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Dienstag, 7. Mai 2024

Hisashi Kashowai : "The Kamogawa Food Detectives"

Hisashi Kashowai :
"The Kamogawa Food Detectives"
original "Kamogawashokudo "
2013, Shogakukan
translated from Japanese by Jesse Kirkwood
2023, Mantle, imprint of Pan Mamillan
201 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis
ISBN 978-1-035009589

auf deutsch : "Das Restaurant der verlorenen Rezepte"

Vater Kamagowa, ein ehemaliger Polizist, und seine Tochter führen ein kleines, geheimes Restaurant in einer Seitengasse Kyotos. Werbung gibt es nur mit einer einzigen Zeile, die wenige Menschen finden. Sie werben damit, daß sie Rezepte finden, die lange vergessen sind. Die Suchenden erhalten meist an Anfang viele kleine Teller mit grandiosen kleinen Häppchen (von denen ich zwar leider nur die Hälfte verstanden habe, die aber köstlich beschrieben sind). 

Die Geschichten sind ähnlich aufgebaut : jemand sucht ein Gericht, Vater und Tochter recherchieren und kochen und lösen dabei das Rätsel, das für die suchenden Personen mit dem Gericht verbunden ist.

1) Nabeyaki-Udon - Suppe mit dicken Nudeln, Shrips, Karottenscheiben, Spinat, Fisch-kuchen, Zwiebeln, Hendl-stücken. Diese Suppe ist einem Herren in Erinnerung, da seine Frau sie immer so gut gemacht hatte, aber seine jetzige Liebe sie leider nicht kann. Die Gastgeber triksen etwas um der jetztigen Frau zu helfen.

2) Beef Stew - Rind stew mit Brokoli und Shitake-pilzen. Eine ältere Dame trauert einem Rendezvous vor 55 Jahren nach, bei dem ihre Familie einem weitere Treffen verboten hatten und den arrangierten Ehemann präsentierten. Der jungen Mann damals konnte sie auch nicht vergessen, lebt aber nicht mehr.

3) Meckerel sushi. Ein wichtiger Funktionär taucht in seine Kindheit, bei der ihm dieses Gericht angerichtet worden war.

4) Tonkatsu - paniertes Schnitzel, in Streifen geschnitten auf Kohl serviert mit Tonkatsu oder Soja-sauce serviert. Ein Frau sucht dieses Gericht in Erinnerung an ihren Mann, deren Ehe wegen Stolz geschieden worden war, und die im Alter vielleicht wieder hätten gemeinsam sein können.

5) Napolitan Spaghetti - Spaghetti mit Frankfurter Würstel in Scheiben, Zwiebel, Paprika. Eine Enkelin sucht die Essenserinnerung in ihren Großvater, aber damit auch seine Liebe zu ihr und sein Vertrauen, daß sie eine großartige junge Frau ist. (warum Frankfurter Würstel aber neapolitanisch seien, entschloß sich mir nicht)

6) Nikujaga - Fleisch und Kartoffel-Eintopf mit Zwiebeln und Soja-sauce. Ein junger erfolgreicher Unternehmer erinnert sich an dieses Gericht, das seine Mutter immer gekocht hatte, aber bei seiner Stiefmutter nie so gut gewesen war. Es stellt sich heraus, daß die kranke Mutter der Stiefmutter das Lieblingsrezept gegegeben hatte.

Eine rote Tigerkatze ist am Cover der englischen Übersetzung. Ein Tigerkatze geht manchmal am Anfang oder Ende der Episode in oder aus dem Restaurant; mehr gibt es nicht über die Katze, was ich nach dem Cover sehr schade fand.

Ich hätte mir eine Zusammenfassung der Rezepte gewünscht und mehr Information über die Produkte, da nicht jedem/r japanisches Essen außerhalb der üblichen Sushi-produkte geläufig ist.

Die Geschichten sind schön zu lesen, sollten m.a.n aher langsam gelesen werden, damit sie wirken. Leider sind für mich Traurigkeit und Einsamkeit zu dominierend in dem Buch. Lesenswert sind die Geschicheten trotzdem.

Hisashi Kashiwai wurde 1952 in Kyoto geboren und wuchs dort auf. Seine Zahnarztausbildung war in Osaka. Zurück in Kyoto arbeitete er als Zahnarzt, schrieb über 'seine' Stadt und hat bei Fernsehberichten über Kyoto mitgearbeitet.

Dienstag, 6. Februar 2024

Miriam Elia, Ezra Elia : "Das Tagebuch von Edward dem Hamster 1990-1990"

Miriam Elia, Ezra Elia :
"Das Tagebuch von Edward dem Hamster 1990-1990"
original "The Diary of Edward the Hamster 1990-1990"
2012, Boxtree, Imprint von Pan Macmillan
Aus dem Englischen von Sibylle Meyer
2013, Fischer Taschenbuch / 8. Auflage: Dezember 2021
82  Seiten + 2 Seiten Vorwort + 1 Seite Autoren
ISBN 978-3-596-51310-9

Das Büchlein beginnt mit einem Vorwort, in dem das Tagebuch des philosophischen Hamsters Edward gefunden wird.
Edward langweilt sich alleine in seinem Käfig, weil er keine Ansprache hat. Auch die Katze will nicht mit ihm diskutieren. Als er endlich einen Gefährten bekommt, entpuppt sich dieser als verfressener und eher dümmlicher Zeitgenosse. Dank einer Sabotage am Rad erledigt sich das Problem.
Dann kommt Camilla - eine bezaubernde intelligente Hamsterdame. Eine kurze intensive glückliche Phase kommt für Edward, bis Camilla einem Unfall zum Opfer fällt.

In dem Büchlein sind in kurzen und langen Absätzen Edwards Überlungen und Tagebucheinträge notiert. Abgewechselt werden die Texte von kleinen quadratischen Zeichnungen, in denen weiß auf schwarz das Hamsterleben illustriert ist. Der Hamster sieht meiner Ansicht nach aber nie glücklich aus - offenbar kein Grund für ihn das zu tun.

Manches bringt zum Lachen, bei anderen Beschreibungen kommt eher Rührung auf.

Montag, 29. Mai 2023

Toby Barlow : "Baba Jaga"

 Toby Barlow :
"Baba Jaga"
original "Babayaga"
2103, Straus & Giraux, New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Giovanni und Ditte Bandini
2014, Hoffmann und Campe, Hamburg // 2. Auflage 2017
530 Seiten + 1 Seite Prolog + 1 Seite historischer Hintergrund + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-455-65062-4

Zoja, eine attraktive junge Frau mit Kurven hat ein gutes Auge welche Männer ihr behilflich sein könnten, im Paris der 50-er Jahre. Sie hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich, da sie aus Rußland kommend durch weise Frauen in die Kunst der Hexerei geschult worden war; ihr sieht man die vielen Jahre ihres Lebens nicht an. Elga ist einer der weisen Frauen, die sie eingeschult hatten, die sich aber zur bösen alten Frau entwickelt hatte, die ausgezeichnet hexen kann.
Will lebt seit einigen Jahren in Paris, hat es aber als Amerikaner nicht weiter als einige Frauenbekanntschaften gebracht, und arbeitet als Werbetexter. Ihm wird ein Naheverhältnis zu einer Außenstelle der CIA nachgesagt. Er lernt über seinen Chef Zoja kennen. Ein Bekannter namens Oliver bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten und mit einigen eigenartigen brutalen Menschen zusammen. Sein Chef Brandon ist etwas undurchsichtig. Seine Liebe zu Zoja bringt beide in Probleme.
Charles Vidot ist Polizist aus Leidenschaft und damit seinem karrieresüchtigen Chef überlegen. Er soll einen Mord aufklären, lernt Elga kennen und wird in einen Floh verwandelt. Er versucht auch als Floh zu überleben, lernt später Will kennen und überlebt.

Der Roman wird vier Büchern erzählt in dem den verschiedenen Figuren gefolgt wird. Es sind immer wieder Strophen abgedruckt bei denen sich langsam entschlüsselt, daß hier Rückblenden stattfinden und manchmal auch gehext wird.

Zojas Leben wird auch in Rückblenden erzählt, als sie eine menschliche junge Frau war, die nur durch die Hilfe der Hexen überlebt. Sie versucht manchmal die menschliche Liebe wieder zu leben, merkt aber daß das sie das nicht mehr machen darf. Elga ist über Jahrhunderte des Lebens hart geworden, für sie zählen Menschenleben nicht mehr. Den beiden sind zwar einige kaltherzige Menschen, die Hexenwissen und magisches Wissen sammeln (wollen), den Menschen nach Wissensübergabe sehr übel mitspielen.
Will lebt zwar in Paris, läßt sich treiben, und wird wie von einem Wirbelwind von den Menschen und Hexen durch die Luft gewirbelt. Vidot ist unterhaltsam wie er als Floh überlebt, er behält seinen Gestaltungswillen auch als Floh, und es gelingt ihm am Schluß sogar seinen unfähigen Chef loszuwerden.
Die Geschichte des Priesters Andrej, der die Hexen über Jahrhunderte begleitet hatte, und seines Bruders Max ist berührend.

Der Roman ist sehr unterhaltsam geschrieben. Die Bilder laufen beim Lesen im Kopf ab. Gewisse Ungereimtheiten, und hier meine ich nicht Hexensprüche und deren Wirkungen, lösen sich doch freundlich auf.

In Summe habe ich diesen Roman sehr genossen und mich köstlich dabei unterhalten (Floh Vidot mit seinen Transporttieren als Beispiel genannt). Viel Spaß beim Lesen !

Sonntag, 19. Juni 2022

Lisa Gallauner : "Teufelsstimmen"

Lisa Gallauner :
"Teufelsstimmen" - Meierhofers 1. Fall
2013, Verlag Federfrei
185 Seiten
ISBN 978-3-9502751-8-6

Chefinspektor Hans Meierhofer und sein ihm neu zugeteilter Gruppeninspektor Stefano Staudinger werden zu einem Mord gerufen. Ein Mann hatte mit seinem Gewehr gezielt auf Camper geschossen, und war nachher ganz glücklich, daß Stimmen weg seinen. Tage später läßt ein Mann seine Ehefrau in Flammen aufgehen, und ist nachher ebenfalls glücklich, daß die Stimmen weg sind. Ein Selbstmord passiert auch noch. Spät kommmt das ungleiche Polizistenpaar, das sehr gut miteinander zusammenarbeitet, auf die Gemeinsamkeit bis es zur Wendung und Lösung kommt.

Ort der Handlung ist die Wachau mit teilweise echten, aber auch erfundenen Örtlichkeiten. 

Die geschilderten Menschen sind teilweise gelungen  - mir gefällt der halbitalienische Gruppeninspektor -, manche sind nachvollziehbar, manche eher konstruiert. Die permanente Sucht nach Kaffee des Chefinspektors ist am Anfang unterhaltsam, beginnt sich aber dann zu ziehen.

In Summe ein netter Wachaukrimi, ideal für den Urlaub.

Lisa Gallauner wurde 1978 in St. Pölten geboren. Sie hat Kinderbücher geschrieben, bevor sie einen Kriminalroman schrieb.

Donnerstag, 26. Mai 2022

J.J. Preyer : "Rosmarie Weichsler und das Lächeln des Teufels"

J.J. Preyer :
"Rosmarie Weichsler und das Lächeln des Teufels"
2013, Ennsthaler Verlag Steyr
191 Seiten
ISBN 978-3-85068-912-0 

Rosa Weichsler und ihr Verehrer Chefinspektor Frühauf besuchen die Premiere von 'Jedermann' im Steyrer Schloß, bei dem lokale Laiendarsteller mit einem prominenten professionellen Schauspielerpaar veredelt wurden. Gleich nach dem Applaus wird der Intendant vergiftet. Rosa Weichsler, muß sich mit ihrer Zwillingsschwester Marie immer gegenseitig auf den gleichen Informationstand bringen, da die beiden in ihrer Trafik nur als eine Person - nämlich als Rosmarie - bekannt ist. Beide sind abwechselnd detektivisch tätig, binden ihren Vater ein und unterstützen den Chefinspektor, da dieser einen Fehler nach dem anderen macht.
Der Intendant, der im zivilen Leben Versicherungsmakler ist, war bekannt dafür sich in einem Thema festzuhaken, und war letztendlich sehr unbeliebt gewesen. Frau Teufel ist im zivilen Leben Apothekenhelferin und lebt mit vielen Katzen zusammen. Das prominente Schauspielerpaar besteht aus einer schönen rothaarigen Frau mit intensiver dunkler Stimme, und einem extrem gutaussehenden Mann, die miteinander leben. Weitere Leichen werden entdeckt, und Verdächtige werden weniger. Der Mörder und der Grund sind dann ziemlich überraschend.

Die Geschichte wird der Weichsler Schwestern erzählt, manchmal unterstützt von ihrem Pudel Herbert.
In kursiv sind mehrere Abschnitte abgedruckt, die die Gedanken und sehr konkreten Taten des Mörders festhalten.

Die Geschichte finde ich ziemlich haarsträubend, aber der Humor und wie manches liebevoll-respektlos geschildert wird, ist sehr unterhaltend.

Das Lokalkolorit ist zwar vorhanden, aber netterweise nicht zu sehr betont.

In Summe habe ich mich beim Lesen sehr gut unterhalten, wobei manche Situation sehr sehr unwahrscheinlich sind. 

Josef Johann Preyer, wurde in 1948 in Steyr geboren. Er studierte Germanistik und Anglistik in Wien. Lehrtätigkeit in der Jugend- und Erwachsenenbildung. Ab dem 14. Lebensjahr literarische Veröffentlichungen, Mitarbeit an der Kinderzeitschrift KLEX von Peter Michael Lingens. 1996 gründet Preyer den Oerindur Verlag für lesbare Literatur und Krimis. Seit 2010 schreibt er für die Romanserie JERRY COTTON. Er ist Mitglied im Syndikat und bei den Österreichischen Krimiautoren.

Dienstag, 22. Juni 2021

Antonio Hill : "Der Sommer der toten Puppen"

Antonio Hill :
"Der Sommer der toten Puppen" - ein Barcelona-Krimi
original "El verano de los juguetes muertos"
2011, Debolsillo Barcelona
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
2013, Suhrkamp Taschenbuch
362 Seiten + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-518-46467-0

Hauptperson ist der argentinische Inspektor Hector Salgado, dem in Barcelona die Wut über einen Mädchenhändler Schwierigkeiten beschert hat. Ein Freund ersucht ihn  zu untersuchen ob ein Teenager wirklich beim Rauchen aus dem Fenster gefallen ist, oder ob mehr dahinter steckt.
Aus mehreren Blickpunkten wird spannend erzählt und auch in die Vergangenheit gesprungen, wie ein Kindheitserlebnis - bei dem Puppen um eine Leiche im Wasser trieben - Jahre später endlich gelöst wird, und weitere Tote bringt.
Die Lösung und das wieso hatte ich nicht erwartet, es geht aber um Kindesmißbrauch.

Hector Salgado, war der Liebe wegen in Barcelona hängen geblieben; seine Ex-Frau liebt jetzt eine Frau; es gibt einen Sohn. Innerhalb der Polizei hat er Menschen die ihn  unterstützen, was wichtig ist, da aus dem Mädchenhändlerring ein sehr bösartiger Rachefeldzug gegen ihn aktiv ist. Er wird als schwierig, verschwiegen und eigenbrötlerisch beschrieben.
Die neue ihm zugeteilte Kollegin Leire ist jung, gescheit, denkt schräg und ist sexuell sehr aktiv.
Marc Castell ist der Teenager, der aus dem Fenster gefallen war; er war sehr verschlossen, hatte sich erst im Auslandssemester wegen Englisch zu öffnen begonnen, und eine junge Frau kennen gelernt.
Sein bester Freund Aleix Rovira hat Krebs besiegt, ist sehr attraktiv und charmant, und spielt mit der Gefahr und Frauen. Seine Familie zählt zu den wichtigen und reichen der Stadt; liebevoll und ihm durch die Krankheit geholfen hat ihm allerdings nur sein Bruder Eduard.
Deren gemeinsame Freundin Gina Ballester ist lieb, besorgt und läßt sich leider zu leicht zu führen.
Enric Castell, der Vater von Marc, ist erzkatholisch, zeigt wenig Liebe, was zu einem Teil des Problems wird.
Joanna, die Mutter Marcs, hat ihren Mann und Sohn verlassen, ist aber diejenige die nicht aufgibt die Lösung um ihren Sohn zu wissen zu wollen.
Felix Castell ist der Onkel von Marc, ein Priester, der sich immer um seinen Neffen liebevoll gekümmert hat, und der ihm wichtig ist. Er weiß mehr über die Leiche mit den Puppen, sah sich aber veranlaßt zwei  Menschen zu schützen.

Der Roman ist spannend geschrieben.
Die Menschen sind oft einsam und in ihren Gedanken und Problemen geschildert.

In Summe ein sehr empfehlenswerter Kriminalroman der auch unter die Haut geht. Viel Freude beim Lesen !

Antonio Hill, wurde 1966 in Barcelona geboren. Er studierte Psychologie und arbeitet dann als Übersetzer aus dem Englischen. Er lebt und arbeitet in Barcelona.

Freitag, 17. April 2020

Antonio Manzini : "Der Gefrierpunkt"

Antonio Manzini :
"Der Gefrierpunkt"  - Rocco Schiavone ermittel, Band 1
original 'Pista nera'
2013, Editione Sellerio
Aus dem Italienischen von Anja Rüdiger
2015, Rowohlt Taschenbuch
276 Seiten + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-349-923490-3

Vicequestore Rocco Schiavone wird aus Rom ins winterliche Aosta-tal versetzt. Er wird auf einen Mord auf einer Schneepiste bestellt und erstaunt dort in Halbschuhen und Lodenmantel. Agente Italo Pierron steht ihm zur Seite, und denkt wendig mit. Die Recherchen führen in ein wunderschönes Schigebiet, eine schöne Frau, einen ehemaligen Partner, und einen Bruder aus dem Süden Italiens. . Die Aufklärung des Mordes geht auf eines der ältesten Motive zurück.
Parallel macht Rocco das was seine Frau als Blödheit bezeichnet, als er mit einem Freund mit Rauschgift findet und für eigene Zwecke verwendet.

Die Menschen sind gut geschildert.
Hauptfigur Schiavone ist eine schillernde Figur der zwar ein sehr gutes Gspür für die seinen Fall hat, sonst aber es mit ehelicher Treue und anderen Leben nach dem Gesetz nicht ernst meint. Mir gehen die erotischen Kommentare etwas auf die Nerven. Daß er bei Befragungen Menschen prügelt, um an Information zu kommen, macht ihn mir nicht sympathisch. Herrlich bösartig bei denen der Polizist die Kontakte und Verdächtigen mit Tieren aus der Tierenzyklopädie vergleicht.
Pierron als ortsansässiger Polizist ist ein Gemisch als bodenständig aber auch wendigem Agieren. Staatsanwalt Baldi ist hier ein mitdenkender Zeitgenosse der der Polizei keine unnotwendigen Dünkel in den Weg wirft.
Bei der Polizei gibt es allerdings zwei Polizisten die an gelebter Dummheit dem Witzblatt entnommen scheinen.
An Verdächtigen gibt es die wunderschöne Witwe Luisa die einen alten Bauernhof geerbt hat, den Chef der Schneeraupenfahrer Luigi, den ehemaligen Freund der Witwe Omar der als Schilehrer sein Geld verdient, den dumpfen Bruder des Ermordeten der sein Land nicht für einen Kredit des Bruders zur Verfügung stellen möchte.

Eine kleine Nebengeschichte, die mich berührt hat, behandelt Menschenschmuggel in einem LKW und die unerwartete Hilfe eines älteren Ehepaares.

Der Originaltitel "pista nera" heißt übersetzt schwarze Piste, was den Schifahrern Freude macht und eine anspruchsvollere Piste heißt.

Der Roman ist gut und spannend geschrieben. Das Ende ist überraschend und der Frust der Hauptfigur nachvollziehbar. Viel Spaß beim Lesen ! 

Antonio Manzini wurde ab 7. August 1964 in Rom geboren. Er ist ausgebildeter Schauspieler in Film und Fernsehen und schrieb Drehbücher. 2020 erschien der neunte Band mit Rocco Schiavone; es gibt auch viele Erzählungen mit dieser Figur, die oft verfilmt wurden.

Dienstag, 17. März 2020

Frida Mey : "Radieschen von unten"

Frida Mey :
"Radieschen von unten" - ein Bestatter Krimi
2013, Aufbau Verlag, Berlin
275 Seiten
ISBN 978-3-7466-2976-6

Elfie Ruhland soll buchhalterische Genauigkeit für eine Überprüfung eines Bestattungsunternehmens einbringen. Während sie dem Chaos der Belege nachgeht. beobachtet sie die diktatorische Chefin, und ihren unterdrückten Sohn. Ein Witwer beschwert sich und wird erschlagen aufgefunden. Später wird die Chefin tot über einem der Särge aufgefunden. Kommissarin Alex hat einiges zu tun um hier zu klären was abgelaufen ist.
 
Am Cover schaut ein Mops-Gesicht aus einem Karton heraus. Der etwas rundliche Mops Amadeus wurde eigentlich nur für eine Kreuzfahrtreise geparkt, wird aber ins Polizeikommissariat mitgenommen, begleitet zum Bestatter und auf den Friedhof und liebt Pralinen.

Elfie plaudert auch noch nach 30 Jahren mit ihrem Gefährten am Friedhof, auch wenn die Zeichen der Kerze nicht immer klar sind. Sie glaubt lange an das Gute im Menschen, aber wehe denjenigen die bei ihr Minusstriche in geheimen Buch ansammeln; da hilft manchmal ein Unfall um neue Liebe in die Wege zu leiten.
Alex ist eine attraktive fröhliche Frau, die nicht bereit ist von ihrem Freund an der Nase herum führen zu lassen. Sie packt in der Polizei an, und löst ihre Fälle.
Der Sohn der Bestatterin wird höflich, unterdrückt und verliebt geschildert. Die Azubine ist mit Piercings übersäht, was die Chefin nicht mag, die anderen aber nicht stört.

Das Buch ist humorvoll geschrieben. Es gibt einige skurrile Szenen, die mit Vergnügen zelebriert werden.

Es ist von Vorteil wenn man Hundefan ist, um das Buch komplett zu genießen . Viel Spaß beim Lesen !

Frida Mey ist ein Pseudonym, das  für Friedlind Lipsky (Frida) und Ingeborg Struckmeyer (Mey) steht.  
Friedlind Lipsky (Frida) wurde 1957 in Weserbergland geboren, studierte Lehramt für Englisch und Französisch, und arbeitete in einer PR-Agentur. und d
Ingeborg Struckmeyer wurde in Bottrop geboren, studierte in Münster und Köln,und war anschließend als Diplom-Bibliothekarin tätig.
2012 erschien der erste Roman der beiden Autorinnen mit Elfie Ruhland "Manchmal muß es eben Mord sein".

Montag, 24. Februar 2020

Antti Tuomainen : "Todesschlaf"

Antti Tuomainen :
"Todesschlaf"
original "Synkkä Niin Kuin Sydämeni"
2013, Like Kustannus Oy, Helsinki
Aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen
2014,  List Taschenbuch
324 Seiten
ISBN 978-3-548-61229-4

Aleksi verliert mit 13 seine Mutter und sucht mit 31 noch immer nach ihr, nachdem er sich die Position des Hausmeisters bei einem charismatischen reichen älteren Ex-Industriellen erarbeitet hat. Dort lernt er die attraktive Tochter des Hauses kennen, den durchtrainierten Chauffeur und die Haushälterin und Köchin, die den ehemaligen Industriellen seit Langem kennt. Die kalt-heiße Art der Tochter bringt ihn durcheinander, ein alter Polizist und der ex-Industrielle krachen aneinander. Er spät entschlüsselt sich ihm wer wirklich seine Mutter getötet hat (es ist einer der ältesten Gründe).

Die Kapitel springen vom Zeitraum der Ermordung der Mutter Aleksis und der Suche nach ihrem Mörder, und werden alle aus Sicht von Aleksi beschrieben. Sie beschreiben seine Zielgerichtet, aber auch sein Unvermögen mit Menschen umzugehen oder wieder etwas Vertrauen aufzubauen. 

Der Millionär wird als gut aussendend, mit Lächeln beschrieben, die Tochter als bildschön und eiskalt, der Chauffeur weiß daß er kräftig ist, die Köchin daß sie gut kocht. Der alte Polizist begleitet Aleksi seit dem Tod der Mutter und dürfte der einzig Vertraute sein. Es gibt einige Sex-szenen.

Der Originaltitel heißt laut automatischer Internetübersetzung "Dunkel wie mein Herz" was mir zur Geschichte besser gefällt, als der Titel der Übersetzung.

Die Geschichte ist sehr spannend geschrieben. Die Spannung zog mich in die Erzählung hinein. Das Ende hat dann ziemlich überrascht. Viel Spaß beim Lesen !

Antti Tuomainen wurde 1971 geboren. Der erste Roman "Tappaja, toivoakseni" erschien 2006. Sein Durchbruch war "Parantaja" / dt. 'Der Heiler' der 2010/2012 erschien.

Dienstag, 11. Februar 2020

Camilla Läckberg : "Schneesturm und Mandelduft"

Camilla Läckberg :
"Schneesturm und Mandelduft"
original "Snöstorm och mandeldoft"
2007, forum Verlag Stockholm
Aus dem Schwedischen von Max Stadler
2013, Ullstein Buchverlag / List Taschenbuch
134 Seiten + Leseprobe für "Der Leuchtturmwärter"
ISBN 978-3-548-61176-1

Kommissar Martin Molin begleitet seine Freundin zu deren Fest mit deren Familie, wo ziemlich bald der reiche Großvater vergiftet stirbt. An Verdächtigen auf der verschneiten Insel, die wegen Schneesturms unerreichbar ist, mangelt es nicht. Jeder in der Familie hätte Chance und Motiv gehabt. Es gibt noch einen zweiten Toten, ehe der Kommissar es schafft das Rätsel um die Toten zu lösen - Sherlock Holmes sei Dank.

Ort der Handlung ist bei Fjällbacka.
Die Menschen in der Familie sind ein Gemisch aus zu weich für Geschäftsführung, spielsüchtig, selbstgefällig, verträumt, depressiv, egoistisch, sensibel, mit dunklem Geheimnis geschildert.
Der Kommissar selbst ist alleine auf sich gestellt, die Beziehung mit seiner Freundin ist abgelaufen.

Die Geschichte ist gut geschrieben, aber hat mich nicht mit Spannung eingefangen. Leider ist nur ein Erzählstrang. Mitraten nach dem Mörder ist möglich.

Jean Edith Camilla Läckberg Eriksson wurde am 30. August 1974 in Fjällbacka geboren. Sie ist Schriftstellerin. Ihr erster Roman ist 2003 erschienen; mittlerweile sind 15 Bücher zu verzeichnen.

Dienstag, 7. Mai 2019

Karin Fossum : "Eine undankbare Frau"

Karin Fossum :
"Eine undankbare Frau"
Kriminalroman
original "Varsleren"
2009, Cappelen Damm, Oslo
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
2013, Berlin Verlag Taschenbuch
298 Seiten
ISBN 978-3-8333-0908-3

Böser Unfug erschüttert kleine selig erscheinende Familien in ihren Tiefen und mit langfristigen Folgen. Der vernachlässigte Jugendliche Johnny mit Alkohol süchtiger Mutter und liebendem unbeweglichen Großvater fährt mit seinem roten Motorrad durch die Gegend. Das Mädchen Else mit flammend roten Haaren fährt auf ihrem blauen Fahrrad ebenso durch die Gegend. Hunde attackieren einen Buben. Zwischen all diesem sind führen die Inspectoren Sejer und Jakob Skarre Gespräche. Ein der Täter der bösartigen Streiche ist nachher tot, ein anderer nicht. Es bleibt viel Wut und Hilflosigkeit übrig.

Die beiden Inspectoren Sejer und Jakob Skarre werden mit Freundlichkeit und Einfühlungsvermögen geschildert; beide machen keine Machtspiele. Bei Sejer wird auch Privates erzählt, indem es um seinen dunkelhäutigen Enkel geht der eine grandiose klassische Tänzerkarriere vor sich hat.
Johnny wird viel von Haß, Neid, Verachtung an die Adresse seiner Mutter und nur bißchen Liebe für den Großvater und Meerschweinchen/Hamster, die kuscheln, geschildert. Else bekommt seine Wut ab, was ihre starke und eigensinnige Persönlichkeit nicht gut triggern dürfte.
Mit Mitgefühl sind die kleinen Familien, die älteren Paare, tödlich Erkrankte geschildert, die durch die Bösartigkeit der Scherze die Zerbrechlichkeit und Unsicherheiten aufbrechen lassen.
Die alkoholabhängige Mutter ist mit ihrer Schwäche, Egoismus und Rücksichtslosigkeit gegenüber ihrem Buben sehr unsympathisch beschrieben.

Die Orte der Handlung sind kleine Ortschaften in Norwegen, mit guter oder schlechter Infrastruktur, Familienhäuser, am See oder auch mitten am Land.

Da ich mit dem deutschen Titel "Eine undankbare Frau" auf diese Geschichte bezogen Probleme hatte, habe ich etwas recherchiert wie der Titel in anderen Sprachen heißt. Leider konnte ich nicht herausbekommen, was der Originaltitel "Varsleren" eigentlich heißt. Auf Englisch heißt der Kriminalroman "The Caller"/'der Anrufer', auf französisch "L'Enfer commence maintenant"  / 'die Hölle beginnt hier' , auf italienisch "Al lupo al lupo"/'Hilfe, der Wolf ist da' und auf spanisch "Presagios"/ 'Omen' oder 'Vorzeichen'. Die Vielfalt der Titel ist faszinierend, weil offenbar jeder einen anderen Ansatz in dem Buch interessant findet.

Der Roman ist spannend geschrieben, aber er macht auf Grund der Tristesse von Johnny und der Hilflosifkeit vieler anderen in dem Buch beschriebener Menschen traurig.
Es findet viel unkörperliche Grausamkeit statt; die körperliche Gemeinheit tut auch beim Lesen weh.

In Summe ist es ein sehr empfehlenswerter Roman, der unter die Haut geht und länger nacharbeitet.

Karim Fossum wurde am 6. November 1954 in Sandefjord / Norwegen geboren. 1974 erschienen ihre ersten Gedichtbände und fuhr Taxi. 1990 veröffentlichte sie Kurzgeschichten. Die Kriminaromane mit Inspector Sejer mit Unterstützung von Inspector Jakob Skarre begannen 1995 mit 'Evas øye'; 2016 erschien der 13. Band.

Donnerstag, 31. Januar 2019

Rabih Alameddine : "Eine überflüssige Frau"

Rabih Alameddine :
"Eine überflüssige Frau"
Roman
original "An Unnecessary Woman"
2013, Grove Press
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Marion Hertle
2016 / 4. Auflage 2017 Louisoder Verlags GmbH München
Lesebändchen
440 Seiten
ISBN 978-3-944153-30-8

Aaliya Saleh, eine 72-jährige Frau erzählt von ihrem Leben als Buchhändlerin, als erste Tochter ihrer Mutter die nach dem Tod des Vaters an dessen Bruder verheiratet wurde und immer übersehen wurde, ihrer Freundin Hannah, dem Leben in der Stadt Beirut in den Angriffen und auch in Friedenszeiten. Ihre Liebe gehört der arabischen Sprache, und deshalb übersetzt sie grandiose Romane aus englischen und französischen Übersetzungen ins arabische. Hier ist ihr Ziel pro Roman ein max zwei Jahre zu übersetzten.

Das beginnt Ende des Jahres mit ihren Überlegungen welches Buch sie zu Neujahr zu übersetzen beginnen wird. Es endet mit der Entscheidung für die nächsten zwei Bücher. Dazwischen sind der Versuch des ältesten (gräßlichen) Halbbruders die gemeinsame Mutter bei ihr abzuladen, ein Besuch im Museum, ein Besuch bei ihrer Mutter und überraschende Zusammenarbeit mit ihrer Nichte, und ein Wasserrohrbruch im Haus, das ihr überraschende Hilfe der drei anderen Frauen im Haus zuteil wird.

Das Buch ist aus ich-sicht geschrieben. Ihre Blicke, was sie sieht, was sie denkt ist notiert.
Am wichtigsten sind ihr Hannah eine Freundin die Teil der Familie ihres kurzzeit-Ehemannes gewesen war, dann kommen ihre Bücher und dann lange nichts. Ihre Familie hat sie nicht für sie interessiert, also macht sie es genauso; die drei starken Frauen in ihrem Haus sind ganz anders als sie, sie kümmern sich um Kinder, Mode, Männer und Intrigen (in unterschiedlichen Gewichtungen).

Auf fast vierhundert Seiten werden großartige Bücher der Weltliteratur beschrieben, und die Liebe Aaliyas zu diesen. Mir sind die Hälfte der Bücher bekannt, was Platz für Lesenanregung der nächsten Jahre macht.
Dazwischen wird Glen Gould genannt und andere Meilensteine der klassischen Musik, aber auch die großen Damen des arabischen Gesangs wie Oum Kouthoum.

Das Buch ist für mich eine Art Liebeserklärung an gute Bücher quer durch die Literaturgeschichte, die Art und Weise wie über Bücher und deren Charaktere geschrieben wird ist, macht neugierig auf deren (wieder oder erstmals) Lesen.

Aaliya schreibt über sich selbst auch humorvoll und selbstironisch. Übersetzt heißt Aaliya 'die Erhabene'. Es bringt zum Lächeln, wenn sie mit ihre Namen mit fehlerhaft blau gefärbten Haaren in Verbindung bringt und damit sprachlich spielt, und andere Mißgeschicke oder verblaßte Träume aus ihrem Leben.

Die Ausdrucksweise in diesem Buch fasziniert mich. Die Metaphern und andere Bilder in der beeindruckenden Stadt Beirut, die Gedanken über die Bücher haben mich in den Bann gezogen. Eigen war für mich daß ein Mann diese Frau so schön beschrieben hat, vielleicht ist hier aber auch der Übersetzerin der Tribut für diese sprachliche Schönheit und Dichte zu zollen.

Dieses wunderbare Buch hat meiner Ansicht nach leider den falschen Titel - auch wenn Aaliya sich selbst - da geschieden und kinderlos - als überflüssig sieht.
Auf spanisch lautet der Titel "La mujer de papel" (cirka 'Die Frau aus Papier'), auf französisch wurde "Les Vies de papier" (übersetzt cirka als 'Die Leben am Papier') als Titel gefunden, die mir beide viel besser als der Original und deutschsprachige Titel gefallen. Der italienische Titel ist "La traduttrice" ('die Übersetzerin').

In Summe ein großartiges Buch mit einer Offenheit für die Schönheit von Sprache und Literatur, aber auch zu Menschen. Viel viel Freude beim Lesen und Versinken in diese Welt !

Rabih Alameddine wurde in 1959 in Amman/ Jordanien geboren. Er ist Maler und ist in englischer Sprache schreibender Schriftsteller.  Er ist Sohn libanesischer Drusen und wuchs in Kuwait, Libanon  auf und lebt ab seinem 17. Lebensjahr in England, später Kalifornien. Nach seinem Studium war er als Ingenieur tätig. 1998 erschien sein erster Roman "Koolaids. The Art of War". Er lebt in San Francisco und Beirut.

Freitag, 5. Oktober 2018

Andréa del Fuego : "Geschwister des Wassers"

Andréa del Fuego :
"Geschwister des Wassers"
Roman
original "Os Malaquias"
2010,  Língua Geral, Rio de Janeiro
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Marianne Gareis
2013, Carl Hanser Verlag München
198 Seiten
ISBN 978-3-446-24331-6

Die Malaquias ist eine Familie, bei der die Eltern durch einen Blitz in der Serra Morena sterben, und die drei Kinder aufgeteilt werden. Nico arbeitet am Bauernhof, verliebt sich in Maria und sie bekommen Zwillinge Anesia und Onofre. Antonio ist mit Julia im Kloster. Während Julia bei einer Dame leben darf, entwickelt sich Antonio zum Zwerg. Antonio schließt sich bei Nicos Hochzeit den beiden an. Julia möchte kommen aber es kommt immer etwas dazwischen. Julia bekommt sogar ein Baby, einen Zwerg. Am Ende sind alle am gleichen Schiff; Zufälle verhinden daß Julia wieder Familienanschluß bekommt.
Parallell wird die Geschichte des Grundgrundbesitzers Geraldo, des Geistes Geraldina, des eigenartigen Eneido erzählt, und wie das Wasser das ins Tal gespült wird, vieles inklusive das Dorf vernichtet.

Die Kapitel sind kurz. Sie sind entweder Nico später gemeinsam mit Antonio gewidmet, Julia, oder anderen Handlungssträngen. Selten aber doch verschlängeln sich die Handlungsstränge.

Die Menschentypen sind teilweise bodenständig, teilweise skurril, manche arbeiten, manche tun nichts.
Mich hat am meisten Geraldina fasziniert, die nur kurz Mensch ist, aber meist als Wasser, Schweiß oder sonst in einem wässrig-luftigen Aggregatzustand vorhanden ist.

Die Örtlichkeiten sind einerseits eine Stadt, andererseits einige Fazendas. Das Tal wird zwar mit Wasser überflutet um Strom herstellen, aber sowohl Wasser als auch Strom nehmen ab.

Der Roman ist dicht geschrieben. Die Szenerien laufen vor dem geistigen Auge ab.

Die skurillen Gespräche, Gedanken und Handlungsweisen faszinieren.

Viel Freude beim Lesen dieses Romans.

Andréa del Fuego wurde 1975 in Sao Paulo als Andréa Fátima dos Santos geboren. Sie  studierte Philosophie und ist Schriftstellerin, Journalistin und Bloggerin.

Samstag, 7. April 2018

Antonio Ortuno : "Die Verbrannten"

Antonio Ortuno :
"Die Verbrannten"
original "La Fila India"
2013, Editoreal Océano Mexico
Aus dem Spanischen von Nora Haller
2015, Verlag Antje Kunstmann
199 Seiten
ISBN 978-3-95614-055-6

Die titelgebenden Verbrannten sind Menschen aus Mittelamerika, die versuchen über Mexiko in das Wunschland USA zu gelangen. Sie vertrauen sich Menschenhändlern an, die hier aber mit Mafiagruppen zusammenarbeiten. Das Buch startet mit der brutalen Schilderung des Abbrennens eines abgeschlossenen Lagers mit diesen Durchreisenden, unter Mithilfe von Waffen. In diesen fiktionalen Ort wird die Sozialhelferin Irma (genannt Negra) vom Nationalkommission für Migration (kurz NkM) zur Aufklärung geschickt. Die junge Mittelamerikanerin Yein hat überlebt; für sie strengt sich Irma an. Vor Ort findet sie einige Polizeibeamte wie den häßlich-charismatischen Vidal, Pirúli und einige Assistentinnen. Selbst ein lausiges Cafehaus gibt es in dem Ort mit hausgemachten Problemen der immer übergehenden Wasserleitung.
Rundherum erschiessen sich Mitglieder der Mafiagruppen El Sur oder El Rojos und wieder geht eine Flüchtlingsunterkunft in Flammen auf. Irma rettet kurzfristig Yein, die die Ermordung ihrer Landsleute rächt, bevor sie selbst einem Mafiamann zum Opfer fällt. Irma wird gewarnt jemals zurückzukommen und reist mit ihrer Tochter gemeinsam aus.

Das Buch ist hart, brutal, ohne Liebe, manchmal mit Überlebenswillen, aber oft mit grundsätzlicher Menschenverachtung.

Die Geschichte wird in mehreren Strängen erzählt. Hauptsächlich wird Irma (Negra) in ihrem Tun begleitet, wie sie sich vergeblich um die Überlebenden und die Angehörigen der Verbrannten kümmert, wie sie versucht ihre Tochter zu beschützen, die Annäherung an Vidal und das Erschrecken am Schluß.
Selten ist Yein zu vernehmen, auch wie sie am Schluß nur noch Rache antreibt.
Besonders umsymatisch und kleingeistig ist der Samenspender von Irmas Tochter, der als schlecht bezahlter Lehrer arbeitet; er scheut sich nicht eine Hilfesuchende zu vergewaltigen, dann als Hausmädchen für alles Mögliche zu halten und wundert sich als sie ihn ausraubt und verschwindet.
Zynisch lesen sich die offiziellen Berichte der Nationalkommission für Migration (kurz NkM).

In dem Roman sind Wut, Zorn, Enttäuschung, Verletzung, Brutalität, Gewalt, Selbstüberschätzung, Gnadenlosigkeit zu spüren, und alles geht unter die Haut. Es ist kein einfaches, aber ein empfehlenswertes Buch.

Antonio Ortuno wurde 1976 in Guadeljara (Mexico) geboren. Zuerst war er Journalist, bevor er sich dem schriftstllern zuwandte. 2006 erschien sein erster Roman 'El buscador de cabezas'.

Dienstag, 28. November 2017

Frank Schirrmacher : "EGO - Das Spiel des Lebens"

Frank Schirrmacher :

"EGO - Das Spiel des Lebens"
2013, Karl Blessing Verlag
9 Seiten Vorwort + 272 Seiten  + 1 Seite Danksagung  + 4 Seiten Appendix 'Entwicklungsgeschichte des künstlichen Agenten an den Börsen' + 32 Seiten Bibliographie + 19 Seiten Anmerkungen (zu den Fußnoten) + 3 Seiten Personenregister
ISBN 978-3-896-67427-2

Gleich vorneweg : das Buch ist anspruchsvoll und hat mich emotional aufgewühlt.
Die Theorie ist, daß uns Menschen unterstellt wird als 'homo öconomicus' als nur auf unsere Vorteile bedachter Mensch zu agieren, und da dies nicht wirklich gelingt, versucht man uns via Medien, soziale Netzwerke etc. dorthin zu gängeln.
Es wäre für Wirtschaftsmenschen und vermutlich auch Politiker viel einfacher wenn wir endlich der leicht lenkbare und vorhersagbare 'Mensch Version 2' wären.

Während früher die Menschen mechanische Puppen entwickelten oder sich Ideen wie Frankenstein entwickelten, wurden nach dem 2. Weltkrieg daran gearbeitet das "Spiel" der Wirtschaft zu optimieren. Oft wird RAND Corporation gebracht, eine amerikanische Denkfabrik, die eigentlich die Streitkräfte beraten hat, aber nach dem streichen des Etats ihre abstrakten Gedanken in andere Metiers einbracht. Es wird zitiert, daß John Nash hoffte, daß sich Menschen gewinnmaximierend verhielten, und enttäuscht war daß soziale Bande sich als wichtiger erwiesen.

Das Thema des Datenhungers und wie einfach Daten frei gegeben werden  - manchmal mit manchmal ohne das Wissen, bzw oft mit Erzwingen von persönlichen Daten, da der Mensch (bewußt kein User) sonst nicht auf Websites weitersuchen darf - wird oft angesprochen.

Während es in Teil 1 um das Spiel an sich geht, geht es im Teil 2 mehr um den Menschen, und wie das Spiel ihn sich gefügig machen will. Hier geht es auch um Brüche mit Werten wenn zwar Loyalität, Treue und Bildung wichtig in der Gesellschaft wären, aber keinen (Mehr)-Wert besitzen, und damit Strukturen im sozialen Verbund zu bröckeln beginnen, und auch Vertrauen ein zerbröselnder Wert wird, und zurück auf die Gesellschaft fallen wird.

Nachdem das Buch vieles in Frage stellt ist der Ausklang leicht versöhnlich wenn der 1984 geborene  Evgeny Morozow zitiert wird, daß wir nur die "Marionette" (des Spiels) zu töten brauchen.

Stilistisch tut das Buch so als wäre es einfach zu lesen, während die Information und Vernetzungen die an Grundwerte gehen langsam im kognitiven Untergrund zu brodeln anfangen.
Ich konnte meist nur 10 bis 15 Seiten lesen und mußte dann das Buch zumachen um das Gelesene setzen zu lassen und/oder ein intelligentes flexibles Gegenüber zu suchen um über das gerade Gelesene reden zu können.

Selbst als halbwegs gebildeter Mensch sind die vielen Verweise aus Politiker, Wissenschaftler, Menschen der Wirtschaft und Schriftsteller nicht immer einfach zu verknüpfen.
Die Art und Weise Angaben zu zitieren ohne dabei an Spannung zu verlieren, wünsche ich schon wegen der Akkuratesse mancher Doktorarbeit.

Leider ist das Buch 2013 erschienen, der Autor 2014 plötzlich verstorben. Wie wäre das Vorwort zu aktuellen Auflage dieses Autors im Herbst 2017 gewesen ? Wie hätte sich jetzt seine Meinung zu dem immer brennenderen Thema geändert oder verschärft ?

In Summe ein grandioses Buch, das aber auch aufwühlen kann. Viel viel Freude beim Lesen und Grübeln !

Frank Schirrmacher wurde am 5. September 1959 in Wiesbaden geboren. Er studierte Germanistik und Anglistik in Deutschland und Literatur und Philosophie in England. Seit 1994 zählte er zu den Herausgebern der "FAZ". Er gehörte zu den einflussreichsten deutschen Journalisten, und erntete als blitzgescheiter Querdenker entweder Fans oder Skeptiker. Er starb am 21. Juni 2014 an einem Herzinfarkt in Frankfurt am Main.

Montag, 17. Juli 2017

Hernán Rivera Letelier : "Der Traumkicker"

Hernán Rivera Letelier :
"Der Traumkicker"
Roman
original "El fantasista"
2006, Chilena de Ediciones, Santiago de Chile
Aus dem Spanischen von Svenja Becker
2013, Insel Verlag
200 Seiten
ISBN 978-3-458-35932-6

Ich hatte von dem Autor das entzückende Buch "Die Filmerzählerin" gelesen, das mich wegen seines Zaubers mitten in Kargheit fasziniert hat.
Bei dem "Kicker" ist kein Zauber zu spüren sondern das knochentrockene Leben der Menschen um den Salpeterabbau vermischt mit viel Essen, viel Trinken, viel Sex und noch mehr über Sex reden und noch mehr Gespräche über Fußball.

In der Rivalität zur Nachbargemeinde wird um Frauen und Fußball rivalisiert, wobei die Karten ungleich verteilt sind, da die Nachbargemeinde mehr Geld für gute Fußballer zur Verfügung hat. Als sich ein Mann der mit einen Fußball Tricks spielt in den Ort verirrt, hoffe alle auf einen legendären Sieg - vor allem da der Siedlung der komplette Abriß wegen Baustellenschließung bevorsteht. Parallel zu den Vorbereitungen auf das letzte Spiel gibt es zwei Liebesgeschichten, viele erotische Ausflüge, und das Begleiten der verschiedenen Charaktere in der Siedlung. Am Ende steht ein spannendes Fußballmatch und die Destruktion der Siedlung.

Die Story zieht sich manchmal etwas, aber die Menschen in dem Roman / in der Siedlung sind ein ziemliches Panoptikum.
Expedito González : der Mann der stehend mit einem Fußball fasziniert - und seine rothaarige grünäugige Freundin die aus dem Unterhaltungsgewerbe stammt.
Cachimoco Farfán : mit Mikrophon, originellen Fußballmatch-Beschreibungen und dem Tick diese mit medizinischem Fachjargon zu ergänzen; Tuny Robledo - der endlich seine Angst vor dem Elfmeter schießen vergißt; Siedlungscasanova Choche Marivilla; bis zu sieben Menschen die unter einem Dach leben und die sieben Todsünden verkörpern
Leider ist kein Verständnis für den Tormann in dem Buch zu lesen - es geht nur um Angriff und Prügeleien.

Ort der Handlung ist eine Siedlung mit Laden, Kino, Gasthaus, vier Elektrikern und einem rachegeifernden Priester in der trockenen Atacamawüste bei den Salpetersiedlungen. Es wird beschrieben wie trocken die Gegend ist, wie sich eine Windhose gemütlich ausbreitet und ein seltener Wolkenbruch.
Zeit dürfte einige nach dem Putsch von Augusto Pinochet 1973 sein, der aber nur kurz gestreift wird. Als fußballgeschichtlicher Hintergrund wird auch ein Flugzeugabsturz in den Anden erzählt, der am 3. April 1961 gewesen sein dürfte und der Fußballclub 'Green Cross' wird bewundernd genannt.

Die Geschichte aus einer Wir- bzw. Ich-Sicht geschrieben, wobei nie ganz klar ist wer der Ich /die wir sind außer Einwohner der Siedlung.

Die Geschichte ist etwas deftig ge- und beschrieben als Sex, Trinken, Essen, und medizinische Einläufe oft und genau geschildert werden. Liebhaber, Seitensprünge, Hodengrößen und Huren werden moralfrei erzählt. Das Buch ist nichts für Feinde von Fußball. Allen anderen viel Zeit und Spaß beim Lesen !

Hernán Rivera Letelier wurde am 11. Juli 1950 in Talca (Anm : Mitte von Chile südlich von Santiago de Chile) geboren. Er lebte als Kind und Jugendlicher im Norden Chiles bei den Salpeterbaustellen, auch nach dem Tod seiner Eltern. Einige Zeit reiste er durch die Nachbarländer bis er bei den Salpeterminen zu arbeiten begann, und nebenbei die Matura nachmachte. 1987 veröffentlichte er die ersten Gedichte, 1990 die ersten Kurzgeschichten und mit "La reina Isabel cantaba rancheras" erschien 1994 der erste Roman. Jetzt lebt er mit seiner Familie in Antofagasta.

Montag, 1. Mai 2017

Elisabeth Florin (Pseud.) : "Commissario Pavarotti trifft keinen Ton"

Elisabeth Florin (Pseud.) :
"Commissario Pavarotti trifft keinen Ton"
Kriminalroman
2013, Emons Verlag
372 Seiten + 2 Seiten Anmerkungen der Autorin + 2 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-95451-122-g

Die dünne, übergepflegte Lissie von Spiegel fährt in ihre Kindheitserinnerung Meran. Dort wird sie in die Ermittlungen nach einem Mord durch den rundlichen eher emotionslosen italienischen Commissario verwickelt. Beide eint Probleme mit dem Vater und das Ziel den Mord zu lösen. Lissie vergräbt sich in die Geschichte Südtirols mit Mussolini und auch nach dem zweiten Weltkrieg, als die deutschsprachigen Südtiroler Spielball von Politik und Unterdrückung worden; die Zeit der Bombenlegungen, Verstecke, Verrat von Freunden, (zu) hartes Durchgreifen der Polizei werden genannt. Der Commissario versucht bei Witwe und Vater des Mordopfers Informationen zu finden, bei den eingesessenen Handelspartner in Meran für die das Opfer zu Italien-freundlich war, bei italienischen Handelspartnern, und auch bei einer der vielen Geliebten des als charmant aber kühl beschriebenen Opfers. Der Vater des Opfers wird auch ermordet. Erst spät wird überraschend klar, wer hier wen gemordet hat und warum.

Ort der Handlung ist Meran, die schönen Laubengänge, Park und auch die Berge rundherum. In den Laubengängen findet Veränderung statt wenn statt eingesessener Läden plötzlich italienische Nobelmarken ihre Stücke Touristen anbieten.

Die Personen sind gut vorstellbar geschrieben. Pavarotti ist zwar rund, trägt aber die Last daß sein Vater als Staatsanwalt gegen die einstigen Bombenleger traumatisch vorging; Pavarottis Schwester hat ein anderes Problem mit dem gemeinsamen Vater. Pavarotti wird nur Meran zugeteilt, spürt aber daß er als Italiener / 'Welscher' nicht ernst genommen wird. Lissie hat ihre Arbeit verloren und versucht sich abzulenken in dem sie nach Südtirol fährt; sie ist sehr kommunikativ und hört gerne bei fremden Gesprächen zu. Das Opfer Karl Felderer war ein Halodri, und ein gefuchster Geschäftemacher. Seine Frau ist hochschwanger und in der Familie der Felderers kreuzunglücklich. Die Pensionsinhaberin und Restaurantorin wird hantig, handwerklich und ziemlich belastet geschildert. Ihr Enkelbub ist ein aktiver Bub. Der Ladenbesitzer Aschenberger ist historisch bewandert und damit auch belastet, und sehr verbittert. Commissarios ex-Schwager Albert hat einen Alkohol-Laden und hofft diesen erhalten zu können, und ist ein weicher Mensch. Niedermayer hat auch einen Laden in den Laubengängen und er streitet mit Karl Felderer über die weitere Ausrichtung der Geschäfte, und ist sonst ein unsympathischer Mensch.
Die zwei Polizisten vor Ort unterschiedliche Typen; der eine liebt seinen Job und ist engagiert und proaktiv unterwegs, während der andere nur noch weg möchte.

Irritierend sind die Kommentare zu Werken von Gustav Klimt, dem fette Weiber als Modells und ein Tod, der nicht die spanische Grippe ist, angedichtet werden. Hoffentlich sind andere Details besser recherchiert.

So interessant der geschichtliche Hintergrund geschrieben ist und festhält, sowenig haben mich die Personen emotional positiv berührt. Alle haben einen 'groben Schaden', den sie ungelenk und aggressiv kaschieren wollen, was mich bei dem Hauptermittler-Duo abstößt.

Trotzdem ist das Buch ein empfehlenswerter Kriminalroman, bei dem Mitraten nach dem Mörder möglich ist. Viel Spaß !

Elisabeth Florin (eigentlich Claudia Vogl-Mühlhaus) wurde am 4. August 1958 in Augsburg geboren. Ihre Ausbildung hatte sie in München, Brixen und Bozen. Sie arbeitet seit 20 Jahren als Autorin, Finanzjournalistin und Kommunikationsexpertin für Banken. 2003 begann sie ein Buch zu schreiben, das 2013 mit "Commissario Pavarotti trifft keinen Ton" veröffentlicht wurde. Mittlerweile sind auch "Commissario Pavarotti küsst im Schlaf" (2014) und "Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod" (2016) erschienen.

Montag, 10. April 2017

Anne Holt : "Schattenkind"

Anne Holt :
"Schattenkind"
Kriminalroman
Original "Skyggedod"
2012, Piratforlaget AS, Olso
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
2013, Piper Verlag
326 Seiten + 2 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-492-30638-6

Vor dem Hintergrund des Terroranschlags des Massakers von Utoya (ein rechtsextremer Einzeltäter bringt insgesamt 77 Menschen um - in Oslo und auf einem Feriencamp in Utoya) wird ein acht-jähriger Buch tot bei seinen Eltern aufgefunden. Da der Bub ADHS hatte, sich immer wieder verletzte liegt der Verdacht eines Unfalls nahe. Kriminalpsychologin Inger Johanne Vik, deren zwei Kinder gerade auf Urlaub sind, wird immer mehr in Fragen ob hier wirklich ein Unfall vorlag gezogen, wobei der junge Polizist Henrik hier auch Fragen stellte. Inger Johanne fragt ihre Freundin, die Mutter des Buben, den Vater, einen guten Freund und trifft auch die Großeltern; Henrik fragt in der Schule nach. Die Lösung ist überraschend, aber durchaus schlüssig, die letzten Seiten dann ganz anders und erschreckend negativ.

In dem Roman werden die Psychologin und der junge Polizist begleitet und ihre Gespräche, Gedanken und Handlungen erzählt. Inge Johanne hat zwei Töchter aus zwei Beziehungen und gilt als gute Psychologin; sie lebt mit Kommissar Yngvar Stubo, der mit dem Terroranschlag beschäftigt ist, zusammen. Henrik ist ein junger dünner Mensch, der viele Phobien hat, aber der Wahrheit um den Buben auf der Spur ist. Die Eltern Ellen und Jon sind eigentlich erfolgreiche Menschen, die ihrem Sohn Sander viel ermöglichen können. Jon ist Chef einer Kommunikationsagentur. Ellen wird als ehemalige erfolgreiche Zahnärztin, dann nur Hausfrau beschrieben. Ihre Wandlung von der Schulfreundin Inger Johannes zu dem Menschen der sein Kind verliert, ist ab stärksten. Joachim ist ein guter Freund und Mitarbeiter von Jon und Freund von Sander, bei dem sich der Bub wohl fühlt. Die eine Großmutter wird als beherrscht beschildert, die andere mehr liebevoll aber weit weg.

Der Terroranschlag bleibt im Hintergrund spürbar, auch weil kein Polizist wirklich Zeit und Energie hat zu prüfen ob der Bub einem Unfall oder einer Absicht zum Opfer fiel. Henrik findet nur wenig Rückhalt bei seinen Fragen, und macht vieles erhebungstechnisch komplett falsch.  An Inge Johanne werden Fragen und Hilfestellungen in beide Seiten gerichtet, die sie innerlich fast zerreißen.
Vermutete Wirtschaftskriminalität findet auch den Weg in die Geschichte, bis hin zu Betrug und Kinderpornos. Belastungen wie unerfüllter Kinderwunsch, Fehlgeburt, künstliche Befruchtung sind weitere Puzzleteile.

Die Geschichte war für mich spannend, weil ich bis zum Schluß gehofft hatte daß sich mögliche böse Verdachte in der Familie des Buben nicht bestätigen. Das Gemisch aus nichts-sehen bis überfordert-sein, Verantwortung teilweise tragen, und Gerüchten die viel zerstören ist sehr emotional.

Das Buch ist dicht geschrieben. Auch wenn für Menschen die Norwegen wenig/nicht kennen die Orte eher nichtssagend bleiben, sind die Häuser, Wohnungen und vor allem die Menschen gut vorstellbar. Der Roman ging mir unter die Haut und hat einiges nach Nachgrübeln verursacht. Viel Freude bei der Intensität des Buches !

Anne Holt wurde am 16. November 1968 in Larvik (im Süden Norwegens) geboren. Sie studierte Jus und arbeitet als Polizeijuristin und Rechtsanwältin. Vom 25. Oktober 1996 bis 4. Februar 1997 war sie Justizministerin der Sozialdemokraten Norwegens, bis sie sich aus Gesundheitsgründen zurückzog. Anfang 1990 begann sie zu schreiben. 1993 begann die 'Hanne-Wilhelmsen-Serie', (bisher sind 10 Bände erschienen) in der die Kommissarin mit einer Frau zusammenlebt. 2001 begann die 'Vik//Stubø-Serie' (bisher 5 Bände). Privat lebt sie mit ihrer eingetragenen Partnerin zusammen.

Sonntag, 2. April 2017

Celina Grace : "Hushabye" (A Kate Redman Mystery: Book 1)

Celina Grace :
"Hushabye" (A Kate Redman Mystery: Book 1) (The Kate Redman Mysteries)
Dateigröße: 507 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 268 Seiten
Verlag: Isaro Publishing Ltd (11. Dezember 2013)
ASIN: B00C0JHYR6

Kate (eigentlich Kelly) Redman wird versetzt und arbeitet in London bei einer Kindesentführung mit Mord mit. Ihr Kollege Mark Olbeck unterstützt sie, der Chef ist charismatischer Mensch. Das entführte Kind entstammt einer jungen Ehe zwischen einem Workoholic und einem Fernsehsternchen; eine Sekretärin und die ehemalige Freundin, sowie einige Gangster und ein Politiker komplettieren das fallspezifische Umfeld. Kate selber muß eine alte Sache aufarbeiten, sich um ihre alkoholkranke Mutter kümmern, und auch ihr Kollege hat privat seine Probleme.

Obwohl die Geschichte in England spielt, habe ich mich sprachlich nicht wirklich britisch verwöhnt gefühlt. Die Sprache hat mir zu wenig Schörkel. Die Geschichte ist rasch lesbar.

Die Geschichte begleitet Kate auf ihren Wegen. Manchmal werden ihre Kommentare mit-übermittelt, für die sie sich in Frage stellt, weil sie merkt wie sehr sie manchmal oberflächlich, vorschnell und nach Vorurteilen urteilt.
Themen wie Kinderwunsch, Adoption, Familie/Familienwunsch werden angesprochen.

Die Erzählung ist rasch lesbar, hat mich aber nicht wirklich hineingezogen.

Über Celina Grace habe ich gefunden, daß sie gerne Geschichten schreibt. Sie studierte Film und Englisch an der University of East Anglia.

Mittwoch, 8. März 2017

Eduard Freundlinger : "Die schwarze Finca"

Eduard Freundlinger :
"Die schwarze Finca"
Kriminalroman
2013, Piper Verlag  München  
392 Seiten inkl. Prolog + 3 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-492-30095-7

Dieser Kriminalroman ist der zweite einer dreiteiligen Kriminalgeschichte die hauptsächlich in Andalusien spielt. In diesem zweiten Teil ist Juana gut verheiratet mi Kilian in Bayern, ihre Freundin Maite hat einen reichen Freund, Mitglieder bei Polizei-Wasserpolizei-Rettung sind in Drogenschmuggel verwickelt und werden ermordet. Teniente Rubén de Freitag und Lucia Cienfuegos versuchen die Morde zu lösen. Parallel kommt auf, daß Juanas Schwester Carmen doch nicht tot sei (erster Band). Die beiden Geschichten sind miteinander verquickt, dazwischen funkt Erotik in einigen Varianten, bis die wirklich Bösen am Schluß wirklich tot sind, und für einige ein happy end steht.

Als Erzählstränge werden die Morde geschildert, lebt Maite eine Art Beziehung mit Rafael, gibt es Joana mit Ehemann und Kind auf der Suche nach ihrer Schwester, das auf und ab des Hoffens von Carmen und die Polizisten Rubén und Lucia auf der Suche nach Aufklärung und auch deren Erotik. Der Erzählstrang der eingesperrten Carmen, die keinerlei geistige Anreize bekommt und fast das Denken verlernt, geht unter die Haut; auch die Gewissenlosigkeit zweier Menschen um sie. Die zwei Kapitel in denen ein Flüchtling das Sterben auf einem Schiff erzählt, und dann später wie er mit dem was er getan hat nicht leben kann, umgeht sind dicht und berühren stark,-

Orte der Handlung sind Andalusien, mit Meer, Küstenstädten und den dahinter liegenden eher kargen Bergen, ein Münchner Vorort - und auch ein Flüchtlingsschiff, mit deren Passagieren ziemlich gewissenlos umgegangen wird.
Die Landschaft wird gut und anschaulich beschrieben.
Auch lokales Essen wird zelebriert, ohne aufdringlich zu sein.

Personen gibt es viele. Die lebenslustige (vermutlich kurvige) Maite mit ihrem Schönheitssalon, der charismatische Rafael ihr Liebhaber-Verlobter der Geschäfte in Marocco und noch einigen Plätzen macht, der flippige Viertel-Karibianer Segelfan Teniente Rubén, die attraktive alleinerziehende Lucia mit ihren Frauen- und Männerbeziehungen, und vier machtgierige Männer die parallel zu ihren ehrlichen sehr anerkannten Berufen unehrenhaften Einkommensquellen nachgehen aber sehr signifikant geschildert sind. Juana blieb mir - trotzdem sie durchaus Hauptperson ist - ferne und nicht vorstellbar. Die Verzweiflung und die tastenden Fragen der abgestumpften Carmen im Keller ist spürbar
Es gibt einige Erotik-Szenen., die nicht wirklich knistern, sondern irgendwie gestellt und mühsam wirkten.

Der Roman ist rasch zu lesen, und sorgt für einige Spannungselemente. Einige Zeitlang ist auch Mitraten nach dem Bösen im Hintergrund möglich, bis sich auch hier der Erzählstrang aufmacht. Als Entspannung nach einem Bürotag, oder im Urlaub ist dieses Buch sehr gut geeignet. Viel Spaß.

Eduard Freundlinger wurde am 11. August 1970 in Salzburg geboren. Er segelte einige Jahre in der Karibik. 1997 übersiedelte er nach Spanien, gründete eine Tauchschule, eine Firma für Solarenergie und eine Immobilienfirma. Im Alter von 36 Jahren begann er mit dem Schreiben. Sein Erstlingswerk war 2011 „Pata Negra“ (2011), es folgten mit „die schwarze Finca“ und „im Schatten der Alhambra“ (2015) „Andalusien Trilogie“ bilden. Der Autor lebt seit 20 Jahren in Almuñécar, dem Schauplatz des Geschehens seiner Andalusien Kriminalroman Trilogie.