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Montag, 13. Januar 2020

Jonathan Safran Foer : "Extrem laut und unglaublich nah"

Jonathan Safran Foer :
"Extrem laut und unglaublich nah"
Roman
original "Extremly loud and incredibly close"
2005, Houghton Mifflin
Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens
2007, Fischer Verlag / Auflage November 2009
352 Seiten
ISBN 978-3-596-16922-1

Oskar Schell ist ein neugieriger, nicht einfacher Bub im Zentrum New Yorks, der damit fertig werden muß, daß sein Vater, der einzige Mensch der ihn beruhigen und gleichzeitig fordern kann, plötzlich nicht mehr da ist. Es entschlüsselt sich, daß Thomas Schell, der Vater, in den Zwillingstürmen zum Zeitpunkt der Flugzeugseinschläge war; er hat Nachrichten am Telephonantworter hinterlassen, die Oskar vor seiner Mutter versteckt. Er sucht ein verstecktes Zeichen seines Vaters, findet einen Schlüssel und das Wort Black, worauf er sich auf die alphabetische Suche nach den Blacks in New York macht. Ein älterer Mann begleitet ihn einige Monate lang. Im Haus gegenüber wohnt seine Großmutter, die Mutter seines Vaters, bei der später ein Mieter auftaucht. Dieser hilft Oskar und seiner Mutter mit dem Tod des Vaters/Ehemann fertig zu werden.
Parallel wird in das Leben von Oskars Großeltern in Dresden Ende des zweiten Weltkriegs erzählt. Oskars Großvater, der die Schwester von Oskars Großmutter liebte, die bei den Bombardierungen um Leben kam, und der durch die Geschehnisse die Sprache verlor. Er kommunizierte über Zeilen in Heften und seinen Händen und verschwand als sein Sohn auf die Welt kam. Die Großmutter, die in ihrer Liebe zweimal den Großvater Oskars in ihr Leben läßt.

Viele Abschnitte gingen mir beim Lesen unter die Haut. Die Stellen in denen die Sehnsucht des Buben nach der Ruhe des Vaters geschildert wird, wie er versucht den gefundenen Schlüssel als Rätsel zu begreifen (was schief geht) und die Beschreibungen der Brandbombenvernichtungen in Dresden.
Die Dialoge zwischen den Menschen, die manchmal sehr abgebrochen und assoziatitiv sind lesen sich beindruckend.

Es sind viele Photos in diesem Buch abgebildet, die in Beziehung zu dem Text stehen. Oskar findet für sich eine Lösung, die er in Photos umsetzt.

Auf der einen Seite ist die Figur des Oskar faszinierend wenn er "gugolplexviele" Erfinderideen hat, sachlich Probleme durchdenkt und mit seiner Begeisterung die wichtigsten Genies wegen Mitarbeit anschreibt. Auf der anderen Seite stelle ich mir das Leben mit ihm der Angst vor vielem hat, mit Tambourin (die "Blechtrommel" läßt grüßen ?) durch die Straßen geht nicht einfach vor.
Leider bekommt seine Mutter, die mit dem Tod des Ehemanns fertig werden muß, weniger Mitgefühl des Autors. Dafür der Großvater, der der großen Liebe nachtrauert, mit der Schwester der Liebe lebt und sich vor der Verantwortung für seinen Sohn entzieht, umso mehr.

Der Titel "Extrem laut und unglaublich nah" bezieht sich im Gegensatz zu meinen Erwartungen, daß es etwas mit den Flugzeugeinschlägen zu tun hat, auf das Erlebnis eines älteren Herrn Black, als dieser erstmals mittels Hörgeräten einen Schwarm Vögel als laut laut und nahe erlebt.

Dieses Buch ist mir bereits 2009 geschenkt worden, allerdings war offenbar erst jetzt der richtige Zeitpunkt um die Welt des kleinen Oskar Schell einzutauchen.

In Summe ein starkes Buch für das ich länger gebraucht habe, und sehr unter die Haut geht. Ich wünsche gutes intensives Lesevergnügen !

Jonathan Safran Foer wurde am 21. Februar 1977 in Washington, DC geboren. Er war zuerst Ghostwriter und Rezeptionist, bevor er beschloß Schrifsteller zu sein.
2002 erschien Foers Debütroman 'Everything Is Illuminated' ( dt "Alles ist erleuchtet 2003). 'Extremely Loud & Incredibly Close' ist sein zweiter Roman. 2009 erschien sein erstes Sachbuch 'Eating Animals' (dt. Tiere essen).

Dienstag, 20. August 2013

Gidon Kremer : "Briefe an eine junge Pianistin"

Gidon Kremer :
"Briefe an eine junge Pianistin"
2013, Braumüller GmbH Verlag, Wien
110 Seiten für 3 Erzählungen
2 Seiten Danksagung
ISBN 978-3-99200-089-0

"Briefe an eine junge Pianistin" . 2012, L'Arche Editeur, aus dem Russischen von Rosemarie Tietze
"Albtraumsymphonie"; aus dem Russischen von Rosemarie Tietze
"Dekalog eines Interpreten"; aus dem Russischen von Claudia Zecher
Zeichnungen im Buch von Sandro Kancheli; Zeichnung vorne von Gidon Kremer

In zehn "Briefen" schreibt der hochintelligente hochberühmte Violinist Gidon Kremer zwischen Mai 2010 und August 2012 an eine - möglicherweise echte, möglicherweise fiktive - junge Pianistin. Der über 60-jährige Ausnahmemusiker reflektiert über die Klassikbranche, seine Chancen und Gefahren und macht die junge Musikerin auf Zusammenhänge und Gefahren aufmerksam.

Sein großes Ziel ist es der Musik zu dienen, die Musik erlebbar zu machen und nie die Vision zu verlieren. Er schreibt über die wechselseitigen Wichtigkeiten von berühmtem Musiker zu wichtigen Musikfestivals - wer ist für wen wichtig ?

Berührend sind die Stellen in denen er beschreibt, daß er sich für Uraufführungen lebender Komponisten eingesetzt hat - und bisweilen in der Uraufführung erst die Schwächen des Werkes erkannte. Andererseits hat er sich getreu seines Lehrers/Mentors David Oistrach nicht nehmen lassen sich für u.U. spröde Kompositionen von Gubaidulina, Schnittke, Sylvestrow etc. einzusetzen.

Es ging mir unter die Haut als er über das Phänomen 'Zeit' in der Musik schrieb - anhand des 2. Violinkonzerts von Sofia Gubaidulina beschrieb er wie Dirigent/Orchester die Nuance bei diesem Werk mitgehen können oder auch nicht. In den Noten stehen diese Feinheiten nicht, aber stehen zwischen den Registern.

Herr Kremer warnt davor sich einnehmen und vermarkten zu lassen. Er fragt berechtigt, was ein Parfum mit der Virtuosität oder Interpretationskraft eines/r Künstlers/in zu tun hat. Er warnt vor den Gefahren des Kommerzes, zulasten der eigenen inneren künstlerischen Stimme. Er sieht die Gefahren daß das Bedürfnis berühmt zu sein, und auch diese Seite des Lebens zusehen und gelebt zu werden wichtiger als der künstlerische Auftrag sein kann.
Er warnt davor nur eine Kopie eines - wenn auch genialen - Vorbildes zu sein.

Manches ist auch kritisch zu hinterfragen. Wenn Herr Kremer das Autogramm-un-wesen verurteilt habe ich die kostbaren Erinnerungen meiner Autogrammzeit vor mir als mir der gebrechliche, zarte und intensive Yehudi Menuhin oder genauso intensive Jeffrey Tate in die Augen/Seele blickten, oder als eine kleine Gruppe nach einer Aufführung der 14. Schostakowitsch mit Hildegard Behrens und Thomas Quasthoff über Schostakowitsch (auch über 'Lady Macbeth von Mzensk') diskutieren durfte.

In "Albtraumsymphonie" beschreibt Herr Kremer ein Orchester, bei dem die Musiker die am falschesten, unrhythmischsten, wenigsten im Takt spielen etc. die Schlüsselpositionen im Orchester erhalten. Das Publikum akklamiert mit Vergnügen und freut sich nicht mehr genaues hören zu müssen. Es ist ein Albtraum - Glück gehabt :-)

Im "Dekalog eines Interpreten" sind nochmals die Ideen, Visionen, Anregungen und auch Warnungen aus den Briefen zusammengefaßt.

In Summe ein faszinierendes Buch, bei dem ich immer wieder nach Absätzen das Buch zugeklappt und nachgedacht habe. Daß ich dieses Buch mindestens noch einmal lesen und durchdenken werde, ist mir klar. Ich wünsche allen musikbegeisterten Menschen viel Freude beim Lesen der Meinungen & Gedanken & Anregungen dieses Musikers.

Gidon Markowitsch Kremer wurde am 27. Februar 1947 in Riga / Lettland geboren. 1965 ging er an Moskauer Konservatorium - als Schüler von David Oistrach. 1978 reiste er nicht mehr in die UdSSR zurück. 1981 gründete er das Kammermusikfestival in Lockenhaus / Burgenland / Österreich. Viele zeitgenössische Komponisten haben ihm Werke gewidmet.