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Sonntag, 5. Oktober 2025

Italo Calvino : "Der Baron auf den Bäumen"

Italo Calvino :
"Der Baron auf den Bäumen"
original "Il barone rampante"
1957, Giulio Einaudi editore, Turin
Aus dem Italienischen von Oswalt von Nostiz
deutsche Übersetzung 1960
S. Fischerverlag 6. Auflage 2023
173 Seiten
ISBN 978-3-596-90441-9

Der zwölfjährige Zweitgeborene, Cosimo Piovasco di Rondò, aus einer Adelsfamilie schwingt sich bei einem ekelerregenden Mittagessen in fader Kommunikation auf den Baum vor dem Eßzimmer und bewegt sich über die Bäume weiter. Er beschließt, daß er keinen Fuß mehr auf den Boden setzt, und sich nur noch in den Bäumen bewegt. Auf diese Art lernt er die schöne Nachbarstochter kennen, aber auch eine Jugendbande die er sich mit seinem kleinen Schwert vom Leibe hält. Er richtet es sich in den Bäumen ein, mit Bett, Regenschutz, und Rutsche um seine Kleidung gewaschen zu erhalten.
Er verkehrt mit Piraten und Räubern, und plaudert mit gekrönten Menschen
Als er von Menschen hört die auch die Bäumen leben, klettert er über tagelang zu den Spaniern, und hat dort eine wichtige Liebe, ehe die Spanier wieder nach Hause reisen.
Über seinen Hund kommt er wieder mit der schönen Nachbarstochter, die jetzt reiche Witwe ist, zusammen; leider zerstreiten sich die beiden Sturköpfe.
Als Cosimo älter wird, kommen Heißluftballone auf; als eines vorbeifliegt, ergreift er sich ein Seil, und fliegt aufs Meer hinaus.

Der Erzähler der Geschichte ist der erstgeborene ältere Bruder, der sich am meisten um den Baron in den Bäumen kümmert, und auch um die Güter der Familie. 
Ort der Handlung ist Ligurien, um von 1767 bis nach Napoleons Kriegszügen.

Die Personen sind zum Angreifen nahe geschildert. Die Mutter des Barons, als Tochter eines Generals, als hochzufrieden und durchgetaktet, die schleimige Tante, der noch schleimigere geistliche Lehrer der Buben, der unnahbare sehr arrogante Vater von Baron und Erzähler, und auch der aufgeweckt junge Baron in den Bäumen selbst; witzig ist die verwöhnte eigenwillige Nachbarstochter, spätere schöne eigenwillige Frau.

Die Geschichte ist sehr skurril und unterhält gut.
Nicht nur die turnerische Begabung des jungen Mannes unterhält, sondern auch die verschiedenen Menschen, mit denen er zusammentrifft; wie z.b. der Liebesroman süchtige Bandit, oder die wie er die faulen Soldaten mit Läusen zu Hygiene und Bewegung bringt.

Am Anfang brauchte ich etwas Zeit um mich an den Stil oder Übersetzung zu gewöhnen, später bin ich beim Lesen lächelnd in der Straßenbahn gesessen.

In Summe ein sehr unterhaltsames Buch; viel Freude beim Lesen !

Italo Calvino wurde am 15. Oktober 1923 in Santiago de las Vegas, Provinz Havanna, Kuba geboren. Er lebte zuerst mit seiner Familie in Kuba, begann dann ein Studium der Agrarwissenschaften; Ende des Krieges schloß er sich den Kommunisten an und engagierte er sich bei den Partisanen. Nach dem Krieg studierte er Literaturwissenschaften, und beim Verlag Einaudi in Presseabteilung und später Lektorat zu arbeiten. 1957 trat er aus der Kommunistischen Partei aus Enttäuschung über den Einmarsch in Ungarn aus. Er lebte später auch auf Kuba und in Paris.
1947 erschien sein erster Roman
'Il sentiero dei nidi di ragno' bei Einaudi, Turin / Deutsch: 'Wo Spinnen ihre Nester bauen'.
Er starb am 19. September 1985 in Siena, Italien.

Dienstag, 28. Februar 2017

Siegfried Lenz : "Der Mann im Strom"

Siegfried Lenz :
"Der Mann im Strom"
Roman
1957, Lizenz Hoffmann und Campe, Hamburg / 1975, Fackelverlag AG Brugg
201 Seiten
keine ISBN

Hinrich ist über 50 Jahre alt, was ihn dazu bringt sein Geburtsdatum zu ändern damit er Arbeit als Taucher bekommt und seine Tochter und seinen Sohn ernähren kann. Er bekommt rasch Arbeit und freundet sich mit Kuddl einem ruhigen Mann an. Inzwischen taucht Manfred wieder auf - der bei Hinrich als Taucher gelernt hatte, seine Tochter Lena liebt und schwängerte bis er verschwand und jetzt als Führer einer Diebstahlsbande lebt. Leider kommt der Urkundendiebstahl von Hinrich auf, und Manfred stirbt bei einem Tauchgang mit Diebstahlsabsicht.

Diese Geschichte wird dicht beschrieben. Hinrich der ruhig und besonnen versucht Arbeit zu bekommen und dann genauso ruhig dem Tauchen nachgeht, wobei er seinem Boss viel bringt. Manfred war zuerst ein offener Mensch, als er hier in der Geschichte wiederkommt wird er als Mensch mit schmalen Augen, Spott und Verachtung geschildert. Lena liebt ihn am Anfang, träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm und dem Kind, entschließt sich dann doch gegen ihn und für ihren Vater.

Das Thema Alter am Arbeitsmarkt war damals offenbar genauso ein Thema, wie es heute wieder ist. Damals wie heute war man ab einem gewissen Alter nur noch ein altes Schiffswrack das ausgeschlachtet wurde, bevor es verschrottet wurde. Hinrich hat zwei Absätze in denen er sich mit einem der abgewrackten Schiffe vergleicht - die ziemlich unter die Haut gehen.

Ort der Handlung ist Hamburg, am Hafen. Es werden viele Ausdrücke aus dem See- und Tauchbereich verwendet, von denen mir einige nicht bekannt waren (aber die Dichte und Vorstellungskraft des Buches nicht beeinträchtigten).

Der Autor nennt Hinrich oft beim Namen, Manfred ist lange nur "der Junge" bis auch sein Name eingesetzt wird. Dafür ist in der Diebstahlsgruppe einer der "Kleine". Lena und Timmo werden immer mit Namen genannt. Kuddl wird immer mit Namen genannt, der Boss ist meist der Boss. Der Hintergrund mit Politikern und afrikanischem Präsidenten bleibt namenlos.

Ich habe die schöne Sprache und die Bilder die mit Worten gezeichnet werden, sehr genossen.

Im Summe ein wunderbares Buch, das in die Geschichte hineinzieht - auch wenn sie nicht positiv ist. Viel Freude beim Lesen !

Siegfried Lenz wurde am 17. März 1926 in Lyck, Ostpreußen geboren.  Er hat über hundert Erzählungen, Hörspiele, Essays, Theaterstücke, Reden sowie Rezensionen umfasst. Als eines seiner bekanntesten Werke zählt der Roman 'Deutschstunde' aus dem Jahr 1968, welcher die geläufige Aussage, man habe während des Nationalsozialismus nur seine Pflicht getan, kritisch durchleuchtet. Das Werk zählt zu den größten Verkaufserfolge in Deutschland nach 1945. Er starb am 7. Oktober 2014 in Hamburg.