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Samstag, 5. Dezember 2020

Agustín Martinez : "Monteperdido"

Agustín Martinez :
"Monteperdido"- "Das Dorf der verschwundenen Mädchen"
Kriminalroman
Original "Monteperdido"
2015, Plaza &Janés Barcelona
Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen
2. Auflage März 2017, Fischer Verlag
488 Seiten + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-596-03658-5

In einem Dorf in den Pyrenäen verschwinden zwei 11-jährige  Mädchen. Fünf Jahre später taucht eines wieder auf, das bei einem Verkehrsunfall in den  Pyräneen verwickelt war. Kommissarin Sara Campos und Inspector Santiago Bain von der Bundespolizei wird in die Berge geschickt um mit dem Mädchen zu sprechen und den Fall nach fünf Jahren zu lösen. Polizist Victor Gamero vor Ort versucht einerseits zu helfen, andererseits nicht das Vertrauen der Menschen im Ort zu verletzten. Die ortsunkundigen Polizisten müssen sich aus einem Dickicht aus Mißtrauen, Verzweiflung der Familien, und neuen Banden auseinandersetzen. Später kommen Drogen, Prostitution, und Alkoholsucht dazu. Schlußendlich gibt es leider zwei Leichen mehr aber auch zumindest zwei Erfolge.

Die Weg denen Sara und Santiago folgen um von dem gefundenen Mädchen, den beiden Familien, den Menschen im Dorf zu finden, ist sehr spröde und geht über Erpressung, Vorurteile, Alkohol bis Prostitution.
Die Familien der Mädchen sind unterschiedlich beschrieben - die eine die an dem verlorenen Kind fixiert festhält, während die andere zerbricht sich dafür aber Neues anbahnen könnten. Das Leben beider Familien stellt sich auf den Kopf als der hinterhältige Täter nochmals zuschlägt. Hier ist Empathie spürbar.
Diese Empathie geht bei Kommissarin Sara für mich verloren, die zwar suchend und unsicher unterwegs ist, aber nicht spürbar ist; die kommende Liebensgeschichte wirkt etwas gekünstelt.

Szenerien ist ein Bergdorf mit eingeschworenen Menschen, die Neuankömmlinge nicht mögen. Wunderschöne aber hohe Berge die viel Schatten werfen, stillgelegte Bergstollen und auch ein schöner Bergsee auf der Anhöhe wird geschildert.

Der Roman ist sehr spannend geschrieben. Es ist mitraten nach dem Bösewicht im Hintergrund ist möglich. Viel Freude beim Lesen.

Agustín Martinez wurde 1975 in Lorca (Spanien) geboren. Er studierte audiovisuelle in Madrid und arbeitet als Drehbuchautor. Sein erster Roman erschien 2015 in Spanien, sein zweiter 2017.

Dienstag, 16. Juli 2019

Pierre Lagrange : "Mörderische Provence"

Pierre Lagrange :
"Mörderische Provence" - Ein neuer Fall für Albin Leclerc
2018, Fischer Verlag GmbH
418 Seiten + 17 Seiten Leseprobe des viertes Bandes mit Albin Leclerc
ISBN 978-3-651-02563-9

Der pensionierte Polizist Albin Leclerc ist mit seinem Mops Tyson (Pensionsgeschenk) ist im Departement Vaucluse unterwegs als er um Hilfe nach der erwachsenen Tochter eines Freundes suchen soll. Parallel zu dieser Recherche kommt seine Tochter mit seiner Enkelin wegen des prügelnden Ehemanns auf Suche nach Schutz und Hilfe. Leclerc scheucht seine alten Kollegen und einige Freunde sowohl für seine und die fremde Tochter auf, um am Schluß den prügelnden Ehemann zu vertreiben zu lassen und einer gewissenlosen machtgierigen Männerclique ihre bösartigen Spiele zu überführen.

Der Roman ist sehr spannend geschrieben, denn es werden die vier Handlungstränge um Albins Recherchen, Albin Tochter und Enkelin, die verschwundene Tochter und die Gelüste eines machtgierigen Mannes miteinander verschränkt.

Die Absätze mit der vorgestellten und später angedrohten körperlichen und seelischen Gewalt gehen unter die Haut. Die Vorstellung, daß diese Aktionen gewissenlosen Menschen mit Ausreden über die eigene Macht möglich sind, bleiben unter der Haut.

 Die Menschen sind gut vorstellbar geschildert: Albin als großer weißhaariger durchsetzungsfähiger Mann, seine humorvolle Freundin Veronique mit ihrem Blumenladen, die liebevolle Enkelin Clara, Manons Ehemann Gilles der meint im Erfolg auch Menschen zu besitzen, die kämpferische Isabella, Bankenvorstandsmitglied Brian dessen Luxus Menschenleben sind und auf die er ein Recht zu haben meint, bis zur temperamentvollen disziplinierten Polizistin Castel.

Unterhaltsam sind die Teile in denen Albin versucht zu kochen. Die szene auf der Terrasse und der Kochkurs sind zum schmunzeln. Die Beobachtungen zu den Bloggerinnen bei dem Kochkurs brachten mich zum Lachen.

Im Summe ein gut geschriebener Kriminalroman, der allerdings sehr unter die Haut geht. Gutes Lesen !!

Sven Koch wurde 1969 geboren. Er arbeitet als Tageszeitungsredakteur, Musiker und Fotograf. Unter dem Pseudonym Pierre Lagrange schreibt der Autor die Commissaire Leclerc-Reihe, bei der der erste Band "Tod in der Provence" 2016 erschien.

Mittwoch, 10. Juli 2019

Lenz Koppelstätter : "Die Stille der Lärchen"

Lenz Koppelstätter :
"Die Stille der Lärchen" - ein Fall für Commissario Grauner
2016, Verlag Kiepenheuer Witsch Köln
298 Seiten - erste Innenseite mit Plan des Ultentales - Innenseite des Rückencovers mit Plan von Südtirol
ISBN 978-3-462-04734-9

Eine wunderschöne junge Frau sitzt ermordet an Lärchen, das zum Aufbrechen alter Vorurteile, alter Geschichten und aktueller bis dahin nicht anerkannter Brutalitäten führt. Commissario Grauner der aus Südtirol stammt und Ispettore Saltapepe, der aus Neapel versetzt worden war, sehen sich den Einflüssen des sehr konservativen Pfarrers, dem trauernden Großvater der Toten, einem mächtigen Wirtschaftstreibenden des Tales, einem schützenden Vater und alten Geschichten der Jahrhundertwende um die Dichterfamilie Mann gegenüber. Grauner und Saltapeppe rollen das Leben um die Familie der Toten und des Hauptverdächtigen auf, und setzen sich selbst einigen Gefahren aus. Der Tod der jungen Frau wird aufgelöst, und auch einiges anderes was falsch gelaufen war, wird wieder zurecht gerückt.

Die Geschichte ist sehr spannend geschrieben und überrascht im Ende.
Dieser Kriminalroman ist der zweite Band mit den Herren Grauner und Saltapepe.

Die beiden Polizisten sind gut vorstellbar in ihrerm Temperament und Vorlieben geschildert. Die vier Zeilen. in denen der Südtiroler Grauner leidenschaftlich auf italienisch flucht, bringen fast zu Lachen. Die Namen die er seinen Kühen gegeben hat, bringen zu Lachen. Die Probleme mit der Mafia brachten den Neapolitaner nach Südtirol, das ihn immer wieder überfordert. Seine Leidenschaft für einfache gute Spaghetti pomodoro ohne extra Zutaten ist berührend.
Beide sind als halbwegs angenehmem Polizisten geschildert, die um die Aufklärung des Falles bemüht sind, und danach trachten möglichst vielen Vorurteilen auszuweichen.

Es wird die Geschichte des Ultentales erzählt, das um die Jahrhundertwende ähnlich wie der Semmering für seine Erholung berühmt gewesen war. Ein österreichischer Arzt sorgte hier lange für das Wohl seiner überreizten und kranken Patienten.

Gegenpol ist ein übertriebenes Projekt, das einem Unternehmer in dem Buch anfällt, bei dem dieser auch gewissenlos an Grundstücke und Wasserbesitz kommen möchte.
Beängstigend ist auch die Figur des Pfarrers der engstirnig die Bevölkerung des Tales gegen einen jungen nicht-angepassten etwas kranken Mann aufwiegeln möchte, und keinerlei Gewissensprobleme entwickelt.

In Summe ein sehr empfehlenswerter Kriminalroman. Viel Spaß beim Lesen !

Lenz Koppelstätter wurde 1982 in Bozen geboren. Er wuchs in Bozen und Tramin in Südtirol auf und studierte in Bologna und Berlin. Zuerst arbeitete als Journalist, 2015 erschien der erste Band mit Commissario Grauner "Der Tote am Gletscher", 2020 soll der fünfte Kriminalroman in dieser Serie erscheinen.

Samstag, 29. Juni 2019

Peter Natter : "Mord unterm Hirschgeweih"

Peter Natter :
"Mord unterm Hirschgeweih" - Inspektor Ibeles wildester Fall
2015, Haymon Verlag Innsbruck
178 Seiten
ISBN 978-3-7099-7806-1

TBC-verseuchte Kühe, alte Familienfeden, wilde Diskussionen um ein altes Denkmal, Intrigen gegen einen sozialistisch denkenden Lehrer, münden in den Mord an dem alten sturköpfigen Vonderleu im Wald, dem pensionierten deutschen Bankmann Besenböck der alle zum Vegetariertum bekehren will und munteres Vergiften beim Testessen. Inspector Isidor Ebele und sein neuer Chef Baldreich wandern auf entlegenen Almen, bei arrogantem Jungbauern, kecken Servierfräulein das brutal scharfen Senf serviert, selbstgefälligm verfressenem und intriganten Pfarrer und setzen mühsam eine böse alte Geschichte um eine verbrannte Frau und ein kleines Kind zusammen.

Dies ist der 5. Band mit Inspektor Ibele; auch hier findet er Erholung bei seiner Ehefrau Rösele und deren Kochkünsten.

Orte der Handlung sind die verschiedenen schönen Täler in Vorarlberg mit manchem sehr engem Denken und Vorurteilen der Menschen, und dann überraschenden offenen Momenten. Ebele hält sich bei Diskussionen zurück, kommt aber nicht umhin sich seinen Teil zu denken.

Die Menschen sind kurzweilig bis jenseits aller Sympathie geschildert. Die knappen Skizzen lassen sie gut vor dem geistigen Auge entstehen.

Die Dialoge sind kurz und immer wieder sehr würzig; sie bringen zum bösem Lachen.
Jedes Kapitel hat ein eigenes Sprichwort oder kurzen gescheiten Text von Autoren der Antike bis heute. Manche sind gut, mit manchen konnte ich gar nichts anfangen. Sie haben mich leider fast immer aus dem Lesefluß herausgerissen.

Auch wenn das Ende ziemlich überraschend kommt, ist die Geschichte gut geschrieben. Viel Spaß beim Lesen.

Peter Natter wurde 1958 in Alberschwende / Bregenz geboren. Er war Hilfsbuchhalter in einem Sportgeschäft in Lech am Arlberg und studierte später in Wien Romanistik und Philosophie, wasn in.  Lehrerschaft mündete (oder umgekehrt). Seit 2005 betreibt er eine Praxis für Philosophie und Literatur in Dornbirn. 2013 Lektor im Bucher Verlag Hohenems, dann Korrektor der Vorarlberger Nachrichten. 2010 schreibt sein erster Kriminalromane, in denen der Bregenzer Inspektor Ibele ermittelt, und heißt "Die Axt im Wald".

Donnerstag, 30. Mai 2019

Hiltrud Baier : "Helle Tag, helle Nächte"

Hiltrud Baier :
"Helle Tag, helle Nächte"
Roman
2018, Fischer Krüger
354 Seiten
ISBN 978-3-8105-3038-7

Zwei Frauen, Tante und Nichte, erzählen abwechselnd die Geschichte ihres Lebens bzw. das ihrer Familie, und wie sie am Schluß Geheimniskrämerei lösen. Anna, ist die ältere, weniger begabte, weniger geliebte Tochter eines braven bayerischen Handwerkers der sich während des zweiten Weltkriegs in Norwegen in eine Frau aus Lappland verliebt hatte. Seine Frau wurde leider nicht glücklich in Bayern. Marie die ältere Schwester ist quirlig und begehrt, hat Mann und Tochter. Nach dem tödlichen Verkehrsunfall von Schwester und Schwager, nimmt Anna ihre Nichte Frederike auf. Diese hat sich zu Beginn des Buches von ihrem Mann getrennt und war durch Europa im Bus gereist, während Tochter Paula in Australien ist. Als Anna sie beauftragt nach Lappland zu reisen und einen Brief persönlich abzugeben, kommt die Vergangenheit und ein Mann namens Petters bekommt Wichtigkeit.
Die Einsamkeit in den Bergen von Lappland hilft Frederike sich über einiges klar zu werden. Am Schluß steht großer Familienfrieden.

Interessant ist was über die Samen steht, deren Kultur, deren Handwerkskunst, und die bunten Trachten.

Die Verknüpfung der Geschichten in Südbayern in den Bergen und Schweden in den Bergen ist durchaus gelungen.
Hauptaugenmerk sind die Frauengestalten in dem Roman. Das Leben von Anna die immer die zweite Position hatte, zurückhaltend und freundlich agiert, sich um alles kümmert, ihre Gefühle nur in Briefen lebt, ist eindrücklich gezeichnet.

Die Kapitelüberschriften sind entweder Anna oder Frederike gewidmet

Die Empfehlung von Freunden die meinten, das Buch sei so wunderbar entschleunigend, kann ich nicht nachvollziehen.

Der Roman ist gut lesbar. Viel Spaß beim Lesen.

Hiltrud Baier wurde vermutlich 1953 geboren. Sie hat in Tübingen Kinder- und Jugenliteratur studiert, hat in Verlagen und als Buchhändlerin gearbeitet. 2001 wanderte sie nach Schweden aus.
Unter dem Pseudonym Klara Nordin hat sie Lappland Krimis veröffentlicht, die in Jokkmokk spielen und auch von der Kultur der samischen Bevölkerung erzählt.

Sonntag, 1. Mai 2016

Jörg Juretzka : "Fallera"

Jörg Juretzka :
"Fallera"
Kriminalroman
2002, Unionsverlag Zürich
210  Seiten
ISBN 978-3-293-20578-9

Kristof Kryszinski erzählt hier als Ich-Erzähler im fünften Band, von derzeit 13, wie er von der Polizei zu einer Begleitung von Behinderten bei einem Ausflug in die Schweizer Berge verdonnert wird. Hier stehen seine Drogenabhängigkeit und sein Ruf zur Bewährung an. Bergführer Toni leitet die gemischte Gruppe aus Behinderten aller Sorten und Knackis aus sieben verschiedenen Bundesländern Deutschlands. Leider wird er nach der zweiten Nacht tot aufgefunden, nach der dritten Nacht wird gerade noch rechtzeitig Frau Doktor Marx, die den Rollstuhl braucht, gefunden. Das muntere Gruppendezimieren geht weiter, als bewußt eine Lawine losgetreten wird. Eine wüste Erpressergeschichte mit Gold und ein tödlicher Verkehrsunfall durch Alkoholmißbrauch werden genannt, bis am Schluß ein kleine Restgruppe politischer Willkür entkommen kann.

Die Menschen des Romans sind ziemlich gemischt. Polizeimensch Menden wird respektlos geschildert, Drogenkurier Scuzzi mit trockenen Kommentaren, der bewertende Arzt am Berg Dr. Welfenheim ist klein und kugelrund. Die Behinderten sind die MS-beeinträchtigte Ärztin, der riesenwüchsige und stotternde Alfred, Sportler Horst im Rollstuhl, der spastische Uwe, der liebevoll Downsyndrom-Mann Egon und Christine mit Hirntrauma nach Pflasterstein am Kopf.
Die 'Knackis' sind Kristof, Ostbacke Ernesto Che, ExBiker Atze, Igelschnitt Alex, Rattengesicht Tom, Gewohnheitsverbrecher Sigismund Piepenkopp und Familienauslöscher Wurstauge.
Zwei Frauen werden genannt - Kim eine große Liebe von Kristof, die leider starb und Mona, mit der wieder Freude kommt.

Der Stil des Buches ist ziemlich flappsig bis schnoddrig. Respekt ist nicht wichtig, aber es kommt soetwas wie Verständnis zwischen den Menschen auf, und auch ein Miteinander.
Witzig ist die Art der Kommunikation bei der sich alles mischt, von kurzen Sätzen, einigen Silben bis zu mühsamen Ausdruck.

Orte der Handlung sind eine Stadt im Ruhrgebiet, und die Berge mit allen Wettern von Sonne, Nebel, Regen bis Schnee. Die Natur bietet  Steine, Bäume, Gräser und auch Höhlen an.

Mir war der Stil etwas zu flappsig und vieles zu konstruiert, aber dann wieder zu wenig skurril. Die Menschen und ihr miteinander war trotz anfänglicher Rauheiten gut zu lesen.

Jörg Juretzka, 1955 in Mülheim an der Ruhr geboren, ist gelernter Zimmermann und baute zuerst Blockhütten in Kanada, bevor er sich aufs Schreiben konzentrierte. 'Prickel', war sein Krimidebüt und der erste Fall für den Privatermittler Kristof Kryszinski, erschien 1998.

Dienstag, 21. Januar 2014

Jacqueline Gillespie : "Schade um die Lebenden"

Jacqueline Gillespie :
"Schade um die Lebenden" - Ein Schneeberg-Krimi
2013, Haymon-Verlag, Innsbruck-Wien
182 Seiten
4 Seiten Glossar mit umgangssprachlichen Ausdrücken
ISBN 978-3-85218-918-5

Der Kriminalroman am Schneeberg erzählt eine etwas krude Geschichte mit zwei Morden, einem Unfall, drei Kriminalbeamten aus der Sicht von zwei Erzählperspektiven.

Charlotte von Schwarz, 'die Schallott', wird nach einem Fest ermordet aufgefunden. Mögliche Täter sind die Familie oder ein ortsbekannter Besoffener, der die Gastgeberin zu einer Ohrfeige provoziert hatte. Sie war aus Deutschland als zweite Gattin mit Herrn von Schwarz gekommen, und hatte sich nie wirklich wohl gefühlt - trotz des gemeinsamen Sohnes, der ein genialer junger Violinist ist. Die Söhne aus der ersten Ehe sind unterschiedlichst - der eine ein Berg-& Natur-Fan, der andere der von der großen Politik träumt. Erst nach dem zweiten Mord und dem Unfall ist klar, wer den Mord warum begangen hatte.

Den Krimi erzählen eine ältere Frau aus Nieselbach, Frau Apollonia, aus Ich-Sicht mit ihren niederösterreischen Satzsstellungen und ostösterreichischen Dialekt-Vokabeln. Sie schaut sich die menschliche Seite an und denkt über deren Verhalten nach.
Auf der anderen Seite stehen Polizeijurist Dr. Patrick Sandor (er hat seinen Zweitwohnsitz in Neiselbach), Kriminalinspektor Müller (vornamenslos) und der Revierinspektor Simon Singer. Hier ist die klassische Krimibetrachtung, in der aus der Außensicht und in Schriftdeutsch beschrieben wird.

Nieselbach ist der fiktive Ort der Handlung. Kirche, Pfarrer, Gasthaus, Bauern, Wiener Gäste etc - alles ist vorhanden. Das soziale Leben wird genauer geschildert; wer mit wem redet oder gemeinsam trinkt ist wichtig. Zur Erzählerin kommen die diversen Menschen in ihren Nöten um einfach reden zu dürfen. Die Liebesgeschichte zwischen dem Kriminalinspektor Müller und seiner Lisi findet Platz, genauso wie der Wunsch geliebt zu werden von Thesi, einem unglücklich agierenden leider unhübschen sechszehnjährigen Mädchen des Dorfes, das noch dazu immer mit ihrer Mutter im Krach ist.

Der Titel wird im letzten Satz genannt, da die Lebenden mit den Scherben aus den Morden umzugehen haben.

Die Geschichte ist gut; leider berührt mich keine der Personen. Wer einen Krimi sucht, der in naßkalten Bergen und doch Sommerhitze spielt, ist bei diesem Roman sicher gut aufgehoben.

Jacqueline Gillespie wurde 1958 als Tochter einer Wienerin und eines Schotten in Wien geboren. Sie studierte Romanistik (Mag.Dr.phil) und war etliche Jahre im Managementbereich tätig. Sie absolvierte die Ausbildung zur Reittrainerin an der Wiener Neustädter Militärakademie. Seit 2001 schreibt sie hauptberuflich. 2004 erschien "Nimm dir was du willst" (Verlag Pro Mente), 2006 "Alles was Recht ist" ( Edition Innsalz) ihr zweiter Kriminalroman. "Schade um die Lebenden" ist ihr dritter Kriminalroman. Sie lebt in Miesenbach/Bezirk Wiener Neustadt in Niederösterereich .

Samstag, 14. Juli 2012

Tess Gerritsen : "Totengrund"

Tess Gerritsen :
"Totengrund"
Roman
original "Ice Cold"
2010, Ballantine Books by Random House Inc.,N.Y.
Deutsch von Andeas Jäger
2010, Limes Verlag München
407 Seiten
ISBN 978-3-8090-2576-4

Der Roman ist ein spannend geschriebener Thriller, indem der Tod einer Gerichtmedizinerin und ihrer Freunde vorgetäuscht wird. Freunde lassen nicht locker und am Schluß ein 30 Jahre alter Umweltskandal aufgedeckt.

Die Gerichtsmedizinerin Dr. Maura Isles fährt mit einem alten Studienfreund und dessen Freunden in die Berge. Sie kommen nicht am Ziel an, entdecken aber einer menschenleeres Dorf - in jedem Haus hängt das Photo eines charismatischen Mannes mit faszinierenden Augen.
In Boston wird sie von ihrer Freundin Jane Rizzoli und ihrem heimlichen Liebhaber dem Pfarrer vermißt. Auch das Auffinden von verbrannten Leichen stoppt Jane nicht weiter nachzuforschen. Sie findet Maura, die mithilfe eines 15-jährigen Jungen mit großem Hund in den Wäldern überlebt hat.
Sie entdecken, daß das Dorf leer ist, weil giftige Gase uralten vergrabenen Fässern entwichen war.

Der charismatische Mann ist Jeremiah, der eine große Schar Bewunderer mit seiner religiösen Vision hat. Sein Modell der Gemeinschaftsarbeit im Dorf wird als positiv empfunden, - aber männlichen Teenager ab 14waren  aus der Gemeinschaft zu verweisen (tw. brutal rauszuprügeln), und die 14 jährigen Mädchen älteren Männern zuzuführen hat bei den betroffenen Kindern große Schäden hinterlassen. Eine Ehemalige rechnet ab.

Die Story ist gut geschrieben. Manche Kleinigkeiten werden mir nicht logisch erklärt, aber die Geschichte hat Drive und ich wollte wissen wie es weitergeht. Mißbrauch in religiösen Umfeld aufzuzeigen ist vermutlich wichtiger denn je.

Die Landschaft, das Dorf, das Überleben im Wald sind gut beschrieben. Die Menschen haben Profil. Ich habe erst nach dem Lesen mitgekriegt, daß Maura und Jane bereits im achten Thriller zusammenarbeiten und Janes Ehemann und Mauras reicher Verehrer offenbar fixe Bestandteile sind.

Ich habe den Roman in einem Rutsch gelesen und mich hat die Geschichte angesprochen. Viel Vergnügen.

Montag, 18. Juni 2012

Erri de Luca : "Das Gewicht des Schmetterlings"

Erri de Luca :
"Das Gewicht des Schmetterlings"
2009, Giangiacomo Feltrinelli Editore, Mailand
original "Il peso della farfalla"
2012, Graf Verlag München - Ullstein Buchverlage, Berlin
aus dem italienischen übersetzt von Helmut Moysich
Nachwort von Helmut Moysich
Laudatio zum Petrarca-Preis von Peter Kammerer
101 Seiten
ISBN 978-386220-007-8

In dem Buch sind zwei grandiose Erzählungen von Herrn Erri de Luca, die sich in der Natur abspielen, abgedruckt, ein langes Nachwort und eine Laudatio zu einem sehr renommierten Preis.

'Das Gewicht des Schmetterlings'
ist eine 67-seitige faszinierende Geschichte über einen wunderschönen einsamen alternden Gamsbock und einen alternden Wilderer. Beiden ist bewußt, daß ihre Zeit abgelaufen ist.
Der Gamsbock ist sein Leben einsam gewesen, seit ein Wilderer vor seine Augen seine Mutter erschossen hatte. Er weiß mit seiner Einsamkeit umzugehen, und weiß sich Löcher zu graben und Baumwipfel zu fressen (was eher unüblich ist).
Der Wilderer mied immer Menschen, trug sich mühsam das Lebensnotwendige zur Hütte in den Bergen und beginnt erst jetzt über eine zähe Journalistin nachzudenken.
Ab und zu zuckelt ein weißer Schmetterling durch die Geschichte, setzt sich auf den Flintenlauf des Wilderers und am Schluß auch auf das Horn des Gamsbocks.
Gewinner im Kampf Mensch gegen Tier gibt es in dieser Geschichte nicht wirklich (außer den Leser).

'Der Besuch des Baumes'
ist eine neun Seiten kurze Geschichte, bei der ein Bergsteiger wiederholte einen Baum in den Südtiroler Dolomiten besucht. Der Baum ist eine Zirbe (Anm : Zirbelkiefer (Pinus cembra)) - einer der widerstandsfähigsten und zähesten Bäume oben auf den Bergen.

Das Leben in den Bergen ist faszinierend beschrieben, wie sich in 'Besuch' die Spannung vor den Blitzen aufbaut elektrisiert fast beim Lesen. Die Sympathie des Autors scheint beim Gamsbock zu sein.
Das Tempo des Buches hat mich an geruhsames und bewußtes Bergsteigen erinnert - in der Vita des Autors war dann nachzulesen, daß er begeisterter Bergsteiger ist.

Selbst beim Lesen in der tosenden lauten Umgebung in der Großstadt zieht es in die Berge, rollen die Felsen fast am Leser vorbei. Mich haben die beiden Geschichten sehr fasziniert und ich wünsche dem Leser das gleiche Vergnügen.

PS: beim Lesen des Nachworts und der Laudatio habe ich jeweils in der Mitte aufgehört zu lesen. Mir war das Geschreibe zu akademisch v.a. nach den starken unmittelbaren Naturbeschreibungen.

Donnerstag, 8. April 2010

Nicci French : "Höhenangst"


Nicci French
"Höhenangst"
original "Killing Me Softly" bei Michael Joseph, London, 1999
aus dem Englischen von Birgit Moosmüller
1999, C. Bertelsmann Verlag, München
383 Seiten
ISBN 3-570-00294-2

Spannende gut lesbare Geschichte, bei der sich das leise Grauen behutsam einstellt.

Alice ist mit Jake zusammen. Die beiden leben ein nettes Leben mit gutem Beruf, netten Freunden und eigentlich läuft alles gut. Nur - plötzlich steht Adam Talllis vor Alice. Sie beginnt eine Affäre mit ihm, beendet ihre Beziehung und heiratet Adam.
Adam ist Kletterer im Himalaya und hat einen Ruf als ruhiger besonnener hilfsbereiter Held, während Alice Wissenschaftlerin mit Höhenangst ist. Nach der Heirat beginnt sie nachzufragen wer dieser attraktive Ehe-Mann menschlich ist und wie seine Vergangenheit. Gemütlich beginnt sich dann zu entspinnen, daß dieser Mann Frauen, die es gewagt hatten ihn zu verlassen oder zu hintergehen, tötete - entweder selber, oder mithilfe des Berges. Alice schafft es trotz ihrer starken sexuellen Beziehung, die auch körperlich tief verletzt, zur Polizei zu gehen. Sie weist den Weg zu einer Leiche - Adam weiß daß es vorbei ist und hängt sich an einem Kletterseil auf.

Spannend finde ich die Bergtourenbeschreibungen und auch schön, daß das Thema Bergwanderung für Touristen reflektiert und diskutiert wird.

Lange bleibt das Buch an der auch erotischen Oberfläche und erst langsam geht Schicht für Schicht der Weg zu dem geheimnisvollen Puzzle auf.

Gutes Buch, das ich jedem empfehlen kann, der sich in die Welt der Berge aber auch der Spannung zwischen 2 Menschen nicht entziehen will.