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Sonntag, 29. August 2021

Goscinny, Uderzo, Molden : "Es Brojeggd" - Asterix redt Wienerisch 5

"Es Brojeggd"  - Asterix redt Wienerisch 5
Gschichtl : René Goscinny
Büdln : Albert Uderzo
original "Le Domaine des Dieux" / "Die Trabantenstadt" (15. Band)
1971/1999, Hachette Livre
aus dem Französischen übersetzt von Gudrun Penndorf M.A.
Iwadrogn von Ernst Molden
2020, Egmont Berlin
44 Seiten + 1 Seite "klaans Glossarium"
ISBN 978-3-7704-4014-6

'Die Trabantenstadt' hat es ins Wienerische geschafft, und wurde zur "Großfeldsiedlung". Liebevoll bis bösartig hat Ernst Molden bei der fünfte Geschichte um das gallische "Deafö"/Uatschaft" - diesmal mit dem ehrgeizigen Architekten Quadratus - die Dialoge ins Wienerische übertragen.

Idefix wird Rattla genannt, die römischen Soldaten versuchen sich mit einem Gschnaasfestl herauszureden, und die Gallier versuchen es wieder mit Geschäftstüchtigkeit.

Viel Spaß und Auflachen beim Lesen !

Biographien bei "Köölch uman Asterix" - Asterix redt Wienerisch.(13. Nov 2018)

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Marie Anders : "Die finnische Socke"

Marie Anders :
"Die finnische Socke"
2018, Verlag Federfrei
320 Seiten
ISBN 978-3-99074-022-4

Bei einem Ärztekongreß in Salzburg werden zuerst zwei Ärzte ermordet, später eine Arztassistentin an einem See, und eine Arztgattin wird gerade noch gerettet. Inspektor Quentin Neuner, Staatsanwalt Lukas Steiner und Neuners Assistentin Charlie Renner sowie die Pathologin Katherina Wild recherchieren bei den Ärzten. Hier geht es um eine gehobene Burn Out Therapie aus Finnland und Forschungen gegen biochemische Waffen. Verquickt werden Immoboliensuche, alte japanische Kampftechnik, Verbindungen außerhalb von Ehen, und auch unerfüllte Liebessehnsüchte. Schlußendlich ist es ein klassisches Mordmotiv, durch das die Taten kalt und bedenkenlos durchexekutiert wurden.

Die Personen der Handlung in diesem zweiten Band mit Quentin Neuner sind gut geschildert. Die Truppe der Polizei und des Rechts durchaus sympathisch.
Die Menschen beim Ärztekongreß sind unterschiedlich. Sympathisch bleibt der Organisator Lindner, trotzdem seine Frau und Mordopfer eins eine innige Beziehung hatten. Tochter Andrea gerät zwischen die moralischen Fronten. Die beiden finnischen Ärzte mit ihren Frauen sind unterschiedlich - während das eine Paar innig miteinander verbunden ist, hat sich das andere entfremdet. Die Assistentin des einen finnischen Arztes wird als farbenfrohe und positive Frau geschildert. Eine extrem aufdringliche Fan-Teilnehmerin wird als laut, unangenehm aber letzendlich hilfreich dargestellt.

Ort der Handlung sind Salzburg, und am Mattsee. Die Orte in Salzburg sind gut wiedererkennbar.

Die Geschichte wird spannend erzählt, ohne zu grauslich zu sein. Die Unterschiedlichkeit der Menschen, und ihre verschiedenen Motive sind unterhaltend. Die Kaltherzigkeit des Mörders ist erschreckend. Mitraten des who-dunnit ist möglich.

Daß Burn-out in einem Kriminalroman als Hintergrundszenerie genommen wird, zeigt daß das Thema immer wichtiger sein dürfte. Auch daß Homoerotik für manche Menschen immer noch ein Problem ist, das es den Verliebten nicht leicht macht, ebenfalls.

In Summe ein sehr unterhaltsamer Salzburg-Krimi, der ideal für verregnete/verschneite Abende für Leseratten und als Geschenk ist.

Marie Anders wurde an einem 27. September in Kirchdorf a. Krems / Oberösterreich geboren. Sie hat viel im Ausland gelebt und spricht viele Sprachen. 2013 hat sie eine Agentur für Bürobedarf gegründet. 2017 erschien der erste Band mit Inspektor Neuner, der auch in Salzburg spielt.

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Barbara Meyer : "Teneriffa Tod"

Barbara Meyer :
"Teneriffa Tod"
2016, emons Verlag 
395 Seiten + 2 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-7408-007-9

Die junge Gärtnerin Carmen fliegt ihre Eltern auf Teneriffa besuchen. Dort gab es einige Unfälle, die nur sie beunruhigen, ihre durch Immobiliengeschäfte reich gewordenen Eltern jedoch nicht. Als sie später mit ihrer trotz Rollators dynamischen Großmutter weiterfragen eröffnen sich private und berufliche Abgründe. Die heilen Welten der spanischen Patriarchen bröckeln und berufliche amigo-konstrukte haben einigen Schaden an Häusern, wunderbarer Landschaft und innerhalb von Familien angerichtet. Während die Großmutter in ihren Plauderrunden einiges erfährt, ist Carmen in der jungen Generation unterwegs. Es sogar ein positives Ende bei dem zumindest in einer Familie schlechte Geheimnisse bereinigt werden, und eine Romanze glückerfüllend verläuft.

Die Geschichte wird aus Carmens Sicht erzählt. Sie ist Vaters Liebling, und auch der der Großmutter. Obwohl Spanierin spricht selbst schlecht spanisch, in der Geschichte sprechen alle deutsch.
Faszinierend ist die Gestalt der neugierigen temperamentvollen kartenlegenden Großmutter, und auch des karrierebewußten machtgeilen Immobilien-Vaters. Die Mutter wird als schöne geldausgebende Frau geschildert.
Während die Generation der Väter bedenkenlos mit Immobiliengeschäften Geld machte, überlegt deren Kindergeneration wie Immobilienbau, Tourismus und gewisse Nachhaltigkeit mit Erhalt der schönen Regionen der Insel möglich ist. Sie arbeiten meist in den Hotels- oder Baustellen ihrer Väter und sind vom Temperament unterschiedlich gezeichnet.

Carmen fühlt sich zu einem der jungen Männer hingezogen, wobei ihr bewußt ist, daß zwei aus der Clique an ihr interessiert sind.

Im Roman wird auch die Zeitgeschichte um Franco und die Zeit danach versucht aufzuarbeiten. Die unverarbeitete Unterdrückung andersdenkender Menschen belastet zumindest die ältere Generation.

Es wird einiges an Lokalkolorit erzählt : über die niedrigen Häuser, das schöne Orotava-tal, die Wellen die unvorsichtige Schwimmer ins Meer spülen können, aber auch die häßlichen Hotelkomplexe, und daß die Insel quasi nur durch Tourismus überleben kann.

Die Geschichte die zwar im Winter spielt, strahlt die Wärme der Region aus und tut gerade bei Schneetreiben oder grauen Herbst gut.
Sprachlich ist die Geschichte nett erzählt, aber mir manchmal zu wenig unterhaltend (was andere Leser vermutlich anders empfinden werden). Trotzdem viel Spaß beim Lesen !

Barbara Meyer wurde 1948 in Paderborn (Nordrhein - Westfalen) geboren. Sie studierte Mediävistik und Allgemeine Literaturwissenschaften  ebendort. Sie arbeitet als freiberufliche Autorin im Bereich Regional- und Familiengeschichte. Sie hat historische Roman geschrieben - der erste  "Im Schatten des Doms" erschien 2008. Sie lebt abwechselnd in Paderborn oder in Puerto de la Cruz auf Teneriffa.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Esmahan Aykol : "Bakschisch"

Esmahan Aykol :
"Bakschisch"
Roman
original "Kelepir Ev"
2003, Everest Yayinlari, Istanbul
Aus dem Türkischen von Antje Bauer
2004, Diogenes Verlag, Zürich
329 Seiten
ISBN 3-257-06443-8

Kati Hirschel, Buchhändlerin im Kuledibi (einem Stadtteil Istanbuls), ist im zweiten Band auf Mördersuche. Ein Mann dem sie einen Aschenbecher wegen einer Wohnung an den Kopf geworfen hatte, ist ermordet worden und sie war die erste Verdächtige. Quelle und Unterstützung ist ein ehemaliger Freund, der Polizist Batuhan. Gespräche mit Verwandten des ermordeten Osman wie ein Bruder, eine Ex-Freundin und die jetzige schwangere Freundin sind wiederholte Gesprächspartner, bis sie auf die Ursache des Sterbens an einer an sich harmlosen Schutzverletzung.
Parallel wird geschildert wie Wohnungen deren Eigentümer nicht mehr ermittelbar sind, unter der Hand neue Eigentümer finden und wie Bakschisch zu verteilen ist.

Witzig und humorvoll sind die Gespräche mit dem Polizisten beschrieben, die zwischen Informationsweitergabe, flirten, Machismo, deutschem Temperament wechseln. Die Frauen vor Ort sind sinnlich und auch fröhlich beschrieben, auch wenn die Ex-Freundin Habibe nicht mehr so munter ist, dafür aber die schwangere Inci umso mehr ihre heimlichen Liebhaber lebt. Eindrücklich sind der Besuch bei einem übergewichtigen Beamten der klar den Weg des Geldes sieht, sowie einem wirklich hohen Politiker dem sein Temperament dazwischen kommt.
Der aktuelle Freund/Liebhaber Katis Selim ist Handelsanwalt, hat Glatze und sein Umfeld ist altmodisch, was Kati manchmal ziemlich auf die Nerven geht.
Die Menschen sind gut vorstellbar.

Istanbul ist ziemlich chaotisch beschrieben. Es wimmelt nur so von Namen wie Beyoglu, Besiktas, Karaköy und anderen Stadtteilnamen, die besser oder schlechter sind. Kati geht oft zum Friseur und Nagelpflege, weil das türkische Frauen angeblich tun. Die Szenen in denen die Teejungen beschrieben werden, oder Auseinandersetzung mit Kaffee sind sehr unterhaltsam.

Der Roman ist 2003 geschrieben, in dem weibliche Hauptperson mit enger Bluse, Rock mit Schlitz und hohen Stöckelschuhen durch die Stadt geht und beschreibt wie offen das Stadtleben ist (im Vergleich dazu wie es vor 15 Jahren gewesen sei). Als Leser 2016/17 fragt man sich wie offen das Leben derzeit in Istanbul mit sehr religiös-verhüllenden Menschen und steigender Polizeikontrolle ist. Auch 2003 wird eine Partei genannt die die religiösen Werte v.a. für Frauen stärken möchte und hier die Frauen losschickt.

Der türkische Titel heißt übersetzt "Schnäppchenhäuser".

Der Roman ist gut geschrieben, und wärmt v.a. in kalten Wintertagen. Viel Spaß beim Lesen !

Esmahan Aykol wurde 1970 in Edirne geboren. Sie studierte Jus in der Türkei und macht ein Postgradudate in Deutschland. Eine Freundin und sie starteten ein Projekt mit einer Bar, das fehlschlug. Die Freundin öffnete dann eine Buchhandlung und sie bekannt nach ihrer Arbeit als Journalistin Krimi zu schreiben. Der erste Roman mit Kati Hirschen "Kitapçı Dükkânı "(2001, dt.: Hotel Bosporus) wurde zum Erfolg. Die deutschen Ausgaben ihrer Bücher überarbeitet die Autorin, Sie wohnt sowohl in Istanbul als auch in  Berlin, und hat auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Donnerstag, 21. Januar 2016

Santiago Gamboa : "Verlieren ist eine Frage der Methode"

Santiago Gamboa :
"Verlieren ist eine Frage der Methode"
original "Perder es cuestión de método"
1979, Grijalbo Mondadori, Barcelona
aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold
2000, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
Roman
315 Seiten
ISBN 3 8031 3149 9

Victor Silanpa ist Privatdektektiv, Journalist und gut mit Polizeichef Aristófanes Moya befreundet. Dieser setzt ihn auf eine grauslich mißhandelte Leiche außerhalb Bogotas an, da er sich lieber den wichtigen Problem des Abnehmens widmet. Silanpa findet heraus daß einige wichtige Menschen an einem Grundstück in Bestlage interessiert sind, die einen um ihren Nudistenclub weiterhin dort zu halten, die anderen weil ihnen Reichtum durch Golfanlage etc. vorschwebt. Ein Rechtsanwalt, ein Senator, ein Bauunternehmer und ein Mafioso sind in die Machenschaften verwickelt. Am Ende sind einige tot, und einige Schuldige trotzdem frei.

Silanpa wird von Estupinán unterstützt, der in dem mißhandelten Toten seinen Bruder Ósler zu erkennen meint. Die Tour der beiden durch Bogota und Randbezirke, durch Clubs, Bordelle, Landschaft, Wohnungen und Büros nimmt den Großteil des Romans ein.
Unterbrochen wird der Aktionsfluß von einer Erzählungsabschnitten in der der dicke Polizeichef eine selbstmitleidige Rede trainiert, die ihm helfen soll einer spirituellen Gruppe mit dem Ziel abzunehmen, beizutreten.

Die Gruppe die um das Grundstück giert sind: der ehemalige Eigentümer und Nudist Pereira Antúnez, der mit grober Gewalt zur Übergabe gezwungen und dann getötet worden war. Zuerst hatte der Mafioso Heliodoro Tiflis und seine Schlägertypen die Hände im Spiel, Senator Marco Tullio Esquilache war auf der Seite von Tiflis aktiv, dann wollten sie den Bauunternehmer Doktor Ángel Vargas Vicuna drohend überzeugen ihnen das Grundstück zu überlassen, der die Leiche mißhandeln ließ um seine Macht zu zeigen. Anwalt Emilio Barragán hat eigentlich damit nichts zu tun, aber solche Schulden daß er alles für Geld macht; in seiner Verzweiflung erschießt er Esquilache, was ihm die Polizei beweisen kann und auch die anderen Machenschaften werden ihm erfolgreich in die Schuhe geschoben.

Die Geschichte ist so verwirrend geschrieben, wie sie für Silanpa ist. Allerdings versucht er für sich und Leser seiner Zeitung immer wieder Klarheit zu finden. Es gibt einige Stellen in denen Brutalität, Gewalt, oder einfach nur kaputt machen geschildert wird; es ist allerdings schlüßig.

Die Abschnitte in denen Moya schildert wie er zu dem dicken Kerl wurde, sind faszinierend. Wie der Mann beschönigt, daß er gutes und viel essen mußte, ist hochinteressant aus kulinarischer Hinsicht und auch in psychologischen Begründungen. Es werden einige sehr appetitliche Gerichte aus Kolumbien geschildert (die Eintöpfe und Süßspeisen dürften exzellent sein).

Liebe bzw. Sex gibt es zuhauf in dem Buch. Eigentlich ist Silanpa seit einigen Jahren mit Mónica zusammen, die er aber vernachläßigt und betrügt. Als sie Schluß macht bricht zuerst die Welt zusammen, dann rettet er sich zur jugendlichen Hure Chica. Sowohl Moya als auch Estupinán haben herrlich kochende Ehefrauen. Tiflis benutzt seine Couch mit Susan (einer erwachsenen bildschönen kalten Frau), und Barragán betrügt seine Frau mit seiner blutjungen Bürogehilfin Nancy im Büro, im Motel, im Auto etc.

Zwei skurrile Ideen gibt es um Silanpa: das eine ist eine Schneiderpuppe, mit der er spricht und die er als Orakel benutzt in dem er 'Gescheite Sprüche' zieht oder neue hineinstopft. Das andere ist er Freund Fernando Guzmán, der ein genialer Journalist mit Spürsinn gewesen war, bis er an Aufputschmittel zusammengebrochen ist und seitdem im Krankenhaus lebt.

In Summe ein sehr interessantes Buch, das zwar nicht ganz einfach zu lesen ist, bei dem sowohl die Personenbeschreibungen als auch die Geschichte sehr spannend sind. Viel Freude beim Lesen !

Santiago Gamboa wurde 1965 in Bogota geboren. Er studierte spanische Philologie in Bogota und Madrid. Gamboa arbeitet als Korrespondent für ein Tageszeitungen und lebt in Rom. 1995 erschien sein erster Roman "Páginas de vuelta".

Samstag, 15. August 2015

Rafael Chirbes : "Am Ufer"

Rafael Chirbes :
"Am Ufer"
Roman
original "en la orilla"
2013, Editorial Anagrama, Barcelona
Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
2014, Verlag Antje Kunstmann
426 Seiten
ISBN 978-3-88897-867-8

In diesem großartigen Roman ohne Hoffnung beschreibt der Autor das Leben von Esteban, einem Tischler, der investiert hatte und mit der Immobilienkrise 2008 - 2010 alles verlor. Esteban gehört das zweite Kapitel, in der Rückblicke bis zum Großvater, der mittels Genickschuß in der Franco-zeit getötet worden war, Seitenhiebe auf die Geschwister, die ihm den pflegebedürftigen Vater überlassen, Beobachtungen über einen Freund der es geschafft hatte reich zu werden, und Betrachtungen über seine Angestellten und das Ende der Firma mit vielen Bildern, Metaphern beschrieben werden.
Im kurzen ersten Kapitel werden Leichenteile im Sumpf entdeckt, im dritten kurzen Kapitel seilt sich derjenige der den Untergang Estebans mitverursacht hat heimlich ab. Das dritte Kapitel ist kursiv gedruckt, wie andere Einschübe die Estebans Leben und Gedanken ergänzen.

Den Personen und vielen Gedanken ist in diesem Buch Raum gegeben :
Die Hauptperson ist Esteban, der mit seinen Anfang 70 eine kleine Tischlerei führt. Die Kunsttischlerei kann er leider nicht, da er der Liebe wegen die Ausbildung beendet hat. Es fehlt ihm außerdem das Können. Seine Liebe Leonor hat ihn trotzdem verlassen - es kam auch nachher keine Frau mehr in sein Leben, außer die Pflegerin seines Vaters, Liliana aus Kolumbien. Die Schreinerei läuft mit vier Angestellten recht gut. Leider investiert er alles ihn ein Bauprojekt eines Freundes, das wie viele andere in der Immobilienblase untergeht. Er muß die tw. langjährigen Angestellten kündigen, und sich selber um den pflegebedürftigen Vater kümmern.
Estebans Vater war im Gefängnis gewesen und stand zu seiner Anti-Franco-Haltung. Die Politik war ihm wichtiger als Frau und seine drei Kinder. Er hat die Tischlerei von seinem Vater übernommen.
Estebans Bruder Juan wird als Schlitzohr geschildert, der nur Geschichten erzählt und Geld will.
Bruder Germain war mit Carmen verheiratet gewesen. Als er Krebs bekam war es mit der Liebe aus, denn die Mutter mußte sich um den Sterbenden kümmern - die Schwägerin fuhr ab nach Barcelona.
Der Onkel hatte den kleinen Esteban in die Schreinerei genommen und ihm Spielzeug gemacht, oder mit ihm Papierflieger gemacht. Er ist es auch der ihm das Schnitzen in Holz vermittelt hat.
Pflegerin Liliana ist aus Kolumbien. Sie ist lieb, freundlich und  kocht gut und die moralische Stütze für die alten Männer. Allerdings hat sie einen unguten Ehemann, und Kinder. Sie hat gearbeitet, daß ihr Mann nach Spanien nachkommen konnte. Über sie kommt lateinamerikanische Lebensfreude in den Roman (vielleicht das einzig wirklich freundliche Element in diesem Buch).
Unter den Freunden kommt vor allem Francisco oft vor. Er hat es geschafft über Weinkenntnisse ein Machtimperium über Weinzeitschriften, Restaurantrezensionen aufzubauen. Und : die große Liebe von Esteban, Leonor, hat ihn geheiratet und als Restaurantbesitzerin zwei Sterne im Kochhimmel erarbeitet. Francisco kommt nach dem Krebstod seiner Frau wieder in das Dorf seiner Kindheit zurück, kauft das teuerste Haus mit dem exklusivsten Mobiliar und plaudert über das Leben.

In dem vielen Seiten sind einige Themen angesprochen, die entweder noch in Spanien relevant oder für Europäer wichtig sind.
Die Aufarbeitung der Franco-Zeit ist noch nicht fertig. Der Umgang mit den Anti-Franco-Menschen, das gegenseitige Denunzieren für oder gegen diese Partei die an der Macht ist, oder gerade an die Macht gekommen war, ist nicht aufgearbeitet. Für Chirbes dürfte es hier zu viele ethische Leichen geben, die nicht erledigt sind.
Es gibt Betrachtungen über Pflegefälle - wie sie leistbar sind, wer was machen soll, wie ein System damit umgehen soll, was menschliches abverlangt wird,
Es gibt Betrachtungen über Geld, den Arbeitsmarkt (immerhin zwei Jahre Arbeitslosenunterstützung), die Arbeit der Huren im "Lovers", Liebe die vergeht, Machtspiele in der Restaurantszene etc.
Er schreibt über die Immobilienblase und wie sie die Region lahmlegte, in der sonst die Touristen gekommen waren und plötzlich alles leer ist, und die Bautätigkeit versiegt.

Die handelnden Menschen sind entweder Handwerker, Arbeiter und Fischer, (und Huren) oder der reichgewordene Francisco sowie der Sparkassendirektor. Mir hat die mittlere Schicht gefehlt.

Schön finde ich die Seiten, in denen der Lehrer der Kunstgewerbeschule über Holz, Stein und Ton mit Leidenschaft erzählt und seinen Schülern ein Gefühl für das Material vermittelt, und über den Zauber des Umgangs mit den Elementen.

Das Buch sollte der Leser/die Leserin konzentriert zu lesen. Ich hatte es vor Monaten angefangen gehabt und erst jetzt im Urlaub die Zeit, Muße und Konzentration gehabt den Lebensgeschichten, Einsichten, Ansichten und Betrachtungen zu folgen, sowie die Metaphern, und die langen Sätze zu genießen. Die Sprache ist wortgewaltig, vielfältig, er verwendet viele Fremdworte ('Nachtmare' war mir bis dato unbekannt gewesen).

Im Buch ist ein Lesezeichen, auf dem die Personen des Romans mit kurzen Informationen abgedruckt sind. Es war sehr hilfreich, wenn ich zu sehr in den Betrachtungen verstrickt war und nachher wieder den roten Faden gesucht habe.

In Summe ein grandioses Buch, das mich fasziniert hat. Es ist nur kaum Hoffnung drin. Ich wünsche dem Leser/der Leserin trotzdem Lesefreude daran !

Rafael Chirbes wurde am 27. Juni 1949 in Tavernes de la Valldinga / Valencia geboren. Mit 16 begann er in Madrid 'Moderne und zeitgenössische Geschichte' zu studieren, 1969 ging er für ein Jahr nach Paris. Er lebte auch in Marruecos, Barcelona, La Coruna, Extremadura und dann wieder in Valencia. 1988 erschien sein erster Roman "Mimoun". Seine Roman beschäftigten sich fast immer mit der Kriegszeit, Nachkriegszeit und Franco-Zeit. Politisch hat er sich immer als Kommunist deklariert. Er starb am 15. August 2015.