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Dienstag, 22. September 2020

Kerstin Cantz : "Fräulein Zeisig und der frühe Tod"

Kerstin Cantz :
"Fräulein Zeisig und der frühe Tod"
Kriminalroman
2019, Knaur Verlag
275 Seiten
ISBN 978-3-426-52261-5

Ein totes Kind wird gefunden, später eine erwürgte Jugendliche. Hauptkommissar Manschek holt sich Hilfe bei der Weiblichen Kriminalpolizei in Gestalt der jungen Frau Zeisig, die sich engagiert aber mit Gefühl den toten Menschen und deren Familien widmet. Sie befragt die Familien, die Umgebung, und Freunde der toten um am Schluß dem Tod des Kindes erklären zu können. Ludwig Maria Seitz, der als Journalist zwar Schlagzeilen braucht, aber doch mit Respekt vor Menschen schreibt, kommt dem Mörder der jungen Frauen gefährlich nahe.  

Parallel zu den Geschehnissen krachen Jugendliche und Polizisten mit Gewalt aneinander, da kleine Ausgelassenheit und strikter Gehorsam aufeinanderprallen, was viele Verletzte auf beiden Seiten und emotionale Gräben produziert. Selbst beobachtende Journalisten und neutrale Photographen werden aufgemischt.

Ein dritter Handlungsstrang der nur kurz ist, aber mir unter die Haut ging widmete sich einer jungen Frau, die im KZ gewesen war, und von einer Barackenleiterin als hure eingeschätzt wurde und ins Soldatenbordell gesteckt worden war. Sie hat zwar körperlich überlebt, aber diese Zeit und die Leiterin nie vergessen gehabt. Diese Rechnung wird drastisch beglichen.

Ort der Handlung ist München Anfang der 60-er Jahre. Frauen müssen im Beruf - wenn sie dies überhaupt dürfen - Röcke tragen, und freundlich unaufdringlich sein; oder sie sind als veritable Schreckschrauben gezeichnet. 

Die Menschen sind zwar distanziert beschrieben, aber nicht unfreundlich und mit Mitgefühl für die vielen persönlichen Enttäuschungen die jeder Person in diesem Roman zu tragen hat.

Der Roman ist gut geschrieben, und läßt nach dem Lesen nicht los. Viel Freude dabei.

Kerstin Cantz wurde 1958 in Potsam geboren. Sie studierte Publizistik, arbeitet als Journalistin, und sattelte dann auf Drehbuchautorin und Schriftstellerin um.

Sonntag, 6. Oktober 2019

Wilhelm Kuehs : "Mein letzter Wille geschehe"

Wilhelm Kuehs :
"Mein letzer Wille geschehe" - ein Kärnten-Krimi
2017, haymon tb Verlag
296 Seiten
ISBN 978-3-7099-7883-2

Journalist Ernesto Valenti ist hier in seinem (?) dritten Fall unterwegs. Ihn ersucht ein ex-häftling seine Lebensgeschichte zu schreiben und beteuert seine Unschuld an dem Mord an seiner Ehefrau. während Valenti die großen und kleinen Events in und um Wolfsberg (in Kärnten) für das Tagesblatt besucht, beschreibt, beschreiben läßt und für die Veröffentlichung im Computer setzt besucht er die ausgesiedelten unbeliebten Säufer und Säuferinnen nahe einem entfernten Schloß und versucht den Tod dieses Ex-Häftlings zu klären. auf der einen Seite sind die zugedröhnten Alkoholiker auf der anderern Seite Geschäftsführer, Arzt, Bürgermeister, Abgeordneter und Jäger. Der Journalist macht sich einige Feinde, und entwirrt am Schluß einiges aus der Vergangenheit inklusive wer den Mord begangen hatte.

Ort der Handlung ist Wolfsberg mit Umgebung, und die Burg Waldenfels und einiges im Lavanttal. Zeit ist Oktober und November, was Raum für Halloween Beschreibungen bietet.

Christine Lavant, die österreichische Lyrikerin, die von sehr berühmt bis gar nicht geschätzt wird, wird in einem schönen Artikel beschrieben, aber auch in Politikerreden, die sich vorurteilsgemäß eher unkundig äußern.

Die Sympathien des Journalisten liegen bei der Gruppe Menschen die sich mit Alkohol und anderem ihren tristen Alltag erträglich macht, aber deren Leben von Vorschriften erschwert wird. Saufen, Kotzen, und Zuschlagen kommt ziemlich unsympathisch an.
Als Gegenüber wird ein Abgeordneter aufgebaut, der engstirnige intolerante Kommentare schiebt, der alleinerziehende Mütter lieber als Alkoholiker unterstützt, im Wahlkampf neue Jobs verspricht die wieder nicht umgesetzt werden.

Der Krimi ist nicht ganz einfach geschrieben, und fließt nicht. Allerdings ist die Geschichte spannend, und der alte Mord wird endlich richtig aufgelöst.

Sonntag, 21. April 2019

Günther Zäuner : "A negativ - Wenn das Blut versiegt"

Günther Zäuner :
"A negativ - Wenn das Blut versiegt" - Ein Kokoschanski-Krimi
2018, Verlag Federfrei Marchtrenk
231 Seiten + 3 Seiten Anmerkungen in denen Zitatquellen stehen, sowie Wienerisch und Gaunersprache übersetzt werden
ISBN 978-3-99074-025-5

Heinz Kokoschansky wird aus seiner inneren Sicherheit geworfen als sein Sohn aus Rache in einen Fahrradunfall verwickelt und schwer verletzt wird. Im Krankenhaus wird ihm erzählt, daß die Blutgruppe des Buben rar sei. Parallel versucht eine mysteriöse Gruppe den unabhängigen Internet-Nachrichten-Sender von ihm und einigen engen Freunden zu kaufen; vorsichtiges Verhalten provoziert eine saftige Erpressungsmeldung. Weitere Informationen bringen zwei geldgierige gewissenlose Ärzte, Verbindungen in die Ukraine und zu einem Flüchtlingslager, einige mysteriöse Verbindungen und Seilschaften und viel ungute Machenschaften auf Kosten von Menschen.
Für den Buben und die Familie geht die Geschichte gut aus, für einige andere Menschen leider nicht.

Der Roman ist spannend geschrieben. Der Hintergrund über Blutgruppen, Rhesusfaktor, weitere Blutfaktoren bis zur Thematik von Verwendung von Blutspenden, Plasma, Organspende und die großen "Player" am weltweiten Blut-Parkett ist viel recherchiert, und macht in mancher Verflechtung Angst.
Leider ist der Aufhänger mit Blutgruppe A-negativ etwas zu simpel zu strukturiert, denn bei dieser Blutgruppe wäre in Aufruf über die sozialen Medien um vieles erfolgreicher gewesen.

Kokoschatzky liebt seinen Beruf als unabhängiger Journalist. Sein engster Freund genannt Freitag steht ihm mit Internet recherche zur Seite. Die jüngere hübsche ehemalige Polizistin Lena ist ihm enge Familie, und Rettungsanker. Dr Grundmann ist arrogant, Dr. Kusyn eiskalt, Schwester Rebecca empathisch und verantwortungsbewußt und Dr. Rettenbach engagiert geschildert.

Leider wird auch politisch gegen die aktuelle und die frühere konservative Regierung Österreichs in den letzten 20 Jahren geschrieben, als ob die Freiheit des Journalismus nur von dieser Seite Eingriffe erführe.

In Summe ein spannendes Buch um ein Bubenleben, die Wichtigkeit Medizinprodukte von mafia-ähnlichen Organisationen frei zu halten, das leider aber nur halbgut ausgeht. gute Lesespannung !

Günther Zäuner wurde am 27. März 1957 in Wien geboren. Er studierte Geschichte und  klassische Philologie. Nachdem er bis 1983 Lehrer für Latein, Geschichte und Musik war, ist er heute freier Schriftsteller, Journalist, und Drehbuchautor. Der erste Kokoschatzky Krimi erschien mit 'Kokoschatzkys Instinkt' 2003. Mittlerweile sind dreizehn Kriminalromane mit dieser Figur am Buchmarkt und einige andere spannende Kriminal-Thriller-Geschichten erschienen.

Samstag, 30. März 2019

Reinhard Kaiser-Mühlecker : "Enteignung"

Reinhard Kaiser-Mühlecker :
"Enteignung"
Roman
2019, S. Fischer Verlag
218 Seiten
ISBN 978-3-10-397408-9

Ein Journalist mittleren Alters der viel Erfolg gehabt hatte, lebt im Haus der verstorbenen Tante, schreibt kleine Artikel und Glossen in einem Ortsblatt und fliegt zu Entspannung mit kleinen Flugzeugen. Weil ihm langweilig ist, rutscht er in eine erotische Beziehung mit der Lehrerin Ines. Durch einen Zeitungsartikel kommt er wieder mit einem Schulkollegen Flor in Kontakt und beginnt auf dessen Schweinebauernhof als Hilfskraft mitzuarbeiten. Die Frau des Bauern, Hemma, beginnt ihn zu faszinieren was zu geheimen Treffen führt, und er bemerkt, daß Flor ebenfalls eine geheime Beziehung mit Ines hat. Der Gemeindebedienstete Benam macht Flor Probleme, und Parker der Chefredakteur rutscht ins Burn out. Am Schluß gibt es zwei Tote, und der Ich-Journalist und Parker verlassen den Ort.

Die Geschichte wird aus Ich-sicht erzählt. Jan / Walter gleitet als Beobachter ohne emotionale Beteiligung oder Ziel durch das Leben. Ihn überrascht, daß er eifersüchtig bei Ines wird, und auch daß ihm die Zeit mit Hemma wichtig wird. Einzig der Kater und das kümmern um ihn, sowie das Grab der Tante sind ihm wichtig. Am Ende steht wieder Unbeteiligung und Beobachtung.

Das politisch-ökologische Drama bei dem Flors Wald enteignet wurde, um einem Windpark in einer windlosen Gegend zu bauen, läßt ihn kalt; auch daß Benam eine Baugenehmigung an Flor wegen persönlicher Rache nicht weitergibt, ebenfalls.

Ort der Handlung ist eine Stadt in der österrechischen Provinz, von der wenig spürbar ist. Es wird nur der Supermarkt genannt, und das lokale Zeitungsblatt.
Die Zeitspanne ist von heißem Hochsommer, über Winter, bis es wieder warm ist.
Die Landschaft ist oft von oben aus dem Flugzeug beschrieben und zeigt die Größe von Wald und Landwirtschaft.

Die Sprache und die Beschreibungen haben mich in den Bann gezogen. Die Szenerien sind wie mit einem Aquarellpinsel gezeichnet.
Umso mehr haben mich die nicht-österreichischen Formulierung wie "hoch sehen", "sich auf einen Stuhl setzen" und "schöner Wein" gestört. Hier sollte ein Lektorat die österreichische Sprache nicht für den deutschen Markt zurecht korrigieren, da sie bei dem Autor nicht stimmig ist.

Angenehmerweise ist von vielen erotischen Treffen in dem Roman nur eines eindeutig geschildert, bei den anderen gibt es nur ein kurz davor und kurz danach, und bleibt damit im dem Leser/der Leserin vorstellbaren oder streichbaren Raum.

Auf dem Cover ist die Zeichnung einer schlafenden Katze eines niederländischen Zeichners. Es ist nett, daß eine Katzenabbildung auf dem Cover mit einer Katze im Roman korreliert.

In Summe hat mich dieser Roman fasziniert, seine unbeteiligte Hauptfigur, die Schilderungen der Ausflüge im Flugzeug und der Landschaften. Viel Freude beim Lesen und Genießen !

Reinhard Kaiser-Mühlecker wurden am 10. Dezember 1982 in Kirchdorf an der Krems  geboren und wuchs in Eberstalzell (Traunviertel / Oberösterreich) auf. Er studierte Landwirtschaft, Geschichte und internationale Entwicklung in Wien. 2008 erschien sein erster Roman "Der lange Gang über die Stationen". Der siebente Roman - ein Dorfroman - "Fremde Seele, dunkler Wald" gelangte auf die Shortlist 2016 des deutschen Buchpreises. "Enteignung" ist sein achter Roman.

Montag, 18. März 2019

Gudrun Lerchbaum : "Wo Rauch ist"

Gudrun Lerchbaum :
"Wo Rauch ist"
2018, Argument Verlag, Ariadne 1233
276  Seiten + 2 Seiten Anmerkungen und Dank
ISBN 978-3-86754-233-3

Olga, die an Multiple Sklerose erkrankt ist, versucht mithilfe des Trauerredners Adrian und der etwas verrückten Kiki, die nach einem Mord aus dem Gefängnis entlassen wurde, den Tod ihres Exmannes Can zu erklären. Can war ein charismatischer und investigativer Journalist gewesen, der sein Heimatland Türkei zwar geliebt hat, aber keine extremen und diktatorischen oder gar freiheitseinschränkenden Ideologien unterstützte, im Gegenteil diese medial anprangerte. Die Suche nach Unterlagen führt zum Laptop und einem charismatischen Friseur, unangenehmen Besuch durch einen kampferprobten Mann, Kontakt mit der Wiener Polizei und Cans Familie. Am Schluß wird Cans Tod durch die tatkräftige Unterstützung von Cans Familie aufgeklärt.

Die Geschichte wird aus drei Blickwinkeln und Persönlichkeiten geschildert : Olga, Kiki und Adrian.
Olga muß neben ihrem Mißtrauen gegenüber vielen Menschen und etablierten Strukturen, auch mit ihrem Körper der immer weniger da macht was sie will, auseinander setzten; ihren Verstand betrifft die Krankheit nicht, allerdings ist sie nicht bereit weniger bissig mit ihrem Umfeld umzugehen.
Adrian, der als Grabredner die richtigen Sätze drechselt und Verwandte mit Mitgefühl begleiten kann, läßt sich wiederwillig in die Recherchearbeiten ziehen und entdeckt, daß ihm die üppige ermittelnde Polizistin gefällt.
Kiki wird als Assistenz von Olga engagiert, und macht bei ihren Versuchen zu helfen, ziemliche Fehler und Selbstüberschätzungen. Mich persönlich hat die Figur ziemlich genervt.

Die türkischen politischen Hintergründe und Seilschaften sind frei erfunden, bleiben aber trotzdem ungut in Erinnerung. Die Konstruktionen von militärischen Organisationen mit kampflustigen Gesellen, sowie engstirnige Frauengemeinschaften und der unfreundliche Auftritt der Staatsgewalt machen beim Lesen Angst.

Die Menschen sind unterschiedlich engagiert, charmant, intelligent, organisationstreu oder flexibel im Denken geschildert. Es kommt viele wirklich gut weg, da jeder meint daß nur seine Gesinnung und Toleranz-Intoleranz richtig sei. Einzig Adrian versucht einen Weg zu gehen, um Menschen nicht nur vor den Kopf zu stossen oder anderen seine Ansichten aufzudrücken.

Beim Lesen bekam ich wieder einmal Respekt vor der Arbeit als Assistenz für körperlich behinderte Menschen. Wie diese einerseits nur Hände oder Füße sein sollen, ohne zu denken, andererseits aber die körperlichen Probleme bereits vorweg denken sollen, imponiert mir.

In Summe ein spannender Kriminalroman.

Gudrun Lerchbaum wurde als Gudrun Hepperle am 13. April 1965 in wien geboren. Sie lebte als Kind in Wien, Paris und Düsseldorf. In Wien studierte sie an der Technischen Universität Architektur und konzepierte Textilkunst. 2015 erschien ihr erster Roman "Die Venezianerin und der Baumeister".

Sonntag, 28. Oktober 2018

Marlene Streeruwitz : "Nachkommen"

Marlene Streeruwitz :
"Nachkommen"
Roman
2014, S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt
328 Seiten
ISBN 978-3-10-074445-6

Die junge große gutaussehende Nelia Fehn hat ein Buch geschrieben. Am ersten Tag der Frankfurter Buchmesse wird in Großvater in Österreich begraben, bevor sie nach Frankfurt abfliegt. Bei der Buchmesse gewinnt sie den begehrten Buchpreis leider nicht - sie hätte das Geld für die Operation ihres griechischen Freundes gebraucht. Sie lernt ihren biologischen Vater kennen, wird am Verlagsmarkt präsentiert, absolviert zwei Interviews und merkt wie wenig sie in das Bücherbusiness hineinpaßt. Erschwerend kommt dazu, daß ihre Mutter mit dem Literaturbetrieb gut umgehen konnte, und etabliert war; sie wird immer mit ihrer Mutter, die gestorben war als Nelia 16 war, verglichen.

Der Roman ist aus Sicht der jungen Frau / der Autorin geschildert. Ihre Handlungen und Gedanken und Eindrücke werden beschrieben. Bei ihren Gedanken handelt es sich oft um nicht um ganze Gedankengänge, sondern oft um Gedankenfetzten, einzelne Worte, Assoziationen. Manches dreht sich im Kreis und droht sich tot zu laufen, manche Gedankenstränge machen sich quasi selbstständig und es entstehen teilweise skurrile Ideen und Wortschöpfungen.
Es geht unter die Haut wenn sie beschreibt, daß sie als spät gekommenes Kind ihrer Mutter von fast allen ihrer Familie abgelehnt wurde. Nur eine Freundin und deren Freund in Griechenland schaffen es nach der Mutter Tod eine Art Heimat zu geben. Nur der Großvater war für sie eine positive Gestalt innerhalb der Familie, der sie in ihrer offenbar Andersheit akzeptiert hat. (Das anders sein waren die illegitime Geburt und daß sie ihrem Vater ähnlich sieht).

Das Thema Banken und Griechenland wird durch die Bankenhochbauten in Frankfurt – es werden keine Menschen geschildert – und ihren Freund Marios an dessen Existenz die Bankenentscheidungen gehen geschildert.

Skurril lesen sich Beobachtungen wie über den elektronischen Kartenschlitz im Hotel für eine Nacht, die senffarbene Wand in der Hotelabsteige für die Folgenächte, die vielen schwarzen Suvs und das Fehlen roter Autos auf den Straßen.
Die Beschreibungen der Buchmesse von Autorenseite war faszinierend : das Warten auf den Preisverleih, die Machtspiele der Autoren/innen untereinander, wie sich Verlagsvertreter untereinander benehmen, das unterschiedliche Benehmen von Literaturjournalisten/innen. Dazu werden Generationenkonflikt und Genderthematik gemischt, daß es teilweise beim Lesen weh tat.
Liebe ist leider fern. Denn zwischen ihrem Vater aus dem Bildungsbürgertum Frankfurts und ihr, die ihn erst spät und jetzt kennen lernt, sind keine Brücken möglich. Seine aktuelle Freundin ist so junge, wie sie - seine Tochter. Liebe sind nur in den sms-s mit Marios in Griechenland spürbar.
Spannend ist das Ringen der fiktiven Autorin um Qualitätsbegriffe im Buchbetrieb, wenn sie ihr Buch nicht nur Buch, sondern Roman genannt haben möchte. Und daß sie bewußtes Definieren von Literatur und Belletristik wünscht.
Den zerfransten Schreibstil muß man mögen. Mich hat er in den Bann gezogen. Viel Freude beim Lesen !
Marlene Streeruwitz wurde 28. Juni 1950 in Baden (Niederösterreich) geboren. Sie studierte Slawistik und Kunstgeschichte in Wien. 1992 wurde ihr erstes theaterstück aufgeführt. Ihr erster Roman "Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre" erschien 1996. Mittlerweile ist sie vielfach ausgezeichnet.

Dienstag, 11. September 2018

Antonio Tabucchi : "Erklärt Pereira"

Antonio Tabucchi :
"Erklärt Pereira" - eine Zeugenaussage
original "sostiene Pereira"
1994, Feltrinelli Mailand
Aus dem Italienischen von Karin Fleischhanderl
1995, Carl Hanser Verlag
201 Seiten
ISBN 3-446-18298-5

Pereira, ein rundlicher Kulturjournalist in Portugal mit Faible für französische Autoren des 19. Jahrhunderts wird mit einem jungen Mann, den er als Praktikenten beschäftigt, bekannt. Dieser engagiert sich für die Republikaner im benachbarten Spanien, und das 1938 in der Zeit des Guernica-Angriffs. Während der Journalist versucht in seiner Welt zu bleiben, indem er französische Autoren übersetzt und Nachrufe plant, Omelette verspeist und Limonade trinkt, was auf 190 Seiten geschieht, bricht in den letzten Seiten die Brutalität der Realität in seine Wohnung ein, der junge Mann wird gefoltert und stirbt, worauf Pereira eine List für den Nachruf über den jungen Mann anwendet und sein Verschwinden plant.

Als Kunstgriff ist immer wieder "erklärt Pereira" in den Erzählstrom eingefügt, als ob er das Geschehen jemandem erzählte oder etwas beweisen muß.

Pereira ist Witwer, und unterhält sich mit dem Photo seiner Frau. Offen sprechen kann er mit einem lange bekannten Priester und später einem Arzt in einem Erholungsspital; sonst hält er sich mit dem Sprechen zurück, und versinkt lieber im Übersetzen. Der Roman liest sich gemütlich, Literatur und Philosophie und die Überlegungen über das 'hegemonische Ich' werden gepflegt.
Die Welt des Praktikanten und seiner Freundin, die sich beide für die Nationalisten und gegen Franco entschieden haben, sind ihm fremd. Erst als sich die spanische Kirche auf die Seite Francos schlägt, das Dorf Guernica zerstört wird und der vertrauensselige Praktikant in seiner Wohnung getötet wird, gewinnt der Roman an Geschwindigkeit und Wendigkeit.

Personen der Handlung sind Pereira, der Herausgeber der Zeitung, die Hausmeisterin (und wahrscheinlich Polizeispitzel der Salazar-Diktatur), Praktikant Rossi und seine Freundin Martha. Orte sind Lissabon, und Gegenden am Land oder am Meer.

Es fallen viele Namen von Autoren und Philosophen die mir nicht immer etwas gesagt haben. Beispielsweise sind genannt : Francois Mauriac (französischer Schriftsteller; 1885 - 1970), Filippo Marinetti (italienischer Schrifsteller, Futurist 1876 - 1944), Georges Bernanos (französischer Schriftsteller, 1888 - 1948), Gabriele D'Annunzio (italienischer Schrifsteller, Symbolist; 1863 - 1938), Alphonse Daudet (französischer Schriftsteller; 1840 - 1897).

Das Buch war nicht einfach zu Lesen. Die Welt des dicken einsamen Mannes bietet nicht viel Abwechslung. Faszinierend wie er den Krieg im Nachbarland komplett ausklammert.

Das Buch wurde 1995 mit Marcello Mastroianni in der Rolle des Dr. Pereira verfilmt.

Antonio Tabucchi wurde am 24. September 1943 in Pisa geboren. Er lernte portugiesisch, als er an der Universität in Genua studierte. er war Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Übersetzer. Sein erstes Buch erschien 1975 in Italien (" Piazza d'Italia"). Er starb am 25. März 2012 in Lissabon.

Montag, 28. Mai 2018

Matthias Martin Becker : "Automatisierung und Ausbeutung"

Matthias Martin Becker :
"Automatisierung und Ausbeutung"
2017, Promedia Verlag Wien
198 Seiten +  22 Seiten Anmerkungen
ISBN : 978-3-85371-418-8

Der Autor hat sich vorgenommen das Thema Digitalisierung im Sinne welche Arbeiten von Menschen werden in Hinkunft von Maschinen gemacht, aus der sozialistisch-marxistischer Sicht (seine Eigendefiniton) zu betrachten. Er arbeitet sich hier anfangs von technischen Spielereien auf Jahrmärkten bis zu Auswirkungen für Arbeiter/innen am Fließband durch. Er beschreibt wie das Zerlegen eines Arbeitsprozesses den Menschen noch mehr entmündigt und frustriert, Maschinen Kontrollmöglichkeiten einräumt und dem oberen Management Daten liefert. Das mittlere Management wird mittelfristig eingespart.

"In der betrieblichen Praxis sehen sich Technisches und Organisatorisches zum Verwechseln ähnlich" (Seite 47)

Sehr interessant fand ich seine Erzählungen über Frau Ada Lovelace (eine geniale Mathematikerin und vermutlich erster Informatiker überhaupt in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts), und Vaucansons Ente von 1885.

Es gibt einige Abkürzungen und Schlagworte wie beispielsweise : KI (künstliche Intelligenz), KNN (Künstliches Neuronales Netz) etc.; Crowdworking (die Leistung wird mit nichts bis zu gewohnter Einkommenshöhe bezahlt, Abhängigkeiten von Willkür der Information), Granularität (die Module werden so klein, daß der Einzelne nicht mehr weiß was sein Arbeitsbeitrag bringt) und Outsourcing und 'Plattform Kapitalismus' (wobei er hier kritisch betrachtet, daß bei Essenszulieferern die Zulieferer selbst Fahrrad + Muskelkraft + Zeit einbringen und die Schnittstelle für vergleichsweise wenig Arbeit viel mitschneidet).

Er versucht Kostenbetrachtungen in der Euphorie für Digitalisierung zu sehen, was bringt die Technisierung wirklich an finanziellen Einsparungen wenn gleichzeitig die Arbeitsnachfrage steigt.

Die Betrachtungen über die Veränderungen der Arbeiter-Welt am Fließband oder bei der Produktion sind eher sachlich geschrieben.
Emotional wird der Autor wenn es um Journalismus, guten Recherche - Journalismus bis zu schlechtem Stundenlohn fürs Zusammentippen von Zeilen geht.

Auf dem Cover war ein Ausblick auf das Arbeitsleben inklusive des Büro-lebens angedeutet. Leider gibt es hier kaum Überlegungen für Änderungen für Büro-Anstellte. Er bleibt eher bei den Arbeitern/innen und den Journalisten/innen, aber die Basis-Büroarbeit bleibt von dem Autor unbetrachtet.

In Summe in nicht einfach zu lesendes Buch, das zwar nicht uninteressant in seinen Überlegungen ist, aber meine Frage nach den Veränderungen der Bürowelt offen ließ.

Matthias Martin Becker wurde 1971 geboren. Er hatte viele sehr unterschiedliche Jobs, bis er als Übersetzer und Wissenschafts/Wirtschafts.Journalist tätig wurde. Er macht jetzt Beträge für Deutschlandfunk in Berlin und hat bereits drei Bücher veröffentlicht.

Freitag, 9. Februar 2018

Stieg Larsson : "Verblendung"

Stieg Larsson :
"Verblendung"
Roman
original " Män som hatar kvinnor" (dt. „Männer, die Frauen hassen“)
2005, Norstedts
Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
2006, Wilhelm Heyne Verlag, München
683 Seiten
ISBN 978-3-453-43245-1

In dem Thriller werden die Suche nach einer Vermißten mit der Recherche gegen einen gut vernetzen Wirtschaftsboss.
Am Anfang steht daß der Journalist Mikael in eine Falle getappt ist, weswegen er eine Auszeit nimmt. Diese nutzt ein anderer Wirtschaftsboss um ihn zu beauftragen eine Familienchronik zu verfassen, aber ihm vor allem das Verschwinden bzw den Tod seiner Enkelin Harriet aufzuklären. Parallel wird die Hackerin Lisbeth zu Recherchezwecken eingeschaltet. Für das Verschwinden von Harriett arbeiten sie zusammen, was ihm letztendlich das Leben rettet. Am Ende werden die Netze des betrügerischen Wirtschaftsbosses medienwirksam entflochten.

Die Familie des Wirtschaftsmagnaten Vanger wird mit vielen Menschen geschildert, von denen die meisten ziemlich ungemütlich bis eigen sind, nur wenige sind liebenswert und bereit sich positiv für anderen Menschen einzusetzen. Es gibt nicht nur Workoholics, Alkoholiker, Religionsbesessene, politisch einseitige Persönlichkeiten, sondern auch wirklich Schädliche für Menschen und Gesellschaft.

Als wichtige handelnde Personen sind der Journalist Mikael Blomkvist der eine privat finanzierte also unabhängige Zeitschrift mit einer uralten Freundin führt. Er hinterfragt politische und wirtschaftliche Machenschaften und hat jede Menge Feinde.
Ihm gegenüber und gleichzeitig als Hilfe ist Lisbeth Salander, die etwas ähnliches wie Asperger Syndrom hat, damit Menschen emotional neutral bleibt aber grandios mit Daten ist. Ihr Leben war gezeichnet von Menschen die sie dirigieren wollten, und auch Übergriffen, sie saftig geschildert sind.
Während Mikael journalistisch getrieben ist, ist Lisbeth entweder neutral denkend oder auf Seiten der unterdrückten und gequälten Frauen aktiv. Von ihr kommt cirka der Satz "auch nur ein Mann der Frauen haßt".

Die Geschichte ist spannend geschrieben (und übersetzt). Die Sprache ist direkt und schnörkellos, ohne großartige Metaphern, fällt manchmal ab, ist aber nicht störend tief.

Der Roman ist der erste Teil der Trilogie. Ich habe mich noch nicht entschieden ob ich die beiden weiteren Teile lese, oder mich den vielen anderen von mir noch nicht gelesen Büchern widme. 

In Summe ein spannender Roman, bei dem mir die Frauengestalten mehr unter die Haut gingen, den ich gerne weiterempfehle.

Karl Stig-Erland Larsson - als Schriftsteller unter Stieg Larsson - wurde am 15. Augugust 1954 in Skelleftehamn Västerboten (Nordschweden) geboren. Er war Jounalist,  arbeitete bei einer Nachrichtenagentur, gab das Magazin "Expo" heraus und Schriftsteller über Extremismus. Die "Milleniumstrilogie" kam posthum heraus; der vierte Band blieb unfertig; weitere vier bis sechs Bücher liegen als Expose vor. Er starb am 9. November 2004 (Herzinfarkt).

Samstag, 2. September 2017

Michail Gorbatschow : "Das neue Russland: Der Umbruch und das System Putin"

Michail Gorbatschow
"Das neue Russland: Der Umbruch und das System Putin"
original "Posle Kremlja"
2015, Bastei Lübbe (Quadriga)
Übersetzer : Boris Reitschuster
514 Seiten + 5 Seiten Inhaltsverzeichnis + 9 Seiten 'Gedanken über mich' + 6 Seiten Anhang + 7 Seiten Personenregister + 9 Seiten Anmerkungen (Fußnoten)
ISBN 978-3-869950822

In diesem dicken gescheiten Buch mit vielen herausfordernden Überlegungen erzählt einer der wichtigsten Politiker des 20. Jahrhunderts über 25 Jahre Rußland. Er geht etwas auf die verkrusteten Strukturen ein bevor es ihm gelang Rußland zu öffnen, und erzählt dann im 1. Kapitel die Zeit der 90-er Jahre mit dem Elend der Bevölkerung und den Fehlern Präsident Boris Jelzins, im 2. Kapitel die Nuller-Jahre des 21. Jahrhunderts inkl. Wirtschaftskrise und dann im 3. Kapitel die Chancen, die Gefahren und die Fehler in Rußland und der Welt und räsoniert über Punkte die ihm in der Welt wichtig sind.

Am Anfang beschreibt er wie man innenpolitisch mit ihm nach dem Präsidentenwechsle 1991 umgegangen ist, wie grob wie abweisend plötzlich viele Menschen und Organisationen waren - er konnte sich nur seine Position als Meinung halten weil er und seine Organisationen zu bekannt waren.
Er blickt auf die Jahre der Perestroika zurück und auf viele Gespräche mit anderen hochkarätigen Politikern in USA, Deutschland und anderen großen Staaten der Welt.

Wie er über Wladimir Wladimirowitsch Putin schreibt ist faszinierend zu lesen. Er bemüht sich um Sachlichkeit und versucht das Positive und Negative abzuwägen. Im dritten Abschnitt findet er nichts mehr Positives zu schreiben. Die Schwachheit von Präsident Boris Nikolajewitsch Jelzin nennt er allerdings klar.

Viele Themen und Fragestellungen werden angesprochen - u.a. :
Frage ob zuerst Reformen laufen sollen und erst dann die Meinungsfreiheit forciert gehört , weil gleichzeitiges die Menschen überfordert ?
was ist für ihn Sozialismus ?
wie wichtig ist Demokratie (vorneweg : es geht nicht ohne)
Gefahren und Chancen der Globalisierung
Seine Sorgen um die Ukraine (ein Elternteil waren Raissa Maximowna Gorbatschowa war aus der Ukraine)
Syrien ist 2015 bei Drucklegung bereits Thema aber noch nicht mit der derzeitigen politischen und menschlichen Tragweite.

Seine Definition von Nationalismus - er meinte aber hier den russischen - ist sehr eigen.
Irritierend ist, daß für ihn Rußland zu Europa gehört, und daß es für ihn erschreckend ist, daß dies Europäer anders sehen.
Wie er China einschätzt ist vollkommen anders als man gewohnt ist zu Lesen.

Das Buch ist nicht einfach zu lesen, weil es viel zitiert wird aus Gesprächen, aus Veröffentlichungen und diese mit anderen Fonts, Absätzen gekennzeichnet sind, was das einfache Lesen herausfordert.

Ich habe mit vielen Unterbrechungen von anderen Büchern fast eineinhalb Jahre an dem Buch gelesen und es hat mich immer fasziniert. Meine Umgebung hat es meist abgekommen wenn ich wieder 10 oder 15 Seiten gelesen hatte und darüber erzählen mußte, weil es hochinteressant - aber kompakt - ist.

In Summe ein faszinierendes Buch über Politik, Demokratie, Meinungsfreiheit das nicht so leicht losläßt und öfters gelesen werden sollte !

Michail Sergejewitsch Gorbatschow wurde am 2. März 1931 in Priwolnoje / Region Stawropol / UdSSR geboren.  Er war von März 1985 bis August 1991 Generalsekretär der KPdSU und von März 1990 bis Dezember 1991 Präsident der Sowjetunion. Er leitete 'Glasnost' (steht für Öffnung und Kommunikation mit den Menschen) und 'Perestroika' (steht für Umbau des politischen, wirtschaftlichen Systems) ein, und beendete den Kalten Krieg mit den USA.
Boris Reitschuster wurde a. 12. Mai 1971 in Augsburg geboren. Er war als Journalisten lange in Rußland tätig und ist auch Sachbuchautor.

Dienstag, 28. Juni 2016

Petra Reski : "Palermo Connection"

Petra Reski :
"Palermo Connection" - Serena Vitale ermittelt
2014, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
281 Seiten
ISBN 978-3-455-40471-5

Serena Vitale, Sizilianerin, die in Deutschland aufgewachsen war, wird als Staatsanwältin betraut gegen einen Mafia-mann im Gericht in Palermo zu ermitteln. Aus Deutschland wird ihr ein abgehalfteter Journalist geschickt, der auf Verbindungen zwischen der Mafia und deutschen Bauunternehmen achten soll. Beide haben kein Glück - Serena wird Befangenheit unterstellt und abgezogen, der Journalist tappt in eine Falle und wird ebenfalls abgezogen.

Serena wird als Mensch geschildert, der sich nirgends zu Hause fühlt. Ihre Mutter wünscht ihr ein sicheres einfaches Leben mit Mann, Kindern und Kirche - Serena färbt sich die Haare, kleidet sich attraktiv, hält sich mehrere eigenartige Liebhaber und versucht im Gericht ein Leben ohne Einfluß der Mafia anzuregen. Journalist Wieneke versucht investigativen Journalismus, hat mithilfe des schmierigen Photographen in Sizilien kurzfristig Erfolg und später mit einer virtuellen Entführung bis auf die Knochen blamiert. Photograph Giovanni ist als sehr attraktiver gut vernetzter Mann geschildert der mit cooler Brille, tailliertem Hemd und offenen Knöpfen als Hingucker geschildert; er kennt einige der Mafia verbundenen Menschen und kommt in der Journalistenbranche gut (im Gegensatz zu Wieneke) an. Sowohl Serena als auch Giovanni haben einen italienischen und deutschen Elternteil, was ihnen das Sprechen in zwei Sprachen erleichtert.

Es gibt kein Ende im eigentlichen Sinn, da alles wie zuvor ist. Alle alten Verbindungen halten bis zum Ende - nur Serena hat Probleme, weil ihr illegales Abhören des Präsidenten angelastet wird, ohne daß die Relevanz des Telephonates für das Netzwerk der Mafia in seiner Brisanz erkannt wird.

Wie schwer das Aussteigen aus dem Mafia leben ist, wird anhand eines Mannes geschildert, der aus Sizilien nach Venedig 'auswanderte'. Wie schwer es für Serena Vitale als Juristin ist, wird anhand ihrer Umgebung im Gericht geschildert, die es sich mit der Mafia entweder gerichtet haben, bzw weniger Mut als zu haben scheinen.
Die Liebhaber von Serena sind eigenartig geschildert. Kopfkino.

Der Roman ist gut lesbar, das Gefühl sowohl in Sizilien als auch in Venedig ist spürbar. Ob die Macht der Mafia wirklich überall hin reicht, und das Befreien aus diesem Netz nie Erfolg haben kann, bleibt als Frage im Hintergrund stehen.

Petra Reski wurde 1958 in Unna (Nordrhein-Westfahlen/Deutschland) geboren. Sie studierte Romanistik und Sozialwissenschaften, und arbeitete dann im Auslandsresort des 'Stern'. Seit 1991 lebt sie in Venedig. Seit 1989 beschäftigt sie sich mit dem Thema Mafia und hat einige Sachbücher darüber geschrieben, über die sie schon geklagt wurde.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Timur Vermes : "Er ist wieder da"

Timur Vermes :
"Er ist wieder da"
Roman
2012, Eichborn Verlag bei Bastei Lübbe GmbH & Co KG Köln
390 Seiten
ISBN 978-3-8479-0517-2

In dieser bitterbösen Satire erwacht Herr Hitler im August 2011 mitten auf dem Bauplatz in Berlin. Über den Kontakt eines Zeitungsstandlers wird er Fernsehmenschen vorgestellt, die sofort von dieser Comedy Nummer begeistert sind. Hitler wird in ein Hotelzimmer verfrachtet, lernt Vormittagsfernsehen und die derzeit gängigen Politiker und wird als Comedy-Ergänzung dem Publikum vorgestellt. Er hat sofort Erfolg, bekommt eine nette junge Frau als Assistentin, die wie alle anderen davon fasziniert ist, wie er die Rolle 'Hitler' durchhält. Im Rahmen des Erfolges besucht er erstmals das Münchner Oktoberfest; in Berlin wird er von einer nationalen Gruppe zusammengeschlagen und er denkt über die Übernahme einer kleiner Partei zur weiteren Machtübernahme nach.

Der Autor hat Geschichte studiert, was in den präzisen Informationen im Kampf um Berlin und auch geschichtlichen Bemerkungen fühlbar ist. Allerdings ist das Buch vermutlich mehr etwas für Menschen denen die Größen des damaligen Reichs aus ihrem Geschichtsunterricht oder Eigeninteresse etwas sagen; wer bei Namen wie Himmler, (Hermann) Göring, Goebbels oder gar Heß und Stauffenberg strauchelt bekommt vieles vermutlich nicht (geschweige von der Einsatztruppe Steiner). Auch Namen wie Wolfsschanze etc. sind als Grundwissen brauchbar um die Feinheiten im Buch erkennen zu können.

In den Kommentaren über die Medien wie Internet, die Fernsehprogramme und die Zeitungen die der Figur Hitler in den Mund gelegt werden sind bitterböse, oft punktgenau und bringen mit ihrer Bösartigkeit zum Grinsen. Kommentare zum Vormittagsfernsehen wie "heliumbelichtete Muse" bringen sehr zum Lachen, Kommentare über das auflagenstärkste Blatt Deutschlands und den medialen Nutzen mit den großen Buchstaben um ältere Menschen zu manipulieren lassen den Humor fast im Hals stecken bleiben.
Auch die aktuelle Politik wird nicht von des Hitlers Figur Kommentaren verschont - die Kanzlermatrone hat bei ihm keine guten Karten.
Die Bemerkungen über das Sauf- und Dekolleté-verhalten am Müncher Oktoberfest sind ebenfalls bitterböse und treffen nicht den Geschmack des Vegetariers, der auch dort nur Mineralwasser trinkt.

Erschreckend gut ist der Stil Hitlers in den Comedy Shows getroffen, in denen der abgehackte Rhetorikstil schauerlich gut getroffen ist, auch in der Art der Manipulation der Zuhörenden.

Die Fiktion daß das Umfeld davon fasziniert ist wie sehr diese Figur den Hitler durchzieht, wird durch das Umfeld im Fernsehkanal gezeigt. Die nette junge Frau, die ihm als Sekretärin zugeteilt wird, sprich ihn wirklich mit "meen Führa" an, und auch das Schicksal daß die Familie ihrer Großmutter als illegale Juden im Konzentrationslager umkam, ändert nichts. Für sie ist der Komödiant nur jemand der genial mit "Method Action" in den Charakter geschlüpft ist. Für andere Menschen im diesem Team ist er Träger für Einschaltquoten, was das einzige Ziel ist bis auch noch die Merchandising Maschine anläuft.

Die fast vierhundert Seiten sind teilweise wunderbar rasch lesbar, zwischen Seite 2oo und 3oo wurde es dann etwas mühsamer, bis die Neugier kam welche Ende das Buch haben wird. In Summe ein sehr lesenswertes Buch, bei dem immer wieder die Frage ist auf wie dünnem Eis die Satire hier tanzt.

Timur Vernes wurde 1967 in Nürnberg geboren. Sein Vater kam 1956 aus Ungarn und heiratete eine deutsche Frau. Er studierte Geschichte und Politik und wurde Journalist. Seine Artikel sind in 'Abendzeitung', Kölner 'Express' und die 'Zeit'. Seit 2009 ist er auch Ghostwirter für diverse Bücher. "Er ist wieder da" wurde ein Bestseller und wurde verfilmt.

Sonntag, 20. Dezember 2015

Jean-Yves Ferri + Didier Conrad : "Der Papyrus des Cäsar" (Asterix Band 36)

Jean-Yves Ferri + Didier Conrad :
"Der Papyrus des Cäsar" (Asterix Band 36)
original, "Le Papyrus de César"
2015, Editions Albert René
übersetzt von Klaus Jöken
2015, Egmont Comic Collection
Seiten
ISBN 978-3770438907

Rechtzeitig zu Nikolo und Weihnachten kam der neue Asterix auf den Markt. Er macht genauso Freude wie die alten original-Asterix-Bände !

Cäser hat seine Memoiren verfaßt. Syndicus der Zensor schlägt vor das Kapitel mit dem Dorf der unbeugsamen Gallier zu streichen. Ein Papyrus wird von einem Idealisten entwendet und einem unabhängigen Journalisten zugespielt. Im Dorf sind alle wegen des Versuchs der Geschichtsfälschung empört und Miraculix geht zu seinem alten Mentor um das Wissen zu bewahren. Alle Versuche der Römer den Papyrus zurückzukämpfen scheitern. Am Schluß gibt es das gewohnte Wildschweinvernichten.

Als eines der Nebenthemen die sich durchziehen werden die Zeitungshoroskope (keltisches Baumhoroskop) durch die Humor gezogen : der alte Methusalix und Obelix mit seiner Wildschweinvorliebe werden auf die Schaufel genommen.

Mich haben die Namen die dem grün-bärtigen Mentor von Miraculix statt eben diesem Namen einfallen sehr gut gefallen. Auch sonst gibt es nette feine Namens-Spielereien wie auf Seite 3 eine Anspielung auf Computerdaten.

Troubadix' Sammlung an geräuschmachenden Ton-Ungetümen ist imponierend; und zu Ende auch zu gutem Ende bringend :-)
Daß ein Eichkatzl zu dem alten Weisen führt, hat Charme.
Die Taubenpost ist wichtig - ein Römer gurrt sich fast durch den gesamten Comic.

Es war sehr unterhaltsam diesen Band zu lesen - Viel Spaß dabei !

Biographien von Autor und Illustrator bei Band 35 (Asterix bei den Pikten).

Donnerstag, 3. September 2015

Lilian Jackson Braun : "The cat who knew shakespeare"

Lilian Jackson Braun :
"The cat who knew Shakespeare"
1988, Jove Edition, Berkley Publishing Group, Penguin Putnam Inc, NY
249  Seiten
ISBN 0-515-09582-6

Auf deutsch ist dieser Kriminalroman unter dem Titel "Die Katze, die Shakespeare kannte" erschienen.

In diesem liebenswürdigen Kriminalroman lebt der Journalist Qwilleran mit seinen beiden Siamkatzen Yoko und Yum Yum in einem kleinen Ort nördlich von Minneapolis. Diesmal geht alles um die heimische Zeitung - Picayune - des Ortes, dessen Chef es liebt noch selbst altmodisch die Informationen zu setzen. Sein Sohn würde gerne moderat modernisieren, aber es fehlt an Geld und der alte Mann kommt ums Leben. Parallel zu wie gewohnt einsetzenden Schneesturm bzw dessen Erwartung gibt es Begräbnis, Versteigerung des Familienhauses, eine Hochzeit im Klingenschoenschen Palast, Brand in der altmodischen Zeitung und letztendlich Auslösung des Mordes an dem alten Zeitungssetzer/Besitzer.

Yoko, der weise Kater mit viel Charakter, kommuniziert nicht nur mit "ik", "yow" sondern auch indem er diesmal Shakespeare Bücher aus einer wunderschönen alten Ausgabe passend aus dem Buchregal auf den Teppich wirft. Yum Yum liebt eher die Spezialitäten die Hixie speziell für Katzen zaubert.
Für Qwilleran sorgt Mrs. Cobb, für geistige Unterhaltung die liebenswürdige Bibliothekarin Polly, was für Gerede in dem kleinen Ort sorgt.
Die Menschen aus dem Ort sind schön gezeichnet : die charismatische geistreiche Großmutter des Zeitungserben, der Zeitungserbe Junior Goodwinter selbst, die lebenslustige Witwe Gritty, der Unternehmer der eine neue Zeitung aufbauen möchte, und der Garagenbesitzer Herb Hackpole; Qwillerans Interviews mit den älteren Herrschaften lesen sich sehr unterhaltsam.

Das Englisch habe ich sehr genossen. Es hat Spaß gemacht die Ausflüge in die verschiedenen Dialekte zu lesen. Einige Ausdrücke habe ich nicht gekannt; die Metaphern waren sehr unterhaltsam.

Die Geschichte ist schön geschrieben und hat gut unterhalten; auch wenn ich kein Fan von Siamkatzen bin und sein werden, ist es ein gut gelungener Katzenroman ohne sinnlose Brutalitäten. Viel Freude beim Lesen !

Lilian Jackson Braun wurde am 20. Juni 1931 in Chicopee, Hampden County / Massachusetts . Sie begann bereits als in der Schule zu schreiben, war dann Sportberichterstatterin, dann Werbetexterin und später Redakteurin. 1966 bis 1968 wurden die ersten "Die Katze, die ..." Krimis veröffentlicht. An 1986 erschienen neue Kriminalromane mit den charismatischen Katzen und ihrem Journalisten. Sie lebte mit ihrem Mann und zwei Katzen in North Carolina.Sie starb am 4. Juni 2011 in Landrum, Spartanbury County / South Carolina.

Freitag, 31. Oktober 2014

Max Mönch, Alexander Lahl, Kitty Kahane : "Treibsand"

Autoren Max Mönch und Alexander Lahl
gezeichnet von Kitty Kahane
koloriert von Dominique André Kahane
"Treibsand - Eine Graphic Novel aus den letzten Tage der DDR"
2014, Metrolit Verlag Berlin
163 Seiten + 9 Seiten 'Notizbuch' + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-8493-0358-7

Vor 25 Jahren ist "die Mauer" für Gesamtdeutschland geöffnet worden. Die Autoren und Zeichnerin haben recherchiert, und diese spannende Geschichte mit Humor und Wahrheit daraus gemacht.

Journalist Tom Sandmann war bei der Niederschlagung des Aufstands auf dem Tian’anmen-Platz im Mai 1989 in Peking als Berichterstatter anwesend. Sein Chef, der sich wünscht endlich den Kommunismus scheitern zu sehen, hofft auf die nächste Chance in der DDR und schickt den Journalisten samt Zahnweh nach West-Berlin. Dort trifft er Ingrid - eine ehemalige Schwimmerin der DDR, die beim Fluchtversuch sofort verhaftet worden war, im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck 2 (von 5 verurteilten) Jahre lang Bettbezüge genäht hatte und dann in den Westen freigekauft wurde. Ob ihr Bruder Jens, der hoffnungsvoller Grenzsoldat gewesen war, sie verraten hatte, löst sich erst langsam auf.
Tom ist wegen Zahnschmerzen beim Arzt, dann im Krankenhaus und verschläft "Die Wende". Das Politbüro reagiert unabgesprochen, erhält wichtige Informationen zu spät und schätzt Situationen massiv falsch ein, und setzt die Manipulation der Bevölkerung falsch an. Die Gefahr eines militärischen Eingriffs werden abgewendet. Der 9. November geht in die Geschichte Deutschlands als großes friedliches Ereignis ein.

Als Mensch der die Ereignisse am Fernseher und Radio mitgekommen hat, kommen bei mir die Gefühle und das Daumen-halten-daß-diesmal-kein-Blut-fließt wieder hoch.
Auf den neun Seiten "Notizbuch" sind stichwortartig Gefängnis Hoheneck, Stalin, Politbüro etc. durcheinander gewürfelt beschrieben, bezeichnet und hinterfragt. Die Biographie Honeckers liest sich spannend, wie auch anderer dieser Gedankenfetzen auch.

Beklemmend sind die Doppelseiten, in denen das Militär und dessen Funktionieren geschildert und gezeichnet ist; ebenso der Aufbau der Todesstreifen, sowie das Eintrichtern, daß Staat wichtiger als familiäre Bande sind.

"Treibsand" ist auf Seite 111 genannt - Tom vergleicht die DDR mit einem Staat, der auf Treibsand geraten ist, der Bewegung geraten sei.

Bösartig-Humorvoll ist die Nebenlinie der Geschichte, in der Toms Vater zu den früher harmlosen Fischchens in seinem Aquarium bösartige dazugesetzt hat und diesen Namen von Diktatoren des 20. Jahrhunderts verpaßt hat. Diese Fische tauchen in den Träumen von Tom auch noch auf ...

Ein starkes Buch wahre Geschichte, das die Geschichte mit ihren Chancen, Gefahren, Doktrinen, Persönlichkeiten grandios erzählt. Es war unmöglich das Buch zu unterbrechen - ich mußte die Zeichnungen und Worte in einem Rutsch lesen/betrachten.

Kitty Kahane kam 1960 auf die Welt. Von Max Mönch und Alexander Lahl habe ich leider keine Geburtsdaten gefunden, aber auch sie haben "den Mauerfall" miterlebt. Die Gemeinschaftsarbeit der drei hat auch schon früher Buchfrüchte getragen : "17. Juni - Die Geschichte von Armin und Eva - Eine fast vergessene Geschichte aus der Mitte des geteilten Nachkriegsdeutschlands" (erschienen 2013).

Es ist interessant nachzulesen was eine Graphic Novel sei, wo die Abgrenzung zum Comic liegt und daß hier offenbar noch Diskussionen laufen.

Sonntag, 1. Juni 2014

Beate Maxian : "Tod hinter dem Stephansdom"

Beate Maxian
"Tod hinter dem Stephansdom"
Ein Wien-Krimi
2013, Goldmann / Random House
341 Seiten
ISBN 978-3-442-47901-6

In dem dritten Krimi mit der Journalistin Sarah Pauli, werden drei Männer in Machtpositionen umgebracht. Zuerst kommt das Gerücht einer 'schwarzen Frau' auf - einer Todesverkünderin. Durch Nachfragen in einem großen Unternehmen kommt eine schief gelaufene Liebesgeschichte zu Gehör, was sich letztendlich als Ursache der Revanche durch Drogen führt.

Als Neben - Liebesgeschichte ist Frau Pauli mit dem Chefredakteur David zusammen, was noch nicht alle im Verlag wissen. Die schwarze Angorakatze Marie (von Sarah) und Sissi, der Mops der Society-Reporterin sind als tierische Zeitgenossen dabei.

Der Krimi ist flüssig geschrieben, die Orte in der Wiener Innenstadt klar erkennbar. Die Personen der Handlung sind für mich etwas plakativ geschildert. Die Kapitel sind jeweils mit den Personen überschrieben, aus deren Sichtweise die Geschichte erzählt wird - Sarah, der Mörder, Sohn des ersten Ermordeten, und ein Bar-Besitzer.

Die Autorin ist Journalistin und wie sie die Interna im Verlag beschreibt und die Typen die Verlag arbeiten macht Spaß zu lesen.

In Summe nette Unterhaltung für Wien-fans. Viel Spaß !

Samstag, 15. Juni 2013

Jordi Sierra i Fabra : "Tod in Havanna"

Jordi Sierra i Fabra :
"Tod in Havanna"
Distelkrimi
original "Cuba, la noche de la jinetera"
1996,
aus dem spanischen von Horst Rosenbauer
2000, Distel Verlag
270 Seiten
ISBN 3-923208-42-1

Der Journalist Daniel Ros wird nach Kuba geschickt, um die Story seines Kollegen und Freundes fertig zu schreiben. Dieser Freund Estanis war an einer Dosis Rauschgift gestorben, was bei seiner Umgebung Befremden auslöst. Daniel geht in Havanna auf die Suche nach einer Frau, von der er nur ein Photo und ein rotes Stückchen Unterwäsche gefunden hat. Daniel sieht viele attraktive kubanische Frauen, die versuchen mit Liebe aus dem Land zu kommen. Sie definieren sich als "Jinetera" - Sex ist Lebensfreude, Geld ist nett aber steht nicht an erster Stelle. Auch ihm geht die Nähe einer dieser schönen sinnlichen Frauen ziemlich unter die Haut.
Es ist Mitte der 90-jahre Jahre des 20. Jahrhunderts, und wieder versuchen viele Kubaner auf abenteuerlichen Instrumenten das Meer nach Miami zu ihren Familien zu erreichen. Die Armut auf der Insel ist vielen zu viel, was Flucht oder Attentatsversuche auf Castro nach sich zieht. Fast wird Daniel in so ein Attentat verwickelt.
Auf den letzten Seiten löst Daniel das Rätsel um das Rauschgift in seines Freundes Blut.

90-er Jahre des 20. Jahrhunderts heißt, daß Handy, Internet oder sonstige rasche Kommunikation noch nicht üblich sind. Daniel findet Nachrichten bei der Rezeption oder daheim im Barcelona auf dem Anrufbeantworter. Orientierung im Auto findet noch anhand von Straßenkarten statt.

Die Frauen sind als schön geschildert, Männer vorhanden aber deren Schilderung geht unter. Mir sind zuviele Sexszenen beschrieben.
Die Armut mancher Szenerien mit ausgemergelten, harten, brutalen Gestalten im Gegensatz zu den Hotellandschaften mit Pool, Drinks und anschmiegsamen jungen Frauen ist hart. Das Leben des Erotiktouristen mit seiner Dummheit und seinem abgeschottet-sein von der kargen Umgebung dürfte ziemlich den Punkt getroffen haben.

Die Geschichte geht leider in zuviel Erotik und wiederholtem Jinetera-erklären unter. Der Roman ist aber trotzdem unterhaltend, und mit seiner Art Kuba zu beschreiben auf diese Insel neugierig machend.

Jordi Sierra i Fabra wurde am 26. Juni 1947 in Barcelona geboren. Er ist ein spanischer Jugendbuchautor und Autor von Kriminalromanen und schreibt auf castillan und catalan.
Von 1972 bis 2006 hat er über 400 Bücher verfasst, wobei er mit 12 Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte . Er hat viele Bücher für Kinder und Jugendliche veröffentlich und eine lange Liste an Romanen für Erwachsene. Für sein Engagement für Kinder- und Jugendliteratur hat er viele Preis erhalten. Im Jahr 2004 gründete er zur Nachwuchsförderung die Fundación Jordi Sierra i Fabra in Barcelona und die Fundación Taller de Letras Jordi Sierra i Fabra in Medellin (Kolumbien). Viele seiner Bücher wurden außer ins Deutsche auch ins Englische, Französische, Russische, Koreanische, Chinesische und in andere Sprachen übersetzt. Einzelne Werke wurden verfilmt oder für die Bühne bearbeitet.
auf deutsch gibt/gab es :

  • Ungebeten Gäste (Cambio de cerebro). Ravensburger Buchhandl. 1998.
  • Der letze Miwok-Indianer: (El último verano miwok). Signal 1989
  • Tod in Havanna (Cuba, la noche de la jinetera). Distel 2000
  • Gauditronix. Dressler 2009 ([978-3791519098]
  • 1970 hat er als Musikkommentator begonnen. Mittlerweiler ist er ist Gründer mehrerer Musikzeitschriften wie beispielsweise Disco Exprés, Extra, oder Súper Pop (ab 1977) und gilt als Experte für spanische Pop- und Rockmusik.

    Dienstag, 26. März 2013

    Leonardo Sciascia :"Der Tag der Eule"

    Leonardo Sciascia :
    "Der Tag der Eule" - ein sizilianischer Kriminalroman
    original 'Il giorno della civetta'
    1961, Giulio Einaudi editore, Turin
    erste deutsche Übersetzung : 1964, Walter-Verlag, Olten
    1998 Paul Zsolnay Verlag, Wien
    2009, Wagenbachs Verlag Taschenbuch 619
    aus dem Italienischen von Arianna Giechi
    131 Seiten
    2 Seiten Nachbemerkung, in der darauf hingewiesen wird, daß Ähnlichkeiten von Personen und Ereignissen mit lebenden Personenen zufällig sind
    2 Seiten Anmerkungen, die sich auf Titel der Polizei, und Personen oder Ereignisse beziehen die kurz genannt werden
    ISBN 978-3-8031-2619-1

    Der Bauunternehmen Colasberna möchte in einen Bus steigen und wird erschossen. Bis die Polizei in den sizialinischen Dorf am Tatort ist, sind alle verschwunden und niemand kann sich an  den Mörder erinnern. Capitano Bellodi aus dem Norden Italiens kommend, ist ein ruhiger besonner gescheiter Mensch und wird mit der Untersuchung beauftragt. In zähen Gesprächen, und mit teilweise gefälschten Geständnissen verlockt er den Mörder und seinen Komplizen ihre Taten zumindest kurzfristig zuzugeben. Hauptgeschichte ist aber das Entdecken, daß Geldleihe und gute Freundschaft zu einem ziemlich Machtkomplex bilden. Das Netzwerk läßt die Gständisse an wunderbar konstruierten Alibis zerplatzen. Parallel wird die Geschichte eines verschwundenen Nachbarns geschickt hineinerzählt.
    Das Buch ist nicht einfach und rasch gemütlich zu lesen. Die Sätze sind konzentriert und bei manchen Dialogen wird die Spannung sehr geschickt aufgebaut, sodaß ich zurückblättern und nochmals nachlesen mußte um den Schlagabtausch der Parteien zu verfolgen.

    Es ist ein Italienbuch, das ohne Landschaftsschilderungen, oder Fokus auf wunderbares Essen auskommt. Es geht um Menschen, um Gruppen und Gruppendynamiken. Faszinierend hartherzig wie Don Mariano die Menschen in fünf Guppen aufteilt: die Menschen (sehr selten), die Halbmenschen (selten), die Menschleins. die Arschkriecher und die Blablablas (Anm: hier hätte ich gerne das italienische Originalwort gelesen)(die meisten).

    Der Titelgebung bezieht sich auf ein Shakespeare Zitat. In Heinrich VI heißt es "... so wie bei Tag die Eule ...."

    Der Roman ist 1968 verfilmt worden - mit Franco Nero als Capitano Bellodi, Lee C. Cobb als Don Mariano und Claudia Cardinale als Rosa (die ich im Buch nicht gefunden habe)

    In Summe ein empfehlenswertes Buch, jedem Italien-Fan sowieso aber auch politisch und gesellschaftlich interessierten Menschen vermutlich ein Genuß sein wird.

    Leonardo Sciascia (* 8. Jan.1921 Sizilien - + 20. Nov.1989 Palermo) war zuerst Volkschullehrer, eher er Schriftsteller wurde. Er galt als einer der ersten der Mafia-Romane schrieb. 1975 bis 1997 war er für die  PCI /Partito Comunista Italiano Abgeordneter, trat dann zurück und  zog 1978 fürdie Radikalen (Partito Radicale) ins Europaparlament.

    Montag, 11. März 2013

    Claudia Pineiro : "Betibú"

    Claudia Pineiro :
    "Betibú"
    Roman
    original "Betibú"
    2011, Alfaguara Argentia, Buenes Aires
    aus dem Spanischen von Peter Kultzen
    2013, Unionsverlag
    333 Seiten
    ISBN 978-3-293-00453-5

    In diesem Kriminal-Roman wird in schöner Sprache mit schöner und dichter Stimmung eine Geschichte um Frauen um die 50, Schriftstellerei versus Journalismus und Morde die auf uraltes Unrecht zurückgehen geschildert. Die Schilderungen der Menschen und Umgebung ziehen in den Bann und in das Buch fast hinein.

    Nurit Iscar, eine schöne 50-jährige Frau, geschieden, 2 Söhne, ehemals erfolgreiche Krimischriftstellerin, wird nach drei Jahren Mißerfolg wegen ihres gescheiterten Versuchs einen Liebesroman zu schreiben beauftragt über einen Mord in einer mehr als geschützten Wohnsiedlung, mit dem irreführenden Namen 'La Maravillosa' zu berichten. Ihr Ex-Liebhaber, Herausgeber einer wichtigen Zeitung, überredet sie dazu. Er gibt ihr einen jungen, noch unbedarften Journalisten zur Seite, der sich Jaime, einen Journalisten der alten Schule, der abserviert werden soll, als Hilfe mitnimmt. Das Team erkennt zunehmend, daß einige Menschen in den Mord verwickelt sind und bereits einige aus einer ehemaligen Männerfreundschaftsrunde Unfällen zum Opfer gefallen sind. Ihnen wird auch einiges klar, und sie haben Glück, daß sie nicht in sogenannte Unfälle produziert durch Mächtige verwickelt werden.

    Es ist gespenstisch wie die Kontrollen an der Eingangspforte zu der geschützten Wohnsiedlung geschildert werden. Alles wird kontrolliert: nicht nur Ausweis, sondern auch Autoversicherung und Handy. Die, die dort arbeiten dürfen, werden noch mehr kontrolliert. Innen drin leben die Menschen in einer großzügigen Anlage mit viel Comfort. Daß auch Menschen in Buenos Aires leben, die viel weniger haben, wird aus dem Roman nicht ausgespart.

    Schön sind die Personen geschildert, v.a. die Freundinnen um Nurit, die ebenfalls Anfang 50 sind. Die gruppendynamischen Aktionen und wie wer mit auftauchenden Männern umgeht ist humorvoll geschildert. Politik kommt ins Spiel wenn eine dieser Freundinnen, die Schauspielerin ist, meint, daß sie sich nicht mit einem Polizisten treffen (und in ihn verlieben) darf, weil sie vor 30 Jahren in revolutionärem sozialistischem Theater in Buenos Aires gespielt hat.

    "Betibú" ist die Aussprache einer sehr weiblichen Comicfigur aus den 30-er Jahren : Betty Boop. Die Hauptfigur des Romans hat diesen Kosenamen erhalten, weil sie mit ihren schwarzen Locken und großen Augen und weiblicher Ausstrahlung dieser Figur entsprochen hat/noch entspricht. Der Exkurs im Buch auf die Weiblichkeit dieser Comic-figur, die Kontroversen um die gezeigte Fraulichkeit und auch Veränderungen mit steigendem Puritanismus sind faszinierend.

    Schön fand ich in dem Buch den Bezug auf andere Bücher bzw. Autoren aus bekannter Literatur und mir bis dato unbekannten lateinamerikanischen Autoren. Eine kleine Lese-Liste für mich daraus entstanden.

    Ich habe das Buch mit seinen Schilderungen und seinem Plot sehr genossen - auch wenn es kein Happy End im Sinne der Gerechtigkeit gibt, sondern 'nur' menschliches Zusammenfinden.

    Dienstag, 10. Juli 2012

    Lisa Haddock : "Falsche Korrektur"

    Lisa Haddock :
    "Falsche Korrektur"
    original "Editited out"
    1994, The Naiad Press, Inc
    aus dem amerikanischen Englisch von Elisabeth Brock
    1996, Verlag Frauenoffensive, München
    1 Seite mit handelnden Personen inkl. 2 Kater der Protagonistin
    181 Seiten
    ISBN 3-88104-278-4

    Der Krimi ist eine rasch lesbare Geschichte in der die Zeitungskorrektorin Carmen Ramirez in einem Kaff in Oklahoma eine alte Mordgeschichte auflöst.

    Carmen Ramirez lebt mit 2 Kater bei ihrer Großmutter und wird beauftragt einem Chefjournalisten beim Beschreiben alter Morde behilflich zu sein. Eine Schülerin, die Tochter eines bekannten Kirchenmannes, sei von einer lesbischen Lehrerin vor Jahren ermordet worden. Die Lehrerin hatte eine Woche später Selbstmord begangen, was als Schuldgeständnis ausgelegt wird. Einseitige Berichterstattung bringen Carmen dazu in ihrer Freizeit zu recherchieren. Mithilfe ihrer neuen Liebe Julia stochert sie Fragen stellend herum, wird bedroht und nach einiger Aktion wird der alte Mordfall gelöst. Mißbrauch und Geldgier waren die Motive.

    Schön sind die Beschreibungen wie in den 90-er Jahren in Akten recherchiert wird, es auch damals bereits Computerabstürze gab, im Zeitungswesen damals händisch Beistriche oder sonstiges Grammatikalisches korrigiert worden ist.

    Die Personen sind unterschiedlich greifbar - Carmen und Julia sehr, die Großmutter als baptistisch verknöcherte Frau bereits weniger, die Redakteure teilweise gut. Die Orte sind klar - wie die kleinen Garagenwohnungen von Carmen, die besseren Häuschen mit Vorgarten und auch das Lesbencafe, wo mit einem Alibi für die damals beschuldigte Lehrerin aufgewartet wird (es aber damals niemanden interessiert hatte).

    Der Krimi hat Drive und ich habe ihn in einem durch- und ausgelesen. Ich wünsche viel Krimivergnügen.