 2002 kehrte er nach Kolumbien zurück und lebte acht Jahre lang in Chia, einem Städtchen an der Stadtgrenze von Bogotá. Heute lebt er nördlich der kolumbianischen Hauptstadt im Department Cundinamarca.
Sein erstes veröffentlichtes Buch ist 'Primero estaba el mar' in 1983, das auf deutsch 2010 beim Fischer Taschenbuch Verlag erschien.

Montag, 9. Mai 2016

Radek Knapp : "Reise nach Kalino"

Radek Knapp :
"Reise nach Kalino"
Roman
2012, Piper Verlag München GmbH
251 Seiten
ISBN: 978-3-492-30222-7

Julius Werkazy ist mit seinem Technik verliebten Partner Bruno als mäßig erfolgreicher Detektiv tätig. Ein Auftrag ruft ihn in die mysteriöse Stadt Kalino, in der ihn der Chef Osmos persönlich den Auftrag gibt einen Mord (hier Verschwinden, weil die Kalanianer den Tod nicht kennen) des genialen Wissenschaftlers Buschart aufzuklären. Das Leben in Kalino ist jung, attraktiv aber sehr kontrolliert. Es gibt keine Fenster, aber alle persönlichen Daten sind am Auto außen abgedruckt. Werkazy besucht den Chef Wissenschaftler Kliszt, den Chauffeur von Buschart und Witwe Buschart sowie den Gründerfreund von Osmos Dornort mit seiner Assistentin Wiweka. Werkazy durchschaut immer mehr was alles unstimmig ist, bis er mit Hilfe in der Stadt einiges ändern kann und rechtzeitig entkommt.

Der Roman ist gut geschrieben, wobei die Gedanken und Aktionen von Werkazy begleitet werden. Er, der gerne Alkohol trinkt, wird bei der Grenze seines Otards beraubt und mit dem Denkmantel der Gesundheit auf Abstinenz gesetzt. Er muß eine Schlucht hinunterkraxeln, klaut ein superschnelles futuristisches Auto, und trixst die Bewacher aus.
Kalino ist blitzsauber und steril, die Aussicht von der Villa Osmos auf die Stadt grandios, die Türen sind schwer und lautlos, aber eine alte Stadt zerfällt, genauso wie einiges in den Menschen.

In einem Absatz wurde kurz Mord diskutiert; ob nicht das den Geist einschränken genauso Mord wäre. Freies Denken wird in Kalino bereinigt - alles Schädliche wird dem Körper entzogen.

Der Krimi ist gut lesbar, die Geschichte entwickelt sich gut verfolgbar, und die Personen gut vorstellbar. Viel spaß bei Lesen !
 
Radek Knapp, wurde am 3. Oktober 1964 in Warschau geboren. 1976 kam er mit seiner Mutter nach Wien, wo er nach der HAK Philosophie an der Universität Wien studierte. Jetzt lebt er als freier Schriftsteller in Wien und in der Nähe von Warschau.
1994 kam sein Durchbruch als Schriftsteller mit dem aspekte-Preis ausgezeichnete Band »Franio«. außerdem erschienen von ihm : Roman »Herrn Kukas Empfehlungen«, Erzählungssammlung »Papiertiger«, eine »Gebrauchsanweisung für Polen«.

Mittwoch, 17. Februar 2016

Michael Chodorkowski mit Natalija Geworkian : "Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis"

Michael Chodorkowski mit Natalija Geworkian :
"Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis"
aus dem Russischen von Steffen Beilich
2012, Deutsche Verlags.Anstalt
5 Seiten Vorwort Michael Chodorkowski + 2 Seiten Anstelle eines Vorwortes Natalija Geworkian+ 609 Seiten + 11 Seiten Anstelle eines Nachworts von Michael Chodorkowski + 7 Seiten Namensverzeichnis
ISBN 978-3-421-04510-2

In diesem hochinteressanten, aber nicht einfach zu lesenden Buch erzählen der ehemalige Unternehmer Michael Chodorkowski und die Journalistin Natalija Geworkian in abwechselnden Kapiteln über die Zeit in Rußland in den 90-er Jahren den letzten Jahrhunderts, als einige gewiefte und mutige Menschen Geschäfte machten und aufbauten. Hier wurden Lücken im Gesetzt genutzt um eine Bank zu gründen, Firmen zu erwerben und später dann auf Geheiß des damaligen Präsidenten Jelzin diesen auch zu unterstützen. Parallel erhält man den Eindruck, daß es den Menschen in dem Land nicht gut gegangen sein dürfte, wogegen erst Ende der 90-er Jahre Versuche hier aufzufangen gestartet wurden. Der Einstieg ins Öl-Geschäft war ein Wagnis, das durch die wechselnde Ölpreise ein wirkliches Hasard-spiel war; nebenbei wurde die Technologie der Öl-Förderung verbessert, sodaß nicht mehr so viel Schwund erzielt wurde. Die Gruppe hatte mit dem Ölpreis auch Glück und konnte so weitere Firmen erwerben und einen Konzern aufbauen. Unterstützungen an Parteien wurden nach dem Tod Jelzins nicht mehr gut geheißen, wie andere Ziele der Gruppe auch. Einige reisten rechtzeitig aus, andere blieben und wurden verhaftet. Was in dem Buch über die Prozesse, deren Ablauf, die manchmal eigenartigen Anklagen, zu lesen ist, macht kein großes Vertrauen. Die Gelassenheit, oder vielleicht auch Schwerblütigkeit, die der Autor als typisch russisch beschreibt, mag geholfen haben, mit manchem leichter fertig zu werden.

Im letzten Kapitel geht es um Mögliches : hier gehen Wirtschaft - Politik - Wirtschaftspolitik - Politikphilosophie komplex ineinander über.

Ich habe dieses Buch gekauft, als Michael Borissowitsch Chodorkowski noch im Gefängnis saß, aber erst in den letzten Monaten gelesen. Es ist ein beeindruckendes Buch, auch wenn die Rolle bei den Firmenerwerbungen über die Pfandbriefe zwar legal, aber vermutlich nicht ruhmreich gewesen sein dürfte. Dieses Image ist nicht einfach abzuwaschen, obwohl danach viel in Menschen, in Bildung, in die unterschiedlichsten Parteien aller Richtungen und auch in Offenheit des Geldes investiert worden war. Rückwirkend gesehen wäre es interessant zu wissen, wie das Engagement in neueres Denken und neue Strukturen innerhalb der Bevölkerung das Land geändert hätte.

Faszinierend ist wie die Menschen geschildert werden. Chodorkowski selber, sein engster Mitstreiter, Platon Lebedew der auch im Gefängnis saß, Leonid Newslin der es nach Israel schaffte, genauso wie Michael Brudno; aber auch Roman Abramowitsch bis zu Wladimir Putin und seinem Getreuen Igor Setschin erhalten viel Raum. Auch privates wird erzählt, wobei der Eindruck bleibt es hier mit Workoholics zu tun zu haben.

Eigen ist eine Passage in der erzählt wird, daß sich Chodorkowski aussuchen konnte ob er einen russischen oder jüdischen Paß möchte. Für ihn keine Frage als Russen. Ihm wurde jedoch geraten Technisches zu studieren, da er in Geisteswissenschaft aufgrund dieser Frage keine Chancen erhalten würde.

Das Buch ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung: man sollte über Rußland mit seinen Menschen einiges wissen, über die Politik in Rußland, über Erdöl und es ist sprachlich auf hohem intellektuellem Niveau geschrieben/übersetzt.
Sowohl Frau Geworkian  als auch dem Übersetzter Herrn Beilich ist hier zu danken, wie viel sie als hilfreiche zusätzliche Information in Fußnoten dazuschreiben oder anmerken.

In Summe ein faszinierendes Buch, für dessen Lesen ich Monate gebraucht habe, aber es nochmals in einiger Zeit lesen sollte. Die Faszination wünsche ich anderen Leserinnen & Lesern ebenso !

Michail Borissowitsch Chodorkowski wurde am 26. Juni 1963 in Moskau geboren.  Er ist ein russischer Unternehmer, früherer Oligarch  und ehemaliger  Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns Yukos . Von Oktober 2003 bis zum 20. Dezember 2013 befand er sich in Haft.  Kurz vor Weihnachten 2013 wurde Chodorkowski nach seinem Gnadengesuch überraschend begnadigt und freigelassen. Am 25. Dezember 2013 wurde bekannt, dass das Oberste Gericht Russlands zwei gegen Chodorkowski verhängte Urteile überprüfen lässt. Er lebt jetzt im Exil in der Schweiz.

Natalia Geworkjan, 1956 in Moskau geboren, arbeitet seit 1996 für die angesehene russische Zeitung Kommersant, zunächst als Sonderkorrespondentin für Politik und Wirtschaft, heute als Pariser Korrespondentin des Blatts. 1991 erhielt sie die amerikanischen Auszeichnung „Freedom of Press“. Sie veröffentlichte ein Buch über den KGB und einen Gesprächsband mit Wladimir Putin. Michail Chodorkowski lernte sie Anfang der neunziger Jahre kennen.

Steffen Beilich ist bilingual aufgewachsen mit Deutsch-Englisch, und maturierte 1992 in Magdeburg (Deutschland). Er ist Übersetzer für Russisch-Deutsch / Englisch-Deutsch / Belarussisch (Weißrussisch)-Deutsch // Deutsch-Englisch, Deutsch-Russisch; Dolmetscher für  Deutsch-Russisch-Deutsch / Deutsch-Englisch-Deutsch / Englisch-Russisch-Englisch und spezialisierte sich v.a. als Fachübersetzer und Dolmetscher für Umwelt, Klima, Politik und Kultur.