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Dienstag, 14. Februar 2023

Roberto Andò : "Ciros Versteck"

Roberto Andò :
"Ciros Versteck"
Roman
original "Il bambino nascosto"
2020, La nave di Tesco editore
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
2021, PolioVerlag Bozen
216  Seiten + 3 Seiten Anmerkungen + 5 Seiten Zitatnachweise
ISBN 978-3-85256-826-3

Gabriele Santoro, ehemaliger Pianist und jetzt Lehrer am Musikkonservatorium in Neapel, lebt in seiner eigenen Welt aus Ritualen wie Gedichte beim Rasieren rezitieren, sich seiner Kleidung zu widmen, Musik zu spielen und zu hören, und sonst seine Gewohnheiten zu pflegen. Nachbarsjunge Ciró flüchtet sich zu ihm, denn er und ein Freund hatten eine ältere Frau um ihre Handtasche erleichtern wollen; diese hatte sich gewehrt, war unglücklich gefallen und verstorben - und war die Mutter eines Mafiabosses, der nun Rache sucht.
Im Haus sieht Gabriele immer mehr unbekannte Menschen und bemerkt, daß er beobachtet, und sogar von einem ehemaligen, sehr schmierigen Schüler beobachtet wird. Er versucht einerseits seinen Bruder einen Staatsanwalt um Hilfe zu ersuchen was scheitert, den Mafia-boss zu erschießen was ebenso scheitert. Der Besuch bei seinem Vater ist zwar harmonisch, bald sehen sich Pianist und der Junge zur Weiterfahrt genötigt. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter, wird leider nur wenig durchbrochen.

Der Stil des Romans ist distanziert beobachtend. Alles wird aus Sicht von Gabriele Santoro beschrieben - der Roman folgt seinen Aktionen und Gedanken, wie sich aus einem Menschen mit geregeltem Leben jemand entwickelt, der versucht einen ca 10 jährigen Buben zu retten. 

Die Personen sind ebenfalls distanziert. Gabriele Santoro ein gepflegter Mann, Ciro mit dunklen Haaren und sehr blauen Augen, Diego der ehemalige Schüler als schmierigen Typen, Renato Santoro ebenfalls gepflegt und sehr von sich eingenommen, Vater Santoro warmherzig, der Mafiaboss klischeebehaftet.

Fast jedem der Kapitel ist ein kleiner Vers von  Konstantinos Kavafis voranstellt, der die Stimmung des kommenden Kapitels widerspiegelt.

Da der Protagonist Pianist ist werden viele Musikstücke zitiert. Es geht auch um die Kunst des Klavier lehrens. 

Der Roman ist nicht in einem und rasch lesbar, sondern es brauchte Muße da in dem Buch keinerlei Geschwindigkeit herrscht.

In Summe ein intensives Buch, das aufgrund seiner Geschichte und Personen etwas länger nachhallt.

Donnerstag, 25. Juni 2020

Wolfgang Schorlau, Claudio Caiolo : "Der freie Hund"

Wolfgang Schorlau, Claudio Caiolo :
"Der freie Hund" - Commissario Morello ermittelt in Venedig
2020, Kipenheuer & Witsch
315 Seiten + 1 Seite Kapitelverzeichnis + 2 Seiten Danksagung
ISBN978-3-462-05245-9

Commissario Claudio Morello wird nach dem er in Sizilien der Mafia zu nahe gekommen war, zu seinem Schutz aber auch zu seiner Unfreunde nach Venedig versetzt. Dort erwischt er bereits am ersten Tag einen kleinen Taschendieb, und sieht Demonstrationen gegen die erdrückend großen Kreuzschiffe, die diese schöne Stadt zu zerstören drohen. Einer der Demonstranten wird kurz darauf ermordet aufgefunden; da er aus einer mächtigen Familie entstammt werden Morello sofort Probleme gemacht. Durch hartnäckiges Fragen im Hafenbereich, und seiner fixen Ideen überall den Einfluß der Mafia zu sehen, löst er den Mord gegen den Wunsch der obersten Polizeiebene.
Privat hat der Commissario zu verarbeiten, daß die Mafia seine Frau und das gewünschte Kind zerstört haben; schöne Frauen verstehen es immer noch ihn zu verzaubern.

Ort der Handlung sind Cefalu auf Sizilien und Venedig zu Fuß und zu Wasser. Wer Venedig kennt, kann gedanklich durchaus mitgehen.

Es gibt viel über die Mafia zu lesen - über die Entstehung, die Macht, die Machtübernahme gegen die kleinen Leute, Einflußnahme in der Politik und Polizei und Kampf einiger innerhalb der Polizei und des Justizsystems gegen diesen Machtmißbrauch. Hier ist der Roman sehr leidenschaftlich geschrieben.

Zweites großes Thema sind der Kampf gegen die wolkenkratzerhohen Kreuzfahrtschiffe in Venedig, und die Korruption beim Wasserschutzprojekt MOSE. Es schmerzt fast körperlich das Buch nach dem verheerenden Hochwasser im Herbst 2019 zu lesen, wenn der Hintergedanke ist, daß MOSE hätte funktionieren und damit sowohl die Stadt als auch seine Bewohner schützen können.

Der Roman ist gut lesbar und flüssig geschrieben. Morello schimpft immer wieder auf italienisch vor sich hin, was ich gerne in einem Glossar erläutert gefunden hätte.

Spaß macht das Lesen der Beschreibung und Zubereitung der sizilianischen Gerichte, die ich gerne auch in einem Glossar gefunden hätte.

Es gibt immer wieder humorvolle Redewendungen, oder kurze Beschreibungen, die mich zum Lachen brachten.
Es gibt aber auch eine sehr grausliche Szene.

Titelgebend ist der Spitzname "freie Hund", den sich Morello in Sizilien aufgrund seiner Unbestechlichkeit erarbeitet hat, und den er auch in Venedig umsetzt.

In Summe ein gutes Buch, das Italien nicht nur als Urlaubsland, sondern auch mit Teilen seiner Themen umfaßt. Viel Freude beim Lesen.

Wolfgang Schorlau wurde 1951 in Idar-Oberstein geboren. Er wurde zum Großhandelskaufmann ausgebildet, und studierte nach der Matura auf dem zweiten Bildungsweg Informatik. Seite 2002 ist er Schriftsteller. Sein erster Held ist einer ehemaliger BKA-Beamter der als Detektiv arbeitet - Georg Dengler, mit dem 2003 der erste Kriminalroman erschien ("Die blaue Liste"). 2018 erschien der neunte Band mit George Dengler. Es gibt auch andere Helden in den Romanen. In den Kriminalromanen wird meist Politisches mitverarbeitet.

Claudio Caiolo wurde am 2. Februar 1966 in Sant’Agata di Militello auf Sizilien geboren. Er machte seine Schauspiel- und Komödiantenausbildung in Venedig. Zuerst spielte er in Rom, später zog er nach Stuttgart, wo er eine Theatergruppe gründete und selbst spielte. Später begannt er Drehbücher v.a. für schweizerische Produktionen zu schreiben.
Dieses Buch ist die erste Zusammenarbeit dieser beiden Autoren.  

Dienstag, 21. Januar 2020

Natasha Korsakova : "Römisches Finale"

Natasha Korsakova :
"Römisches Finale" - Ein neuer Fall für Commissario Di Bernardo
Kriminalroman
2019, Wilhelm Heyne Verlag München
369 Seiten + 3 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-453-42363-3

Commissario Dionisio Di Bernardo und Ispettore Roberto del Pino werden diesmal ins Auditorio zur Leiche eines weltbekannten Pianisten gerufen. Dessen Frau Cristina, eine reiche Dame aus bester Familie der römischen Oberschicht ist entsetzt. Der emotionale Dirigent Azzaria des geplanten Konzertes erzählt von gemeinsamen erotischen Jahren mit dem Pianisten. Agent Borghese, korrekt und engagiert, eröffnet daß der Pianist unbedingt nach England wollte. Andrea Rossi, aalglatt und arrogant, ist Psychiater und kannte den Pianisten seit der Jugend an; daß beide bei dem gleichen Klavierlehrer lange gleich gut Klavier spielten kommt erst spät heraus. Zwei weitere Leichen folgen, bis Di Bernardo einen weiteren Mord verhindern kann und Grausamkeiten aus der Kindheit als Ursache entschlüsselt.

Als Nebengeschichte werden die familiären Erwartungen und Druck der sizilianischen Mafia über Generationen erzählt. Entfliehen der Strukturen und der Morde ist nicht möglich und ist bei Versuch traumatisierend.
Kleine Nebengeschichte ist, daß Flüchtlinge aus Afrika ermordet werden; auch hier wird der Täter  gefunden

Als Privatstränge murksen die beiden Polizisten an ihren Privatleben. Die erwählten Damen erfüllen die Erwartungen nicht, wobei die Telephonate zum Schmunzeln bringen.

Namen und Schilderungen von wunderbarem italienischem Essen werden genannt und kurz beschrieben, ohne die Krimispannung zu stören.

Es gabe einiges neues für mich über Rachmaninoffs Klavierkonzert Nummer 2 zu Lesen.

Manche Wendungen in dem Kriminalroman sind nicht schlüssig, aber da die Menschen gut vorstellbar sind, und die Geschichte gut geschrieben ist, kann das untergehen. Mitraten wer der Mörder ist, ist nicht möglich.

In Summe hat der Krimi Spaß beim Lesen gemacht. Die Sonne Roms im Hochsommer hat mir in der Winterkälte gut getan. Viel Freude beim Lesen !


Natasha Korsakova wurde am 24. Jänner 1973 in Moskau als Tochter eines russischen Violinisten und einer griechisch-russichen Pianistin geboren. Sie ist eine international berühmte Violinistin, spricht fünf Sprachen und lebt seit Jahren in der Schweiz. 2018 erschien ihr erster Roman, der Kriminalroman "Tödliche Sonate", im dem Commissario di Bernardo im Musikermileu, diesmal in Sache Violine ermittelt.

Dienstag, 13. August 2019

Doris Gercke : "Beringers Auftrag"

Doris Gercke :
"Beringers Auftrag" - Ein Milena - Proháska - Krimi
Original 2003 Ullstein Verlag München
2016, Haymon Verlag Innsbruck
333 Seiten
ISBN 978-3-7099-7855-9

Der ehemalige Kommissar Beringer beschließt sich von der schönen Rechtsanwältin Milena Prohaska beruflich und privat zu trennen, und nimmt daher den Auftrag aus Hamburg zu verschwinden und Kaliningrad einem dubiosen Auftrag nachzugehen, an. Im Hintergrund ziehen der mächtige, undurchsichtige Politiker Waller und ein dubioser reicher mächtiger Geschäftsmann Alik/Usbeck die Fäden. Im Hamburg läßt sich Milena auf eine Affäre mit Waller ein, in Kaliningrad zeigt der Milizsoldat Wadim, daß es auch ehrliche Polizisten und Soldaten in Kaliningrad gibt. In beiden Städten werden aus Machtgründen Menschen, die als kleine Rädchen gesehen werden, rücksichtslos umgebracht und deren Familien bedroht. Am Schluß sind zwar einige böse Ränkeschmiede auch tot, Zufriedenheit stellt sich allerdings nicht ein.

Orte der Handlung sind Hamburg, und Kaliningrad. Das Kaliningrad hier ist trostlos, mit trostlosen Bauten und Menschen ohne Hoffnung; das Hotel für Beringer ist ordentlich, aber auch hier ist die Hoffnungslosigkeit greifbar.

Während Milena versucht Unterlagen zurückzubekommen und mit den Mächtigen und Bösen mitzuspielen, allerdings Waller falsch einschätzt, begleitet Beringer Wadim im zur Witwe eines ermordeten Soldaten, zu einer Abtreibungsklinik, und Wami rettet ihn später aus Verhandlungen in einem U-boot.

Die Stimmung ist dicht und grau. Auch wenn Milena kraftvoll auftritt und aktiver Sexualität offen gegenüber ist, ist spürbar wie ihr die Kraft ausgeht.

Das Ende habe ich mit sehr gemischten Gefühlen gelesen. Der Kriminalroman ist trotz der Traurigkeit, die wie eine Wolke über der Geschichte liegt, sehr gut erzählt und zieht in den Bann. Gutes hineinfallen in den Roman !

Biographie der Autorin ist 11. September 2015 (Bella Block ermittelt in "Giorgia").

Sonntag, 21. April 2019

Günther Zäuner : "A negativ - Wenn das Blut versiegt"

Günther Zäuner :
"A negativ - Wenn das Blut versiegt" - Ein Kokoschanski-Krimi
2018, Verlag Federfrei Marchtrenk
231 Seiten + 3 Seiten Anmerkungen in denen Zitatquellen stehen, sowie Wienerisch und Gaunersprache übersetzt werden
ISBN 978-3-99074-025-5

Heinz Kokoschansky wird aus seiner inneren Sicherheit geworfen als sein Sohn aus Rache in einen Fahrradunfall verwickelt und schwer verletzt wird. Im Krankenhaus wird ihm erzählt, daß die Blutgruppe des Buben rar sei. Parallel versucht eine mysteriöse Gruppe den unabhängigen Internet-Nachrichten-Sender von ihm und einigen engen Freunden zu kaufen; vorsichtiges Verhalten provoziert eine saftige Erpressungsmeldung. Weitere Informationen bringen zwei geldgierige gewissenlose Ärzte, Verbindungen in die Ukraine und zu einem Flüchtlingslager, einige mysteriöse Verbindungen und Seilschaften und viel ungute Machenschaften auf Kosten von Menschen.
Für den Buben und die Familie geht die Geschichte gut aus, für einige andere Menschen leider nicht.

Der Roman ist spannend geschrieben. Der Hintergrund über Blutgruppen, Rhesusfaktor, weitere Blutfaktoren bis zur Thematik von Verwendung von Blutspenden, Plasma, Organspende und die großen "Player" am weltweiten Blut-Parkett ist viel recherchiert, und macht in mancher Verflechtung Angst.
Leider ist der Aufhänger mit Blutgruppe A-negativ etwas zu simpel zu strukturiert, denn bei dieser Blutgruppe wäre in Aufruf über die sozialen Medien um vieles erfolgreicher gewesen.

Kokoschatzky liebt seinen Beruf als unabhängiger Journalist. Sein engster Freund genannt Freitag steht ihm mit Internet recherche zur Seite. Die jüngere hübsche ehemalige Polizistin Lena ist ihm enge Familie, und Rettungsanker. Dr Grundmann ist arrogant, Dr. Kusyn eiskalt, Schwester Rebecca empathisch und verantwortungsbewußt und Dr. Rettenbach engagiert geschildert.

Leider wird auch politisch gegen die aktuelle und die frühere konservative Regierung Österreichs in den letzten 20 Jahren geschrieben, als ob die Freiheit des Journalismus nur von dieser Seite Eingriffe erführe.

In Summe ein spannendes Buch um ein Bubenleben, die Wichtigkeit Medizinprodukte von mafia-ähnlichen Organisationen frei zu halten, das leider aber nur halbgut ausgeht. gute Lesespannung !

Günther Zäuner wurde am 27. März 1957 in Wien geboren. Er studierte Geschichte und  klassische Philologie. Nachdem er bis 1983 Lehrer für Latein, Geschichte und Musik war, ist er heute freier Schriftsteller, Journalist, und Drehbuchautor. Der erste Kokoschatzky Krimi erschien mit 'Kokoschatzkys Instinkt' 2003. Mittlerweile sind dreizehn Kriminalromane mit dieser Figur am Buchmarkt und einige andere spannende Kriminal-Thriller-Geschichten erschienen.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Eskil Engdal, Kjetil Saeter : "Fischmafia"

Eskil Engdal, Kjetil Saeter :
"Fischmafia" - Die Jagd nach den skrupellosen Geschäftemachern auf unseren Weltmeeren
original "Jakten pâ Thunder"
2017, Forlaget Vigmostad & Bjorke AS
Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider
2017 Campus Verlag Frankfurt / New York
306 Seiten Text + 16 Seiten bunte Photos mitten im Buch + 3 Seiten Dank + 21 Seiten Anmerkungen
Hardcover und Lesebändchen
ISBN 978-3-593-50671-5

Fast 200 Seiten geht es um die Verfolgung der "Thunder" unter Kapitän Gataldo durch das Schiff der 'Sea Shepherd' durch die "Rob Barker" unter Kapitän Peter Hammerstadt. Hintergrund ist der Verdacht, daß Schiffbesatzungen illegal schwarzer Antarktisdorsch (genannt das "weiße Gold") aus den Tiefen von 600 Meter entlang des Südpoles fischen, konservieren und an einem Hafen meist in Asien oder Afrika illegal an Land bringen. Von dort wird der hochbezahlte fein schmeckende Fisch für hohe Preise weltweit weiterverkauft.
Ziel ist es eines der Schiffe auf frischer Tat zu erwischen und alles zu belegen und damit an die Hintermänner und Drahzieher zu gelangen.

Am 17 Dezember wird die "Thunder" erstmals von der Brücker der "Rob Barker" gesehen. 110 Tage später geht die "Thunder", nachdem Wasser über Lucken hereingelassen wurde, um 12h52 ziemlich spektakulär zwischen nahe San Tome vor Äquatorial-Guinea unter - und sinkt auf 3.800 Meter Tiefe ab. Die Mannschaft wird über Rettungsinsel auf zwei Schiffe der 'Sea Shepherd' gerettet und interviewt, vor Gericht gestellt, verurteilt und dann über Hintertüren heimwärts geschafft.

Auf vielen Seiten wird das Hintereinanderherfahren und Manövrieren der beiden Schiffe inkl. Kommunikation beschrieben.
Während am Schiff der 'Sea Sheperd' lauter Freiwillige und Begeisterte an einem Strang ziehen, ist auf dem berufsmäßigen Fischereischiff eine indonesische Mannschaft für die niedrigen Dienste und Spanier sowie Lateinamerikaner an den entscheidenden Positionen nach Willen der Auftraggeber angestellt.
Emotional faszinierend bleibt für mich als Leser, daß zwei doch kleine Schiffe über diese riesige Wasserfläche einen Wettkampf führen; es wird über brüllende Breitengrade, Zyklone, 20 Meter hohe Wellen und sonst Unwetter berichtet.

Parallel zur "Thunder" hat die 'Sea Shepherd' weitere fünf Schiffe als Jagdziele auserkoren, da auch sie zur illegalen Jagd auf Schwarzen Seehecht im Südpol eingesetzt werden. Im Buch werden immer wieder die "Yongding" sowie "Kunlun" genannt; später auch die "Viking".
Das Schiff "Tiantai" geht nahe dem Eisrand unter - die Mannschaft konnte sich vorher noch auf ein Nachbarschiff retten. (In den Medien war damals mehr von der Suche nach dem vermißten Flugzeug der Malaysia Airlines 2014 zu lesen)
Mühsam zu verfolgen, sind die vielen unterschiedlichen Namen, die Schiffe im Rahmen ihres Schifflebens haben. Nur die IMO-Nummer bleibt, sonst bekommen die Schiffe, die illegal eingesetzt werden, manchmal sehr plötzlich neue Namen, und neue Flaggen unter deren Staaten sie angeblich angemeldet sind.

Weiteres Schiff der Sea Shepard ist die "Sam Simon" unter dem Kapitän Sid Chakravarty.
Faszinierend ist die Besessenheit mit der die Leute der 'Sea Shepherd' unterwegs sind; für einige war 'Greenpeace' nicht extrem genug.

Die Geschichte Nigerias ab den 80-er Jahren mit wechselnden Präsidenten, aber gleichbleibender Brutalität wird erzählt. Ähnlich liest sich die Geschichte Äquatorial-Guineas in und nach den 80-er Jahren als das Meer sogar als Feind angesehen wurde. Auch die Geschichte der Insel San Tome mit möglichem Kakaoanbau und dann fast komplettem Abbau von legaler Arbeitsmöglichkeit liest sich interessant bis erschreckend.

Das Gegenteil ist Ribeira in Departement Galicien (Spanien nahe Portugal / am Atlantik). Hier wohnen einerseits arme arbeitssame Fischer, aber es gibt auch bestens geschützte, bestens ausgestattete Villen für einige Mitglieder einer reich gewordenen Familie. Einige der Beteiligten werden/wurden vor Gericht gestellt, manche verurteilt. Viele der Kapitäne und Maschinisten der illegalen Schiffe haben kaum mehr Chancen eine Heuer zu erhalten.

Die Karten im Buchinnendeckel zeigen zwar die Fahrt der beiden Schiffe zwischen Antarktis und Versenkpunkt der Thunder, aber die vielen Feinheiten auf der Verfolgungsfahrt fehlen.
Karten auf denen z.B. die Banzare-bank eingezeichnet ist fehlen, genauso wie die Breitengrade die gerade mit ihren maritimen Herausforderungen an die Schiffe wichtig ist.

Der Inhalt des Buches in hochinteressant und spannend. Allerdings ist mir die Sprache zu einfach, und erinnert mich stilistisch an die Schulaufsätze eines 15-jährigen, was mir zum Lesen wenig Freude macht.

Auch hat mich irritiert daß das Schiff als böse und illegal Fische jagend oder Hacken auf dem Meer schlagend erzählt wird, als ob das Schiff selbst böse wäre und abstrakt selbstständig einen Weg wählt, statt von Entscheidungen auf der Offiziersbrücke zu schreiben. Warum die "Viking" explodiert, also zerstört werden mußte war mir nicht nachvollziehbar.

In Summe aber ein hochinteressantes Buch über ein wichtiges Thema wenn wir uns unsere Erde ansehen.

Über die Journalisten/Autoren Eskil Engdal und Kjetil Saeter habe ich leider keine autobiographischen Daten im Internet gefunden.
Übersetzer Lothar Schneider wurde 1946 geboren und hat Skandinavistik, Geschichte und Philosophie studiert und besonderes Naheverhältnis zu Norwegen.


Freitag, 28. Oktober 2016

Juan Pablo Villalobos : "Fiesta in der Räuberhöhle"

Juan Pablo Villalobos :
"Fiesta in der Räuberhöhle"
Roman
original "Fiesta en la madriguera"
2010, Anagrama Barcelona
Aus dem Spanischen von Carsten Regling
2011, Berenberg Berlin
71 Seiten
ISBN 978-3-937845-45-0

Aus der Ich-Sicht erzählt der 14-jährige Bub Tochtli wie er fast ohne Menschen aber in viel Reichtum und Gewalt aufwächst. Sein Vater, genannt Yolcaut, dürfte ein Mafia-Boss sein, die Leibwächter Mitzli und Chichilkuali sind nebenbei seine Spielkameraden, es gibt nur wenige Anstellte von denen einige stumm sind.
Der Bub sammelt Hüte, will ein liberianisches Zwergnilpferd (die streng geschützt sind) und darf teilweise nicht einmal Fernseh-sehen, weil gerade Greueltaten des Vaters gebracht werden.
Kurze Zeit ist der gebildete Lehrer Mazatzin da, der ihm von den Werten und Kultur der Samurais erzählt. Leider ist der Lehrer nicht das was er ist, und spät zeigt der Vater dem Sohn seine Waffen, mit denen er handelt.

Empathielos wird diese skurrile Geschichte erzählt, in der Erzähler Geschehnisse der Gegenwart und Vergangenheit entweder in pathetisch oder erbärmlich einteilt. Die Franzosen mit ihrer Guillotine sind ihm wichtig, weil sie den Königen die Krone vor der Enthauptung vom Kopf nehmen. Schräg ist das Ende, in dem wieder Kronen am Kopf bestellt sind.
Die Safari ist eine einzige Unterhaltung, genauso wie die unterschiedlichen Schießwaffen aus aller Herren Länder; begeistert ist er von einer kleinen Pistole mit kleinen Kugeln - päff.

Die Namen sind ziemlich ungewohnt, aber die Geschichte ist sehr gut zu lesen. In meinem Kopf liefen ziemlich bunte Zeichentrickfilme zu dem Geschehen ab.
Viel Spaß beim Lesen !

Biographie von Juan Pablo Villalobos bei "Quesadillas"  / 6. Oktober 2016

Dienstag, 28. Juni 2016

Petra Reski : "Palermo Connection"

Petra Reski :
"Palermo Connection" - Serena Vitale ermittelt
2014, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
281 Seiten
ISBN 978-3-455-40471-5

Serena Vitale, Sizilianerin, die in Deutschland aufgewachsen war, wird als Staatsanwältin betraut gegen einen Mafia-mann im Gericht in Palermo zu ermitteln. Aus Deutschland wird ihr ein abgehalfteter Journalist geschickt, der auf Verbindungen zwischen der Mafia und deutschen Bauunternehmen achten soll. Beide haben kein Glück - Serena wird Befangenheit unterstellt und abgezogen, der Journalist tappt in eine Falle und wird ebenfalls abgezogen.

Serena wird als Mensch geschildert, der sich nirgends zu Hause fühlt. Ihre Mutter wünscht ihr ein sicheres einfaches Leben mit Mann, Kindern und Kirche - Serena färbt sich die Haare, kleidet sich attraktiv, hält sich mehrere eigenartige Liebhaber und versucht im Gericht ein Leben ohne Einfluß der Mafia anzuregen. Journalist Wieneke versucht investigativen Journalismus, hat mithilfe des schmierigen Photographen in Sizilien kurzfristig Erfolg und später mit einer virtuellen Entführung bis auf die Knochen blamiert. Photograph Giovanni ist als sehr attraktiver gut vernetzter Mann geschildert der mit cooler Brille, tailliertem Hemd und offenen Knöpfen als Hingucker geschildert; er kennt einige der Mafia verbundenen Menschen und kommt in der Journalistenbranche gut (im Gegensatz zu Wieneke) an. Sowohl Serena als auch Giovanni haben einen italienischen und deutschen Elternteil, was ihnen das Sprechen in zwei Sprachen erleichtert.

Es gibt kein Ende im eigentlichen Sinn, da alles wie zuvor ist. Alle alten Verbindungen halten bis zum Ende - nur Serena hat Probleme, weil ihr illegales Abhören des Präsidenten angelastet wird, ohne daß die Relevanz des Telephonates für das Netzwerk der Mafia in seiner Brisanz erkannt wird.

Wie schwer das Aussteigen aus dem Mafia leben ist, wird anhand eines Mannes geschildert, der aus Sizilien nach Venedig 'auswanderte'. Wie schwer es für Serena Vitale als Juristin ist, wird anhand ihrer Umgebung im Gericht geschildert, die es sich mit der Mafia entweder gerichtet haben, bzw weniger Mut als zu haben scheinen.
Die Liebhaber von Serena sind eigenartig geschildert. Kopfkino.

Der Roman ist gut lesbar, das Gefühl sowohl in Sizilien als auch in Venedig ist spürbar. Ob die Macht der Mafia wirklich überall hin reicht, und das Befreien aus diesem Netz nie Erfolg haben kann, bleibt als Frage im Hintergrund stehen.

Petra Reski wurde 1958 in Unna (Nordrhein-Westfahlen/Deutschland) geboren. Sie studierte Romanistik und Sozialwissenschaften, und arbeitete dann im Auslandsresort des 'Stern'. Seit 1991 lebt sie in Venedig. Seit 1989 beschäftigt sie sich mit dem Thema Mafia und hat einige Sachbücher darüber geschrieben, über die sie schon geklagt wurde.

Dienstag, 9. Februar 2016

Felicitas Mayall : "Schwarze Katzen"

Felicitas Mayall :
"Schwarze Katzen" - Laura Gottberg ermittelt
2015, Rowohlt Taschenbuch
405 Seiten
ISBN 978-3-499-26737-6

Kommissarin Laura Gottberg, der vergnügt aus Urlaub in Siena bei ihrem Commissario Angelo Guerrini, nach München zurückgekehrt war, wird mit einem neuen Mitarbeiter und einer Leiche in Beton mitten im Herzen Münchens konfrontiert. Lange tappt die Soko im Dunkeln und versucht Mafia-Wege in München nachzugehen, bis in einem plötzlichen Showdown eine Mafia-Familie von innen auflöst.
Während ein Handlungsstrang Laura Gottberg in polizeilichen und privaten Leben begleitet, erzählt der andere Strang von Sergio Cavallini, der aus einer Mafia-Familien stammt und in München ein erlesenes Fischrestaurant aufbaut. Ihm gehen die alten Wertvorstellungen, und das hierarchische sowie unterdurchsichtige Benehmen seiner Onkel immer mehr auf die Nerven, bis er eine Entscheidung trifft.

Die geschriebenen Teile in München und Siena sind anschaulich, aber nicht zu groß.
Die Menschen sind gelungen und anschaulich. Für Menschen die noch keinen Laura-gottberg-Krimi gelesen haben (es ist dies der neunte): Laura ist Mutter von zwei Teenagern, ihre Tochter ist zum ersten Mal verliebt, Lauras Vater ist ein liebenswürdiger gescheiter Großvater für die Familie. Lauras Liebe mit Angelo ist leider eine Distanzbeziehung, aber beide genießen die Zeit des Zusammenseins.
Die Figur des Sergio als Mafia-Mitglied, der zuerst immer mehr Angst und dann Abstand gewinnt, ist interessant und gewinnend beschrieben.

Der Titel "Schwarze Katzen" gilt leider nicht den zwei nur kurz auftauchenden schwarzen Katzen, sondern einer Mafia-gruppe die sich den Namen 'Gatti Neri', gegeben hat.

Wer ein bißchen italienisch kann um zu verstehen wie die Italiener miteinander reden, wird beim Lesen den Romans zum Schmunzeln kommen. Andererseits darf der Leser/die Leserin nicht wirklich darüber nachdenken, in welcher Sprache die Menschen in München und Siena/Sizilien wirklich miteinander reden.

Der Roman ist schwungvoll geschrieben und machte - v.a. an einem verregneten grauen Tag - Spaß zu lesen. Viel Vergnügen !

Felicitas Mayall, wurde als Barbara Veit 1947 in München geboren. Sie studierte Politik- und Zeitungswissenschaften und arbeitete bei der Süddeutschen Zeitung. Gleichzeitig begann sie zu schreiben, was ab 1978 ihr Hauptberuf als Schriftstellerin wurde. Sie schrieb sowohl Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher - allerdings unter ihrem echten Namen, Kriminalromane unter dem Pseudonym. 1995 heiratete sie den Australier Paul Mayall und lebt  abwechselnd in Australien und am Chiemsee.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Sergio Àlvarez : "35 Tote"

Sergio Àlvarez :
"35 Tote"
original "35 muertos"
2010,
Aus dem Spanischen von Marianne Gareis
2011, Suhrkamp Nova
536  Seiten
ISBN 978-3-518-46250-8

Der Roman erzählt die Geschichten eines Jungen in Kolumbien, der bald Waise wird. Er lebt zuerst bei einem Wahlonkel am Land, dann bei einer fröhlichen Tante in der Stadt die sich in einen Kommunisten verliebt. Die ersten Kommunen und Gewerkschaften entstehen - auch Verrat. Später hat der junge Mann Freunde mit denen er Markenartikel stiehlt und dann Bier und Joints genießt. Die erste große Liebe flammt auf, wird genossen und zerbricht. Er studiert Philosophie ohne Interesse, zerbricht fast, und wird vom  Militärdienst aufgelesen und erzogen. Als Soldat bekommt er den brennenden Justizpalast zu sehen und muß dort Geschehenes mitaufräumen. Die Präsidenten des Landes kommen und gehen (und werden meist verachtet), aber die Gewalt steigt. Am Land sieht er eine Chance und zieht mit einem Puppenspieler aus der Zeit der Kommunisten (und dessen Tochter) durchs Land, sieht die Kaffeeregionen und manche Städte. Wieder zerbricht alles am Strudel von Drogen und Gewalt. Wieder erscheint eine neue Frau, neues Leben, diesmal mit Ehe und Familie, aber auch das zerbricht am Drogen-Waffen-Handel und diesmal härterem Eingriff der Politik. Ein Freund hilft und er kommt diesmal zu Paramilitärs, fliegt als weicher Mensch und Kommunist auf und kann gerade noch entfliehen. Wieder hilft ein Freund - diesmal nach Madrid verschwinden.  Die Kolumbianer in Spanien helfen einander, aber es ist wieder der Kreislauf aus Drogen und Zuschlagen der wieder alles zerschlägt.

Ich  - es erzählt in jedem Kapitel ein 'ich' das Geschehen von Tod, Liebe, Hoffnung bis Gewalt. Meist ist es der junge Mann, dessen Leben begleitet wird - von der Entstehung bis zum Leben in Madrid der Jahrtausendwende. Manchmal ist es die Tante, dann eine Geliebte, dann eine betrügende Geliebte, dann ein Weggefährte, oder Menschen die nicht mehr im Roman vorkommen sondern nur eine Facette des Lebens erzählen. Sich hier wieder einzudenken und einzufühlen ist nicht immer einfach.

Er wird von vielen Menschen umgeben : seine lebensfrohe Tante Christinita die andere letzten großen Liebe stirbt, sein Jugendfreund Quique vom Land, die Freunde aus der Kommunenzeit Marcos, Nemo, Zuma, el Fantasma etc, Frauen wie Natalía, Talía, Camila, María Paula in die er sich verliebt und glücklich verträumt ist solange es geht. Die Menschen sind nachfühlbar beschrieben.

"Glaub mir Bruder, hier regiert der Tod, und wer nicht tötet oder töten lässt, ist nichts wert, ein Nichts" (Seite 473)

Wer mit der Geschichte Kolumbiens besser vertraut ist, wird die nebenbei erzählten politischen Fakten besser einreihen können. Die Ermordung des Schwester eines Präsidenten wird nebenbei erzählt, auch diverse andere Charaktereigenschaften von Präsidenten. Nur der Sturm auf den Justizpalast von Studenten, Schießereien mit dem Militär, alles zulasten der Geiseln die rücksichtslos als Collateralschaden betrachtet werden, Brand der die Geiselnehmer zum aufgeben zwingen soll und Leichen unkenntlich werden läßt wird genauer geschildert. Daß dann beim Aufräumen nicht alles rechtens zuging, wird erst in der neueren Geschichte aufgearbeitet.

Das Buch wird mit Gabriel Garcia Marquez "100 Jahre Einsamkeit" verglichen. Diesen Vergleich kann ich nicht bestätigen, da mich die blühenden Metaphern und das Herumspringen von Damen gleichen Namens aber ungleicher Geschichte tief in seinen sprachlichen Bann gezogen hatte. Alvarez benutzt keine Metaphern und die Sprache ist nicht so reichhaltig, wie die phantasievolle und skurrile Ideenwelt von Gabriel Garcia Marquez.

Das Buch zieht durch die Geschichte von Gewalt, Politik, Liebe, Erotik und Tanz & Musik in den Bann. Vermutlich ist die Welt der Drogen, Waffen, Gewalt nur durch die Lebenslust am Tanz, Vallenato, Salsa und Alkohol & gutem Essen und Sex auszuhalten.

In Summe ein intensives, starkes Buch, bei dem ich immer wieder im Internet nachrecherchiert habe da ich die Hintergründe nicht wahrnehmen wollte. Ein empfehlenswertes Buch, für das sich Leserin & Leser Zeit nehmen sollten.

Sergio Alvarez wurde 1965 in Bogotá geboren. Er ist Schriftsteller und Journalist. Seine Artikel erscheinen in 'El Pais' und 'La Vanguardia'. 2004 ist sein erster Roman erschienen : 'La Lectora' das das Drogenphandel beschäftigt; 2006 'Mapaná'  das sich mit dem Generationenproblem am Amazonas auseinandersetzt; '35 Muertes' ist sein dritter Roman.

Dienstag, 26. März 2013

Leonardo Sciascia :"Der Tag der Eule"

Leonardo Sciascia :
"Der Tag der Eule" - ein sizilianischer Kriminalroman
original 'Il giorno della civetta'
1961, Giulio Einaudi editore, Turin
erste deutsche Übersetzung : 1964, Walter-Verlag, Olten
1998 Paul Zsolnay Verlag, Wien
2009, Wagenbachs Verlag Taschenbuch 619
aus dem Italienischen von Arianna Giechi
131 Seiten
2 Seiten Nachbemerkung, in der darauf hingewiesen wird, daß Ähnlichkeiten von Personen und Ereignissen mit lebenden Personenen zufällig sind
2 Seiten Anmerkungen, die sich auf Titel der Polizei, und Personen oder Ereignisse beziehen die kurz genannt werden
ISBN 978-3-8031-2619-1

Der Bauunternehmen Colasberna möchte in einen Bus steigen und wird erschossen. Bis die Polizei in den sizialinischen Dorf am Tatort ist, sind alle verschwunden und niemand kann sich an  den Mörder erinnern. Capitano Bellodi aus dem Norden Italiens kommend, ist ein ruhiger besonner gescheiter Mensch und wird mit der Untersuchung beauftragt. In zähen Gesprächen, und mit teilweise gefälschten Geständnissen verlockt er den Mörder und seinen Komplizen ihre Taten zumindest kurzfristig zuzugeben. Hauptgeschichte ist aber das Entdecken, daß Geldleihe und gute Freundschaft zu einem ziemlich Machtkomplex bilden. Das Netzwerk läßt die Gständisse an wunderbar konstruierten Alibis zerplatzen. Parallel wird die Geschichte eines verschwundenen Nachbarns geschickt hineinerzählt.
Das Buch ist nicht einfach und rasch gemütlich zu lesen. Die Sätze sind konzentriert und bei manchen Dialogen wird die Spannung sehr geschickt aufgebaut, sodaß ich zurückblättern und nochmals nachlesen mußte um den Schlagabtausch der Parteien zu verfolgen.

Es ist ein Italienbuch, das ohne Landschaftsschilderungen, oder Fokus auf wunderbares Essen auskommt. Es geht um Menschen, um Gruppen und Gruppendynamiken. Faszinierend hartherzig wie Don Mariano die Menschen in fünf Guppen aufteilt: die Menschen (sehr selten), die Halbmenschen (selten), die Menschleins. die Arschkriecher und die Blablablas (Anm: hier hätte ich gerne das italienische Originalwort gelesen)(die meisten).

Der Titelgebung bezieht sich auf ein Shakespeare Zitat. In Heinrich VI heißt es "... so wie bei Tag die Eule ...."

Der Roman ist 1968 verfilmt worden - mit Franco Nero als Capitano Bellodi, Lee C. Cobb als Don Mariano und Claudia Cardinale als Rosa (die ich im Buch nicht gefunden habe)

In Summe ein empfehlenswertes Buch, jedem Italien-Fan sowieso aber auch politisch und gesellschaftlich interessierten Menschen vermutlich ein Genuß sein wird.

Leonardo Sciascia (* 8. Jan.1921 Sizilien - + 20. Nov.1989 Palermo) war zuerst Volkschullehrer, eher er Schriftsteller wurde. Er galt als einer der ersten der Mafia-Romane schrieb. 1975 bis 1997 war er für die  PCI /Partito Comunista Italiano Abgeordneter, trat dann zurück und  zog 1978 fürdie Radikalen (Partito Radicale) ins Europaparlament.

Montag, 30. Januar 2012

Óscar Urra : "Poker mit Pandora"

Óscar Urra :
"Poker mit Pandora"
2008 bei Salto de Página, Madrid
"A timba abierta"
aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Deutsche Erstausgabe
2011, Unionsverlag Zürich
185 Seiten
1 Seite über Autor und Übersetzer
4 Seiten des Autors über sich selbst
ISBN 978-3-293-00428-3

Der Privatdetektiv und leidenschaftliche Spieler Julio Cabria möchte sich eigentlich umbringen, wird aber von seiner eigenen Laschheit und einem lukrativen Auftrag davon abgehalten. Er soll eine Frau namens Pandora finden, deren Suche bereits einigen Männern das Leben gekostet hat. Mehr oder minder freiwillig macht er sich gemeinsam mit dem Polizisten Meléndez, der seine Chance sieht nicht in die Pension abgeschoben zu werden, auf die Suche. Bei der Lösung des Krimis wird klar, daß Pandora keine leibhaftige, lebendige Frau, sondern ein Ergebnis der Computerwelt ist.

Es sind fast nur Männer die Darsteller in diesem Buch: der Detektiv + Spieler + Gin Tonic Fan Gabria, Polizist Meléndez der Gabrias Ex-Frau heiraten möchte, der Kellner und César der alles hört aber wenig spricht, der hinkende und wunderbare Zuhörer Vitorio und damit leicht in die falschen Hände gerät, der Polizeichef Subirats, der Mafiachef El Botines und seine schlagkräftigen Jungs ...
Die 2 Frauen sind Gabrias Ex-Frau, die den Polizisten heiraten möchte und eine junge Frau, die die Energie hat Gabria aus seiner Lethargie zu reißen.

Ort des Romans ist Madrid und hier einige Hauptstraßen, die auch mir etwas sagen und einige Plätze und kleinere Straßen, die offenbar eher der Spieler-Szene zugeschrieben werden.

Das Buch ist spannend geschrieben, ist aber kein Krimi im who-dunn-it-Genre. Die Lösung bietet ein eigenbrötlerischer junger Mann, der sich mit Internet, Bloggs, Kommunikation via Internet und Viren (eigentlich Trojanern) excellent auskennt, aber die echten Menschen keinen Umgang mehr pflegen kann.
Genau wird auf die verschiedenen (Karten-)Spiele die Gabria spielt eingegangen, bei denen ich erst ein Lexikon oder im Internet eine Suchfunktion starten mußte. Auch die Schuß- und Prügel-szenen sind detalliert geschildert, mir aber zu brutal.

Die Stimmung des Buches ist eher pessimistisch oder hoffnungslos - erinnert mich an Krimis aus Spanien, die aus den 80-ern stammen. Das Buch kann ich jedem empfehlen, der einen bösen schwarzen Krimi mit Prügeln, Schußwechseln und leider auch 'Guten', die sterben, verträgt.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Liaty Pisani : "Stille Elite"

Liaty Pisani :
"Stille Elite"
- "Der Spion und der Rockstar"
original "La spia e la rockstar (le vele nere)"
2004, Fazi Editori
aus dem Italienischen von Ulrich Hartmann
2004, Diogenes Verlag AG Zürich
368 Seiten
ISBN 3-257-06455-1

Ogden und Stuart werden zu Hilfe gerufen mithilfe ihres (Spionage)-Dienstes die Lanze des Longinus wiederzubeschaffen. Diese Lanze soll mächtige Männer der Weltgeschichte Kraft verliehen haben, und derzeit streiten zwei Seiten einer sich Elite nennenden Gesellschaft um deren Besitz. Beide Seiten dieser machtbesessenen und esoterischen Gemeinschaft haben das gleiche Ziel - Weltherrschaft über diejenigen Menschen, die nicht deren eigenartigen dynastischen Vorstellungen entsprechen, und diese zu versklaven - aber die Mittel sind unterschiedlich, und die Bereitschaft sinnlos viele Menschenleben dabei zu vergießen. Ausgehend von Italien vereitelt Ogden in letzter Minute einen Giftanschlag in den USA.

Parallel wird die Verwicklung eines Rockstars in die Geschichte erzählt: sein Leben ist geschützt, da seine Herkunft offenbar tadellos ist, aber seine Lieder sind es nach Ansicht dieser Elite nicht. Außerdem wird seine Liebe zu den Menschen und sein Einfühlungsvermögen als Schwäche gewertet.

Beängstigend gut wird in dem Roman mit Verschwörungstheorien gespielt, mit Ideen daß auch die Mächtigen der Welt nur Marionetten sind. Sämtliche Gesetze die dem Schutz der Menschen dienen sollten werden unter dem Schutzmantel der Terrorismusbekämpfung zur Kontrolle derer umgemünzt.
Der Einsatz von tödlichen Mikroorganismen (weil weder Aids noch die Hühnergrippe ihren gewünschten Effekt hatten) wird gedanklich ohne Rücksicht odre Verantwortung durchgespielt.
Lenkbare Menschen werden kompromißlos Hirnwäsche unterzogen, zu multiplen Persönlichkeiten geformt und am Schluß durch einen Mikrochip, der fremd ausgelöst wurde, ferngesteuert.

Das Buch ist gut geschrieben und rasch lesbar. Die Geschichte bleibt spannend, weil jede Menge gewissenloser Menschen dort ihr Spiel treiben, und die Frage bis zum Schluß bleibt ob die Guten oder die Bösen siegen.

Sonntag, 4. September 2011

Patricia Cornwell : "The Front"

Patricia Cornwell :
"The Front"
Paperback edition published 2008 by Sphere, UK
229 Seiten
ISBN 978-0-7515-3965-3

i n   e n g l i s c h e r   O r i g i n a l f a s s u n g   g e l e s e n
Auf deutsch wurde das Buch unter dem Namen "undercover" veröffentlicht.

Win Garano wird von seiner Vorgesetzten Monique Lamont auf einen 45 Jahre zurückliegenden Fall angesetzt. Eine blinde Britin könnte eines der  Opfer des Boston Mörders sein - womit sich eine wunderbare Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit den Briten jenseits des Meeres ergibt.
Ein anderer Handlungsstrang erzählt, daß jede Menge Rohstoffe gestohlen und verschoben werden. Parallel dazu wird geschildert wie politische Machenschaften ablaufen (können) oder wie einer dem anderen eine Falle stellt.
Letztendlich löst "Win" den Fall und es ist klar, daß nicht der Boston Mörder die junge Frau ermordet hat, sondern sie einen Mord auf der Straße an einem Jurymitglied in einem Mordprozeß an einem Mafiamann gesehen hatte (sie war nicht blind gewesen, sondern nur lichtempfindlich), weshalb sie und ihr Freund umgebracht wurden. Auch der Rohstoffdiebstahl wird aufgelöst.

Die Menschen bleiben plakativ: die kalte, schöne, machtbesessene, kalkulierende Lamont, Win der sich gängeln läßt und sie und seine Mitarbeiterin "Stump" schützt oder es zumindest probiert, der schmierige Journalist, der liebenswürdig aussehende aber glatte Politiker. Spaß hat mir eigentlich nur die Schilderung der esoterischen Großmutter gemacht.
Im Hintergrund ziehen Heimatschutz, E-spionage, und die Überzeugung manches Protagonisten, daß jeder zu überwachen sei, ungute Fäden.

Auch wenn ziemlich viele Klischees bedient werden, bin ich froh, das Buch auf englisch gelesen zu haben, denn ich habe einige neue Vokabel dazugelernt.

Freitag, 5. August 2011

Veit Heinichen : "Der Tod wirft lange Schatten"

Veit Heinichen :
"Der Tod wirft lange Schatten"
Ein Proteo-Laurenti-Krimi - sein vierter Fall
2. Auflage August 2007, Dtv München
2005 Zsolnay Verlag Wien
355 Seiten
ISBN 978-3-423-20994-6

Commissario Proteo Laurenti hat einige Fäden zu entwirren : Eine Nachkriegsgeschichte mit Waffen aus dem zweiten Weltkrieg, die bis ins 21. Jahrhundert in einer Lagerhalle verstaubt sind. Den Tod eines Mannes, der an einem Ohrring erstickt ist. Tieraktivisten, die versuchen mit Aktionen das Augenmerk auf komplett ungepflegte Schlachttiere zu wenden. Und seinen Kontakt zu dem charismatischen ehemaligen Gerichtsmediziner Galvano, der eine alte Geschichte eines vor langem ermordeten Professors endlich klären möchte, dann aber weil er einer taubstummen Frau, die in eine mafia-ähnlichen Organisation zu überleben versucht, helfen will, plötzlich in ziemlichen Schwierigkeiten steckt. Und Dokumente, die Greueltaten aus dem zweiten Weltkrieg dokumentieren, und damit jetzt promimenten Menschen ziemliche Schwierigkeiten machen können.

Die Liebe kommt auch zu Schrift, da die Besitzerin der Lagerhalle mit den Waffen, eine junge Frau aus Australien - ihre Großeltern waren aus Triest ausgewandert - mit dem faszinierenden aber unehrlichen Gehilfen der Notarin eine leider lausige Liebesgeschichte hat. Laurentis eigene Parallelliebe mit der Staatsanwältin Ziva hat kurz Platz, macht aber irgendwie nicht glücklich.

Laurentis 'alter Feind' Drako zieht auch einige Fäden, und beschleunigt mit dem Auftritt seiner Agentin das Geschehen ziemlich.

Am Schluß ist der Tod des Mannes aufgeklärt. Die Waffen aus der Lagerhalle werden den offiziellen Dienstweg gehen. Die taubstumme Frau ist der Organisation mit ihren menschenunwürdigen Behandlungsweisen entrissen, und der Gerichtsmediziner Galvano hat unter dem Schutz der Polizei Erpressungen um einen Geldkoffer und Dokumente überlebt.

Neu war für mich die Geschichte um Triest nach dem zweiten Weltkrieg, die Alliertenzone und das hin und her um die Stadt am Mittelmeer. Ebenfalls interessant der Teil der dann jugoslawischen Seite der Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg. Eher erschreckend die Möglichkeit, daß die Geheimdienste der jetztigen Staaten entweder mit- oder gegeneinander arbeiten.

Nett ist der Ausflug ins Kulinarische, als der Sohn Marco ein kaltes Fischmenü zaubert.

Böse werden die sogenannten Grillpartys von Laura, des Commissarios Gattin beobachtet.
Spaß machen die Schilderungen des alterndes Gerichtsmediziners Galvano und eine älteren Triestiner Dame mit Temperament und Niveau und deren verbales Scharmützel. Unter die Haut gingen mir die Schilderungen der Organisation die die taubstummen Menschen ohne Paß und unter Druck losschickt.

Das Buch ist gut, will aber konzentriert gelesen werden. Auch wenn einige Handlungsstränge klassisch gelöst werden, bleiben doch einige Fragen im Raum stehen. Vielleicht sollte ich mir doch die Folgebände zu lesen organisieren ?

Sonntag, 24. Juli 2011

Andrea Camilleri : "Das Spiel des Patriarchen"

Andrea Camilleri :
"Das Spiel des Patriarchen"
- "Commissario Montalbanos fünfter Fall"
Original "La Gita a Tindari"
2000, Sellerio Editore, Palermo
aus dem Italienischen von Christiane von Bechtoldsheim
2002 Edition Lübbe, Bergisch Gladbach
304 Seiten
1 Seite Anmerkung des Autors
2 Seiten Anmerkungen der Übersetzerin (mit Aussprüchen, Erklärungen, Namenserläuterungen)
1 Seite im Text erwähnte kulinarische Köstlichkeiten (leider nicht vollständig)
ISBN 3-404-92114-3

Nachdem ich vor vielen Jahren einige Krimis von Andrea Camilleri gelesen hatte, war mir an einem verregneten Wochenende nach einem guten Krimi der im warmen Süden Europas spielt und mich gut unterhält. Meine Erwartungen wurden erfüllt - inkl. daß ich Gusto auf Fisch bekam.

Ein älteres Ehepaar verschwindet und ein junger Mann wird erschossen.
Commissario Montalban besucht auf Einladung eines windigen Advokaten den alternden Chef der Mafia, dessen Beschreibung mich an Raymond Chandlers Schilderung des alten Generals Sternwood in die "Der große Schlaf" erinnert, und soll in eine Intrige verwickelt werden. Es geht um den Enkel des alten Herrn, den die Polizei ermordet findet, wie von der Mafia geplant. Montalban fädelt es ein daß der Schuß nach hinten los geht.
Letztendlich wird ein unschöner Organhandel aufgedeckt, bei dem sich die Reichen die notwendigen Organe besorgen und implantieren gelassen haben.

Das gewohnte Team aus Mimí, Fazio und Cateré arbeitet um den Commissario herum, Mimí erfreut den Chef mit seinen Damenamouren, und mit Livia erfolgen die in der Serie gewohnten Telephonate.

Genossen habe ich die Beschreibung der Gerichte und wie der Commissario Fisch(e) vertilgt, und schön finde ich die Bruchstücke der sizilianischen Ausdrücke und Formulierungen, die immer wieder einfließen (netterweise mit Übersetzung daneben).

Meine  Erwartungen sind erfüllt worden : meine Seele durch das sizilianische Ambiente trotz des Regens draußen erwärmt und ich bin gut unterhalten worden. Viel Vergnügen beim Lesen !