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Dienstag, 22. Juni 2021

Antonio Hill : "Der Sommer der toten Puppen"

Antonio Hill :
"Der Sommer der toten Puppen" - ein Barcelona-Krimi
original "El verano de los juguetes muertos"
2011, Debolsillo Barcelona
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
2013, Suhrkamp Taschenbuch
362 Seiten + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-518-46467-0

Hauptperson ist der argentinische Inspektor Hector Salgado, dem in Barcelona die Wut über einen Mädchenhändler Schwierigkeiten beschert hat. Ein Freund ersucht ihn  zu untersuchen ob ein Teenager wirklich beim Rauchen aus dem Fenster gefallen ist, oder ob mehr dahinter steckt.
Aus mehreren Blickpunkten wird spannend erzählt und auch in die Vergangenheit gesprungen, wie ein Kindheitserlebnis - bei dem Puppen um eine Leiche im Wasser trieben - Jahre später endlich gelöst wird, und weitere Tote bringt.
Die Lösung und das wieso hatte ich nicht erwartet, es geht aber um Kindesmißbrauch.

Hector Salgado, war der Liebe wegen in Barcelona hängen geblieben; seine Ex-Frau liebt jetzt eine Frau; es gibt einen Sohn. Innerhalb der Polizei hat er Menschen die ihn  unterstützen, was wichtig ist, da aus dem Mädchenhändlerring ein sehr bösartiger Rachefeldzug gegen ihn aktiv ist. Er wird als schwierig, verschwiegen und eigenbrötlerisch beschrieben.
Die neue ihm zugeteilte Kollegin Leire ist jung, gescheit, denkt schräg und ist sexuell sehr aktiv.
Marc Castell ist der Teenager, der aus dem Fenster gefallen war; er war sehr verschlossen, hatte sich erst im Auslandssemester wegen Englisch zu öffnen begonnen, und eine junge Frau kennen gelernt.
Sein bester Freund Aleix Rovira hat Krebs besiegt, ist sehr attraktiv und charmant, und spielt mit der Gefahr und Frauen. Seine Familie zählt zu den wichtigen und reichen der Stadt; liebevoll und ihm durch die Krankheit geholfen hat ihm allerdings nur sein Bruder Eduard.
Deren gemeinsame Freundin Gina Ballester ist lieb, besorgt und läßt sich leider zu leicht zu führen.
Enric Castell, der Vater von Marc, ist erzkatholisch, zeigt wenig Liebe, was zu einem Teil des Problems wird.
Joanna, die Mutter Marcs, hat ihren Mann und Sohn verlassen, ist aber diejenige die nicht aufgibt die Lösung um ihren Sohn zu wissen zu wollen.
Felix Castell ist der Onkel von Marc, ein Priester, der sich immer um seinen Neffen liebevoll gekümmert hat, und der ihm wichtig ist. Er weiß mehr über die Leiche mit den Puppen, sah sich aber veranlaßt zwei  Menschen zu schützen.

Der Roman ist spannend geschrieben.
Die Menschen sind oft einsam und in ihren Gedanken und Problemen geschildert.

In Summe ein sehr empfehlenswerter Kriminalroman der auch unter die Haut geht. Viel Freude beim Lesen !

Antonio Hill, wurde 1966 in Barcelona geboren. Er studierte Psychologie und arbeitet dann als Übersetzer aus dem Englischen. Er lebt und arbeitet in Barcelona.

Samstag, 22. Mai 2021

Jaume Cabré : "Eine bessere Zeit"

Jaume Cabré :
"Eine bessere Zeit" (Der Schatten des Eunuchen)
Roman
original "L'ombra de l'eunuc"
1996, Edicions Proa, Barcelona
Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann
2019, Insel Verlag
547  Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis (am Ende des Buches)
ISBN 978-3-458-36416-0

Miquel Gensana II ist ein Industriellensohn in Katalonien, der einen anderen Weg sucht.  Er studiert, schließt sich einer aggressiven kommunistischen Gruppe an und geht in den Untergrund, verliebt sich fast immer unglücklich, scheitert in seiner Ehe, verliert seine große Liebe, enttäuscht seine Mutter und seinen Vater, und erzählt dies in einem Abendessen seiner Journalistenkollegin Julia.
In parallelen Kapiteln erzählt sein Großonkel Maurici Sicart sein Leben als geliebter Sohn dessen Eltern zu früh starben, wie er im Haus mit Michel II lebt und diesem die Liebe zu Musik beibringt, bei der Familie als Versager gilt da er homosexuell ist, und sich in seine eigene Welt zurückzieht.

Der Roman spielt in Katalonien, in der Zeit von Franco, und geht bis in die 80-er Jahre. 

Miquel und sein bester Freund Bolos, der in die Politik ging, haben aus der Zeit des Widerstands einen Tarnnamen. Der dritte Freund Rovira im Bundes hat keinen politischen Weg hinter sich, sondern scheiterte im priesterlichen Weg und jagt seinem Bild der idealen Frau nach.

Obwohl Miquel der zweite in seinem Leben nichts weiter bekommt, und auch verweigert dem Vater in der Fabrik zu helfen, helfen ihm Mutter und Onkel so gut es geht.
Die Frauen in dieser Familie sind meist sehr zurückhaltend, selten hält das Leben Liebe für sie bereit - oder aber es ist die große Liebe.

Miquel gibt sich in diesem Roman viele Beinamen die der aktuellen Situation entsprechen - von Versager bis großem Liebenden sind alle Abstufungen genannt. Manche triefen vor Selbstmitleid, andere sind humorvoll und brachten beim Lesen zum Lachen.

Sprachlich ist der Roman bzw seine Übersetzung faszinierend, als Miquel manchmal von sich in der Ich-form erzählt und öfter mitten im Satz zur beobachtenden dritten Person wechselt. Onkel Maurici erzählt konsequent in ich-Form aus seinem Leben und wie er die Familie wahrnahm.

Es gibt vier Familienstammbäume, in denen es von Menschen gleichen Namens wimmelt, und das Buch beim Lesen nicht immer leicht machen. 

In dem Buch ist viel von Musik zu lesen. Onkel Maurici spielt selbst Klavier; es ist von bekannten Komponisten wie Chopin, weniger bekannten wie Satie und für mich einen neuen Kompinisten namens Mompou (Katalane, lebte im 20. Jahrhundert) zu lesen. Miquel spielt nicht Klavier, geht aber gerne in den Palau in Barcelona und schwärmt von Schubert, Debussy bis Schostakowitsch und ist imstande die Probleme einer Violinistin bei Alban Bergs Violinkonzert zu verstehen.

Ich habe länger an diesem Familienroman gelesen, und empfehle auch anderen Lesern & Leserinnen sich Zeit zu nehmen.

In Summe ist der Roman faszinierend mit seinen geschichtlichen und familiären Verstrebungen, Wahrheiten und Träumereien, Musik und Politik. Der Stil ist sehr dicht, und lädt zum Versinken ein. Viel Freude beim Lesen !


Samstag, 5. Dezember 2020

Agustín Martinez : "Monteperdido"

Agustín Martinez :
"Monteperdido"- "Das Dorf der verschwundenen Mädchen"
Kriminalroman
Original "Monteperdido"
2015, Plaza &Janés Barcelona
Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen
2. Auflage März 2017, Fischer Verlag
488 Seiten + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-596-03658-5

In einem Dorf in den Pyrenäen verschwinden zwei 11-jährige  Mädchen. Fünf Jahre später taucht eines wieder auf, das bei einem Verkehrsunfall in den  Pyräneen verwickelt war. Kommissarin Sara Campos und Inspector Santiago Bain von der Bundespolizei wird in die Berge geschickt um mit dem Mädchen zu sprechen und den Fall nach fünf Jahren zu lösen. Polizist Victor Gamero vor Ort versucht einerseits zu helfen, andererseits nicht das Vertrauen der Menschen im Ort zu verletzten. Die ortsunkundigen Polizisten müssen sich aus einem Dickicht aus Mißtrauen, Verzweiflung der Familien, und neuen Banden auseinandersetzen. Später kommen Drogen, Prostitution, und Alkoholsucht dazu. Schlußendlich gibt es leider zwei Leichen mehr aber auch zumindest zwei Erfolge.

Die Weg denen Sara und Santiago folgen um von dem gefundenen Mädchen, den beiden Familien, den Menschen im Dorf zu finden, ist sehr spröde und geht über Erpressung, Vorurteile, Alkohol bis Prostitution.
Die Familien der Mädchen sind unterschiedlich beschrieben - die eine die an dem verlorenen Kind fixiert festhält, während die andere zerbricht sich dafür aber Neues anbahnen könnten. Das Leben beider Familien stellt sich auf den Kopf als der hinterhältige Täter nochmals zuschlägt. Hier ist Empathie spürbar.
Diese Empathie geht bei Kommissarin Sara für mich verloren, die zwar suchend und unsicher unterwegs ist, aber nicht spürbar ist; die kommende Liebensgeschichte wirkt etwas gekünstelt.

Szenerien ist ein Bergdorf mit eingeschworenen Menschen, die Neuankömmlinge nicht mögen. Wunderschöne aber hohe Berge die viel Schatten werfen, stillgelegte Bergstollen und auch ein schöner Bergsee auf der Anhöhe wird geschildert.

Der Roman ist sehr spannend geschrieben. Es ist mitraten nach dem Bösewicht im Hintergrund ist möglich. Viel Freude beim Lesen.

Agustín Martinez wurde 1975 in Lorca (Spanien) geboren. Er studierte audiovisuelle in Madrid und arbeitet als Drehbuchautor. Sein erster Roman erschien 2015 in Spanien, sein zweiter 2017.

Mittwoch, 10. Juni 2020

Catalina Ferrera : "Spanischer Feuerlauf"

Catalina Ferrera :
"Spanischer Feuerlauf" - ein Barcelona-Krimi
2020, Droemer Taschenbuch
301 Seiten + 3 Seiten Correfocs - eine katalanische Mutprobe + 9 Seiten Rezepte Pintxos
ISBN 978-3-426-30737-3

In diesem dritten Band sind Karl Lindberg und Alex Diaz auf der Suche nach dem Hintergrund einer weiblichen Leiche, die mitten bei den tanzenden Correfocs, aus der Luft in der Menschenmenge landete. Es ist die vor Jahren verschwundene Gattin eines Industriellen. Karl und Alex machen sich auf in die Pyrenäen, recherchieren in einem kleinen dunklen Dorf, und kommen doch der Geschichte dieser toten Frau auf die Spur. Das dunkle Geheimnis birgt einen schönen gefährlichen Mann, zu viel Gewalt und Frauensolidarität.
Parallel ist Karls Ehefrau hochschwanger, was die Recherchen für Karl nicht einfacher macht.

In diesem Band ist die Truppe um Karl und Alex wieder die Gerichtsmedizinerin Chi, für die Alex entflammt ist, Chefin Arbol die sich diesmal überraschend menschlich zeigt, und Marla im Kommissariat, die alles glänzend organisiert und recherchiert.
Als Interviewpartner stehen Herr Firmenbesitzer Vega, der charismatisch aber nicht immer durchschaubar ist, und später Vio(letta) im verfluchten Dorf gegenüber. Violetta schafft es den beiden Stadtpolizisten ein Gefühl für die Kargheit in den Bergen zu vermitteln.

Diesmal wird zwar über die Feuerläufe in Barcelona erzählt und die wunderbaren Spießchen mit kleinen Essen, aber sonst erfährt man auch über die Umgebung von Barcelona bis hinauf in die Pyrenäen.

Die Geschichte ist spannend erzählt und es gibt einige Überraschungen; und einen klaren bösen Charakter und einen liebevollen Menschen, der manchmal überfordert ist.

Mich hat dieser Kriminalroman in den Bann gezogen; viel Spaß (trotz der inherenten Gewalt) beim Lesen.

Catalina Ferrara ist ein Pseudonym, und steht für Eva Siegmund, die 1983 in Bad Soden (Hessen) geboren wurde. Sie arbeitete als Kirchenmalerin, als Juristin und Verlagsmitarbeiterin, ehe sie Schriftstellerin wurde.

Freitag, 22. Mai 2020

Albert Sánchez Pinol : "Der Untergang Barcelonas"

Albert Sánchez Pinol :
"Der Untergang Barcelonas"
Roman
original "VICTUS. Barcelona 1714"
2012, Edicions La Campana, Barcelona
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
2016, Fischer Verlag Frankfurt - Taschbuchausgabe
695 Seiten + 2 Seiten Vorbemerkung + 4 Seiten Chronologie des spanischen Erbfolgekrieges + 11 Seiten Verzeichnis der Personen
ISBN 978-3-596-19773-6

Der Autor führt uns anhand der halbfiktiven Gestalt des Martí Zuviria durch die zweite Hälfte des spanischen Erbfolgekrieges Anfang des 18. Jahrhunderts, und auch die Unverträglichkeit zwischen Katalanen und Kastillanen. Martí Zuviria, kurz Zuvi genannt, wird in Frankreich von einem der Großen der Baumeister der Stadtmauern, Sebastian Vauban, in die Ingenieurskunst eingeführt. Nach dessen Tod beteiligt sich Zuvi zuerst auf der Seite der Franzosen und Spanier, dann auf Seite der Österreicher und Katalanen, und am Schluß an der Verteidigung Barcelonas gegen alle. Der Autor nutzt eine fiktive Gefangennahme um das Geschehen der Franzosen-Spanier beschreiben zu können, bis Barcelona fällt.

Das Buch ist in drei große Kapitel unterteilt.
In "Veni" ist Zuvi der unbeherrschte versoffene Jugendliche, der nur Unsinn und Frauen im Kopf hat, der aber Schloß Bazoches das Beobachten, das Denken, und Planen lernt.
In "Vedi" zieht er mit den Heeren durch Spanien, lernt Herzog Beswick, Don Antonio Villaroel, Rafael Casanova, Miliquet Ballester und andere großherzige und letztklassige Menschen auf dem Schachbrett des aktuellen Krieges kennen. Auch die privat für ihn wichtigen Menschen treffen in diesem Kapitel zusammen. Allerdings bleibt er unbeherrscht und versoffen.
In "Victus" geht es um die letzten 14 Monate bis Barcelona fällt, in der die Verzweiflung, die Sturheit der Menschen aber auch die arrogante Dummheit der regierenden Oberschicht mit viel Leidenschaft beschrieben wird.

Der Roman ist dicht, emotional, und packend geschrieben. Obwohl ich Kriegsbeschreibungen nicht mag, haben mich die Schilderungen der Kriegs-Ingenieurskunst, die verschiedenen Ansätze des Schlachten führens, und die Probleme zwischen Militär und Fehleinschätzungen von Politik, fasziniert.
Die Sympathie liegt bei den Katalanen, die damals bereits 200 Jahre von den Kastillern ungerecht behandelt wurden; es gibt zu große Unterschiede zwischen den Werten, der Art des Lebens um hier ein schönes Zusammen zu finden. Der Fall Barcelonas am 11. September 1714 hat weitere Ungerechtigkeiten als Folge. Mir war nicht klar gewesen, daß die aktuelle Unabhängigkeitsbewegung der Katalanen (2019/2020) eigentlich jahrhundertealte Wurzeln hat.

Es gibt deftige, erotische Beschreibungen, auch die Kriegswirren und Kollaterralschäden herum sind handfest beschrieben.

Die Menschen in dem Roman werden mit starken Beschreibungen entweder sympathisch - unsympathisch, fähig - unfähig, charismatisch - uninteressant, loyal - illoyal - situationselastisch oder mit starken Vorlieben und Vorurteilen beschrieben.
Die Liebe, Frauen, eine wichtige Frau (Amelis), Kindersatz in Form eines verwahrlosten Buben (Anfan) und eines Zwerges (Nan) bilden die emotionale Familie die Zuvi eine Art von Rückhalt gibt.

Humor blitzt auf wenn besonders einfältige Adelige beschrieben werden, unfähige Oberste oder die fiktive Gestalt, der das Buch diktiert wird.

Als roter Faden zieht sich die Suche Zuvi-s nach dem sogenannten "Mystere" durch das Buch. Es geht bei diesem Geheimnis um eine zugrundeliegenden Wert der Kriegs-Ingenieurskunst, von dem Zuvis Lehrer immer wieder sprechen, und das Zuvi erst ganz am Schluß entschlüsselt.
Spannend ist die Anerkennung und Rivalität der Kriegsingenieure untereinander. Tätowierungen zeigen den Rang an, der Anerkennung erzeugt, aber auch Neid.

In dem Buch sind auch Abbildungen von Barcelona und dem Kriegsgeschehen untergebracht, die helfen das Geschehen zu verstehen.

In Summe ein starkes, großartiges Buch, das ist gerne weiterempfehle !

Albert Sánchez Piñol wurde am 11 Juli 1965 in Barcelona geboren. Er begann Jus zu studierte, beendet dann aber sein Studium der Anthropologie. Er schreibt meist auf katalanisch, das oben genannte Buch ist bis jetzt das einzige, das er auf spanisch geschrieben hat. 2000 erschien sein erstes Buch 'Compagnie difficili'. Mit 'La pell freda', auf dt. "Rausch der Stille" kam 2002 sein Druchbruch (ich habe das Buch am 31. Mai 2012 in den Blogg gehängt).

Samstag, 21. April 2018

Catalina Ferrara : "Spanische Delikatessen"

Catalina Ferrara :
"Spanische Delikatessen" - ein Barcelona Krimi
2018, Droemer Verlag
283 Seiten + 2 Seiten über Jamón + 2 Seiten über Tapas + 10 Seiten Rezepte + 2 Seiten Einstieger Vokabel Katalanisch
ISBN 978-3-426-30617-8

In diesem Krimi ist es möglich durch Barcelona Stadt zu gehen und die einzelnen durchaus bekannten Viertel (wieder) zu erleben.
Der irisch-stämmige deutsche ehemalige Polizeikommissar Karl Lindberg (hier mit Flugangst) ist mit seiner aus Barcelona stammenden Apothekergemahlin Alba und Sohn Oli in die Stadt am Meer übersiedelt. Sein charmanter Schwager Alex ist zu aller Erstauenen bei der Polizei und ersucht ihn um Hilfe, da in einem bekannten Delikatessenladen ein Schinken aus Menschenfleisch aufgetaucht ist. Gemeinsam macht sich das Duett auf die Suche nach dem Mörder bei der Delikattessenfamilie, sucht die ehemalige Geliebte des sehr unsympathischen Verstorbenen, und arbeitet innerhalb der Polizei mit und auch gegen die eigenen Leute, bis am Schluß eine akzeptierbare Lösung vorhanden ist.
Parallel gibt die Familie Albas einigen Rückhalt und Homosexualität bekommt auch einen Nebenstrang der Handlung.

Das Leben und die Schwierigkeiten der Stadt werden beschrieben - die schönen und reichen Seiten, genauso wie die armen und verwahrlosten, die Probleme mit Touristen, nach Olympia 1992 und der dunkle Schatten aus der Franco-zeit als die Spanier den Kataloniern das Leben schwer machten. Kleinigkeiten wie daß in der Kathedrale die Spanier heirateten, in Sta Maria del Mar die Katalanen machen das Buch lesenswert.

Die Geschichte ist aus Sicht von Karl beschrieben - mit seinen Überlegungen und Handlungen und Eindrücken von Menschen und Wohnungen / Ambiente. Er selbst dürfte ein knorriger Rotkopf sein, seine Frau eine fröhliche bildschöne Katalonierin, Rafa - der Freund von Oli - ein schlanksiger 18-jähriger mit blauen Augen, Alex ein charmanter frauengewöhnter attraktiver Mann mit Dackelblick aber überraschend auftauchenden grundsoliden Werten, Dolores Molina die Delikatessenladenbesitzerin eine arbeitsame solide Frau, ihr Sohn José ein dummer brutaler Kerl, die Geliebte Carmen eine schöne Frau mit Geschmack die sich in ihren Traumbereich zurückziehen kann, Vater Mateu ein gepflegter armer gebliebener Mann mit einer grauenvollen Geschichte, Thomas Sedlmayer ist Manager einer eher neuen Wurstfabrik und aalglatt, Marla die Assistentin in der Commissaria ist eine bildschöne Frau deren Bruder ein Verbrecher ist was ihr alle Chancen für Freundschaften nimmt, Maria Arbol als Capitan ist als Vorgesetzte nicht mit Sympathie gezeichnet, dafür die Forensikerin Chi umso mehr.

Der Roman ist gut und unterhaltsam geschrieben. Wer gerade in Barcelona zu Gast gewesen war, oder Sehnsucht nach dieser Stadt hat, ist bei diesem Krimi gut aufgehoben.

Samstag, 30. September 2017

Mercè Rodoreda : "Der Garten über dem Meer"

Mercè Rodoreda  :
"Der Garten über dem Meer"
Roman
original "Jardt vora el mar"
1967, Club Editor Barcelona
Aus dem Katalanischen von Karsten Brand
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Roger Willemsen
2016, Berlin Verlag Taschenbuch
216 Seiten + 13 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-8333-1054-6

Der Garten zu dem Meer gehört zu einer Villa einige Kilometer von Barcelona entfernt. Der reiche Senyoret Francesc wohnt, feiert, liebt, und lebt mit seiner Frau Senyorita Rosamaria und anderen Freunden in den wärmeren bis warmen Monaten hier. Er liebt seine Frau mehr als umgekehrt. Senyorita Eulália ist mit dem meist abwesenden Senyoret Sebastià verheiratet; wenn Sebastiá doch hier ist ist es sehr lustig da er einmal mit einem Löwen und einem Affen kommt und sonst jede Menge an Schabernack ausheckt. Nach seinem Tod nähern sich Senyorita Eulália und der Maler Felíu an, wobei ihre Malereien sogar in USA Erfolg haben.
Nachbar ist der in Kuba reich gewordenen Senyoret Bellem, der auf seine Tochter Maribel und Schwiegersohn Eugeni wartet. Dieser Eugeni entpuppt sich die Jugend- und große Liebe von Senyorita Rosamaria - er kommt beim Schwimmen ums Leben.
Selbst das Liebesleben einiger Mädchen im Haushalt von Senyoret Francesc wird erzählt.

Das Buch ist aus Sicht des Gärtners erzählt der das Leben der Villa-Besitzer und des Nachbarn entweder durch seine Gartenarbeit mitbekommt, oder weil es die Mädchen aus dem Haus erzählen oder er plaudernden Besuch in seinem Häuschen erhält. Er hält die Liebe zu seiner mittlerweile verstorbenen Frau Cecília aufrecht. Er behält sich Respekt für die anderen Menschen deren Garten er versorgt und läßt dem Leben der anderen seinen Lauf ohne gleich zu richten und zu bewerten.

Eugeni der nie seine Liebe zu Rosamaria überwunden hatte, ist in seinem Unglück spürbar, während Rosamaria lange unbeteiligt erscheint, und Francesc seine Liebe zu Rosamaria ausdrückt.

Die Sprache ist langsam; alles wird langsam beschrieben. Es werden viele Pflanzen im Garten genannt, die Gartenfreaks erfreuen werden.
Die Stimmung ist wie bei einem impressionistischen Bild, auf dem die Pastell- und Blumenfarbe schimmern und leuchten.

Zeit der Handlung dürften die 20-ger, 30-er Jahre sein. Daß einige Jahre später der Bürgerkrieg toben wird ist nicht spürbar. Auch wenn man bißchen an Great Gatsby denken kann, ist dieses Buch ruhiger, weniger hektisch, und auch die Geschäfte sind nicht undurchsichtig.
Berührend sind die Szenen in denen die einfach bodenständigen Eltern von Eugeni dem Gärtner von der Jugendliebe der zwei jungen Menschen erzählen.

Das Buch ist nicht einfach zu lesen, weil sich unüblich wenig tut. Ich wünsche viel Freude beim bewußten Lesen dieses Buches !

Mercè Rodoreda i Gurgui wurde am 10. Oktober 1908 in Barcelona geboren. 1928 heiratete sie ihren Onkel, der 14 Jahre älter war und bekam 1929 ihren Sohn Jordi; von beiden entzweite sie sich. 1938 erschien ihr Roman "Aloma". Sie ging ins Exil nach Frankreich und später in die Schweiz. Erst 1958 veröffentlichte sie wieder den Erzählband "Vint-i-dos Contes". Ihr Roman "La plaça del Diamant" (1962) wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. 1974 erschien ihr Roman 'Mirall trencat' und sie kehrte in 70-er nach Spanien zurück. Sie starb am 13. April 1983 in Girona.

Sonntag, 30. Juli 2017

Lluís Llach : "Die Frauen von La Principal"

Lluís Llach :
"Die Frauen von La Principal"
Roman
original "Les dones de la Principal"
2014, Editorial Empúries, Barcelona
Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann
2016, Insel Verlag Berlin
310 Seiten
ISBN 978-3-45-17672-5

La Principal ist ein Weingut / Gutsitz in den Bergen Kataloniens. 1893, 1940 und 2001 sind drei Jahre um die sich die Lebensgeschichten von drei entscheidungstüchtigen Frauen der Familie Roderich ranken. 1893 ist es die einzige Tochter Maria, die in der Zeit der Reblaus mit dem Gut und dem heruntergehenden Weingut übrig bleibt. Als sie Dank der Voraussicht ihres Vaters, der eine Rebe, die die Reblaus nicht schädigt, ansetzt, gut überlebt entsteht lebenslange Feindschaft zu den Brüdern, die der Vater besser im nahen Barcelona abgesichert hatte. Mit ihrem künstlerischen Mann Narcís entsteht Tochter Maria, die mit einer Kriminalgeschichte gestürzt werden soll, was erstens mißlingt und ihre zweitens ihr die Liebe des Mannes llorenc sichert. Ihre Tochter - auch Maria - übernimmt 2001.

Durchgehend ist Úrsula am Hof, die den "Senyora"s immer beisteht und dem Inspektor im Jahr 1940 Fragen wegen einer Leiche mit zerstörten Genitalien beantwortet. Sie ist Amme, Kammerfrau, Vertraute, Haushälterin, zwischendurch Geliebte, aber immer loyal zur Familie und den Frauen.

Die Menschen sind interessant geschildert und gut vorstellbar.
Die Maria um 1893 wird als hart geschildert - wohl durch das Verhalten ihrer vier Brüder, hat den Spitznamen 'die Alte' erarbeitet und kippt nach dem Tod ihres freidenkenden, intellektuellen, belesenen und klavierspielenden Ehemanns Narcis ins Gegenteil zu extremen reaktionärem Katholizismus.
Die Maria um 1940 ist zur Zeit des Krieges um Ausland, arrangiert sich irgendwie mit dem Franco-Regime und trifft mutige Entscheidungen betreffend Weinbau und auch in der Liebe.
Inspektor Lluís Recader liebt Krimis von Agatha Christie und hofft die Geschichte der Leiche in ihrem Stil lösen zu können. Ihm imponiert die starke schöne Gutsherrin. Leider kommen ihm das Gemisch aus Homoerotik, auch unter Priestern, und Machtstrukturen zwischen katholischer Kirche und Franco-Politik für eine saubere Lösung des Falles dazwischen..
Llorenc ist der Sohn einer Angestellten des Hofes, und ältester Vertrauter dieser Maria. Er ist erotisch offen in beide Richtungen unterwegs was zu dieser Zeit gefährlich ist, hat aber das Glück von einer schlauen Frau geliebt zu werden.
Die dritte Maria hat die 68-er des 20. Jahrhunderts mitgemacht, und macht sich auf das Weingut wieder in Hochform zu bringen.

Der Familienroman gemischt mit einer Kriminalgeschichte vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Ruins durch die Reblaus (1893) und dem Schatten des Bürgerkrieges und der Franco-Herrschaft (1940) wird sprunghaft erzählt. Manchmal ist es ein Erzähler, einiges was Úrsula dem Inspektor erzählt oder auch ein Märchen (beides in kursiv).

Die Düsterkeit der Koalition zwischen dem schwulen Priester, der andere für sein Verhaltung über die Klinge springen läßt, und Politik mit damals verantwortungsloser Gewalt ist beängstigend.

Ich habe das Buch an einem Wochenende begonnen und genossen es auch fertig zu lesen. Die Dichtheit der Figuren hat mich beeindruckt. Viel Freude beim Lesen !

Lluís Llach, geboren am 7. Mai 1948 in Girona / Katalonien geboren. Lluís Llach studierte unter anderem am Konservatorium Musik. Er ging gegen Franco ins Exil und erlangte als Sänger der Nova cançó große Berühmtheit. Sein Song "L’estaca / Der Pfahl" (1968) gilt als die Hymne der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Llach lebt auf seinem Weingut im katalanischen Dorf Porrera und engagiert sich aktuell für die katalanische Unabhängigkeit.

Freitag, 13. Januar 2012

Teresa Solana : "Mord auf katalanisch"

Teresa Solana :
"Mord auf katalanisch" - ein Barcelona-Krimi
2006 bei Edicions 62 in Barcelona
"Un crim imperfect"
aus dem Katalanischen übersetzt von Petra Zickmann
2007, Piper München Zürich
2 Seiten Stadtplan auf den beiden Innencovers
1 Seite Spezialitäten
271 Seiten
ISBN 978-3-492-04951-1

Barcelona im Winter. Das Brüderpaar Eduard und 'Borja' nennt, betreiben miteinander eine Detektei und erledigen meist - erfolgreich und diskret - Seitensprung-Angelegenheiten. Diesmal verdächtigt ein Politiker seine Gattin des Seitensprungs, da ein bekannter Maler ein Bild von ihr gemalt hat. Beweise findet das Brüderpaar keine, aber sie sehen viele Gespräche der verdächtigten Dame mit Menschen, die sie meist unglücklich zurück läßt. Am Weihnachtstag wird die Dame vergiftet aufgefunden.
Die beiden Detektive gehen einiges Spuren nach, und lösen letztendlich den Fall. Polizei und Presse lösen den Fall anders, aber die Detektive sind mit dem Ausgang zufrieden.

Ein zwei-seitiger Epilog erzählt im Kurzüberblick wie sich das Leben einiger Beteiligter über die nächsten Jahre weiterentwickelt.

Die Personen und ihre Umgebung sind detailliert und mit Freude zum Detail geschildert.
Eduardo ist verheiratet, hat 3 Kinder und ist ehemaliger Bankangestellter und Buchhalter. Sein Zwillingsbruder Pep, nennt sich Borja und hat sich einen fantasievollen Nachnahmen zugelegt - er ist der Schillernde und Faszinierende des Duos; aber da sich die beiden nicht ähnlich sehen, funktioniert die Geschichte mit der beruflichen Freundschaft sehr gut.
Am besten hat mir die Schilderung einer niveauvollen Dame der reichen Oberschicht mit viel Humor, Macht und Intelligenz gefallen. Böse sind die Beobachtungen des Mordopfers das als eine wunderschöne aber durch extremen Ehrgeinz eher ungute Person geschildert wird. Die Frauen in dem Krimi sind sehr unterschiedlich - die etwas alternative Montse, die verheiratete geliftete erfolgreiche Geliebte, die überkandidelte Direktorin einer Schule. Die sonstigen Männer sind Politiker wie der Mann des späteren Opfers, ein Lehrer und ein fürsorglicher Butler.

Eine schöne Idee finde ich, daß das Portrait der Dame über ein Photo im Zug seinen Ursprung hat. Der Künstler hatte das Photo einer schlafenden Frau gemacht und dann - seinem Stil entsprechend - in wunderschöner Weise gemalt.
Gut gefällt mir, daß im Anhang auf einige gastronomische Spezialitäten Katalonien stehen. Ob man sich die Restaurant-empfehlungen am Ende des Buches ansehen will, ist Entscheidung des Lesers (ich habe es nicht getan).

In Summe finde ich das Buch gut lesbar, die Geschichte und die Menschen sprechen mich an und meine Erwartung im Winter ein Buch aus wärmeren Gegenden wärmt meine Seele wurde erfüllt. Viel Vergnügen beim Lesen !