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Samstag, 25. September 2021

Donna Leon : "In Sachen Signora Brunetti"

Donna Leon :
"In Sachen Signora Brunetti" - der achte Fall
original "Fatal Remedies"
1980,
Aus dem Amerikanischen von Monika Elwenspoek
2000, Diogenes
    Seiten
ISBN 3-257-06262-1

Paola Brunetti schlägt wiederholt Fensterscheibe eines Reisebüros ein, weil dieses Reisen in Länder mit Kinderprostitution vermittelt. Kommissarin Guido Brunetti wird aufgefordert zu helfen, hält sich aber aus allem zurück, weil er das für die Entscheidung seiner Frau hält. Als ein Unternehmer ermordet wird, wird zuerst ein Zusammenhang mit den Reisen vermutet. Wie aus dem englischen Titel des Buches zu lesen ist, geht es aber um Medikamentenhandel und Herstellung von Produkten, deren Zusammensetzung keine Medikamente und deren Komponenten tödlich sind. Am Schluß hilft die Eifersucht einer Frau den Beweis für den Mord an dem Unternehmer zu beweisen.

Bei den Abschnitten in denen über den Handel mit abgelaufenen Medikamenten, der vor allem an Organisationen, die den besonders Armen der Welt helfen wollen, geht und dann die Steigerung in lebensnotwendige Medikamente Frostschutzmittel zu geben, das getrunken tödlich ist, wurde mir beim Lesen fast schlecht.

Damals wie heute hat Elletra ihre genialen Giftfinger bei der Datenrecherche, Patta versucht den Prominenten ihre Launen zu erfüllen, nur die Kinder von Paola und Guido gehen noch in die Schule und sind noch unkritisch. Es gibt noch Lire, kein telefonino, und die Technik der 80-er einfach anders.

Inhaltlich ist der Krimi interessant vor allem mit der zweiten Thematik der Kinderprostitution in anderen Ländern, und daß es fast nicht möglich ist den Konsumenten hier einen Riegel vorzuschieben.

Ich hatte überraschend Probleme beim Lesen, weil mich diesmal die Sprache nicht wie gewohnt in den Bann gezogen hat. Entweder hat die Autorin damals anders geschrieben, oder die Übersetzung ist nicht wirklich gelungen.

Wie auch immer - Viel spaß beim Lesen !

Dienstag, 27. August 2019

Andrea Camilleri : "Der zweite Kuss des Judas"

Andrea Camilleri :
"Der zweite Kuss des Judas"
Roman
original "La scomparsa di Patò"
2000, Arnoldo Mondadori Editore spa Milano
Aus dem Italienischen von Christiane von Bechtolsheim
2004, Edition Lübbe / BLT 92.156
238 Seiten
ISBN 3-404-92156-9

Camilleri versetzt uns Leserinnen und Leser wieder in die Stadt Vigata, diesmal um 1890. Bei den beliebten Passionsspielen, die unter Mitwirkung der wichtigen Bürger und vieler Bauern stattfinden, verschwindet der Bankdirektor Patò nach seinem Abtritt als Judas. Der ortsansässige Vertreter der Polizei und der Carabinieri sind sich spinnefeind, werden verpflichtet zusammenzuarbeiten und schreiben am Schluß einen gemeinsamen Bericht, in dem alle losen Fäden sinnvoll zueinander finden. Leider paßt dies einigen einflußreichen Menschen nicht, weshalb ein Plan B für die Öffentlichkeit umgesetzt wird.

Der Autor erzählt die Geschichte in Form von Briefen resp Tagebucheinträge zwischen Polizei, Caribinieri und deren Vorgesetzten, sowie einigen Drahtziehern, und zwei lokalen Presseblättern.

Sprachlich sind die Tagebucheinträge von Polizist und Carabiniere höflich bis einfach, die Antwort der Vorgesetzten von ruppig bis authoritär-unfreundlich, der Onkel des Verschwundenen mit vielen Beziehungen schwrubelt gott-gläubig vor sich hin, einige Kontakte untereinander schaffen es noch sich freundlich ohne Schnörkel und zielbewußt zu formulieren. Die Tageszeitungen sind in manipulierendem Schreibstil verfaßt.

Die Geschichte ist spannend zu lesen. Zuerst wird in vielen Details gekramt, einiges zusammengesetzt und verworfen, bis am Schluß die Details sehr gut zusammenpassen und zwei klassische Motive für das Geschehen entschlüsseln.

Die Menschen bleiben eher ungreifbar. Erschreckend ist für mich die Kälte mit der die oberen Vorgesetzten ihren kleinen Mitarbeitern trotz Wahrheit Böses androhen. Wie überall ist Wahrheit nicht überall gewünscht.

'scomparsa' heißt Schwund, Untertauchen, abtauchen. Der Originaltitel heißt also "Das Verschwinden von Patò".

Viel Spaß beim Lesen dieses in ungewöhnlichem Stil geschriebenen Kriminalromans

Bio bei 12. Mai 2016 bei Andrea Camilleri : "Die Tage des Zweifels"

Donnerstag, 21. Januar 2016

Santiago Gamboa : "Verlieren ist eine Frage der Methode"

Santiago Gamboa :
"Verlieren ist eine Frage der Methode"
original "Perder es cuestión de método"
1979, Grijalbo Mondadori, Barcelona
aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold
2000, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
Roman
315 Seiten
ISBN 3 8031 3149 9

Victor Silanpa ist Privatdektektiv, Journalist und gut mit Polizeichef Aristófanes Moya befreundet. Dieser setzt ihn auf eine grauslich mißhandelte Leiche außerhalb Bogotas an, da er sich lieber den wichtigen Problem des Abnehmens widmet. Silanpa findet heraus daß einige wichtige Menschen an einem Grundstück in Bestlage interessiert sind, die einen um ihren Nudistenclub weiterhin dort zu halten, die anderen weil ihnen Reichtum durch Golfanlage etc. vorschwebt. Ein Rechtsanwalt, ein Senator, ein Bauunternehmer und ein Mafioso sind in die Machenschaften verwickelt. Am Ende sind einige tot, und einige Schuldige trotzdem frei.

Silanpa wird von Estupinán unterstützt, der in dem mißhandelten Toten seinen Bruder Ósler zu erkennen meint. Die Tour der beiden durch Bogota und Randbezirke, durch Clubs, Bordelle, Landschaft, Wohnungen und Büros nimmt den Großteil des Romans ein.
Unterbrochen wird der Aktionsfluß von einer Erzählungsabschnitten in der der dicke Polizeichef eine selbstmitleidige Rede trainiert, die ihm helfen soll einer spirituellen Gruppe mit dem Ziel abzunehmen, beizutreten.

Die Gruppe die um das Grundstück giert sind: der ehemalige Eigentümer und Nudist Pereira Antúnez, der mit grober Gewalt zur Übergabe gezwungen und dann getötet worden war. Zuerst hatte der Mafioso Heliodoro Tiflis und seine Schlägertypen die Hände im Spiel, Senator Marco Tullio Esquilache war auf der Seite von Tiflis aktiv, dann wollten sie den Bauunternehmer Doktor Ángel Vargas Vicuna drohend überzeugen ihnen das Grundstück zu überlassen, der die Leiche mißhandeln ließ um seine Macht zu zeigen. Anwalt Emilio Barragán hat eigentlich damit nichts zu tun, aber solche Schulden daß er alles für Geld macht; in seiner Verzweiflung erschießt er Esquilache, was ihm die Polizei beweisen kann und auch die anderen Machenschaften werden ihm erfolgreich in die Schuhe geschoben.

Die Geschichte ist so verwirrend geschrieben, wie sie für Silanpa ist. Allerdings versucht er für sich und Leser seiner Zeitung immer wieder Klarheit zu finden. Es gibt einige Stellen in denen Brutalität, Gewalt, oder einfach nur kaputt machen geschildert wird; es ist allerdings schlüßig.

Die Abschnitte in denen Moya schildert wie er zu dem dicken Kerl wurde, sind faszinierend. Wie der Mann beschönigt, daß er gutes und viel essen mußte, ist hochinteressant aus kulinarischer Hinsicht und auch in psychologischen Begründungen. Es werden einige sehr appetitliche Gerichte aus Kolumbien geschildert (die Eintöpfe und Süßspeisen dürften exzellent sein).

Liebe bzw. Sex gibt es zuhauf in dem Buch. Eigentlich ist Silanpa seit einigen Jahren mit Mónica zusammen, die er aber vernachläßigt und betrügt. Als sie Schluß macht bricht zuerst die Welt zusammen, dann rettet er sich zur jugendlichen Hure Chica. Sowohl Moya als auch Estupinán haben herrlich kochende Ehefrauen. Tiflis benutzt seine Couch mit Susan (einer erwachsenen bildschönen kalten Frau), und Barragán betrügt seine Frau mit seiner blutjungen Bürogehilfin Nancy im Büro, im Motel, im Auto etc.

Zwei skurrile Ideen gibt es um Silanpa: das eine ist eine Schneiderpuppe, mit der er spricht und die er als Orakel benutzt in dem er 'Gescheite Sprüche' zieht oder neue hineinstopft. Das andere ist er Freund Fernando Guzmán, der ein genialer Journalist mit Spürsinn gewesen war, bis er an Aufputschmittel zusammengebrochen ist und seitdem im Krankenhaus lebt.

In Summe ein sehr interessantes Buch, das zwar nicht ganz einfach zu lesen ist, bei dem sowohl die Personenbeschreibungen als auch die Geschichte sehr spannend sind. Viel Freude beim Lesen !

Santiago Gamboa wurde 1965 in Bogota geboren. Er studierte spanische Philologie in Bogota und Madrid. Gamboa arbeitet als Korrespondent für ein Tageszeitungen und lebt in Rom. 1995 erschien sein erster Roman "Páginas de vuelta".

Dienstag, 12. November 2013

Fernando Vallejo : "Die Madonna der Mörder"

Fernando Vallejo :
"Die Madonna der Mörder"
original "La Virgen de los Sicarios"
1994, Verlag Santilla, Santafé de Bogotá
aus dem kolumbianischen Spanisch von Klaus Laabs
2000, Paul Zsolnay Verlag Wien
161 Seiten
ISBN 3-552-04988-6

Ein älterer Herr, ein Grammatikprofessor, erlebt eine Liebe mit ein jungen schönen Mann mit grünen Augen. Alexis ist Mörder, er kommt aus einer der vielen Mörderbanden in Medellín und kann nichts anderes als punktgenau schießen. Der ältere Herr - Fernando - schildert seine Liebe zu dem Jungen, die Banden in Medellín, die Drogenkriege, das erschießen Pablo Escobars, das Bereichern mancher katholischer Herren damit sie nach Rom kommen dürfen, und immer wieder Gewalt bei der es einfach nur ums Behaupten geht. Die Gewalt trifft alle : Taxifahrer die zu laut Musik hören, Taxifahrer die leider etwas gesehen haben, faule Serviererinnen, Schwangere die zufällig auf der Straße sind etc. Als Alexis erschossen wird, bringt er in noch rasch in ein Krankenhaus und vergräbt sich dann. Später trifft er Wilmar, auch ein schöner Junge mit grünen Augen, der Mörder ist. Ihm wird offenbart, daß er Alexis umgebracht hat. Er kann den Grund akzeptieren und möchte raus aus der Stadt - gemeinsam mit Wilmar. Leider ist eine Kugel rascher und trifft den jungen Mann. Jetzt geht er alleine aus der Stadt.

Das Buch ist in Ich-form aus der Sicht des älteren Herrn, dem die Musik zu laut, die Fernsehserien zu dumm, die Polizisten zu bestechlich und die katholischen Kirchenmänner zu raffgierig und zu wenig menschlich sind. Die Kirchen sind das einzig beständige. Dorthin geht er alleine oder gemeinsam. Manche Kirchen liebt er weil dort 'sein' Gott ist, andere sind so leblos, daß er 'seinen' Gott dort nicht vermutet.

Die Gewalt, die Drogenkriegen, die Bandenkriege, Beobachtungen über Viertel in Medellín die man besser nicht betritt werden klar, sachlich und ohne moralische Bewertung geschrieben. Kühl werden Gemetzel zwischen Banden vor Kirchen erzählt - inklusive Kollateralschaden, denn die Menschen die es zufällig auch erlegt, zählen nicht.
Für die Jungen, die Mörder, sind nur Markenwaren wie Jeans, Schuhe, Leiberln, Stereoanlage und Riesenfernseher wichtig; und Kühlschränke - die amerikanischen die Eis machen können.

Die Metaphern bringen mitunter zum Schmunzeln, wenn er z.B. einen lauten Fernseher tollwütig nennt.

Mich hat das Buch fasziniert. Ich habe dann wieder einiges über die Zeit der 90-er Jahr in Kolumbien nachgelesen. Der Stil ging mir unter die Haut. Ich kann den Roman nur empfehlen.

Fernando Vallejo wurde am 24. Oktober 1942 in Antioquia, einem Teilbezirk von Medellín geboren. Er studierte Biologie. Nachdem er einen Film über die Gewalt in Kolumbien in Mexico gedreht hatte, zog er 1971 wegen Schwierigkeiten in Kolumbien nach Mexico. 2007 wurde er mexikanischer Staatsbürger. Er hat Biographien geschrieben, Romane, über Grammatik und diverse hochdotierte renommierte Preise erhalten. Und er ist Filmemacher.

Samstag, 15. Juni 2013

Jordi Sierra i Fabra : "Tod in Havanna"

Jordi Sierra i Fabra :
"Tod in Havanna"
Distelkrimi
original "Cuba, la noche de la jinetera"
1996,
aus dem spanischen von Horst Rosenbauer
2000, Distel Verlag
270 Seiten
ISBN 3-923208-42-1

Der Journalist Daniel Ros wird nach Kuba geschickt, um die Story seines Kollegen und Freundes fertig zu schreiben. Dieser Freund Estanis war an einer Dosis Rauschgift gestorben, was bei seiner Umgebung Befremden auslöst. Daniel geht in Havanna auf die Suche nach einer Frau, von der er nur ein Photo und ein rotes Stückchen Unterwäsche gefunden hat. Daniel sieht viele attraktive kubanische Frauen, die versuchen mit Liebe aus dem Land zu kommen. Sie definieren sich als "Jinetera" - Sex ist Lebensfreude, Geld ist nett aber steht nicht an erster Stelle. Auch ihm geht die Nähe einer dieser schönen sinnlichen Frauen ziemlich unter die Haut.
Es ist Mitte der 90-jahre Jahre des 20. Jahrhunderts, und wieder versuchen viele Kubaner auf abenteuerlichen Instrumenten das Meer nach Miami zu ihren Familien zu erreichen. Die Armut auf der Insel ist vielen zu viel, was Flucht oder Attentatsversuche auf Castro nach sich zieht. Fast wird Daniel in so ein Attentat verwickelt.
Auf den letzten Seiten löst Daniel das Rätsel um das Rauschgift in seines Freundes Blut.

90-er Jahre des 20. Jahrhunderts heißt, daß Handy, Internet oder sonstige rasche Kommunikation noch nicht üblich sind. Daniel findet Nachrichten bei der Rezeption oder daheim im Barcelona auf dem Anrufbeantworter. Orientierung im Auto findet noch anhand von Straßenkarten statt.

Die Frauen sind als schön geschildert, Männer vorhanden aber deren Schilderung geht unter. Mir sind zuviele Sexszenen beschrieben.
Die Armut mancher Szenerien mit ausgemergelten, harten, brutalen Gestalten im Gegensatz zu den Hotellandschaften mit Pool, Drinks und anschmiegsamen jungen Frauen ist hart. Das Leben des Erotiktouristen mit seiner Dummheit und seinem abgeschottet-sein von der kargen Umgebung dürfte ziemlich den Punkt getroffen haben.

Die Geschichte geht leider in zuviel Erotik und wiederholtem Jinetera-erklären unter. Der Roman ist aber trotzdem unterhaltend, und mit seiner Art Kuba zu beschreiben auf diese Insel neugierig machend.

Jordi Sierra i Fabra wurde am 26. Juni 1947 in Barcelona geboren. Er ist ein spanischer Jugendbuchautor und Autor von Kriminalromanen und schreibt auf castillan und catalan.
Von 1972 bis 2006 hat er über 400 Bücher verfasst, wobei er mit 12 Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte . Er hat viele Bücher für Kinder und Jugendliche veröffentlich und eine lange Liste an Romanen für Erwachsene. Für sein Engagement für Kinder- und Jugendliteratur hat er viele Preis erhalten. Im Jahr 2004 gründete er zur Nachwuchsförderung die Fundación Jordi Sierra i Fabra in Barcelona und die Fundación Taller de Letras Jordi Sierra i Fabra in Medellin (Kolumbien). Viele seiner Bücher wurden außer ins Deutsche auch ins Englische, Französische, Russische, Koreanische, Chinesische und in andere Sprachen übersetzt. Einzelne Werke wurden verfilmt oder für die Bühne bearbeitet.
auf deutsch gibt/gab es :

  • Ungebeten Gäste (Cambio de cerebro). Ravensburger Buchhandl. 1998.
  • Der letze Miwok-Indianer: (El último verano miwok). Signal 1989
  • Tod in Havanna (Cuba, la noche de la jinetera). Distel 2000
  • Gauditronix. Dressler 2009 ([978-3791519098]
  • 1970 hat er als Musikkommentator begonnen. Mittlerweiler ist er ist Gründer mehrerer Musikzeitschriften wie beispielsweise Disco Exprés, Extra, oder Súper Pop (ab 1977) und gilt als Experte für spanische Pop- und Rockmusik.

    Sonntag, 31. März 2013

    Antonio Skármeta : "Mit brennender Geduld"

    Antonio Skármeta :
    "Mit brennender Geduld"
    Roman
    original "Ardiente paciencia", 1984
    aus dem chilenischen Spanisch von Willi Zurbrüggen
    1985, erstmals bei Piper Verlag, München
    2000, ungekürzte Taschenbuchausgabe
    143 Seiten inkl. 4 Seiten Prolog und 2 Seiten Epilog
    ISBN 3-492-22678-7

    Der wunderbare dichte Roman, schildert die Freundschaft zwischen den berühmten Dichter Pablo Neruda und dem jungen, einfachen Fischersohn Mario, der lieber als Briefträger arbeitet.

    Pablo Neruda ist der einzige in dem Dort am Meer der Post erhält. Mario traut sich ihn stotternd anzusprechen. Der große Dichter hilft ihm die große Liebe Marios zu erringen (sie heißt Beatriz). Nach Allendes Wahlsieg wird Neruda Botschafter in Paris. Als der große Dichter den Nobelpreis verliehen erhält, organisiert Mario in dem Dorf an Meer eine riesengroße Fiesta, bei der ausnahmsweise niemand merkt daß Boykotte, Streiks und Nahrungsmittelunterversorgung mittlerweile an der Tagesordnung stehen. Neruda kehrt krank zurück, Allende wird getötet und das Militär übernimmt die Macht, die Kontrolle - aber Mario schafft es den Dichter noch einmal vor dem Tod zu besuchen. Nach dem Begräbnis wird auch Mario verhaftet.

    Neben der Freundschaft zwischen Neruda und Mario ist die große Liebesgeschichte zwischen Mario und Beatriz, inkl. Schwierigkeiten durch Institution Schwiegermutter, sinnlicher Gegenpol. Die starke sinnliche Erotik der Schmuseszenen und mehr sind deutlich, die Spannung schön beschrieben.

    Humorvoll finde ich wie Neruda Metaphern beschreibt und versucht dem einfach gestrickten Menschen vor ihm Ideen, Bilder und Anregungen zu eigenen Metaphern zu vermitteln (nicht nur seine einzusetzten). Knochentrocken ist die Schwiegermutter, die mit Metaphern ebenfalls, aber handfest, umzugehen weiß. Mario hat am Ende des Buches auch ein Gedicht geschrieben.

    Berührend ist die Idee, in der Neruda Mario ein Kassettengerät aus Paris schickt und ihn ersucht ihm die Töne der Heimat aufzunehmen (die Möwen, das Meer, die Glocken, etc.), weil er im Winter vom Schnee eingeschlossen Paris Heimweh hat.

    Der Titel des Romans ist einem Gedicht Rimbauds entnommen. Dieses Gedicht hat Pablo Neruda anläßlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1971 an ihn in seiner Rede zitiert.

    Der Druck des Buches ist netterweise in einer etwas größere Schrift (Brille suchen entfällt).

    Ein eindrücklicher schöner poetischer Roman, der mich gepackt und in seinen Bann gezogen hat. Die Beschreibungen gingen unter die Haut. Ein wunderbares Buch !

    Antonio Skármete wurde am 7. November 1940 in Antofagasta in Chile geboren. Seine Eltern waren aus Brac, dem heutigen Kroatien nach Chile gekommen. Als Anhänger Salvador Allende mußte er Chile verlassen und lebt in West-Berlin. Er war Dozent für Lateinamerikamische Literatur und schrieb auch Drehbücher. 1989 bis 2000 lebte er wieder in Chile, bis er zwischen 2000 und 2003 als Botschafter nach Berlin gesandt wurde. Im chilenischen Fernsehen präsentiert er Buch-Neuerscheinungen.

    Samstag, 2. Februar 2013

    Denby Joolz : "Das Tor des Schmerzes"

    Denby Joolz :
    "Das Tor des Schmerzes"
    Roman
    original "Corazon"
    2000, HarperCollings Publishers, London
    aus dem Englischen von Brigitte Helbling
    2001, Rowohlt Taschbuch Verlag
    385 Seiten
    ISBN 3-499-23036-4

    In diesem spannenden Roman wird die Geschichte von Alma, kurz Al, Greer erzählt, die berühmte Eltern hat, deren berühmter Bruder in den USA Erfolg hat und die mit unglücklicher Liebe, dann gescheiterter Ehe fertig werden muß und Zuneigung in einer Stiftung, die sich doch als Sekte bewahrheitet, findet.

    Alma, die in Bradford lebt, wird von ihrem Mann vor die Türe gesetzt, nachdem er ihren geliebten Kater - ein Geschenk ihrer großen Liebe Jack, der bei einem Unfall ums Leben gekommen war - noch rasch beim Tierarzt hatte einschläfern lassen. Sie sucht die Hilfe ihrer zwei besten Freundinnen. Ihre Eltern laden sie nach Andalusien an die Küste ein - inmitten anderer wohlhabender Engländer. Bekannte ihrer Eltern ersuchen sie, die mit kurzen Harren, gothic look und piercing herumläuft, zu einer Stiftung am Berg zu fahren und ihre Tochter aus den Fängen der angeblichen Sekte dort zu befreien. Die junge Frau kommt mit, aber der Kontakt Alma's zu der Stiftung, die sich als auf Wissenschaft spezialisiert gibt, wird intensiver. Aufgrund irgendwelcher Elemente, die für sie nicht schlüssig sind, gilt sie für die Menschen dort als wichtig, später sogar als "die Braut". Jane und Huw sind die mentalen Führer dieses Wissenschafts - und spirituellen Bereichs und wollen sie mit allen Mitteln halten und integrieren. Am Schluß entkommt sie.

    Der Roman ist gut und flüssig geschrieben, und gut zu lesen - ideal für ein Wochenende. Die Personenschilderungen sind gut vorstellbar, variantenreich, es ist möglich Gefühl für die unterschiedlichen Personen aufzubringen. Es gibt keine wirklichen guten oder nur wenige bösen Typen, den meisten Figuren wird Handlungsspielraum erlaubt und manche kippen dann mehr oder weniger heftig.

    Die titelgebenden Vokabel "Corazon" heißt Herz und ist ein Anhänger einer Kette die Alma von ihrem Bruder erhalten hat, dem viele mehr Bedeutung beimessen als die Titelgestalt. "Tor des Schmerzes" ist der Weg den Huw geht und seine Anhänger mit ihm, denen der Schmerz durch Piercing oder an sich herumschneiden durch den Schmerz in eine neue spirituelle Ebene helfen soll.

    Mehrere Themenstränge werden in dem Roman miteinander verwirkt.
    Der emotional wichtigste ist die Liebesgeschichte zwischen Alma und dem Poeten Jack, der bei einem Unfall stirbt. Spät wird ihr klar, daß der Unfall Selbstmord war, und daß Jack sie fortwährend betrogen hat.
    Thema Freundinnen - Millie und Maz, die langjährigen guten Freundinnen die selbst nicht immer glücklich mit ihrem Leben sind.
    Thema Eltern und deren Beziehung zu ihren Kindern. Alma hatte eher keine Beziehung, was die Eltern dann erkennen, und beiderseitiges bemühen startet hier etwas zu ändern. Im Gegensatz dazu ist Almas Bruder, dessen Homosexualität für alma immer klar war, aber eine Geheimnis für die Eltern.
    Faszinierend die Gegenwelt von Jane und Huw die Liebe, Zuneigung, keine Geheimnisse predigen. Viele Menschen fühlen sich bei ihnen akzeptiert und geliebt - die Vorselektion war allerdings bereits geschehen, indem sie nur hochintelligente Menschen in ihre Stiftung einlassen. Daß die Konstruktion nicht stimmig ist, Inzest gelebt, Krankheit verherrlicht wird und wieder einmal Sponsoren, Geld und Sex vieles bestimmt und letztendlich kaputt macht, führt zum Showdown.

    Die Geschichte zieht hinein und fasziniert. Viel Vergnügen auch anderen Lesern & Leserinnen !

    Joolz Denby wurde am 9. April 1955 als Julianne Mumford in Bradford, Yorkshire, United Kingdom geboren. Sie hat Gedichte, Kurzgeschichten Novellen veröffentlicht,  eine lange Diskographie mit 'spoken poetry' und machte sich anfangs in der Punk-szene einen Namen. Mittlerweile hat sich sie parallel einen Namen als Illustratorin und Tattoo-künstlerin aufgebaut und tritt immer wieder gerne mit 'spoken words' auf.

    Sonntag, 23. Dezember 2012

    Sybille Bedford : "Ein trügerischer Sommer"

    Sybille Bedford :
    "Ein trügerischer Sommer"
    Roman
    original "A Compass Error"
    1968, Williams Collins Sons, London
    Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier
    2000, SchirmerGraf Verlag, München
    Auf Wunsch und nach Absprache mit der Autorin wurde der Text für die deutsche Neuausgabe bearbeitet; es bestehen daher geringfügige Abweichungen gegenüber der englischen Originalausgabe.
    263 Seiten inkl. Prolog
    12  Seiten Nachwort der Autorin zur Neuausgabe 2000
    ISBN 3-86555-028-2

    Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Flavia, die sich vorgenommen hat für ihre Aufnahmeprüfung in Oxford zu lernen. Ihr Mutter und ihr neuer Freund sind heimlich weggefahren - sie hat den Auftrag nichts zu verraten, da seine Scheidung noch nicht gelungen ist.

    Der Roman ist die Folgegeschichte von "Liebling der Götter", in der über Constanza erzählt wird - einer faszinierenden Frau, die als Tochter eines italienischen verarmten Grafen und der reichen Amerikanerin Anna nach Scheidung der Eltern in London lebte. Constanze ist eine bezaubernde Frau mit viel Charme, die meist versucht es ihrer Mutter gerecht zu machen. Flavia ist ihre Tochter mit einem Briten - die Ehe war gescheitert.  Flavia hat sich einen Tages- und Wochenablauf an der Côte eingeteilt in der sie arbeitet, lernt und Aufsätze schreibt. Als sie ihr gewohntes Abendessen im Nachbarort einnimmt, beobachtet sie eine Gruppe Menschen, die ihr wie Künstler vorkommen. Die Gruppe nimmt sie unter ihre Fittiche, und Thérèse die charismatische Ehefrau eines Malers nimmt sich ihrer - auch erotisch - an.
    Über Nachbarn wird ihr eine andere sehr charismatische Frau vorgestellt : Andrée. Flavia verliebt sich.
    Letztendlich stellt sich heraus, daß die Frau des Freundes ihres Mutter herauskriegen (will), wo die beiden sind ...

    Die Personenschilderungen sind gelungen und sehr deutlich. Stark sind die Frauenpersönlichkeiten wie Thérèse, Andrée, Nachbarin Rosette, ihre Mutter Constanze und ihre Großmutter Anna. Flavia sucht ihren Platz - sie träumt von einer literarisch-wissenschaftlichen Karriere und ist sich erotisch nicht ganz sicher.
    Die Männer kommen meist sporadisch vor - Ehen und Beziehungen scheitern. Der neue Freund der Mutter Michel hat Visionen und Charakter, die meisten anderen Männer haben es mehr auf das Geld von Anna abgesehen.

    Die Ortsbeschreibungen in London, Rom, Toskana und Côte d'Azur sind eher skizziert, aber als Leser kennt man sich aus.
    Schön ist das Gruppengefühl um Thérèse geschildert, deren Mann, die Kinder und was sonst als Menschen beim abendliche Essen versammelt ist. Gespräche über fast alle Themen sind erlaubt - nur ein Mann der den Nationalsozialismus zu loben beginnt, wird handfest aus der Runde befördert.

    Der Roman ist schön dicht geschrieben, und die Personenschilderungen haben mich sehr angesprochen. Viel Vergnügen beim Lesen !

    Sybille Bedford kam 16. März 1911 als geborene Freiin Sybille Aleid Elsa von Schoenebeck in Berlin  als Tochter eines deutschen Barons auf die Welt. Sie lebte mit ihrer Mutter und ihrem zweiten italienischen Ehemann an der Côte d'Azur. Sie war Journalistin - und berichtete u.a. über die Ermordung John F. Kennedys - und Schriftstellerin von Romanen und Reiseerzählungen. Der Schriftsteller Aldous Huxley verhalf ihr - da sie Vierteljüdin war - zu einer vorgetäuschten Ehe mit Walter („Terry“) Bedford. Sie starb am 17. Februar 2006 in London.

    Donnerstag, 17. Mai 2012

    Christa Hein : "Scirocco"

    Christa Hein :
    "Scirocco"
    Roman
    2000, Frankfurter Verlagsanstalt
    207 Seiten
    ISBN 3-627-00075-7

    Der Roman spielt an der ligurischen Küste zur Zeit der Sciroccos. Vier Touristen die eigentlich gemütlich mit diversen Fähren nach Griechenland fahren wollen kommen wetterbedingt nicht weiter. Judith die jüngste beginnt sich für einen brutalen Mord an einer 25-jährigen Frau im Nachbardorf zu interessieren. Nebenbei beginnt sie nachzufragen warum ihr Vater sie und ihre Mutter verlassen hat. Mutter und deren Schwester geben teilweise direkt tw zögerlich Antworten. Judith ist eine schöne 18-jährige junge Frau was nicht nur den Italienern sondern auch dem Freund der Mutter auffällt, der sie öfter als ihr lieb ist photographiert.
    Judith begibt sich auf die Spuren der ermordeten Frau, huscht heimlich in das Büro in dem sie ermordet worden war und reist gemeinsam mit dem Freund der Mutter (heimlich) in ein exklusives Hotel, in dem die junge Frau auch öfters gewesen war.

    Judith ist als Frau/Mensch klar geschildert, ihr konnte ich gut folgen.
    Eigenartig empfand ich den Freund der Mutter, aber er war nachvollziehbar.
    Die Schwestern - Mutter und Tante - habe ich leider nie auseinanderhalten können. Sie sind unterschiedliche Persönlichkeiten, aber wer Judiths Mutter war war für mich emotional nicht spürbar. Ob das der Angelpunkt der Geschichte war ?

    Die Schilderungen der Vorbereitungen des Festes, das Vorbereiten der Papierfiguren (die dann abgebrannt werden), das Licht des Meeres, das Spiel der Wellen gefallen mir sehr gut.

    In Summe hat mir das Buch gut gefallen, mich hat der Zauber der ligurischen Küste eingefangen. Ich kann das Buch nur empfehlen.

    Mittwoch, 29. Februar 2012

    Carmen Francesca-Banciu : "Ein Land voller Helden"

    Carmen Francesca-Banciu :
    "Ein Land voller Helden"
    Original "O zi fara presedinte"
    bei Editura Fundatiei Culturale Române
    überarbeitete deutschsprachige Fassung auf der Grundlage der Übersetzung aus dem Rumänischen von Georg Aescht
    2000, Ullstein Verlag, Berlin
    250 Seiten
    ISBN 3-89834-003-1

    In diesem starken, aber eigentümlichen Roman geht es um Bruchstücke, die zu einem Ganzen finden sollten, aber so viele sind, daß mehr zerbricht als aufbaubar ist. Angelpunkt ist der Tag des Putsches in Rumänien, an dem Nicolae Ceauseschu auf dem Balkon seines Palastes ausgepfiffen wird (historisch: 21. Dezember 1989) und die Geschehnisse davor in Timisoara.

    Eine Gruppe von Freunden wird geschildert - die Bruchstücke ihres Lebens davor und danach betrachtet durch Spitzel u.ä.

    Radu Iosif nimmt Bänder auf, behauptet daß er Journalist ist und einen Artikel in einer demokratischen Zeitung schreiben möchte und dafür recherchiert. Es wird behauptet, daß sein Vater "der Fahle" sei - ein Spitzel - und seine Mutter Dona Amara wurde durch seine Geburt für manche zur geächteten Person.

    Maxim und Maria-Maria sind verheiratet, haben zwei Kinder, sie geht mit den Kindern auf den Platz gegen den Präsidenten und steckt den Soldaten Blumen in die Gewehrläufe. Maxim ist einige Tage im Gefängnis (ob vor oder nach diesem Tag war mich als Leser nicht schlüssig) - Nachbarn haben ihn angezeigt bzw. mußten ihn anzeigen weil die Securate sonst Schwierigkeiten gemacht hätte. "Der Fahle" hatte Maria-Maria im Cafehaus beobachtet, ihre Kaffeegewohnheiten notiert, damit beobachtet, daß sie schwanger ist, schwanger war (in Rumänien war Abtreibung verboten) und plötzlich war der wahrscheinliche Abtreibungsarzt tot. Maria-Maria glaubt an das Gute und die Menschen.

    Ilina & Valer sind ein Paar, oder zumindest wollte Ilina es so. Valer hat über alles geschimpft, alles schlecht gemacht und war meist in Berlin/nach Berlin unterwegs/von Berlin retour unterwegs. Er ist der Halbbruder eines illegalen Auswanderers ins Feindesland Amerika und kann sich nur freimachen, indem er Ilina für Spionage freigibt.

    Varvara & Artur. Varavara liebt Artur. Artur stieg am Tag des Putsches auf einen Baum um eine Katze zu retten (die das nicht wollte) und blieb oben, weil er es wollte. Später - viel später - wird Varvara ein Paket mit den Überresten von Arthur erhalten - es wird so zugestellt, daß der Postbote dem Geheimdienst ihre Reaktion übermitteln kann.

    Sandra - sie lebt im Licht, und geht darin auf.

    Toma, der Tote - er war ein "Held", weil er an dem Tag des Putsches auf dem Platz zu den Ermordeten zählt. Ob die anderen die an dem Tag auch auf dem Platz waren, auch Helden sind, sind sich viele der Beteiligten nicht mehr sicher.

    Ein Kapitel widmet Geschichte des LPI - des P.I.Lapusca, der sich kurz zum Bürgermeister ausrufen ließ. Er verlor den Job wieder und machten dann etwas anders. Skurrill in diesem Teil der Geschichte ist der mehrfache Auftritt der Putzfrau, die bei allen Umstürzen und Machtübernahmen dafür sorgt, daß sich alle die Schuhe ausziehen und keiner Mist im Bürgermeisterhaus macht.

    Ein anderes einer Frau, einer Nachbarin, die erpreßt wird weil sie früher als Prostituierte gearbeitet hat. Prostition war verboten, und noch mehr waren Devisen und schöne Unterkleidung verboten, was damals nur die gewerblichen Damen erhielten. Falls eine junge Frau dieser Profession der Polizei in die Hände fiel konnte sie sich nur zur Bespitzelung erpressen lassen, sonst war ihr eine Massenvergewaltigung durch zu viele der Securitatemänner sicher.

    Der Roman war nicht einfach zu Lesen - er fordert Konzentration. Auch wenn man nicht vergleichen soll, tat ich mich hier leichter als bei einem der Bücher von Herta Müller die ähnliche Thematik und auch ähnlichen Schreibstil hat, bei der ich allerdings nicht durchhalten konnte.

    Hier ein Teil eines Absatzes Seite 134 der oben genannten Ausgabe / links unten:
    .. "Die Wörter, die diesem Tumult entsprechen könnten. Die kenne ich nicht. Bruchstücke. Nur Bruchstücke kann ich erfassen. Nur Bruchstücke dessen, was uns überwältigte, zum Ausdruck bringen." ....
    (ich hoffe damit allen Zitations- und Gesetzesregeln zu entsprechen - wenn nicht bitte um freundlichen Hinweis)

    Die Menschen versuchen Konturen zu erhalten und sich als Individuum zu zeigen, werden allerdings von Spitzelei und Gesellschaftskonstruktion gehindert. Auch die Freundschaft der Gruppe, die sich lange ohne Terminvereinbarung getroffen haben, wird zerstört.

    Landschaft, Cafehaus, Stadt, Häuser, Gärten werden zwar bißchen geschildert - Fokus sind die Stücke der Menschen, die Sichtweisen, das Aneinandervorbeireden, tw. die Traumwelten. Hoffnung kommt keine auf - alles bleibt grau. Engagement für ein anderes Ideal als das Vaterland wird nicht benötigt, schon gar nicht belohnt.

    Ich kann das Buch nur empfehlen. Es zeigt für mich wie geistige Repressalien auf Menschen wirken können, wie Hoffnung im Keim erstickt wird und auch einfaches zwischenmenschliches Leben zerstört werden kann

    Dienstag, 13. Dezember 2011

    Ramón Díaz Eterovic : "Engel und Einsame"

    Ramón Díaz Eterovic :
    "Engel und Einsame"
    original "Angeles y solitarios"
    1995, Editorial Planeta Chilena
    aus dem chilenischen Spanisch übersetzt von Maralde Mayer-Minnemann
    2000, Diogenes Verlag Zürich
    323 Seiten
    ISBN 3-257-06246-x

    Das Buch enthält einen starken, intensiven Roman in dem der Detektiv Heredia von der Liebe aus der Vergangenheit eingeholt wird, und aktuellen Waffenfirmen auf die Spur kommt. Die hier gemeinten Waffen sind hier eher die chemischen - wie Sarin.

    Heredia erhält die Ansichtskarte einer vergangenen großen Liebe, die ihn in Santiago besuchen will. Leider wird nur noch ihre Leiche gefunden. Da Fernanda Journalistin gewesen war und sich vor einiger Zeit mit einem amerikanischen Journalisten über Waffen in Chile unterhalten hatte, und ein lebensfroher Mensch war, ist die Selbstmordtheorie hinfällig.
    Sein alter Freund bei der Polizei Dagoberto Solis hilft ihm heimlich, denn offiziell wurde der Fall von oben als erledigt erklärt. Leider geraten Heredia und Solis zu nahe an geheim gewünschte Informationen - auch über zwei ältere Morde, die mit den Tod Fernandas zusammenhängen - und Solis wird zu Tode geprügelt.
    Über einen mysteriösen blinden Nachbarn von Heredia, der ihm immer wieder aus emotionalen Gründen mit Informationen behilflich ist, kann er sich an dem Mörder von Solis rächen und eine Fabrik von chemischen Waffen in Feuer aufgehen lassen. Auf vielfachen Rat verschwindet er dann - mit Freundin und Kater.

    Hilfe hat Heredia privat durch die Tochter eines Freundes Griseta (die seine Freundin wird) und seinen weißen Kater mit dem Namen Simenon, mit der er sich tw. unterhält und somit die Funktion des Alter Ego erhält und sympathische Dialoge abliefern.

    Der Titel dürfte sich auf ihn / Heredia /den Einsamen und sie /Griseta/Engel beziehen.
    Die Geschichte ist gut und spannend geschrieben. Santiago bzw. in den Teilen in deren sich Heredia mit Wodka und Mädchen herumtreibt gut vorstellbar. Der Drive zieht sich durchs Buch. Die Absätze über Waffenhandel, illegale Firmen und deren weltweite Rückendeckung lassen bei mir ein Gruseln zurück.

    In Summe ein sehr gutes Buch, das ich jedem empfehlen kann der in die dunklen Teile Chiles abtauchen möchte, mit einem Detektiv der sich bei Mahler & Chet Baker erholt literarisch mitleben möchte und am Schluß wenigstens das Gefühl möchte, daß doch die Guten siegen werden.

    Dienstag, 15. November 2011

    Bo Balderson : "Der Fall des Staatsministers"

    Bo Balderon (Pseudonym) :
    "Der Fall des Staatsministers"
    2000, Bengt Nordin Agency Schweden
    original 'Sta°tsradets fall'
    2002, Typographische Werkstatt & Verlag Stegemann
    übersetzt aus dem Schwedischen von Dagmar Mißfeldt
    274 Seiten
    + 1 Seite am Anfang : Mitwirkende
    + 1 Seite am Schluß : Glossar
    ISBN 3-9808037-4-0

    Studienrat Vilhelm Persson, ein etwas betulicher und biederer Einzelgänger, wird vom Mann seiner Schwester (die beiden haben 15 Kinder gemeinsam) in die Aufdeckung eines Mordfalles gezogen.
    Sein Schwager ist Staatsminister, ein Mensch mit sprunghaften Gedankengängen und eine bei der Bevölkerung beliebte Gestalt.

    In Ich-form beschreibt der Studienrat, wie Staatssekretär Svanberg wird erwürgt im Schrank des Arbeitszimmers des Staatsministers - in seiner Villa - aufgefunden wird.
    Der Staatsminister meint, daß er es seiner Funktion als Polizeiminister schuldig ist diesen Mord aufzuklären und fordert die permanente Unterstützung mit Zeit und Mitdenken des Studienrats.
    Menschen die als mögliche Täter in Betracht kommen sind die Tennis spielende Gattin, Justizschef Rylander und Gattin, Konsul Karling - ein Unternehmer -, Ministerialrat Da°a°bh, sowie der Unternehmer in Sache Toilettenherstellung Johann Johansson mit seiner sehr attraktiven Gattin, die Assistentin von Herrn Svanberg ist und sich 2 Liebhaber (beide unter den Verdächtigen) hält.
    Leider gibt es noch einen Mord. Am Schluß löst der Staatsminister mit einer Falle die Morde auf - und erfährt daß er zum 16. Mal Vater wird.

    Unterhaltsam und leicht böse wird die Politik, die Politiker, das Fäden ziehen, das Umsetzen der eigenen Wünsche und auch Gerechtigkeitssinn in der Politik geschildert.
    Der Absatz in dem sich der Staatsminister bei einem Auftritt nicht an die vorgeschriebene Rede hält, sondern sagt was die logischen denkende Bürger denken aber damit seine politische Security schwer beunruhigt ist vergnüglich gut geschrieben (übersetzt).

    Das Buch ist etwas mühsam zu lesen, da ich mit den schwedischen Namen und wer-ist-jetzt-wer etwas Probleme hatte, aber die etwas respektlosen (aber nie untergriffigen) Personenschilderungen oder andere nette kleine boshafte Halbsätze machen den Aufwand wett.
    Ich kann den Krimi guten Gewissens allen Lesern mit Sinn für Humor empfehlen.

    Samstag, 29. Oktober 2011

    Martin Suter : "Die dunkle Seite des Mondes"

    Martin Suter :
    "Die dunkle Seite des Mondes"
    2000, Diogenes Verlag AG Zürich
    Coverbild Ernst Ludwig Kirchner
    310 Seiten
    ISBN 3-257-06231-1

    Nachdem mir drei komplett unterschiedliche Menschen von den Romanen Martin Suters vorgeschwärmt haben, griff ich zu diesem Roman.

    Der Wirtschaftsjurist Urs Blank ist einer der Spitzenleute im Fach für Verhandlungen von Fusionen und Teilhaber einer renommierten Kanzlei.
    Er verliebt sich in eine junge etwas esoterische Frau und geht mit ihr in einer Gruppe auf einen Pilztrip. Er greift zu einem seltenen kleinen Pilz und erlebt die eigenartigsten Visionen.
    Nachher merkt er wie sehr ihn vieles kühl bis kalt läßt und er kaum mehr Gewissen, Verantwortung oder Benehmen hat. Seine Ehe kippt endgültig, er läßt wichtige Gesprächspartner mitten im Gespräch sitzen und geht einfach in den Wald.
    Der Wald wird sein Fixpunkt. Er kauft sich Überlebenswerkzeug, liest Überlebensbücher und steigt stundenlang, dann tagelang und letztendlich wochenlang durch den Wald auf der Suche nach genau diesem kleinen Pilz, der ihn damals auf den Trip gebracht hatte.
    Leider hat er sich einen mächtigen eigensinnigen Wirtschaftsmann zum Feind gemacht, der ihn aufspürt und ihn eins mit dem Wald werden läßt.

    Das Erleben des Waldes und wie Urs Blank in dem Walk überlebt, Fischreussen baut, Kaninchen überwältigt, Brot aus simplen Zutaten macht, sind faszinierend.
    Die Gegenwelt bildet die Wirtschaft mit mächtigen Firmen, wichtigen Kanzleien, geheimen Dokumenten, Fallstricken in Klauseln bis zu Entscheidungen wer wofür zur Rechenschaft gezogen wird, und wer überlebt/überleben darf.
    Als Bezugspersonen von Urs Blank waren nur seine Frau, seine Freundin und sein langjähriger Freund, der dann Psychiater wichtig. Sie verlieren an Relevanz - am Schluß zählt nur das Finden des kleinen Schwammerls.

    Das Buch hat mich in seinen Bann gezogen und ich habe es fast in einem Rutsch durchgelesen. Ich kann es jedem empfehlen der sich gerne in eine Waldwelt hineinziehen lassen möchte.

    Dienstag, 11. Oktober 2011

    Anne Cuneo : "Herz aus Eisen"

    Anne Cuneo:
    "Herz aus Eisen"
    - der erste Fall der Marie Machiavelli
    original "Ame de bronze"
    1998, Bernard Campiche Editeur, Orbe
    aus dem Französischen von Peter Sidler
    2000, Limmat Verlag, Zürich
    231 Seiten
    2 Seiten Nachwort
    ISBN 3-85791-340-1

    In der Detektivgeschichte geht es um Marie Machiavelli, die in Lausanne ihr Büro hat.

    Einerseits geht es um einen arroganten Engländer, der sie beauftragt Geld einzutreiben - was sie erledigt.
    Dann geht es um eine Politkergattin, die ein gestohlenes Paket wieder haben möchte - was nicht gelingt.
    Große Sorgen bereiten ihr, daß ihre beste Freundin vergewaltigt worden war.
    Nebenbei versucht sie ihr Gewissen rein zu halten und recherchiert wiederholt bei der Geldeintreibesache des arroganten Engländers nach. Als dieser in Bern ermordet aufgefunden wird, kommt bei Recherchen heraus wie unbeliebt er gewesen war, da er sich den Kick im Leben durch erpresserische Spielchen geholt hat (Geld hatte er genug).
    Am Schluß führen fast alle Handlungsstränge zu diesem unsympathischen ermordeten Zeitgenossen, und auch die Vergewaltigung wird hoffentlich leichter verarbeitbar. Ob er ein Herz aus Eisen (deutsche Übersetzung) oder Bronze (französisches Original) hatte, ist nur noch Geschmackssache.

    Das Buch ist nett geschrieben, die Menschen skizziert, sodaß mir manchmal die Tiefe fehlt, aber die Spannung hält. Auch wenn viele verschiedene Fäden verkreuzt sind, sind mir die Linien doch klar geblieben. Irritierend war für mich der Umgang mit Zeit, da mir hier einiges im Ablauf nicht wirklich klar war.

    Die Hauptfigur gefällt mir gut mit ihrem Spiel mit dem berühmten Namen, den sie wirklich von dem berühmten Mann hat, und dem Eingehen auf zweisprachiges Aufwachsen und die Schwierigkeiten in zwei Sprachen (italienisch und französisch) zu denken, das autobiographisch ist.

    Die Nebenfiguren sind zahlreich aber signifikant geschildert : der gut kochende Journalisten-Freund, der Anwalt der auch Schauspieler ist, der englische Detektiv im Rollstuhl, die Freundin und Lehrerkollegin der Freundin, der schweizerische hartnäckige Polizist, die Onkels des Engländers bis zur geschiedenen zarten Ex-Frau des Engländers und ihrer Großmutter.

    Das Buch kann ich empfehlen - ob ich die Folgebücher (es gibt 2) lesen möchte, oder doch lieber etwas ganz anderes,  muß ich netterweise nicht gleich entscheiden.

    Donnerstag, 6. Oktober 2011

    Doris Gercke : "Die Frau vom Meer"

    Doris Gercke :
    "Die Frau vom Meer"
    - Ein Bella Block Roman
    2000, Hoffmann und Campe
    Umschlagbild: von Gabriele Münter (1917)
    248 Seiten
    1 Seite Quellenangaben der Gedichte und der Vineta-Sage
    ISBN 3-455-02295-2

    Bella Block kommt nach 3 Jahren in Rußland - Odessa - Sibirien wieder heim nach Hamburg, und wird ersucht eine angeklagte Frau, die eisern schweigt, zu beobachten um herauszubekommen ob sie ihre drei Kinder ermordet hat oder nicht. Ein ehemaliger Freund in der Polizei ersucht sie darum.
    Die Richterin, die Staatsanwältin und der Verteidiger arbeiten sich durch Indizien, befragen den Exmann (nicht die neue junge reiche Freundin), den Kurzzeit-liebhaber und sprechen am Schluß Lara G. frei.

    Das Buch begleitet Bella Blocks Weg durch die Stadt, das Gericht, ihre Beobachtungen der Menschen, ihre Besuche in eleganten Lokalen und dürftigen Beisln.
    Neutral wird der Geifer des Publikums, böser die Stimmungsmache der Medien durch die Journalisten betrachtet und kommentiert. (dabei spielt das Buch 1999-2000; wie würde der Text 10 Jahre später im Internetzeitalter aussehen?)
    Parallel liest sie ein Buch mit Lyrik, das der Angeklagten gehört.

    Gedankenfetzten, die kursiv gesetzt sind, beschreiben die Sage um Vineta (offenbar ein anderes nordisches Atlantis ?) und eine Stadt der Frauen, die um zu überleben und die Kinder zu ernähren entweder der Prostitution nachgehen oder LKW fahrer ausrauben.

    Das Buch hat mich berührt - ich möchte es gerne nochmals lesen, und kann es Lesern die sich auch auf langsameres Tempo einstellen wollen nur empfehlen.

    Sonntag, 24. Juli 2011

    Andrea Camilleri : "Das Spiel des Patriarchen"

    Andrea Camilleri :
    "Das Spiel des Patriarchen"
    - "Commissario Montalbanos fünfter Fall"
    Original "La Gita a Tindari"
    2000, Sellerio Editore, Palermo
    aus dem Italienischen von Christiane von Bechtoldsheim
    2002 Edition Lübbe, Bergisch Gladbach
    304 Seiten
    1 Seite Anmerkung des Autors
    2 Seiten Anmerkungen der Übersetzerin (mit Aussprüchen, Erklärungen, Namenserläuterungen)
    1 Seite im Text erwähnte kulinarische Köstlichkeiten (leider nicht vollständig)
    ISBN 3-404-92114-3

    Nachdem ich vor vielen Jahren einige Krimis von Andrea Camilleri gelesen hatte, war mir an einem verregneten Wochenende nach einem guten Krimi der im warmen Süden Europas spielt und mich gut unterhält. Meine Erwartungen wurden erfüllt - inkl. daß ich Gusto auf Fisch bekam.

    Ein älteres Ehepaar verschwindet und ein junger Mann wird erschossen.
    Commissario Montalban besucht auf Einladung eines windigen Advokaten den alternden Chef der Mafia, dessen Beschreibung mich an Raymond Chandlers Schilderung des alten Generals Sternwood in die "Der große Schlaf" erinnert, und soll in eine Intrige verwickelt werden. Es geht um den Enkel des alten Herrn, den die Polizei ermordet findet, wie von der Mafia geplant. Montalban fädelt es ein daß der Schuß nach hinten los geht.
    Letztendlich wird ein unschöner Organhandel aufgedeckt, bei dem sich die Reichen die notwendigen Organe besorgen und implantieren gelassen haben.

    Das gewohnte Team aus Mimí, Fazio und Cateré arbeitet um den Commissario herum, Mimí erfreut den Chef mit seinen Damenamouren, und mit Livia erfolgen die in der Serie gewohnten Telephonate.

    Genossen habe ich die Beschreibung der Gerichte und wie der Commissario Fisch(e) vertilgt, und schön finde ich die Bruchstücke der sizilianischen Ausdrücke und Formulierungen, die immer wieder einfließen (netterweise mit Übersetzung daneben).

    Meine  Erwartungen sind erfüllt worden : meine Seele durch das sizilianische Ambiente trotz des Regens draußen erwärmt und ich bin gut unterhalten worden. Viel Vergnügen beim Lesen !

    Sonntag, 1. August 2010

    Maria Norowska : "Der russische Geliebte"

    Maria Norowska :
    "Der russische Geliebte"
    1996 'Rosyjski kochanek" bei Wydawnictwo W.A.B.,Warschau
    aus dem Polnischen von Karin Wolff
    2000 Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt
    254 Seiten
    ISBN 3-596-14876-6

    Ein Buch von einer Frau eher mit Zielgruppe für Frauen geschrieben, das von einer großen, oder der richtigen Liebe glauben machen kann, oder zumindest Mut auf Liebe.

    Julia, ist Literaturprofessorin in Warschau, Mutter und vielfache Großmutter (was ihr nicht angenehm ist), und auf ein Jahr an die Universtität in Paris als Dozentin eingeladen. Ihre Nachbarn im Hotel sind ein russisches Päarchen - Aleksander ist Historiker und schreibt an einem Buch über die letzten Tage des letzten russischen Zaren und Nadja, die Friseuse ist und über alle Ohren und Zellen in Aleksander verliebt. Nachdem Najda im Streit zurück fuhr, gehen Julia und Aleksander öfters miteinander essen, bis sie nach einem Streit miteinander das Bett teilen. Während für Aleksander die Beziehung kein Problem zu haben scheint, tut sich Julia mit dem Altersunterschied schwer / mehr noch der Beginn der biologischen Menopause führt ihr ihr Alter noch mehr vor Augen. Nach einem gemeinsam Urlaub auf Mallorca - wie vor langer Zeit auch Frederic Chopin und George Sand - zieht das Paar in eine Pariser Mansardenwohnung. Aleksanders Buch wird ein großer Erfolg. Im letzten Kapitel schreibt Julia ihrer Tochter einen Brief und schildert ihr ihr Leben als Ehefrau eines Historikers in Moskau.

    In Rückblenden rollt Julia ihre Kindheit auf, die sie bei ihrer hilflosen Mutter und dem lieblosen autoritären Großvater verbracht hat. In der gleichen Beiläufigkeit und Lieblosigkeit wird sie beim Erstkontakt mit einem Mitstudenten schwanger. Die Tochter Ewa baut sich ihre Familie auf, in dem sie innerhalb kürzester Zeit einen liebenvollen Mann und mehrere Kinder hat - etwas das Julia lange suspekt ist.

    Die Menschen in dem Buch sind schön gezeichnet - die Persönlichkeiten der verschiedenen Freunde Aleksanders in Paris klar und nachfühlbar geschildert. Auch die Szenerien sind fast filmhaft - sei es in Paris, auf Mallorca oder in Moskau.

    Kurz kommt das Thema Krieg zu Wort, als einer der Freunde Aleksanders als Photograph ins zerfallende Jugoslawien geschickt wird, und Julia in einem Absatz die Greueltaten und Unmenschlichkeiten der Sieger schildert.

    Das Buch ist gut geschrieben, macht das Frau sein und geht schön mit den Veränderungen des Körpers um. Die Liebe des jüngeren Mannes ist für mich romanhaft, denn das Gemisch aus Sensibilität und Sorgen-um-die-Frau ist zwar eine schöne Idee, aber unglaubhaft. Wer die Idee genießen möchte, ist in dieser Geschichte gut aufgehoben.

    Sonntag, 23. Mai 2010

    Sandra Mulansky : "Tod der Unschuld"

    Sandra Mulansky :
    "Tod der Unschuld"
    2000, Rowohlt Taschenbuch Verlag
    256 Seiten
    ISBN 3-499-22891-2

    Kein klassischer who-dunnit-krimi sondern die Geschichte um einen getöteten Säugling mit massiven Herzproblemen, mit Eintauchen in die medizinischen und auch menschlichen Probleme für die Angehörigen.

    Eine kleine Detektei, bestehend aus 2 Archäologen, wird beauftragt den Tod eines Säuglings in Frankfurt zu untersuchen. Claudia-Marlies lernt Säuglinge mit ihren speziellen Herzproblemen (nur eine Kammer etc.) und deren Eltern, sowie die Spezialisten und Angestellten des Krankenhauses und die Familie des getöten Bubens kennen. Durch einen Zufall stellt sich heraus, daß eine junge Lernschwester komplett mit den seelischen Belastung überfordert war und man erwischt sie als sie einem operierten Säugling mit einer Überdosis das Sterben erleichtern will.

    Viele Handlungstränge sind um diese Hauptgeschichte gewoben
    *Detekteipartner Federico, der zuviel trinkt, recherchiert in dem er sich als Journalist ausgibt, und sich in eine zeitweise Verdächtige sehr attraktive Frau verliebt
    *Claudia-Marlies' Sohn, dem der Kindergarten nicht gefällt und der dazugehörige Vater mit dem die Beziehung nicht eindeutig ist, aber ein happy end im Raum steht
    *Claudia-Marlies' Schwester abgehaut ist, - nach Australien, was nur Claudia-Marlies und eine Tante wissen
    *die Großeltern des getöteten Buben, die einer rechten Denkart anheim sind, daß es ihnen der Tod des kranken Enkels und damit Abkömmling des nicht geschätzten Schwiegersohns fast recht ist
    *der türkische Oberarzt dessen Habitilation von seinem Chef nicht anerkannt wird
    *daß die Mutter des Buben einen Zwillingsbruder gehabt hat, bei dessen Geburt es ein Problem gegeben haben, dürfte, sodaß lernen für ihn schwierig war und der sich bei schlechten Noten mit 11 Jahren aufhängte
    *der türkische Oberarzt bewacht seine Schwester streng und bezieht gegen ihren alevitischen Freund eher aggressiv Stellung
    * ein oder zwei Fälle aus der Detektei

    Situationen und Menschen sind klar geschildert und sie entstehen schön vor meinem Auge; manches ist durchaus wie ein Film.
    Die vielen Handlungsstränge und - ebenen sind nicht immer leicht auseinander zu halten, aber in Sumnme bleibt die Spannung und Neugier wie die Geschichte denn ausgehen wird, erhalten.

    Dienstag, 27. April 2010

    Alexandra Marinina : "Mit verdeckten Karten"

    Alexandra Marinina :
    "Mit verdeckten Karten"
    - Anastasijas dritter Fall
    original "Schesterki umirajut pervymi"
    1995, Verlag ZAO Izdatelstvo EKSMO Moskau
    aus dem Russischen von Natascha Wodin
    2000, Argon Verlag GmbH Berlin
    315 Seiten
    ISBN 3-87024-508-5

    Die Erzählung des Krimis startet mit mehreren willkürlich erschossenen Menschen, in deren Mordlösung sich ein handfester Wirtschaftsbetrug mischt, dessen Ende aber dann ziemlich plötzlich verebbt.

    Anastasija Kamenskaja wird mit ihrem Team beauftragt den Mord eines Abteilungsleiters eines staatlichen Zentrums zu lösen.
    Dieser Mann war mit seinem Team auf der Fährte eines Wirtschaftsbetruges - eine russische Firma kauft zu verarbeitendes Rohmaterial zum Spottpreis auf und verkauft das gewonnene Rohmaterial extrem teuer weiter. Diese Firma kommt mithilfe von Helfern zu diesem Spottpreis, was darauf schließen läßt, daß höher gestellte Beamte bis bestens organisierte Menschen/Vereinigungen hier systhematisch Regionen ausnutzen, zu ihrem Spielball wirtschaftlicher Interessen werden lassen, und bei Bedarf in Falle drohender Untersuchungen diese Firmen löschen um neue auferstehen zu lassen. Das Spiel bleibt das Gleiche - der Schaden für die Menschen in den Regionen riesig.
    Die Macht der Drahtzieher läßt Platanow unter Druck geraten, der auf seine bewährte Strategie, nämlich bei einer intelligenten (neu zu suchenden) Frau unterzutauchen nutzt um zu verschwinden. Dieser Frau erzählt er seine Situation und ersucht sie in seinem Namen über Tage dann Wochen hinweg Telephonate bestimmter Inhalte zu machen.
    Dmitrij (Dima) Platonow ist verheiratet, hat ein Kind und hat eine Geliebte, die die Schwester seines besten Freundes Sergej Russanow ist.
    In Laufe des Buches werden die Befehls-und Informationsstrukturen geschildert, und durch verschiedene Telephonate gelingt es Platanow und Kira herauszukriegen, daß Russanow bei den Firmenuntersuchungen ein Doppelspiel gemacht hat um Platonow hereinzulegen.
    Parallel kommt Nastasija kommt zu dem gleichen Ergebenis, da Platanows Frauengeschichten vor Russanows Frau nicht halt gemacht hatten, und er damit vermutlich die innig geliebte Schwester von Russanow angesteckt haben dürfte.
    Der zweite Handlungsstrang ist Kira Lewtschenko gewidmet, die eine wunderschöne eher phlegmatische junge Frau ist, hilfsbereit Platonow gegenüber und genau bei den Telephonaten mit ihren Informationen. Jeden Samstag fährt zur Datscha ihrer Eltern und bringt ihnen Lebensmittel. Erst im letzten Buchfünftel findet Platanow beim Renovieren der Wohnung eine frisch benützte Pistole im Bad und die Todesurkunden ihrer Eltern. Kira hat eine Schützenausbildung und einem Mafiaboss ihre Dienste angeboten – und als Beweis, daß sie jeden Samstag einen Menschen erschiessen wird, bis sie einen Auftrag von ihm erhält. Letztendlich erhält sie einen – nämlich sich und Platonow aus dem Wege zu schaffen.
    Auf der letzten Seite fliegen Russanow und Kira durch eine Autobombe in die Luft. (woher aber die ist, ist mir unklar geblieben).

    Die Menschen und die Art wie sie leben, sind schön und greifbar geschildert.
    Auch der Wirtschaftsbetrug ist klar und logisch nachvollziehbar. Für die Vernetzung der verschiedenen Ministerien, Institute, Zentren und wer wo seine Einflüsse hat ist Konzentration nötig.

    Schön ist ein kurzer Exkurs über Mordmotive, denn General Satotschny meint Geld sei die Triebfeder, während Anastasija meint, daß geld nur Mittel zum Zweck sei, weil man mit Geld ein Ziel erreichen kann (Haus, Job, Auto, Frau, Macht, etc ....).

    Mir bleibt ein schales Gefühl, denn das Ende ist mir nach dem Zeit nehmen für genaue Schilderungen zu rasch und v.a. zu unklar.

    Mittwoch, 10. Februar 2010

    Anna Dankowtsewa: "So helle Augen"

    Anna Dankowtsewa
    "So helle Augen"
    aus dem Russischen von Christa Vogel
    original "Sag v levo"
    2000 beim Machaon Verlag, Moskau
    deutsch 2001 Diogenes Verlag AG
    225 Seiten
    ISBN 3-257-06284-2

    Schön geschriebene Geschichte, die 2 Handlungstränge zu einem Punkt bringt, und nebenbei ein gut bürgerliches Leben in Moskau schildert - mit paar Versatzstücken als Farbtupfer.

    Xenia ist Psychiaterin, und gewohnt alles in ihrem Leben - auch ihre Emotionen (wie die zu ihrem Ehemann und ihrer halbwüchsigen Tochter) - zu beherrschen. Aus Gefälligkeit übernimmt sie den neuen Klienten Oleg - obwohl alle ihre Instinkte sie davor warnen.
    Parellel wird das Leben des pensionierten Polizisten Pjotr geschildert - mit paar Strichen zeichnet die Autorin die Tierpension, in der er mit seiner Frau den verschiedensten Tieren (von Python, über Affe bis zu flauschigem Hasen und sprechenden Papagei) vorübergehend ein Heim gibt.
    Ausgangspunkt ist ein grauslicher Mord an einer Studentin. Pjotr nutzt seine alten Kontakte - hier wird nebenbei das Kontrollnetz in der Polizei, oder dem Studentenheim geschildert - um diesen Mord an seiner Nachbarin und Ersatztochter aufzuklären, folgt seinem Instinkt, daß es ein Serienkiller sein muß, arbeitet Akten durch, rettet nebenbei einem Hund das Leben und setzt das Netzwerk, das den Mörder zu seinen Taten bringt, zusammen.
    Am Ende finden die beiden Handlungsstränge in einem baufälligen Haus zusammen und der neue Klient Oleg von Xenia wird als der Serienkiller entrollt.

    Schön sind die Beschreibungen im russischem Alltagsleben, wie dem gemeinsamen Backen zu Neujahr, die sozialen Netzwerke (v.a. wie Verbindungen wirklich funktionieren), die unterschiedlichen Wohn- und Lebensbereiche (Wohnblocks, Häuser, medizinische Institute, Polizeiarchiv, etc.) bis hin zu den Menschen, z.b. die kleine Szene in der eine neue Leiche entdeckt wird. Der Showdown (inklusive Geiselnahme) unter Zuhilfename der ehemaligen Ausbilduung als Militär des Ehemanns von Xenia und des noch im Beruf stehenden Ex-kollegen von Pjotr ist mir etwas zu stromlinienförmig, aber rasch lesbar, sodaß das Ende des Buches ein gutes Gefühl ist ;-)