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Samstag, 4. Dezember 2021

Clarice Lispector : "Aber es wird regnen"

Clarice Lispector :
"Aber es wird regnen" - sämtliche Erzählungen II
original "Todos os contos"
2016, Editora Rocco Ltda
Herausgegeben von Benjamin Moser
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby
2020, Pinguin Verlag
Band I war 2019 auf deutsch erschienen
253 Seiten + 3 Seiten Inhaltsverzeichnis + 2 Seiten Auflistung der Originaltitel + 6 Anhang (bibliographische Notizen)
Lesebändchen !
ISBN 978-3-328-60095-4

In diesem Band sind kurze und lange Erzählungen gesammelt. Die Geschichten sind zwischen bezaubernd bis sehr unter die Haut gehend; manche wirken lange nach. Die Erzählungen sind über einen längeren Zeitraum entstanden. 

Von den vielen Geschichten zogen mich vor allem "Wo wart ihr in der Nacht", "Brasilia" und "Bericht vom Ding" zogen mich in ihren Bann.

In den Geschichten ist viel von Einsamkeit und kleinen und großen Unglücken der Menschen zu lesen. Es gibt wenig Hoffnung.

Ich habe einige Monate an den Geschichten gelesen, weil sie weder einfach noch schnell zu lesen waren, und sehr eindrücklich sind. 

In Summe ein sehr intensives, sehr empfehlenswertes Buch. Viel Freude an diesen Erzählungen.

 Clarice Lispektor (eigentlich Chaja Pinkussowna Lispektor) wurde am 10 Dezeber 1920 in Tschetschelnyk / Ukraine geboren. Die Familie kam 1922 in Brasilien an. Sie arbeitete als Lehrerin und schrieb Artikel. 1944 erschien ihr erster Roman "Perto do coração selvagem" (Nahe dem wilden Herzen). Nach der Scheidung schrieb sie weiter Artikel, betrieb eine Zeitschrift, und machte Interviews. Sie starb am 9. Dezember 1977 in Rio de Janeiro / Brasilien.

Freitag, 5. Oktober 2018

Andréa del Fuego : "Geschwister des Wassers"

Andréa del Fuego :
"Geschwister des Wassers"
Roman
original "Os Malaquias"
2010,  Língua Geral, Rio de Janeiro
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Marianne Gareis
2013, Carl Hanser Verlag München
198 Seiten
ISBN 978-3-446-24331-6

Die Malaquias ist eine Familie, bei der die Eltern durch einen Blitz in der Serra Morena sterben, und die drei Kinder aufgeteilt werden. Nico arbeitet am Bauernhof, verliebt sich in Maria und sie bekommen Zwillinge Anesia und Onofre. Antonio ist mit Julia im Kloster. Während Julia bei einer Dame leben darf, entwickelt sich Antonio zum Zwerg. Antonio schließt sich bei Nicos Hochzeit den beiden an. Julia möchte kommen aber es kommt immer etwas dazwischen. Julia bekommt sogar ein Baby, einen Zwerg. Am Ende sind alle am gleichen Schiff; Zufälle verhinden daß Julia wieder Familienanschluß bekommt.
Parallell wird die Geschichte des Grundgrundbesitzers Geraldo, des Geistes Geraldina, des eigenartigen Eneido erzählt, und wie das Wasser das ins Tal gespült wird, vieles inklusive das Dorf vernichtet.

Die Kapitel sind kurz. Sie sind entweder Nico später gemeinsam mit Antonio gewidmet, Julia, oder anderen Handlungssträngen. Selten aber doch verschlängeln sich die Handlungsstränge.

Die Menschentypen sind teilweise bodenständig, teilweise skurril, manche arbeiten, manche tun nichts.
Mich hat am meisten Geraldina fasziniert, die nur kurz Mensch ist, aber meist als Wasser, Schweiß oder sonst in einem wässrig-luftigen Aggregatzustand vorhanden ist.

Die Örtlichkeiten sind einerseits eine Stadt, andererseits einige Fazendas. Das Tal wird zwar mit Wasser überflutet um Strom herstellen, aber sowohl Wasser als auch Strom nehmen ab.

Der Roman ist dicht geschrieben. Die Szenerien laufen vor dem geistigen Auge ab.

Die skurillen Gespräche, Gedanken und Handlungsweisen faszinieren.

Viel Freude beim Lesen dieses Romans.

Andréa del Fuego wurde 1975 in Sao Paulo als Andréa Fátima dos Santos geboren. Sie  studierte Philosophie und ist Schriftstellerin, Journalistin und Bloggerin.

Mittwoch, 9. November 2016

Rafael Cardoso : "Sechzehn Frauen"

Rafael Cardoso :
"Sechzehn Frauen" - Geschichten aus Rio
original "Entre as mulheres"
2007, Editora Record, Rio de Janeiro
aus dem brasilianischen Portugiesisch von Peter Kultzen
2013, S. Fischer Verlag, Frankfurt
312 Seiten
ISBN 978-3-10-010850-0

16 kurze Geschichten über Frau in Rio de Janeiro sind hier gesammelt. Die Frauen im Alter von 6 bis 93 sind aus allen Gesellschafts- und Einkommensschichten, verliebt -entliebt - verheiratet - geschieden - verwitwet, schwanger - kinderlos - mit Kind, reich - arm - arbeitssuchend, hetero- homo-erotisch, reich an Erfahrung bis naiv-freundlich.

Manche Geschichten sind lose miteinander verbunden, wenn einzelne Figuren nicht nur erzählen, sondern auch in anderen Geschichten vorkommen - z.B. Frau Yete, oder so wie ein Raffael/Raffa, ein attraktiver DJ mit grünen Augen, der durch das Leben einiger Frauen geistert, der aber nicht selbst zu Wort kommt.

Das Ende der kurzen Geschichten ist sehr unterschiedlich: bei manchen bleibt alles beim Gleichen, bei manchen dreht sich das Ende zu positivem Ende, bei anderen zerplatzen alle Träume bis keine Hoffnung übrig bleibt.

Leider kenne ich Rio überhaupt nicht weshalb ich die Hinweise auf das südliche Rio bei dem die Menschen anders, reicher, positiver, bunter, lebensfroher geschildert werden.

Skurril finde ich die letzte Geschichte von Ana, die als Stewardess Höhenkrankheit mittel Schokolade bekämpft. Cíntia ist eine wunderschöne aber gehbehinderte Frau - sie erzählt wie Männerfantasien bei ihrem Anblick auf Touren gehen, und wie sie zerfallen wenn sie humpeln beginnt; sie empanzipiert sich von der überbehütenden Mutter. Maria, pflegt mit ihren 93 die demente Schwester und muß mit einem jugendlichen unerfahrenen Einbrecher fertig werden, der nicht versteht, daß er als siebenter Einbrecher nichts mehr vorfinden kann. Auch die Geschichte von Renata hat Faszinierendes; da sie von ihrem Mann keine Aufmerksamkeit und keine Mutterschaft dank seiner Damenbesuche mehr erwarten kann, und sich beides von einer Zufallsbekanntschaft holt, wobei die Ehelüge aufrecht bleibt.

Die Frauen sind sehr gut vorstellbar beschrieben; die Erzählungen die tw aus der Ich-Sicht geschrieben sind ziehen in die Gedanken und Emotionswelt der Darstellerinnen hinein.
Viel Freude beim Lesen.

Rafael Cardoso Denis wurde am 4. Juni 1964 in Rio de Janeiro geboren. Er wuchs ab seinem fünften Lebensjahr in den USA auf und studierte Kunstgeschichte in USA, Brasilien und London; später wurde er Professor für Kunstgeschichte und Kurator von Ausstellungen. Er veröffentlichte sowohl Werke über brasilianische Kunst, als auch drei Romane.

Sonntag, 28. September 2014

Christoph Ransmayr : "Morbus Kitahara"

Christoph Ransmayr :
"Morbus Kitahara"
Roman
1997, S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt
434  Seiten + 2 Seiten Inhaltsverzeichnis
ISBN 3-596-13782-9

Das Buch ist ein wunderschöner, dichter, düsterer Roman der mit feinen und starken Strichen den Untergang einer Region nach dem Krieg erzählt.

Der Untergang ist von oben befohlen : es werden die Schienen zerlegt und Maschinen entfernt, damit die Menschen die früher um ein Konzentrationslager gelebt haben Sühne leisten. Unter den Menschen leben ein Schmied, seine bigotte Frau und ein Junge der zuerst wie ein Vogel spricht und erst spät die menschliche Sprache erlernt. Bering lernt Schmied wie sein Vater und mit Tricks schafft es die Familie, daß sie es ihren Amboß nicht verlieren. Die Schmiedekünste führen Bering zu einem mächtigen Mann, der in einer verfallenen Villa mit herrenlosen Hunden lebt. Sie folgen ihm, weshalb Ambras als Hundeführer gilt. Als dritte Persönlichkeit ist Lily geschildert - sie träumt von Brasilien, ist aber kundig in Geheimpfaden übers Gebirge zu anderen Menschen, zum Leben hin.
Passierscheine gibt es fast nicht zu ergattern, sondern Sühne wird in theatralischen militärischen Shows verlangt. Dann beschließt das Militär auch noch den letzten Stolz der Menschen zu demontieren - den Steinbruch mit grünem Granit. Alle werden ausgesiedelt, da dies Sperrgebiet wird. Jetzt dürfen sie weg - sind aber nicht glücklich. Lily, Bering und Ambras fahren wirklich nach Brasilien - ob jeder zum seinem Ziel, seinem Wunsch kommt ?

Das Buch ist faszinierend geschrieben. Menschen die deprimiert sind, ist diesen Buch nicht zu empfehlen, aber anderen die in diese beschriebene Welt der Düsternis, des Bergwerks, des Militärs das zwingt und demütigt, Bering der sich mit dem Bau eines vogelartigen Autos (die Krähe) verwirklichen darf, eine zarte unerfüllte Liebe zu Lily spüren darf, Ambras dessen Frau (eine zarte schöne Jüdin) schwer mißhandelt wurde und ihm im Steinbruch/Konzentrationslager die Schultergelenke ruiniert wurden, Lily die nie ihr Ziel vor Augen verliert und überall behende durchkommt.

Morbus Kitahara ist das Wort für die blinden / schwarzen Flecken in Berings Augen. Die Frage des Arztes lautet: was willst du nicht sehen ? beantworte die Frage, dann gehen die Flecken wieder weg.

Mich hat die Sprache des Autors mit seinem Metaphern fasziniert. Er schreibt von der 'Wildnis der Kabel' und ähnliche Vergleiche die mich in den Roman hineingezogen haben.

Ich wünsche viel Freude beim Eintauchen in diesen großartigen Roman.

Christoph Ransmayr wurde am 20. März 1954 in Wels (OÖ) geboren. Er studiert Ethnologie und Philosophie in Wien und arbeitete als Redakteur/Autor für Zeitschriften. Seit 1982 ist er hauptberuflicher Schriftsteller. Er hat viele renommierte Preise und Auszeichnungen erhalten.

Sonntag, 4. Mai 2014

Luiz Alfredo Garcia-Roza : "Die Tote von Ipanema"

Luiz Alfredo Garcia-Roza :
"Die Tote von Ipanema" - ein Fall für Kommissar Espinosa
original "Achados e perdidos"
1998, Companhia das Letras, Sao Paulo
aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner
2003, Berliner Taschenbuch Verlag
305 Seiten
ISBN 3-442-76166-22

Kommissar Espinosa wird ein Fall zugeteilt, bei dem eine Prostituierte ermordet aufgefunden worden war. Ihr Freund und Begleiter des Abends zuvor ist der pensionierte Polizist Vieira, der genau an dem Abend seine Geldbörse mit Dokumenten verloren hatte und durch Alkohol ein Loch in der Erinnerung hat. Die Ermordete nannte sich als Prostituierte Magali, privat war sie Lacimar und umsorgte den Pensionierten. Ihre Freundin Flor - ebenfalls Prostituierte übernimmt den Mann und Pflege. Eine andere Freundin Berufsname Vanessa ist sachlich distanziert.
Nicht nur Espinosa ist auf der Suche nach der Geldbörse, auch ein Straßenjunge geht den Dokumenten nach, was ihm, einen anderen Straßenjungen und einer Ansprechperson für diese Buben das Leben kostet. Auf den letzten Seiten erledigen die beiden Männer den Mörder der unschuldigen Straßenjungen und lösen den Mord an Magali.

Liebe, Erotik und Sehnsucht sind für die beiden Männer auf unterschiedlichen Ebenen wichtig. Vieira, verwitwet, den Magali umsorgt hatte, wird von Flor 'übernommen', die ihre Ausstrahlung und schönen Körper tw. sehr bewußt einsetzt. Sie möchte aus der billigen Absteige heraus.
Espinosa lernt bei seinen Ermittlungen die Kunststudentin Kika kennen. Zwischen ihr und dem Kommissar beginnt es zu flirren; daß er die junge attraktive Frau vor einem kalt berechnenden Menschen beschützen muß verstärkt die sich entwickelnde Beziehung.

Die Menschen sind schön beschrieben. Viera und Espinosa als die letzten aufrechten Polizisten. Prostitierte in der Doppelmoral, in der schöne Frauen sich mit Glück etwas hinaufarbeiten können, das triste bis vertrackte Leben der Straßenbuben und deren Ansprechperson Clodoaldo.

Die Szenen sind auf den großen Straßen von Rio de Janeiro mit Bettlern, Straßenjungen, Künstlern, netten Bistros und guten Lokalen; Espinosa denkt mit Vorliebe am Strand über seine Fälle nach.

Der Originaltitel heißt "Achados e perdidos" was auf deutsch "Fundbüro" heißt - "achado" ist das Aufgefundene, "perdido" das Verlorene.

Mir war das Ende fast zu abrupt. Der Handlungsstrang mit der verlorenen Geldbörse und sich daraus entstehenden Drogengerüchten und Morden war mir zu unklar - und zu rasch zu Ende.

Sonst habe ich das Buch genossen und kann es gut weiterempfehlen.

Luiz Alfredo Garcia-Roza wurde 1936 in Rio de Janeiro geboren. Er unterrichtete 35 Jahre Psychoanalyse und begann danach als Schriftsteller zu arbeiten. Bereits mit seinem ersten Roman hatte er 1996 seinen literarischen Durchbruch. Bis jetzt sind zehn Bücher von ihm erschienen - einige in mehreren Sprachen. Kommissar Espinosa spielt oft die zentrale Rolle.

Montag, 30. Dezember 2013

Stefan Zweig : "Brasilien"

Stefan Zweig :
"Brasilien" - Ein Land der Zukunft
1941 erstmals bei Bermann-Fischer Verlag AB, Stockholm erschienen
Insel Taschenbuch 4208
2013, Suhrkamp Berlin
275 Seiten
13 Seiten Einleitung von Stefan Zweig
13 Seiten Nachwort von Volker Michaels, Frankfurt a. Main 1994
ISBN 978-3-458-35908-1

Das Buch ist ein wunderbares Buch mit wunderschöner Sprache, schönen Bildern im Kopf und spannend geschrieben. Der Roman eignet sich weniger zum Querhinunterlesen sondern es ist schöner hier die Sätze, Metaphern bewußt und konzentriert zu lesen, auch wenn das mehr Zeit benötigt.

Vor allem die Geschichte grandios erzählt. Auf diesen Teil wieder immer wieder zurückgegriffen, wenn die Wirtschaft extra erzählt wird oder einzelnen Städte in ihrem auf und ab mit der Entwicklung der Rohstoffe wie Kautschuk, Kakao oder Kaffee reflektiert. Am willkürlichsten liest sich der Teil als der Goldrausch ausgebrochen war, und zwei Generationen später bereits erloschen war.

Die ersten 80 Seiten Geschichte sind spannend erzählt. Fast so spannend wie ein gut geschriebener Thriller. Brasilien wurde meist in Ruhe gelassen, die hohen Erwartungen die an die von den Spaniern entdeckten Länder gerichtet waren und zu derem raschen kulturellem Ruin führten, fand hier nicht statt. Dafür haben hier die Jesuiten über Generationen viel an Schulung durchgeführt, die später von den eigenen Landsleuten durch Menschenraub zunichte gemacht wurde. Dann kam interimistisch der portugiesische Königshof um den europäischen Wirren zu entfliehen. Für Rohstoffgewinnung brachten später Schiffe ladungenweise Arbeiter aus Afrika. Zuwanderer kamen aus Deutschland, Holland etc ..

Das Völkergemisch aus ausgewanderten und angelieferten Menschen bietet ein vielfältiges Kulturangebot, das sich Kirchen der verschiedensten Ausstattungen wiederspiegelt. Wie Stefan Zweig die vielen unterschiedlichen Kirchen in Bahia, 'der alten Dame', beschreibt macht Freude zu lesen.

Stefan Zweig betrachtet Literatur, Lyrik, Musik,  Architektur, das reiche Pflanzenangebot und die Freundlichkeit der Menschen und im Miteinander. Er sah sich Kaffee und Kautschukplantagen an, und auch den damals aktuellen Stand der Goldgewinnung. Hier war er enttäuscht, denn keine Sinnlichkeit war zu spüren, obwohl so viel Arbeit in der Gewinnung steckt, die dann wegegesperrt wird

Hochinteressant ist zu lesen wie er Rio de Janeiro, Sao Paolo, Bahia, die Goldstädte, Recife in ihren Unterschiedlichkeiten vergleicht und auch Lebensqualität wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und kulturelle Umgebung eingeht.

Das Buch ist nicht unumstritten. Teilweise wird behauptet, daß das Buch quasi ein Auftragswerk im Gegenzug zum guten Leben in Brasilien sei. Im Nachwort ist vermerkt, daß Zweig vorgeworfen wurde zu positiv über Brasilien schrieb und die durchaus existierenden Probleme schön schrieb. Bei den Absätzen in denen er die Favelas in Rio pitturesk beschreibt und die Neger (er verwendet das Wort) so nett und freundlich und unbekümmert ihre Blechbehausungen gelassen von einem Hügel auf den anderen tragen, versteht man diese Überlegungen.

Vorwort und Nachwort sind hier absolut empfehlenswert ebenfalls zu lesen. In Summe ein großartiges Buch, das ich großteils genossen habe. Viel Muße und Freude beim Lesen !

Stefan Zweig wurde am 28. November 1887 in Wien geboren. Er war rasch als Romancier anerkannt und seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Er reiste viel und lernte über den PEN-Club Brasilien kennen. Als der von ihm initiierte Verlag nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten seine Werke nicht mehr drucken durfte, und es auch in Österreich (Zweig lebte in Salzburg) eng wurde, nahm er die Einladung in Brasilien zu leben - nach Scheidung für Neuvermählung - an. Trotzdem nahm er sich 1942 in Petrópolis, Brasilien, das Leben.

Dienstag, 6. August 2013

Patricia Melo : "Leichenraub"

Patricia Melo :
"Leichenraub"
Original: "Ladrão de Caváderes"
2010, Editora Rocco
aus dem Brasilianischen von Barbara Mesquita
2012, Tropen bei Klett-Cotta
   Seiten
ISBN: 978-3-608-50118-6

Auf dem Cover dieses Buches steht Tropenthriller. Der Roman erzählt die Geschichte eines Mannes dem Drogen in die Hände fallen.

Der Erzähler, ein ehemaliger Unternehmer der Call-Center führte und die Leute dort schulte, mußte wegen einer Ohrfeige und darauf folgenden Selbstmord die Hauptstadt Sao Paolo verlassen. Jetzt lebt er mit der Polizistin Sulamita in Corumbá, einer kleiner Stadt nahe Bolivien und Paraguay. Er findet ein Flugzeug, einen sterbenden Piloten und Drogen. Die Drogen verkauft er heimlich. Bei der reichen Familie des Piloten findet er durch Zufall Arbeit. Durch die Zusammenarbeit mit einem Freund beginnt sich die Spirale zu drehen und es ist spannend zu lesen wie er, die ich-Person, aus dem Schlammassel findet.

Der Ich-Erzähler ist ein normaler egoistischer Zeitgenosse. Er hat zwar schlechtes Gewissen, aber daraus leitet er kein besseres Handeln ab, sondern sieht zu wie sich alles entwickelt. Erst als ihm die Pistole angesetzt wird, überlegt er wie was wer wie lösen kann. Nebenbei betrügt er seine Freundin mit der Freundin seinen Cousins, was ihm zwischendurch leid tut. Das einzig Nette das er tut, ist daß er sich um die alte Indio-mutter seines Freundes kümmert.

Seine Freundin Sulamita arbeitet zuerst bei der Polizei, dann auf der Gerichtsmedizin. Als er ihr endlich seine Probleme gesteht, entwickelt sie Plan B und zieht ihn durch. Sie träumt von Liebe, Familie, eigener Landwirtschaft und wird als konsequenter Mensch geschildert, dem Werte und Illusionen vor den Augen zerfallen. Ihr Wendepunkt ist als sie merkt, daß Polizistenkollegen die sie für integer gehalten hatte, genauso korrupt sind wie andere auch.

Die reiche Familie des Piloten wird als beruflicher Vater, emotionale liebevolle und daher todtraurige Mutter und einige Angestellte geschildert. Der Vater wirft ihn am Schluß hinaus - ob er Komplott und Betrug durchschaut hat ?

Eigen sind der Drogenmann den der Erzähler später kennen lernt und die Art wie zwischen Bolivien und spanisch-portugiesisch nicht verstanden wird. Macht ist wichtig, aber auch Nicht-Kommunikation.

Der Erzählstil ist eher in kurzen Sätzen. Es kommt selten Stimmung bei den Beschreibungen auf - und wenn dann sind es abgeblätterte Wände, dreckige Straßen, Alkoholiker und freundlose Beobachtungen. Es ist schwer in dieser Umgebung Hoffnung zu finden.

In Summe ein Buch das Eindruck macht und die Frage themasisiert wie leicht es ist vom korrekten Weg abzukommen. Ein empfehlenswertes Buch.

Patricia Melo ist am 2. Oktober 1962 in Sao Paolo auf die Welt gekommen. 1996 ist ihr erstes Buch erschienen. Mittlerweile wurden 11 Bücher von ihr veröffentlicht. Ihre Themen sind Politik, meist gemischt mit Kriminalität.

Samstag, 27. Juli 2013

Carmen Stephan : "Mal Aria"

Carmen Stephan :
"Mal Aria"
2012, S. Fischer Verlage
200 Seiten
ISBN: 978-3-10-075141-6

In diesem dichten, spannenden und eindrücklichen Roman in 13 Kapiteln erzählt ein Mosquito - genauer ein weiblicher Anopheles - wie er die Krankheitserreger überträgt, begleitet seinen letzten Menschen und schildert nebenbei die Medizingeschichte über die Malaria bis zur Entdeckung die Erreger und Transporteure der Krankheit.

Carmen und Carl machen einen Ausflug in den Regenwald. Dort wird Carmen von der Stechmücke gestochen, der sie zuvor begleitet hat und ihr auch weiterhin treu zu Seite steht. Es ist gerade Dengue-epidemie und niemand nimmt sich die Mühe das Blut der jungen Frau zu untersuchen, oder sie abzutasten. In 13 Tagen baut sie ab, ihre Organe zerlegen sich und erst am Schluß dechiffriert ein Arzt die Symptome richtig.

Während Carmen zerfällt erinnert sich ihr Geist an Momente aus ihrem Leben, wie die Großeltern in Bayern, ihren Freund Carl den sie schon früher nach Deutschland zurückgeschickt hatte und daß sie im Regenwald doch keine Riesenfrösche gesehen hat.

Malaria galt lange als "römische Krankheit", da der Körper um die Geißeln loszuwerden sehr hohes Fieber entwickelt. 'Mal Aria' heißt schlechte Luft, weil man dachte daß die schlechte Luft in den Tropen die Menschen erkranken lassen. Die Italiener, dann die Franzosen, dann ein beharrlicher Engländer und am Schluß wieder ein Italiener forschten über zwei Jahrhunderte bis zuerst der Erreger (die Geißeln) und dann der Transporter (die Anopheles .. ) klar war. Alle Methoden die Mücken zu vernichten haben sie stärker, resistenter gemacht.
Bis heute muß die Krankheit rasch erkannt und behandelt werden. In Afrika gilt der Spruch : es ist solange Malaria bis keine andere Krankheit bestätigt ist. Die fiktive junge Frau im Roman in Brasilien hatte nicht das Glück.

Der Roman wird aus der Ich-Sicht des Mosquito erzählt, der sich aus irgendeinen Grund um Carmen sorgt. Er spürt das Blut der jungen Frau, kann die Gedanken mitbekommen und erzählt ihre Gefühle und Gedanken.
Dazwischen springen die Gedanken zur Geschichte der Malaria und wie Menschen einerseits mit Insekten umgehen (Angst, Mosquitonetz, Ekel auch wenn das Tier erschlagen worden war) und Abgrenzungen zwischen Insekt und Mensch (wann von Gott geschaffen, welche Hirnleistung möglich und der Mensch nicht nutzt sondern drücken läßt, was Insekten [viel] und Menschen [wenig] leisten). Diese infragestellenden Absätze sind hochinteressant und schwingen nach dem Lesen noch länger nach.

In Summe ein großartiges Buch, das mich die ganze Lesezeit fasziniert hat. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.

Carmen Stephan, geboren am 1. August 1974 in Bayern, wohnt in München. Sie arbeitet einige Zeit als Journalistin für Zeitschriften. Sie lebte als Autorin für mehrere Jahre in Rio de Janeiro. 2005 erschien der Geschichtenband 'Brasília Stories'

Montag, 20. Februar 2012

Jô Soares : "Sherlock Holmes in Rio"

Jô Soares :
"Sherlock Holmes in Rio"
1995, Companhia das Letras, Sao Paulo
"O Xangô de Baker Street"
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner
1997, Insel Verlag
307 Seite
auf den U2 und U3 ein alter Stadtplan von Rio
sorry - in der alten Ausgabe (hardcover, rot) fand ich nirgends eine ISBN
(aber aus dem Internet fand ich: ISBN-10: 3458168400 ; ISBN-13: 978-3458168409)

Der humorvolle, und leicht respektlose Kriminalroman ist gut zu lesen und macht Spaß.

Der Geliebten des Königs wird eines seiner Geschenke gestohlen - eine Stradivari. Junge Frauen werden ermordet - es ist kein Schema bei den Frauen zu erkennen. Sarah Bernhardt, die große Umschwärmte + Bewunderte, gastiert in Rio und empfiehlt den größten Detektiv, der ihr einmal geholfen hat, zu Hilfe zu rufen. Sherlock Holmes und Dr. Watson kommen wirklich.
Kommissar Mello Pimenta freut sich über die Unterstützung. Leider werden noch 2 Frauen ermordet, aber die verschwundene Geige taucht - allerdings ohne Saiten - wieder auf. Da je eine Saite in den ermordeten Frauen gesteckt war, schließen alle, daß der Serienkiller damit seinen persönlichen Zweck erfüllt hat und nicht mehr morden wird. Die gefeierte Schauspielerin und die beiden Briten fahren wieder nach Europa.

Der Begriff des Serienkiller wird diesmal von Holmes geprägt, der sein portugiesische vor Ort testet. Alle sind fasziniert. Witzigerweise sind seine - uns durch Doyle - gewohnten Schlußfolgerungen jedesmal grottesk falsch, und auch sonst ist der berühmte Detektiv eher als Mensch der die Schönheit v.a. einer Frau entdeckt und v.a. Cannabis zu schätzen lernt gezeichnet. Er läuft in weißem Anzug herum und befremdet damit alle Brasilianer, die lieber in europäisch zu warmer Kleidung schwitzen.

Watson hat noch weniger als sonst zu lachen - aber : ihm wird die Erfindung des Caipirinha in die Schuhe geschoben, da er tw. wie ein Hirt angezogen ist, um die brasilianischen Temperaturen besser zu ertragen.

Mit viel Witz ist beschrieben, wie sich Kaiser, Hofstaat, die schleimenden Hofschratzen benehmen - Gegenpol sind einige Bohemiens wie die Operetten schreibende und rauchende Chinqhinha, der Buchhändler Miguel Solera de Lara und paar andere Marques von verschiedenen Intelligenzgraden und passenden oder eben nicht passenden Bemerkungen.
Eine andere Welt ist die der schwarzen Sklaven, die als Sache gehandhabt werden, sich aber tw. ihre eigene Sprache und Magie bewahrt haben. Sie haben das Gespür für den Serienkiller, nehmen das Bösartige wahr und lenken Holmes auch auf die richtige Spur - wo sie dann versandet.

Ich habe den Krimi als Entspannung zwischen einem anspruchsvollen, aber großartigen Buch gelesen und mich sehr gut dabei unterhalten und entspannt. Wer kein bierernster Sherlock-Holmes-Fan ist und ihm seine Amour in Brasilien zu gönnen bereit ist, wird den Roman hoffentlich genießen. Wer einen who-dunn-it-Krimi sucht, kann auch hier mitraten wer der Mörder ist - die Lösung ist beschrieben.
Viel Lesevergnügen im rauschhaften Rio.