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Samstag, 16. Mai 2026

R.J. Palacio : "Wunder"- Sieh mich nicht an !

R.J. Palacio :
"Wunder" - Sieh mich nicht an !
original "Wonder"
2012, Alfred A. Knopf, Random House Children Books
Aus dem Englischen von André Mumot
2013, Carl HanserVerlag Gmbh, München
2025, 22. Auflage; dtv Verlag
457  Seiten
ISBN 978-3-423-62589-0

Die Geschichte wurde von Hollywood bereits verfilmt, es ist aber wie gewohnt vielschichtiger das Buch mit den Geschichten der Großeltern und die vielen menschlichen Feinheiten zu lesen.

August, oft Auggie genannt, ist eine zehnjähriger Bub der aufgrund von mehreren kombinierten Krankheiten oft operiert werden mußte, und dessen Gesicht sehr unschön aussieht. Seine Eltern beschließen daß es Zeit ist, daß er nicht mehr zwischen den Operationen zu Hause unterrichtet werden soll, sondern daß es Zeit ist, daß er in die normale Schule mit Gleichaltrigen geht.
Wie erwartet bzw befürchtet wollen die meisten in der Klasse nichts mit ihm zu tun haben; Julian hilft ihm, und erst später hört August durch einen Zufall, daß Julian bessere Noten versprochen wurden, wenn er August hilft. Summer, ein bildhübsches Mädchen, hilft ihm ehrlich weiter. Am anfang nuschelt er noch ziemlich, später wird das besser als er besonderes Hörgerät, das allerdings etwas auffälliger ist. Im Laufe des Schuljahres mausert er sich nicht nur zum Liebling der Klasse, sondern auch der Schule.

Die meisten Kapitel sind aus sich von August geschrieben, wie sich die Umwelt ihm gegenüber benimmt, Unterhaltungen seiner Eltern, Gespräche mit seiner hübschen Schwester Vida.

Interessant ist wie der die Unterschiedlichkeit der Eltern und ihrer Familien beschrieben wird. Die Mutter als rundliche lebensfrohe fröhliche Frau aus dem Lateinamerika kommend, der Vater aus Polen mit Eltern die das Grauen des Nationalsozialismus erlebt hatten, der mit viel Humor Situationen ins Positive wandeln kann.

Unterhaltsam finde ich die Kapitel in denen über den Lehrer Brown geschrieben wird. Er fordert die Schüler mit Werten heraus.

Der Schreibstil ist freundlich, die kleinen und großen Gemeinheiten finden im Kopf statt.
Das Buch läßt das glauben, daß freundliches positives miteinander möglich ist.
Danke für das positive Lese-gefühl.

Montag, 5. Januar 2026

Fabcaro + Didier Conrad: "Asterix in Lusitanien" (Asterix Band 41)

Fabcaro + Didier Conrad: "Asterix in Lusitanien" (Asterix Band 41)
Kolorierung: Thierry Mebarki
original 'Asterix en Lusitanie'
2025, Hachette Livre / Goscinny-Uderzo
aus dem Französischen übersetzt von Klaus Jöken
2025, Egmont Comic Collection
44 Seiten
ISBN 978-3-7704-2441-2

Ein phönizisches Schiff kommt zum gallischen Dorf und bringt nicht nur die neueste Mode, sondern auch den Lusitanier Schnurres, der um Hilfe ersucht, weil es Wettbewerb um vergorenen Fischsud gibt, und der Produzent von Cäsars Lieblings-garum, namens Schäoprozess, verhaftet worden ist. Diese Gelegenheit die Piraten auf dem Meer, und neue frische Römer in Lusitanien freundlich (nach Obelix' Art) zu begrüßen, lassen sich die Asterix, Obelix und Idefix nicht entgehen. Sie führen den intriganten Karies mit Alkohol in eine Falle, Präfekt Fetterbonus winkt genau dieses nicht, und Zenturio Pistorius ist eher glücklos.
Hilfe erhalten die Gallier von dem gallischen Ehepaar Mandarfjagarnix und seine Flottebine, die mit Wohnwagen durch die Gegend touren.

Wie immer gibt es wunderbare Kleinigkeiten, wie die Obelix mit spanischem Temperament loslegt und portugiesischem Fado haltlos heult, und auch Talent für diese Lieder entwickelt; er allerdings seine Abneigung gegen Kabeljau, die bleibt; dafür testet er sich durch ein Buffet mit netten kleinen Tapas, wie Gemisch aus Fleischstückchen mit Muscheln, gemütlich durch; daß Hinkelsteine in kleine quadratische Stücke geschnitten werden, um Mosaik zu legen, versteht er auch nicht.
Auf zwei Seiten werden Werbe-slogans in einem Think-tank mit Anmeldung Benutzerkonto und den Besonderheiten bei Passwortnotwendigkeiten gemütlich durch den Kakao gezogen.

Zeichnerisch erfreulich ist die Variante der gelben Straßenbahn, die hier von Pferde gezogen wird.
 
Zum Lachen brachte mich der Koch Mayopommes, eine Schlacht mit Kalorienbomben ('pastel de nata'), ein Helferlein des Präfekten namens Benfica und es gibt ein Lokal namens "vaso da gama"

In Summe habe ich mich sehr gut beim ersten Lesen und Ansehen unterhalten, und werde vermutlich viele Feinheiten beim zweiten Durchgang entdecken. Viel Spaß !

Mittwoch, 10. Dezember 2025

S J. Bennett : "Die unhöfliche Tote"

S J Bennett :
"Die unhöfliche Tote" - ein Queen-Elizabeth-Krimi
original "A three Dog Problem"
2021, Zaffre, Bonnier Books, London
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
2023, Knaur Taschenbuch Lizenz
358 Seiten + 1 Seite Dank
ISBN 978-3-426-52734-4

Queen Elisabeth II, hat nicht nur die Verantwortung für ihre Land und Sorgen um ihre Familie, sondern braucht auch Hilfe um ein Bild, das sie gemeinsam mit ihrem Mann in den ersten Zeiten ihrer Ehe gekauft hatte. Sie bitte Rozie Oshodi, ihre Privatassistentin um deren energische Hilfe; als plötzlich die unbeliebte Haushälterin ermordet am Pool gefunden wird.
Rozie fährt zu dem früheren Leiter der kunsthistorischen Sammlung, entdeckt einen Geheimgang im Buckinghampalace, und legt sich mit Bediensteten an; und erzählt alles der Queen.
Die Queen grübelt während der Spaziergänge mit ihren Corgis nach, während sie zu Portrait sitzt, fragt manches ihren Mann, und langsam entwickelt sich ein Muster, das zu Betrug mit Kunstwerken führt.

Mit viel Humor wird erzählt wie die Queen in ihrem persönlichen Umfeld agiert, aber mit Zähigkeit an ihren Zielen bleibt. Ihre Assistentin Rozie wird als gutaussehende, große, sportliche, höfliche und gescheite junge Frau geschildert, die kein Problem hat anzupacken.

Hintergrund sind Zeichnungen der Artemisia Gentileschi. Es geht um Menschen die Kunstgeschichte und Künstler/Künstlerinnen lieben, aber auch um Menschen die sich der Werke zu eigenem Wohlstand bedienen. 

Das Buch feinfühlig und mit Respekt für die Menschen in der königlichen Familie beschrieben. Nur sehr von der Ferne wird auch die aktuellen Mitglieder der Familie Bezug genommen, ebenso auf die hohe Politik im Parlament.
Auf Bürokratie machen sich alle immer wieder lustig.

Für Hundefans gibt es einige nette Anekdoten mit den Corgis, und auch Sorgen um sie.

Der Roman ist mit Humor geschrieben; ich habe beim Lesen in der Straßenbahn öfters Lachen müssen. Viel Spaß beim Lesen !

Sophia Bennett wurde 1966 in Yorkshire geboren. 
Ihr erstes Buch erschien 2004; sie hat zuerst viele Kinderbücher geschrieben, die in viele Sprachen übersetzt worden sind.
Den Namen "SJ Bennett" verwendet sie für Kriminalromane für Erwachsene, bei denen Queen Elizabeth II als geheimer Privatdetektiv agiert, unterstützt von ihrer fiktionalen Privatassistentin mit Stammbaum in Nigeria, Captain Rozie Oshodi. Mittlerweile gibt es fünf Kriminalromane
mit Queen Elizabeth II und ihren Corgis, die auf deutsch übersetzt worden sind.

Mittwoch, 15. Oktober 2025

Tony Hillerman : "Blinde Augen"

Tony Hillerman :
"Blinde Augen" - ein Fall für die Navajo-Police
original "Listening Woman" (A Leaphorn and Chee Novel,3)
1978, Harper & Row
Aus dem Englischen von Friedrich A. Hofschuster
Mit einem Nachwort von Claus Biegert
2023, Unionsverlag 954
251 Seiten + 9 Seiten "Tony Hillerman - Ein Fall von Kultureller Wertschätzung" + 1 Seite Biographie Tony Hillerman
ISBN 978-3-293-20954-1

Ein alter Mann und ein junges Mädchen werden ermordet, während die alte blinde Heilerin in ein Vision versunken ist. Lieutenant Joe Leaphorn wird fast von einem Autofahrer überfahren. Langsam macht er sich auf die Suche nach dem rücksichtslosen Autofahrer, und entdeckt, daß beide Fälle zusammenhängen.
Mit altem Navajo Wissen ausgestattet geht er Spuren nach, und auch alten Bräuchen. Bei weisen Menschen fragt er altes Wissen und alte Welt-entstehungs-mythen nach.
Sehr langsam entschlüsselt sich, daß einer der junge Indianer, die früh in die Heime gesteckt wurden, seinen Halt in sehr alten Mythen sucht, und hier den Umsturz plant.

Ich muß zugeben, daß ich mit dem Stil des Autors überhaupt nicht konnte. Mich hat seine Ausdrucksweise irritiert.  Mir fehlt auch das empathische Eingehen auf Menschen; am Schluß wird es sehr 'action'-reich, die mich nicht erreicht hat. Inhaltlich ist das Antasten an ein Thema und Menschen allerdings sehr interessant.

Die Mythen der unterschiedlichen Indianerstämme haben mich allerdings in den Bann gezogen.

Anthony Grove Hillerman wurde am 27. Mai 1925 nahe Sacred Heart, Oklahoma geboren. Erste Bildung erhielt er in einem Internat für Indianer. 1945 kam er aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, und schloß sein Journalismus - studium ab. Er arbeitete bis 1965 als Journalist, später als Dozent für Journalismus.
1970 veröffentlichte er seinen ersten Kriminalroman 'The Blessing Way' ('Wolf ohne Fährte', 1972). Seine Romane spielen im Bundesstaat Arizona in der Navajo Nation Reservation. Seine Detektive sind die Diné-Polizisten Joe Leaphorn (in den späteren Fällen pensioniert und als Privatdetektiv tätig) und Jim Chee (erstmals 1980 in dem Roman 'People of Darkness'
).
Er starb am 26.Oktober 2008 in Albuquerque, New Mexico.

Sonntag, 5. Oktober 2025

Italo Calvino : "Der Baron auf den Bäumen"

Italo Calvino :
"Der Baron auf den Bäumen"
original "Il barone rampante"
1957, Giulio Einaudi editore, Turin
Aus dem Italienischen von Oswalt von Nostiz
deutsche Übersetzung 1960
S. Fischerverlag 6. Auflage 2023
173 Seiten
ISBN 978-3-596-90441-9

Der zwölfjährige Zweitgeborene, Cosimo Piovasco di Rondò, aus einer Adelsfamilie schwingt sich bei einem ekelerregenden Mittagessen in fader Kommunikation auf den Baum vor dem Eßzimmer und bewegt sich über die Bäume weiter. Er beschließt, daß er keinen Fuß mehr auf den Boden setzt, und sich nur noch in den Bäumen bewegt. Auf diese Art lernt er die schöne Nachbarstochter kennen, aber auch eine Jugendbande die er sich mit seinem kleinen Schwert vom Leibe hält. Er richtet es sich in den Bäumen ein, mit Bett, Regenschutz, und Rutsche um seine Kleidung gewaschen zu erhalten.
Er verkehrt mit Piraten und Räubern, und plaudert mit gekrönten Menschen
Als er von Menschen hört die auch die Bäumen leben, klettert er über tagelang zu den Spaniern, und hat dort eine wichtige Liebe, ehe die Spanier wieder nach Hause reisen.
Über seinen Hund kommt er wieder mit der schönen Nachbarstochter, die jetzt reiche Witwe ist, zusammen; leider zerstreiten sich die beiden Sturköpfe.
Als Cosimo älter wird, kommen Heißluftballone auf; als eines vorbeifliegt, ergreift er sich ein Seil, und fliegt aufs Meer hinaus.

Der Erzähler der Geschichte ist der erstgeborene ältere Bruder, der sich am meisten um den Baron in den Bäumen kümmert, und auch um die Güter der Familie. 
Ort der Handlung ist Ligurien, um von 1767 bis nach Napoleons Kriegszügen.

Die Personen sind zum Angreifen nahe geschildert. Die Mutter des Barons, als Tochter eines Generals, als hochzufrieden und durchgetaktet, die schleimige Tante, der noch schleimigere geistliche Lehrer der Buben, der unnahbare sehr arrogante Vater von Baron und Erzähler, und auch der aufgeweckt junge Baron in den Bäumen selbst; witzig ist die verwöhnte eigenwillige Nachbarstochter, spätere schöne eigenwillige Frau.

Die Geschichte ist sehr skurril und unterhält gut.
Nicht nur die turnerische Begabung des jungen Mannes unterhält, sondern auch die verschiedenen Menschen, mit denen er zusammentrifft; wie z.b. der Liebesroman süchtige Bandit, oder die wie er die faulen Soldaten mit Läusen zu Hygiene und Bewegung bringt.

Am Anfang brauchte ich etwas Zeit um mich an den Stil oder Übersetzung zu gewöhnen, später bin ich beim Lesen lächelnd in der Straßenbahn gesessen.

In Summe ein sehr unterhaltsames Buch; viel Freude beim Lesen !

Italo Calvino wurde am 15. Oktober 1923 in Santiago de las Vegas, Provinz Havanna, Kuba geboren. Er lebte zuerst mit seiner Familie in Kuba, begann dann ein Studium der Agrarwissenschaften; Ende des Krieges schloß er sich den Kommunisten an und engagierte er sich bei den Partisanen. Nach dem Krieg studierte er Literaturwissenschaften, und beim Verlag Einaudi in Presseabteilung und später Lektorat zu arbeiten. 1957 trat er aus der Kommunistischen Partei aus Enttäuschung über den Einmarsch in Ungarn aus. Er lebte später auch auf Kuba und in Paris.
1947 erschien sein erster Roman
'Il sentiero dei nidi di ragno' bei Einaudi, Turin / Deutsch: 'Wo Spinnen ihre Nester bauen'.
Er starb am 19. September 1985 in Siena, Italien.

Samstag, 11. Januar 2025

Pedro Badrán : "Verbrechen in der Provinz"

Pedro Badrán :
"Verbrechen in der Provinz" - Auch ein Kriminalroman
Kolumbien in der edition 8
original "Crimenes de providencia"
2022, Penguin Random House Grupo Editorial, Bogota
Aus dem kolumbianischen Spanisch übersetzt von Richard Gross
2024, edition 8
170 Seiten + 4 Seiten sehr umfangreiches Glossar + mauve-farbenes Lesebändchen
ISBN 978-3-85990-515-3

Rodolfo Cuesta beginnt sich mit dem Tod seines besten Freundes, Horacio, Sohn des Senators in einer fiktiven Stadt zu beschäftigen. Er war erschossen worden. Horacio war ein lebensfroher aber auch idealistischer Arzt gewesen, der sich mehr für die Armen engagiert hatte, als für die Karriere, wie es seinem mächtigen Vater besser gefallen hätte.
Rodolfo trifft sich mit Horacios Schwester Marielita und erzählt über die Zeit als er, als Kind einer Ladenbesitzerin und eines getöteten Aufständischen, im Haus des Senators immer willkommen war.
Sehr vorsichtig versucht er, selbst Arzt, das Geheimnis des eigenen Vaters, die vielen Geheimnisse um den Senator und gesellschaftliche Verstrickungen zu entwirren. Auch lernt er die letzten Freundin von Horacio kennen. Unterlagen werden versprochen und kommen nie an; Menschen sterben mit denen er sprechen möchte. Sehr langsam tastet er sich vor und fragt im Umfeld des Senators, den viele als Wohltäter der Stadt sehen.
Der Senator stirbt ebenfalls - aber einen natürlichen Todes. Ende gibt es keines.

Der Roman ist in Ich-Form aus Sicht von Rodolfo geschrieben.

Mich fasziniert die Langsamkeit in diesem Buch, in der sich einiges zäh entwickelt oder anderes nie entwirren wird.
Polizei, Gesellschaft, Politik und Überleben sind eng verkettet. Mord eines Sohnes wenn er gesellschaftlichen Normen widerhandelt wird in dieser Stadt nicht nur toleriert, sondern auch gut geheißen.

Die Rolle einer Tochter, oder Frau ist in dem Buch sehr unterschiedlich. Die Schwester ist Langzeitstudentin und hinterfragt alles. Ihre frühere beste Freundin war zuerst mit ihrem Bruder verheiratet, und nach dessen Ermordung mit ihrem früheren Schwiegervater und mit diesem glücklicher als zuvor. Rudolfos Mutter findet, daß der Senator ein Held ist und nicht kritisiert werden darf. 

Mich hat der Roman in den Bann gezogen. Viel Freude beim langsamen Lesen.

Pedro Badrán wurde 1960 geboren in Magangué (Departamento Bolívar), im Hinterland der karibischen Küste Kolumbiens. Er ist Nachkomme palästinensisch-syrischer Einwanderer. Er wuchs in Cartagena auf und studierte Linguistik in Bogotá, wo er heute als freier Schriftsteller lebt. Mit je fünf Romanen und Erzählungsbänden gilt er in der kolumbianischen Literatur als einer der herausragenden Vertreter der Post-post-García-Márquez-Generation. Sein erster auf Deutsch erschienener Roman "Der Mann mit der magischen Kamera" (edition 8, 2019) schaffte es auf die Hotlist der zehn besten Bücher aus unabhängigen Verlagen.

Mittwoch, 31. Juli 2024

Max Aub : "Die Stunde des Verrats"

Max Aub
"Die Stunde des Verrats" - Das Magische Labyrinth IV
Roman
original "Campo del Moro"
1963
Aus dem Spanischen von Albrecht Buschmann und Stefanie Gerhold
Herausgegeben und kommentiert von Mercedes Figueras
2001/2003, Piper Verlag GmbH München
300 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 43 Seiten Anhang Anmerkungen von Mercedes Figueras + 5 Seiten Nachwort
ISBN 3-492-21791-0

Auf sieben Kapiteln von 5. bis 13. März 1939 wird in einem Gemisch aus Geschichte und deren realen Personen und manchen fiktiven Menschen wie Politiker verschiedener Parteien und Gruppen versuchen die Menschen in Spanien, hier konzentriert eher Madrid, gegen die Truppen Francos zu schützen bzw die Übergabe für die Menschen erträglich zu machen.
Dieser Roman konzentriert sich auf die Menschen die vor Ort leben und Politiker der sozialistischen und kommunistischen Parteien. Die Seite Francos wird nicht erzählt - es ist nur klar, daß es kein Erbarmen bei der Übernahme der Städte für die  Bevölkerung und Gegner geben wird.

Die 43 Seiten mit Anmerkungen zu den Figuren sind für mich essentiell gewesen, da es hier genaue Informationen über echte und fiktive Personen gibt, was bei den vielen unterschiedlichen Charakteren wichtig ist.

Am Anfang des Buches gibt es manchmal noch Hoffnung, einzelne Menschen kämpfen für ihre Ideale und Spanien. Hunger wird auch beschrieben : eine Brotkante wird zum Luxusessen.
Am Schluß gibt es nur Flucht, Hektik, zerbrochene Hoffnungen und Werte.

Spannend ist die gescheiterte Politik, in der sich die sozialistische Partei und kommunistische Partei auch nicht einmal zugunsten der Menschen auf gemeinsames Handeln zusammen finden, und selbst fliehen.

Mehr geht mir das Schicksal einzelner (fiktiver) Personen unter die Haut, die sich in die Esoterik oder Liebe retten, wobei die Liebe meist schlecht ausgeht. Es bleibt viel Traurigkeit, Zerstörung und tote Menschen übrig.

Der Roman ist intensiv geschrieben und ließ mich nicht kalt, auch wenn ich das Buch mindestens nocheinmal lesen muß in der Hoffnung die Handlungsstränge besser zu verstehen.

Max Aub, auch Max Aub Mohrenwitz, wurde am 2. Juni 1903 in Paris geboren und war ein spanischer Schriftsteller französischer Herkunft mit deutschen Vorfahren. Er schrieb spanisch, und organisierte Theater in Spanien. Juli 1936 wurde Honorarkonsul im Frankreich und erteilte den Auftrag zu "Guernica" an Pablo Picasso. 1940 wurde er in Spanien denunziert, verhaftet und konnte 1942 nach Mexico ausreisen. Lange wurde ihm ein Besuch in Spanien verwehr, erst 1969 durfte er wieder kurz zu Besuch kommen. Er starb am 22. Juli 1972 in Mexiko Stadt.
'Das magische Labyrinth
' („El laberinto mágico“) schrieb er zwischen 1943 und 1968, und besteht aus sechs Bänden zum spanischen Bürgerkrieg.

Freitag, 31. Mai 2024

Fernando Aramburo : "Patria"

Fernando Aramburo :
"Patria"
Roman
original "Patria"
2016, Tusquets Editores, Barcelona
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
2018, Rowohlt Taschenbuch / 3. Auflage Oktober 2020
750 Seiten + 5 Seiten Glossar der baskischen Wörter und Redewendungen + 4 Seiten Inhaltsverzeichnis
ISBN 978-3-499-27361-2

Zwei Familien im Baskenland zur Zeit der Attentate der ETA und danach - bei einer ist ein Sohn aktiv bei der ETA und später inhaftiert, der anderen Familie fällt der Vater durch ein ETA-Attentat zum Opfer. In vielen zeitlichen Sprüngen wird die Zeit vor, während und nach den Attentaten für die Generation der Eltern und Kinder beschrieben, und auch die Frage gestellt was für jeden Baske sein bedeutet.

Bittori, die erkrankt ist und wissen möchte wer ihren Mann und Unternehmer Taxto letztendlich umgebracht hat, und ist mit ihrer Anwesenheit im Dorf 20 Jahre nach dem Ereignis eine stumme unangenehme Erinnerung an die Ermordung. Deren Sohn Xavier ist Arzt geworden; die Tochter Nerea hat Jus studiert, und hat nach einigen Beziehungen einen sehr gut aussehenden Mann (nicht Basken) geheiratet.

Die andere Familie besteht aus Mirren mit ihrem Mann Joxian und deren drei Kinder. Der älteste Sohn Joxe Mari hat sich bald der ETA angehängt, war in Frankreich im Exil und bei einigen Attentaten im Baskenland beteiligt; letztendlich ist er im Gefängnis. Tochter Arantxa hat auch einen Spanier (Nicht-Basken) geheiratet und zwei Kinder mit ihm; sie hatte im Urlaub einen massiven Schlaganfall, der ihren wachen und eigenwilligen Geist in einen maroden Körper sperren will; der jüngste Sohn Gorka geht bald in die Literatur und veröffentlicht Werke auf Euskara, arbeitet später in einem baskischen Radiosender, schließt sich aber von Gewaltausübung aus.

Es geht auch um die Frage der Amnestie für aggressive ETA-Mitglieder, die aus den Gefängnissen entlassen werden sollen. Während die Familien dieser darauf hoffen, protestieren die Familien der Getöteten dagegen, auch weil diese in der Gemeinschaft gemobbt wurden und werden. Die Rolle der nicht immer christlich liebenden und vermittelnden Kirche, sondern  - hier gegen die Familie des Getöteten - auch mobbenden Priester wird skizziert.

Freundschaften zerbrechen innerhalb kurzer Momente und finden eigentlich nicht mehr zusammen.

In den Kapiteln werden die verschiedenen Sichtweisen der fünf und vier Familienmitglieder beschrieben. Manche die sich einfach nur klein machen wollen  andere die einen Weg suchen, manche streiten, andere versuchen zu handeln, manche wollen einfach nur ihre normale Arbeit machen ohne dafür verurteilt oder getötet zu werden.

Die Menschen sind gut geschildert und deren Temperamente, Launen und Charakteristika entstanden wie ein Film vor meinen Augen. Auch die verschiedenen Lebensräume wie Kleinstadt, Stadt, fremde Orte zum Verstecken, Studienstadt sind gut beschrieben.

Unter die Haut gingen mir die Einsamkeit der Witwe, und die Kälte wie mit ihr umgegangen ist.

Ich habe länger an dem Buch gelesen, und durchaus Zeit gebraucht bis ich mich bei den Personen der Handlung und den Zeitsprüngen ausgekannt habe.

In Summe ein starker und sehr eindrücklicher Roman bei dem klar wird, welche Verletzungen politische Geschehen für Familien und Gesellschaft haben. 

Fernando Aramburu Irigoyen wurde am 4. Jänner 1959 in San Sebastián geboren. Der Autor studierte in Saragossa panische Philologie, lebt seit 1984 in Hannover  und arbeitete zunächst als Spanischlehrer. Seit 2009 verfasst er ausschließlich Bücher sowie Beiträge für spanische Zeitungen. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.Er spricht fließend deutsch. Sein erster war 'Roman Fuegos con limón' (1996) (Limonenfeuer)(2009).  

"Patria" wurde mittlerweile  in 20 Sprachen übersetzt, und ist als Serie in Spanien verfilmt worden.

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Xavier-Marie Bonnot : "Die Melodie der Geister"

Xavier-Marie Bonnot :
"Die Melodie der Geister" - der fünfte Fall für Michel de Palma
Kriminalroman
original "Le pays oublié du temps"
2011, Actes Sud, Arles
Aus dem Französischen von Gerhard Meier
2015, Unionsverlag, Zürich
357 Seiten
ISBN 978-3-293-00484-9

Polizeikommandant Michel de Palma muß den Mord in Marseille an einem alten Forscher Delorme aufklären, auf dessen Gesicht eine alte Maske aus Neuguinea gesetzt worden war. Mithilfe der Tochter versucht er das Leben des Forschers nachzuvollziehen und bekommt einiges aus dessen Zeit der Forschung gemeinsam mit dem alten Freund Ballancourt erzählt. Die beiden waren in den 30-er Jahren bei den Einheimischen gewesen und haben Masken gegen Waffen eingetauscht. Diese Masken haben Jahrzehnte später hohen Sammlerwert und auch die ursprünglichen Stämme sind an den Masken interessiert. Später kommt heraus, daß es vor Jahrzehnten auch zu einer Liebesgeschichte zwischen einem der Forscher und einer einheimischen Witwe gekommen war.
In Marseille wird ein Händler ermordet, ebenso wie ein Matrose eines unter Observation stehenden Schiffes, und ein kleiner Dieb. de Palma muß Sigmund Freud über Totem und Eros nachlesen, und verstaubtes Denken über Urvölker beseite räumen um an des Rätsels Lösung zu kommen.
Als Parallelgeschichte beginnt zwischen dem Polizeikommandanten und seiner alten Liebe eine Romanze aufzuflackern.

Die Regionen und Flüsse auf Neuguinea mußte ich nachlesen.

Faszinierend fand ich wie beschreiben wird wie die Schädel der Feinde/Freunde behandelt werden, verziert werden, mit Muscheln und Knebmaterial aus Köpfen ausdrucksstarke Bewältigung von Furcht, Liebe und Trauer werden.

Den deutschen Titel hat das Buch weil leise Melodien erklingen, wenn der gespannte Bogen, mit dem der Pfeil abgeschossen wird, klingt.

Die Geschichte ist spannend. Aber leider bin ich nicht in den Stil hineingefallen.

Xavier-Marie Bonnot wurde am 7 Dezember 1962 in Marseille geboren. Er promovierte in Geschichte und studierte Soziologie und französische Literatur. Seine berufliche Karriere begann er als Filmregisseur von Dokumentarsendungen und Reportagen. 2002 feierte er mit der Veröffentlichung seines ersten Kriminalromans 'La première empreinte' /dt. 'der große Jäger' mit Band eins sein literarisches Debüt. Seither erschienen weitere Fälle mit dem Marseiller Polizeikommandanten Michel de Palma. Sie wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt.

Freitag, 24. November 2023

Daisy Bird, Anna Pirolli : "Die kleine Eule und das Weihnachtswunder"

Daisy Bird :
"Die kleine Eule und das Weihnachtswunder"
Illustrationen Anna Pirolli
original "Once Upon a Christmas Owl"
2022
Aus dem Englischen von Berd Stratthaus
2023, Annette Betz Verlag
38 Seiten
ISBN 978-3-219-11994-7

Ein diesem Buch mit ungewöhnlich hohem Format wird die "wahre" Geschichte einer kleinen Eule erzählt, die in in ihrem Baum schläft, während der Baum gefällt wird. Der Baum wird als Christbaum in New York aufstellt; dort entdeckt glücklicherweise ein Feuerwehrmann die Höhle mit Eule, und die Eule wird wieder in den Wald gebracht.

Diese Geschichte ist 2020 wirklich passiert.

Die Illustratorin hat in diesem Buch hohe Bäume, die das hohe Format brauchen, gezeichnet. Für die Zeichnungen von New York muß man das Buch quer drehen, weil sie die ganze Länge für New York Sky line nutzt, und auch das Querformat um zu illustrieren wie der Baum gekippt wird.

Der böse Blick, mit dem die Eule den Feuerwehrmenschen ansieht, gefällt mir sehr.

Eine entzückende kleine Geschichte, die liebevoll gezeichnet wurde :)  

Freitag, 10. November 2023

Fabcaro + Didier Conrad: "Die Weisse Iris" (Asterix Band 40 )

Fabcaro + Didier Conrad: "Die Weisse Iris" (Asterix Band 40 )
original "L'Iris Blanc"
2023, Hachette Livre / Goscinny-Uderzo
aus dem Französischen übersetzt von Klaus Jöken
2023, Egmont Comic Collection
46 Seiten
ISBN 978-3-7704-2440-5
 
Die Soldaten in den Lagern um das Gallische Dorf lassen sich nicht mehr zum Kämpfen motivieren. Der Motivator Visusversus bietet seine Methode der weißen Lilie mit positivem Denken und freundlichen Formulierungen als Idee das Dorf auszuschalten an. Im Dorf bringt er Ideen zu gesundem Essen an, und beeinflußt mit seinen freundlichen Formulierungen. Als nicht einmal mehr die Lieder von Troubadix zu einer Schlägerei führen, beginnt sich Asterix Sorgen zu machen. Bei Gutemine setzt sich der Wunsch nach dem Stadtleben durch, was Vicusversus auf eine Idee bringt, was die Gallier wie gewohnt zu unterbinden wissen.

Wie immer gibt es wunderbare Kleinigkeiten, wie die Wildschweine die sich furchtlos benehmen oder der Eilkarren nach Lutetia, in dem ein Zug vorweggenommen wird und Obelix' Konfrontation mit den  kleinen Portionen der Nouvelle Cuisine.

Es gibt auch Scooter in Lutetia, und Klebeaktionen zum Schutz des Waldes.

In Summe habe ich mich sehr gut beim ersten Lesen und Ansehen unterhalten, und werde vermutlich viele Feinheiten beim zweiten Durchgang entdecken. Viel Spaß !

Freitag, 30. Juni 2023

Ivo Andric : "Wesire und Konsuln"


Ivo Andric :
"Wesire und Konsuln"
Roman
original "Travnicka hronika"; 1945 fertig geschrieben
The Ivo Andric foundation, Beograd, Serbia
Deutsch von Hans Thurn, überarbeitet von Katharina Wolf-Grießhaber
2016, Paul Zsolnay Verlag (erstmals 1961 auf deutsch)
5 Seiten Prolog + 622 Seiten + 3 Seiten Epilog aus 1942 + 4 Seiten Verzeichnis fremder Ausdrücke + 12 Seiten Nachwort von Karl-Markus Gauß
ISBN 978-3-552-05802-6

Jean Daville wird 1806 unter Napoleon in die Stadt Tavnik gesetzt. Dort ist er der erste französische Konsul, der erste Konsul überhaupt, der sich in diesem Ort mit den örtlichen Gegebenheiten, dem dortigen Sultan, den dortigen Begs, Menschen mit vier verschiedenen Religionen, und vielen Stämmen auseinander setzten muß.
Zur Unterstützung ist ihm als Kanzler des Fossés zugeteilt, der weltoffen und vertrauensselig durch die Stadt und Gegend reitet und versucht in Kontakt mit den Menschen vor Ort zu kommen.
César d'Avenat ist als Übersetzter zuteilt und ein intriganter Mensch.

Viel später entsendet auch Kaiser Franz aus Österreich seinen Botschafter nach Travnik. Oberst Joseph von Mitterer hat auch Familie, allerdings keine so unterstützende, sondern eher kapriziöse.
Ihm zur Seite steht als Dolmetscher und Büroangestellter Nikola Rotta, ein Mensch aus einfachsten Verhältnissen, der es mit Arbeit und Strebsamkeit geschafft hat, die Karriereleiter so weit zu erreichen; als mißmutischer und hochmütiger Mensch hat er es nicht einfach. 
1811 kommt ein neuer Konsul - der gutaussehende, perfekte aber kalte Oberstleutnant von Paulich.

Nach der Niederlage Napoleons und den Verhandlungen im Wiener Kongreß 1815 werden beide Konsulate aufgelöst, und die Region lebt ihr gewohntes Leben weiter.

Den Botschaftern aus Frankreich und Österreich steht der lokale Wesir gegenüber, der meist zur Strafe nach Travnik entsandt wird. Diese Botschafter sind menschlich komplett unterschiedlich. Während  Mechmed-Pascha ein betont joviale Oberfläche hat unter der er bedenkenlos Menschen beseitigt, ist der Ibrahim-Pascha ein nachdenklicher Mensch der seine großen Schmerzen beim Bewegen verbirgt und loyal zu seinem ehemaligen Herrn, Selim III, mit dem er auch untergehen wird. Der dritte Wesir Ali-Pascha ist ein Mann des Militärs, der sofort Leute einer Liste folgend enthaupten läßt

Der Roman ist grandios geschrieben. Sowohl die Landschaft mit langem dunklen Winter, aber schönen Periode in Frühling-Sommer-kurzen Herbst, der das Gärtnern erlaubt sind spürbar beschrieben.
Auch die unterschiedlichen Menschen in der Stadt mit vier unterschiedlichen Religionen, mehreren Stämmen, allen Schichten von besoffenem Sänger bis quasi Arzt, die Agas und Alteingesessenen.
Selbst die Fratres sind unterschiedlich und variantenreich gezeichnet.

Viel Zeit ist für die Beschreibungen der Persönlichkeiten aufgewandt. Sie sind nicht nur körperlich beschreiben, sondern in ihrem Wandel und wie sie versuchen sich an die vielen Ungemütlichkeiten und Mühsale vor Ort anzupassen. 

Bei diesem Buch war ich gefordert jede Zeile bewußt zu lesen; einen Absatz einfach quer zu lesen, ging für mich beim Lesen nicht. Es zahlt sich für mich aus Zeit beim Lesen dieses Buches aufzuwenden.

In Summe ist das Buch nicht nur geschichtlich wichtig, da es Verständnis für die aktuellen Probleme dieser Region bringt, sondern auch für mich grandios geschrieben. Viel Freude beim Lesen !

Montag, 29. Mai 2023

Toby Barlow : "Baba Jaga"

 Toby Barlow :
"Baba Jaga"
original "Babayaga"
2103, Straus & Giraux, New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Giovanni und Ditte Bandini
2014, Hoffmann und Campe, Hamburg // 2. Auflage 2017
530 Seiten + 1 Seite Prolog + 1 Seite historischer Hintergrund + 1 Seite Danksagung
ISBN 978-3-455-65062-4

Zoja, eine attraktive junge Frau mit Kurven hat ein gutes Auge welche Männer ihr behilflich sein könnten, im Paris der 50-er Jahre. Sie hat bereits ein bewegtes Leben hinter sich, da sie aus Rußland kommend durch weise Frauen in die Kunst der Hexerei geschult worden war; ihr sieht man die vielen Jahre ihres Lebens nicht an. Elga ist einer der weisen Frauen, die sie eingeschult hatten, die sich aber zur bösen alten Frau entwickelt hatte, die ausgezeichnet hexen kann.
Will lebt seit einigen Jahren in Paris, hat es aber als Amerikaner nicht weiter als einige Frauenbekanntschaften gebracht, und arbeitet als Werbetexter. Ihm wird ein Naheverhältnis zu einer Außenstelle der CIA nachgesagt. Er lernt über seinen Chef Zoja kennen. Ein Bekannter namens Oliver bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten und mit einigen eigenartigen brutalen Menschen zusammen. Sein Chef Brandon ist etwas undurchsichtig. Seine Liebe zu Zoja bringt beide in Probleme.
Charles Vidot ist Polizist aus Leidenschaft und damit seinem karrieresüchtigen Chef überlegen. Er soll einen Mord aufklären, lernt Elga kennen und wird in einen Floh verwandelt. Er versucht auch als Floh zu überleben, lernt später Will kennen und überlebt.

Der Roman wird vier Büchern erzählt in dem den verschiedenen Figuren gefolgt wird. Es sind immer wieder Strophen abgedruckt bei denen sich langsam entschlüsselt, daß hier Rückblenden stattfinden und manchmal auch gehext wird.

Zojas Leben wird auch in Rückblenden erzählt, als sie eine menschliche junge Frau war, die nur durch die Hilfe der Hexen überlebt. Sie versucht manchmal die menschliche Liebe wieder zu leben, merkt aber daß das sie das nicht mehr machen darf. Elga ist über Jahrhunderte des Lebens hart geworden, für sie zählen Menschenleben nicht mehr. Den beiden sind zwar einige kaltherzige Menschen, die Hexenwissen und magisches Wissen sammeln (wollen), den Menschen nach Wissensübergabe sehr übel mitspielen.
Will lebt zwar in Paris, läßt sich treiben, und wird wie von einem Wirbelwind von den Menschen und Hexen durch die Luft gewirbelt. Vidot ist unterhaltsam wie er als Floh überlebt, er behält seinen Gestaltungswillen auch als Floh, und es gelingt ihm am Schluß sogar seinen unfähigen Chef loszuwerden.
Die Geschichte des Priesters Andrej, der die Hexen über Jahrhunderte begleitet hatte, und seines Bruders Max ist berührend.

Der Roman ist sehr unterhaltsam geschrieben. Die Bilder laufen beim Lesen im Kopf ab. Gewisse Ungereimtheiten, und hier meine ich nicht Hexensprüche und deren Wirkungen, lösen sich doch freundlich auf.

In Summe habe ich diesen Roman sehr genossen und mich köstlich dabei unterhalten (Floh Vidot mit seinen Transporttieren als Beispiel genannt). Viel Spaß beim Lesen !

Samstag, 4. März 2023

Mercedes Rosende : "Krokodilstränen"

Mercedes Rosende :
"Krokodilstränen"
Kriminalroman
original "El Miserere de los Cocodilos"
2016, Estuario Editora Montevideo
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
2018, Unionsverlag Zürich
216  Seiten
ISBN 978-3-293-00536-5

German und Sergio hatten entführt, die Gattin hat nicht gezahlt, German sitzt im Gefängnis weil die Gattin für ihn ausgesagt hatte. Der Name der Dame stimmte, aber es war nicht die Gattin - üppige Frau mit vielen Komplexen versus schlanke Frau, die alles hat. Ein Anwalt, der in Gut und Böse verwickelt ist, ist auch in einem Geldüberfall eingebunden; German soll fahren, ein brutaler ex-Häftling macht mit und eine der Ursulas, die von Geld träumt. Polizistin Leonilda möchte in der Polizei einiges richtig machen, und fühlt sich nicht unterstützt. 

Ursula, die Üppige, wurde von ihrem Vater immer wegen ihres Gewichts gemaßregelt, in ein dunkles Zimmer eingesperrt, und taucht auch nach seinem Tod immer wieder in Zwiegesprächen auf. Während sie sich auf ihr Übergewicht reduziert sieht, sind andere von ihrer üppigen Schönheit fasziniert. Langsam entwickelt sich, daß sie durchaus kriminelles Potential hat.
Ihr gegenüber werden einige Männer geschildert. Allen voran German, dem eigentlich die ganze Zeit nur schlecht ist, und dessen Lahmarschigkeit mich beim Lesen kribbelig gemacht hat. Es gibt weiters einen brutalen Gangster der vor nichts zurückschreckt. Mehrdimensional ist ein bestens gekleideter, mit allen Parteien vernetzer Anwalt, den selbst sein imbrünstig gelebtes Christentum vom Einsatz von Waffen bei einem Überfall abhält.

Krokodilstränen heißt das Buch, weil sie niemandem weiterhelfen (werden).

Der Kriminalroman ist spannend geschrieben und hat in der zweiten Hälfte Drive. Die Personen sind gut vorstellbar geschildert. Das Ende bleibt offen.

Samstag, 19. November 2022

Khaled Hosseini : "Tausend strahlende Sonnen"

 

Khaled Hosseini :
"Tausend strahlende Sonnen"
original "A Thousand Splendid Suns"
2007, Riverhead New York
Aus dem Englischen von Michael Windgassen
2014, Fischer Verlag / Fischer TaschenBibliothek 3. Auflage 2018
560 Seiten + 2 Seiten Nachwort + 2 Seiten Danksagung + 12 Seiten Gespräch mit Khaled Hosseini
ISBN 978-3-596-52070-1

Mariam ist die uneheliche Tochter einer reichen Kaufmanns in Herat, die nach dem Tod ihrer Mutter, mit einem Schuster in Kabul verheiratet wird. Nach vielen Fehlgeburten ist die Ehe sehr unglücklich, in der Raschid seiner Frau die schuld für alles gibt, und zuschlägt.
In Kabul wächst Laila als jüngstes Kind und einzige Tochter nach zwei älteren Brüdern in einer Familie mit Universitätsprofessor heran, der an seine Tochter glaubt.
Mitte der 70-er Jahre sind in Afghanistan zumindest die Frauen der Reichen und gehobeneren Schichten halbwegs frei. Dann kommen die Russen, und Bürgerkriege der verschiedenen Stämme, bis die Taliban siegen und alle freier Denkenden entweder töten oder aus Landes zwingen. Lailas Eltern sterben kurz vor der Flucht bei einem Raketenangriff, Raschid nimmt das Mädchen auf - das schwanger von ihrem Uraltfreund Tariqu in die Ehe als Zweitfrau einwilligt.
Wie die beiden Frauen langsam aber stetig beginnen sich eine Art Freundschaft, und fast Geschwisterlichkeit aufbauen, vor allem als die Welt für Frauen rundherum immer kleiner und brutaler wird, liest sich faszinierend; Raschid bleibt immer der böse prügelnde Mann, der leider auch nicht einmal immer gut für seine Familie zu sorgen imstande ist. Als nach Jahren Tariqu aus dem benachbarten Pakistan zurückkommt, kommt es zum Eklat, den Mariam mit dem Leben bezahlt.
In  dem Buch gibt es Hoffnung da Laila, Tariqu und die Kinder wieder zurückkehren und Schulen für Mdächen möglich sind.

Ich habe durch dieses Buch sehr viel über Afghanistan und die verschiedenen Sprachen und Stämme gelernt. Dieses Buch zu lesen während in Afghanistan wieder die Frauen entrechtet sind, tut fast köperlich weh.
In einer Szene wird beschrieben, daß die ärztliche Versorgung für Frauen schlecht ist, weil sie nur für Frauen ist. 

Die Geschichte ist aus Sicht von Mariam und Leila beschrieben. Die Männer kommen mit ihren Sichtweisen nicht zu Wort (der Autor hat ein anderes Buch geschrieben, indem die Männer zu Wort kommen). Es wird sehr anschaulich beschrieben wie die Umstellung auf einen Dschador ist, wie welche Gerichte gekocht werden, wie das Leben der armen Menschen ist die viel improvisieren müssen.

Der Autor nimmt sich Zeit über die Schönheit der afghanischen, und auch später der pakistanischen Landschaft und Kultur zu schreiben. Die großen Buddhas, die später zerstört werden, bekommen einen besonderen Platz in dem Buch.

Der Titel ist eine Ode entnommen.

Die Ausgabe in eine entzückende kleine mit sonnengelben Cover, die gut in kleine Taschen paßt. Leider hat kein Glossar der afghanischen Ausdrücke Platz, was wenn man das Vokabular nicht kennt, sehr schade ist.

In Summe ein wunderbarer, intensiver (Frauen-)Roman, der sehr unter die Haut geht und berührt.

Donnerstag, 7. Juli 2022

Robert Whitaker : "Die Frau des Kartographen"

Robert Whitaker
„Die Frau des Kartographen und das Rätsel um die Form der Erde“
Original : „The Mapmaker's Wife. A True Tale of Love, Murder and Survival in the Amazon“
2004, Basic Books, New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Enrico Heinemann und Werner Roller
2005, Karl Blessing Verlag
327 Seiten (inkl. Abbildungen) – vordere und hintere Innenseite Karte des oberen Südamerika mit der Reise von Isabel Godin – 1 Seite Inhaltsverzeichnis – 4 Seiten Vorwort – 3 Seiten historische Persönlichkeiten – 18 Seiten Anmerkungen – 7 Seiten Bibliographie – 3 Seiten Danksagung – 4 Seiten Register
ISBN 3-89667-235-5

Der Autor vermengt zwei Erzählstränge : auf der einen Seite erzählt er vom Bestreben der Wissenschaftler zur Zeit der Aufklärung die Form der Erde zu bemessen, um herauszugekommen ob die Erde eine Kugel, eine Melone und wie abgeplattet die Pole der Erde sind. Frankreich und Spanien sind in den 30-ger Jahren des 18 Jahrhunderts verfeindet, Spanien läßt (fast) niemanden in das reiche Land Peru, die Wissenschaftler sind entweder für Newton oder Cassini, als eine Gruppe Wissenschaftler 1735 nach Südamerika zu Vermessung geschickt wird, und eine kleine Truppe nach Lappland, auch hier um Bogendirektionen nach zu triangulieren. Während Lappland einfach und kurz gehandhabt wird, dauert die Reise nach und in Südamerika fast ein Jahrzehnt.

Leiter der Expedition waren Charles-Marie de La Condamine, Pierre Bouguer und Louis Godin, unterstützt von weiteren Wissenschaftlern, Assistenten, und Dienern (denen nicht einmal ein Name zugestanden wurde / neben dem Ruhm gab es weitere Ungerechtigkeiten, denn nur den drei Leitern wurde die Rückreise nach Frankreich gezahlt, was ziemliche Probleme machte).
In Südamerika wurden ihnen zwei naturwissenschaftlich interessierte Offiziere zur Seite (und eigentlich zur Kontrolle) gestellt, die später selbst durch genaue Informationen bekannt wurden.

Die Forschungstruppe reiste oft in getrennten Gruppen, die einen über die Anden, die anderen im Flußbereich und sammelten Erfahrungen, verloren Gepäck, widmeten sich der Aufnahme von Flora und Fauna und sachlichen Betrachtungen, die frei von religiösem, politischen oder fantasiesüchtigen Ansätzen waren (im Gegensatz zu vielen Berichten davor. Sie beschrieben ebenfalls wie schlecht mit den Indios umgegangen wurde).
In den Städten galten wie in Frankreich und Spanien übertriebene Ehr-Regeln, die auch hier zu Problemen führten.

Der zweite Strang geht um Isabel Gramesón, verheiratet seit 1741 mit Jean Godin (Neffe von Louis Godin), die es als Frau durch den unwirtlichen Amazonas von Ecuador bis Französisch-Guyana schaffte um nach mehr als zwanzig Jahren endlich wieder ihren Ehemann zu treffen.

Während mich die Kapitel, in denen die Wissenschaft um die Vermessung der Welt (und persönliche Befindlichkeiten) diskutierte, der Einfluß von Politik und Religion, die Arroganz und Brutalität mit der Militär und Kirche in Südamerika vorging und damit viele Indio-Stämme auslöschte sehr faszinierte, hat mich die bellitristische Art wie über Isabel Gramesón und die Liebesgeschichte, sowie die Religiösität der Dame geschrieben wurde, abgestossen.

Die fünfzehn Kapitel sind mit alten Stichen, die Portraits und Landkarten zu diversen Zeitpunkten zeigen ergänzt. Einige zeigen auch die Meßinstrumente die über die Meere und durch die Berge geschleppt wurden. 

Der Autor ist Journalist / Wissenschaftsjournalist. Leider fand ich kein Geburtsdatum von ihm. 2001 erschien sein Buch "Mad in America", 2011 erschien "Anatomy of an Epidemic".