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Samstag, 4. Dezember 2021

Clarice Lispector : "Aber es wird regnen"

Clarice Lispector :
"Aber es wird regnen" - sämtliche Erzählungen II
original "Todos os contos"
2016, Editora Rocco Ltda
Herausgegeben von Benjamin Moser
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby
2020, Pinguin Verlag
Band I war 2019 auf deutsch erschienen
253 Seiten + 3 Seiten Inhaltsverzeichnis + 2 Seiten Auflistung der Originaltitel + 6 Anhang (bibliographische Notizen)
Lesebändchen !
ISBN 978-3-328-60095-4

In diesem Band sind kurze und lange Erzählungen gesammelt. Die Geschichten sind zwischen bezaubernd bis sehr unter die Haut gehend; manche wirken lange nach. Die Erzählungen sind über einen längeren Zeitraum entstanden. 

Von den vielen Geschichten zogen mich vor allem "Wo wart ihr in der Nacht", "Brasilia" und "Bericht vom Ding" zogen mich in ihren Bann.

In den Geschichten ist viel von Einsamkeit und kleinen und großen Unglücken der Menschen zu lesen. Es gibt wenig Hoffnung.

Ich habe einige Monate an den Geschichten gelesen, weil sie weder einfach noch schnell zu lesen waren, und sehr eindrücklich sind. 

In Summe ein sehr intensives, sehr empfehlenswertes Buch. Viel Freude an diesen Erzählungen.

 Clarice Lispektor (eigentlich Chaja Pinkussowna Lispektor) wurde am 10 Dezeber 1920 in Tschetschelnyk / Ukraine geboren. Die Familie kam 1922 in Brasilien an. Sie arbeitete als Lehrerin und schrieb Artikel. 1944 erschien ihr erster Roman "Perto do coração selvagem" (Nahe dem wilden Herzen). Nach der Scheidung schrieb sie weiter Artikel, betrieb eine Zeitschrift, und machte Interviews. Sie starb am 9. Dezember 1977 in Rio de Janeiro / Brasilien.

Samstag, 29. Februar 2020

Ada Dorian : "Betrunkene Bäume"

Ada Dorian :
"Betrunkene Bäume"
Roman
Ullstein Verlage 2016 / 2018 Taschenbuchausgabe
263 Seiten
ISBN 978-3-548-29050-8

Erich in Hamburg, dessen Augen immer weniger funktionieren, trifft auf die Jugendliche Katharina, die aus dem Haushalt mit der Mutter abgehaut ist und der ein machtgieriger Mann mit Drogen hilft. Katharina hat Verständnis für seine Liebe zu den Bäumen, und dafür, daß er sein Schlafzimmer fast in einen Wald verwandelt hat. Jahrzehnte zuvor hat Erich den Welt in Sibirien gemeinsam Wolodja, und dessen Hund Laika, die Undurchdringlichkeit der Wälder kennen gelernt. Dort lernte er auch seine spätere Frau Dascha kennen, die in Deutschland unglücklich war. Erich schafft es mit seiner letzten Verbindung nach Rußland, Katharina einen Wunsch betreffend des Vaters zu erfüllen.

In schöner Sprache wird diese Geschichte von Menschen in ihrer eigenen Welt und ihrer Kommunikationslosigkeit erzählt. Katharina sehnt sich nach ihrem Vater der meist außerhalb Deutschlands arbeitet und hat einen netten Schulkameraden. Erich träumt von seinen Bäumen damals ins Rußland, den Menschen dort, seiner Frau die nicht mehr ist. Wolodja ist nur Vergangenheit aber mit seiner blinden Vertrautheit mit dem Wald faszinierend. Daschas Tochter Irina macht in Deutschlnd karriere, versucht ihrem Vater zu helfen, und versteht spät welche Hilfe er wirklich möchte.

Die Region in Rußland, hier Srednekolymsk, mußte ich mit dem Finger auf der Landkarte suchen. Wie in dem Roman über Permafrost und schwankenden Bäume, die wie betrunken wirken,  geschrieben wird, fängt die Stimmung wunderschön ein.

Die Figuren des Roman und die Schilderungen der Bäume und der Einsamkeit zieht nach den ersten etwas mähsamen Seiten in den Bann. Ein wunderbares Lesevergnügen ! 

Ada Dorian  wurde am 12. September 1981 in Hannnover geboren. Sie studierte an der Universität Osnabrück Literarutwissenschaften und Philosophie. 2009 erschien der erste Roman "Frühling zwischen den Stühlen". "Betrunkene Bäume" wurde am Ingeborg Bachmann Preis vorgelesen.

Samstag, 30. März 2019

Reinhard Kaiser-Mühlecker : "Enteignung"

Reinhard Kaiser-Mühlecker :
"Enteignung"
Roman
2019, S. Fischer Verlag
218 Seiten
ISBN 978-3-10-397408-9

Ein Journalist mittleren Alters der viel Erfolg gehabt hatte, lebt im Haus der verstorbenen Tante, schreibt kleine Artikel und Glossen in einem Ortsblatt und fliegt zu Entspannung mit kleinen Flugzeugen. Weil ihm langweilig ist, rutscht er in eine erotische Beziehung mit der Lehrerin Ines. Durch einen Zeitungsartikel kommt er wieder mit einem Schulkollegen Flor in Kontakt und beginnt auf dessen Schweinebauernhof als Hilfskraft mitzuarbeiten. Die Frau des Bauern, Hemma, beginnt ihn zu faszinieren was zu geheimen Treffen führt, und er bemerkt, daß Flor ebenfalls eine geheime Beziehung mit Ines hat. Der Gemeindebedienstete Benam macht Flor Probleme, und Parker der Chefredakteur rutscht ins Burn out. Am Schluß gibt es zwei Tote, und der Ich-Journalist und Parker verlassen den Ort.

Die Geschichte wird aus Ich-sicht erzählt. Jan / Walter gleitet als Beobachter ohne emotionale Beteiligung oder Ziel durch das Leben. Ihn überrascht, daß er eifersüchtig bei Ines wird, und auch daß ihm die Zeit mit Hemma wichtig wird. Einzig der Kater und das kümmern um ihn, sowie das Grab der Tante sind ihm wichtig. Am Ende steht wieder Unbeteiligung und Beobachtung.

Das politisch-ökologische Drama bei dem Flors Wald enteignet wurde, um einem Windpark in einer windlosen Gegend zu bauen, läßt ihn kalt; auch daß Benam eine Baugenehmigung an Flor wegen persönlicher Rache nicht weitergibt, ebenfalls.

Ort der Handlung ist eine Stadt in der österrechischen Provinz, von der wenig spürbar ist. Es wird nur der Supermarkt genannt, und das lokale Zeitungsblatt.
Die Zeitspanne ist von heißem Hochsommer, über Winter, bis es wieder warm ist.
Die Landschaft ist oft von oben aus dem Flugzeug beschrieben und zeigt die Größe von Wald und Landwirtschaft.

Die Sprache und die Beschreibungen haben mich in den Bann gezogen. Die Szenerien sind wie mit einem Aquarellpinsel gezeichnet.
Umso mehr haben mich die nicht-österreichischen Formulierung wie "hoch sehen", "sich auf einen Stuhl setzen" und "schöner Wein" gestört. Hier sollte ein Lektorat die österreichische Sprache nicht für den deutschen Markt zurecht korrigieren, da sie bei dem Autor nicht stimmig ist.

Angenehmerweise ist von vielen erotischen Treffen in dem Roman nur eines eindeutig geschildert, bei den anderen gibt es nur ein kurz davor und kurz danach, und bleibt damit im dem Leser/der Leserin vorstellbaren oder streichbaren Raum.

Auf dem Cover ist die Zeichnung einer schlafenden Katze eines niederländischen Zeichners. Es ist nett, daß eine Katzenabbildung auf dem Cover mit einer Katze im Roman korreliert.

In Summe hat mich dieser Roman fasziniert, seine unbeteiligte Hauptfigur, die Schilderungen der Ausflüge im Flugzeug und der Landschaften. Viel Freude beim Lesen und Genießen !

Reinhard Kaiser-Mühlecker wurden am 10. Dezember 1982 in Kirchdorf an der Krems  geboren und wuchs in Eberstalzell (Traunviertel / Oberösterreich) auf. Er studierte Landwirtschaft, Geschichte und internationale Entwicklung in Wien. 2008 erschien sein erster Roman "Der lange Gang über die Stationen". Der siebente Roman - ein Dorfroman - "Fremde Seele, dunkler Wald" gelangte auf die Shortlist 2016 des deutschen Buchpreises. "Enteignung" ist sein achter Roman.

Samstag, 22. September 2018

Wilhelm Genazino : "Bei Regen im Saal"

Wilhelm Genazino :
"Bei Regen im Saal"
Roman
2014, Carl Hanser Verlag München
154 Seiten
ISBN 978-3-446-24596-9

Ein 43-jähriger eher erfolgloser Mann plaudert über seine Zuneigung zu Sonja, ihre Körperlichkeit, seinen unbezahlten Job als "Überwinder", dann einem Redakteursjob und seinen Betrachtungen über das gewöhnliche Leben. Beim "Überwinder" handelt es sich um Gespräche mit Menschen, die über Probleme reden wollen und diese überwinden wollen; er möchte das für sein Leben nicht machen.

Nicht uninteressant sind Wortschöpfungen wie Nicht-Ereignisse. 'Inneres Verschrobensein' beschreibt er seinen Zustand, der sehr gut das Chaos und die Unentschlossenheit der Hauptperson umfaßt.

Etwas nervig sind seine erotischen Phantasien, die Schilderungen von fad-gemütlichem Sex, und seiner Fixierung auf den offenbar großen Busen seiner Freundin, der offenbar genauso groß wie der seiner oft bedachten verstorbenen Mutter ist. Auch auf die Gegend zwischen den Beinen von Sonja scheint er fixiert zu sein.

Auf dem Cover ist ein liebevolles Päarchen im Stil der 50-er Jahre vor einer Berglandschaft abgebildet. Nichts davon ist in dem Buch zu spüren - kein Päarchen, keine Berge, kein Miteinander.

Leider passiert in den zwölf Kapiteln wenig Merkbares.
Die Beschreibungen von dünnen Socken, dünner Unterwäsche, viel Ungepflegtheit, und viel Armseligkeit durch Faulheit nerven ziemlich. Unterhaltsam wird die Figu,, dann wenn sie sich der aktuellen Digitalisierung komplett entzieht, indem maximal nur ein altes Radio in der Wohnung ist, sowie eine alte Tasten-Schreibmaschine.

Das Buch ist mühsam zu lesen, und die Hauptfigur hat für mich leider nicht an Reiz gewonnen. Das Ringen um Liebe, das auf der Rückseite des Covers versprochen wird, ist für mich nicht spürbar. Vielleicht macht anderen Leserinnen & Lesern dieser Roman mehr Freunde als mir.

Wilhelm Genazino wurde am 22. Jänner 1943 in Mannheim geboren. Er arbeitete als Voluntär bei einer Zeitung, bevor er Germanistik, Philosophie und Soziologie studierte. Dann arbeitete wieder als Journalist und Redakteur bis nur noch freier Schriftsteller wurde. Sein erster Roman erschien 1965. Jetzt lebt er in Frankfurt am Main.