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Samstag, 11. Januar 2025

Pedro Badrán : "Verbrechen in der Provinz"

Pedro Badrán :
"Verbrechen in der Provinz" - Auch ein Kriminalroman
Kolumbien in der edition 8
original "Crimenes de providencia"
2022, Penguin Random House Grupo Editorial, Bogota
Aus dem kolumbianischen Spanisch übersetzt von Richard Gross
2024, edition 8
170 Seiten + 4 Seiten sehr umfangreiches Glossar + mauve-farbenes Lesebändchen
ISBN 978-3-85990-515-3

Rodolfo Cuesta beginnt sich mit dem Tod seines besten Freundes, Horacio, Sohn des Senators in einer fiktiven Stadt zu beschäftigen. Er war erschossen worden. Horacio war ein lebensfroher aber auch idealistischer Arzt gewesen, der sich mehr für die Armen engagiert hatte, als für die Karriere, wie es seinem mächtigen Vater besser gefallen hätte.
Rodolfo trifft sich mit Horacios Schwester Marielita und erzählt über die Zeit als er, als Kind einer Ladenbesitzerin und eines getöteten Aufständischen, im Haus des Senators immer willkommen war.
Sehr vorsichtig versucht er, selbst Arzt, das Geheimnis des eigenen Vaters, die vielen Geheimnisse um den Senator und gesellschaftliche Verstrickungen zu entwirren. Auch lernt er die letzten Freundin von Horacio kennen. Unterlagen werden versprochen und kommen nie an; Menschen sterben mit denen er sprechen möchte. Sehr langsam tastet er sich vor und fragt im Umfeld des Senators, den viele als Wohltäter der Stadt sehen.
Der Senator stirbt ebenfalls - aber einen natürlichen Todes. Ende gibt es keines.

Der Roman ist in Ich-Form aus Sicht von Rodolfo geschrieben.

Mich fasziniert die Langsamkeit in diesem Buch, in der sich einiges zäh entwickelt oder anderes nie entwirren wird.
Polizei, Gesellschaft, Politik und Überleben sind eng verkettet. Mord eines Sohnes wenn er gesellschaftlichen Normen widerhandelt wird in dieser Stadt nicht nur toleriert, sondern auch gut geheißen.

Die Rolle einer Tochter, oder Frau ist in dem Buch sehr unterschiedlich. Die Schwester ist Langzeitstudentin und hinterfragt alles. Ihre frühere beste Freundin war zuerst mit ihrem Bruder verheiratet, und nach dessen Ermordung mit ihrem früheren Schwiegervater und mit diesem glücklicher als zuvor. Rudolfos Mutter findet, daß der Senator ein Held ist und nicht kritisiert werden darf. 

Mich hat der Roman in den Bann gezogen. Viel Freude beim langsamen Lesen.

Pedro Badrán wurde 1960 geboren in Magangué (Departamento Bolívar), im Hinterland der karibischen Küste Kolumbiens. Er ist Nachkomme palästinensisch-syrischer Einwanderer. Er wuchs in Cartagena auf und studierte Linguistik in Bogotá, wo er heute als freier Schriftsteller lebt. Mit je fünf Romanen und Erzählungsbänden gilt er in der kolumbianischen Literatur als einer der herausragenden Vertreter der Post-post-García-Márquez-Generation. Sein erster auf Deutsch erschienener Roman "Der Mann mit der magischen Kamera" (edition 8, 2019) schaffte es auf die Hotlist der zehn besten Bücher aus unabhängigen Verlagen.

Dienstag, 15. Oktober 2024

Susan Abulhawa : "Während die Welt schlief"

Susan Abulhawa :
"Während die Welt schlief"
Roman
original "Morning in Jenin"
2010, Bloomsbury, New York City, USA
aus dem Amerikanischen von Stefanie Fahrner
2023, Wilhelm Heyne Verlag München
416 Seiten + 4 Seiten Nachwort + 5 Seiten Glossar inkl. Quellennachweis +  1 Seite Stammbaum - Vorschau auf Buch "Ihr letzer Tanz"
ISBN 0978-3-453-42780-8

Der Roman beginnt 1941 als die Palästinenser sich ihren Olivenhainen widmen, und Amals Eltern eine Familie aufbauen. 1947 vertreiben israelischen Soldaten nicht nur diese Familie bei denen auch ein Sohn verloren geht; das Leben in den Lagern beginnt und Amal kommt dort auf die Welt. Als sich ihr großer Bruder den Kämpfern an schließt sich die ihr Land zurückerobern wollen, und ihre Eltern bei Säuberungsaktionen ums Leben kommen, hilft man ihr als fleißiger Schülerin in ein Internat in Jerusalem. Von dort erhält sie ein Stipendium nach USA. Später lernt sie ihren Mann kennen, und eine Tochter kommt auf die Welt. Bei einem Bombenattentat in Jerusalem kommt Amals Mann ums Leben. Ihr großer Bruder findet endlich mit seiner großen Liebe und damit auch Familie zusammen, die ihm Frieden gibt. Bei einem Massaker kommt die Familie gräßlich ums Leben und er schließt sich dem militanten Widerstand an.
Dem verlorenen Sohn wird eröffnet, daß seine israelischen Eltern nicht seine Eltern sind, und macht sich auf die Suche nach seiner Familie.
Am Schluß kommt Amal ums Leben, und die folgende Generation findet eine friedliche Lösung fürs Zusammenleben.

Die Geschichte der Palästinensischen Flüchtlinge wird von Beginn an erzählt. Neu war für mich, daß der Diplomat Folke Bernadotte von der UNO eingesetzt wurde um gegen die Vertreibung der Palästinenser 1948 zu verhandeln ("Bernadotte-Plan"); leider wurde er kurz nach dem Auftrag erschossen.

Der Roman wird von unterschiedlichen Positionen aus, aber meist aus Sicht von Amal geschrieben. Ihr wird vom großen Bruder erzählt wie der Vater und der Großvater vor der Vertreibung gewesen waren, und auch die früher sehr lebhafte, dann superstrenge Mutter.
Andere Kapitel sind aus Sicht des Bruders / der Brüder geschrieben.

Familienbande und hier leider sehr zerstörerische Politik dominieren diesen Roman, der mich durch seine Emotionalität sehr beeindruckte.
Auch wenn hier vieles Fiktion ist, wurde mir doch klar, wie tiefgreifende Wunden durch Massaker, Übergriffe, Bürgerkriege, brutale Politik und Terrorangriffe entstehen und dann Selbstläufer werden. Lösung scheint es für mich keine zu geben.

Stark sind die Erzählungen im Waisenhaus - später las ich nach, daß die Autorin in solch einem gelebt hatte. 

Die Geschichte des palästinensischen Säuglings, der als Israeli aufwuchs, geht auf eine wahre Geschichte zurück. Leider hat mich dieser Teil des Romans emotional weniger erreicht.

Die Orte der Handlung sind für mich durch Photographien der Medien vor Augen; stärker sind für mich die Personen der Handlung.

Das Glossar ist sehr gut und wichtig.

Frieden sind durch zwei für mich berührende Teile in dem Buch spürbar: einerseits daß der Vater von Amal Freundschaft mit einem israelischen Buben schließt, die gegenseitigen Sprachen lernen und von den Müttern unterstützt werden. andererseits am Ende des Buches als die Tochter Amals und ihr israelischer Cousin gemeinsam leider in Amerika und nicht vor Ort aber doch miteinander leben.

Ich möchte das Buch nochmals lesen, und diesmal mehr über die politisch-militärischen Gegebenheiten parallel mitlesen.

Mich hat das Buch sehr berührt, und emotional erreicht weil die Probleme vor Ort nicht lösbar scheinen. Ich wünsche auch anderen Leserinnen & Lesern intensive Lese-erlebnisse.

Susan Abulhawa wurde am 23. Juni 1970 in Kuwait geboren; ihre Eltern waren Flüchtlinge des Kriegs von 1967. Sie lebte in Jordanien, USA, Kuwait, Palästina und später in einem Waisenhaus in Jerusalem, bis sie über ein Waisenprogramm nach USA kam. Zuerst studierte und arbeitet sie im Bereich Humanmedizin, bevor sie Autorin und Menschenrechtsaktivistin für die Rechte der Palästinenser wurde.

Dienstag, 20. August 2024

Michael Köhlmeier : "Matou"

Michael Köhlmeier :                                                                                          
"Matou"
2021, Hanser Verlag
947 Seiten + rotes Lesebändchen
ISBN 978-3-446-27079-4 

Matou ist ein hübscher roter Kater mit weißer Schwanzspitze, der bereits in seinem ersten Leben entdeckt, daß er menschliches Sprechen lernen kann. Später lernt er auch Lesen, und liest sich im Laufe des Romans durch die Enzyklopädien, Romane, Philosophischen Traktate der Weltgeschichte des Menschen.
Im ersten Kapitel lebt er zur Zeit der französischen Revolution bei Camille Desmoulins, dessen Frau, Kind und Schwiegermutter und lernt auch die wichtigen Menschen der französischen Revolution kennen. Der Kater lernt Liebe, Romantik, Charme, Machtspiele kennen. Und menschliches Sprechen
Für das zweite Leben sucht er sich das Leben bei E.T.A. Hoffman und seiner Frau aus. Hier lernt er Lesen. Hoffmans Frau ist allerdings sehr mißtrauisch. Später unternimmt er eine Schiffreise, überlebt im Dschungel und perfektioniert sein intrigantes Spiel indem er Menschen gegeneinander aufhetzt.
Im dritten Leben lebt er auf einer Insel mit anderen Katzen, schwingt sich mit einigen Schlägerkatzen um Diktator auf, hält manipulative Reden, erzählt eigenartige Narrative und kommt am Schluß drauf, daß ihn auch das nicht interessiert.
Im vierten Leben ist er in Afrika und lebt als Leopard, erzählt die Übergriffe aus dem belgischen Königreich auf deren Kosten viele Menschenleben gingen und zieht mit einem verstümmelten Mädchen als Albtraumerinnerung durchs Land.
Das fünfte Leben ist in Prag bei einem Ehepaar mit dick gefüllter Bibliothek, deren Enzyklopädie er liest. Paulina Bartok ist eine sensible Künstlerin, die das Wilde sucht. Bei Kriegsausbruch 1914 ist alles vorbei.
Sein sechstes Leben verbringt er in den USA, was für europäische Katzen sehr ungewöhnlich ist. Er hat sich Andy Warhol ausgesucht, weil er sich ein luxuriöses Leben gewünscht hat und eine große Bibliothek, was beides nicht geklappt hat.
Im siebenten Leben ist er in Wien, und wohnt bei einer netten älteren Frau und ihrem etwas faden Neffen, den er bereits als Kind tröstet. Der Neffe studiert Philosophie und der Kater hilft ihm dabei, und versucht ihm die Wichtigkeit von Charme beizubringen.

Zwischen den verschiedenen Leben erzählt der Kater vom Leben im "Weggemachten" mit den anderen Katern und Katzen in der Zeit zwischen den sieben (europäische Katzen) bis neun (amerikanische Katzen) Leben der Katzen.
Eine der Katzen merkt sich wie Matou (wie er sich selbst nennt, auch wenn ihm Menschen anderen Namen geben) die verschiedenen Leben; Fragnichtchen ist eine schöne Katze mit blauen Augen, die Matou vom dritten bis fünften Leben immer wieder trifft.

Die Geschichte ist aus Ich-Sicht des Katers geschrieben, und springt dementsprechend auch in den Erzählebenen, und es gibt jede Menge Hinweise auf andere Leben.

Es gibt lange Abhandlungen über den "Charme", wer ihn hatte oder gehabt haben mag, und wie man Charme lernen kann. Viel ist über Macht und Machtspiele zu lesen. Matou vergräbt sich auch in die Werke der großen Philosophen und versucht damit den Menschen zu entschlüsseln, denn ihm bleibt immer unklar warum manches für Menschen wichtig ist und einiges nicht.

Da ich zugegebenermassen den Stil des Autors sehr mag habe ich mich in die langen Sätze, komplizierten Schachtelungen gerne eingelassen.
Es gibt viele Hinweise und lange Leselisten für weiterführendes Lesen.

Ich habe fast drei Jahre an diesem Buch gelesen, das mich zwar sehr interessiert hat im Sinne von wie geht es weiter, mußte aber meinen Widerwillen gegen diesen obergescheiten arroganten intriganten und eigentlich mir nicht sympathischen "Kater" kämpfen.

In Summe ein wunderbares Buch, das mich viele Stunden gut unterhalten und in den Bann gezogen hat.

Michael Johannes Maria Köhlmeier wurde am 15. Oktober 1949 in Hard (Vorarlberg) geboren. In den 70-er Jahren begann er mit Hörspielen, in den 80-er Jahren wurden die ersten schriftstellerischen Arbeiten veröffentlicht.

Freitag, 2. Februar 2024

Alex Beer : "Die rote Frau"

Alex Beer :
Die rote Frau - ein Fall für August Emmerich"
Kriminalroman
2018, Limes in Verlagsgruppe Random House GmbH
400 Seiten + 3 Seiten Nachwort + 2 Seiten Danke + 2 Seiten Quellenangaben
ISBN 978-3-8090-2676-1

Rayoninspektor August Emmerich, humpelnd nach Kriegsverletzung, und sein Mitarbeiter Ferdinand Winter mit kaputtem Arm nach dem Krieg, werden von ihrem Vorgesetzten mit dummer Papierarbeit gequält. Erst die Morddrohung an einer Filmdiva bringt die beiden in Recherche. Parallel wurde ein Stadtrat ermordet, der viel für die vielen Bedürftigen in Wien um 1920 macht.
Ausgehend von dem Arbeiterwohnheim in dem er wohnen muß, weiß er, daß der Beschuldigte nicht der Mörder sein kann, und sucht mit Genehmigung, weiter.
Es gibt Gesellschaften die den Armen nach dem Weltkrieg weiterhelfen (wollen), und ebenso gibt es Gesellschaften die einzelnen Auserlesenen mit Verletzungen mit Prothesen aushelfen wollen.
Erst spät tut sich Emmerich auf, daß die rote Frau bei den einzelnen Gesellschaften mit unterschiedlichen Utensilien gezeichnet ist und erschreckend andere Konzepte zur Beseitigung der Massenarmut angestrebt werden.

Wien ist in seinen verschiedenen Örtlichkeiten der Armut genau beschrieben : Das menschliche Elend und die Machtspiele im Männer-Obdachlosenheim, die Kohlefabriken mit Dreck und Hitze, das Leben der Menschen die überall sparen müssen.
Einige wenige können sich Leben leisten, ohne auf Geld achtgeben müssen.
Die Beschreibungen gehen unter die Haut.

Die Menschen sind stark und eindrücklich beschrieben. Es sind sowohl die direkte als auch süffisante Brutalität der Menschen spürbar, als auch wenn jemand versucht sich noch ein bißchen die restliche Würde zu bewahren.
Emmerichs Verzweiflung daß er seine Liebe an ihren aus dem Krieg zurückgekehrten brutalen Ehemann verloren hat, ist greifbar. 

In Summe ist dieser Kriminalroman trotz seiner Düsterkeit empfehlenswert. Gutes Lesen !

Alex Beer, eigentlich Daniela Larcher wurde am 8. April 1977 in Bregenz geboren. 2008 erschien ihr erster Kriminalroman . Mittlerweile gibt es vier Kriminalroman-Reihen : Otto Morell, August Emmerich, Isaak Rubinstein  und Felix Blom sind die Hauptprotagonisten.

Donnerstag, 30. November 2023

Karl Rittner : "Die Toten von Wien"

Karl Rittner :
"Die Toten von Wien" - ein Fall für Alexander Baran
2023, Goldmann Verlag
13 Seiten Prolog + 400 Seiten + 3 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-442-49090-5

Im Prolog wird von der kurzen aber glücklichen Ehe zwischen Szonja und Anton Graf von Waldstetten, die zeitgleich mit dem Jagdbesuch des Kronprinzen vor dem ersten Weltkrieg endet, und einem Fluch erzählt.

1922 in Wien, ist Alexander Baran, eigentlich Sandor von Barany, Kriminalbeamter, der immer noch nach seiner vermissten Schwester Szonja sucht; ihm zur Seite steht Bezirksinspector Florian Meisel.
Eine Balletttänzerin wird ermordet gefunden, ein pensionierter Hofrat vor die Straßenbahn gestossen, ein Student (der sich als Dieb entpuppt) verhaftet, eine weitere Balletttänzerin ermordet .
Eine junge Anwältin, Frau Eleonore Wertheim, vertritt zuerst den Studenten, hilft Baran dann weiter. Ein ehemaliger Graf, Otto Schöntan, hat ein Unterhaltungsetablissement mit Tänzerinnen. Pathologe Alfred Bernstein mit seiner Kartenspielrunde u.a. mit dem Schriftsteller Hugo Bettauer, den Herausgebern Robert Sticker und Arthur Freud, bringt Baran auf richtige und falsche Spuren; und wird ebenfalls als Wissender ermordet. Ein mysteriöser Mann mit blauen, sehr kalten Augen aber sonst wenig  Wiedererkennungsmerkmalen, entpuppt sich als Strippenzieher, da er als Kind nicht so umsorgt worden war wie sein Zwillingsbruder. 
Hintergrund war auch eine politische Verschwörung und ein Zusammenhang mit Geheimpolizei gewesen.
Letztendlich kann Baran auch die Sache mit seiner verschwundenen Schwester lösen, und einen unguten Vorgesetzten dank eines Fehlers loswerden.

Der Kriminalroman ist sehr gut geschrieben. Wien damals ist nachvollziehbar, mit seinen reichen Villen, aber auch armen Gegenden im zweiten Bezirk und elendsarmen, menschenunwürdigen Zuständen in Baracken. Der Ausdruck "Grabennymphen" für käufliche Frauen war mir bis dato nicht bekannt gewesen.

An Wiener Örtlichkeiten gibt es die Wiener Staatsoper, die American Bar (auch: Loos Bar genannt), den Wiener Wurschtl-prater mit Rotunde, Café Siller (wurde 1945 zerbombt), Martinkirche im 18. Bezirk, Villen in Dornbach, Sechs-Schimmel-hof im 8. Bezirk, Chatham-Bar in 1. Bezirk (jetzt Café Hawelka), ehemaliges Kriegsspital im 19 Bezirk aus dem Wohnbaracken gemacht wurden; Gasthaus "zur güldenen Waldschnepfe" in Dornbach, das es als Lokal allerdings mit anderem Namen immer noch gibt.

Die Persönlichkeiten sind greifbar geschildert, auch wie eigentlich alle sehr daran arbeiten müssen in diesen Zeiten über die Runden zu kommen und die Einsamkeit zu bewältigen.

In Summe ein sehr guter Kriminalroman, der spannend ist.

Karl Rittner ist das Pseudonym eines österreichischen Schriftstellers und Hochschulprofessors. Er wurde 1960 im Land Salzburg geboren, und lebt zur Zeitpunkt der Buchveröffentlichung in Wien.

                      

Freitag, 17. November 2023

Elena Ferrante : "Meine geniale Freundin"

Elena Ferrante :
"Meine geniale Freundin" -Band 1/ Kindheit, frühe Junged
Roman
original "L'amica geniale"
2011, Edizione e/o, Rom
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
2016, Suhrkamp
406 Seiten - 5 Seiten mit handelnden Personen
ISBN 978-3-518-42553-4

Im Prolog erzählt die Ich-Person, Lenuccia genannt Lenù oder Elena Greco, daß der Sohn von Raffaela Cerullo, genannt Lina oder Elena, seine Mutter sucht, weil sich die beiden seit mehr als sechzig Jahren kennen. Hier startet die Rückblende in die Kindheit.

Kindheit heißt hier eines der Armenviertel Neapels - konkret Rione - , in denen die Familien eher unter sich bleiben und sehr vorsichtig sind, wenn es um Familien mit Machteinfluß geht. Manche Familien gehen leise mit Problemen um, andere sehr laut. Elena Greco ist das Kind eines Pförtners und wird in der Schule sehr gefödert, während Lila Cerullo keine Förderung bekommt aber durch viel Lesen viel Wissen und Logik kombiniert, und damit Elena damit für schulische Leistungen herausfordert. Die beiden Mädchen werden enge Freundinnen, wobei Lila Elena auch menschlich zu neuen Grenzen bringt.
Während Elena weiterhin in die Schule gehen darf und schönes Italienisch lernt, Latein und später auch Griechisch, muß Lila ihrem Vater und Bruder im Schuhladen helfen. Sie hat Ideen für neue schöne Schuhe, die ihr Bruder nach viel Mühen zusammenbringt.
Elena macht einen Kururlaub auf Ischia, und wird hübsch; Lila entwickelt sich zu einer interessanten Schönheit und verlobt sich mit Stefano Carracci, der ihr verspricht ihre Schuhideen umzusetzen und ihrer Familie zu helfen.
Bei der Hochzeit entdeckt sie, daß ihr Ehemann sie belogen hat, da das Geld von der verhaßten Familie Solara kommt, die mit der Mafia zusammenarbeitet, und alle anderen Familien unter Druck setzt.

In dem Buch sind 10 Familien aufgezählt, was viel hilft die Namen und Zusammenhänge halbwegs im Überblick zu halten. Ich habe mir schwer getan die vielen Familien- und Mädchennamen zu behalten.
Dieser Roman ist der erste von vier Teilen.

Die Menschen und ihre Leben sind spannend beschrieben. Die meisten Familien sind arm, Kleider werden lange gepflegt, und die meisten Menschen haben Arbeit die wenig Einkommen bringt.

Die Freundschaft der beiden Mädchen wird schön beschrieben, in ihrem Gegensatz von brav und blond zu hager und blitzenden Augen.

Der Roman ist dicht geschreiben, die Szenerien liefen vor meinem geistigen Auge. Viel Freude beim Lesen.

Elena Ferrante, geboren am 4. April 1943 in Neapel, ist  ein Pseudonym einer italienischen Schriftstellerin, die es geschafft hat seit den 1990-er Jahrn anonym zu bleiben. Die Interviews werden ausschließlich schriftlich geführt. 1992 erschien ihr erster Roman "L'amore molesto", der 1994 auf deutsch, und dann nochmals 2018 übersetzt wurde. "L'amica geniale" ist der erste Band einer Tetralogie.

Freitag, 30. Juni 2023

Ivo Andric : "Wesire und Konsuln"


Ivo Andric :
"Wesire und Konsuln"
Roman
original "Travnicka hronika"; 1945 fertig geschrieben
The Ivo Andric foundation, Beograd, Serbia
Deutsch von Hans Thurn, überarbeitet von Katharina Wolf-Grießhaber
2016, Paul Zsolnay Verlag (erstmals 1961 auf deutsch)
5 Seiten Prolog + 622 Seiten + 3 Seiten Epilog aus 1942 + 4 Seiten Verzeichnis fremder Ausdrücke + 12 Seiten Nachwort von Karl-Markus Gauß
ISBN 978-3-552-05802-6

Jean Daville wird 1806 unter Napoleon in die Stadt Tavnik gesetzt. Dort ist er der erste französische Konsul, der erste Konsul überhaupt, der sich in diesem Ort mit den örtlichen Gegebenheiten, dem dortigen Sultan, den dortigen Begs, Menschen mit vier verschiedenen Religionen, und vielen Stämmen auseinander setzten muß.
Zur Unterstützung ist ihm als Kanzler des Fossés zugeteilt, der weltoffen und vertrauensselig durch die Stadt und Gegend reitet und versucht in Kontakt mit den Menschen vor Ort zu kommen.
César d'Avenat ist als Übersetzter zuteilt und ein intriganter Mensch.

Viel später entsendet auch Kaiser Franz aus Österreich seinen Botschafter nach Travnik. Oberst Joseph von Mitterer hat auch Familie, allerdings keine so unterstützende, sondern eher kapriziöse.
Ihm zur Seite steht als Dolmetscher und Büroangestellter Nikola Rotta, ein Mensch aus einfachsten Verhältnissen, der es mit Arbeit und Strebsamkeit geschafft hat, die Karriereleiter so weit zu erreichen; als mißmutischer und hochmütiger Mensch hat er es nicht einfach. 
1811 kommt ein neuer Konsul - der gutaussehende, perfekte aber kalte Oberstleutnant von Paulich.

Nach der Niederlage Napoleons und den Verhandlungen im Wiener Kongreß 1815 werden beide Konsulate aufgelöst, und die Region lebt ihr gewohntes Leben weiter.

Den Botschaftern aus Frankreich und Österreich steht der lokale Wesir gegenüber, der meist zur Strafe nach Travnik entsandt wird. Diese Botschafter sind menschlich komplett unterschiedlich. Während  Mechmed-Pascha ein betont joviale Oberfläche hat unter der er bedenkenlos Menschen beseitigt, ist der Ibrahim-Pascha ein nachdenklicher Mensch der seine großen Schmerzen beim Bewegen verbirgt und loyal zu seinem ehemaligen Herrn, Selim III, mit dem er auch untergehen wird. Der dritte Wesir Ali-Pascha ist ein Mann des Militärs, der sofort Leute einer Liste folgend enthaupten läßt

Der Roman ist grandios geschrieben. Sowohl die Landschaft mit langem dunklen Winter, aber schönen Periode in Frühling-Sommer-kurzen Herbst, der das Gärtnern erlaubt sind spürbar beschrieben.
Auch die unterschiedlichen Menschen in der Stadt mit vier unterschiedlichen Religionen, mehreren Stämmen, allen Schichten von besoffenem Sänger bis quasi Arzt, die Agas und Alteingesessenen.
Selbst die Fratres sind unterschiedlich und variantenreich gezeichnet.

Viel Zeit ist für die Beschreibungen der Persönlichkeiten aufgewandt. Sie sind nicht nur körperlich beschreiben, sondern in ihrem Wandel und wie sie versuchen sich an die vielen Ungemütlichkeiten und Mühsale vor Ort anzupassen. 

Bei diesem Buch war ich gefordert jede Zeile bewußt zu lesen; einen Absatz einfach quer zu lesen, ging für mich beim Lesen nicht. Es zahlt sich für mich aus Zeit beim Lesen dieses Buches aufzuwenden.

In Summe ist das Buch nicht nur geschichtlich wichtig, da es Verständnis für die aktuellen Probleme dieser Region bringt, sondern auch für mich grandios geschrieben. Viel Freude beim Lesen !

Sonntag, 30. Oktober 2022

Thomas Bernhard : "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mir essen"

Thomas Bernhard :
"Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen"
Drei Dramolette (1986/1986/1987)
1990, Suhrkamp Verlag Frankfurt
72 Seiten
ISBN 3-518-38722-7

Dramolett 1 : 'Claus Peymann verläßt Bochum und geht als Burgtheaterdirektor nach Wien'
Claus Peymann ist beim Kofferpacken bzw gibt Anleitungen an seine Sekretärin was und wie alles in den Koffer zu packen sei. Hier sind Stücke und Menschen durcheinander gemischt, Zeitgenössisches und Abgelaufenes, Politiker bis Kritiker, wohlwollende wie kritische Menschen.
Manches ist humorvoll, manches zynisch; in Summe tut mir die Sekretärin bei dem launischen Chef leid.

Dramolett 2 : 'Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen'
Claus Peymann kauft sich eine italienische teure Hose in Wien in einer der teuersten Einkaufsstraßen Wiens, und plaudert mit dem Ich / Thomas Bernhard darüber. Dann raisoniert Peymann darüber, daß man als Burgtheaterdirektor stark genug sein muß, die alte Hose selbst zu tragen, daß er das Theater liebt, daß er gerne in ein Geschäft gehen würde um sich einen neuen Kopf zu kaufen, und daß er sich vom Ich ein echte Welt-ekel-Stück wünscht. Am Schluß sitzen beide vor Tafelspitz mit Beilagen.

Ich habe zwei faszinierende Wörter kennen gelernt : 'Kleiderhausprobierzellenschlag' - hier geht es darum, daß man beim probieren von Kleidung im Kaufhaus einen schlaganfall erleiden könnte;
und 'Andernaseherumführer', das mich sehr zum Schmunzeln brachte.

Dramolett 3 : 'Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese'
Beide haben kaltes Schnitzel eingepackt und schauen auf Wien. Peymann erzählt von einer Idee den "Sturm" und am liebsten alle Shakespeare stücke auf einmal aufführen zu lassen. Dann erzählen sie sich gegenseitig von ihren Albträumen, die bei Beil voll mit Theater und bei Peymann voll mit Politikern sind.

In Summe schöne kleine böse Dramolette in denen die Politiker schlechte Kritik erhalten, und nur das Theater wichtig ist.

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Peter May : "Die Katakomben von Paris"

Peter May :
"Die Katakomben von Paris" - Ein Fall für Enzo Mackay
original "Extraordinary People"
2006, Poisend Pen Press, Scottsdale AZ
Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer
2011, Rowohlt Taschenbuch Verlag
437 Seiten + 2 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-499-25402-4

Den schottischen Forensiker Enzo Mackay hat die Liebe nach Frankreich gebracht, wofür seine Familie in Schottland zerbrochen war. Aufgrund einer Wette beginnt er nach dem Verbleib eines hochintelligenten Menschen oder deren Reste zu suchen, wobei ihm die Recherchen des Journalisten Raffin behilflich sind. In der Kirche, in die der letzte Kalendereintrag führt, findet er die erste Bestätigung seines Verdachtes. Später wird ihm von einem Koffer mit einem Schädel und fünf eigenartigen Utensilien erzählt. Enzo setzt diese fünf Elemente zu neuer Information zusammen - wobei er Hilfe durch das Wissen aus dem Internet hat. Nachdem ein zweiter Koffer mit weiteren Körperteilen und wieder einigen Utensilien gefunden wurde, wird ihm von der bildschönen berechnenden Justizministerin mitgeteilt, daß die weitere Recherche von Offiziellen übernommen wird. Quer durch Frankreich tauchen noch weitere Koffer mit Körperteilen und Hinweisen auf, es sterben noch einige Menschen gewaltsam, eine junge Frau verschwindet und es kommt zum Showdown in den Katakomben von Paris.

Enzo wird als großer Mann mit längeren Haaren, einer weißen Haarsträhne geschildert, der gerne trinkt, und mit Geld nicht umgehen kann. Er löst die Rätsel mit Leidenschaft, leider ist er bei seinen Damen, hier seine Töchter und auch bei Charlotte nicht ganz so erfolgreich. Der Journalist Raffin wird als gut aussehender, gut gekleideter Pariser Mann geschildert, der mit Coolness durch die Situationen geht. Tochter Sophie ist die Tochter seiner großen Liebe, die Enzo alleine aufgezogen hat, und die sich in einen nicht nur gut aussehenden Fitnesstrainer verliebt hat. Tochter Kirsty aus erster Ehe, ist spröder geschildert. Charlotte ist eine sehr gut aussehende Frau, Psychiaterin, Ex-freundin von Raffin, hilft Enzo einige zeitlang weiter.

Faszinierend ist der Hintergrund der Elite-Universität ENA, deren Ruf, deren Anspruch, das Wissen, daß dort alle Politiker und Wirtschaftstreibenden ausgebildet werden und später netzwerken werden. Enzo merkt an, daß es kein Wunder ist, daß die Politiker nicht mehr wissen, was das Volk möchte, wenn alle Politiker aller Parteien auf eine gemeinsame Elite-Universität gehen. 

Der Roman ist gut geschrieben. Auch wenn viel in der Gegend herumgefahren wird, sind die Ort vorstellbar, und auch die menschlichen Tragödien. Viel spaß beim Lesen !

Mittwoch, 2. Juni 2021

Claudia Pineiro : "Der Privatsekretär"

Claudia Pineiro :
"Der Privatsekretär"
Thriller
original "Las Maldiciones"
2017, Verlag Alfaguara, Buenos Aires
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
2020, Unionsverlag
308 Seiten
ISBN 978-3-293-20882-7

Román Sabaté, groß, schlank, grüne Augen, wird zu seinem eigenen Erstaunen als Mitarbeiter der neuen Partei "Pragma" aufgenommen und unterstützt den charismatischen Fernando Rovira als Personaltrainer, und nach der Ermordung dessen Frau als Betreuer seines kleinen Sohnes. In den fünf Jahren, die er dort arbeitet bringt er seinen Freund Sebastian Petit, einen klar denkenden und sehr strukturierten Menschen, in die Partei ein, der sich bei dem Projekt der Splittung der Provinz Buenos Aires einbringt. Parallel lernt er die Journalistin Valentina Sureda, genannt "China", kennen, die eigentlich ein Buch schreiben möchte, zu einem anderen Buch manipuliert wird und versucht an 'die' große Geschichte zu kommen - und in Román verliebt ist.
In strukturell nicht linearen Kapiteln wird erzählt wie Román mit dem Kleinen flüchtet, in der Partei nach ihm gesucht wird, und springend aus verschiedenen Persektiven diese Situtionen beschrieben und rückblickend die letzten fünf Jahre.

Román wird groß, attraktiv, aber nicht sehr engagiert beschrieben. Er wundert sich lange warum er ausgesucht wurde, was sich cirka in der Mitte des Buches entschlüsselt.
Sebastian Petit ist hoch intelligent, begeistert von der Firma, lange sehr loyal zu dieser, aber auch loyal zu Román.
Valentina Sureda, genannt "China", ist Journalistin. Die Passagen, in denen beschrieben wird, wie sie manipuliert und gezwungen wird, an dem Buch über Flüche, die über Politikern hängen zu schreiben, sind gespenstisch, weil hier ihr keinerlei künstlerische Freiheit mehr gegeben wird; Vorschuß wird auch keiner für die viele Vorarbeit geleistet. Für die manche Menschen gilt sie als attraktive Frau, für andere ist sie nicht einen zweiten Blick wert.
Fernando Rovira ist ehemaliger Bauunternehmer, der die neue schneidige Partei Pragma gegründet hat, und Präsident werden möchte, nachdem er Gouverneur von Buenos Aires gewesen sein möchte. Er ist attraktiv, berechnend, manipulativ, grandios in Rhetorik und erwartet rückhaltlose Loyalität.
Seine Mutter ist offiziell nicht merkbar, aber sie zieht im Hintergrund ihre spirituellen Fäden, und Mitinitiatorin der eigenartigen Menage a trois die zu dem kleinen Joachín führt. Sie ist eine eigentümliche Mischung aus Mutterglucke, Hexe, Unberechenbarkeit, schlechtem Gewissen und Skrupellosigkeit.
Handlanger Sylvestre umgibt Rovira ohne auch nur einen Gedanken an Skrupel zu verwenden.
Románs Onkel Adolfo hat Gemisch aus Tischlerei und Möbelgeschäft am Land, und hat seine kommunistischen Verbindungen nie verleugnet, aber im Alter selten aktiviert.

Der Roman spielt in Buenos Aires und am Land. Orte sind zwischen hypermoderner Parteizentrale bis zum Möbelgeschäft am Land eines politisch anders denkenden Onkels.

Die Geschichte ist im Jetzt angesiedelt. Handies sind selbstverständlich, deren Überwachung auch, die älteren Damen beherrschen die sozialen Plauder-netze.

Die Partei an sich und die Menschen darin sind zwar erfunden, die Systeme wie Menschen benutzt und manipuliert werden, und unliebsame mehr oder minder rüde ausgeschaltet werden, ist faszinierend.

Die Welt der Flüche, die Politiker trifft, ist unterhaltsam zu lesen.

Mich hat der Roman in den Bann geschlagen, da er sehr sehr spannend geschrieben ist. Ich war sehr neugierig wie das Ende sein wird, war dann von der Einfachheit aber etwas enttäuscht. Viel Freude beim Lesen !

Dienstag, 6. April 2021

Julen Zabache : "Baskischer Tod"

Julen Zabache :
"Baskischer Tod" - Rafael Ibara ermittelt
2020, Harper Collins Hamburg
247 Seiten
ISBN 978-3-95967-417-1

Comisario Rafael Ibara, der seine Polizeiausbildung in Deutschland hatte, lebt seit Jahren mit seiner Teenagertochter bei seiner Schwiegermutter auf ihrem Bauernhof im Baskenland. Als eine Touristin ermordet aufgefunden wird, und darunter alte Knochen liegend, werden dem Team vor Ort eine übergeordnete Gruppe vor die Nase gesetzt. Vor allem macht der fette und unhöfliche Comisario Arbos jegliche Art der Zusammenarbeit schwer, sodaß Rafa(el) sich selber aufmacht um kleine Ungereimheiten zu klären, und um einen unschuldigen Ziegenhirten zu entlasten. Eine alte Geschichte, die mit der ETA zu tun hat, sowie ein Geheimnis um ein Grundstück bringen Ibara auf die richtige Idee.
Parallel wird Ibara als alleinerziehender Vater einer Teenagertochter in Zeiten der sozialen Medien ziemlich gefordert.

Die Personen sind gut vorstellbar geschildert. Ibara der sehr großgewachsen ist, und Ruhetechniken beherrscht, ist sympathisch, genauso wie seine Tochter Isobel und seine Schwiegermutter Finia, die dies unter einer Portion Grant versteckt. Im Kommissariat gibt es positive Menschen und überforderte, sowie einen sehr unsympathischen Zeitgenossen, der die Antipathie zum motivieren zum Erfolg einsetzen möchte. Das Mordopfer war sympathisch, der Mörder aalglatt und berechnend, die Menschen vor Ort sind eckig aber mit Liebe gezeichnet.

Ort der Handlung sind Getaria und Zarautz in der Provinz Gipuzkoa, die teilweise am Meer liegt, und ein wunderschönes Gebiet ist, das teilweise von zu vielen Touristen besucht wird.
Die Geschichte spielt im Hochsommer.

Es wird einiges über das spanische Baskenland erzählt, wie die Franzosen dazu stehen, Erfolge und Mißerfolge der ETA und die Komplexheit der baskischen Sprache. 
Netterweise wird etwas lokales Essen in dem Roman genannt : zum Frühstück 'pastelitos' und dann über den Tag hinweg 'pintxos', die Spanien gewohnt Menschen 'tapas' nennen würden, was im Baskenland streng verpönt ist, und oft aus anderen Zutaten besteht.

Die Geschichte ist spannend geschrieben. Für den Leser ist der Prolog aus Sicht einer alten Dame und dann alles aus der von Raffael Ibara beschrieben.

In Summe ein gut geschriebener Kriminalroman, der ein bißchen Sommerfeeling erzeugt. Mitraten des Who dunnit ist nicht möglich. Viel Spaß beim Lesen.

Julen Zabache ist das Pseudonym eines deutschen Autors, der bereits einige Romane veröffentlicht hat. Er arbeitet als Hochschuldozent.

Samstag, 30. Januar 2021

Heide Schmidt : "Ich sehe das so"

 Heide Schmidt :
"Ich sehe das so" - "Warum Freiheit, Feminismus und Demokratie nicht verhandelbar sind"
2020, Christian Brandstätter Verlag Wien
167 Seiten
ISBN 978-3-7106-0485-0

Dr. Heide Schmidt beschreibt hier in fünf Kapiteln daß und wieso ihr das Engagement für Demokratie und demokratische Prozesse so wichtig ist. 

In einem starken Gemisch aus nüchternen Erklärung und doch starkem Engagement tritt sie für aktive demokratische Prozesse, offenen respektvollen Diskurs mit anders denkenden Menschen egal welchen Hintergrunds ein.
Sie geht auf ihre Zeit bei der FPÖ ein, beleuchtet die Arbeit gemeinsam mit Jörg Heider, dessen Weg zum BZÖ wird aber nicht genannt.

Sehr kritisch sieht sie die das Krisenmanagement durch den Virus in Österreich und vergleicht ihn mit Deutschland.

Sie tritt auch für gleiche Bezahlung gleichwertiger Arbeit von Männern und Frauen ein, und führt hier den Vergleich körperlicher Belastung von Schwerarbeitern und Pflegekräften an. Auch für sie sieht Frauenarbeit oft strukturell schlechter bezahlt, obwohl sie zugibt damit nicht konfrontiert gewesen zu sein. Mir fehlt der Bezug, daß Frauen aufgrund möglicher Schwangerschaft schlechtere Berufschancen haben.

Sie geht auch auf das Thema bedingungsloses Grundeinkommen ein, daß über dem Mindesteinkommen sein sollte, da sonst niemand mehr arbeiten geht.

Die Überlegungen sind sehr interessant und fordern Mitdenken heraus. Ich konnte das Buch nur seitenweise lesen - bei manchen Absätzen mußte ich länger verweilen um den Gedankengängen zu folgen.

In dem Buch fehlt mir ein kleiner Abschnitt über die Autorin, der sonst immer im kleinst-punkt-größe zu Lesen ist.

In Summe ein hochinteressantes Buch das Gedanken und Werte hinterfragt und zu aktiver Demokratie bzw zum Einfordern eines respektvollen Miteinanders in einer Demokratie aufruft. Fast ein Pflichtbuch in Zeiten von Corona und Beschränkungen !

Heide Schmidt, geb. Kollmann wurde am 27. November 1948 in Kempten im bayerischen Allgäu geboren. Als Kleinkind kam sie nach Wien, studiert hier Jus (Abschluß mit Dr juris ab) und später Wirtschaftswissenschaften. Sie arbeitete bei der Volksanwaltschaft, beim Österreichischen Rundfunk. Als Mitglied der FPÖ war sie im österreichische Parlament tätig. 1993 trat sie aus der FPÖ aus, und gründete gemeinsam mit vier anderen Abgeordneten das Liberale Forum. Das LIF war bis 1999 im österreichischen Parlament. Sie engagiert sich jetzt im sozialen und demokratie-politischen Bereich.

Freitag, 15. Januar 2021

Veit Heinichen : "Borderless"

 Veit Heinichen :
"Borderless" - Thriller
2020, Piper Verlag
458 Seiten
ISBN 978-3-492-31608-8

Xenia Ylenier Zannier ist eine eigenwillige Polizistin, Commissario, die in Grado versucht einer skrupellosen Politikerin endlich das Handwerk zu legen. Diese Politikerin ist mit ehemaligen Handlangern aus der yugoslawischen Zeit im Waffengeschäft, bereichert sich an Flüchtlingsdramen und Immobiliendeals. In Grado taucht auch ein deutscher hochrangiger - machtbesessener und intriganter - Beamter auf, der sich bereichert, und dessen Frau aus dem ehemaligen Bereich Yugoslawien stammte. Eine ehemalige DDR-Schwimmerin und jetzt Photographin taucht mit ihrem Freund, der aus Slowenien, ist, auf, und macht noch einiges mehr an Komplikationen, bevor Xenia endlich die Politikerin und ihren extremistischen Bruder, sowie einen lange gesuchten Verbrecher der ex-Yugoslawien-Zeit verhaften kann.

Die Personen des Buches sind sehr unterschiedlich, manchmal auch ambivalent gezeichnet.
Xenia ist eigenwillig, dünn-attraktiv, mit Kindheitstraumata und ehrgeizig, aber nicht immer sympathisch. Wichtig sind ihr Cousin-Bruder Floriano, der aufgrund der Machenschaften der Politikerin ums Leben kam, und Jordon S Becker, ein Journalist, der wie ein ex-68-er geschildert wird, und zäh an Politikern, die meinen sich alles richten zu können, dran bleibt.
Wichtig war ihr auch ein ehemaliger Vorgesetzter, der attraktive und unbestechliche Nicola Bonnani, der aus Rom versucht zu helfen, und mit dem sie eine schöne Zeit verband.
Als "Bösewichte" sind die Politikerin, deren Bruder, die Waffenschieber in Deutschland und ex-Yugoslawien, sowie deren Hanglanger geschildert.
Dann gibt es noch den charismatischen ehemaligen Broker und jetzt Gemüse- und sonstiges Händler Valerio Alfieri, der nicht ganz einschätzbar ist, aber zwischendurch doch hilft. Und Clarissa die als ehemalige DDR-Schwimmerin mit Atemtechnik grausliche Folter übersteht. Milos ist ihr Fahrer, und Freund der so lange zu ihr hält, wie er es aushält, um dann zurück nach Slowenien zu kehren.

Es gibt einige sehr grausliche und brutale Szenen, die im Krieg als Yugoslawien auseinanderfällt und Zivilbevölkerung schikaniert wird, sind. Die Art und Weise der Dialoge der machtgeilen Menschen untereinander, sind erschreckend und respektlos gegenüber vielen zwischenmenschlichen Werten.

Der Roman ist spannend erzählt. Manchmal ist es mühsam den Zeit- und Ortsprüngen innerhalb der Kapitel zu folgen, die bis zu 20 Jahre auseinander sind, und Italien, Deutschland, Salzburg und Slowenien. 

Der Widerwillen gegen Politiker wird nach diesen Buch nicht weniger. Viel Spaß beim Lesen und der Spannung folgen.

Samstag, 7. November 2020

Gil Ribeiro : "Schwarzer August"

 Gil Ribeiro :
"Schwarzer August" - Lost in Fuseta - ein Portugal Krimi
2020, Kiepenheuer & Witsch
390 Seiten - vordere Innenseite Karte Portugal - hintere Innenseite Karte Faro
ISBN 978-3-462-05269-5

Leander Lost ist in diesem vierten Krimi, in dem der deutsche Asperger Polizist mit seiner unbarmherzigen Logik und Wahrheit mithilft Attentate aufzuklären. Zuerst wird eine Bank gesprengt, dann Schiffe eines asiatischen Thunfischfängers, dann gibt es zielgerichtete Attacken auf Menschen die sehr auf die persönlichen Schwächen derjenigen eingehen. Das Telephonat zwischen dem Attentäter und Leander deckt viel Verständnis für die gegenseitigen Eigenheiten auf. Am Schluß wird aufgedeckt wer dahinter steckt und einige bestechliche Menschen verlieren ihre Jobs.

Parallel wird die Beziehung zwischen Leander und Soraia erzählt, die nach dem ersten Kennenlernen in gemeinsames Wohnen mündet. Es ist entzückend zu Lesen wie die beiden sich bemühen einander zu verstehen und etwas für den anderen zu machen .
Die seit Kindheit bestehende Freundschaft zwischen dem Polizisten Carlos (mit Kleidungsmäßig ziemlich verrückten Kombinationen) und Soraias Schwester Graciana, die seine Vorgesetzte ist, bleibt weiterhin bestehen, auch wenn sich Graciana eine schöne Zeit mit einem Zeugen gönnt.
Inzwischen ist auch Luis wieder zurück, der statt Leander im Austauschprogramm in Deutschland gewesen war - er ist fast ein runnig gag, weil er zwar wirklich gut aussieht, aber leider nicht so gescheit wie attraktiv ist.

Hintergrund der Attentate sind einerseits Schwarzmarktgeschäfte bei denen Geschäftemacher außerhalb der EU Grund erwerben wollen, um damit den Schengeneintritt zu umgehen. Der andere Hintergrund sind asiatische Fischunternehmen, die den Orten mit heimischen Fischern lokale Fischrechte abkaufen, diese Regionen leerfischen ohne zu bedenken, daß damit die wirtschaftliche Zukunft der Region unsicher ist.

Auch diesmal werden wunderbare Fischgerichte beschrieben, die ich mir gerade in der grauen Novemberzeit besonders gut vorstelle.

Viel Spaß beim Lesen dieses humorvollen Hochsommerkrimis am Mittelmeer.

Biographie des Autors bei "Lost in Fuseta" am 22. September 2017.

Donnerstag, 25. Juni 2020

Wolfgang Schorlau, Claudio Caiolo : "Der freie Hund"

Wolfgang Schorlau, Claudio Caiolo :
"Der freie Hund" - Commissario Morello ermittelt in Venedig
2020, Kipenheuer & Witsch
315 Seiten + 1 Seite Kapitelverzeichnis + 2 Seiten Danksagung
ISBN978-3-462-05245-9

Commissario Claudio Morello wird nach dem er in Sizilien der Mafia zu nahe gekommen war, zu seinem Schutz aber auch zu seiner Unfreunde nach Venedig versetzt. Dort erwischt er bereits am ersten Tag einen kleinen Taschendieb, und sieht Demonstrationen gegen die erdrückend großen Kreuzschiffe, die diese schöne Stadt zu zerstören drohen. Einer der Demonstranten wird kurz darauf ermordet aufgefunden; da er aus einer mächtigen Familie entstammt werden Morello sofort Probleme gemacht. Durch hartnäckiges Fragen im Hafenbereich, und seiner fixen Ideen überall den Einfluß der Mafia zu sehen, löst er den Mord gegen den Wunsch der obersten Polizeiebene.
Privat hat der Commissario zu verarbeiten, daß die Mafia seine Frau und das gewünschte Kind zerstört haben; schöne Frauen verstehen es immer noch ihn zu verzaubern.

Ort der Handlung sind Cefalu auf Sizilien und Venedig zu Fuß und zu Wasser. Wer Venedig kennt, kann gedanklich durchaus mitgehen.

Es gibt viel über die Mafia zu lesen - über die Entstehung, die Macht, die Machtübernahme gegen die kleinen Leute, Einflußnahme in der Politik und Polizei und Kampf einiger innerhalb der Polizei und des Justizsystems gegen diesen Machtmißbrauch. Hier ist der Roman sehr leidenschaftlich geschrieben.

Zweites großes Thema sind der Kampf gegen die wolkenkratzerhohen Kreuzfahrtschiffe in Venedig, und die Korruption beim Wasserschutzprojekt MOSE. Es schmerzt fast körperlich das Buch nach dem verheerenden Hochwasser im Herbst 2019 zu lesen, wenn der Hintergedanke ist, daß MOSE hätte funktionieren und damit sowohl die Stadt als auch seine Bewohner schützen können.

Der Roman ist gut lesbar und flüssig geschrieben. Morello schimpft immer wieder auf italienisch vor sich hin, was ich gerne in einem Glossar erläutert gefunden hätte.

Spaß macht das Lesen der Beschreibung und Zubereitung der sizilianischen Gerichte, die ich gerne auch in einem Glossar gefunden hätte.

Es gibt immer wieder humorvolle Redewendungen, oder kurze Beschreibungen, die mich zum Lachen brachten.
Es gibt aber auch eine sehr grausliche Szene.

Titelgebend ist der Spitzname "freie Hund", den sich Morello in Sizilien aufgrund seiner Unbestechlichkeit erarbeitet hat, und den er auch in Venedig umsetzt.

In Summe ein gutes Buch, das Italien nicht nur als Urlaubsland, sondern auch mit Teilen seiner Themen umfaßt. Viel Freude beim Lesen.

Wolfgang Schorlau wurde 1951 in Idar-Oberstein geboren. Er wurde zum Großhandelskaufmann ausgebildet, und studierte nach der Matura auf dem zweiten Bildungsweg Informatik. Seite 2002 ist er Schriftsteller. Sein erster Held ist einer ehemaliger BKA-Beamter der als Detektiv arbeitet - Georg Dengler, mit dem 2003 der erste Kriminalroman erschien ("Die blaue Liste"). 2018 erschien der neunte Band mit George Dengler. Es gibt auch andere Helden in den Romanen. In den Kriminalromanen wird meist Politisches mitverarbeitet.

Claudio Caiolo wurde am 2. Februar 1966 in Sant’Agata di Militello auf Sizilien geboren. Er machte seine Schauspiel- und Komödiantenausbildung in Venedig. Zuerst spielte er in Rom, später zog er nach Stuttgart, wo er eine Theatergruppe gründete und selbst spielte. Später begannt er Drehbücher v.a. für schweizerische Produktionen zu schreiben.
Dieses Buch ist die erste Zusammenarbeit dieser beiden Autoren.  

Sonntag, 6. Oktober 2019

Wilhelm Kuehs : "Mein letzter Wille geschehe"

Wilhelm Kuehs :
"Mein letzer Wille geschehe" - ein Kärnten-Krimi
2017, haymon tb Verlag
296 Seiten
ISBN 978-3-7099-7883-2

Journalist Ernesto Valenti ist hier in seinem (?) dritten Fall unterwegs. Ihn ersucht ein ex-häftling seine Lebensgeschichte zu schreiben und beteuert seine Unschuld an dem Mord an seiner Ehefrau. während Valenti die großen und kleinen Events in und um Wolfsberg (in Kärnten) für das Tagesblatt besucht, beschreibt, beschreiben läßt und für die Veröffentlichung im Computer setzt besucht er die ausgesiedelten unbeliebten Säufer und Säuferinnen nahe einem entfernten Schloß und versucht den Tod dieses Ex-Häftlings zu klären. auf der einen Seite sind die zugedröhnten Alkoholiker auf der anderern Seite Geschäftsführer, Arzt, Bürgermeister, Abgeordneter und Jäger. Der Journalist macht sich einige Feinde, und entwirrt am Schluß einiges aus der Vergangenheit inklusive wer den Mord begangen hatte.

Ort der Handlung ist Wolfsberg mit Umgebung, und die Burg Waldenfels und einiges im Lavanttal. Zeit ist Oktober und November, was Raum für Halloween Beschreibungen bietet.

Christine Lavant, die österreichische Lyrikerin, die von sehr berühmt bis gar nicht geschätzt wird, wird in einem schönen Artikel beschrieben, aber auch in Politikerreden, die sich vorurteilsgemäß eher unkundig äußern.

Die Sympathien des Journalisten liegen bei der Gruppe Menschen die sich mit Alkohol und anderem ihren tristen Alltag erträglich macht, aber deren Leben von Vorschriften erschwert wird. Saufen, Kotzen, und Zuschlagen kommt ziemlich unsympathisch an.
Als Gegenüber wird ein Abgeordneter aufgebaut, der engstirnige intolerante Kommentare schiebt, der alleinerziehende Mütter lieber als Alkoholiker unterstützt, im Wahlkampf neue Jobs verspricht die wieder nicht umgesetzt werden.

Der Krimi ist nicht ganz einfach geschrieben, und fließt nicht. Allerdings ist die Geschichte spannend, und der alte Mord wird endlich richtig aufgelöst.

Dienstag, 27. August 2019

Andrea Camilleri : "Der zweite Kuss des Judas"

Andrea Camilleri :
"Der zweite Kuss des Judas"
Roman
original "La scomparsa di Patò"
2000, Arnoldo Mondadori Editore spa Milano
Aus dem Italienischen von Christiane von Bechtolsheim
2004, Edition Lübbe / BLT 92.156
238 Seiten
ISBN 3-404-92156-9

Camilleri versetzt uns Leserinnen und Leser wieder in die Stadt Vigata, diesmal um 1890. Bei den beliebten Passionsspielen, die unter Mitwirkung der wichtigen Bürger und vieler Bauern stattfinden, verschwindet der Bankdirektor Patò nach seinem Abtritt als Judas. Der ortsansässige Vertreter der Polizei und der Carabinieri sind sich spinnefeind, werden verpflichtet zusammenzuarbeiten und schreiben am Schluß einen gemeinsamen Bericht, in dem alle losen Fäden sinnvoll zueinander finden. Leider paßt dies einigen einflußreichen Menschen nicht, weshalb ein Plan B für die Öffentlichkeit umgesetzt wird.

Der Autor erzählt die Geschichte in Form von Briefen resp Tagebucheinträge zwischen Polizei, Caribinieri und deren Vorgesetzten, sowie einigen Drahtziehern, und zwei lokalen Presseblättern.

Sprachlich sind die Tagebucheinträge von Polizist und Carabiniere höflich bis einfach, die Antwort der Vorgesetzten von ruppig bis authoritär-unfreundlich, der Onkel des Verschwundenen mit vielen Beziehungen schwrubelt gott-gläubig vor sich hin, einige Kontakte untereinander schaffen es noch sich freundlich ohne Schnörkel und zielbewußt zu formulieren. Die Tageszeitungen sind in manipulierendem Schreibstil verfaßt.

Die Geschichte ist spannend zu lesen. Zuerst wird in vielen Details gekramt, einiges zusammengesetzt und verworfen, bis am Schluß die Details sehr gut zusammenpassen und zwei klassische Motive für das Geschehen entschlüsseln.

Die Menschen bleiben eher ungreifbar. Erschreckend ist für mich die Kälte mit der die oberen Vorgesetzten ihren kleinen Mitarbeitern trotz Wahrheit Böses androhen. Wie überall ist Wahrheit nicht überall gewünscht.

'scomparsa' heißt Schwund, Untertauchen, abtauchen. Der Originaltitel heißt also "Das Verschwinden von Patò".

Viel Spaß beim Lesen dieses in ungewöhnlichem Stil geschriebenen Kriminalromans

Bio bei 12. Mai 2016 bei Andrea Camilleri : "Die Tage des Zweifels"

Dienstag, 13. August 2019

Doris Gercke : "Beringers Auftrag"

Doris Gercke :
"Beringers Auftrag" - Ein Milena - Proháska - Krimi
Original 2003 Ullstein Verlag München
2016, Haymon Verlag Innsbruck
333 Seiten
ISBN 978-3-7099-7855-9

Der ehemalige Kommissar Beringer beschließt sich von der schönen Rechtsanwältin Milena Prohaska beruflich und privat zu trennen, und nimmt daher den Auftrag aus Hamburg zu verschwinden und Kaliningrad einem dubiosen Auftrag nachzugehen, an. Im Hintergrund ziehen der mächtige, undurchsichtige Politiker Waller und ein dubioser reicher mächtiger Geschäftsmann Alik/Usbeck die Fäden. Im Hamburg läßt sich Milena auf eine Affäre mit Waller ein, in Kaliningrad zeigt der Milizsoldat Wadim, daß es auch ehrliche Polizisten und Soldaten in Kaliningrad gibt. In beiden Städten werden aus Machtgründen Menschen, die als kleine Rädchen gesehen werden, rücksichtslos umgebracht und deren Familien bedroht. Am Schluß sind zwar einige böse Ränkeschmiede auch tot, Zufriedenheit stellt sich allerdings nicht ein.

Orte der Handlung sind Hamburg, und Kaliningrad. Das Kaliningrad hier ist trostlos, mit trostlosen Bauten und Menschen ohne Hoffnung; das Hotel für Beringer ist ordentlich, aber auch hier ist die Hoffnungslosigkeit greifbar.

Während Milena versucht Unterlagen zurückzubekommen und mit den Mächtigen und Bösen mitzuspielen, allerdings Waller falsch einschätzt, begleitet Beringer Wadim im zur Witwe eines ermordeten Soldaten, zu einer Abtreibungsklinik, und Wami rettet ihn später aus Verhandlungen in einem U-boot.

Die Stimmung ist dicht und grau. Auch wenn Milena kraftvoll auftritt und aktiver Sexualität offen gegenüber ist, ist spürbar wie ihr die Kraft ausgeht.

Das Ende habe ich mit sehr gemischten Gefühlen gelesen. Der Kriminalroman ist trotz der Traurigkeit, die wie eine Wolke über der Geschichte liegt, sehr gut erzählt und zieht in den Bann. Gutes hineinfallen in den Roman !

Biographie der Autorin ist 11. September 2015 (Bella Block ermittelt in "Giorgia").

Dienstag, 30. Juli 2019

Carlos Gamerro : "Die 92 Büsten der Eva Peron"

Carlos Gamerro :
"Die 92 Büsten der Eva Peron"
Roman
original "La aventura de los bustos de Eva"
2004, Edhasa (Editora y Distribuidora Hispano Americana S. A.)
Aus dem argentinischen Spanisch von Birgit Weilguny
2018, Septime Verlag
Lesebändchen
395 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 2 Seiten Quellenverzeichnis
ISBN 978-3-902711-73-1

Ernesto Marroné wird nach dem Kidnapping des verhaßten Generaldirektors beauftragt die Löseforderung nach 92 Büsten der Eva Peron zu organisieren. Bei dem Besuch in einem Gipswerk um diese Büsten zu veranlassen, drehen die Arbeiten den Spieß um und gehen in organisierten Streik. Marroné ist zuerst auf der Seite des eingesperrten Vorstand, und schafft auf durch angewandte Tricks von Dale Carniege bis zu Tips aus  Don Quijote im Management auf der Seite der Arbeiter diese zu organisieren. Er mobilisiert diese zur Herstellung der 92 Büsten. Der Angrifft der Gewerkschaft und der Polizei löscht mehrer Menschenleben aus - ihm wird mit Tricks aus dem Kugelhagel geholfen, in den Slums ein Versteck bereitet, bis wieder die Kugeln fliegen. Auf der Suche nach Sicherheit und den Büsten besucht er ein skurriles Bordell mit Frauen als Evita ge/ver-kleidet die alle Spiele beherrschen. Sicherheit bringt ein Viertel, das nach dem Grundriß einer Büste von Evita gebaut ist, und dementsprechend nicht so einfach zerstört werden kann. Hier findet er versteckt ein geheimes Lager von Evita-Büsten mit verschiedenen Gesichtsausdrücken und Posen. Als er diese endlich zur Firma bringt, entdeckt er daß dies den Direktor nicht retten konnte, und die Karriere-Machtspiele in der Firma weitergehen.

Der Roman war nicht einfach zu lesen, da die Reflexionen von Ernesto, der adoptiert wurde und auf die besten Schulen geschickt wurde, sehr oft Verhaltenstricks aus Manangementbüchern zitiert.

Die Skurrilität der geschmeidigen Anpassung an alle Situationen egal ob penetrante Prüfung beim Direktor oder Verdrehung von Argumenten der Arbeiter ist eigen.
Die Szenen mit dem alten Freund aus Elite-Uni-Tagen, die zuerst jovial, dann manipulierend und dann tödlich enden gingen mir unter die Haut.

Das private und gesellschaftliche Leben Ernestos mit einer schönen oberflächlichen Frau ist überflächlich traurig, was beiden bewußt ist. Rettung für ihn ist immer die Toilette.

Der Absatz, in dem die gesammelten Evitas geschildert werden, ist faszinierend in ihrer geschilderten Vielfältigkeit. Es werden die Materialien, die Gesichtsausdrücke, die Frisuren mit viel Gefühl beschrieben.
Wer die Lebensgeschichte von Eva/Evita Perón geborene Eva Duarte noch nicht kennt, erhält sie hier mit Erfolgen, Mißerfolgen, Stärken und Schwächen erzählt.

Manche der beschriebenen Situation bringen zum Grinsen, bei anderen bleibt mir der Humor im Hals stecken. Anpassungsfähigkeit bringt dem Protagonisten nicht den gewünschten Erfolg.

In Summe ein starker, eindrücklicher, sehr eigener, und sehr empfehlenswerter Roman, der Konzentration verdient. Viel Freude beim Lesen !

Carlos Gamerro wurde am 16. Mai 1962 in Buenos Aires geboren. Er ist Übersetzer, Schriftsteller und Kritiker. Als Übersetzer hat u.a. Werke von Shakespeare, W. H.Auden und Harold Bloom ins Argentinische übersetzt. 1998 erschien sein erster Roman "Las Islas", sein erstes Theaterstück erschien 2009 und der bisher einzige Film 2007.

Dienstag, 11. September 2018

Antonio Tabucchi : "Erklärt Pereira"

Antonio Tabucchi :
"Erklärt Pereira" - eine Zeugenaussage
original "sostiene Pereira"
1994, Feltrinelli Mailand
Aus dem Italienischen von Karin Fleischhanderl
1995, Carl Hanser Verlag
201 Seiten
ISBN 3-446-18298-5

Pereira, ein rundlicher Kulturjournalist in Portugal mit Faible für französische Autoren des 19. Jahrhunderts wird mit einem jungen Mann, den er als Praktikenten beschäftigt, bekannt. Dieser engagiert sich für die Republikaner im benachbarten Spanien, und das 1938 in der Zeit des Guernica-Angriffs. Während der Journalist versucht in seiner Welt zu bleiben, indem er französische Autoren übersetzt und Nachrufe plant, Omelette verspeist und Limonade trinkt, was auf 190 Seiten geschieht, bricht in den letzten Seiten die Brutalität der Realität in seine Wohnung ein, der junge Mann wird gefoltert und stirbt, worauf Pereira eine List für den Nachruf über den jungen Mann anwendet und sein Verschwinden plant.

Als Kunstgriff ist immer wieder "erklärt Pereira" in den Erzählstrom eingefügt, als ob er das Geschehen jemandem erzählte oder etwas beweisen muß.

Pereira ist Witwer, und unterhält sich mit dem Photo seiner Frau. Offen sprechen kann er mit einem lange bekannten Priester und später einem Arzt in einem Erholungsspital; sonst hält er sich mit dem Sprechen zurück, und versinkt lieber im Übersetzen. Der Roman liest sich gemütlich, Literatur und Philosophie und die Überlegungen über das 'hegemonische Ich' werden gepflegt.
Die Welt des Praktikanten und seiner Freundin, die sich beide für die Nationalisten und gegen Franco entschieden haben, sind ihm fremd. Erst als sich die spanische Kirche auf die Seite Francos schlägt, das Dorf Guernica zerstört wird und der vertrauensselige Praktikant in seiner Wohnung getötet wird, gewinnt der Roman an Geschwindigkeit und Wendigkeit.

Personen der Handlung sind Pereira, der Herausgeber der Zeitung, die Hausmeisterin (und wahrscheinlich Polizeispitzel der Salazar-Diktatur), Praktikant Rossi und seine Freundin Martha. Orte sind Lissabon, und Gegenden am Land oder am Meer.

Es fallen viele Namen von Autoren und Philosophen die mir nicht immer etwas gesagt haben. Beispielsweise sind genannt : Francois Mauriac (französischer Schriftsteller; 1885 - 1970), Filippo Marinetti (italienischer Schrifsteller, Futurist 1876 - 1944), Georges Bernanos (französischer Schriftsteller, 1888 - 1948), Gabriele D'Annunzio (italienischer Schrifsteller, Symbolist; 1863 - 1938), Alphonse Daudet (französischer Schriftsteller; 1840 - 1897).

Das Buch war nicht einfach zu Lesen. Die Welt des dicken einsamen Mannes bietet nicht viel Abwechslung. Faszinierend wie er den Krieg im Nachbarland komplett ausklammert.

Das Buch wurde 1995 mit Marcello Mastroianni in der Rolle des Dr. Pereira verfilmt.

Antonio Tabucchi wurde am 24. September 1943 in Pisa geboren. Er lernte portugiesisch, als er an der Universität in Genua studierte. er war Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Übersetzer. Sein erstes Buch erschien 1975 in Italien (" Piazza d'Italia"). Er starb am 25. März 2012 in Lissabon.