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Mittwoch, 2. Juni 2021

Claudia Pineiro : "Der Privatsekretär"

Claudia Pineiro :
"Der Privatsekretär"
Thriller
original "Las Maldiciones"
2017, Verlag Alfaguara, Buenos Aires
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
2020, Unionsverlag
308 Seiten
ISBN 978-3-293-20882-7

Román Sabaté, groß, schlank, grüne Augen, wird zu seinem eigenen Erstaunen als Mitarbeiter der neuen Partei "Pragma" aufgenommen und unterstützt den charismatischen Fernando Rovira als Personaltrainer, und nach der Ermordung dessen Frau als Betreuer seines kleinen Sohnes. In den fünf Jahren, die er dort arbeitet bringt er seinen Freund Sebastian Petit, einen klar denkenden und sehr strukturierten Menschen, in die Partei ein, der sich bei dem Projekt der Splittung der Provinz Buenos Aires einbringt. Parallel lernt er die Journalistin Valentina Sureda, genannt "China", kennen, die eigentlich ein Buch schreiben möchte, zu einem anderen Buch manipuliert wird und versucht an 'die' große Geschichte zu kommen - und in Román verliebt ist.
In strukturell nicht linearen Kapiteln wird erzählt wie Román mit dem Kleinen flüchtet, in der Partei nach ihm gesucht wird, und springend aus verschiedenen Persektiven diese Situtionen beschrieben und rückblickend die letzten fünf Jahre.

Román wird groß, attraktiv, aber nicht sehr engagiert beschrieben. Er wundert sich lange warum er ausgesucht wurde, was sich cirka in der Mitte des Buches entschlüsselt.
Sebastian Petit ist hoch intelligent, begeistert von der Firma, lange sehr loyal zu dieser, aber auch loyal zu Román.
Valentina Sureda, genannt "China", ist Journalistin. Die Passagen, in denen beschrieben wird, wie sie manipuliert und gezwungen wird, an dem Buch über Flüche, die über Politikern hängen zu schreiben, sind gespenstisch, weil hier ihr keinerlei künstlerische Freiheit mehr gegeben wird; Vorschuß wird auch keiner für die viele Vorarbeit geleistet. Für die manche Menschen gilt sie als attraktive Frau, für andere ist sie nicht einen zweiten Blick wert.
Fernando Rovira ist ehemaliger Bauunternehmer, der die neue schneidige Partei Pragma gegründet hat, und Präsident werden möchte, nachdem er Gouverneur von Buenos Aires gewesen sein möchte. Er ist attraktiv, berechnend, manipulativ, grandios in Rhetorik und erwartet rückhaltlose Loyalität.
Seine Mutter ist offiziell nicht merkbar, aber sie zieht im Hintergrund ihre spirituellen Fäden, und Mitinitiatorin der eigenartigen Menage a trois die zu dem kleinen Joachín führt. Sie ist eine eigentümliche Mischung aus Mutterglucke, Hexe, Unberechenbarkeit, schlechtem Gewissen und Skrupellosigkeit.
Handlanger Sylvestre umgibt Rovira ohne auch nur einen Gedanken an Skrupel zu verwenden.
Románs Onkel Adolfo hat Gemisch aus Tischlerei und Möbelgeschäft am Land, und hat seine kommunistischen Verbindungen nie verleugnet, aber im Alter selten aktiviert.

Der Roman spielt in Buenos Aires und am Land. Orte sind zwischen hypermoderner Parteizentrale bis zum Möbelgeschäft am Land eines politisch anders denkenden Onkels.

Die Geschichte ist im Jetzt angesiedelt. Handies sind selbstverständlich, deren Überwachung auch, die älteren Damen beherrschen die sozialen Plauder-netze.

Die Partei an sich und die Menschen darin sind zwar erfunden, die Systeme wie Menschen benutzt und manipuliert werden, und unliebsame mehr oder minder rüde ausgeschaltet werden, ist faszinierend.

Die Welt der Flüche, die Politiker trifft, ist unterhaltsam zu lesen.

Mich hat der Roman in den Bann geschlagen, da er sehr sehr spannend geschrieben ist. Ich war sehr neugierig wie das Ende sein wird, war dann von der Einfachheit aber etwas enttäuscht. Viel Freude beim Lesen !

Dienstag, 30. Juli 2019

Carlos Gamerro : "Die 92 Büsten der Eva Peron"

Carlos Gamerro :
"Die 92 Büsten der Eva Peron"
Roman
original "La aventura de los bustos de Eva"
2004, Edhasa (Editora y Distribuidora Hispano Americana S. A.)
Aus dem argentinischen Spanisch von Birgit Weilguny
2018, Septime Verlag
Lesebändchen
395 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 2 Seiten Quellenverzeichnis
ISBN 978-3-902711-73-1

Ernesto Marroné wird nach dem Kidnapping des verhaßten Generaldirektors beauftragt die Löseforderung nach 92 Büsten der Eva Peron zu organisieren. Bei dem Besuch in einem Gipswerk um diese Büsten zu veranlassen, drehen die Arbeiten den Spieß um und gehen in organisierten Streik. Marroné ist zuerst auf der Seite des eingesperrten Vorstand, und schafft auf durch angewandte Tricks von Dale Carniege bis zu Tips aus  Don Quijote im Management auf der Seite der Arbeiter diese zu organisieren. Er mobilisiert diese zur Herstellung der 92 Büsten. Der Angrifft der Gewerkschaft und der Polizei löscht mehrer Menschenleben aus - ihm wird mit Tricks aus dem Kugelhagel geholfen, in den Slums ein Versteck bereitet, bis wieder die Kugeln fliegen. Auf der Suche nach Sicherheit und den Büsten besucht er ein skurriles Bordell mit Frauen als Evita ge/ver-kleidet die alle Spiele beherrschen. Sicherheit bringt ein Viertel, das nach dem Grundriß einer Büste von Evita gebaut ist, und dementsprechend nicht so einfach zerstört werden kann. Hier findet er versteckt ein geheimes Lager von Evita-Büsten mit verschiedenen Gesichtsausdrücken und Posen. Als er diese endlich zur Firma bringt, entdeckt er daß dies den Direktor nicht retten konnte, und die Karriere-Machtspiele in der Firma weitergehen.

Der Roman war nicht einfach zu lesen, da die Reflexionen von Ernesto, der adoptiert wurde und auf die besten Schulen geschickt wurde, sehr oft Verhaltenstricks aus Manangementbüchern zitiert.

Die Skurrilität der geschmeidigen Anpassung an alle Situationen egal ob penetrante Prüfung beim Direktor oder Verdrehung von Argumenten der Arbeiter ist eigen.
Die Szenen mit dem alten Freund aus Elite-Uni-Tagen, die zuerst jovial, dann manipulierend und dann tödlich enden gingen mir unter die Haut.

Das private und gesellschaftliche Leben Ernestos mit einer schönen oberflächlichen Frau ist überflächlich traurig, was beiden bewußt ist. Rettung für ihn ist immer die Toilette.

Der Absatz, in dem die gesammelten Evitas geschildert werden, ist faszinierend in ihrer geschilderten Vielfältigkeit. Es werden die Materialien, die Gesichtsausdrücke, die Frisuren mit viel Gefühl beschrieben.
Wer die Lebensgeschichte von Eva/Evita Perón geborene Eva Duarte noch nicht kennt, erhält sie hier mit Erfolgen, Mißerfolgen, Stärken und Schwächen erzählt.

Manche der beschriebenen Situation bringen zum Grinsen, bei anderen bleibt mir der Humor im Hals stecken. Anpassungsfähigkeit bringt dem Protagonisten nicht den gewünschten Erfolg.

In Summe ein starker, eindrücklicher, sehr eigener, und sehr empfehlenswerter Roman, der Konzentration verdient. Viel Freude beim Lesen !

Carlos Gamerro wurde am 16. Mai 1962 in Buenos Aires geboren. Er ist Übersetzer, Schriftsteller und Kritiker. Als Übersetzer hat u.a. Werke von Shakespeare, W. H.Auden und Harold Bloom ins Argentinische übersetzt. 1998 erschien sein erster Roman "Las Islas", sein erstes Theaterstück erschien 2009 und der bisher einzige Film 2007.

Freitag, 8. Juni 2018

Gabriel Rolón : "Der Psychologe"

Gabriel Rolón :
"Der Psychologe"
original "Los padecientes"
2010, Editorial Planeta, Buenos Aires
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
2017, btb Verlag
373 Seiten
ISBN 978-3-442-74456-5

Der renommierte Psychologe Pablo Rouviot wird ersucht, ein Gutachten über einen jungen verstörten Mann zu machen, damit er für den Mord an seinem Vater nicht verurteilt wird. Pablo versucht die Wahrheit herauszufinden, da ihm klar ist, daß dieser Mensch den Mord an seinem Vater nicht begangen haben kann. Er fragt des Patienten Arzt, die beiden Schwestern, die ehemalige Freundin des Vaters, und bei einem guten Freund nach und erfährt nur, daß der ermordete Vater ein mächtiger, brutaler, unsympathischer Mensch gewesen ist, der auch innerhalb seiner Familie grausam und übergriffig gewesen war. Schlußendlich gibt es das gewünschte Gutachten.

Der Roman wird vor dem Hintergrund sexueller Übergriffe mächtiger Männer gegenüber jungen Frauen bis Mädchen, die nicht einmal vor der eigenen Kindern zurückschrecken, erzählt. Als Gegenüber gibt es die Welt der Psychologen / Psychotherapeuten, die Respekt vor Kranken und Leidenden haben, oder einfach vor Menschen, die Angst vor dem Leben haben.

Die Menschen sind einfühlsam geschildert, wobei alle Frauen schön sind (was nervt). Seelisch sind alle interessant und wie sie um das Überleben ringen. Der ermordete Roberto wird als zwar charmanter, aber gewissenloser Mensch geschildert, seine verstorbene Ehefrau Victoria als künstlerisch feine aber menschlich nicht durchsetzungsfähige Frau (wobei sich kaum eine Frau gegen diesen Mann durchsezten könnte), die älteste Tochter Paula studiert Psychologie und malt und durchschaut vieles, Sohn Javier flüchtet sich in Krankheit und die jüngste Tochter Camilla ist mit ihrer Begabung und Flucht in die Musik faszinierend. Pablo, als Hautperson, seine Assistentin Helena als Pablos gute Seele und alte Freundin, sowie ein guter Freund José, der ebenfalls Psychologe ist, helfen einiges an den Problemen zu erklären. Es gibt auch zwei andere wichtige Frauen in Pablos Leben: seine letzte Freundin Alejandra und die neue Luciana. Auch der langjährige Arzt des kranken Javier sowie ein Polizeioberst werden als eigentlich Menschen geschildert, die das Gute tun wollen, es aber manchmal nicht dürfen.

Ort der Handlung ist Buenos Aires. Es werden einige Bezirke und Gegenden beschrieben, von reichen Villen, bis gemütlichen Wohngegenden.

Der original Titel heißt übersetzt in etwa 'die Erkrankten' oder 'die Leidenden'. Damit ist gemeint, daß dem Protagonisten Angst und das Leiden der Menschen die Antriebskraft für seine Arbeit und sein Engagement ist. Feinfühlig geht er auf Ängste der Kindheit, Angst vor dem Tod und Angst vor Einsamkeit ein.

Es gibt einige durchaus saftige Erotik-beschreibungen.

Die Sprache ist schön, reich und differenziert. Den Feinheiten der menschlichen Seele, der Gefühle, und wie Traumata verarbeitet werden können, wird Raum und feine, differenzierte Sprache gegeben.

Die Geschichte ist spannend und mit viel Einfühlungvermögen geschrieben (übersetzt). Der Sog der Spannung und die Frage, wer jetzt wirklich diesen übergriffigen Machtmann ermordet hat, haben mich nicht losgelassen.

Viel Freude beim Lesen !

Gabriel Rolón wurde am 1. Noember 1961 bei Buenos Aires geboren. er studierte Psychologie in Buenos Aires und spezialisierter sich dann auf Psychoanalyse. Mittlerweile ist er renommierter Psychologie, Künstler und tritt in Fernsehshows auf. 2007 erschien sein erster Roman. "Los padecientes" ist sein dritter Roman und weltweiter Bestseller.

Samstag, 27. Mai 2017

Jorge Bucay : "Komm, ich erzähl dir eine Geschichte"

Jorge Bucay :
"Komm, ich erzähl dir eine Geschichte"
original "Déjame que tu cuente ..."
1999, Editorial del Nuevo Extremo, Buenos Aires
Aus dem Spanischen von Stephanie von Harrach
2007, Fischer Taschenbuch Verlag
275 Seiten + 2 Seiten Inhaltsverzeichnis
ISBN 978-3-296-17092-0

Demian, ein junger Mann mit vielen Fragen, kommt nach Besuch bei einigen Therapeuten zu dem dicklichen Jorge, der ihm auf seine Fragen und Probleme im Alltag, mit Geschichten antwortet. Manche Geschichten sind zwei Seiten lang, manche auch länger - aber sie haben oft überraschendes Ende.

Die Geschichten sind aus vielen Kultur- und Religionskreisen der Welt - auch Saint-Exupery schaut ums Eck'. Oft ist ein weiser Mensch dabei, der Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Manche Geschichten bezaubern durch Humor, und erfreuen damit; andere bringen zu Nachdenken.

Die Kapitel über Lügen, sich-die-Welt-zurecht-biegen, Phantasiewelt-leben, Lügen-bringt-wem-was-? brachten mich zum Grübeln. Es geht um Liebe, Anerkennung, den Weg-finden, Erwartungen-zurückschrauben etc ...

Ich habe dieses Buch vornehmlich vor dem Einschlafen gelesen, da mir die freundliche Gelassenheit  gut getan hat. Manchmal schien es so, als sei so etwas wie Liebe zu spüren.

In Summe für mich ein wunderbares Buch. Diese Freude wünsche ich auch anderen Leserinnen und Lesern.

Jorge Bucay wurde am 30. Oktober 1949 in Buenos Aires, Argentinien, geboren. Sein familiärer Background ist kulturell gemischt, da er aus einer Familie mit arabisch-jüdischen Wurzeln stammt und in einem überwiegend christlichen Viertel von Buenos Aires aufwuchs. Er studierte Medizin und Psychoanalyse und ist heute einer der einflussreichsten Gestalttherapeuten des Landes.

Montag, 14. Dezember 2015

Juan Manuel Marcos : "Gunters Winter"

Juan Manuel Marcos :
"Gunters Winter"
Roman
original "El invierno de Gunter"
1987, Asunción, Paraguay
übersetzt von Rafael Blatter
2105, Frieling-Verlag Wien
198 Seiten + 2 Seiten Prolog + 2 Seiten Vorwort + 5 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-8280-3295-8

Gunter ist ein deutschstämmiger Lateinamerikaner, der es in die Weltbank geschafft hat. Er ist verheiratet mit der lebenslustigen, attraktiven Eliza Lnych und er hat eine Nichte Soledad die mit ihrer Mutter ein erbärmliches Leben in Paraguay fristet. Ihre beste Freundin ist aus der reichen Oberschicht; gemeinsam gehen sie in die katholische Schule, lernen Hegel, schreiben Gedichte und entdecken Liebe und Lust. Nachdem die Eltern der besten Freundin Veronika im Feuer umgekommen waren, und ein zwielichtiger Freund die Vormundschaft übernommen hatte, wird dieser ermordet. Soledad wird verhaftet, und erst nach einigen späten Interventionen des Onkels bekommt Soledads Mutter einen Sarg übergeben.

Die Geschichte wird sprunghaft erzählt: es tummeln sich die Teenager und erforschen ihre Sexualität; Eliza erlebt Romanzen und blickt auf ihre Ehe mit einem geisthaften Ehemann zurück, macht aber Karriere und ist trotzdem schön & knackig; und Bischof Cáceres versucht seine katholischen Prinzipien und Bodenständigkeit zu vereinen.
Dazwischen werden in kursiv immer mehr Liebesgedichte/-Prosa eingestreut - sie sind von Soledad an Veronika, und werde aus dem Gefängnis geschmuggelt. Andere Textpassagen sind ohne Interpunktionen und wirken wie beim Mantra unzensuriert-von-sich-gegeben.

Erschreckend ist wie in der gelenkten Berichterstattung über das Mädchen/die junge Frau berichtet wird. Alles wird ihr angelastet von Maoistin bis Lesbe, von Hexe bis Kapitalistin, aber niemand nimmt sich Zeit für sie bis es endgültig zu spät ist.

Skurriles findet seinen Raum als bei dem Begräbnis eines ranghohen Mannes eine Jaguarfigur auftaucht und auch die Seele des verstorbenen Mädchens auf einem Pferd. Der Jaguar ist immer wieder wichtig, weil er seinen eigenen Weg geht.

Der Hintergrund sind Menschen die entweder an den Machthebeln sitzen und Medien bis Bordelle mit Intrigen regieren, Menschen die sich Geld mit Mord beschaffen; nicht einmal die Männer der Kirche getrauen sich frei zu sprechen und zu handeln.

Gunter die Namensgebende Person bleibt in der Geschichte als Mensch der handeln sollte, aber keine Zusammenhänge versteht stehen. Er ist fast unsympathisch geschildert als Mensch der ehrgeizig und ziemlich gefühllos lebt, unappetitlich ißt und nicht merkt, wie oft er Menschen taktlos gegenüber agiert. Die anderen Menschen agieren motivierter, und emotionaler. Sarría -Quiroga hat überall seine leider dreckigen Hände im Spiel, Soledad Montoya Sanabria Gunter träumt von Ausbildung und besserer Zukunft, ihre Mutter Amanda ist eine liebevolle Friseuse die sich als Witwe ehrbar über die Runden bringt und für ihre Tochter sorgt, Brigadier Gumersindo Larraín ist ein Ermordeter mit dem der Terror beginnt.

Immer wieder funken die Guaraní hinein - ihre Sprache, ihre Religion, ihre Werte und die Priester der Payé, sowie die vaterlosen und damit grenzenlos freien Karaí. Sie stehen den rigiden vorschreibenden System quasi gegenüber.

Es gibt viele Querverweise auf Politik und Literatur - u.a. als willkürliche Beispiele Namen wie Juan Ramón Jiménez, René Dávlos, Palito Ortega y Gasset, César Vallejo, Agustín Barrios ...

Der Roman wurde jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt; die Übersetzungen in auf englisch und französisch haben, wie im Vorwort nachzulesen ist, dem deutschsprachigen Autor sehr geholfen, da es nicht nur darum ging den Inhalt zu erfassen sondern auch das Spiel mit der Sprache zu erfassen.

Das Lesen des Buches ist nicht ganz einfach, da parallel die Geschichte erzählt wird, aber auch wunderschöne blumige Metaphern zum Erfassen einer Situation großartig bis befremdend eingesetzt wird.

Der Roman ist faszinierend und ich werde ich auf jeden Fall noch einmal lesen. Viel Freude damit !

Juan Manuel Marcos wurde am 1. Juni 1950 in Asunción / Paraguay geboren. Er studierte Philosophie in der Universidad Nacional de Asunción, lehrt an der University of Pittsburgh / Pensilvania. Er war Professor an den Universitäten in Oklahoma und in Kalifornien. Er gilt als einer Intellektuellen im aktuellen Paraguay. Marcos ist Schrifsteller, Essayist, Dozent und Lyriker.

Dienstag, 25. August 2015

Lucía Puenzo : 'Wakolda"

Lucía Puenzo :
'Wakolda"
original " Wakolda"
2011, Emecé, Buenos Aires
aus dem argentinischen Spanisch von Rike Bolte
2012 Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
200 Seiten
ISBN 978 3 8031 2715 0

In diesem dichten Roman wird die Geschichte eines jungen Mädchens erzählt, das etwas klein geraten ist, und in der argentinischen Pampa einem Arzt begegnet, der ihr Wachstum verspricht, und der geflohene Dr. Mengele ist.

Lilith und ihre Familie fahren ins argentinische Patagonien, um dort die Pension von Liliths Großmutter wiederzueröffnen. Auf einem Parkplatz kommt das Mädchen mit einem Mann ins Gespräch, der sich ihnen anschließt. Dieser Mann ist der erste Gast der Pension, und erwirbt das Vertrauen von Lilith und der Familie. Er investiert in das Puppenhobby von Enzo und interessiert sich für die Zwillingsschwangerschaft von Eva. Dank seines Tuns kommen die Zwillinge gut auf die Welt, und auch Eva überlebt. Er hilft mit Präparaten daß Lilith wächst und beide Zwillinge überleben. Die Präparate sind in den Konzentrationslagern zu Versuchen an Menschen entwickelt worden. Der israelische Geheimdienst ist den alten Hauptverbrechern aus den Konzentrationslagern - auch ihm - auf der Spur, und der Gast verschwindet im Schnee.

Die Figuren der jungen charmanten aufgeweckten aber kleinwüchsigen Lilith und der kühle besessene gewissensfreie Arzt sind eindrücklich geschildert. Lilith fragt direkt, schnüffelt im Zimmer des Arztes und entdeckt dort alte Nazi-Insignien, hält aber den Mund, weil sie der für sie charismatische Arzt fasziniert. Jose/Joseph reizt der Stammbaum der Familie mit schönen und unschönen Menschen und der Zwillingsbauch der Mutter; er hatte sich immer für Zwillingsgeburten und das Machbare bei den Frühgeburten interessiert. Auch mit Wachstum hat er experimentiert. Die Tragbarkeit der Folgen waren für ihn kein Thema, nur die Machbarkeit. Mitgefühl hat er keines; so wie diese Figur wenig Gefühle hat und nur auf Touren kommt wenn es um Versuche am Menschen geht. Die Flucht über Italien nach Argentinien, und daß sein Sohn ihn "Onkel Fritz" nennt, wird auch erzählt.

Vater Enzo hatte Lilith eine Puppe - Herlitzka -, mit weißer Porzellanhaut und sehr fein gemacht; diese tauscht sie als sie bei eine Nacht wegen Wolkenbruchs bei den Mapuche verbringen gegen eine hölzern und stofflich gemachte Puppe -Walkolda - ein. Die Puppen die Jose/Joseph herstellen läßt sind blonde blau-äugige weißhäutige Figuren, die für Exil-Nazis von Bedeutung sind.

Kurz wird das Nebenthema der Mapuche und Tehuelce in Argentinien angesprochen. Auch hier hatte es Konzentrationslager gegeben und Ausrottung von Kulturen. Einige wenige haben überlebt.
Eine weitere Nebenfigur ist Nora, die eines der Versuchskinder im Konzentrationslager gewesen war, und nur auf der Suche nach Menschen ist, die ihr das angetan haben. Sie bleibt im Schnee zurück.

Ort des Geschehens ist die Fahrt nach Bariloche, das Leben dort und der See Nahuel Huapi. Eine deutsche Schule hat es dort bereits vor dem zweiten Weltkrieg gegeben, weshalb dann die deutsch sprechenden Menschen, die nach dem zweiten Weltkrieg kamen nicht weiter auffielen.

Der Roman ist dicht, gut vorstellbar und faszinierend geschrieben/übersetzt. Die Figur der Lilith die dem Arzt alles glaubt, manches in Frage stellt, aber für einiges akzeptiert geht unter die Haut. Die Stellen in denen die neugeborenen Zwillinge unterschiedlich behandelt werden, machen mir Schauder.

In Summe in grandioses Buch, das jedem/r zu empfehlen ist der/die einen guten Roman lesen möchte, auch für Menschen die sich nicht für die Nachbetrachtung der Nazi-zeit interessieren mögen.

Lucía Puenzo wurde am 28. November 1976 in Buenos Aires geboren. Ihr Vater ist Filmdirektor Luis Puenzo - sie ist Autorin und Regisseurin. Ihr Debüt als Drehbuchautorin gab sie 2001 mit dem Dokumentarfilm (H) Historias cotidianas. Anschließend war sie vor allem für das Fernsehen tätig und verfasste Drehbücher für verschiedene Fernsehserien, wie etwa Final Minute. 2004 erschien ihr erster Roman "El niño pez", das erst 2009 auf deutsch "Das Fischkinder" schien. Im Jahre 2007 gab sie ihr Debüt als Regisseurin mit dem Filmdrama "XXY" , in dem es um Intersexualität geht. Für diesen wurde sie unter anderem 2008 mit dem  'Goya' in der Kategorie Bester ausländischer Film in spanischer Sprache ausgezeichnet. Sowohl "Das Fischkind" als auch "Wakolda" wurde verfilmt.

Freitag, 23. Januar 2015

Ernesto Mallo : "Der Tote von Plaza Once"

Ernesto Mallo :
"Der Tote von Plaza Once"
Roman
original "La Aguja en el Pajar"
2006, Planeta, Buenos Aires
Aus dem argentinischen Spanisch von Matthias Strobel
2010, Aufbauverlag Berlin
210  Seiten
ISBN 978-3-351-03300-2

In diesem Roman werden die Leben dreier Männer miteinander verwoben. Comisario Lascano, dessen großen Liebe und Ehefrau Marisa verstorben ist, und der ein guter aufrechter Polizist ist; Amancio Pérez Lastra, der aus besten Geld und Gesellschaftsschicht kommt, aber nichts außer zu vielen Schulden schafft, und Major Giribaldi (kurz Giri), der es zu einer eindrucksvollen Machtposition im Militär geschafft hat.

Vor dem Hintergrund von Übergriffen von Polizei und Militär auf jeden der möglicherweise anders denkt, oder das Regime im Frage stellt, ermittelt der Comisario. Neben zwei Leichen mit Gesichtsschüssen (Zeichen daß hier das Militär am Werke war) wird auch der Leichnam eines älteren Mannes mit Rumpfverletzungen gefunden. Der Kommissar braucht nicht lange um den Geldverleiher Bitterman zu erkennen und am Schluß seinem Vorgesetzten ein Dossier mit der lückenlosen Aufklärung zu liefern.
Willkür und Gewalt greifen ein, der Vorgesetzte liefert die Unterlagen Giribaldi aus, der wegen Amanacio seine Finger im Spiel gehabt hatte. Giribaldi hat die besseren Schützen weswegen es bald einige Leichen mehr mit Gesichtsschüssen gibt.
Zwei Menschen entkommen: Eva, die Marisa so ähnlich sieht, und die Lascano deshalb geschützt hat und der Gerichtsmediziner Fusili, der als einziger Freund Lascanos eingeweiht gewesen war.

Ort der Handlung ist Buenos Aires. Die Menschen sind mit Autos, Taxi und Bussen unterwegs.
Die Menschen sind gut vorstellbar: Lascano als ruhiger klar denkender Mensch mit Werten, der Gerichtsmediziner der ihm nach dem Tod Marisas geholfen hatte und seine Arbeit gut und korrekt macht, Amancio als verwöhnter Schleimer ohne Rückrat, seine Frau Lara die sich Arbeit sucht und nebenbei mit den Reizen ihres Körpers nicht geizt, der Ehrgeizling Giribaldi der unglücklich mit seiner faden Frau Maisabé und dem Adoptivkind ist, Eva die einige Menschen mit oppositioneller Meinung kannte und jetzt verfolgt wird und die Bitterman Brüder, der aus dem KZ in Europa mit viel Glück geflohen war, den nie die Angst verließ und zum schlimmen Geldverleiher wurde, während sein attraktiver Bruder das gute Leben zu sehr genießt.

Das Adoptivkind war einer Oppositionellen gleich nach der Geburt weggenommen worden. Erst ein strahlend freundlicher Priester kann der sehr gläubigen Maisabé die Sorgen nehmen, daß hier Unrecht passiert war. Die Effizienz mit der das Militär zuerst beim Belästigen von zufällig vorbeikommenden und die Exekutionen bei mal mehr mal, weniger mißliebiger oder zufälliger Personen durchführt ist funktionell und hart.
Etwas Hoffnung bleibt : Eva ist schwanger, und ein Helferlein in der Polizei hat Akten die später entsorgt werden, heimlich kopiert.

Mich hat das Buch sehr beeindruckt. Obwohl das Militär schießt, ist es niemals laut. Es wirkt wie eine kolorierte Tuschzeichnung mit sehr klaren Linien. Dicht sind die Szenen allemal, aber nicht laut. Dicht sind auch die Beschreibungen der Gesellschaftszusammenkünfte.

Es ist ein intensives starkes Buch, das mich in den Sog gezogen hat. Viel Freude beim Lesen !

Ernsto Mallo wurde am 16. August 1948 in La Plata geboren. Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist. Mallo lebte in den Zeiten der argentinischen Militärdiktatur unter General Videla (Militärdiktatur 1976 bis 1983) als aktiver Gegner und Verfolgter der Militärdiktatur im Untergrund. Mallo lebt und arbeitet in Buenos Aires. Er war mehrfach verheiratet und hat sechs Kinder.
2006 schuf er mit "Der Tote von Plaza Once" den aufrechten Polizisten Comisario Lascano; alle Kriminalgeschichten spielen zur Zeit der Militärdiktatur oder kurz danach.

Samstag, 14. Juni 2014

Eberhard Rathgeb : "Kein Paar wie wir"

Eberhard Rathgeb :
"Kein Paar wie wir"
Roman
2013, Carl Hanser Verlag München
182  Seiten
ISBN 978-3-446-24131-2

Der Autor erzählt in kurzen Sätzen, die er oft den Schwestern Ruth und Viki (Viktoria) in den Mund legt, das Leben zweier Mädchen, dann Frauen, die so aufeinander eingespielt sind, daß sie lieber miteinander leben, als das Leben anderen Frauen mit Mann und Kindern leben.

In Rückblenden und Zeitsprüngen wird erzählt. Die Familie ist aus Deutschland, vom Land, übers Meer nach Argentinien gefahren. Der Vater wird nach vorne sehend, sein Leben als Brückenbauer genießend, aber familienintern als Tyrann, die Mutter, die lieber daheim geblieben wäre, unglücklich zu sich und den ihrigen, und sich in Depression rettend, beschrieben. Ruth ist die schöne mit Energie und Mut, Viki die intellektuelle mit dem scharfen Verstand die heimlich Mathematik studiert. Ruth beschließt mit 30 nach New York zu gehen um dort zu arbeiten. Und holt zwei Jahre die Schwester nach. Sie haben Erfolg, und gutes Einkommen und sehen die Welt. Als die Eltern rufen um die Kindespflicht nach Pflege einzufordern kommen sie sofort, pflegen die Eltern sieben Jahre und bleiben in Buenos Aires hängen. Der große Wunsche gemeinsam diese Welt zu verlassen wird nicht erfüllt - Viki geht zuerst, Ruth einsam etwas später im Altersheim.

Das Buch und der Stil habe mich sehr angesprochen; allerdings habe ich mich bei Seite 120 gefragt, ob es noch eine Wendung oder andere Betrachtungsweise in dem Roman gibt. Es gab sie nicht.

Spannend wie zwei Menschen beschließen sich zu genügen, sich bestätigen, und gemeinsam ihr Leben in Amerika gestalten. Ruth gönnt sich eine Erfahrung mit einem Mann, um ihre Neugier zu stillen; mehr interessiert sie und Viki nicht. Die gefühllose Enge des Elternhauses läßt nicht einmal Platz für Freundinnen zu.

Mich hat der Stil sehr angesprochen (meinen Freund überhaupt nicht).
Ich kann das Buch Lesern und Leserinnen gut weiterempfehlen, die sich und dem Roman Muße zu geben bereit sind.

Eberhard Rathgeb wurde 1959 in Buenos Aires geboren.  Er lebten dann mit seiner Familie in Deutschland und war Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Freitag, 4. Oktober 2013

Betina Gonzàlez : "Nach allen Regeln der Kunst"

Betina Gonzàlez : "Nach allen Regeln der Kunst"
Roman
original "Arte Menor"
2006, Alfaguara Argentina
Aus dem spanischen von Hanna Grzimek
2010, Hoffmann und Campe
182 Seiten
ISBN 978-3-455-40156-1

Zitate aus 'Rayuela' wurde entnommen : Julio Cortazar 'Rayuela, Himmel und Hölle', 1996 Frankfurt a Mainz; aus dem argentinischen Spanisch von Fritz Rudolf Fries.

Der Bildhauer Fabio Gemelli kommt bei einem Autounfall ums Leben. Eine seiner mittlerweile erwachsenen Töchter Claudia (Claudita) sucht Kontakte um den selten vorhandenen Vater als Mensch endlich kennenzulernen. Ihre Mutter Susana hat immer nur über ihn geschimpft. Ihre Schwester Florencia (Flor) interessiert sich nicht dafür. Ihr Freund Julián ist skeptisch, läßt sie tun.

Gemelli galt als für Frauen faszinierend. Zuerst erzählt die ehemalige Balletttänzerin des Colón über ihre Zeit mit ihm. Nina Vázquez erzählt vom Zauber, von seinen Geschichten aber auch politischen Kontakten. Graciela Luján kannte ihn aus Zeichenkursen, lebte lange mit ihm zusammen, erzählt von Auftragswerken und Wettbewerben im Ausland. Ein eigenartiger Freund, und Astrologe, erzählt der suchenden Tochter schließlich von Lilian (Lilí) Fiore. Die arrogante Tochter eines anerkannten Bildhauers wollte ihm teilweise helfen und fördern. Sie störten seine Frauengeschichten mehr als alle anderen. Und sie wußte, daß die Auftragsarbeiten und Wettbewerbe im Ausland nur Lüge waren, damit der Bildhauer seine Ruhe hatte. Letztendlich findet Claudia eine Statue ihres Vaters.

In dem Buch ist die Geschichte Argentiniens als Hintergrund vorhanden. Die Zeit Mitte der 70-er hatte einige für Auslandsaufenthalt genutzt und waren mit der Demokratie wieder ins Land gekommen.
Der Ort der Handlung ist Buenos Aires, in dem Claudia mit Bus, Zug, Taxi durch die verschiedensten Gegenden fährt und Reihenhäuser, Wohnungen, billige Einkaufszonen etc. besucht.

Claudia die Hauptperson wird als rundliche Frau geschildert, die die Geschichten annimmt und ihren Erinnerungen vergleicht. Zuerst bleibt sie an Geschichten kleben, bis zur Statue kommt, und keine weiteren Reminiszenzen mehr braucht.
Der bildhauernde Vater wird als zwar schöpferischer, aber nicht genialer Künstler spürbar. Er versagt - keine seiner großartigen Geschichten (oder die der Geliebten) stimmen. Nur einige Erinnerungsstücke bleiben.
Die Ballettänzerin Nina ist mit Ballett, und ihrer Verliebtheit für Gemelli spürbar. Wenn sie beschreibt wie sie ihr arrogantestes Gesicht macht, um nicht angesprochen zu werden, ist sie gut vorstellbar. Als der Zauber zu Gemelli zerbricht, ist die Beziehung dahin.
Graciela, die Kunststudentin aus dem Malkurs, ist als normale Frau die normales Leben lebt geschildert. Sie hat den Mann den sie will bekommen - Gemelli. Als es nicht mehr geht, trennen sie sich wortlos.
Lilian, von der die Tochter am meisten erwartet hatte und wußte, daß sie spitze Bemerkungen austeilt, versucht sich wiederholt als Mäzenin. Sie heiratet nach Gemellis Tod den erstbesten Verehrer.

Das Buch mußte ich konzentriert lesen. Es sind viele kleine Schönheiten in Wortwahl, Sprache und Assoziationen verwendet, die etwas Zeit zum Sickern brauchen.

In Summe ein empfehlenswertes Buch, das es wert ist konzentriert und langsam gelesen zu werden, auch wenn die Geschichte der Suche nach dem Bild des Vaters nicht einfach ist.

Betína González wurde 1972 in Buenos Aires geboren. Sie studierte Comunicacíon Social und arbeitet als Forscherin und Vortragende an der Universität. 2003 übersiedelte sie nach Texas um sich im Kurs Creatives schreiben weiterzubilden. 2012 hat sie den Doktortitel über lateinamerikanische Literatur an der Uni in Pittsburgh erhalten. Nach "Arte Menor" hat sie das Buch "Juegos de Playa" 2008 veröffentlicht, dem Kurzgeschichten und Novellen zusammengefaßt wurden. 2013 erschien "Las poseídas", ein Roman.

Montag, 11. März 2013

Claudia Pineiro : "Betibú"

Claudia Pineiro :
"Betibú"
Roman
original "Betibú"
2011, Alfaguara Argentia, Buenes Aires
aus dem Spanischen von Peter Kultzen
2013, Unionsverlag
333 Seiten
ISBN 978-3-293-00453-5

In diesem Kriminal-Roman wird in schöner Sprache mit schöner und dichter Stimmung eine Geschichte um Frauen um die 50, Schriftstellerei versus Journalismus und Morde die auf uraltes Unrecht zurückgehen geschildert. Die Schilderungen der Menschen und Umgebung ziehen in den Bann und in das Buch fast hinein.

Nurit Iscar, eine schöne 50-jährige Frau, geschieden, 2 Söhne, ehemals erfolgreiche Krimischriftstellerin, wird nach drei Jahren Mißerfolg wegen ihres gescheiterten Versuchs einen Liebesroman zu schreiben beauftragt über einen Mord in einer mehr als geschützten Wohnsiedlung, mit dem irreführenden Namen 'La Maravillosa' zu berichten. Ihr Ex-Liebhaber, Herausgeber einer wichtigen Zeitung, überredet sie dazu. Er gibt ihr einen jungen, noch unbedarften Journalisten zur Seite, der sich Jaime, einen Journalisten der alten Schule, der abserviert werden soll, als Hilfe mitnimmt. Das Team erkennt zunehmend, daß einige Menschen in den Mord verwickelt sind und bereits einige aus einer ehemaligen Männerfreundschaftsrunde Unfällen zum Opfer gefallen sind. Ihnen wird auch einiges klar, und sie haben Glück, daß sie nicht in sogenannte Unfälle produziert durch Mächtige verwickelt werden.

Es ist gespenstisch wie die Kontrollen an der Eingangspforte zu der geschützten Wohnsiedlung geschildert werden. Alles wird kontrolliert: nicht nur Ausweis, sondern auch Autoversicherung und Handy. Die, die dort arbeiten dürfen, werden noch mehr kontrolliert. Innen drin leben die Menschen in einer großzügigen Anlage mit viel Comfort. Daß auch Menschen in Buenos Aires leben, die viel weniger haben, wird aus dem Roman nicht ausgespart.

Schön sind die Personen geschildert, v.a. die Freundinnen um Nurit, die ebenfalls Anfang 50 sind. Die gruppendynamischen Aktionen und wie wer mit auftauchenden Männern umgeht ist humorvoll geschildert. Politik kommt ins Spiel wenn eine dieser Freundinnen, die Schauspielerin ist, meint, daß sie sich nicht mit einem Polizisten treffen (und in ihn verlieben) darf, weil sie vor 30 Jahren in revolutionärem sozialistischem Theater in Buenos Aires gespielt hat.

"Betibú" ist die Aussprache einer sehr weiblichen Comicfigur aus den 30-er Jahren : Betty Boop. Die Hauptfigur des Romans hat diesen Kosenamen erhalten, weil sie mit ihren schwarzen Locken und großen Augen und weiblicher Ausstrahlung dieser Figur entsprochen hat/noch entspricht. Der Exkurs im Buch auf die Weiblichkeit dieser Comic-figur, die Kontroversen um die gezeigte Fraulichkeit und auch Veränderungen mit steigendem Puritanismus sind faszinierend.

Schön fand ich in dem Buch den Bezug auf andere Bücher bzw. Autoren aus bekannter Literatur und mir bis dato unbekannten lateinamerikanischen Autoren. Eine kleine Lese-Liste für mich daraus entstanden.

Ich habe das Buch mit seinen Schilderungen und seinem Plot sehr genossen - auch wenn es kein Happy End im Sinne der Gerechtigkeit gibt, sondern 'nur' menschliches Zusammenfinden.

Samstag, 28. April 2012

Guillermo Martínez : "Der langsame Tod der Luciana B."

Guillermo Martínez :
"Der langsame Tod der Luciana B."
2007 erschienen
original "La muerte lenta de Luciana B."
Aus dem Spanischen von Angelica Ammar
2008 Eichborn AG, Frankfurt
192 Seiten
ISBN 978-3-8218-7200-1

Der Roman beschreibt eine starke Geschichte zwischen zwei Schriftstellern und einer Frau. Es ist keine Liebesgeschichte zwischen drei Menschen, sondern läßt weil zwei komplett verschiedene Sichtweisen von Situationen erzählt werden, einige Fragen offen.

Luciana, eine junge attraktive Frau arbeitet als Sekretärin, sie tippt nach Diktat, für einen gerühmten Schriftsteller. Kloster - er ist nur nur seinen Nachnamen präsent. Während er verreist ist, wird Luciana an einen anderen Schriftsteller mit Gips in Schreibhand über den Verlag vermittelt. Dieser Schriftsteller ist namenlos und beschreibt den Roman in Ich-form, mit seinen Gesprächen/Gedanken/Reflexionen.

Zehn Jahre nach der Aushilfe meldet sich Luciana und ersucht um Hilfe. Es sind mittlerweile ihr Freund, ihre Eltern und auch ihr Bruder verstorben. Sie beschreibt dem Erzähler wie es möglich ist, daß hinter all diesen Todesfällen Kloster steckt/stecken kann. Auf ihr Ersuchen besucht der weniger erfolgreiche Schriftsteller den mittlerweile hochberühmten Bestseller-Schriftsteller um seine quasi Gegendarstellung zu erfahren, die prompt erfolgt. Ob am Ende das Böse siegt, wer oder was das Böse ist oder sein kann, oder ob doch ein zartes happy End mit anderen Menschen möglich ist, sollte selber nachgelesen werden.

Die Geschichte ist spannend. Ich habe den Roman immer wieder zusammengeklappt um mir die Darstellungen und Antworten darauf durchzudenken.
Die Figuren sind klar gezeichnet, leben aber vor meinem geistigen Auge nicht. Eher habe ich das Gefühl ich höre die Geschichte erzählt. Nervig finde ich das Matcho-getue, daß eine Frau letztendlich daran beurteilt wird, ob und welchen Busen sie hat und ob deshalb Liebe möglich ist oder nicht.

Auf die geschilderte Umgebung schien mir weniger geachtet, nur den Urlaubsort Gsell in Argentinien nachgelesen, da mir der Name fremd gewesen war.

Der Roman arbeitet nach. Ich empfehle ihn gerne weiter, weil er mich beim Lesen fasziniert hat.

Sonntag, 22. April 2012

Bettina Isabel Rocha : "Buenos Aires, mi amor"

Bettina Isabel Rocha :
"Buenos Aires, mi amor"
2011 Verlag Krug & Schadenberg, Berlin
Originalausgabe
336 Seiten
ISBN 978-3-930041-77-0

Der kraftvolle Roman mit einem dunkelroten Cover erzählt eine schöne starke Geschichte in der die Argentinierin Elena auf den Kanarischen Inseln dem - auch künstlerischen - Schicksal ihrer Tante Marí nachgeht.

Lt. Internetrecherche ist "Buenos Aires, mi amor" quasi Teil zwei einer Geschichte, deren erster Teil großteils auf den Kanarischen Inseln spielen dürfte (und den ich nicht gelesen habe).

Die zweiundvierzige Elena kommt nach Suche nach Gemälden und Lebensgeschichte ihrer Tante Marí auf Gran Canaria wieder nach Buenos Aires zurück. Hier geht ihre langjährige Beziehung mit Charidad, einer Künstlerin, in die Brüche - sie hat endlich ihren Ausdruck gefunden, um die Greueltaten der argentinischen Junta an ihrer Schwester zu verarbeiten und sich frei zuspielen.
Elena wäre nun frei für ihre Liebe zu Ines - einer Deutschen mit spanischen Wurzeln, die sie sehr bei der Suche nach Spuren der künstlerischen Tante unterstützt hat.
Esperanza, eine energische Galeristin auf  Gran Canaria, findet eine Spur dieser Künstlerin, die nach Buenos Aires führt. Wie die Kunstlandschaft in Buenos Aires geschildert wird, macht Spaß zu lesen.
Schließlich finden die Frauen heraus, daß Tante Marí eine Frau geliebt hatte, die mit einem homosexuellen Mann verheiratet war - beide hatten ihren (traurigerweise notwendigen) Deal daß der Schein für die Karriere und die v.a. die Gesellschaft gewahrt würde. Ein Erpresser hatte Marí gezwungen ihre Bilder abzutreten, die er als seine verkaufte. Unter dem Druck wechselte ihr Stil von farbenfrohen, fröhlichen Gemälden, zu dunkeln und düsteren, die nicht schlecht bis gar nicht verkaufbar waren.
Parallel zu der eher unglücklich verlaufenden Liebe zwischen Tante und verheirateter Frau des Diplomaten, trauen sich Elena und Ines mit Hindernissen ihrer Liebe zu trauen.

Der Roman ist auf deutsch geschrieben, hat aber jede Menge argentinischer/kastillanischer Floskeln, die sogleich übersetzt werden, im Text.

Obwohl es um viel Liebe (erfüllt oder unerfüllt, einfach oder kompliziert) geht, sind die Geschichten der Liebe mit viel Energie und erfreulicherweise ohne Kitsch erzählt. Die Erotikszenen zwischen den Frauen sind mit viel Drive geschrieben

Die Frauen, die Menschen, die Figuren stehen ziemlich lebendig vor mir. Alle haben schöne Kanten. Männer steigen als Figuren eher schlecht aus - als weich, als Erpresser, als un-kreativ. Die Szenerien wie einzelne Viertel der Stadt Buenos Aires sind mit viel Charisma geschildert, der Ausflug nach Montevideo lädt ein ihn nachzuvollziehen und die Beschreibungen des Deltas mit Fischerbooten gefiel mir sehr gut.

Daß die Verbrechen der Junta weder aufgeklärt noch gesühnt wurden, ist großes Thema. Aber auch der Seitenzweig indem die spanischen Eltern von Ines die Zeit von Franco nicht aufarbeiten können oder wollen, ist angerissen.
Die Nachbeben der Wirtschaftskrise 2001 in Argentinien werden beschrieben, mit dem Elend derer die damals viel verloren hatten, neben denen die niemals etwas besaßen - keinem von beiden wird viel Chance zum Neuaufbau gegeben.

Etwas Schwierigkeiten hatte ich mich den genauen Schilderungen des argentinischen (nicht europäischen) Tangos, da ich weder mit den Feinheiten der Drehungen noch Wechsel der Aufteilung der Tanzpartner vertraut bin.

Ich habe das Buch sehr genossen. Ich kann es jedem Leser / jeder Leserin empfehlen die schöne kreative Frauenenergie genießen kann und will.

Dienstag, 31. August 2010

Alex Merz : "Der Argentinier"

Alex Merz :
"Der Argentinier"
2009, Haymon Verlag Innsbruck - Wien
97 Seiten
ISBN 978-3-85218-580-4
mit 3 Pinselzeichnungen von Heinz Egger

In dem Buch wird in kleinen Absätzen von einem Mann erzählt, der aus der Schweiz für zwei Jahre seinem Traum auswanderte und nach Argentinien zog. Als er dann zurückkam, wurde er Volksschullehrer und reiste nie wieder fort.

Lena erzählt bei einem Schultreffen dem Autor (?) von ihrem Großvater, der nach zwei Jahren Argentinien, über die er fast nie spricht, zu seiner Amelie heimkehrte und wie er dann in der Schweiz lebte. Der Name "der Argentinier" blieb ihm erhalten, auch Geschichten von ihm als Tangotänzer, obwohl man ihn nie - außer bei der Hochzeit Lenas - Tango tanzen sah.

Am Ende schließt sich der Kreis, denn erst auf den letzten Seiten wird erzählt, daß "der Argentinier" in Argentinien, eine Frau geliebt hatte, mit ihr Tango getanzt hatte, und ihrer illegetimen Tochter von "dem Schweizer" erzählt hat.

Beim Lesen des Buches bin ich ruhig geworden. Die Reflexionen eines Menschen über die Oberflächlichkeit, Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit, die behutsam beschrieben sind, ohne ein Vorwurf zu werden, ließen mich das Buch genießen.

Schön fand ich die Schilderungen von alten Photos mit Bergen, Bauern, Wanderarbeitern, Schule, wobei nicht nur die Bilder wichtig waren, sondern auch das Entstehen der Bilder, und dann die Rezeption und das was den Schulkindern Jahre später damit vermittelt wurde. In den Schilderungen der Photos ist fast die Stofflichkeit zu sehen.

Der Autor schildert die Personen, die Umgebung(en), die Berge, die Häuser, bis zur Landwirtschaft sehr greifbar, aber immer liebevoll distanziert.

Das Buch kann ich jedem empfehlen, der sich Zeit & Muße nehmen will, und absatzweise oder auch drei Absätze lang Beobachten zu lassen.