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Dienstag, 20. August 2024

Michael Köhlmeier : "Matou"

Michael Köhlmeier :                                                                                          
"Matou"
2021, Hanser Verlag
947 Seiten + rotes Lesebändchen
ISBN 978-3-446-27079-4 

Matou ist ein hübscher roter Kater mit weißer Schwanzspitze, der bereits in seinem ersten Leben entdeckt, daß er menschliches Sprechen lernen kann. Später lernt er auch Lesen, und liest sich im Laufe des Romans durch die Enzyklopädien, Romane, Philosophischen Traktate der Weltgeschichte des Menschen.
Im ersten Kapitel lebt er zur Zeit der französischen Revolution bei Camille Desmoulins, dessen Frau, Kind und Schwiegermutter und lernt auch die wichtigen Menschen der französischen Revolution kennen. Der Kater lernt Liebe, Romantik, Charme, Machtspiele kennen. Und menschliches Sprechen
Für das zweite Leben sucht er sich das Leben bei E.T.A. Hoffman und seiner Frau aus. Hier lernt er Lesen. Hoffmans Frau ist allerdings sehr mißtrauisch. Später unternimmt er eine Schiffreise, überlebt im Dschungel und perfektioniert sein intrigantes Spiel indem er Menschen gegeneinander aufhetzt.
Im dritten Leben lebt er auf einer Insel mit anderen Katzen, schwingt sich mit einigen Schlägerkatzen um Diktator auf, hält manipulative Reden, erzählt eigenartige Narrative und kommt am Schluß drauf, daß ihn auch das nicht interessiert.
Im vierten Leben ist er in Afrika und lebt als Leopard, erzählt die Übergriffe aus dem belgischen Königreich auf deren Kosten viele Menschenleben gingen und zieht mit einem verstümmelten Mädchen als Albtraumerinnerung durchs Land.
Das fünfte Leben ist in Prag bei einem Ehepaar mit dick gefüllter Bibliothek, deren Enzyklopädie er liest. Paulina Bartok ist eine sensible Künstlerin, die das Wilde sucht. Bei Kriegsausbruch 1914 ist alles vorbei.
Sein sechstes Leben verbringt er in den USA, was für europäische Katzen sehr ungewöhnlich ist. Er hat sich Andy Warhol ausgesucht, weil er sich ein luxuriöses Leben gewünscht hat und eine große Bibliothek, was beides nicht geklappt hat.
Im siebenten Leben ist er in Wien, und wohnt bei einer netten älteren Frau und ihrem etwas faden Neffen, den er bereits als Kind tröstet. Der Neffe studiert Philosophie und der Kater hilft ihm dabei, und versucht ihm die Wichtigkeit von Charme beizubringen.

Zwischen den verschiedenen Leben erzählt der Kater vom Leben im "Weggemachten" mit den anderen Katern und Katzen in der Zeit zwischen den sieben (europäische Katzen) bis neun (amerikanische Katzen) Leben der Katzen.
Eine der Katzen merkt sich wie Matou (wie er sich selbst nennt, auch wenn ihm Menschen anderen Namen geben) die verschiedenen Leben; Fragnichtchen ist eine schöne Katze mit blauen Augen, die Matou vom dritten bis fünften Leben immer wieder trifft.

Die Geschichte ist aus Ich-Sicht des Katers geschrieben, und springt dementsprechend auch in den Erzählebenen, und es gibt jede Menge Hinweise auf andere Leben.

Es gibt lange Abhandlungen über den "Charme", wer ihn hatte oder gehabt haben mag, und wie man Charme lernen kann. Viel ist über Macht und Machtspiele zu lesen. Matou vergräbt sich auch in die Werke der großen Philosophen und versucht damit den Menschen zu entschlüsseln, denn ihm bleibt immer unklar warum manches für Menschen wichtig ist und einiges nicht.

Da ich zugegebenermassen den Stil des Autors sehr mag habe ich mich in die langen Sätze, komplizierten Schachtelungen gerne eingelassen.
Es gibt viele Hinweise und lange Leselisten für weiterführendes Lesen.

Ich habe fast drei Jahre an diesem Buch gelesen, das mich zwar sehr interessiert hat im Sinne von wie geht es weiter, mußte aber meinen Widerwillen gegen diesen obergescheiten arroganten intriganten und eigentlich mir nicht sympathischen "Kater" kämpfen.

In Summe ein wunderbares Buch, das mich viele Stunden gut unterhalten und in den Bann gezogen hat.

Michael Johannes Maria Köhlmeier wurde am 15. Oktober 1949 in Hard (Vorarlberg) geboren. In den 70-er Jahren begann er mit Hörspielen, in den 80-er Jahren wurden die ersten schriftstellerischen Arbeiten veröffentlicht.

Samstag, 4. Dezember 2021

Clarice Lispector : "Aber es wird regnen"

Clarice Lispector :
"Aber es wird regnen" - sämtliche Erzählungen II
original "Todos os contos"
2016, Editora Rocco Ltda
Herausgegeben von Benjamin Moser
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby
2020, Pinguin Verlag
Band I war 2019 auf deutsch erschienen
253 Seiten + 3 Seiten Inhaltsverzeichnis + 2 Seiten Auflistung der Originaltitel + 6 Anhang (bibliographische Notizen)
Lesebändchen !
ISBN 978-3-328-60095-4

In diesem Band sind kurze und lange Erzählungen gesammelt. Die Geschichten sind zwischen bezaubernd bis sehr unter die Haut gehend; manche wirken lange nach. Die Erzählungen sind über einen längeren Zeitraum entstanden. 

Von den vielen Geschichten zogen mich vor allem "Wo wart ihr in der Nacht", "Brasilia" und "Bericht vom Ding" zogen mich in ihren Bann.

In den Geschichten ist viel von Einsamkeit und kleinen und großen Unglücken der Menschen zu lesen. Es gibt wenig Hoffnung.

Ich habe einige Monate an den Geschichten gelesen, weil sie weder einfach noch schnell zu lesen waren, und sehr eindrücklich sind. 

In Summe ein sehr intensives, sehr empfehlenswertes Buch. Viel Freude an diesen Erzählungen.

 Clarice Lispektor (eigentlich Chaja Pinkussowna Lispektor) wurde am 10 Dezeber 1920 in Tschetschelnyk / Ukraine geboren. Die Familie kam 1922 in Brasilien an. Sie arbeitete als Lehrerin und schrieb Artikel. 1944 erschien ihr erster Roman "Perto do coração selvagem" (Nahe dem wilden Herzen). Nach der Scheidung schrieb sie weiter Artikel, betrieb eine Zeitschrift, und machte Interviews. Sie starb am 9. Dezember 1977 in Rio de Janeiro / Brasilien.

Freitag, 22. Mai 2020

Albert Sánchez Pinol : "Der Untergang Barcelonas"

Albert Sánchez Pinol :
"Der Untergang Barcelonas"
Roman
original "VICTUS. Barcelona 1714"
2012, Edicions La Campana, Barcelona
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
2016, Fischer Verlag Frankfurt - Taschbuchausgabe
695 Seiten + 2 Seiten Vorbemerkung + 4 Seiten Chronologie des spanischen Erbfolgekrieges + 11 Seiten Verzeichnis der Personen
ISBN 978-3-596-19773-6

Der Autor führt uns anhand der halbfiktiven Gestalt des Martí Zuviria durch die zweite Hälfte des spanischen Erbfolgekrieges Anfang des 18. Jahrhunderts, und auch die Unverträglichkeit zwischen Katalanen und Kastillanen. Martí Zuviria, kurz Zuvi genannt, wird in Frankreich von einem der Großen der Baumeister der Stadtmauern, Sebastian Vauban, in die Ingenieurskunst eingeführt. Nach dessen Tod beteiligt sich Zuvi zuerst auf der Seite der Franzosen und Spanier, dann auf Seite der Österreicher und Katalanen, und am Schluß an der Verteidigung Barcelonas gegen alle. Der Autor nutzt eine fiktive Gefangennahme um das Geschehen der Franzosen-Spanier beschreiben zu können, bis Barcelona fällt.

Das Buch ist in drei große Kapitel unterteilt.
In "Veni" ist Zuvi der unbeherrschte versoffene Jugendliche, der nur Unsinn und Frauen im Kopf hat, der aber Schloß Bazoches das Beobachten, das Denken, und Planen lernt.
In "Vedi" zieht er mit den Heeren durch Spanien, lernt Herzog Beswick, Don Antonio Villaroel, Rafael Casanova, Miliquet Ballester und andere großherzige und letztklassige Menschen auf dem Schachbrett des aktuellen Krieges kennen. Auch die privat für ihn wichtigen Menschen treffen in diesem Kapitel zusammen. Allerdings bleibt er unbeherrscht und versoffen.
In "Victus" geht es um die letzten 14 Monate bis Barcelona fällt, in der die Verzweiflung, die Sturheit der Menschen aber auch die arrogante Dummheit der regierenden Oberschicht mit viel Leidenschaft beschrieben wird.

Der Roman ist dicht, emotional, und packend geschrieben. Obwohl ich Kriegsbeschreibungen nicht mag, haben mich die Schilderungen der Kriegs-Ingenieurskunst, die verschiedenen Ansätze des Schlachten führens, und die Probleme zwischen Militär und Fehleinschätzungen von Politik, fasziniert.
Die Sympathie liegt bei den Katalanen, die damals bereits 200 Jahre von den Kastillern ungerecht behandelt wurden; es gibt zu große Unterschiede zwischen den Werten, der Art des Lebens um hier ein schönes Zusammen zu finden. Der Fall Barcelonas am 11. September 1714 hat weitere Ungerechtigkeiten als Folge. Mir war nicht klar gewesen, daß die aktuelle Unabhängigkeitsbewegung der Katalanen (2019/2020) eigentlich jahrhundertealte Wurzeln hat.

Es gibt deftige, erotische Beschreibungen, auch die Kriegswirren und Kollaterralschäden herum sind handfest beschrieben.

Die Menschen in dem Roman werden mit starken Beschreibungen entweder sympathisch - unsympathisch, fähig - unfähig, charismatisch - uninteressant, loyal - illoyal - situationselastisch oder mit starken Vorlieben und Vorurteilen beschrieben.
Die Liebe, Frauen, eine wichtige Frau (Amelis), Kindersatz in Form eines verwahrlosten Buben (Anfan) und eines Zwerges (Nan) bilden die emotionale Familie die Zuvi eine Art von Rückhalt gibt.

Humor blitzt auf wenn besonders einfältige Adelige beschrieben werden, unfähige Oberste oder die fiktive Gestalt, der das Buch diktiert wird.

Als roter Faden zieht sich die Suche Zuvi-s nach dem sogenannten "Mystere" durch das Buch. Es geht bei diesem Geheimnis um eine zugrundeliegenden Wert der Kriegs-Ingenieurskunst, von dem Zuvis Lehrer immer wieder sprechen, und das Zuvi erst ganz am Schluß entschlüsselt.
Spannend ist die Anerkennung und Rivalität der Kriegsingenieure untereinander. Tätowierungen zeigen den Rang an, der Anerkennung erzeugt, aber auch Neid.

In dem Buch sind auch Abbildungen von Barcelona und dem Kriegsgeschehen untergebracht, die helfen das Geschehen zu verstehen.

In Summe ein starkes, großartiges Buch, das ist gerne weiterempfehle !

Albert Sánchez Piñol wurde am 11 Juli 1965 in Barcelona geboren. Er begann Jus zu studierte, beendet dann aber sein Studium der Anthropologie. Er schreibt meist auf katalanisch, das oben genannte Buch ist bis jetzt das einzige, das er auf spanisch geschrieben hat. 2000 erschien sein erstes Buch 'Compagnie difficili'. Mit 'La pell freda', auf dt. "Rausch der Stille" kam 2002 sein Druchbruch (ich habe das Buch am 31. Mai 2012 in den Blogg gehängt).

Donnerstag, 30. April 2020

Stefan Zweig : "Schachnovelle"

Stefan Zweig :
"Schachnovelle"
1942, Buenos Aires
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Da ich für eine Schuljugendliche als Sparing-partner für den Deutschunterricht ausgewählt worden war, habe ich diese Novelle nach vielen Jahren, Jahrzehnten wieder einmal gelesen.

Auf einem Schiff in New York nach Buenos Aires trifft der Schachmeister Mirko Czentovics ein. Er ist einseitig interessiert, liebt und lebt nur Schach, und die Anerkennung dadurch. Eine Gruppe schlechter Schachspieler gelingt es ihn durch Geld zum Schachspielen zu gewinnen. Plötzlich schaltet sich ein feiner Mann ein, und es gelingt die Partie auf Remis zu lenken. Dieser feine Mann, Dr. B, erzählt der ich-person-Erzähler sein Leben : er hatte vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Wien für Klöster die finanzielle Sachen geregelt. Um an dieses Vermögen zu kommen, wird Dr. B in Einzelhaft ohne intellektuellen Reiz gesteckt. Knapp vor dem Zerbrechen, bekommt er ein Buch in die Hand, was sich als Buch über 150 Schach-Meisterpartien  entpuppt. Zuerst enttäuscht beginnt er dem Einsamkeitskoller durch Schachtraining zu entkommen. Er beginnt eigene Partien zu entwickeln und spaltet sich in ichweiß und ichschwarz, was ihn ins Fieber und ins Gefängnisspital bringt. Einem Arzt vor Ort verdankt er das aus dem Gefängnis kommen. Bei der Schachpartie zwischen dem Meister und ihm rutscht Dr.B. wieder ins Fieber.

Mich hat das Buch wie vor vielen Jahren emotional in Besitz genommen. Die Schilderungen der Einzelhaft, die Befragungen nochmals und nochmals durchzudenken, sowie der geistige Rettungsanker durch das Schachbuch gingen mir unter die Haut.
Dr.B.s Bemerkung über 'Legion der Benachteiligten, der Zurückgesetzen, der Gekränkten', die als Wasserträger für den Nationalsozialismus arbeiteten gab mir zu denken.

Die Gegenüberstellung des eher groben Klotzes Czentovics, der wegen des Pfarrers als Kind Schach lernte und es zum Weltmeister brachte, und die des feinsinnigen juristisch denkenden Menschen Dr. B. mit menschlichen Werten, ist für mich faszinierend.
Erschreckend sind noch immer die Eindrücke die Einzelhaft bei geistig aktiven Menschen ausrichten kann, und wie Menschen geistig zugrunde gerichtet wurden (und vermutlich immer noch werden).

Ort der Handlung sind ein Schiff, eine juristische Kanzlei, ein Gefängnis und ein einfaches Dorf.

Die Sprache Stefan Zweigs mit schönen Metaphern, derzeit alten Vokabeln und Fremdworten, und schönen Formulierungen wie beispielsweise 'Famulus', 'banat' (?), peripatetisch (?), Marasmus, Tyrannis des Zufalls bis Schachvergiftung.

Ein wunderbares eindrückliches Buch, das immer wieder gelesen werden muß !

Bio von Stefan Zweig "Brasilien - Ein Land der Zukunft" vom 31. Dezember 2013.

Donnerstag, 31. Januar 2019

Rabih Alameddine : "Eine überflüssige Frau"

Rabih Alameddine :
"Eine überflüssige Frau"
Roman
original "An Unnecessary Woman"
2013, Grove Press
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Marion Hertle
2016 / 4. Auflage 2017 Louisoder Verlags GmbH München
Lesebändchen
440 Seiten
ISBN 978-3-944153-30-8

Aaliya Saleh, eine 72-jährige Frau erzählt von ihrem Leben als Buchhändlerin, als erste Tochter ihrer Mutter die nach dem Tod des Vaters an dessen Bruder verheiratet wurde und immer übersehen wurde, ihrer Freundin Hannah, dem Leben in der Stadt Beirut in den Angriffen und auch in Friedenszeiten. Ihre Liebe gehört der arabischen Sprache, und deshalb übersetzt sie grandiose Romane aus englischen und französischen Übersetzungen ins arabische. Hier ist ihr Ziel pro Roman ein max zwei Jahre zu übersetzten.

Das beginnt Ende des Jahres mit ihren Überlegungen welches Buch sie zu Neujahr zu übersetzen beginnen wird. Es endet mit der Entscheidung für die nächsten zwei Bücher. Dazwischen sind der Versuch des ältesten (gräßlichen) Halbbruders die gemeinsame Mutter bei ihr abzuladen, ein Besuch im Museum, ein Besuch bei ihrer Mutter und überraschende Zusammenarbeit mit ihrer Nichte, und ein Wasserrohrbruch im Haus, das ihr überraschende Hilfe der drei anderen Frauen im Haus zuteil wird.

Das Buch ist aus ich-sicht geschrieben. Ihre Blicke, was sie sieht, was sie denkt ist notiert.
Am wichtigsten sind ihr Hannah eine Freundin die Teil der Familie ihres kurzzeit-Ehemannes gewesen war, dann kommen ihre Bücher und dann lange nichts. Ihre Familie hat sie nicht für sie interessiert, also macht sie es genauso; die drei starken Frauen in ihrem Haus sind ganz anders als sie, sie kümmern sich um Kinder, Mode, Männer und Intrigen (in unterschiedlichen Gewichtungen).

Auf fast vierhundert Seiten werden großartige Bücher der Weltliteratur beschrieben, und die Liebe Aaliyas zu diesen. Mir sind die Hälfte der Bücher bekannt, was Platz für Lesenanregung der nächsten Jahre macht.
Dazwischen wird Glen Gould genannt und andere Meilensteine der klassischen Musik, aber auch die großen Damen des arabischen Gesangs wie Oum Kouthoum.

Das Buch ist für mich eine Art Liebeserklärung an gute Bücher quer durch die Literaturgeschichte, die Art und Weise wie über Bücher und deren Charaktere geschrieben wird ist, macht neugierig auf deren (wieder oder erstmals) Lesen.

Aaliya schreibt über sich selbst auch humorvoll und selbstironisch. Übersetzt heißt Aaliya 'die Erhabene'. Es bringt zum Lächeln, wenn sie mit ihre Namen mit fehlerhaft blau gefärbten Haaren in Verbindung bringt und damit sprachlich spielt, und andere Mißgeschicke oder verblaßte Träume aus ihrem Leben.

Die Ausdrucksweise in diesem Buch fasziniert mich. Die Metaphern und andere Bilder in der beeindruckenden Stadt Beirut, die Gedanken über die Bücher haben mich in den Bann gezogen. Eigen war für mich daß ein Mann diese Frau so schön beschrieben hat, vielleicht ist hier aber auch der Übersetzerin der Tribut für diese sprachliche Schönheit und Dichte zu zollen.

Dieses wunderbare Buch hat meiner Ansicht nach leider den falschen Titel - auch wenn Aaliya sich selbst - da geschieden und kinderlos - als überflüssig sieht.
Auf spanisch lautet der Titel "La mujer de papel" (cirka 'Die Frau aus Papier'), auf französisch wurde "Les Vies de papier" (übersetzt cirka als 'Die Leben am Papier') als Titel gefunden, die mir beide viel besser als der Original und deutschsprachige Titel gefallen. Der italienische Titel ist "La traduttrice" ('die Übersetzerin').

In Summe ein großartiges Buch mit einer Offenheit für die Schönheit von Sprache und Literatur, aber auch zu Menschen. Viel viel Freude beim Lesen und Versinken in diese Welt !

Rabih Alameddine wurde in 1959 in Amman/ Jordanien geboren. Er ist Maler und ist in englischer Sprache schreibender Schriftsteller.  Er ist Sohn libanesischer Drusen und wuchs in Kuwait, Libanon  auf und lebt ab seinem 17. Lebensjahr in England, später Kalifornien. Nach seinem Studium war er als Ingenieur tätig. 1998 erschien sein erster Roman "Koolaids. The Art of War". Er lebt in San Francisco und Beirut.

Mittwoch, 17. Februar 2016

Michael Chodorkowski mit Natalija Geworkian : "Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis"

Michael Chodorkowski mit Natalija Geworkian :
"Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis"
aus dem Russischen von Steffen Beilich
2012, Deutsche Verlags.Anstalt
5 Seiten Vorwort Michael Chodorkowski + 2 Seiten Anstelle eines Vorwortes Natalija Geworkian+ 609 Seiten + 11 Seiten Anstelle eines Nachworts von Michael Chodorkowski + 7 Seiten Namensverzeichnis
ISBN 978-3-421-04510-2

In diesem hochinteressanten, aber nicht einfach zu lesenden Buch erzählen der ehemalige Unternehmer Michael Chodorkowski und die Journalistin Natalija Geworkian in abwechselnden Kapiteln über die Zeit in Rußland in den 90-er Jahren den letzten Jahrhunderts, als einige gewiefte und mutige Menschen Geschäfte machten und aufbauten. Hier wurden Lücken im Gesetzt genutzt um eine Bank zu gründen, Firmen zu erwerben und später dann auf Geheiß des damaligen Präsidenten Jelzin diesen auch zu unterstützen. Parallel erhält man den Eindruck, daß es den Menschen in dem Land nicht gut gegangen sein dürfte, wogegen erst Ende der 90-er Jahre Versuche hier aufzufangen gestartet wurden. Der Einstieg ins Öl-Geschäft war ein Wagnis, das durch die wechselnde Ölpreise ein wirkliches Hasard-spiel war; nebenbei wurde die Technologie der Öl-Förderung verbessert, sodaß nicht mehr so viel Schwund erzielt wurde. Die Gruppe hatte mit dem Ölpreis auch Glück und konnte so weitere Firmen erwerben und einen Konzern aufbauen. Unterstützungen an Parteien wurden nach dem Tod Jelzins nicht mehr gut geheißen, wie andere Ziele der Gruppe auch. Einige reisten rechtzeitig aus, andere blieben und wurden verhaftet. Was in dem Buch über die Prozesse, deren Ablauf, die manchmal eigenartigen Anklagen, zu lesen ist, macht kein großes Vertrauen. Die Gelassenheit, oder vielleicht auch Schwerblütigkeit, die der Autor als typisch russisch beschreibt, mag geholfen haben, mit manchem leichter fertig zu werden.

Im letzten Kapitel geht es um Mögliches : hier gehen Wirtschaft - Politik - Wirtschaftspolitik - Politikphilosophie komplex ineinander über.

Ich habe dieses Buch gekauft, als Michael Borissowitsch Chodorkowski noch im Gefängnis saß, aber erst in den letzten Monaten gelesen. Es ist ein beeindruckendes Buch, auch wenn die Rolle bei den Firmenerwerbungen über die Pfandbriefe zwar legal, aber vermutlich nicht ruhmreich gewesen sein dürfte. Dieses Image ist nicht einfach abzuwaschen, obwohl danach viel in Menschen, in Bildung, in die unterschiedlichsten Parteien aller Richtungen und auch in Offenheit des Geldes investiert worden war. Rückwirkend gesehen wäre es interessant zu wissen, wie das Engagement in neueres Denken und neue Strukturen innerhalb der Bevölkerung das Land geändert hätte.

Faszinierend ist wie die Menschen geschildert werden. Chodorkowski selber, sein engster Mitstreiter, Platon Lebedew der auch im Gefängnis saß, Leonid Newslin der es nach Israel schaffte, genauso wie Michael Brudno; aber auch Roman Abramowitsch bis zu Wladimir Putin und seinem Getreuen Igor Setschin erhalten viel Raum. Auch privates wird erzählt, wobei der Eindruck bleibt es hier mit Workoholics zu tun zu haben.

Eigen ist eine Passage in der erzählt wird, daß sich Chodorkowski aussuchen konnte ob er einen russischen oder jüdischen Paß möchte. Für ihn keine Frage als Russen. Ihm wurde jedoch geraten Technisches zu studieren, da er in Geisteswissenschaft aufgrund dieser Frage keine Chancen erhalten würde.

Das Buch ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung: man sollte über Rußland mit seinen Menschen einiges wissen, über die Politik in Rußland, über Erdöl und es ist sprachlich auf hohem intellektuellem Niveau geschrieben/übersetzt.
Sowohl Frau Geworkian  als auch dem Übersetzter Herrn Beilich ist hier zu danken, wie viel sie als hilfreiche zusätzliche Information in Fußnoten dazuschreiben oder anmerken.

In Summe ein faszinierendes Buch, für dessen Lesen ich Monate gebraucht habe, aber es nochmals in einiger Zeit lesen sollte. Die Faszination wünsche ich anderen Leserinnen & Lesern ebenso !

Michail Borissowitsch Chodorkowski wurde am 26. Juni 1963 in Moskau geboren.  Er ist ein russischer Unternehmer, früherer Oligarch  und ehemaliger  Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns Yukos . Von Oktober 2003 bis zum 20. Dezember 2013 befand er sich in Haft.  Kurz vor Weihnachten 2013 wurde Chodorkowski nach seinem Gnadengesuch überraschend begnadigt und freigelassen. Am 25. Dezember 2013 wurde bekannt, dass das Oberste Gericht Russlands zwei gegen Chodorkowski verhängte Urteile überprüfen lässt. Er lebt jetzt im Exil in der Schweiz.

Natalia Geworkjan, 1956 in Moskau geboren, arbeitet seit 1996 für die angesehene russische Zeitung Kommersant, zunächst als Sonderkorrespondentin für Politik und Wirtschaft, heute als Pariser Korrespondentin des Blatts. 1991 erhielt sie die amerikanischen Auszeichnung „Freedom of Press“. Sie veröffentlichte ein Buch über den KGB und einen Gesprächsband mit Wladimir Putin. Michail Chodorkowski lernte sie Anfang der neunziger Jahre kennen.

Steffen Beilich ist bilingual aufgewachsen mit Deutsch-Englisch, und maturierte 1992 in Magdeburg (Deutschland). Er ist Übersetzer für Russisch-Deutsch / Englisch-Deutsch / Belarussisch (Weißrussisch)-Deutsch // Deutsch-Englisch, Deutsch-Russisch; Dolmetscher für  Deutsch-Russisch-Deutsch / Deutsch-Englisch-Deutsch / Englisch-Russisch-Englisch und spezialisierte sich v.a. als Fachübersetzer und Dolmetscher für Umwelt, Klima, Politik und Kultur.

Montag, 30. Dezember 2013

Stefan Zweig : "Brasilien"

Stefan Zweig :
"Brasilien" - Ein Land der Zukunft
1941 erstmals bei Bermann-Fischer Verlag AB, Stockholm erschienen
Insel Taschenbuch 4208
2013, Suhrkamp Berlin
275 Seiten
13 Seiten Einleitung von Stefan Zweig
13 Seiten Nachwort von Volker Michaels, Frankfurt a. Main 1994
ISBN 978-3-458-35908-1

Das Buch ist ein wunderbares Buch mit wunderschöner Sprache, schönen Bildern im Kopf und spannend geschrieben. Der Roman eignet sich weniger zum Querhinunterlesen sondern es ist schöner hier die Sätze, Metaphern bewußt und konzentriert zu lesen, auch wenn das mehr Zeit benötigt.

Vor allem die Geschichte grandios erzählt. Auf diesen Teil wieder immer wieder zurückgegriffen, wenn die Wirtschaft extra erzählt wird oder einzelnen Städte in ihrem auf und ab mit der Entwicklung der Rohstoffe wie Kautschuk, Kakao oder Kaffee reflektiert. Am willkürlichsten liest sich der Teil als der Goldrausch ausgebrochen war, und zwei Generationen später bereits erloschen war.

Die ersten 80 Seiten Geschichte sind spannend erzählt. Fast so spannend wie ein gut geschriebener Thriller. Brasilien wurde meist in Ruhe gelassen, die hohen Erwartungen die an die von den Spaniern entdeckten Länder gerichtet waren und zu derem raschen kulturellem Ruin führten, fand hier nicht statt. Dafür haben hier die Jesuiten über Generationen viel an Schulung durchgeführt, die später von den eigenen Landsleuten durch Menschenraub zunichte gemacht wurde. Dann kam interimistisch der portugiesische Königshof um den europäischen Wirren zu entfliehen. Für Rohstoffgewinnung brachten später Schiffe ladungenweise Arbeiter aus Afrika. Zuwanderer kamen aus Deutschland, Holland etc ..

Das Völkergemisch aus ausgewanderten und angelieferten Menschen bietet ein vielfältiges Kulturangebot, das sich Kirchen der verschiedensten Ausstattungen wiederspiegelt. Wie Stefan Zweig die vielen unterschiedlichen Kirchen in Bahia, 'der alten Dame', beschreibt macht Freude zu lesen.

Stefan Zweig betrachtet Literatur, Lyrik, Musik,  Architektur, das reiche Pflanzenangebot und die Freundlichkeit der Menschen und im Miteinander. Er sah sich Kaffee und Kautschukplantagen an, und auch den damals aktuellen Stand der Goldgewinnung. Hier war er enttäuscht, denn keine Sinnlichkeit war zu spüren, obwohl so viel Arbeit in der Gewinnung steckt, die dann wegegesperrt wird

Hochinteressant ist zu lesen wie er Rio de Janeiro, Sao Paolo, Bahia, die Goldstädte, Recife in ihren Unterschiedlichkeiten vergleicht und auch Lebensqualität wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und kulturelle Umgebung eingeht.

Das Buch ist nicht unumstritten. Teilweise wird behauptet, daß das Buch quasi ein Auftragswerk im Gegenzug zum guten Leben in Brasilien sei. Im Nachwort ist vermerkt, daß Zweig vorgeworfen wurde zu positiv über Brasilien schrieb und die durchaus existierenden Probleme schön schrieb. Bei den Absätzen in denen er die Favelas in Rio pitturesk beschreibt und die Neger (er verwendet das Wort) so nett und freundlich und unbekümmert ihre Blechbehausungen gelassen von einem Hügel auf den anderen tragen, versteht man diese Überlegungen.

Vorwort und Nachwort sind hier absolut empfehlenswert ebenfalls zu lesen. In Summe ein großartiges Buch, das ich großteils genossen habe. Viel Muße und Freude beim Lesen !

Stefan Zweig wurde am 28. November 1887 in Wien geboren. Er war rasch als Romancier anerkannt und seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Er reiste viel und lernte über den PEN-Club Brasilien kennen. Als der von ihm initiierte Verlag nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten seine Werke nicht mehr drucken durfte, und es auch in Österreich (Zweig lebte in Salzburg) eng wurde, nahm er die Einladung in Brasilien zu leben - nach Scheidung für Neuvermählung - an. Trotzdem nahm er sich 1942 in Petrópolis, Brasilien, das Leben.

Sonntag, 31. März 2013

Antonio Skármeta : "Mit brennender Geduld"

Antonio Skármeta :
"Mit brennender Geduld"
Roman
original "Ardiente paciencia", 1984
aus dem chilenischen Spanisch von Willi Zurbrüggen
1985, erstmals bei Piper Verlag, München
2000, ungekürzte Taschenbuchausgabe
143 Seiten inkl. 4 Seiten Prolog und 2 Seiten Epilog
ISBN 3-492-22678-7

Der wunderbare dichte Roman, schildert die Freundschaft zwischen den berühmten Dichter Pablo Neruda und dem jungen, einfachen Fischersohn Mario, der lieber als Briefträger arbeitet.

Pablo Neruda ist der einzige in dem Dort am Meer der Post erhält. Mario traut sich ihn stotternd anzusprechen. Der große Dichter hilft ihm die große Liebe Marios zu erringen (sie heißt Beatriz). Nach Allendes Wahlsieg wird Neruda Botschafter in Paris. Als der große Dichter den Nobelpreis verliehen erhält, organisiert Mario in dem Dorf an Meer eine riesengroße Fiesta, bei der ausnahmsweise niemand merkt daß Boykotte, Streiks und Nahrungsmittelunterversorgung mittlerweile an der Tagesordnung stehen. Neruda kehrt krank zurück, Allende wird getötet und das Militär übernimmt die Macht, die Kontrolle - aber Mario schafft es den Dichter noch einmal vor dem Tod zu besuchen. Nach dem Begräbnis wird auch Mario verhaftet.

Neben der Freundschaft zwischen Neruda und Mario ist die große Liebesgeschichte zwischen Mario und Beatriz, inkl. Schwierigkeiten durch Institution Schwiegermutter, sinnlicher Gegenpol. Die starke sinnliche Erotik der Schmuseszenen und mehr sind deutlich, die Spannung schön beschrieben.

Humorvoll finde ich wie Neruda Metaphern beschreibt und versucht dem einfach gestrickten Menschen vor ihm Ideen, Bilder und Anregungen zu eigenen Metaphern zu vermitteln (nicht nur seine einzusetzten). Knochentrocken ist die Schwiegermutter, die mit Metaphern ebenfalls, aber handfest, umzugehen weiß. Mario hat am Ende des Buches auch ein Gedicht geschrieben.

Berührend ist die Idee, in der Neruda Mario ein Kassettengerät aus Paris schickt und ihn ersucht ihm die Töne der Heimat aufzunehmen (die Möwen, das Meer, die Glocken, etc.), weil er im Winter vom Schnee eingeschlossen Paris Heimweh hat.

Der Titel des Romans ist einem Gedicht Rimbauds entnommen. Dieses Gedicht hat Pablo Neruda anläßlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1971 an ihn in seiner Rede zitiert.

Der Druck des Buches ist netterweise in einer etwas größere Schrift (Brille suchen entfällt).

Ein eindrücklicher schöner poetischer Roman, der mich gepackt und in seinen Bann gezogen hat. Die Beschreibungen gingen unter die Haut. Ein wunderbares Buch !

Antonio Skármete wurde am 7. November 1940 in Antofagasta in Chile geboren. Seine Eltern waren aus Brac, dem heutigen Kroatien nach Chile gekommen. Als Anhänger Salvador Allende mußte er Chile verlassen und lebt in West-Berlin. Er war Dozent für Lateinamerikamische Literatur und schrieb auch Drehbücher. 1989 bis 2000 lebte er wieder in Chile, bis er zwischen 2000 und 2003 als Botschafter nach Berlin gesandt wurde. Im chilenischen Fernsehen präsentiert er Buch-Neuerscheinungen.

Freitag, 6. Mai 2011

Thomas Bernhard : "Wittgensteins Neffe"

Thomas Bernhard :
"Wittgensteins Neffe" - 'eine Freundschaft'
1982, Bibliothek Suhrkamp Band 788
163 Seiten
ISBN 3-518-01788-8

Wie schreibt Thomas Bernhard eigentlich, fragt sich ein Theatergeher, der vor Jahren im Wiener Volkstheater eine dramatisierte Version von "Wittgensteins Neffe" im leider halbleeren Raum genossen hat ? Wie seine Biographien, die als 5 Bücherln damals über dtv erhältlich waren ?

Ähnlich intensiv liest sich der Rückblick Thomas Bernhards auf eine Freundschaft mit einem vermutlich faszinierenden, aber vermutlich auch nicht weniger anstrengenden Mann.
Mit Paul Wittgenstein (1907 - 1979) verband Thomas Bernhard Musikliebe, die Gabe Menschen zu beobachten oder zu durchschauen, Gesellschaftsschemata zu bewerten und zu klassifizieren, aber auch gemeinsam Verrücktes zu machen und zu schweigen.
Böse beschreibt Thomas Bernhard u.a. die Überreichung eines Preises an ihn bei der Akademie (bei der nicht einmal seine Biographie korrekt war) und das Verhalten von Menschen gegenüber chronisch Kranken (egal ob Geist [Paul Wittgenstein] oder Körper [er selber]).
Für einen Leser, der Musik liebt, ist es schön in den musikalischen Szenerien (mit) zu mitschwelgen, die Herr Wittgenstein und Herr Bernhard miteinander auch bei Freunden erleben (dürfen).
Eindringlich ist es wenn Thomas Bernhard beschreibt wie ihm die körperlicher Nähe-Bedürftigkeit seines Freundes schwer fiel, und noch mehr als er das Ende von Paul Wittgenstein beschreibt, bei dem die Freunde den geistigen, körperlichen und finanziellen Abstieg miterlebten und aus Scham auf Distanz gingen.

Ein wunderbares, starkes, eindringliches Buch, das nicht wirklich losläßt / nicht loslassen soll.

Dienstag, 19. April 2011

Elfriede Jelinek : „Winterreise“


Elfriede Jelinek :
„Winterreise“
Untertitel auf der Innenseite ‚Ein Theaterstück’
2011, Rowohlt Verlag
127 Seiten
ISBN 978-3-498-03236-4

Der Gusto nach Jahren wieder einmal den Einsatz von Sprache von Elfriede Jelinek zu erleben bzw. darin zu versinken ließ mich nach dem Buch greifen. Vorneweg : ich wurde nicht enttäuscht, sondern habe das Buch (das ich nicht als Theaterstück, sondern als Prosa gelesen habe) sehr genossen.

In acht Kapiteln, die unterschiedlich lang sind, nimmt die Autorin und Sprachspielerin Themen auf, die uns alle – manche mehr in Österreich – manche auch im sonstigen Europa bewegen.

Die nach außen hin griffigen Themen sind die Art und Weise wie die Öffentlichkeit mit dem Menschen Natascha Kampusch umgeht, weiters eine zynische Abrechnung über die Machenschaften der Hypo Adria, und einige Betrachtungen zum (Un-)Wesen Vernetzung bis zu sozialen Netzwerken die keine Informationslöschung mehr zulassen und in denen der Wunsch nach Liebe zugrunde gemacht wird. In dem für mich stärksten Kapitel versucht sie sich in die Welt eines geistig abbauenden Menschen zu versetzen und annahmeweise (denn ob es von innen so ist wissen wir nicht) den Verlust von Merken und damit den Verlust von Menschen und Zuwendung schildert.
Daß autobiographische Teile wie die dominierende und vermutlich übergroße Liebe der Mutter aber auch die Alzheimer Krankheit des Vaters eingebaut sind, ist für mich legitim.

Sonst geht es viel um Zeit – Zeit als etwas das Vorbei ist, Zeit in der Öffentlichkeit in der immer kurzweiligere Informationen gebracht werden soll(t)en, Zeit in Netzwerken bzw. Zeitlosigkeit (weil sich Daten nicht mehr löschen lassen), der laut dröhnende Tourismus der Zeitwahrnehmung bremst, Zeit die das Jetzt sein möchte und sich kürzestfristig als sich auflösende Träne manifestiert.

Wieso Winterreise ? weil Frau Jelinek, offenbar Schubartfan, in dem Kapitel über den Merkverlust das verstärkte nicht-mehr-merken von (Ver)Weiser(n) anmerkt, und die „Verweiser“ aus Schuberts/Müllers „Winterreise“ zitiert. Auch andere Zeilen aus der „Winterreise“ werden behutsam in die Texte gestreut.

Ich habe die Texte und die Art und Weise wie die österreichische Nobelpreisträgerin für Literatur mit Sprache oder Sprachbildern umgeht mit Konzentration, aber doch sehr genossen. Viel Vergnügen beim Hineintauchen in diese Sprachwelt.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Rudyard Kipling : "Kim"


Rudyard Kipling :
"Kim"
1901 auf englisch erschienen
deutsch von Hans Reisinger
1981, Deutscher Taschenbuchverlag
13. Auflage 2007
328 Seiten
ISBN 978-3-423-12602-1

Das ist für mich ein wunderbares vielschichtiges Buch, eine herrliche farbenfrohe aktive Geschichte voll mit verschiedenen Religionen, Menschen aus verschiedenen Schichten.

Kim O'Hara ist ein Bub, der sich geschickt und intelligent durchs Stadtleben von Lahore schlägt, und in Mahbub dem wichtigen Pferdehändler einen Freund hat. Ein Lama aus Tibet taucht auf und erzählt daß er auf der Suche nach einem Fluß ist, der alle Sünden abwäscht. Kim beschließt sein Chela zu werden, indem er für den alten weisen Mann sorgen wird, und gleichzeitig das Land sehen wird.
Da Kim ein gescheiter, gewitzer junger Mensch ist, der rasch aufnimmt welche Wünsche, Flüche oder Verhaltensweisen erfolgreich sind, und auch verschwiegen ist, vertraut ihm Mahbub ein Schreiben zur sicheren Weiterlieferung an. Später erst wird klar, daß damit ein größerer Krieg und viele Tote verhindert worden waren.
Auf der Reise durch das Land sehen der Lama und Kim viele unterschiedliche Menschen, Gesellschaftsschichten, Religionen und Teufelsglauben, und erfahren weil der Lama als heiliger Mann gilt meist günstige Aufnahme (im Tausch gegen Segen, Schutz oder Horoskoplesen).
Als sie zu nahe an einen Trupp englischer Soldaten kommen, enthüllt sich, daß Kim irischer Abstammung und kein Inder ist. Ein Pater und ein Oberst setzten ihren Einfluß, daß Kim die ihm zustehende westliche Ausbildung erhält. Der Lama setzt seine Kontakte in Gang und schafft es, daß Kim auf die beste dieser Schulen kommt. Kim ist drei Jahre dort und lernt lesen, schreiben und die Kunst Karten zu zeichnen. In den Ferien zieht er mit Mahbub, dem Pferdehändler und Spion durchs Land, oder sucht mit dem Lama den heiligen Fluß oder wird bei Lurgan, einem Mann der Magie und der Edelsteine und der Heilmedikamente in die Kunst der Heilung eingeführt.
Danach enthüllen Mahbub und Babu/Hakim Kim, daß sie dringend seine 'spionistische' Hilfe im Norden Indiens brauchen, und Kim und der Lama machen sich auf den Weg in die Kälte und Schnee der Berge. Während es dem Lama als geborener Mann der Berge immer besser geht, hat Kim als flachlandgewohnter Mensch einige Anpassungsprobleme. Die beiden treffen dort auf Männer und es gelingt ihnen in den Besitz geheimer Berichte zwischen Rußland und anderen Stämmen und abtrünnigen Königen zum kommen und diese zu übergeben.
Zurück im Flachland bei einer scharfzüngigen reichen Sahiba, wird Kim wieder gesund gepflegt und der Lama erreicht nach Fasten und Meditieren Reinigung im Fluß und damit Erlösung seiner Sünden und auch der Menschen die er liebt.

Kipling beschreibt sehr schön Menschen, Kleidung, Charakteristika unterschiedlicher Religionen, Häuser in der Stadt oder am Land; er geht schön auf die Hitze im Süden des Landes ein, genauso wie auf Schnee, kalten Wind, verkarstet Gebirgszüge und deren tierische Bewohner; es ist faszinierend wie er dem Süden die großen Wasserbüffel und dem bergigen Norden die Bergziegen, kleinen Wollschafe und kleinen Kühe zuschreibt.

Auch wenn Kim der Hauptprotagonist ist, finde ich das Heilsuchen des Lamas faszinierend. Die Art wie er mit Medition, Fasten aber auch "Verdienst erzielen" durch das Senden Kims in die beste Schule an sich arbeitet. Als er in Zorn gerät weil ihn ein Mensch in den Bergen schlägt, verzweifelt er fast an der Schuld weil der nicht das Rad des Lebens akzeptieren kann.

Einziges Manko in dem Buch ist für mich, daß ich gerne eine Karte Indiens mit den wichtigsten Punkten dieses Buches im Anhang gefunden hätte.

Ich habe den Roman genossen : die Spiritualität, die Menschen, die Ziele, die Beschreibung von Landschaften und hoffe andere Leser genießen ihn genauso wie ich.

Samstag, 24. Juli 2010

Erich Maria Remarque : "Liebe Deinen Nächsten"


Erich Maria Remarque :
"Liebe Deinen Nächsten"
Roman
1941 in USA unter "Flotsam" erschienen
1953 dt. Erstausgabe Kurt Desch Verlag, München
3. Auflage 2004 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
319 Seiten
27 Nachwort von Tilman Westphalen über Remarques Biographie, Zeitgeschichte der Zwischenkriegszeit, Zeitgeschichte von Flucht und Überleben ohne Papiere im Ist-Roman-Vergleich
3 Seiten Anmerkungen aus Fußnoten
ISBN 3-463-02730-1

Es ist ein sehr gut geschriebener Roman, in denen das Leben dreier Menschen in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg schildert, als Menschen aus politischen Gründen nicht nur ihre Existenz sondern auch Identität mangels gültigem Paß verlieren (können).

Die Geschichte hat zwei Teile und schildert als quasi ersten roten Faden wie es Josef Steiner als Kellner, als Falschspieler, als Wiener Praterbelustigung etc. ergeht. Der zweite rote Faden ist Ludwig Kern, den es als Halbarier zuerst in die Tschechoslowakei, dann Österreich, dann wieder die Tschechoslowakei mit Ausweisungen verschlägt, der sich aber verliebt, und dann wieder Mut in der Trostlosigkeit faßt und via Österreich, und dann Schweiz nach Paris schafft. Die Geschichte des Mädchens, Ruth Holland, ist der dritte rote Faden, in dem sie zuerst mit enttäuschter Liebe fertig werden muß, aber es legal, weil sie noch einen Paß hat (im Gegensatz zu den beiden anderen), nach Österreich schafft, in Wien leider nicht mehr weiterstudieren kann, und gemeinsam mit Ludwig in die Schweiz und dann nach Paris schafft. Ihnen beiden ermöglicht Josef Steiner und Glück daß sie nach Mexiko auswandern können.

Am Anfang des Buches wird die Trostlosigkeit, die Mutlosigkeit, die angst geschildert erwischt zu werden und mangels Papieren ausgewiesen zu werden. Der markante Satz “Ein Mensch ohne Paß ist eine Leiche auf Urlaub” schildert die Grundstimmung. Steiner und Kern lernen sich bei ersten Gefangennahme Kerns kennen, und Steiner nutzt die Zeit Kern Kartenspielen und falls notwendig Falschspielen beizubringen. (Auch später wird Gefängniszeit zum Lernen benutzt – in dem Kern bei einem Mitinsassen französisch lernt).
Später wird der Umgang mit keinen Papieren fast zur Selbstverständlichkeit und man lernt mit Hilfe gutorganisierter und wohlmeinender Menschen die Grenzen zu nehmen; immer hoffend daß man nicht von der Polizei geschnappt wird.

Rund um diese drei Hauptprotagonisten gibt es Menschen, die immer wieder den Weg eines der drei oder aller drei kreuzen, wie “der Poulet” oder Moritz Rosenthal, andere die kurzfristig da sind wie Lilo die Steiner in Wien im Prater beherbergt, Dr. Bree in der Schweiz der Ruth Holland im Krankenhaus unterbringen kann etc.
Polizisten und rechtssprechende Personen werden im weiten Spektrum zwischen faktischem neutralen Gesetz anwenden, genüßlicher Machtausübung bis zu das System hinterfragend aber keine Lösung findend (aber mi kleinen Gutes zu tun versuchend) geschildert.
Der Völkerbund, der über die ausweislosen Menschen und deren Leben Bescheid weiß, aber nichts effektives tut, wird nur geschildert (nicht kommentiert).

Die Schilderungen von Personen, Gefühlen und Gedanken sind sehr klar, und produzieren fast ein Filmscript im Kopf. Auch die Gegenden, die Umgebung, die Ort sind klar gezeichnet und fast zu greifen, fast ist die Nase versucht mitzuschildern.

Das Buch ist “gefährlich”, weil es mit seiner menschlichen Unmenschlichkeit unter die Haut geht und berührt. Situationsbedingte Lösungen werden nicht gezeigt. Das was Mut gibt ist, daß Menschen Menschen helfen können.

Freitag, 26. März 2010

Connie Palmen : "Luzifer"


Connie Palmen :
Luzifer
'Lucifer' 2007 bei Prometheus, Amsterdam
aus dem Niederländischen von Hanny Ehlers
Diogenes Verlag Zürich, 2008
414 Seiten
1 Seite Nachwort
ISBN 978-3-257-06642-5

Ein großartiges Buch, das Menschen wie mich die Musik lieben, inkl. der verrückten und starken Menschen in den Bann zieht.

Das Buch handelt von der Beziehung 2 "wahrer" Menschen - da ich aber keinen Bezug zu den "Vorbildern" habe, habe ich beschlossen das Buch einfach als das zu sehen was es ist: als einem faszinierenden Roman der von ziemlichen Egozentrikern handelt.

Ein Komponist ist mit seiner Lebensgefährtin und dem gemeinsamn Sohn auf Urlaub in Griechenland. Sie stürzt beschwipst über eine Mauer in die Tiefe und stirbt.
Gerüchte wollen wissen ob dieser Fall ein Unfall ist oder doch Absicht ?
Lösung wird keine angeboten, aber jede Menge von faszinierenden aber verstörend egoistischen Menschen in der Künstlerszene, die sich entweder in Szene setzen oder die Szene beobachtend geschildert werden.

Der Komponist bekennt sich nach dem Unfall zu seiner Homosexualität, schreibt seine Oper (in der Tschaikowski gezwungen worden sei das verseuchte Wasser zu trinken, da er sonst bloßgestellt worden wird) und entwickelt eine "Klanguhr" mit deren Hilfe er Harmonie in der Komposition schaffen möchte.
Kommentar eines seiner Beobachter: er redet vom Leben, aber bringt vielen seiner jungen Partner (in Zeiten von Aids) den Tod.

Einer der Freunde des Komponisten ist Journalist/Schriftsteller und schreibt in seiner Beobachtung wunderbare Portaits. Er nennt seines über den Komponisten "Luzifer" und ein anderes über Claude Villier "Schwarzer Engel" - "Luzifer" wird allerdings nie veröffentlicht.

Das Buch ist stark wie es in Dichtung und auch Musik des 20. Jahrhunderts inkl. Auseinandersetzung mit Arnold Schönberg, aber auch Boulez und Stockhausen herumspringt.
Die Menschen in der Niederlande, die hier beschrieben werden sind starke Charaktäre, stark in Beobachtung, stark in Emotion, stark auch in Beobachtung und Zerlegen der Psyche des anderen.

Das Buch will genossen werden, und ist nicht einfach zu lesen - Hut ab vor der Übersetzterin !

Ich kann den Roman wärmstens Lesern empfehlen, die Musikfreaks sind und sich gedanklich auf verrückte, charismatische und auch entsetzliche egoistische Menschen einlassen wollen.

Sonntag, 21. Februar 2010

Leo Perutz: "Der Judas des Leonardo"


Leo Perutz
"Der Judas des Leonardo"
Erstausgabe Zsolnay Verlag 1959
dtv 2007
mit Nachwort von Hans-Harald Müller
201 Seiten
2 Seiten Schlußbetrachtungen des Verfassers
6 Seiten Nachwort
1 Seite editorische Notiz
ISBN 3-423-13304-X

Ein wunderschöner Roman, der sich Zeit läßt, der mich in den Bann gezogen hat mit seinen Menschen, seiner Sprache, auch mit dem in die Zeit und seine (im Vergleich zu heute) Langsamkeit ziehen.

Messer Leonardo arbeitet an seinem Abendmahl im Kloster Santa Maria delle Grazie und erzürnt die Patres da er seit Monate nicht weiterarbeitet. Vom Herzog von Mailand auf das Warum angesprochen erklärt der Maler, daß er einen Kopf suche: die Vorlage für den Judas Ischariot, weil er nicht Geldgier sondern eine andere Emotion abbilden möchte - den verletzten Stolz und die verletzte Liebe.
Parallel dazu ist ein böhmischer Geschäftsmann, der mit allem handelt, mit dem man handeln kann, in der Stadt. Er möchte nach Abschluß seiner Geschäfte eine alte Schuld gegenüber seinerm Vater eintreiben, die aber dem schlimmsten Wucherer und Geschichten erzähler der Stadt gegen steht.
Joachim Behaim der gepflegte Geschäftsmann verliebt sich in ein bezauberndes Mädchen.
Dieses Mädchen wird von einigen Männern angeschwärmt und auch von dem Mann Mancino der vor Jahren sein Gedächtnis veloren hat und jetzt durch Lieder singen, Dichten und Morden überlebt, beschützt. Sie ist aber die Tochter des Wucherers.
Als dem Deutsche dies offenbart wird, vertreibt er die Zuneigung und seine Heiratswünsche zu ihr aus seinem Herzen, und stiftet sie mit einer Lügengeschichte an Geld von ihrem Vater zu stehlen, um sie nachher zurückzuweisen.
Ehe der wucherische Vater draufkommt das die Tochter Geld entwendet hat, stellt sich Mancino beim Stehlen so dumm, daß ihn der Wucherer attakiert und tödlich verletzt. Dies gibt der Stadt die Handhabe gegen den Wucherer endlich vorzugehen - und Leonardo hat endlich die Vorlage für den Judas: Behaim wird Jahre später als er wieder mit Handel durch Italien zieht mit dem Gemälde und der daraus resultierenden Verachtung der Menschen konfrontiert.

Das Buch erzählt die Geschichte spannend und ruhig, es vermittelt ein Italien-gefühl mit Markt, Handwerkern (Holzschnitzern, Pferde hufschmieden, Malern, Zuckerbäckern, etc.), Höflingen, Reichtum und Armut, guten und schlechen Wirtshäusern und Absteigen und skizziert in einigen Strichen das Ambiente.

Ich habe das Buch genossen und kann es nur weiterempfehlen !

Montag, 8. Februar 2010

Leena Lander: "Im Sommerhaus"


Leena Lander
"Im Sommerhaus"
aus dem Finnischen und mit einem Nachwort versehen von Angela Plöger
Original "Iloisen kotiinpaluun ausinsjat"
1997, Verlag Söderström, Helsinki
deutsch Wilhelm Goldmann Verlag, München
1. Auflage Taschenbuch September 2001
352 Seiten
ISBN 3-442-72770-7

Ein schönes intensives Buch, das es trotz der Schwierigkeit mehrerer Zeitebenen schafft, die Spannung und Neugier zu halten, und dessen dicht beschriebene Szenen und Menschen unter die Haut gehen.

Lys Bergmann besucht ihren Jugendfreund Olavi Harjula. Hier starten die unterschiedlichen Zeitebenen und verwobenen Handlungsstränge der Menschen, denn sie sucht Hanna Aalto. Nebenbei lernte ich einiges über die Geschichte Finnlands nach dem 2. Weltkrieg.

Lys Bergman - Tocher eines Archäologen in Afrika - kehrt mit ihrer Familie kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges nach Finnland zurück. Ihr Vater wird geschätzt und beneidet - geschätzt weil er im Kinderheim der einzige ist, der die Kinder mit seinen Geschichten zu unterhalten und motivieren weiß.
Olavi Harjula ist der einzige Sohn einer Angestellten in der Schiffswerft, deren russisch Kenntnisse ihr die Arbeit für die Herstellung der als Reparationszahlungen verlangten Schiffe verschafften.
Im der Stadt hat ein Schwesternpaar ein Heim für Kinder aufgemacht - Kinder, die nach Schwedern geschickt worden waren, nun alle zurückkommen müssen, aber nicht immer willkommen sind. Sie versuchen Kindern die finnisch verlernt haben, wieder ein Heim zugeben - das Buch deutet an, welche Wunden die doppelte Entwurzelung für die Kinder (zuerst Familie und Finnland zu verlassen, dann Schweden und neue Familie zu verlassen) geschlagen hat. Daß es nicht alle Kinder so gut hatten eine neue Familie zu finden, sondern nur als gratis Arbeitskraft gegolten haben dürften, ist auch festgehalten.
Hier lebt ein Mädchen, das Hanna Aalto genannt wird und (fast) nicht spricht. Dieses Mädchen nimmt Lys Vater als zweite Tochter in sein Haus - bzw. das seiner Frau und seines Schwiegervaters - auf.

In Szenen wird beschrieben wie Lys und Olavi ihre Teenager-Körperlichkeit miteinander entdecken, daß niemand Hanna vermißte, daß Lys Vater seiner Frau nicht treu war, daß den Schwestern die Arbeit im Heim nicht leicht fiel, daß es die Finnen schafften fast unlösbare Reparationszahlungen in Form von Schiffen wirklich zurückzuzahlen, daß Karrelien im 2. Weltkrieg heiß umkämpft war, und immer wieder im jetzt wie Lys und Olavi sich schwer tun im Großelternalter (beide haben längst Kinder und Enkelkinder) miteinander zu reden.

Knackpunkt ist, daß Lys von Olavi zu einem Zeitpunkt schwanger wurde, als Lys Vater des Sex mit seiner Ziehtochter Hanna angeklagt worden war, aber Hanna nichts zur Klärung beitragen konnte, da sie verschwunden war. Olavi wußte nichts von seiner Vaterschaft. Lys hatte aber einen Brief ihres Kindes (eines Buben) mit ihm erhalten, der um die Geschichte seiner Eltern ersuchte. Lys ersucht Olavi ihr zu helfen den Ruf ihres Vaters zu reinigen - den Ruf als Kindsverführer, der bei einem Unfall das Leben ihrer Eltern gekostet hatte, und sie in ihrer Schwangerschaft in den Wahnsinn getrieben hatte - sodaß sie sich überreden hatte lassen ihr Kind zur Adoption freizugeben.

Lys versucht Hanna zu finden, damit diese ihr helfen möge und langsam entrollt sich, daß Hanna ein russisches Konzentrationslager als einzige der Familie überlebt hat. Als Reparationsleistung hätte sie sofort nach Rußland zurück übergeben werden müssen. Einige Zeit lang war sie als billige Arbeitskraft in einer Fuchsfarm untergebracht, wo sie da sie bei den Füchsen schlief/schlafen mußte. Das jetzt aber auch wohin sie nach ihrer Zeit bei Lys Familie entschwunden war, bleibt aber verborgen.

Ein eigener Erzählungsstrang wird einem Stein auf einer Insel gewidmet, der eigentümliche rote Zeichnungen aufweist, die Lys Vater faszinieren. Phantasietiere und ein Phallus snd wichtige Elemente der Zeichnungen. Es sind aber keine archaischen alten Zeichnungen, sondern Rache der Mädchen die den Zieh- resp. Vater beim außerehelichen Vergnügen beobachtet hatten.
Teile der Zeichungen werden dann zum Puzzlestein zu Hanna, denn die Tiere weisen auf russischen Ursprung genauso wie ihre vier Puppen, die die Namen ihrer vier Schwestern haben, die im Konzentrationslager umgekommen waren.

Befriedigendes Ende gibt es für mich nicht. Es bleiben Fragen : Fragen über die Zeit damals und Fragen wie sich die Geschichte der Darsteller weiter entwickeln würde.
Mir ging der Roman unter die Haut. Ich kann ihn gerne weiterempfehlen an Leser die sich gerne in andere Landschaften entführen lassen, denn vor meinem Auge lief fast ein Film ab.