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Freitag, 16. August 2024

Radek Knapp : "Herr Kuka's Reiseempfehlungen"

Radek Knapp :
"Herr Kuka's Reiseempfehlungen" 
1999, Piper Verlag
   Seiten
ISBN 978-3-492-23311-8

Waldemar möchte die Welt sehen, und schafft es durch die Hilfe seines Nachbars - Herrn Kuka - nach Wien. Herr Kuka hatte ihm Reisetips und Geschenke mitgegeben, die ihm auch Probleme machen. 
Die Schilderungen des klapprigen Reisebuses und der Reisegefährten ist bereits unterhaltsam-abenteuerlich. In Wien geht fast alles schief was er beginnt : die Arbeitssuche ist erfolgslos, er entkommt mit Glück der Polizei, und beginnt im Belvedere Garten zu übernachten.
Mit Glück bekommt er Arbeit in einem Spielzeuggeschäft am Mexikoplatz und lernt die attraktive Freundin des Geschäftsbesitzers kennen.
Nach einigen Verwicklungen passen Arbeit und Liebe für Waldemar zusammen.

Das Wien Anfang der 90-er, zu dem diese humorvolle Geschichte erzählt wird, ist das ohne Handy und mit viel Gefühl für etwas ungesetzliche Geschichten.
Der Besuch der Hausbesitzerin bei der Wohngemeinschaft von Waldemar und den beiden anderen Herren ist köstlich beschrieben.

In Summe ein sehr unterhaltsames Buch, mit immer wieder herrlich skurrilen Situationen.

Radek Knapp wurde am 3. August 1964 in Warschau geboren. 1976 zog er zu seiner Mutter nach Wien, und studierte hier. Der Durchbruch als Autor gelang ihm 1994 mit dem  Erzählband 'Franio'.

Freitag, 31. August 2018

Andrea Camilleri : "Jagd nach einem Schatten"

Andrea Camilleri :
"Jagd nach einem Schatten"
Roman
original "Inseguendo un'ombra"
2014, Sellerio editore, Palermo
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
2018, Nagel & Kimche
195 Seiten
ISBN : 978-3-312-01086-8

Diese Jagd nach einem Schatten gilt einem Mann im 15 Jahrhundert. Geboren als Jude - vermutlich unter dem Namen Samuel Ben Nissim Abul Farag - merkt er die Nachteile als Juden in Sizilien, konvertiert - und nimmt den Namen Guglielmo Raimondo an-, wird mit Hetzpredigten gegen Juden und grandioser Rhetorik zu einem der Stars im Vatikan. Nach einer 'Verfehlung' - es wird Mord vermutet - flieht er zuerst nach Deutschland, und dann zurück diesmal in die Toskana, wo er unter dem Namen Flavio Mitridate, Übersetzer für Pico della Mirandola wird. Nachdem die Verfehlung nach Jahren wieder verfolgt wird, geht sein weiteres Schicksal unter - Camilleri hat einige Endvorschläge.

Camilleri geht hier auf Spuren anderer Schriftsteller und Historiker wie Leonardo Sciascia, und schreibt drei Kapitel in denen zuerst romanhaft wie gescheit, sprachengenial aber unangenehm und launenhaft der Mensch Samuel/Guglielmo/Flavio gewesen sein könnte / dürfte. In anderem Font arbeitet Camilleri die Unterschiede zwischen seiner Romanfigur und dem, was als es als Belegen gibt, auf.

Ob diese Menschen mit unterschiedlichem Namen wirklich ein Mensch sind, ist nicht geklärt. Geklärt ist die Homosexualität von Flavio, sowie eine Amoure die ihm vielleicht wichtig gewesen sein dürfte. Camilleri macht eine Liebesgeschichte daraus. Daß Flavio einen Liebensjungen vertraglich gesichert hat und diesen wiederholt einfordert, gilt als gesichert.

Die Menschen und Beziehungen im Vatikan zeichnen ein machtgieriges Beziehungsgerüst, in dem erotische Leidenschaften und Cliquen Jahrzehnte vor Luther und Papst Alexander VI den Kirchstaat diktieren.

Samuel/Guglielmo/Flavio ist das Zentrum des Romans. Ihm werden Gefühle, Gedanken und Handlungen im Roman angedichtet; seine Verwandlungen, sein Ehrgeiz und Geldgier sind die Angelpunkte seines Handelns. Einzig sympathisch wirkt seine Vorliebe für wunderbare Bücher.

Die Geschichte ist spannend erzählt, auch wenn etwas zu viele Fachvokabel wie Neophyt (bekehrter Jude), Sbirren (quasi Geheimpolizei in Rom/Vatikan) und v.a. lateinische Sätze aus dem Kirchenbereich, die ich mit den Resten meines Schullateins irgendwie sinnhaft übersetzen konnte. Sinngemäß wird oft im darauf folgenden Satz darauf hingewiesen und einigermaßen erklärt.

Das Buch ist für Menschen die sich gerne in die Renaissance einlesen vermutlich große Freude. Mich hat die Spannung und Ambivalenz zwischen Fantasie und Recherche fasziniert. Viel Freude beim Lesen !

Andrea Camilleri wurde am 6. September 1925 in Porto Empedocle auf Sizielien geboren. Er ist Drehbuchautor, Regisseur und ermutlich am bekanntesten als Schriftsteller. 1978 erschien sein erster Roman, 1994 sein erster Kriminalroman mit Commissario Montalbano (1999 auf Deutsch).

Donnerstag, 31. Mai 2018

Patricia Brooks : "Der Flügelschlag einer Möwe"

Patricia Brooks :
"Der Flügelschlag einer Möwe"
2017, Verlag Wortreich
306  Seiten
ISBN 978-3-903091-27-6

In dem Roman wird das Leben einer Clique die 1980 auf Maturareise ist und dreier Menschen in Italien zum gleichen Zeitpunkt durch ein Ereignis teilweise sofort aus der Bahn gebracht oder erst später die Puzzleteile zusammengesetzt.
In feinem Stil mit schönen Bildern wir das Leben der Mitglieder der Wiener Clique in Liebe, Leben und Beruf geschildert. Tati, die die Ermordung eines Menschen gesehen hat, dessen Leiche aber verschwunden ist, wird aus dem verläßlichen Menschen unberechenbar; die schwebende Liebe zu Stefan wird unerfüllt bleiben. Willi, der Geld an dem Mordort gefunden hatte, schafft es frei zu leben und beruflich weiterzukommen. Fred wird Banker, von der Wirtschaftskrise 2008 erfaßt, und mit seiner dritten Frau, der Tochter einer Freundin der Clique, endlich happy. Rosanna, die zum Mordzeitpunkt das Opfer kannte, wird durch ein Wiedereingliederungsprogramm zuerst in Italien, später in Wien geholfen - sie hatte einst Willi das Geldbörsel gestohlen, 30 Jahre später kommen sie zusammen. Auch der Mörder und Tati sehen einander noch kurz.

Leicht und duftig wie ein Aquarell beschreibt die Autorin die Menschen und die Szenerien; selbst deftige Erotik bleibt in  diesmal dunklen Wasserfarben. Die Kunstszene, die Graffititszene, die Pizzeria die sich zum italienischen Feinschmeckerlokal mausert, die Verquickung und das Auseinanderdriften der Menschen in der Clique und diejenigen die dazukommen ist zart aber auf den konkreten Punkt beschrieben. Es ist faszinierend wie sich der Wirbel um die Clique dreht, zerfällt und anders zusammensetzt - manche sind im Wirbelwind, manche am Rand und andere kommen spuradisch vorbei.

Manche Menschen sind sympathisch, manche nicht, manche ehrgeizzerfressen, andere lassen sich treiben, manche haben in ihrem Tun Glück, andere greifen immer ins Mistsackerl, bei manchen gehen die Lebensziele auf, während andere einer Illusion nachlaufen.

Orte der Handlung sind die Gegend um Triest - Sistiana, Wien, London und kurzfristig das Meer.

Die Kapitelüberschriften tragen Menschennamen, eine Jahreszahl und einen Ort. Die Kapitelüberschriften sind nicht immer chronologisch, finden aber am Schluß zusammen.

Ich habe den Roman in einem Rutsch durchgelesen und die feine schöne Sprache und Metaphern im Kopf sehr genossen. Viel Freude beim Lesen !

Patricia Brooks wurde am 22. November 1957 in Wien geboren. Sie ist freie Schriftstellerin, hat Hörspiele und Theaterstücke verfaßt. Sie hat einige Auszeichnungen für ihre Werke erhalten.

Der Verlag Wortreich wurde in Wien 2015 gegründet. Ziel des Verlages sind interessante Romane im Bereich Belletristik. Derzeit sind 27 Autoren und Autorinnen und 31 Bücher (auf der Website) gelistet.

Montag, 3. April 2017

Mary S. Frederick : "The Cat's in Charge!"

Mary S. Frederick :
"The Cat's in Charge!" - Kitty's Manual for Training Humans to Accept Cat Leadership
Dateigröße: 588 KB
Verlag: Mary Sue Frederick (18. Oktober 2015)
ASIN: B016V4DOMY

Der amüsante Text einer Katze - sie stellt klar, daß sie eine Katze ist, und kein Kater - ist eine Anleitung einer weisen Katze für Jungkatzen. Davon abgesehen, daß Katzen die intelligenteste Species auf der Welt sind, sind Menschen durchaus für katzenbedarf quasi trainierbar.

Anfangs präsentiert sich Kitty die Katze, die auf die Dummheit der Menschen bei Namensgebung verweist und dann ausführt, daß sie in der "she"-Version schreibt, weil sie ein Katze ist / ein Kater würde in der "he"-Version schreiben und die gender-Thematik findet sie damit erledigt. Da sie nicht selber tippen kann nutzt sie ihre - nona telephathischen - Kräfte um einen Menschen dahingehend zu manipulieren.
Im Vergleich zwischen Menschen und Katzen wird klar daß die Katze immer besser abschneidet, aber Menschen als gut trainierten Mitbewohner schätzt.
Mit viel Humor wird beschrieben wie man Menschen auf Füllen der Katzenschüssel oder Reinigen der Katzentoilette oder der Wichtigkeit einer passenden Schlafmöglichkeit in verschiedenen Techniken wie charmant, über armselig bis totalitär hingewiesen wird. Dem Tierarzt werden magische Kräfte zugeschrieben.

Die Stellen in denen die unterschiedlichen Arten des Miauen und der bewußte Einsatz geschildert werden, werden Menschen mit Katzen vermutlich sehr bekannt vorkommen.

Am Schluß gibt es ein kleines ABC der Katzen das von A wie 'adjustment' bis W wie 'wate'r geht und auch einen Absatz über 'boy/girl-friend' also dazukommendes menschliches Element das genau überprüft werden muß eingeht.

Als Katzenfan habe ich das Werk sehr genossen und mußte sehr an diverse Katzen in meinem Leben denken. Der Text ist sehr gut für Katzenfans geeignet. Viel Spaß - meow !

Autorin und Katze leben in Phoenix, Arizona, USA. Die Katze ist mittlerweile 15 Jahre alt.

Sonntag, 12. März 2017

Traudi und Hugo Portisch : "Die Olive & Wir"

Traudi und Hugo Portisch :
"Die Olive & Wir"
2009, Ecowin Verlag Salzburg
2 Seiten Vorwort + 214 Seiten + 2 Seiten "Liebe Leser .."  + 1 Seite Dank
ISBN 978-3-902404-72-5

Ein Haus in der Toskana lädt ein, und das Ehepaar kauft dieses dank vieler Zufälle. Mit Glück kommen die richtigen Menschen zusammen und ein wunderschönes Heim entsteht inmitten von Oliven, und anderen schönen Pflanzen und Bäumen. Sie lernt die Sprache. Ein Kater bleibt, ein Hund, noch ein Kater und noch eine Hündin. Weihnachten und Sylvester werden dort erlebt.
Und - titelgebend - wird ein Film über das Ernten von Oliven mit Nachbarn nachgestellt und mit Ton während des Ausstrahlens bespielt, sehr zur Unterhaltung des Dorfes.

Den verschiedenen Kapiteln sind italienische Sprichworte mit deutscher Übersetzung vorangestellt. In den Kapiteln geht es um Weinbau, Oliven, Hunde, Hausbau, Nachbarschaftspflege, einen wunderbaren alten Mann als Gärtner, eine wunderbare Nachbarin als Haushälterin, die bodenständige Polizei, den Pfarrer, einen weisen Mann der zwischen Professor und Magier wirkt, zwei Begegnungen mit Eulen, Weinbau, Schnapsgewinnung etc.

Da in einem Kapitel von Lire geschrieben wird, sind diese Geschichten vermutlich in den 90-er Jahren erlebt worden, was ihren Reiz nicht schmälert.

Im Nachwort geht der politische Journalist kurz darauf ein, daß in Italien Politik zwar vorhanden ist, aber wenig im Leben der Menschen bestimmt. Es ist nicht einmal klar welcher der Nachbar welche politische Einstellung hat, was ihn ziemlich verwundert.

Das Buch ist gut zu lesen und strömt etwas Urlaubsfeeling. Viel Spaß dabei.

Hugo Portisch  wurde am 19. Februar 1927 in Pressburg geboren. Seine Eltern und er mußten nach 1945 in St. Pölten bleiben. Hugo studierte dann an der Universität Wien Geschichte, Germanistik, Anglistik und Publizistik und schloss 1951 das Studium mit der Dissertation 'Das Zeitungswesen und die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vor und während des Bürger-krieges 1861–1865'. Er arbeitete zuerst beim Kurier, später beim ORF, für den er als Auslandskorrespondent unterwegs war. Dann kamen geschichtliche Dokumentation für das Fernsehen u.a.  über Österreich nach dem ersten und zweiten Weltkrieg.
Gertraude Portisch geboren und aufgewachsen in Wien, erwachsen geworden in England, heim-gekehrt nach Österreich, verheiratet mit dem Journalisten Hugo Portisch. Unter dem Namen Traudi Reich verfaßt sie eine Reihe von Kinder- und Jugendbüchern. Gertraude Portisch / Traudi Reich lebt und schreibt heute in Wien und der Toskana.

Freitag, 23. Dezember 2016

Michelle de Kretser : "Der Fall Hamilton"

Michelle de Kretser :
"Der Fall Hamilton"
original "The Hamilton Case"
2003, Verlag Knopf (Australien)
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
2006, Klett Cotta Verlag
300 Seiten
ISBN 3-608-93740-4

In dem Roman geht es anhand von Sam (eigentlich Stanley Alban Marriott) Obeysekere, seiner Mutter Maud und seinem Sohn Harry um die Geschichte Sri Lankas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als zuerst die Briten die Herrschaft auf der Insel innehatten, und diese dann an die Kämpfe zwischen Tamilen und Singhalesen abgeben mußten. Sam ist zwar dunkelhäutig aber britisch bis ins Detail, während seine Mutter als Kind und im Alter die Weisheit der Eingesessenen lebt und dazwischen durch ihre Schönheit den Menschen auf der Nase tanzt, während sein Sohn Harry sich komplett aus dem System ausklinkt und in England Vegetarier wird. Am Schluß wird klar, daß Sam wunderbar in Details war, aber nie den großen Zusammenhang erkannte.

Der Hauptteil der Geschichte ist Sam gewidmet, der in einer Familie mit Geld aber auch Verschwendung aufwächst, eine Schwester Claudia hat die er innig lieb und einen Bruder der früh stirbt. Im Internat lernt er Jaya kennen, der später sein Schwager, dann Politiker wird, und Shiva (Shivanathan) der genauso wie Sam Jus studiert und später Geschichten (unwahr und exotisch) schreibt. Sam eine Karriere im Staatsdienst vor sich die er sich mit seinen Schlußfolgerungen um den Mord an dem Farmer Hamilton verbaut, als hier das ewige Mißtrauen gegen eingeborene Dienstboten, die Oberhoheit der Briten, sich ändernde Zeiten gegeneinander spielen. Seine Heirat mit der reichen häßlichen Leela macht ihn nicht glücklich, aber es gibt spät Sohn Harry, der sich gar nicht den Wünschen von Sam entwickelt.
Kapitelweise wird das Leben von Sams Mutter Maud beschrieben, die es durch große Schönheit und Extravaganz schafft bewundert zu werden. Als gleichzeitig Alter und Armut kommen entwickelt sie sich zur wunderlichen Alten die in Glitzergewändern durch die Wälder streift. Diese Kapitel haben eigenen Charme da hier viele Baum- und Tiernamen vorkommen.

Hintergrund ist der Geschichte von Ceylon, in der von den holländischen Einwanderern und Stolz erzählt wird, dann den Briten, und den Unterschieden zwischen Tamilen und Singhalesen. Die Loslösung der Briten von Indien und den Lösungen im Norden die Haß sähen und zu blutigen Konflikten führen, sind nur kurz genannt. Auf der Insel verschieben sich die Machtverhältnisse zugunsten der ursprünglichen Einwohner.

Die Menschen sind gut vorstellbar beschrieben. Sam bleibt brav, seine Mutter schildernd, seine Schwester durchsichtig und zart, Kurzzeit-Schwager Jaya als dickes schleimiges Ekelpaket mit grandioser wetterwendischer Rhetorik, das Kind Harry dem die Welt der Mutter und Großmutter wichtig ist, Pater/der Vater Sams der ein großer Verschwender war, die unterschiedlichen Helferleins im Gut mitten im Nirgendwo im Regenwald, oder im Haus am Meer das nur Sam liebt.

Leider gibt es keinen Glossar um die verschiedenen Ausdrücke die vermutlich typisch für Sri Lanka sind oder waren und die Essen, Herrschaft - Dienerschaft, und anderes beschreibt nachzuschlagen. Das ist schade weil es den Charme des Buches ausmacht, daß diese Ausdrücke zwar unübersetzt und immerhin kursiv gedruckt im Text stehen.

Der Roman ist stark und eindrücklich. Auch wenn man mit dem Leben auf dieser Insel und dem geschichtlichen Hintergrund nicht vertraut ist, zieht es in diesen Roman mit seinen Menschen und dem feuchten Klima und verschiedenartigen Essen hinein. Viel Freude beim Lesen !

Michelle de Kretser wurde am 11. November 1957 in Sri Lanka (Ceylon) geboren und wanderte mit 14 nach Australian aus. Sie studierte Literaturwissenschaft und Französisch in Melbourne und Paris. Dann arbeitete sich als Lektorin für ein Reise Magazin und begann zu schreiben. 1999 erschien der erste Roman "The Rose Grower" (auf deutsch 'Rosenzüchterin von Montsignac' bei Rütten und Loening 2001).

Mittwoch, 9. November 2016

Rafael Cardoso : "Sechzehn Frauen"

Rafael Cardoso :
"Sechzehn Frauen" - Geschichten aus Rio
original "Entre as mulheres"
2007, Editora Record, Rio de Janeiro
aus dem brasilianischen Portugiesisch von Peter Kultzen
2013, S. Fischer Verlag, Frankfurt
312 Seiten
ISBN 978-3-10-010850-0

16 kurze Geschichten über Frau in Rio de Janeiro sind hier gesammelt. Die Frauen im Alter von 6 bis 93 sind aus allen Gesellschafts- und Einkommensschichten, verliebt -entliebt - verheiratet - geschieden - verwitwet, schwanger - kinderlos - mit Kind, reich - arm - arbeitssuchend, hetero- homo-erotisch, reich an Erfahrung bis naiv-freundlich.

Manche Geschichten sind lose miteinander verbunden, wenn einzelne Figuren nicht nur erzählen, sondern auch in anderen Geschichten vorkommen - z.B. Frau Yete, oder so wie ein Raffael/Raffa, ein attraktiver DJ mit grünen Augen, der durch das Leben einiger Frauen geistert, der aber nicht selbst zu Wort kommt.

Das Ende der kurzen Geschichten ist sehr unterschiedlich: bei manchen bleibt alles beim Gleichen, bei manchen dreht sich das Ende zu positivem Ende, bei anderen zerplatzen alle Träume bis keine Hoffnung übrig bleibt.

Leider kenne ich Rio überhaupt nicht weshalb ich die Hinweise auf das südliche Rio bei dem die Menschen anders, reicher, positiver, bunter, lebensfroher geschildert werden.

Skurril finde ich die letzte Geschichte von Ana, die als Stewardess Höhenkrankheit mittel Schokolade bekämpft. Cíntia ist eine wunderschöne aber gehbehinderte Frau - sie erzählt wie Männerfantasien bei ihrem Anblick auf Touren gehen, und wie sie zerfallen wenn sie humpeln beginnt; sie empanzipiert sich von der überbehütenden Mutter. Maria, pflegt mit ihren 93 die demente Schwester und muß mit einem jugendlichen unerfahrenen Einbrecher fertig werden, der nicht versteht, daß er als siebenter Einbrecher nichts mehr vorfinden kann. Auch die Geschichte von Renata hat Faszinierendes; da sie von ihrem Mann keine Aufmerksamkeit und keine Mutterschaft dank seiner Damenbesuche mehr erwarten kann, und sich beides von einer Zufallsbekanntschaft holt, wobei die Ehelüge aufrecht bleibt.

Die Frauen sind sehr gut vorstellbar beschrieben; die Erzählungen die tw aus der Ich-Sicht geschrieben sind ziehen in die Gedanken und Emotionswelt der Darstellerinnen hinein.
Viel Freude beim Lesen.

Rafael Cardoso Denis wurde am 4. Juni 1964 in Rio de Janeiro geboren. Er wuchs ab seinem fünften Lebensjahr in den USA auf und studierte Kunstgeschichte in USA, Brasilien und London; später wurde er Professor für Kunstgeschichte und Kurator von Ausstellungen. Er veröffentlichte sowohl Werke über brasilianische Kunst, als auch drei Romane.

Donnerstag, 8. November 2012

Sabina Berman : "Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte"

Sabina Berman :
"Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte"
original "La mujer que buceó dentro del corazón del mundo"
2010, Ediciones Destino, Barcelona
aus dem Spanischen von Angelica Ammar
2011, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt
299 Seiten
ISBN 978-3-10-021609-9

Der verzaubernde Roman in dem wunderschönen türkisblauen Umschlag erzählt von einer jungen Frau, die erst durch Zuneigung/Zuwendung ihrer Tante mit ihrem Autismus umgehen lernt und aus dieser Sicht das Meer, das Leben (und Vernichten) von Thunfischen kennen und lieben lernt. Eine wunderbare Geschichte, die in Bann zieht und trotz Fischtötens verzaubert.

Karen wird von ihrer Tante Isabell in einer ererbten Haus in Mexiko im Keller gefunden. Sie bemüht sich der bereits jugendlichen Sprechen beizubringen, ihre Denken zu formulieren und mit Menschen trotz ihres Autismus so normal wie möglich umzugehen.
Tante Isabell ist die Eigentümerin mehrerer Thunfischfabriken, und ermöglicht ihrer Nichte diese anzusehen. Sie entdeckt dort ihre Liebe zum Tauchen und Mitschwimmen mit den Fischen.
Mit ihrer Empathie für Tiere, Ausschalten von Verständnis für menschliches Denken und Fühlen gemischt mit sehr logischem Denken entwickelt Karen Methoden die Thunfischfischerei schonend für Delphine und relativ streßfrei für die zu tötenden Thunfische zu entwickeln. Es gibt Rückschläge, aber aufgrund von superreichen, entsetzlich verwöhnten Sushi-fans plötzlich riesige Erfolge zu verzeichnen. Die Naturschützer schlagen zu und sie entwickelt die Idee vom Paradies für Fische - sehr zum Mißfallen ihrer Geschäftspartner, die nicht ihre Erlebnisse im Meer und mit den Fischen teilen (können).

Der Roman ist in Ich-Form geschrieben. Da das erste Wort, das Karen lernte Ich ist bedeutet es sehr viel für sie. Es ist faszinierend wie sie beschreibt wie sie mit den Menschen und deren oberflächlichen Ausdrucken umgeht; fast witzig wenn sie beschreibt wie sie lernt was welcher Gesichtsausdruck heißen soll und lernt diese Gesichter zu kopieren, um sich mit nicht-autisten leichter zu tun.

Kares Auseinandersetzung mit der Wissenschaft und Philosphie hat ganz eigene kognitive Zugänge. Descartes empfiehlt sie zu verbrennnen; viel hält sie von Darwin - der vermutlich wie sie und auch Einstein ein Autist gewesen sein dürfte.

Schön sind die Beschreibungen wie sie im Meer schwimmt, mit den Thunfischen Nase-schubsen spielt, und wie sie die Tiefe des Meeres wahrnimmt.

Ich habe das Buch sehr genossen und kann es Lesern und Leserinnen, die ein Gefühl für Zauber, das Meer, und auch andere Gedankenansätze zu arrivierter Philosophie vertragen nur sehr empfehlen. Achtung: Leser taucht gedanklich fast mit !

Dienstag, 31. August 2010

Alex Merz : "Der Argentinier"

Alex Merz :
"Der Argentinier"
2009, Haymon Verlag Innsbruck - Wien
97 Seiten
ISBN 978-3-85218-580-4
mit 3 Pinselzeichnungen von Heinz Egger

In dem Buch wird in kleinen Absätzen von einem Mann erzählt, der aus der Schweiz für zwei Jahre seinem Traum auswanderte und nach Argentinien zog. Als er dann zurückkam, wurde er Volksschullehrer und reiste nie wieder fort.

Lena erzählt bei einem Schultreffen dem Autor (?) von ihrem Großvater, der nach zwei Jahren Argentinien, über die er fast nie spricht, zu seiner Amelie heimkehrte und wie er dann in der Schweiz lebte. Der Name "der Argentinier" blieb ihm erhalten, auch Geschichten von ihm als Tangotänzer, obwohl man ihn nie - außer bei der Hochzeit Lenas - Tango tanzen sah.

Am Ende schließt sich der Kreis, denn erst auf den letzten Seiten wird erzählt, daß "der Argentinier" in Argentinien, eine Frau geliebt hatte, mit ihr Tango getanzt hatte, und ihrer illegetimen Tochter von "dem Schweizer" erzählt hat.

Beim Lesen des Buches bin ich ruhig geworden. Die Reflexionen eines Menschen über die Oberflächlichkeit, Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit, die behutsam beschrieben sind, ohne ein Vorwurf zu werden, ließen mich das Buch genießen.

Schön fand ich die Schilderungen von alten Photos mit Bergen, Bauern, Wanderarbeitern, Schule, wobei nicht nur die Bilder wichtig waren, sondern auch das Entstehen der Bilder, und dann die Rezeption und das was den Schulkindern Jahre später damit vermittelt wurde. In den Schilderungen der Photos ist fast die Stofflichkeit zu sehen.

Der Autor schildert die Personen, die Umgebung(en), die Berge, die Häuser, bis zur Landwirtschaft sehr greifbar, aber immer liebevoll distanziert.

Das Buch kann ich jedem empfehlen, der sich Zeit & Muße nehmen will, und absatzweise oder auch drei Absätze lang Beobachten zu lassen.