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Donnerstag, 10. April 2025

Alaa al-Aswani : "Der Jakubijan-Bau"

Alaa al-Aswani :
"Der Jakubijan-Bau"
original "Imârat Ya'qûbyân!
2002, published by arrangement with the American University in Cairo Press
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
(2007), 4. Auflage 2011, Lenos Pocket 123, Basel
354 Seiten + 2 Seiten 'Die wichtigsten Personen' + 7 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-85787-723-0

Der "Jakubijan-Bau" in der Suleiman Pascha Straße hat schöne Wohnungen, schöne Geschäfte und je höher es geht umso einfachere Behausungen, vor allem auf dem Dach. In diesem Roman erzählt der Autor das Leben einiger wie ihnen das Leben spielt oder auch wie sie mit dem Leben anderer spielen.
Taha lernt und will auf die Polizeischule, was ihm trotz seiner Noten nur wegen seiner Abstammung zu einem Torhüter verwehrt wird. Ihm wird mitgeteilt daß er studieren darf, lernt dort sehr gläubige Menschen kennen und folgt einem manipulativen Scheich. Sein Aufenthalt im Gefängnis bringt ihn weiter auf die aggressive Bahn, die schlecht für ihn ausgeht.
Buthina ist seine ehemalige Freundin. Als intelligente Frau ohne Vater kann sie nicht weiterstudieren, muß arbeiten gehen und lernen wie man als hübsche Frau mit lästigen Männern umgeht. Durch eine List wird sie Assistentin von Saki, einem nicht mehr ganz jungen Bonvivant mit Faible für schöne Frauen. Sie hilft ihm und die Geschichte geht gut für sie aus.
Hatim ist ein gescheiter, belesener aber einsamer und homosexueller Chefredakteur. Seine Verbindung zu einem jungen attraktiven verheirateten Soldaten wird für den jungen Mann immer problematischer. Hatim hilft ihm weiter, die Beziehung hat keine Chancen.
Hagg ist ein Unternehmer mit vielen Beziehungen und dem Wunsch auch politisch aufzusteigen. Er findet immer die richtigen Leute die ihm die richtigen Ratschläge geben - sei es für die Politik als auch für sein Privatleben. Er heiratet heimlich die junge schöne Suad, wobei sie nur als seine geliebte gilt und kein Kind von ihm haben darf. Als doch ein Kind entsteht weiß ein machtbewußter Scheich wie man auch dieses Problem - dem Koran zum Trotz - erledigt.
Als Nebenfiguren gibt es den Diener von Saki, der geschäftstüchtig ist und mit seinem Bruder weiß wie man gut mit Nebengeschäften und Brutalität durchkommt.

Die Menschen sind teilweise gut gezeichnet, manchmal auch etwas plakativ. Die Lebensgeschichten der einzelnen Menschen ist intensiv geschrieben, die einen in ihrer durch Ungerechtigkeit angestachelten religiöser Überzeugung, andere die durch Anpassung versuchen etwas besser zu leben.

Die beiden Scheichs werden skrupellos geschildert, der eine für die religiöse Sache, der andere zum Nutzen der Reichen und Schaden der Armen.

Unter die Haut ging mir das Schicksal von Suad, die als zweite Frau vollkommen rechtlos ist, mit deren Bruder ein Vertrag über sie gemacht wurde, die ihren eigenen Sohn aus der Ehe davor nicht sehen darf, aber einem ältlichen Mann die reizvolle Frau spielt; sie paßt sich auch an als der Scheich kommt. Wie dann die Rache der Mächtigen über sie kommt fand ich schaurig.

Die Beschreibungen von Gewalt sind deftig, genauso von Sexualität. Der Roman ist kraftvoll wie er zwischen von den Schicksalen der Menschen erzählt, auch wenn er den Tod des kleines Kind des Freundes von Hatim beschreibt, oder die noch stärkere Verzweiflung Hatims auf der Suche nach Liebe und Beziehung als andere Figuren in dem Roman.

Mit den Orten der Handlungen konnte ich wenig anfangen, mir sind die Menschen nahe gegangen.

In Summe ein starker Roman, bei dem ich manchmal auch mit weniger Brutalität verstanden hätte, was der Autor bezweckt.

ʿAla' al-Aswani (vom Verlag verwendete Transkription Alaa al-Aswani) wurde am 26. Mai 1957 in Kairo geboren. Er war in Kairo im Lycee und studierte später Zahnmedizin in Kairo und Paris, mit späterer Weiterbildung in USA. Er ist Wortführer für die demokratische Opposition in Ägypten, war wichtig bei dem Sturz Mubaraks 2011. 2002 veröffentlichte er den Roman ʿImarat Yaʿqubian' (Der Jakubijan-Bau), 2006 schrieb er den Roman (ar.: 'riwayah') 'Shikaju', 2021 erschien sein Roman 'Die Republik der Träumer' über den Arabischen Frühling in Kairo. Er lebt seit 2019 zwischen Paris und New York im selbstgewählten Exil.

Mittwoch, 22. Mai 2019

Elia Barceló : "Das Licht von Marokko"

Elia Barceló :
"Das Licht von Marokko"
Roman
Lesebändchen
original "El Color del Silencio"
2017, Roca Editorial, Barcelona
Übersetzung aus dem Spanischen von Anja Rüdiger
2017, Pendo Verlag / Piper Verlag München
481 Seiten
Stammbaum der Familie in den Innenseiten des Buch
ISBN 978-3-86612-433-2

In dem Roman geht es um eine Familiengeschichte aus Spanien und Marokko, die vor der Übernahme Francos beginnt, sich lange zwischen Marokko und Spanien abspielt und in der Gegenwart durch einen Besuch aus Australien und der hinterlassenen Kiste mit Photos und Briefen aufgelöst wird.
Hauptperson ist Helena, das jüngste Kind von Blanca und Gregorio/Goyo, deren Schwester vor Jahrzehnten in Marokko ermordet worden war, die sich dann in die Ehe mit dem falschen Mann geflüchtet hatte, und später über Indien nach Australien gereist war, um als Malerin berühmt zu werden.
Sie erzählt aus ihren Erinnungen um Rabat in Marokko, sie bekommt alte Briefe und Photos ihrer verstorbenen Mutter, und ihre Enkelin bringt sie zu einer Modeschöpferin.
Parallel dazu wird von der großen Liebe ihrer Eltern zueinander erzählt, und den Geschäften ihres Vaters, bei dem sich erst langsam entschlüsselt, daß er einer der wichtigen Geheimagenten Francos gewesen war. Auf Grund dieser Machtposition konnte er auch den brennenden Kinderwunsch nach dem ersten Kind erfüllen; diese Einflußnahme wirkt sich Jahrzehnte später auf viele Menschen aus.

Im Hintergrund der Geschichte ist vieles recherchiert. Es geht nicht nur Francos Politik Kinder mißliebeigen Eltern wegzunehmen und regimefreundlichen Eltern zu übergeben, sondern es wird auch die Geschichte Francos auf den Kanarischen Inseln erzählt, und den Zusammenhang von Spanien und Marokko und der Loslösung von Marokko.

Nicht nur Helena ist Künstlerin, sondern auch der Sohn der zweiten Frau ihres Sohnes. Es ist faszinierend zu Lesen wie die Künstler um ihre Ideen und Authenzität ringen.
Der spanische Originaltitel heißt eigentlich übersetzt : " Die Farbe der Stille/des Schweigens". Einige Kapitel gehen darum wie Helena auf allen ihren Bildern Schatten, eine schattenhafte Figur hat. In der Auflösung ist das Licht ganz anders geworden.

Die vielen Figuren in dem Roman sind gut greifbar. Manche sind schön und liebenswürdig, manche intrigant und vom schlechten Gewissen hinterfragt (wie der Schwager Jean Paul), manche selbstherrlich intrigant aber liebend wie der Vater Helenas, aber auch liebenswürdig gelassen und gescheit der Freund Helenas Charlie.

Der Roman ist gut und dicht geschrieben. Die Orte, die Menschen, die Gefühle laufen vor dem inneren Auge ab. Wie sich einiges um Leben und Tod von Alicia entschlüsselt, und Auswirkungen ist spannend zu lesen. Viel Freude beim Lesen.

Elia Eisterer-Barceló wurde am 29 Jänner 1957 in Elda / Alicante geborten. Sie studierte Anglistik, Amerikanistik und Hispanistik on London, München, Paris, Florenz, und Innsbruck. Sie untererrichtet an der Universität Innsbuck spanische Literatur und nimmt an Literaturfestivals in Europa teil. 1989 erschien der erster ihrer immer auf spanisch geschriebenen Roman "Sagrada". Es erschienen auch Jugend- und Sachbücher und Kurzgeschichten von ihr.

Sonntag, 28. Oktober 2018

Marlene Streeruwitz : "Nachkommen"

Marlene Streeruwitz :
"Nachkommen"
Roman
2014, S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt
328 Seiten
ISBN 978-3-10-074445-6

Die junge große gutaussehende Nelia Fehn hat ein Buch geschrieben. Am ersten Tag der Frankfurter Buchmesse wird in Großvater in Österreich begraben, bevor sie nach Frankfurt abfliegt. Bei der Buchmesse gewinnt sie den begehrten Buchpreis leider nicht - sie hätte das Geld für die Operation ihres griechischen Freundes gebraucht. Sie lernt ihren biologischen Vater kennen, wird am Verlagsmarkt präsentiert, absolviert zwei Interviews und merkt wie wenig sie in das Bücherbusiness hineinpaßt. Erschwerend kommt dazu, daß ihre Mutter mit dem Literaturbetrieb gut umgehen konnte, und etabliert war; sie wird immer mit ihrer Mutter, die gestorben war als Nelia 16 war, verglichen.

Der Roman ist aus Sicht der jungen Frau / der Autorin geschildert. Ihre Handlungen und Gedanken und Eindrücke werden beschrieben. Bei ihren Gedanken handelt es sich oft um nicht um ganze Gedankengänge, sondern oft um Gedankenfetzten, einzelne Worte, Assoziationen. Manches dreht sich im Kreis und droht sich tot zu laufen, manche Gedankenstränge machen sich quasi selbstständig und es entstehen teilweise skurrile Ideen und Wortschöpfungen.
Es geht unter die Haut wenn sie beschreibt, daß sie als spät gekommenes Kind ihrer Mutter von fast allen ihrer Familie abgelehnt wurde. Nur eine Freundin und deren Freund in Griechenland schaffen es nach der Mutter Tod eine Art Heimat zu geben. Nur der Großvater war für sie eine positive Gestalt innerhalb der Familie, der sie in ihrer offenbar Andersheit akzeptiert hat. (Das anders sein waren die illegitime Geburt und daß sie ihrem Vater ähnlich sieht).

Das Thema Banken und Griechenland wird durch die Bankenhochbauten in Frankfurt – es werden keine Menschen geschildert – und ihren Freund Marios an dessen Existenz die Bankenentscheidungen gehen geschildert.

Skurril lesen sich Beobachtungen wie über den elektronischen Kartenschlitz im Hotel für eine Nacht, die senffarbene Wand in der Hotelabsteige für die Folgenächte, die vielen schwarzen Suvs und das Fehlen roter Autos auf den Straßen.
Die Beschreibungen der Buchmesse von Autorenseite war faszinierend : das Warten auf den Preisverleih, die Machtspiele der Autoren/innen untereinander, wie sich Verlagsvertreter untereinander benehmen, das unterschiedliche Benehmen von Literaturjournalisten/innen. Dazu werden Generationenkonflikt und Genderthematik gemischt, daß es teilweise beim Lesen weh tat.
Liebe ist leider fern. Denn zwischen ihrem Vater aus dem Bildungsbürgertum Frankfurts und ihr, die ihn erst spät und jetzt kennen lernt, sind keine Brücken möglich. Seine aktuelle Freundin ist so junge, wie sie - seine Tochter. Liebe sind nur in den sms-s mit Marios in Griechenland spürbar.
Spannend ist das Ringen der fiktiven Autorin um Qualitätsbegriffe im Buchbetrieb, wenn sie ihr Buch nicht nur Buch, sondern Roman genannt haben möchte. Und daß sie bewußtes Definieren von Literatur und Belletristik wünscht.
Den zerfransten Schreibstil muß man mögen. Mich hat er in den Bann gezogen. Viel Freude beim Lesen !
Marlene Streeruwitz wurde 28. Juni 1950 in Baden (Niederösterreich) geboren. Sie studierte Slawistik und Kunstgeschichte in Wien. 1992 wurde ihr erstes theaterstück aufgeführt. Ihr erster Roman "Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre" erschien 1996. Mittlerweile ist sie vielfach ausgezeichnet.

Donnerstag, 31. Mai 2018

Patricia Brooks : "Der Flügelschlag einer Möwe"

Patricia Brooks :
"Der Flügelschlag einer Möwe"
2017, Verlag Wortreich
306  Seiten
ISBN 978-3-903091-27-6

In dem Roman wird das Leben einer Clique die 1980 auf Maturareise ist und dreier Menschen in Italien zum gleichen Zeitpunkt durch ein Ereignis teilweise sofort aus der Bahn gebracht oder erst später die Puzzleteile zusammengesetzt.
In feinem Stil mit schönen Bildern wir das Leben der Mitglieder der Wiener Clique in Liebe, Leben und Beruf geschildert. Tati, die die Ermordung eines Menschen gesehen hat, dessen Leiche aber verschwunden ist, wird aus dem verläßlichen Menschen unberechenbar; die schwebende Liebe zu Stefan wird unerfüllt bleiben. Willi, der Geld an dem Mordort gefunden hatte, schafft es frei zu leben und beruflich weiterzukommen. Fred wird Banker, von der Wirtschaftskrise 2008 erfaßt, und mit seiner dritten Frau, der Tochter einer Freundin der Clique, endlich happy. Rosanna, die zum Mordzeitpunkt das Opfer kannte, wird durch ein Wiedereingliederungsprogramm zuerst in Italien, später in Wien geholfen - sie hatte einst Willi das Geldbörsel gestohlen, 30 Jahre später kommen sie zusammen. Auch der Mörder und Tati sehen einander noch kurz.

Leicht und duftig wie ein Aquarell beschreibt die Autorin die Menschen und die Szenerien; selbst deftige Erotik bleibt in  diesmal dunklen Wasserfarben. Die Kunstszene, die Graffititszene, die Pizzeria die sich zum italienischen Feinschmeckerlokal mausert, die Verquickung und das Auseinanderdriften der Menschen in der Clique und diejenigen die dazukommen ist zart aber auf den konkreten Punkt beschrieben. Es ist faszinierend wie sich der Wirbel um die Clique dreht, zerfällt und anders zusammensetzt - manche sind im Wirbelwind, manche am Rand und andere kommen spuradisch vorbei.

Manche Menschen sind sympathisch, manche nicht, manche ehrgeizzerfressen, andere lassen sich treiben, manche haben in ihrem Tun Glück, andere greifen immer ins Mistsackerl, bei manchen gehen die Lebensziele auf, während andere einer Illusion nachlaufen.

Orte der Handlung sind die Gegend um Triest - Sistiana, Wien, London und kurzfristig das Meer.

Die Kapitelüberschriften tragen Menschennamen, eine Jahreszahl und einen Ort. Die Kapitelüberschriften sind nicht immer chronologisch, finden aber am Schluß zusammen.

Ich habe den Roman in einem Rutsch durchgelesen und die feine schöne Sprache und Metaphern im Kopf sehr genossen. Viel Freude beim Lesen !

Patricia Brooks wurde am 22. November 1957 in Wien geboren. Sie ist freie Schriftstellerin, hat Hörspiele und Theaterstücke verfaßt. Sie hat einige Auszeichnungen für ihre Werke erhalten.

Der Verlag Wortreich wurde in Wien 2015 gegründet. Ziel des Verlages sind interessante Romane im Bereich Belletristik. Derzeit sind 27 Autoren und Autorinnen und 31 Bücher (auf der Website) gelistet.