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Sonntag, 24. Dezember 2023

Timna Brauer : "Weihnachten ist überall"

Timna Brauer :
"Weihnachten ist überall" - Fantastische Geschichten zu Traditionen aus aller Welt
Mit Bildern von Florence Dailleux
2023, G&G Verlag
1 Seite Timna Brauer liest und singt  + 5 Seiten Vorwort + 57 Seiten + 1 Seite Information Lieder zu den Geschichten
ISBN 978-3-7074-2437-9

Nach einem berührenden Vorwort, bei dem klar wird, daß Weihnachten eine Gewohnheit der Christen ist, die es für Menschen anderer Religionen nicht immer einfach macht, werden elf Geschichten aus der Welt etwas verwandelt oder erweitert erzählt.
Es gibt einen Heiligen Abend in Dornbach in Wien, Befana tanzt in Italien, Tió de Nadal furzt sich in Katalonien durch Weihnachten, in Stuttgart treffen sich Weihnachtsmann und das Christkind, in London werden Socken gestrickt und die Weihnachtsfrau liefert die packerln aus, in der Ukraine schmückt die Spinne Pavuchky mit ihren silbernen Fäden den Tannenbau, in Sibirien laden Väterchen Frost und die kleine Schneeflocke die Baba Jaga zur Weihnachtsfeier ein, in Caracas rollen die Menschen auf Rollschuhen zur Weihnachtsmesse, in Norwegen werden Besen versteckt und die Kühe schlafen in der Weihnachtsnacht auf Matratzen, ein Bub reist mit seinem Vater im Flugzeug durch einige afrikanische Länder und lernt daß in Liberia der Weihnachtsmann keine Geschenke gibt sondern um sie bettelt, und in Österreich gibt es das Postamt Christkindl.

Mit einem QR-Code geht es zur musikalischen Fassung dieser Märchen, die zuerst erzählt werden, und dann in einem Lied enden.

Ich habe mir das Buch geschenkt, da ich die Stimme von Frau Brauer sehr mag und mich ihre feinfühlige Art Geschichten zu erzählen fasziniert. In diesem Buch ist ihr dieser Zauber für mich wieder gelungen.
Manchen Geschichten brachten mich fast zum Weinen, andere zum Lachen wie die Erzählung in London in denen es von Namen der Royals wimmelt.

Viel Freude beim Lesen, egal ob rasch oder gemütlich jede Erzählung einzeln.

Timna Brauer wurde am 1. Mai 196 in Wien geboren. Sie ist Sängerin und in vielen künstlerischen Sparten tätig.

Dienstag, 14. Februar 2023

Roberto Andò : "Ciros Versteck"

Roberto Andò :
"Ciros Versteck"
Roman
original "Il bambino nascosto"
2020, La nave di Tesco editore
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
2021, PolioVerlag Bozen
216  Seiten + 3 Seiten Anmerkungen + 5 Seiten Zitatnachweise
ISBN 978-3-85256-826-3

Gabriele Santoro, ehemaliger Pianist und jetzt Lehrer am Musikkonservatorium in Neapel, lebt in seiner eigenen Welt aus Ritualen wie Gedichte beim Rasieren rezitieren, sich seiner Kleidung zu widmen, Musik zu spielen und zu hören, und sonst seine Gewohnheiten zu pflegen. Nachbarsjunge Ciró flüchtet sich zu ihm, denn er und ein Freund hatten eine ältere Frau um ihre Handtasche erleichtern wollen; diese hatte sich gewehrt, war unglücklich gefallen und verstorben - und war die Mutter eines Mafiabosses, der nun Rache sucht.
Im Haus sieht Gabriele immer mehr unbekannte Menschen und bemerkt, daß er beobachtet, und sogar von einem ehemaligen, sehr schmierigen Schüler beobachtet wird. Er versucht einerseits seinen Bruder einen Staatsanwalt um Hilfe zu ersuchen was scheitert, den Mafia-boss zu erschießen was ebenso scheitert. Der Besuch bei seinem Vater ist zwar harmonisch, bald sehen sich Pianist und der Junge zur Weiterfahrt genötigt. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter, wird leider nur wenig durchbrochen.

Der Stil des Romans ist distanziert beobachtend. Alles wird aus Sicht von Gabriele Santoro beschrieben - der Roman folgt seinen Aktionen und Gedanken, wie sich aus einem Menschen mit geregeltem Leben jemand entwickelt, der versucht einen ca 10 jährigen Buben zu retten. 

Die Personen sind ebenfalls distanziert. Gabriele Santoro ein gepflegter Mann, Ciro mit dunklen Haaren und sehr blauen Augen, Diego der ehemalige Schüler als schmierigen Typen, Renato Santoro ebenfalls gepflegt und sehr von sich eingenommen, Vater Santoro warmherzig, der Mafiaboss klischeebehaftet.

Fast jedem der Kapitel ist ein kleiner Vers von  Konstantinos Kavafis voranstellt, der die Stimmung des kommenden Kapitels widerspiegelt.

Da der Protagonist Pianist ist werden viele Musikstücke zitiert. Es geht auch um die Kunst des Klavier lehrens. 

Der Roman ist nicht in einem und rasch lesbar, sondern es brauchte Muße da in dem Buch keinerlei Geschwindigkeit herrscht.

In Summe ein intensives Buch, das aufgrund seiner Geschichte und Personen etwas länger nachhallt.

Donnerstag, 18. November 2021

Grégoire Hervier : "Vintage"

Grégoire Hervier :
"Vintage"
original: "Vintage"
2016, Au diable vauvert
Aus dem Französischen von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs
2019, Diogenes Verlag
392  Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 1 Seite Credits
ISBN 978-3-257-24450-2 

Thomas Dupré erzählt in ich-form, wie er aus Paris mit einer seltenen Gitarre nach England geschickt wird. Im Schloß erwartet ihn ein Lord im Rollstuhl und beauftragt ihn eine seltene Gitarre, deren Existenz ungesichert ist, für seine Sammlung zu finden. Thomas reist nach USA, fährt durch die Gegend, trifft einen trunksüchtigen Gitarrensammler, reist nach New Orleans, trifft eine engagierte Musikstudentin in Mississippi die auf der Suche nach einem Künstler ist, von dem es nur Demobänder mit grandiosem Klang gibt. Dieser Musiker war mit dieser Gitarre abgebildet worden, was zu weiterer Recherche führt. Am Schluß gibt es diese Gitarre .....

Das Buch ist für Blues Gitarren Fans ideal. Die Ich-person spielt Gitarre, fachsimpelt über alte und neue Gitarren, erzählt von Riffs, von Übergängen innerhalb von Songs, und von wunderbaren Gitarrenspielerlebnissen. 

Inhaltlich geht es um die "Gibson Moderne", eine Gitarre, die 1957 als Prototyp entstand, damals aber nicht in die Produktion übernommen wurde, aber zu grandiosem Klang inspirierte.
Faszinierend war für mich die Recherche nach dem Musiker "Li Grand Zombi Robertson", den es so nicht wirklich gab, aber mit seinem Lebenslauf und als seinen Klang suchende Persönlichkeit eine grandiose Komposition ist.

In Summe ein spannender Roman. Viel Spaß beim Lesen !

Grégoire Hervier wurde 1977 in Villeneuve-Saint-Georges im Département Val-de-Marne geboren. Sein erster Roman "Scream Test" erschien 2006, 2009 erschien "Zen City". 2020 erschien "Dark was the night" 

Mittwoch, 10. November 2021

Michael Schnitzler : "Der Geiger und der Regenwald"

Michael Schnitzler :
"Der Geiger und der Regenwald" - Erinnerungen
Mitarbeit und Vorwort : Petra Hartlieb
2021, Amalthea Signum Verlag
250 Seiten (mit zahlreichen Abbildungen) + 2 Seiten Inhaltsverzeichnis + 3 Seiten Vorwort + 3 Seiten Prolog + 2 Seiten Epilog + 1 Seite Dank + 1 Seite Bildnachweis + 5 Seiten Namensregister
ISBN 978-3-99050-204-4

Michael Schnitzler, Musiker und Regenwald-Engagierter, hat seine Lebensgeschichte und einiges über seine Familie in engagierter und humorvoller Weise zusammengefaßt. In den ersten Kapiteln geht es um seine Großeltern, inklusive dem berühmten Großvater den er selbst nie kennengelernt hat, und wie sie es geschafft haben aus dem Nazi-Reich herausgekommen.
Er selbst kam erst in Amerika zur Welt, haßte Sport und begann früh Violine zu spielen.
Als Teenager zurück in Wien wurde er von Prof Samohyl unterrichtet, war Substitut bei den Wiener Philharmonikern, und seine berufliche Karriere begann. Er wurde rasch Konzertmeister bei den Wiener Symphonikern, mit denen er ein großes Repertoire aufbaute, und war Mitglied von Kammerensembles und kleineren Musikergruppen. Die "Schnurren" aus dem Musikerleben, in denen Situationen oder Menschen liebevoll bis trocken erzählt werden, sind zum Lesen sehr unterhaltend.
Der Autor erzählt viel über Bergsteigen in den USA, und Schweiz und - wie er sich in Costa Rica in den Regenwald verliebt. Zuerst kauft er ein Haus, dann beginnt das Engagement für diese Region, die Gründung des "Regenwald der Österreicher" und seine Verhandlungen für Hilfe. Die Erzählungen über nicht klappende Installationen, einbrechende Dächer, Regengüsse die Bäche in Sturzbäche verwandeln ziehen in den Bann.
Der Epilog bleibt zwiespältig in seiner postiven Einschätzung für die Zukunft der "klassischen" Musik, aber negativen für den Regenwald.

Der Stil ist leicht lesbar und unterhaltend, trotz der nicht einfachen Themen wie Flucht und Regenwald.

Die Seiten, in denen über die großen Dirigenten und Solisten in der klassischen Musikbranche erzählt werden, sind für Liebhaber der Branche unterhaltend bis weiterbildend; mit Sympathie wird nicht gegeizt.

Die gleiche Leidenschaft, die über viele Seiten für Kammermusik zu spüren ist, wird später dem Regenwald zuteil. Als Unterstützer des 'Regenwald der Österreicher' hat mich vorallem der Beginn dieser Idee fasziniert.

Berührend ist wie der Autor erzählt, daß seine Mutter in Amerika mit Krankenschwesterjob und Kammermusik glücklich, während sein Vater mit Studententheatern unterfordert war, und daß es in Wien umgekehrtwar das der Vater im Theater glücklich wurde, aber seine Mutter nicht mehr als Krankenschwester arbeitete und auch wenig von Musikmachen erzählt wurde.

In Summe ein interessantes Buch mit ernsten Themen aber auch humorvollen Absätzen. Viel Freude beim Lesen !

Sonntag, 11. Juli 2021

Friedrich Dönhoff : "Der englische Tänzer"

Friedrich Dönhoff :
"Der englische Tänzer" - ein Fall für Sebastian Fink
2010, Diogenes Verlag
288 Seiten
ISBN 978-3-257-24018-4

Bei den Vorbereitungen zu einem neuen Musical in Hamburg wird eine Leiche gemeldet, die verschwunden ist, als die Polizei erscheint. Die Premiere und Feier danach werden ein voller Erfolg; Kommissar Sebastian Fink ist dorthin eingeladen und sieht wie die die Menschen die für den Erfolg verantwortlich sind miteinander umgehen. Er kommt mit Linda Berick - sie hat das Musical zusammengestellt und damit ihre Jugenderinnerungen verarbeitet - ins Gespräch, da sie halbe Deutsche ist. Nach einer von Sebastian durchtanzten Nacht (Techno) wird der wichtigste und auch charismatische englische Haupttänzer, Max-Andreas, des Musicals tot aufgefunden - erstickt. Sebastian und sein Polizeipartner Jens arbeiten sich in die Musicalszene und deren Hintergründe ein, lernen über Strukturen im Musicalbetrieb wer eigentlich den meisten Gewinn erhält und die meiste Macht hat. Es gibt dann eine Leiche, die wie die erste verschwundene trapiert ist, und Sebastian löst beide Morde.

Ort der Handlung ist Hamburg, mit einem kleinen Abstecher nach London; Zeitpunkt Winter.

Sebastian Fink ist Mitte Dreißig, single, und lebt mit einer alten Freundin und deren Kind, nachdem deren Ehe zerbrochen ist, zusammen. Für das Kind ist er mittlerweile zu einer Art Ersatzvater geworden. Er läßt sich bei der Recherche auf die Stimmung an der Mordszene ein
Polizeipartner Jens ist verläßlich.
Linda Berick ist eine dickliche nicht schöne Frau, die versucht mit dem späten durch das Musical gewonnene Geld ihre Zuneigung zu zeigen. Sie hat sich eine Machtposition für ihr Musical geschaffen, das es anderen schwer macht wie üblich zu agieren.
Max-Andreas ist eine wunderbare Erstbesetzung für die Hauptrolle - attraktiv, mit Ausstrahlung.
Olga ist die weibliche Hauptrolle. Duncan Preston, ist die Hauptrolle in London, und hat eine behinderte Tochter, die im Rollstuhl sitzt, und alles mitkriegt. Es gibt noch Musicalproduzenten in London, und Theatermacher in Hamburg mit allen Beleuchtern, Souffleuren-Souffleusen, bis Maskenbildnern.

Der Kriminalroman ist flüssig geschrieben, und die Szenerie ist gut vorstellbar. In Summe ein sehr empfehlenswerter Krimi. Viel Spaß beim Lesen.

Samstag, 22. Mai 2021

Jaume Cabré : "Eine bessere Zeit"

Jaume Cabré :
"Eine bessere Zeit" (Der Schatten des Eunuchen)
Roman
original "L'ombra de l'eunuc"
1996, Edicions Proa, Barcelona
Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann
2019, Insel Verlag
547  Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis (am Ende des Buches)
ISBN 978-3-458-36416-0

Miquel Gensana II ist ein Industriellensohn in Katalonien, der einen anderen Weg sucht.  Er studiert, schließt sich einer aggressiven kommunistischen Gruppe an und geht in den Untergrund, verliebt sich fast immer unglücklich, scheitert in seiner Ehe, verliert seine große Liebe, enttäuscht seine Mutter und seinen Vater, und erzählt dies in einem Abendessen seiner Journalistenkollegin Julia.
In parallelen Kapiteln erzählt sein Großonkel Maurici Sicart sein Leben als geliebter Sohn dessen Eltern zu früh starben, wie er im Haus mit Michel II lebt und diesem die Liebe zu Musik beibringt, bei der Familie als Versager gilt da er homosexuell ist, und sich in seine eigene Welt zurückzieht.

Der Roman spielt in Katalonien, in der Zeit von Franco, und geht bis in die 80-er Jahre. 

Miquel und sein bester Freund Bolos, der in die Politik ging, haben aus der Zeit des Widerstands einen Tarnnamen. Der dritte Freund Rovira im Bundes hat keinen politischen Weg hinter sich, sondern scheiterte im priesterlichen Weg und jagt seinem Bild der idealen Frau nach.

Obwohl Miquel der zweite in seinem Leben nichts weiter bekommt, und auch verweigert dem Vater in der Fabrik zu helfen, helfen ihm Mutter und Onkel so gut es geht.
Die Frauen in dieser Familie sind meist sehr zurückhaltend, selten hält das Leben Liebe für sie bereit - oder aber es ist die große Liebe.

Miquel gibt sich in diesem Roman viele Beinamen die der aktuellen Situation entsprechen - von Versager bis großem Liebenden sind alle Abstufungen genannt. Manche triefen vor Selbstmitleid, andere sind humorvoll und brachten beim Lesen zum Lachen.

Sprachlich ist der Roman bzw seine Übersetzung faszinierend, als Miquel manchmal von sich in der Ich-form erzählt und öfter mitten im Satz zur beobachtenden dritten Person wechselt. Onkel Maurici erzählt konsequent in ich-Form aus seinem Leben und wie er die Familie wahrnahm.

Es gibt vier Familienstammbäume, in denen es von Menschen gleichen Namens wimmelt, und das Buch beim Lesen nicht immer leicht machen. 

In dem Buch ist viel von Musik zu lesen. Onkel Maurici spielt selbst Klavier; es ist von bekannten Komponisten wie Chopin, weniger bekannten wie Satie und für mich einen neuen Kompinisten namens Mompou (Katalane, lebte im 20. Jahrhundert) zu lesen. Miquel spielt nicht Klavier, geht aber gerne in den Palau in Barcelona und schwärmt von Schubert, Debussy bis Schostakowitsch und ist imstande die Probleme einer Violinistin bei Alban Bergs Violinkonzert zu verstehen.

Ich habe länger an diesem Familienroman gelesen, und empfehle auch anderen Lesern & Leserinnen sich Zeit zu nehmen.

In Summe ist der Roman faszinierend mit seinen geschichtlichen und familiären Verstrebungen, Wahrheiten und Träumereien, Musik und Politik. Der Stil ist sehr dicht, und lädt zum Versinken ein. Viel Freude beim Lesen !


Freitag, 21. August 2020

Sebastian Themessl : "Wo dein sanfter Flügel weilt"

Sebastian Themessl :
"Wo dein sanfter Flügel weilt" - Schuberts letzte Symphonie - ein musikgeschichtlicher Kriminalroman
2020, Hollitzer Verlag Wien
404 Seiten
ISBN 978-3-99012-806-0

Der amerikanische Dozent Phil Mason hört in Wien Schuberts große C-Dur Symphonie. Ihm entschlüsselt sich ein Zusammenhang zu Mozart, er findet eine wissenschaftliche Arbeit in der diese Komposition Beethovens 9. Symphonie gegenübergestellt wird, und hell und dunkel in diese Kompositionen und Aufführungen interpretiert wird. Phil kommt einer großangelegten Verschwörung gegen Schuberts große Symphonie inklusive Weltherrschaftsanspruch seit dem Beginn dieser Symphonie auf die Spur, geht nach Moskau zur Recherche, reist mit seinem Bruder Adam nach Südamerika und kommt wirklich auf die Rädelsführer, die größer als Freimaurer oder Illuminati sind. Er kommt wie alle, die davor auf der Spur dieser Vernetzung sind, nicht mehr an die Nähe der Veröffentlichung.

Für mich als Klassikfan sind Überlegungen die Große Schubert-C-Dur Symphonie als negatives Gegenstück zur positiven 9. Symphonie von Beethoven zu positionieren unterhaltsam, obwohl mich die Intensität dieser Schubert Komposition immer in den Bann zieht.

Die vielen Menschen die hier vorallem in Wien, aber auch in Moskau beschrieben werden sind von faszinierend vielfältig bis zu aktuellen Personen sehr genau nachempfunden. Manche Namen in Wien dürften nur leicht verändert sein, und werden Menschen, die sich in der Musikszene Wiens auskennen, vermutlich zum Schmunzeln bringen.

Es gibt viele Menschen, die als Typen gut beschrieben sind und mir gefallen haben: in Wien z.B  die musikenthusiastische pensionierte Vermieterin, die schöne ukrainische Musikstudentin, der versoffene Musikprofessor, der Pubbesitzer der griechische Verse an die Wand seines Pubs schreibt; in Russland sind es der intrigante Wirtschaftsmensch, und ein witziger Archivar.
Leider ist mir die Hauptperson Phil Mason nicht sympathisch.

Zum Lachen brachte mich eine kurze Szene, in der ein junger Komponist in schönstem pidgin-english einen nerven Phototouristen weiß macht, daß in Wien am Montag Photo machen verboten sind - bei Gefängnisstrafe. Leider fliegt die Idee rasch auf, der Tourist wird aber noch einmal durch den Kakao gezogen.

Mir fehlen bei dem Buch das Inhaltsverzeichnis, und ein Glossar der vielen musiktheoretischen Begriffe.
Der Titel ist Friedrich Schiller und Beethovens 9. Symphonie entnommen.

Beim Lesen war ich zuerst gut unterhalten, dann war es spannend, und am Schluß war ein Gemisch aus traurig und verrückt.

Da es in dem Buch von Komponistennamen und anderen Worten in Musikzusammenhang ziemlich wimmelt, werden sich vermutlich Musikenthusisten/-innen bei dem Buch gut unterhalten Am Schluß hatte ich das Gefühl einem Roman der nicht mehr um Liebe, Mantel und Degen, sondern und Internet, Tod und Verschwörung geht.

Sebastian Themessl wurde 1975 in Innsbruck geboren. Er studierte zunächst Geschichte und Philosophie und 2003 schloss er ein Kompositionsstudium an der Musikuniversität Wien ab. Er ist Komponist, Schriftsteller und Lehrbeauftragter für Musiktheorie. 

Dienstag, 30. Juni 2020

Bill Moody : "Auf der Suche nach Chet Baker"

Bill Moody :
"Auf der Suche nach Chet Baker"
original "Looking for Chet Baker"
2002, Walker & Company NY
Auf dem Englischen von Anke Caroline Burger
2012, Union Taschenbuchverlag 557
244 Seiten + 1 Seite Gedicht John Harvey + 1 Seite Vorwort von Russ Freeman + 1 Seite Dank
ISBN 978-3-293-20557-4

Evan Horne, Jazzpianist und Detektiv durch Gelegenheit, wird in den USA von einem Freund gebeten, bei einem Buch über Chet Baker mitzuarbeiten. Er lehnt ab, weil er nichts mehr recherchieren möchte, und weil ein Angebot in Amsterdam Jazz zu spielen lockt.
In Amsterdam angekommen kann er der Versuchung nicht widerstehen zwischen grandios beschriebenen Auftritten mit Jazz, doch den tödlichen Unfall Chet Bakers zu untersuchen. Er besucht ein Jazz Archiv in Amsterdam, ein ehemaliges Drogenviertel und fährt nach Rotterdam, und versucht alte Spuren zu finden. Am Schluß entdeckt er, daß ein Freund ihn ausgetrickt hat, und Chet Bakers Tod ist als Unfall endlich akzeptiert.

Der Roman ist ein Gemisch aus vielen vielen Jazz Legenden, Nennung von Standards, sowie dem Vermitteln wie Musiker gemeinsam auf der Bühne improvisieren - und einer Detektivgeschichte mit fiktionalen Gestalten.
Amsterdam ist gut geschildert, Amerika für mich nicht erfaßbar.
Die Leidenschaft der Musiker ist spürbar; faszinierend die Überlegungen über das Publikum, das manchmal nahe, manchmal ferne, manchmal erwünscht, und manchmal auch nur aufdringlich.

Chet Baker, hieß mit bürgerlichem Namen 'Chesney Henry Baker Jr.' . Er wurde am 23. Dezember 1929 in Yale (Oklahoma) geboren und starb am 13. Mai 1988 in Amsterdam. Er spielte Trompete und Flügelhhorn, sang selbst und war Komponist. Er nahm ungezählte Aufnahmen auf, manche davon technisch gut, einige eher schlecht. Drogen hatten zu starken Einfluß in seinem Leben.

Der Roman ist gut geschrieben und zog mich in den Bann, wobei dies vorallem die Absätze über Musik, Sehnsucht nach Balladen, die "moll-stimmung" des Protagonisten waren.

Viel Freude beim Lesen - mit Musik mit Chet Baker aus der Stereoanlage, oder in den Kopfhörern.

Bill Moody wurde am 27. September 1931 in Webb City ( Missouri) geboren; er starb am 14. Jänner 2018. Er war zuerst Jazz-schlagzeuger, später begann er über Jazz Bücher zu schreiben, ab 1994 begann er mit der Figur des Evan Horne Kriminalromane zu veröffentlichen.

Sonntag, 5. April 2020

Marco Malvaldi : "Ein königliches Theater"

Marco Malvaldi :
"Ein königliches Theater"
Kriminalroman
original "Buchi nella sabbia"
2015, Sellerio Editore, Palermo
Aus dem Italienischen von Luis Ruby
2017, Piper Verlag München
   Seiten + Seiten Anmerkungen + Seiten Dank
ISBN 978-3-492-06010-3

Die Oper Tosca soll in Anwesenheit des Königs aufgeführt werden, obwohl Komponist und Tenor als Anarchisten und Gegner der Monarchie gelten. Vier anarchistische Steinmetze arbeiten gerade an dem Dom mit Verbesserungsarbeiten, ein trinkfester Journalist, der Musikfan ist, sind auch in der Stadt. Während der Aufführung wird der Tenor nicht nur scheinbar und operngerecht erschossen, sondern tatsächlich. Hauptmann und Leutnant vor Ort müssen sich durch die diversen temperamentvollen Akteure auf und hinter der Bühne einer Oper fragen, böse Streiche aus der Vergangenheit und dem aktuellen politischen Geschehen erfragen. Ein Duell wird entgegen aller Vorschriften, aber doch korrekt abgewickelt. Am Schluß wird enthüllt, daß eine sehr alter Streich der böse Auswirkungen hatte, gerächt worden war.

Die Personen der Handlung sind von sehr unterhaltsam bis manchmal auch sehr unsympathisch geschildert.
Der Tenor ist laut, selbstbewußt, rücksichtslos, anarchistisch und inszeniert sehr böse Streiche. Frau Sopran sind wunderbar, ist blutjung und wunderschön und heimlich verheiratet. Der Dirigent ist selbstgefällig und frustiert die armen Musiker. Der Waffenmeister sieht sehr gut aus, ist ehemaliger Militär und hält viel von Ehre, was leider ein Problem sein kann. Weiters gibt es geniale Bühnentechniker, einen unglückseligen Baß, und vier anarchistische Steinmetze die nicht gut in ihrem Job sind. Leutnant Gianfilippo Pellerey ist arbeitsam, liebt Musik, und ist auch auf Ehre bedacht. Dalmasso ist sein Vorgesetzer und Hauptmann. Ernesto Ragazzoni ist Journalist, stichelt gerne um die Wahrheit herauszubekommen, und Musikenthusiast.

Ort der Handlung ist Pisa, 1901. Man muß die Stadt nicht kennen um sich in dem Roman auszukennen.
Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund, daß der König laufend Morddrohungen  ausgesetzt ist, weshalb die Polizei besonders achtsam auf anarchistische Aussagen reagiert. Komponist Puccini galt damals als Gegner und war nicht gut angeschrieben.

Der Originaltitel 'Buchi nella sabbia' heißt übersetzt "Löcher im Sand, dürfte aber cirka Sand im Getriebe bedeuten. 

Am Cover ist ist eine schwarze Katze auf einem historischen Sessel vor einer Wand abgegildet. Leider gibt es keine Katze in dem Buch.

Der Roman ist gut recherchiert und sowohl spannend als auch unterhaltsam erzählt. Allerdings sollten sich Herr und Frau Leser/in in der welt der Opern Puccinis etwas auskennen um den Roman komplett zu genießen. Mitraten nach dem Mörder ist möglich.Viel Spaß bei Lesen !

Marco Malvadi wurde am 27. Jänner 1974 in Pisa geboren. Er studierte Theoretische Chemie in Pisa bis zum Doktortitel, arbeitete zunächst in diesem Bereich und eröffnete ein eigenes Labor. 2007 erschien sein erster Kriminalroman mit dem Barista Massimo unter dem Titel 'La briscola in cinque' (Im Schatten der Pineta). Mittlerweile ist hier Band fünf auf deutsch , Band 7 auf italienisch erschienen. Weiter vier Romane die in historischen Kontext sind erschienen.

Dienstag, 21. Januar 2020

Natasha Korsakova : "Römisches Finale"

Natasha Korsakova :
"Römisches Finale" - Ein neuer Fall für Commissario Di Bernardo
Kriminalroman
2019, Wilhelm Heyne Verlag München
369 Seiten + 3 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-453-42363-3

Commissario Dionisio Di Bernardo und Ispettore Roberto del Pino werden diesmal ins Auditorio zur Leiche eines weltbekannten Pianisten gerufen. Dessen Frau Cristina, eine reiche Dame aus bester Familie der römischen Oberschicht ist entsetzt. Der emotionale Dirigent Azzaria des geplanten Konzertes erzählt von gemeinsamen erotischen Jahren mit dem Pianisten. Agent Borghese, korrekt und engagiert, eröffnet daß der Pianist unbedingt nach England wollte. Andrea Rossi, aalglatt und arrogant, ist Psychiater und kannte den Pianisten seit der Jugend an; daß beide bei dem gleichen Klavierlehrer lange gleich gut Klavier spielten kommt erst spät heraus. Zwei weitere Leichen folgen, bis Di Bernardo einen weiteren Mord verhindern kann und Grausamkeiten aus der Kindheit als Ursache entschlüsselt.

Als Nebengeschichte werden die familiären Erwartungen und Druck der sizilianischen Mafia über Generationen erzählt. Entfliehen der Strukturen und der Morde ist nicht möglich und ist bei Versuch traumatisierend.
Kleine Nebengeschichte ist, daß Flüchtlinge aus Afrika ermordet werden; auch hier wird der Täter  gefunden

Als Privatstränge murksen die beiden Polizisten an ihren Privatleben. Die erwählten Damen erfüllen die Erwartungen nicht, wobei die Telephonate zum Schmunzeln bringen.

Namen und Schilderungen von wunderbarem italienischem Essen werden genannt und kurz beschrieben, ohne die Krimispannung zu stören.

Es gabe einiges neues für mich über Rachmaninoffs Klavierkonzert Nummer 2 zu Lesen.

Manche Wendungen in dem Kriminalroman sind nicht schlüssig, aber da die Menschen gut vorstellbar sind, und die Geschichte gut geschrieben ist, kann das untergehen. Mitraten wer der Mörder ist, ist nicht möglich.

In Summe hat der Krimi Spaß beim Lesen gemacht. Die Sonne Roms im Hochsommer hat mir in der Winterkälte gut getan. Viel Freude beim Lesen !


Natasha Korsakova wurde am 24. Jänner 1973 in Moskau als Tochter eines russischen Violinisten und einer griechisch-russichen Pianistin geboren. Sie ist eine international berühmte Violinistin, spricht fünf Sprachen und lebt seit Jahren in der Schweiz. 2018 erschien ihr erster Roman, der Kriminalroman "Tödliche Sonate", im dem Commissario di Bernardo im Musikermileu, diesmal in Sache Violine ermittelt.

Montag, 8. Juli 2019

Beate Maly : "Tod an der Wien"

Beate Maly :
"Tod an der Wien" - Historischer Kriminalroman
2017, emons Verlag
263 Seiten + 3 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-7408-0221-9

Nach dem Prolog in einer sehr strengen Bubeninternat springt die Handlung in den Winter 1922 in Wien. Die pensionierte Lateinlehrerin Ernestige Kirsch, die im Haus des Apothekers Anton Böck wohnt, liebt Musik und Operette. Nach Lehars Operette "Die gelbe Jacke" rauscht die beliebte Diva ab, und wird später tot aufgefunden. Ein ehemaliger Schüler von ihr ist bei der Kriminalpolizei und erzählt ihr einiges. Sie recherchiert alleine oder gemeinsam die Geschichte des aktuellen Liebhabers der Diva, das Leben des Ehemannes der Diva, das Leben der Putzfrau im Theater an der Wien und recherchiert in alten Schuldokumenten und einer Cabarett-Spelunke. Am Schluß stehen viele Unfälle und die Erkenntnis, daß etwas mehr Offenheit und weniger Drill weniger Unheil gebracht hätte.

Die Geschichte folgt dem Leben von Frau Kirsch und Hern Böck mit dem was sie sehen und erleben. Während Frau Kirsch versucht mit Fragen Anworten zu bekommen, und hier manchmal etwas vorwitzig vorgeht, ist Herr Böck zurückhaltend und beoabachtet, und wird eher wiederwillig ins Geschehen gezogen.
Die zarte Zuneigung, die sich zwischen den beiden entspinnt, ist entzückend zu lesen. Es beginnt sich auch eine zweite Romanze im Buch anzubahnen. Die große Liebe in dem Buch muß leider geheim gelebt werden.

Die Typen im Buch sich unterhaltsam geschildert. Es gibt die große Diva mit großer Berechnung, die zweite Diva mit Hang zum Alkohol, die resche Hausmeisterin, die unterdrückte Putzfrau mit hungriger Kinderschar, den häßlichen Theaterdirektor mit schöner Begleitung, den eleganten Ehemann der Diva, die erotische Cabarett sängerin, bis zur eifersüchtigen reichen Gattin des Geliebten der Diva zu lesen.
Das strenge Internat soll es zwar nicht geben, allerdings sind die Erziehung mit kaltem Wasser und Rohrstäben noch lange gültig, und erst langsam beginnen sich rohrstock-freie Erziehung wie bei Montesorri und anderen Pädadogen mit Vehemenz durchzusetzen.

Das Cover ist liebevoll mit Jugendstil-Geschnörksel gestaltet.

Die Geschichte ist gut erzählt und wenn man sich etwas in Wien auskennt, ist die geographische Geschichte gut verfolgbar. Die Operette "Land des Lächelns" hatte wirklich die erste Aufführung unter obigem Titel, sonst ist aber vieles der Phantasie entsprungen.
Viel Spaß beim Lesen.

Beate Maly wurde 1970 in Wien geboren. Sie ist ausgebildete Kindergärtnerin und Kinderpädagogin und begann zuerst Kinderbücher zu schreiben. 2008 erschien ihr erster Kriminal im historischen Wien "Die Hebamme"; 2018 erschien ihr 11. Kriminalroman "Mord auf der Donau".

Sonntag, 4. Februar 2018

Kazuo Ishiguro : "Bei Anbruch der Nacht"

Kazuo Ishiguro :
"Bei Anbruch der Nacht"
Roman
Original "Nocturnes. Five Stories of Music and Nightfall"
2009, Faber and Faber Ltd, London
Aus dem Englisch von Barbara Schaden
2016, Heyne Verlag München
223 Seiten
ISBN978-3-453-42156-1

In dem Buch sind fünf unterschiedlich lange, aber gleichbleibend intensive Geschichten über Musik, die Liebe zu ihr, und die Kraft die sie geben kann gesammelt.

'Crooner' spielt in Venedig. Der junger Gitarist Jan aus dem ehemaligen Ostblock trifft auf das amerikanische Idol seiner Mutter, der wunderbare Lieder im Stil eines Frank Sinatra oder so ähnliche gesungen hat. Auf Wunsch des alternden Stars der ein Comeback vorhat, begleitet ihn der junge Gitarrist in eine Gondel damit der Star seiner Frau ein Ständchen bringen kann.
Begrifflich ist 'Crooner' ein amerikaner Gesangsstil bei dem es Dank der Erfindung des Mikrophons möglich ist, leise bis schmachtend zu singen.

'Ob Regen oder Sonnenschein' : Der ehemalige Studienkollege Ray(mond) soll eine zerstrittene Ehe in London kitten, wobei ihn beide Ehepartner mittlerweile für einen Versager halten. Romantische Swingmusik, die ihm und der Ehefrau zur Studienzeit gefallen hat, kittet zumindest für den Moment eines Tanzes auf der Terrasse die Stimmung.

'Malvern Hills' ist in den englischen Hügeln. Ein junger Gitarrist zieht zur Schwester aufs Land und hilft in deren Hotel aus. Nachdem ihm niemand in London mit eigenen Songs hören wollte, komponiert er am Land weiter. Ein schweizer Ehepaar, das wie Banker aussieht aber Musiker sind, machen ihm Mut weiter zu komponieren und an die Musik zu glauben.

In 'Bei Anbruch der Nacht' wird der offenbar häßliche Saxophonist Steve überzeugt sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen, die der Liebhaber seiner Frau zahlt. Dort lernt er die geschiedene Frau eines bekannten Sängers kennen, die ziemlich aufgedreht ist. Gemeinsam verstecken sie einen Ehrenpokal und entstehen einige witzige Szenen. Das Ende ist sehr offen.

Bei 'Cellisten' sind die Protagonisten wieder in Venedig angelangt. Diesmal sind es der junge Cellist Tibor in Venedig, der sich von Eloise am Cello musikalisch herausfordern läßt. Sie hat Gespür für Musik, hat aber selbst aufgehört Cello zu spielen. Am Ende tritt Tibor in Amsterdam auf, aber ob ihm Eloise geholfen hat, bleibt offen.

Die Menschen sind gut vorstellbar geschildert, vor allem ist die Chemie zwischen ihnen für mich spürbar. Obwohl die Menschen hier oft aneinander vorbeireden, sich unsicher sind, innerlich Fragen stellen oder einfach nur traurig und einsam sind, ist Nähe spürbar.

Die Orte der Handlung sind klar skizziert mit Piazza in Venedig, englische Hügel oder einer Küche in einem Hotel.

Ich bin in die liebevollen, verzaubernden und auch melancholischen Geschichten eingetaucht und wünsche Lesern/Leserinnen das gleiche Vergnügen. Viel Freude !

Kazuo Ishiguro wurde am 8. November 1954 in Nagasaki geboren. 1950 übersiedelten die Famile nach London. Er studierte an der universität in Kent Englisch und Philosophie. 1982 erschien sein erster Roman "A Pale View of Hills" ("Damals in Nagasaki" 1984). Sein dritter und berühmtester Roman "Was vom Tage übrig blieb" erschien 1989 auf Englisch "The Remains of the Day". 2017 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Montag, 15. Mai 2017

Frank Tallis : "Vienna Blood"

Frank Tallis :
"Vienna Blood" - Volume two of the Liebermann Papers
2007, Arrow Books, U.K.
474 Seiten + 2 Seiten Acknowledgment and Sources
ISBN 978-0-099-47132-5

Auf deutsch ist der Kriminalroman unter dem Titel "Wiener Blut" erschienen. Der Titel bezieht sich auf einen Absatz in dem der Walzer dieses Namens gespielt wird.

Psychiater Max(imilian) Liebermann und sein guter Freund Inspektor Oskar Rheinhardt sind wieder auf der Suche nach einem Mörder. Die Lieblingsschlange des Kaisers in Schönbrunn wurde zerschnitten, drei Huren und ihre Puffmutter in einem Bordell bestialisch ermordet, ein dunkelhäutiger Diener erdolcht - Die Wien geht die Angst um. Zuerst wird ein Schlächter verdächtigt, aber die damals noch neue Technik einer Blutuntersuchung beweist, daß nur jede Menge Tierblut an seinen Kleidern ist.  Eine Aufführung der  "Die Zauberflöte" in der Staatsoper wird zum Schlüssel um endlich der Lösung nach zu kommen. Liebermann und Rheinhardt, die beide gebildete Mittelschicht mit verschiedenen Religionen darstellen, beginnen sich mit Kreisen zu beschäftigen die Ausländer, Zureisende, Andersfärbige, Andersreligiöse und Freimaurer zutiefst hassen. In einer Bibliothek kommt es zum Showdown mit Fechtszene.

Die Kriminalgeschichte ist großzügig geschrieben, in der Menschen, ihren Beweggründen und Bewegungen Raum gegeben wird, ohne zu kitschig zu werden.
Die Menschen sind unterschiedlichst.
Dem Titelgebenden Max Liebermann wird der meiste Platz eingeräumt: er ist verlobt und nicht wirklich glücklich. Fein wird beschrieben wie er damit umgeht, und wie die Gesellschaft mit seiner Entscheidung umgeht. Mir als Musikfan haben die Stellen in denen er Musik genießt bzw, mit dem Inspektor gemeinsam musiziert sehr gut gefallen. Als Psychiater sucht er auch den großen Freud auf. Neue Ideen werden entwickelt. Die Kapitel in denen er einen Patienten der in Liebe zu einer unerreichbaren Erzherzogin entbrannt ist schildert sind faszinierend; erschreckend eine altmodische Methode psychisch kranke Menschen durch Drehungen sogenannt zu kurieren.
Der Inspektor hat einen freundlichen Untergebenen, und einen mieselsüchtigen Vorgesetzten. Er selbst geht seinen Weg und versucht den Mord zu klären. Er ist ein wirklich guter Freund Liebermanns, der ihm als Mensch und Polizist zur Seite steht und seine Denkansätze zu schätzen weiß.
Die Künstler und Literaten aus dem deutsch-tümelden Bereich sind gut vorstellbar, auch wenn es fasziniert daß Menschen mit Hunde- oder Rattengesicht beschrieben werden. Künstler zerbrechen an ihrem Anspruch genial zu sein, aber zu bemerken, daß sie mittelmäßig sind. 
Die stolzen Uhlanen sind in dem Buch die Soldaten deren Benehmen mit Arroganz, Selbstgefälligkeit, und eigenartigen Werten mit Duellen und Ehrenmorden auffallen.

Es wird viel aus Wien beschrieben wie das Burgtheater, das Rathaus, die schwebende Straßenbahn, etc. Stimmungsmäßig ist festgehalten, daß die Freimaurer auch politisch bedroht sind, und sehr versteckt ihren Werten und Ritualen nachgehen müssen. Wien ist geographisch gut geschildert und als Wienerin sind die Wege und Strecken gut nachvollziehbar.

Die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten werden beschrieben. Max Liebermann lebt als gebildeter Mensch in seiner Schichte aber lernt viel aus anderen Leben durch seine Arbeit . Er erlebt auch die Oper in der Loge und genießt Gustav Mahler als Dirigent. Das Elend der Prostituierten, die verrauchten billigen Lokale sowie das Vegetieren der ganz Armen in den Kanälen unterhalb der Stadt wird bildhaft eingefangen.
Das Buch ist schönem reichen vielfältigen Englisch geschrieben. Ich habe jede Menge neuer schöner Adjektive und Redewendungen kennen gelernt (darunter einige Vokabel für 'durchsichtig').

Ich habe zwar länger an dem Buch gelesen, es aber sehr genossen. Viel Freude auch anderen Leserinnen und Lesern !
 
Frank Tallis, wurde am 1 September 1958in London geboren. Er ist klinischer Psychologe mit Spezialisierung auf Zwangsstörungen. Er schreibt sowohl Fachliteratur, als auch Kriminalgeschichten und Fantasyromane (diese allerdings unter dem Autorennamen 'F. R. Tallis')

Montag, 17. April 2017

Estelle Ryan : "The Gauguin Connection"

Estelle Ryan :
"The Gauguin Connection (Book 1) (Genevieve Lenard)"
Dateigröße: 1373 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 434 Seiten
Sprache: Englisch
ASIN: B008X3NCRE

Dr. Genevieve Lenard ist eine hyperintelligente etwas autistische junge Frau, die sich ihr Leben geregelt hat und bei einer Versicherung in Straßburg an vielen Computern gleichzeitig arbeitet. Sie wird bei einem Fall von Waffendiebstahl innerhalb einer europäischen Truppe hinzugezogen und der Frage wie diese mit dem Tod einer jungen Künstlerin, die ein Gemälde Gauguin umgewickelt hatte, zusammenhängen. Plötzlich ist sie mit einem Polizisten konfrontiert, einem ehemaligen charmanten Kunstdieb, einem liebevollen Bodyguard und einer sehr effizienten Schlägertruppe. Sie und ihr enger Kreis arbeiten sich durch viele Daten, Listen bis sie einem Kunstfälscherring auf die Spur kommen, die nicht nur Geld waschen sondern die jungen Künstler / = Fälscher töten. Auf einer Party entdeckt sie wer der Machtmensch hinter den Machenschaften ist.

Das Buch ist in Ich-Stil aus Genevieves Sicht beschrieben. Ihre Beobachtungen und Beschreibungen führen durch das Benehmen der Menschen, wobei ihre Betrachtungen über Alpha-Männer vor allem wenn sie sich non-verbal bekriegen sehr unterhaltsam sind. Manchmal amüsiert sie sich, manchmal strengt es sie nur an, weil es ihr Energie kostet und sie durchaus einschreiten muß.
Sie will Körperabstand und muß oft sehr um ihre 50 cm Menschendistanz kämpfen.
Wenn ihr etwas emotional zu nahe geht hilft ihr W.A. Mozart - entweder seine Musik zu hören, oder Takte seiner Musik aufzuschreiben.

Genevieve selbst dürfte eine attraktive junge Frau sein, die durchaus bei Männern ankommt; nur nicht wenn sie sachlich ihre empirischen Beobachtungen über das übliche Lügen / Höflich sein / generelle Mißtrauen zwischen ihren Mitmenschen kundtut.

Philipp ist CEO und Chef der Versicherung, und ihr Mentor und immer wieder Mediator. Er ist ein älterer Herr den Herausforderungen reizen.
Manny Millard ist ein alter Freund von ihm. Er mißtraut allen, v.a. nicht Polizeimenschen, ist vierschrötig geschildert.
Colin Frey, ist ein charmanter Mann, ehemals Kunstdieb, der es schafft Genevieve Vertrauen zu vermitteln, und sie sogar berühren darf. Ihm gehen die Morde an den Künstler am meisten unter die Haut.
Vinnie, ist dessen bester Freund, ein Riese von Mann, der excellent kocht und selbst Genevieves Ansprüchen für Sauberkeit entspricht, weshalb sie ihn als Bodyguard und auch Freund schätzen lernt.
Wieviel die Gruppe allerdings an Kaffee trinkt, ließ sich durch die Kaffeefreude der Autorin erklären.

Ort der Handlung ist Straßburg, wobei hier v.a. Büros und die Wohnung von Genevieve geschildert sind. Spannender als die Locations sind die Menschen, die von Genevieve mit ihren Bewegungen zu- und gegeneinander geschildet werden, und deren Mikrobewegungen mehr Aussage für sie haben, als deren Worte.

Es findet keine wirklich Romanze in den Buch statt, oder gar mühsame Sex-Szene was durchaus angenehm zu Lesen ist, weil die computerlastigen Handlungsstränge für mich viel spannender sind.

Die Geschichte ist in gutem und schönen Englisch geschrieben, und spielt manchmal mit amerikanischem Akzent. Ich mußte immer wieder Vokabel nachsehen die etwas sophisticated waren oder die super-slang-Wörter waren.

Der Stil ist durchaus spannend, sodaß mich die Lösung sehr interessierte; die dann einige offene Ende für Fortsetzung offen ließ.

Ich habe das Buch im Internet legal  mit 0,- EUR Schnupperpreis erworben, es ist aber durchaus den gewohnten Taschenbuchpreis wert. 

In Summe ein sehr lesenswerter Kriminalroman, der mit seinem Mozart-als-Entspannungstherapie-Einsatz durchaus für Musikfreunde interessant sein könnte. Viel Freude beim Lesen !



Estelle Ryan wurde in Südafrika geboren (leide finde ich kein Geburtsjahr). Sie ist viel durch Europa und die Welt gereistSie hat für viele internationale Zeitschriften geschrieben, war Herausgeberin eines europäischen Lifestyle-Magazins und hat auch Liebensromane - unter Pseudonym - veröffentlicht. Sie gilt als Fan von wirklich gutem Kaffee, weshalb es heißt, daß sie in vielen Kaffeehäusern der Welt ihre Bücher schrieb. Die Serie mit 'Dr. Genevieve Lenard'  begann 2012 - im Jänner 2017 erschien der zehnte Band.

Samstag, 4. Februar 2017

Franz Grillparzer : "Der arme Spielmann"

Franz Grillparzer :
"Der arme Spielmann"
1847 erstmals erschienen
Projekt Gutenberg nach einem Reclam (ISBN 3-15-004430-8), 1991

Die Novelle ist ein Klassiker der Schulliteratur. Auf zwei Ebenen werden Geschichten erzählt: die eine ist die Geschichte des Erzählers, die andere die Geschichte des armen aber irgendwie glücklichen Spielmanns Jakob in der Brigittenau (einer der jetzigen Wiener Gemeindebezirke, damals wirklich Vorstadt). Jakob kommt zwar aus gutbürgerlichem Haus indem ihn der Vater verachtet, und es später schafft sein Erbe durch Glauben an die Menschen an falsche Menschen zu verlieren. Seine große Liebe, die Bäckerstochter Barbara, kann er aus vielen Gründen nicht heiraten, sich nicht einmal ihr erklären. Jahre später rettet er bei einem Sturm Menschen, verkühlt sich und stirbt. Der Erzähler besucht die ehemalige Bäckerstochter am Schluß.

Dicht beschreibt Grillparzer die armseligen Straßen, da Gejohle der Betrunkenen wenn sie den Spielmann auf seiner Geige verspotten und anrempeln, feiner wie der Musiker auf sein weniges Hab und Gut achtet und sehr zwischen den Zeilen wenn es um die zarten Bande zwischen dem Spielmann und seiner Angebeteten geht.

In der Spielmanngeschichte, wird der Spielmann in seinem Leben begleitet und alles aus seiner Sicht geschildert: seine Aktionen bis zu seinen Dialogen und den Reaktionen seines Gegenübers. Jakob ist in seinen Werten wie Liebe, Ehre, Freundlichkeit eingesponnen. Barbara ist er wichtig, was am Schluß klar wird, trotzdem heiratet sie einen Fleischer mit sicherem Job, da dies damals die einzige Art für Frauen zu Überleben war.

Die Politik bleibt komplett ausgeklammert.
Jakob schwärmt immer von Barbara, was für mich eine Parallele zu Grillparzers Biographie zu sein scheint, der angeblich nie den Mut fand seine große Liebe um die Ehe zu fragen

Die Vokabel sind tw. ungewohnt wenn es plötzlich 'uranisch' wird, oder 'reinlich'. Die Sprache ist langsam, und es gelang mir nicht einfach den Text quer herunterzulesen; die Sätze wollten, daß ich sie langsam und bewußt lese (was bei der Kürze der Novelle auch für Ungeduldige kein Problem ist).

Ich habe die Novelle mit der schönen bewußten Sprache sehr genossen.

Franz Seraphicus Grillparzer wurde am 15. Jänner 1791 in Wien geboren. Er studierte an der Universität Wien Jus. Nach dem Studienabschluss 1811 war er zunächst Privatlehrer, dann Beamter und trat 1813 als Konzeptspraktikant in den österreichischen Staatsdienst. Er wurde 1821 ins Finanzministerium versetzt, 1832 wurde er Archivdirektor  bei der k. k. Hofkammer, dem späteren Finanzministerium.
1817 erschien sein erstes Drama "Die Ahnfrau", die großen Erfolg hatte. später hatte er Probleme mit der Zensur und 1838 hatte sein Lustspiel "Weh dem wer lügt" Mißerfolg. Er starb am 21. Jänner 1872.

Samstag, 20. August 2016

Tatjana Kruse : "Glitzer Glamour Wasserleiche"

Tatjana Kruse :
"Glitzer Glamour Wasserleiche" - ein rabenschwarzer Pauline-Miller-Krimi
2016, Haymon tb Wien-Innsbruck
243 Seiten
ISBN 978-3-85218-978-9

In diesem sehr unterhaltsamen Krimi ist wieder die rundliche Sopranistin Pauline Miller mit Boston Terrier Radames am ermitteln. Diesmal in eigener, bzw. 'hündischer' Sache weil Dognapping (Kidnapping von Hunden) rund um die Bregenzer Festspiele um sich greift. Auch Radames, der in einen Schwan verliebt ist, ist verschwunden, worauf Pauline Miller zuerst Lösegeld zahlt, dann einen fremden Hund zurück erhält und dann rückhaltlos auf die Suche geht. Hier taucht spät aber doch eine Leiche auf. Am Ende sind alle Hunde wieder daheim und der Oper auf der Seebühne stehen keine Probleme mehr im Weg.

Die Personen sind sehr unterhaltsam beschrieben, v.a. da ich einige Sängerinnen in Ausbildung begleitet hatte und mir viele Eigenheiten sehr bekannt vorkamen.
Pauline Miller selber ist eine rundliche Frau mit Ausstrahlung und Vorliebe zu knalligen Farben, was Spaß zu lesen macht. Als Sopranistin vernichtet sie Tenöre und Ex-Liebhaber in diesem Buch verbal.
Bösartige Kommentare bekommen diesmal auch die lyrische Sopranistin, und der eigentlich nicht unattraktive Dirigent ab. Raum finden auch zarte erotische Ideen.

Die Geschichte ist schwungvoll geschrieben und macht Spaß zu lesen. Die Jagd auf dem Bodensee lief als Zeichentrickfilm vor meinem geistigen Auge ab.

Problem : Am Cover ist eine Französische Bulldogge und kein Schottischer Terrier. Da ich das Buch als Geschenk für eine Freundin mit Französischer Bulldogge gezielt gekauft hatte, fühle ich mich diesbezüglich vom Verlag an der Nase herumgeführt.

Tatjana Kruse wurde am 20. Februar 1960 in Kirchheim unter Teck (Baden-Württemberg) geboren. Sie arbeitete zuerst als Literaturübersetzerin aus dem Englischen bevor sie 1996 eigene Kurzkrimis schrieb. Ab 2000 begann sie mit Kriminalromanen. "Die Wuchtbrumme" erschien 2000, mittlerweile sind über 20 Bücher mit Romanen und Kurzgeschichten erschienen.

Donnerstag, 26. Mai 2016

Donna Leon : "Endlich mein"

Donna Leon :
"Endlich mein" - Commissario Brunettis vierundzwanzigster Fall
Roman
original "Falling in Love"
2015, William Heinman
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz
2015, Diogenes Verlag Zürich
300  Seiten
ISBN 978-3-257-06943-3

Der 'neue' Donna Leon Krimi spielt im Gran Teatro de Fenice, dem traditionsgeladenen Opernhaus in Venedig, bei dem die Diva aus einem früheren Krimi Flavia Petrelli gestalkt wird. Es gibt keine Leichen, nur zwei Verletzte, aber das Grauen gestalkt und bedroht zu werden ist spürbar.

Brunetti muß diesmal nicht nur Freunden - Flavia & Freddy - helfen, sondern auch seinem Kollegen Alvise, den ein intriganter Höfling um Vicequestore Pata, mit fiesen Mitteln loswerden möchte. Hier ist wie gewohnt Signorina Elettra zuerst mit Generalstreik und dann Computerkenntnissen hilfreich.

Brunettis Familie inkl. Schwiegereltern sind präsent. Schön ist die Überlegung von Paola (Brunettis Ehefrau), die Petrarca liebt, aber plötzlich zu überlegen beginnt, ob seine berühmten Sonette an Laura heute nicht unter Stalking fallen würden ?

Hintergrund ist das Leben und das Geschehen in einem Opernhaus, sowie wie gewohnt venezianische kulinarische Köstlichkeiten und eher neu Überlegungen über das Veneziano (Sprache in Venedig).

Der Kriminalroman ist für Fans der Oper, und v.a. von 'Tosca' gut geschrieben und ein Genuß. Wie Menschen, die mit Opern und Geschehen auf und hinter der Bühne wenig anfangen, darauf reagieren, werden diese Leser- und Leserinnen selbst zu entscheiden haben. Viel Spaß dabei !

Donna Leon wurde am 28. September 1942 in Montclair / New Jersey geboren. Sie lebt seit 1982 in Venedig.
Sie unterrichtete Englisch und englische Literatur, arbeitete aber auch als Reisebegleiterin, als Werbetexterin. Ihre Dissertation über Jane Austen konnte sie nicht abschließen, da alle Unterlagen bei der Flucht aus damals Persien, heute Iran 1979 verloren gingen.
1992 erschien der erste Krimi mit Guido Brunetti der 'Death at La Fenice' heißt auf englisch; 1993 kam die deutsche Übersetzung. Übersetzungen gibt der Krimis gibt es in 35 Sprachen, aber nicht auf italienisch, damit sie dort weiterhin ein normales Leben führen kann.

Dienstag, 3. November 2015

Theresa Prammer : "Wiener Totenlieder"

Theresa Prammer :
"Wiener Totenlieder" - Kriminalroman
2015, Marion von Schröder Verlage / Ullstein Buchverlage Berlin
368 Seiten + 2 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-547-71209-4

Die Hauptfigur, Carlotta / Lotta Fiori, führt in der Ich-Form durch den Großteil des Buches. Sie ist gescheiterte Sängerin in das sie von ihrer berühmten Sänger-mutter geschoben wurde, ist bei der Aufnahmeprüfung zur Polizei durchgefallen und arbeitet als Kaufhausdetektivin; ihr Liebesleben ist auch eher ein Scherbenhaufen. Nachdem in der Oper ein Unfall und ein Mord geschehen waren, werden sie und ein ehemaliger Polizist als Statisten in das Musikhaus eingeschleust um die Interna zu erfahren. Hier sind einige interessante bis eigenartige Persönlichkeiten versammelt. Parallel kommt Lotte ihr ungeordnetes Liebesleben in die Quere und sie rauft sich mit dem ehemaligen Polizisten Konrad Fürst, der das Verschwinden seiner Tochter nie überwunden hat, zusammen. Der Showdown findet erwartungsgemäß in der Oper statt.

Das Buch wurde mit dem Wiener Leo-Perutz Preis 2015 ausgezeichnet. Da ich den Schreibstil von Leo Perutz (1885 - 1957) als sehr dicht und schön empfand, hatte ich mir ähnliche Wirkung bei diesem Buch vorgestellt und wurde ziemlich enttäuscht.
Der Krimi ist rasch und gut lesbar.
Leider fängt mich die geschilderte Opernatmosphäre nicht ein, da mir Wiener Staatsoper als Stehplatzlerin etwas vertraut ist und ich erst durch den Lebenslauf der Autorin entdeckt habe, daß sie vermutlich ihre Inspiration aus der Wiener Volksoper gezogen hat.

Die Personen sind griffig und gut vorstellbar geschildert : die chaotische Lotta (sie haßt es Carlotta genannt zu werden) mit Hang zum Alkohol; der ehemalige Freund und Polizist Johannes; Konrad Fürst als Clown, ex-Polizist, trauernder Vater, der kocht um nicht zu saufen; die Übermutter und Sängerin Maria Fiore mit der sie auch nach dem Tod immer noch verglichen wird; ein Sopranistin die Charisma und schöne Stimme hat; ein Tenor der was mit der Mutter gehabt hat; ein Bühnenbildner der mit ihr verlobt gewesen war; Polizist Krump der einiges an Hilfeleistung gut zu machen hat; die Souffleuse die spindeldürr ist; die charismatische Direktorin die nichts anbrennen läßt (schon gar nicht Ballettdamen); sowie ein aufgewecktes Bühnenkind das Cher und Barbra Streisand liebt.
Immer wieder taucht eine verwirrte Frau auf - sie kennt das Spiel von Lotta, bei dem sie Lieblingsfarbe, ein Essen und Lieblingszahl beim Anblick von Menschen diese kategorisiert. Wie nah Lotta dieser Frau ist wird auch am Schluß aufgelöst.

Kursiv sind Kapitel eingeschoben, in denen ein verzweifeltes Kind mit seinem Alpträumen fertig werden muß. Diese Kapitel sind dicht und stimmig geschrieben, und es ist nachvollziehbar, daß Vertrauen ein rares Gut wird. Dieser Faden wird am Ende des Buches gelöst.

Wer als Unterhaltung und Entspannung einen netten Kriminalroman - inkl. who-dun-it-Raten - lesen möchte ist hier sicher gut aufgehoben; leider hält die Opernatmosphäre nicht den Erwartungen eines Opernnarren stand.

Theresa Prammer wurde 1974 in Wien geboren. Sie ist Schauspielerin - u.a am Wiener Burgtheater und in der Volksoper, bei Film und Fernsehen; und engagiert sich in den Komödienspielen Neulengbach. Ihr erster Roman erschien 2013 : 'Die Rettung der Regenwürmer'. 2015 der erste Krimi mit Privatermittlerin Carlotta Fiore.

Mittwoch, 20. August 2014

Lea Singer : "Konzert für die linke Hand"

Lea Singer :
"Konzert für die linke Hand" - Romanbiographie über Paul Wittgenstein
2008, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
2011, Deutscher Taschenbuch Verlag
448 Seiten  + 5 Seiten Epilog +5 Seiten Komponisten und Werke Paul Wittgenstein gewidmet +  1 Seite Familie Karl und Leopoldine Wittgenstein
ISBN 978-3-423-21323-3

Anhand des zweitjüngsten Sohnes und späteren Pianisten Paul Wittgenstein erzählt dieser Roman über das Familien- und Gesellschaftsleben des Heranwachsenden, den ersten Weltkrieg bis zum Zeitpunkt als der Wien/Österreich/Europa wegen der Machtnahme der Nationalsozialisten verlassen muß.

Der dominante, erfolgreiche, einflußreiche Vater Karl diktiert das berufliche und private Leben seines Umfelds. Neun Kinder bringt ihm seine ihn verehrende Ehefrau Leopoldine (Poldi) auf die Welt. Ein Sohn verschwindet als Erwachsener, einer begeht Selbstmord und das Leben geht in engen Linien weiter. Der reiche Vater gönnt sich und der Gesellschaft die besten Künstler und unterstützt mit Aufträgen und Einfluß. Gegen die Doktrin, daß keines seiner Kinder selbst künstlerisch tätig sein darf setzt sich erst Paul mit seinem Wunsch Pianist zu werden durch. Der Vater stirbt vor Ausbruch des ersten Weltkrieges.
Paul ist Offizier und geht nach Galizien und weiter, verliert seine rechte Hand und kurz darauf seine Freiheit durch russische Kriegsgefangenschaft. Erst 1916 wird er eingetauscht. Er ist von der Idee Leschetitzkys von der Möglichkeit auch mit einer Hand als Pianist Erfolg zu haben angetan, übt, spielt einschlägiges und beginnt nach dem Weltkrieg Komponisten nach Kammermusikwerken und Orchesterwerken zu beauftragen. Die Gesellschaft anerkennt seine Leistung an, die älteren Schwestern werden nicht müde sich für den jüngsten Bruder Ludwig (später Philosoph in Oxford) zu engagieren und immer Paul vorzuziehen. Auch in das Liebesleben Pauls mischen sich die Schwestern menschenverachtend ein. Am Ende des Buchs geht Paul über Schweiz in die USA und Kuba, und holt mit viel Mühen seine blinde Geliebte (dann Ehefrau) und die heimlichen Kinder nach.
Der Epilog erzählt dann in rascher Form die Jahre zwischen 1938 und zum Tod (1961).

Mich haben einige Passagen sehr fasziniert. Beispielsweise : die Schilderungen der Kriegsgefangenschaft in Rußland, mit dem Querverweis, daß Fjodor Dostojewski auch in einem der Gefängnisse in den Paul war, gesessen hatte. Die Schilderungen wie abgehoben die Familie lebte und nach dem Zusammenbruch von Kaiserreich, Landwirtschaft, Gesellschaftsnormen als das Elend übergriff fast unbeteiligt war. Die Schilderungen von Paul Hindemith, Erich Wolfgang Korngold, Sergej Prokofieff und Maurice Ravel, als Paul Kompositionen beauftragte aber auch in seinen Erwartungen enttäuscht wurde.

Die Figuren sind schön geschildert - die Eltern, die Geschwister, die lesbischen Tanten, die Doppelbödigkeit der homosexuellen Brüder, die treuen Diener, Künstler wie Klimt, Engelmann, Mahler, Laber, Korngold Vater und Sohn, R. Strauss und Gattin, etc.
Die langen Spaziergänge die Paul durch Wien unternimmt sind nachvollziehbar, die unterschiedlichen Gegenden und Hausbauten schön gezeichnet.
Der Wandel im Leben als die Menschen in Wien in die Armut schlittern, und menschenverachtende zuerst politisch unverträgliche Bünde dann Machthaber agieren, bis zum Erkennen, daß er gehen muß ist gespenstisch.

Als selbst etwas Klavier klimpernder Mensch vermisse ich in dem Buch das Haptische des Pianisten. Es werden die Werke musiktheoretisch beschrieben, aber wie es ist wirklich am Klavier zu sitzen und die Tasten zu spüren und Musik auszudrücken, vermisse ich bei den Schilderungen des Buchs.

In Summe ein gutes Buch für Leser und Leserinnen, die mit Musik und den ersten 40 Jahren des 20. Jahrhunderts in Wien umgehen können. Viel Vergnügen !

Eva Gesine Baur wurde am 11. August 1960 geboren. Ihr Pseudonym Lea Singer verwendet sie für Nicht-Sachbücher. Sie hat Kunstgeschichte, Musikgeschichte, und Literaturwissenschaft studiert. Sachbücher veröffentlicht sie unter ihrem eigenen Namen. Sie lebt in München und ist beidhändig.

Sonntag, 27. April 2014

Cara Black : "Murder in Montmatre"

Cara Black :
"Murder in Montmatre"
305 Seiten
1 Seite mit dem Plan von Montmatre am Beginn des Buches
2005, Soho Press Inc, New York
298 Seiten
ISBN 978-1-56947-445-7

Auf deutsch heißt der Kriminalroman "Mord am Montmartre: Aimée Leduc läuft in die Falle" und ist 2014 beim Thiele Verlag erschienen.

Dieser sechste Kriminalroman der amerikanischen Autorin mit der Pirvatdetektivin Aimée Leduc spielt wie gewohnt in Paris. Es geht um die Menschen, Künstler, Lokale im Montmatre. Es ist feucht, kalt, windig, regnet viel und die meisten Menschen hier haben nicht viel zum Leben. Hintergrund sind die 90-er Jahr des 20. Jahrhunderts, in dem Internet noch was seltenes ist, ein Computer Bubenherzen höher schlagen läßt, und die ersten eigenartigen Überwachungsszenarien steigen.

Aimée steigt ein, nachdem eine ihrer besten Freundinnen Laure beschuldigt wird, bei einem Polizeieinsatz ihren Kollegen Jacques erschossen zu haben. Aus ihrer Pistole kam der tödliche Schuß. Sie wird abgeschirmt und mit Medikamenten zugedröhnt, während Aimée auf die Suche geht. Ein Bub könnte etwas gesehen haben. Ein korsischer Musiker taucht auf. Ein korsischer Barbesitzer wird ermordet. Ein Musikproduzent nutzt seine Beziehungen. Show down auf der vorletzten Seite.

Bei einem privaten Handlungsstrang - der Todes ihre Vaters - taucht ein wichtiges Puzzlestück zu seiner posthumen Entlastung auf.
Aimées Liebesleben hat Schwankungen: Freund Guy geht, und ein neuer Mann verwirrt sie.
Aimée selber wird als attraktive, modebewußte Frau beschrieben, kochen ist nicht ihr Metier, aber sie kann sich verteidigen. Und Kater Miles Davis lebt bei ihr.

Das Thema der Bombenangst durch korsische Separatisten taucht auf. Flüge werden gestrichen. Für Menschen aus Korsika ist es zeitweise unangenehm in Frankreich zu leben. Andere Korsen führen ihre Privatfehde. Und wieder geht es um Waffen, Waffenschmuggel und Menschen, die unter der Hand reich werden durch den dortigen Bürgerkrieg.

Die Szenerien sind nicht das reiche, schimmernde, goldene Paris, sondern eines bei dem ich an Picassos blaue Phase denken mußte. Vieles wird dunkel, grau, schwarz, blau, düster gezeichnet. 
Probleme hatte ich mit den Abkürzungen französischer Polizei- und semi-Polizei-Einheiten (flics - o.k, aber mecs?).

In Summe ein spannendes Buch, das einiges an 'Action' bietet, aber durchaus logisch ist. Viel Spaß beim Lesen !

Cara Black wurden in Chicago geboren. Sie hatte verschiedene Jobs und studierte in Tokyo chinesische Geschichte. Ihre Liebe zu Frankreich begann mit dem Französisch Unterricht, worauf viele Besuche in Paris erfolgten.