Posts mit dem Label Leidenschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Leidenschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 5. Juli 2018

Helen MacDonald : "H wie Habicht"

Helen MacDonald :
"H wie Habicht"
original "H wie Hawk"
2014, Verlag Jonathan Cape, Random House
Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
2015, Allagria, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
372 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 4 Seiten Postskriptum + 18 Seiten Anmerkungen  (Quellenangaben) + 2 Seiten Danksagung
mit Lesebändchen
ISBN 978-3-7934-2298-3

Das schöne Cover mit einem Linolschnitt eines Habichts hat mich zum Griff nach diesem Buch veranlaßt.

Die Geschichte wird aus Sicht der Autorin in Ich-Sicht erzählt. Man nimmt an ihren Gedanken, Sorgen, Trauer um den Vater und ihre Besessenheit um T.H.White und seinen Habicht Gos(hawk) und die Erziehung ihres wunderschönen Habichts teil.

In schöner Sprache aber ziemlicher Egozentrik erzählt sie von ihren Kindheitserinnerungen an Vater, und Tier/Falken-bücher, über Falknerei, und wie sie gemeinsam mit ihrem Habicht Mabel (liebevoll auch Mabes genannt) eine Einheit aufbaut. Diese Teile in denen sie die Aufzucht, das Training, das immer mehr loslassen, die Sorge, die Feinfühligkeit um diesen faszinierenden und auch geliebten Vogel erzählt zogen mich in den Bann.
Die Abschnitte in denen sie sich an T.H.White abarbeitet sind sehr eigen. Es wird von Whites brutaler Kindheit erzählt, und wie er diese im Erwachsenenleben an anderen Menschen und Tieren auslebt, dabei weder mit seinem Sadismus noch seiner Homoerotik fertig wird. Seine sogenannte Liebe zu Gos wird nur als besitzergreifend transportier und ist oft unachtsam und seine Verantwortung dem Habicht gegenüber falsch einschätzen. Kein Wunder daß Gos das Vertrauen verliert und verloren geht (wie es diesem Habicht weiter ergeht bleibt offen - leider).

Exkurs :  Terence Hanbury White lebte von 1906 bis 1964. Er veröffentlichte unter T.H. White oder dem Pseudonym James Aston. Am bekanntesten dürfte seine Version der Merlin-, und Arthussage sein.

Das Buch umfaßt gefühlt das Trauerjahr nach dem Tod des Vaters - die Autorin verwendet die Formulierung 'Archäologie der Trauer'.

Die Welt in der sich die Autorin bewegt ist eine der belesenen Professoren in Cambridge, die Wälder der Umgebung, und andere Menschen die Falken bis Habichte lieben und mit ihnen leben. Normales Leben ist wenig zu spüren; skurril ist es wenn sie beschreibt mit welchem Habichtsfutter die Tiefkühltruhe gefüllt ist.

Berührend ist es wenn sie von den Beobachtungen von Flugzeugen über England, die ihr Vater als Kind und Jugendlicher penibel aufgeschrieben hat, schreibt.
Schön finde ich die Beschreibungen wenn sie und Mabel durch das Land streifen, sie die Landschaft beschreibt und dann Mabels Verhalten mit der Natur genau schildert.

Das Buch ist nicht einfach zu lesen, da die Ich-zentriert der Autorin zeitweise strapaziös ist. Ich habe länger dazu gebraucht und es zwischendurch mit Lesezeichen liegen gelassen bis ich weiterlesen konnte.

Diese Buch ist für alle Menschen die sich für Greifvögel und schöne Sprache interessieren sehr empfehlenswert. Viel Freude dabei !

Helen MacDonald wurde 1970 geboren. Sie ist Lyrikerin und Autorin und unterrichtet in Cambridge. 1993 erschienen ihre erste Gedichte. 

Montag, 28. Mai 2018

Matthias Martin Becker : "Automatisierung und Ausbeutung"

Matthias Martin Becker :
"Automatisierung und Ausbeutung"
2017, Promedia Verlag Wien
198 Seiten +  22 Seiten Anmerkungen
ISBN : 978-3-85371-418-8

Der Autor hat sich vorgenommen das Thema Digitalisierung im Sinne welche Arbeiten von Menschen werden in Hinkunft von Maschinen gemacht, aus der sozialistisch-marxistischer Sicht (seine Eigendefiniton) zu betrachten. Er arbeitet sich hier anfangs von technischen Spielereien auf Jahrmärkten bis zu Auswirkungen für Arbeiter/innen am Fließband durch. Er beschreibt wie das Zerlegen eines Arbeitsprozesses den Menschen noch mehr entmündigt und frustriert, Maschinen Kontrollmöglichkeiten einräumt und dem oberen Management Daten liefert. Das mittlere Management wird mittelfristig eingespart.

"In der betrieblichen Praxis sehen sich Technisches und Organisatorisches zum Verwechseln ähnlich" (Seite 47)

Sehr interessant fand ich seine Erzählungen über Frau Ada Lovelace (eine geniale Mathematikerin und vermutlich erster Informatiker überhaupt in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts), und Vaucansons Ente von 1885.

Es gibt einige Abkürzungen und Schlagworte wie beispielsweise : KI (künstliche Intelligenz), KNN (Künstliches Neuronales Netz) etc.; Crowdworking (die Leistung wird mit nichts bis zu gewohnter Einkommenshöhe bezahlt, Abhängigkeiten von Willkür der Information), Granularität (die Module werden so klein, daß der Einzelne nicht mehr weiß was sein Arbeitsbeitrag bringt) und Outsourcing und 'Plattform Kapitalismus' (wobei er hier kritisch betrachtet, daß bei Essenszulieferern die Zulieferer selbst Fahrrad + Muskelkraft + Zeit einbringen und die Schnittstelle für vergleichsweise wenig Arbeit viel mitschneidet).

Er versucht Kostenbetrachtungen in der Euphorie für Digitalisierung zu sehen, was bringt die Technisierung wirklich an finanziellen Einsparungen wenn gleichzeitig die Arbeitsnachfrage steigt.

Die Betrachtungen über die Veränderungen der Arbeiter-Welt am Fließband oder bei der Produktion sind eher sachlich geschrieben.
Emotional wird der Autor wenn es um Journalismus, guten Recherche - Journalismus bis zu schlechtem Stundenlohn fürs Zusammentippen von Zeilen geht.

Auf dem Cover war ein Ausblick auf das Arbeitsleben inklusive des Büro-lebens angedeutet. Leider gibt es hier kaum Überlegungen für Änderungen für Büro-Anstellte. Er bleibt eher bei den Arbeitern/innen und den Journalisten/innen, aber die Basis-Büroarbeit bleibt von dem Autor unbetrachtet.

In Summe in nicht einfach zu lesendes Buch, das zwar nicht uninteressant in seinen Überlegungen ist, aber meine Frage nach den Veränderungen der Bürowelt offen ließ.

Matthias Martin Becker wurde 1971 geboren. Er hatte viele sehr unterschiedliche Jobs, bis er als Übersetzer und Wissenschafts/Wirtschafts.Journalist tätig wurde. Er macht jetzt Beträge für Deutschlandfunk in Berlin und hat bereits drei Bücher veröffentlicht.

Sonntag, 11. Juni 2017

Hrsg Alexander Groh, Daniel Resch und Alexandra Rotter : "Das Buch - Buch"

"Das Buch - Buch" - über das Verlegen
herausgegeben von Alexandra Rotter, Alexander Groh und Daniel Resch
2017, Edition Grünanger Wien (Website ist in Konzeption)
113 Seiten + 5 Seiten Biografien
ISBN 978-3902678348

Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der 'Werkstätte Buchverlag 2013/14' unternehmen hier den Versuch über Verlagswesen (v.a. die Neugründung), über Buchmedien und auch etwas aus Autorensicht in kleinen feinen Artikeln zu formulieren und sich damit auseinanderzusetzten. Ein Graphiker hat den schmalen kleinen Band in klares Schwarz-Weiß ohne Schnörkel gesetzt.

Ausgangspunkt war daß alle Werkstatt-Teilnehmer wissen wollten wie man zu einem eigenen Verlag kommt. Vornweg - es geht nicht um Finanzierung, sondern um Begeisterung und wie bleibt man am Ball, hier am Umsatz. Eine Verlegerin wurde hier interviewt, ein Professor mit einigen gescheiterten Verlagsprojekten kommt zu Wort, ein Herausgeber einer Zeitschrift zeigt seine Liebe zu Texten und ist berührend in seinem Engagement um Veröffentlichung von Literatur, und der Leiter der Werkstatt der das Rüstzeug zur Verlagsgründung und etwas Nachdenken wie man wenigstens einige Fehler vermeiden kann weitergeben will, bringt mit pointierten Aussagen manche Probleme auf den Punkt.

Bei den Medien geht es auch um das e-book aber vor allem um die Veröffentlichung, Speicherung und zur Verfügungsstellung wissenschaftlicher Texte. Wer so wie ich von diesem Thema vorher keine Ahnung hatte liest mit steigender Faszination über eine Welt aus Pflichtveröffentlichungen, anerkannten Plattformen, teuren und preiswerteren Veröffentlichungsansätzen. Problematisch wird es mit dem Thema Speichern-auf-lange-Zeit und Zugriffsgarantien. hochinteressant !

Im dritten Bereich geht es über Autoren, bei denen ein 'echter' Schreiber (weil Journalist und Schriftsteller), eine 'echte' Schriftstellerin, eine Ghostwriterin, eine Schulbuchautorin ihre Erfahrungen zusammenfassen. Hier sind vier komplett unterschiedliche Ansätze über Texte schreiben (ohne die Buchverlage sinnlos sind) angeboten.

Die Texte sind unterschiedlich einfach oder mühsam zu lesen, da jede/r Verfasser/in seinen/ihren persönlichen Stil hat.
Sehr gut hat mir das Interview mit Walter Famler gefallen der meint "was nicht auch physisch vorhanden ist, wird irgendwann gänzlich verschwunden sein"; und sich damit für das gedruckte Buch ausdrückt !?

Aufgefallen ist mir daß in mehreren Artikeln die Rede davon ist, daß Adjektive wenig zu nutzen oder zu streichen sind. Schade denn ich mag die gute Nutzung von passenden Eigenschaftswörtern.

Mir ist bei dem Buch aufgefallen, daß es meist ums Wort oder um Texte geht. Die Thematik von Bildern/Photos/Illustrationen oder gar Photobänden/Cartoons/Zeichnungen/Comics/Mangas wird nur gestreift. Eine im Buch interviewte Verlegerin gibt ihre Bücher ausschließlich als gedrucktes Buch heraus, da sie in Illustrationen investiert; ein bei der Buch-Präsentation anwesender Schriftsteller hat gar keine Bilder in seinem E-book (wie auch wenn es hier keinen gemeinsamen Codex gibt, wie aus einem Artikel der Print-Buch und e-book miteinander vergleicht zu lernen ist)

In Summe eine hochinteressante Sammlung verschiedener Texte zum Thema Buch-Verlag.

Bei den Biographien geht mir ein ca. Geburtsjahr der Beteiligten ab, denn ich hätte gerne gewußt ob die Verfasser und Herausgeber entweder der Generation 'Nachkriegszeit (Buch ist rar und wertvoll)', oder der Generation 'gesättigte Zeit aber noch kein Computer dafür ist Buchkauf etwas selbstverständliches geworden', oder der Generation 'mit Joy-Stick-aufgewachsen und weniger Buch lesen' angehören.

Witzigerweise wurde ich beim Lesen dieses Buches in der U-Bahn zum zweiten Mal seit ich diesen Blogg habe auf das Buch das ich gerade lese angesprochen (das erste war "Empty Minds - Texte von John Cage" gewesen) 

Samstag, 17. September 2016

Gaito Gasdanow : "Die Rückkehr des Buddha"

Gaito Gasdanow :
"Die Rückkehr des Buddha"
Roman
original "Возвращение Будды"
1950, in der russischen Literaturzeitschrift 'The New Review', NY
übersetzt aus dem Russischen, mit einem Nachwort von Rosemarie Tietze
2016, Hanser Verlag
208 Seiten und 5 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-446-25047-5

Der Roman spielt in Paris in den frühen 20-jahren des 20. Jahrhunderts. Ein junger Mann der geschichtliches recherchiert taucht immer wieder in eine Traumwelt ab, spendiert einem Bettler einen Geldschein, trifft Pawel Alexandrowitsch /den Bettler wieder, wird des Mordes an ihm verdächtigt und auf Grund des Diebstahls einer kleinen goldenen Buddha-statue, die der Mörder zuerst genutzt hatte und dann gestohlen hatte, von dem Vorwurf des Mordes befreit.

Der "ich" des Buches erzählt anfangs von seinem traumatischen Sterben in den Bergen, was allerdings nur im Kopf stattfindet.
Paris wird viel im Nebel, in Grau und in Elendsviertel geschildert. Die Freundin Pawels Lina, die unglücklich in einen groben Mann aus dem Orient verliebt ist und gewohnt ist ihren Körper zu verkaufen, wird als eigenartige Mischung aus schön, lasziv, kalt, leidenschaftlich bis schlammig geschildert. Pawel selbst ist ein belesener Mensch, nur durch sein Glück an Geld kam. Der Erzähler erzählt auch von einem Schnorrer, der seine große Liebe eine nicht echte Gräfin nicht vergessen kann und vor und nach einer Erzählung immer auf sie zurückkommt. Auch andere Figuren in dem Roman sind zwar für die Erzählung nicht notwendig aber gut gezeichnet und gut vorstellbar.
Die Menschen sind entweder russisch - französisch, oder Franzosen, oder aus einem Gemisch aus Europa und dem Orient um das Atlasgebirge.

Die Bruchstücke die französisch geschrieben sind, sind erfreulicherweise übersetzt, und bleibt nicht als Leser/Leserin dem Rätseln überlassen (oder der Suche nach Vokabeln).

Der Stil des Buches ist gemessen. Es herrscht keine Eile. es gibt immer wieder schöne Beschreibungen wie : ' unisono irgendwelchen musikalischen Müll zu singen', 'undefinierbaren Seelennebel', 'deren Haltlosigkeit sich erst danach herausstellte und nur darum, weil er sich mit dem Sterben verspätet hatte' etc.

Ich habe länger an den Buch gelesen, und konnte es nicht in einem Rutsch durchlesen, weil mich die Sprache bremste. Es ist ein Buch das ich wieder lesen werde ! Viel Freude auch anderen beim Lesen !

Gaito Gasdanow (eigentlich Georgi Iwanowitsch Gasdanow), wurde am 23, Nov (jul Kal)/6. Dezember (greg. Kal) 1903 in St. Petersburg geboren und ist am 4. Dezember 1971 in München gestorben. Da sein Vater Forstbeamter war wurde er als Kind oft mit der Familie versetzt. Er kämpft ab 1919 auf Seite der Weißen Arme. Als Flüchtling nach der Niederlage reist er über Türkei und Bulgarien an Paris, wo er viele unterschiedliche Beschäftigungen hatte und an der Sorbonne Vorlesungen zuhörte. Er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Während des zweiten Weltkrieges war er in der Resistance. Ab 1952 berichtete er als Journalist unter dem Pseudonym „Georgij Tscherkassow“ über das Pariser Kulturleben. Ab 1954 bis  berichtete er zuerst aus München, dann Paris, und wieder München bis zu seinem Tod. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Als wichtigstes Buch gilt "Das Phantom des Alexander Wolf " (Призрак Александра Вольфа, 1948).

Samstag, 13. August 2016

Nadja Bucher : "Die wilde Gärtnerin"

Nadja Bucher :
"Die wilde Gärtnerin"
Roman
2013, Milena Verlag Wien
349 Seiten
ISBN 978-3-85286-237-8

Helen Cerny lebt seit dem Unfalltod ihres Freundes in ihrem Haus und ihren Garten mitten in Wien. Die Mieter im Haus lassen sie in Ruhe, nur ihre beste Freundin Toni (eigentlich Antonia) versucht sie ins Leben zurück zu locken. Helen beschreibt im Tagebuch was sie im Garten tut (v.a ihre Naturtoilette ist ihr wichtig) und wie in der leeren Wohnung gegenüber eine junge Frau einzieht. Diese junge Frau erzählt ihr von den Mächtigen der Welt, den Netzwerken und daß diese zerstört werden müssen. Helen beginnt wieder einkaufen zu gehen und ein Workshop von Toni beginnt gut, als plötzlich die Polizei auftaucht, und die Gespräche Helens mit der Nachbarin als Terrorgefahr einstuft und alles Helen in die Schuhe schiebt.
Parallel zu dieser Geschichte die 2011, 2012 geschieht wird kapitelweise, und wie ein gewohnter Roman die Geschichte von Helens weiblichen Vorgängerin zuerst zur Zeit des Kaisers, dann der Zwischenkriegszeit, der zweite Weltkrieg und Besatzungszeit, Wiederaufbau und die Hippie-Bewegung geschildert. Die Frauen halten Krieg durch, das Warten auf den liebevollen Ehemann, erhalten ein Gasthaus neben dem Alkoholiker von Ehemann, begraben Träume für den Ehemann, oder brechen aus dem was sie Diktat der Männer nennen aus.

Der Großteil der Geschichte spielt in Wien, manches auch im Waldviertel.
Neben den Tagebüchern von Helen, sind Verhörprotokolle aus der Sicht von Toni zu lesen. Toni ist die empathische sensible sehr esoterisch geschilderte (ein wenige verrückte) Freundin, die hilfreich einspringt, aber wenig Verständnis für paranoide Polizeiaktionen aufbringt.
Am Anfang liest sich der Roman etwas mühsam weil die aktuellen Personen erst langsam aufgebaut werden, am Schluß gibt es aber Energie und man freut sich daß die Geschichte doch ein gutes Ende findet.

Die Welt Helens mit ihrem Garten in dem sie vieles ziehen kann, Kompost macht, und den Kreislauf der Jahreszeiten mit Erdlager gut lebt ist faszinierend.
Die Gespräche mit der Nachbarin, die globales vernetzt, gegen die Mächtigen wettert, und vor Gewalt nicht halt macht, wirkt hier wie ein Gegenpol zur ökologischen, in ihrer Welt verharrenden Helen. Toni schwirrt wie ein Planet um die beiden herum.

Die Figuren der Männer sind sehr unterschiedlich. Ein Großvater von Helen kommt zwar einbeinig aus dem Krieg ist aber liebevoll und langsam. Der andere ist ein Haustyrann von dem die Mutter nach der Matura in eine Kommune wegzog. Es gibt auch einen Bruder der Großmutter der in der Zwischenzeit die Familie durch Schleichhandel und auch beitritt zur NSDAP durchbrachte.

In  Summe in intensives Buch mit gut vorstellbaren Menschen. Einige Ideen bleiben hängen. Viel Freude beim Lesen.

Nadja Bucher wurde in Wien geboren. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien und University of Sussex, UK. Ihr Debütroman "Rosa gegen den Dreck der Welt" erschien  2011 Milena Verlag. Sie arbeitet an Theaterstücken und Hörspielen und ist Performerin für Poetry Slam.                

Samstag, 21. September 2013

Marek Krajewski : "Finsternis in Breslau"

Marek Krajewski :
"Finsternis in Breslau" - Ein Kriminalroman mit Eberhard Mock
original 'Glowa Minotaura'
2009, Wydawnictwo W.A.B., Warschau
aus dem Polnischen von Paulina Schulz
2012, deutscher Taschenbuchverlag, München
342 Seiten
2 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-423-21347-9

Dieser spannende, ein wenig gruselige Kriminalroman spielt 1937 bis 1939 zwischen Lemberg und Breslau. Eberhard Mock ist in diesem sechsten auf deutsch erschienene Band für Breslau zuständig, wobei in Lemberg Kommissar Popielski das passende charaktervolle, sinnliche und überbordende Temperament bietet. Gemeinsam gehen sie auf die Jagd.

Es werden junge Frauen, die noch Jungfrauen sind, angebissen und ermordet aufgefunden. Selbst in Regionen in denen Gewalt bei Spiel relativ normal ist, schlägt diese Information Wellen. Insgesamt drei solcher Frauen werden gefunden, aber es gibt auch eine andere die 'nur' gebissen und nicht ermordet worden sind; dafür ist sie im Irrenhaus gelandet. Breslau und Lemberg arbeiten zusammen. Eine Heiratsvermittlerin wird nach der Befragung ermordet aufgefunden, ein Mathematiker gesucht, eine Engelmacherin solange bearbeitet bis sie wenigstens einige Information preisgibt.
Kommissar Popielski, dessen schöne und geliebte Tochter mitten in den Ermittlungen verschwindet, wird mit einem Grafen und dem 'Minotaurus' konfrontiert. Das Ende ist zwar gruselig aber gelungen.

Dieser Roman ist zwischen der Üppigkeit und Opulenz auch dem Elend und Dreck der Zwischenkriegszeit angesiedelt. Ein Rest fin-de-siecle schwingt bei den beiden Herrn Polizisten, die Lebemänner sind, mit, da sie Latein und österreichisches-deutsch sprechen, gute Allgemeinbildung haben und damit den Haß und Neid anderer hervorrufen, und mit Selbstverständlichkeit Wodka, Rotwein, gutes Essen, Schach und hübsche Prostituierte genießen.

Der Titel "Finsternis in Breslau" ist nicht wirklich gelungen, denn polnisch könnende Freunde haben mir den original Titel mit "Kopf des Minotaurus" übersetzt; das ist auch der Titel des dritten Kapitels. (Die beiden anderen Kapitl lauten 'Das Labyrith wird betreten' und 'Die Kemenate des Minotaurus')
Über jedem der drei Kapitel stehen philosophische Überlegungen - bei den ersten beiden von Jorge Luis Borges.

Der Roman ist spannend geschrieben. Die Szenerien sehr gelungen beschrieben, auch wenn man Breslau und Lemberg und Katowice nicht kennt.

Eberhard Mock ist für mich nicht die Hauptfigur dieses Buches, sondern Popielski und seine Tochter Rita. Wie die beiden aneinander vorbei agieren ist faszinierend. Beide sind in ihren Aktionen und Beweggründen sehr sehr menschlich geschildert. Leokadia, die Cousine von Popielski, die als Mutterersatz bei Vater und Tochter lebt ist ebenfalls genau geschildert. Die Polizisten der diversenen Städte sind teilweise Prototypen, v.a. die Gestapo Männer werden ziemlich unsympathisch geschildert. Bei dem Grafen als schöner Mensch mit Theatralik, wird das Überzüchtete glaubhaft.

In Summe ein sehr empfehlenswertes spannendes Buch, indem auch etwas Geschichte einfließt, weil bereits die deutsche Gestapo in Breslau ihre Finger im Spiel hat.

Marek Krajewski, wurde am 4. September 1966 in Wroclaw geboren, ist Altphilologe und war Dozent an der Universität Breslau. Seit 2007 konzentriert er sich ganz auf seine Tätigkeit als Schriftsteller. Er lebt in Breslau. Seine Krimiserie mit dem Antihelden Eberhard Mock ist in Polen und inzwischen auch in Deutschland sehr erfolgreich.

Dienstag, 30. April 2013

Rushdie Salman : "Des Mauren letzter Seufzer"

Rushdie Salman :
"Des Mauren letzter Seufzer"
original "The Moor's Last Sigh"
1995, verlegt bei Jonathan Cape, London
aus dem Englischen übersetzt von Gisela Stege
1996 Kindler Verlag München
569 Seiten
1 Seite Stammbaum der Familie Da-Gama-Zogoiby
2 Seiten Glossar von Begriffen aus dem indischen Sprachraum
ISBN 3-463-40218-1

Der faszinierende, farbgewaltige und auch negative Roman wird aus der Sicht von Shri Moraes Zogoiby, kurz Moor genannt, erzählt. Er ist Asthmatiker und am Ende seines Lebens - und erzählt seine Geschichte und die seiner Vorfahren die sich von Vasca da Gama ableiten zu glauben inkl. Leben und Politik in Indien, meistens in Bombay.

Der erzählende 'Moor' ist das vierte Kind, der einzige Sohn, einer Familie die ihr Geld mit Gewürzen gemacht hatte. Bei ihm greift ein Miracel, daß er doppelt so rasch wächst als er alt ist - seine Seele wächst aber in üblicher Geschwindigkeit weshalb er einigen Erfahrungen immer hinterdrein winkt. Außerdem ist seine linke Hand nicht in Fingern ausgewachsen - was ihm einige Zeit später als Schläger von Vorteil ist.

Der Beginn des Buches ist den Großeltern des "Mooren" gewidmet, dem Krieg zwischen den Damen, den politischen Gegenseitigkeiten von Großvater und Onkel, der Homoerotik des Onkels, dem Krieg zwischen den Familien der Damen, der fast alles vernichtet.
Mitten darin wächst seine Mutter auf - Aurora. Eine starke Frau die sich von nichts und niemandem etwas sagen läßt und die heimlich zu malen beginnt. Diese Frau verliebt sich in den älteren jüdischen Buchhalter Abraham Zogoiby (was Rushdie die Chance gibt die Geschichte der Juden in Indien zu erzählen) und setzt die Eheschließung durch. Sie ist Künstlerin, meist geliebt - bewundert - geachtet, von manchen tiefgehaßt, während er den Gewürzhandel ihrer Familie übernimmt und erweitert (meist mit unfairen Methoden). Drei Töchter und spät ein Sohn entspringen dieser Ehe. Die egozentrische Mutter diktiert und karikiert das Gesellschaftsleben, während ein Bewunderer - Vasco Miranda - das Kinderzimmer mit Comicfiguren ausmalt.
Keines der Kinder wird glücklich - eine Schwester wird Anwältin (und wird später ermordet), eine Nonne und die dritte in Indien erfolgreiche Sängerin (ein Erfolg der in den USA ausbleibt, und sie an den Drogenkonsum bringt). Dem 'Moor' helfen Angestellte beim Box training und der Koch der seine Begabung für die Küche erkennt.
Der 'Moor' verliebt sich in eine wunderschöne Künstlerin - Uma Sarasvati. Sie intrigiert, bringt ihn und seine Eltern auseinander und bringt ihn ins Gefängnis, aus dem ihn erst der Intimfeind seiner Mutter befreit. Für ihn wird er zum professionellen Schläger. Erst nach dem Tod der Mutter nähern sich Vater und Sohn wieder einander an.
Vor dem Hintergrund der steigenden Konflikte zwischen Religionen und religiösen Splittergruppen erheben sich auch andere Kampffronten. Es gehen viele Bomben hoch, die auch den Gemälden von Aurora und dem Leben von Vater Abraham und seiner Schwester der Nonne ein Ende setzen. Der 'Moor' konnte noch rechtzeitig nach Spanien entfliehen, wo er auf Boabdils Spuren Vasco Miranda in Prunk, Einsamkeit und Wahnsinn sucht. Letztendlich bleibt nur der Tod.

Die Neugier endlich mal einen Rushdie-Roman zu lesen, der aber nicht die berühmten 'Verse' sind, hat mich zu diesem Buch greifen lassen. Es hat mich die Beschreibung der Welt der Gewürze, des Reichtums in Indien/Bombay fasziniert, genauso wie die Religionsvielfalt.
Die Personen haben fast vor meinem geistigen Auge getanzt, geliebt, getötet, und gemalt. Die Verschiedenartigkeit der Temperamente, der Egoismen und auch der Brutalität zogen mich in den Bann.

Es ist kein Buch das ich einfach zwischendurch lesen konnte, sondern bewußt mit seinen Metaphern, Farben, Ideen, Sprachspielerein gelesen werden möchte - und deshalb Zeit und Konzentration braucht.

Die für mich faszinierendste Persönlichkeit des Buches ist Aurora verheiratete Zogoiby. Zuerst haßt sie Elephanten (die ihre Mutter gesammelt hatte) - nennt dann das Haus, in dem sie leben, Elephanta. Sie wird in mehreren Stadien ihrer künstlerischen Entwicklung geschildert - wie sie sich mit Familie und den Konflikten auseinandersetzt. Immer wieder kommt das Thema der 'Moor'-Bilder: mal liebend, mal in Konflikt, aber immer wieder Antworten suchend. Ihre Sprachspiele sind z.B. hassifizieren, vertragifizieren, kreischifizieren, buchstabifizieren, etc.

Das Buch arbeitet nach, weil einerseits viel Geschichte Indiens erzählt wird, und viel über die Vielfalt der Religionen wie sie in Indien leben. Andererseits hatte ich einer Liebesgeschichte die in den ersten Liebesstunden in Gewürzen stattfindet, ein anderes Ende als bitterbösen Verrat und die starke Vermutung von Mord(en) gewünscht.

In Summe ein großartiges, faszinierendes Buch, das mir aber stellenweise doch zu lange wurde. Trotzdem kann ich diesen Roman nur jedem Leser /jeder Leserin empfehlen die sich in eine farbenfrohe, tragische Geschichte mit viel Wissen und Sinnlichkeit hineinlesen möchte.

Sir Salman Rushdie wurde am 19. Juni 1947 in Bombay (heute Mumbai) in einer moslemischen Familie geboren. Er studierte in Cambridge Geschichte und arbeitete am Theater und als freier Journalist. 1975 veröffentlichte er sein erstes Buch; 1981 kam mit seinem zweiten Buch "Mitternachtskinder" der Druchbruch. 1988 erschien das vierte Buch "Satanische Verse", das zu Kontroversen in der moslemischen Gesellschaft führte. Nach Morddrohungen lebte der Schriftsteller einige zeitlang versteckt. Literarisch folgten 'Harun und das Meer der Geschichten', 1995 'Des Mauren letzter Seufzer' und 2001 'Fury' (2002, 'Wut'). Meist lebt der Schriftsteller in den USA.