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Freitag, 19. Juni 2026

Gabrielle Filteau - Chiba : "Die Ungezähmten"

Gabrielle Filteau - Chiba :
"Die Ungezähmten"
Roman
Original "Sauvagine"
2019, Les Éditions XYZ, Montreal
Aus dem Französischen von Katrin Segerer
2025, DTV München
321 Seiten mit schwarzem Lesebändchen + 1 Seite Danksagung + 2 Seiten Anmerkungen + 1 Seite Biographie der Autorin und der Übersetzerin
ISBN 978-3-423-28515-5

Mit Illustrationen der Autorin

Die Wildhüterin Raphaelle (kurz Raph) Robichaud umsorgt mit ihrer Halbhund-HalbCojtote Hündin einen Teil eines Naturschutzgebietes ins Kamourska; sie wohnt in einem Wohnwagen, duscht sich mit kalten Wasser, und lebt einfach aber naturverbunden. Als ihre Hündin fast an einer der illegalen Fallen mittels Schlinge, die Wilderer aufgestellt haben, stirbt, und als sie entdeckt, daß einer dieser Wilderer sie durch eine Wildtierkamera in ihren sehr privaten Momenten filmt, und sie zusätzlich entdeckt, daß dieser Wilderer Teil einer mächtigen Familie ist, entwickelt sie gemeinsam mit einem guten alten Wildhüterfreund einen  Plan das gefährlichste Tier, nämlich den rücksichtlosen Menschen, in eine Falle zu locken.
Als ihr zuerst ein Tagebuch in die Hände fällt, und sie dann später die Autorin dieses Buches und  Waldmensch Anouk kennen lernt, bekommt sich emotionale Unterstützung bei ihrem archaischen Racheplan.

Das Buch ist in Ich-form aus Sicht von Raphaelle geschrieben, bis auf die Tagebuchseiten, die kursiv gedruckt sind und in denen Anouk erzählt. Intensiv, direkt, ohne Scham erzählt sie ihr Leben im Wald und wie einfach sie manche Probleme löst, sei es sich mit Moos den Popsch auszuwischen, oder sich einen Joint am Wochenende dreht, aber auch wie bewußt sich mit der Gefahr von Bären umgeht. Für sie sind nicht die Tiere das Problem im Wald, sondern Menschen, die sich der Natur bedienen und dabei rücksichtslos Tier verenden lassen (statt wenigstens einen raschen Tod herbeizuführen).
Ihr gegenüber ist Anouk die einsam lebend sehr offen geworden ist, und die sich einfach traut mit Raphaelle in eine Beziehung zu gleiten, und sie auf ihrem Rachefeldzug mit Rückzug zu begleiten.

Die Wälder, die Landschaften, der schöne Baum an der Staatengrenze, die Tiere sind wunderschön geschildert. Auch die Menschen sind - teilweise durch ihre Kosenamen - vorstellbar.

Mir waren nur die seitenlangen Erotikbeschreibungen etwas zu viel.

In Summe ein faszinierender, kraftvoller Roman. Viel Freude beim Lesen !

Gabrielle Filteau-Chiba lebt am Ufer des Kamouraska-Flusses. Sie studierte an der Universite Laval, und verließ im Alter von 25 Jahren ihre Heimatstadt Montreal und zog sich in die Wildnis von Québec zurück. Sie schreibt, übersetzt, illustriert und verteidigt die Wildnis Québecs. Zuletzt erschien ›Bis der Fluss taut‹ (2022). ›Die Ungezähmten‹ war sowohl in Québec als auch in Frankreich ein Bestseller und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Mittwoch, 3. November 2021

Laetitia Colombani : "Der Zopf"

Laetitia Colombani :
"Der Zopf"
Roman
original "La Tresse"
2017, Editions Grasset & Fasquelle Paris
Aus dem Französischen von Claudia Marquardt
2018, Fischer // 2020, Fischer Taschenbibliothek
273 Seiten + 1 Seite Danksagung + 1 Seite Zitatnachweise
ISBN 978-3-52266-8

Die Geschichte dreier unterschiedlicher Frauen auf drei Kontinenten werden wie ein Zopf geflochten.
Strähne eins : Smita, eine Dalit (Unberührbare), erhofft in Indien ihrer Tochter das niedrige verachtete Leben als menschliche Toilettereinigerin zu ersparen, und möchte, daß sie lesen und schreiben lernt. Die anderen Kasten versagen dem Mädchen dieses Ziel auf brutale Weise. Smita kämpft weiter und reist mit ihrer Tochter in eine andere Region Indiens, wo sie auf Hilfe hofft.
Strähne zwei : Giuli, die von ihrem Vater das Perückenmachen gelernt hat, muß feststellen, daß die Firma ihrer Väter auf Sizilien verloren ist. Ein Freund hilft ihr zu eine anderen Strategie zu Haaren für Perücken zu kommen.
Strähne drei : Sarah, erfolgreiche Anwältin in Montreal, geschieden, drei Kinder, ist kurz vor ihrem hart erarbeiteten beruflichen Erfolg, als Krebs entdeckt wird. Ihr Verstecken der Termine fliegt auf, in der Kanzlei wird ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Sie rafft sich auf.

Der Zopf ist hier Bindeglied der Struktur als auch ganz konkret als es um Haarverlust in einem Tempel in Indien, Perückenmacherfabrik auf Sizilien und eine Perücke durch Chemotherapie geht.

Interessant sind die drei Hauptfrauengestalten, die sehr unterschiedlich gezeichnet sind. Eine Liebesgeschichte ist nur in Sizilien eingeflochten. Die Ziele der drei Frauen sind am Ende gleichgeblieben.

Mir ging der frauenfeindliche Hintergrund bei den Dalits und in der Gesellschaft Indiens am meisten unter die Haut. Wie in bitterarmen Gegenden mit Frauen von Beginn an respektlosest und direkt ans Überleben gehend umgegangen wird, läßt beim Lesen schaudern. Die Toiletten der höheren Kasten zu reinigen ist notwendig, aber ungeachtet und wird selten durch etwas Essen entlohnt. Auch Rattenfänger sind wichtig, aber ungeachtet; die Ratte darf mitgenommen und gegessen werden.

In Summe ein dichter Roman mit drei Frauenfiguren, die nicht aufgeben, sondern weiterkämpfen. Viel Freude beim Lesen !

Lætitia Colombani wurde 1976 in Bordeaux geboren. Sie ist Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin. "La tresse" ist der erste von ihr veröffentlichte Roman. Auf franzöisch gibt es derzeit drei weitere Romane zu Lesen.

Mittwoch, 15. September 2010

Alice Munro : "Der Traum meiner Mutter"

Alice Munro : "Der Traum meiner Mutter"
unter "The Love of a Good Woman"
1998 bei A. Knopf, New York
aus dem Englischen von Heidi Zerning
2002, S. Fischer Verlag, Frankfurt
221 Seiten
7 Seiten Nachwort von Judith Hermann
ISBN 3-10-048817-2

* Der Traum meiner Mutter (62 Seiten)
* Die Kinder bleiben hier (44 Seiten)
* Stinkreich (50 Seiten)
* Vor dem Wandel (50 Seiten)

Das Buch enthält vier starke, dicht beschriebene Geschichten, in denen Frauen in ihrem Leben , in ihrer Entwicklung beschrieben werden.

Der 'Traum meiner Mutter' beschreibt wie eine junge Frau Jill, die Musikerin werden möchte, von einem Mann der im Krieg umkommt ein Kind auf die Welt bringt. Sie ist so überfordert, daß die Schwestern des Mannes einspringen. Erst als die jungen Mutter einen Tag alleine mit dem Baby ist, ist es möglich, daß die beiden miteinander eine Beziehung aufzubauen beginnen.

In die 'Kinder bleiben hier' erzählt eine junge Frau und doppelte Mutter Pauline, wie sie beim Schauspielen in eine Affäre gleitet, und ihr Mann am Schluß als Rache die Kinder behält. Schön sind hier die Beschreibungen des Strandes an dem die Familie mit ihren Schwiegereltern ist.
Das Stück das geschauspielert werden soll, ist die "Eurydike" von Jean Anouilh, in dem die junge Mutter die Eurydike spielt, und der spätere Geliebte der Regisseur ist.

In "stinkreich" geht es um drei Frauen und einen Mann. Die drei Frauen sind die Ehefrau, eine Lektorin und deren Tochter. Die Tochter Karin ist die bei der die Entwicklungen, die Versuchungen ans Lebens erzählt werden. Als sie sich spaßhalber das Hochzeitskleid der Ehefrau ausborgt, gerät sie in Kerzen und holt sich schlimme Hautverletzungen. Auf der letzen Seite ist die Zeile, daß sie ihre innere Kraft gefunden hat.

„Vor dem Wandel“ ist für mich fast gespenstisch, da die junge Frau die heimkehrt ins Haus ihres wortkargen Vaters fast keine Kommunikation findet. Erst als Erwachsene findet sie heraus, daß ihr Vater als Landarzt Besuch von Stadtfrauen zur heimlichen Abtreibung bekommt. Als er nach einem Schlaganfall stirbt, entdecken alle daß er nie Geld damit gemacht hat und es fast nichts zum Erben gibt. Parallel zur den vergeblichen Kommunikationsversuchen erzählt die junge Frau, daß sie in der Hauptstadt beim Studium einen Theologiestudenten kennengelernt hatte, dieser aber einen Schwangerschaftsabbruch gefordert hatte, der für sie nicht möglich war, weshalb das Kind jetzt Adoptiveltern hat.

Der Aufbau der Geschichten erscheint mir sehr ähnlich, denn mehr als drei Viertel der Geschichte verlaufen in einem ruhigen deskriptiven Strom, und dann plötzlich schlägt die Geschichte einen Hacken und man landet ganz woanders.
Im 'Traum meiner Mutter' hat es die junge Mutter geschafft als Musikerin in einem Orchester zu spielen; in 'die Kinder bleiben hier' ist klar, daß der Regisseur nur eine Affäre und ja nichts wichtiges war.
Im „Vor dem Wandel“ befreit der unerwartete Tod des Vaters die junge Frau von engen Erwartungen, auch wenn nicht klar ist, was sie damit tun möchte.

Mir gefällt sehr gut wie die ruhigen, beobachtenden (fast passiven) Menschen beschrieben sind. Trotzdem dreht sich die Geschichte um sie, und die Welt dreht sich um sie herum.
Beim Lesen der Geschichten habe ich mich gefragt wann diese Geschichten handeln – für mich haben sie eine Enge, die mich an den konservativen Filme aus den 60-Jahren erinnert. Für Frauen gab es einige Lebensperpektiven und wenige Ausdrucksmöglichkeiten.

Die Landschaften, die Häuser, deren Einrichtung, das Geschirr sind schön skizziert, das Gewand und die Szenerie sind wie eine aquarellierte Bleistiftzeichnung beschrieben.

Das Buch kann ich allen Lesern empfehlen, die sich gerne in eine andere - in dem Fall die der kanadischen Landschaft – Welt ziehen lassen und das Gefühl, daß die Zeit still gestanden sein könnte genießen wollen.