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Donnerstag, 10. April 2025

Alaa al-Aswani : "Der Jakubijan-Bau"

Alaa al-Aswani :
"Der Jakubijan-Bau"
original "Imârat Ya'qûbyân!
2002, published by arrangement with the American University in Cairo Press
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
(2007), 4. Auflage 2011, Lenos Pocket 123, Basel
354 Seiten + 2 Seiten 'Die wichtigsten Personen' + 7 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-85787-723-0

Der "Jakubijan-Bau" in der Suleiman Pascha Straße hat schöne Wohnungen, schöne Geschäfte und je höher es geht umso einfachere Behausungen, vor allem auf dem Dach. In diesem Roman erzählt der Autor das Leben einiger wie ihnen das Leben spielt oder auch wie sie mit dem Leben anderer spielen.
Taha lernt und will auf die Polizeischule, was ihm trotz seiner Noten nur wegen seiner Abstammung zu einem Torhüter verwehrt wird. Ihm wird mitgeteilt daß er studieren darf, lernt dort sehr gläubige Menschen kennen und folgt einem manipulativen Scheich. Sein Aufenthalt im Gefängnis bringt ihn weiter auf die aggressive Bahn, die schlecht für ihn ausgeht.
Buthina ist seine ehemalige Freundin. Als intelligente Frau ohne Vater kann sie nicht weiterstudieren, muß arbeiten gehen und lernen wie man als hübsche Frau mit lästigen Männern umgeht. Durch eine List wird sie Assistentin von Saki, einem nicht mehr ganz jungen Bonvivant mit Faible für schöne Frauen. Sie hilft ihm und die Geschichte geht gut für sie aus.
Hatim ist ein gescheiter, belesener aber einsamer und homosexueller Chefredakteur. Seine Verbindung zu einem jungen attraktiven verheirateten Soldaten wird für den jungen Mann immer problematischer. Hatim hilft ihm weiter, die Beziehung hat keine Chancen.
Hagg ist ein Unternehmer mit vielen Beziehungen und dem Wunsch auch politisch aufzusteigen. Er findet immer die richtigen Leute die ihm die richtigen Ratschläge geben - sei es für die Politik als auch für sein Privatleben. Er heiratet heimlich die junge schöne Suad, wobei sie nur als seine geliebte gilt und kein Kind von ihm haben darf. Als doch ein Kind entsteht weiß ein machtbewußter Scheich wie man auch dieses Problem - dem Koran zum Trotz - erledigt.
Als Nebenfiguren gibt es den Diener von Saki, der geschäftstüchtig ist und mit seinem Bruder weiß wie man gut mit Nebengeschäften und Brutalität durchkommt.

Die Menschen sind teilweise gut gezeichnet, manchmal auch etwas plakativ. Die Lebensgeschichten der einzelnen Menschen ist intensiv geschrieben, die einen in ihrer durch Ungerechtigkeit angestachelten religiöser Überzeugung, andere die durch Anpassung versuchen etwas besser zu leben.

Die beiden Scheichs werden skrupellos geschildert, der eine für die religiöse Sache, der andere zum Nutzen der Reichen und Schaden der Armen.

Unter die Haut ging mir das Schicksal von Suad, die als zweite Frau vollkommen rechtlos ist, mit deren Bruder ein Vertrag über sie gemacht wurde, die ihren eigenen Sohn aus der Ehe davor nicht sehen darf, aber einem ältlichen Mann die reizvolle Frau spielt; sie paßt sich auch an als der Scheich kommt. Wie dann die Rache der Mächtigen über sie kommt fand ich schaurig.

Die Beschreibungen von Gewalt sind deftig, genauso von Sexualität. Der Roman ist kraftvoll wie er zwischen von den Schicksalen der Menschen erzählt, auch wenn er den Tod des kleines Kind des Freundes von Hatim beschreibt, oder die noch stärkere Verzweiflung Hatims auf der Suche nach Liebe und Beziehung als andere Figuren in dem Roman.

Mit den Orten der Handlungen konnte ich wenig anfangen, mir sind die Menschen nahe gegangen.

In Summe ein starker Roman, bei dem ich manchmal auch mit weniger Brutalität verstanden hätte, was der Autor bezweckt.

ʿAla' al-Aswani (vom Verlag verwendete Transkription Alaa al-Aswani) wurde am 26. Mai 1957 in Kairo geboren. Er war in Kairo im Lycee und studierte später Zahnmedizin in Kairo und Paris, mit späterer Weiterbildung in USA. Er ist Wortführer für die demokratische Opposition in Ägypten, war wichtig bei dem Sturz Mubaraks 2011. 2002 veröffentlichte er den Roman ʿImarat Yaʿqubian' (Der Jakubijan-Bau), 2006 schrieb er den Roman (ar.: 'riwayah') 'Shikaju', 2021 erschien sein Roman 'Die Republik der Träumer' über den Arabischen Frühling in Kairo. Er lebt seit 2019 zwischen Paris und New York im selbstgewählten Exil.

Mittwoch, 31. Juli 2024

Max Aub : "Die Stunde des Verrats"

Max Aub
"Die Stunde des Verrats" - Das Magische Labyrinth IV
Roman
original "Campo del Moro"
1963
Aus dem Spanischen von Albrecht Buschmann und Stefanie Gerhold
Herausgegeben und kommentiert von Mercedes Figueras
2001/2003, Piper Verlag GmbH München
300 Seiten + 1 Seite Inhaltsverzeichnis + 43 Seiten Anhang Anmerkungen von Mercedes Figueras + 5 Seiten Nachwort
ISBN 3-492-21791-0

Auf sieben Kapiteln von 5. bis 13. März 1939 wird in einem Gemisch aus Geschichte und deren realen Personen und manchen fiktiven Menschen wie Politiker verschiedener Parteien und Gruppen versuchen die Menschen in Spanien, hier konzentriert eher Madrid, gegen die Truppen Francos zu schützen bzw die Übergabe für die Menschen erträglich zu machen.
Dieser Roman konzentriert sich auf die Menschen die vor Ort leben und Politiker der sozialistischen und kommunistischen Parteien. Die Seite Francos wird nicht erzählt - es ist nur klar, daß es kein Erbarmen bei der Übernahme der Städte für die  Bevölkerung und Gegner geben wird.

Die 43 Seiten mit Anmerkungen zu den Figuren sind für mich essentiell gewesen, da es hier genaue Informationen über echte und fiktive Personen gibt, was bei den vielen unterschiedlichen Charakteren wichtig ist.

Am Anfang des Buches gibt es manchmal noch Hoffnung, einzelne Menschen kämpfen für ihre Ideale und Spanien. Hunger wird auch beschrieben : eine Brotkante wird zum Luxusessen.
Am Schluß gibt es nur Flucht, Hektik, zerbrochene Hoffnungen und Werte.

Spannend ist die gescheiterte Politik, in der sich die sozialistische Partei und kommunistische Partei auch nicht einmal zugunsten der Menschen auf gemeinsames Handeln zusammen finden, und selbst fliehen.

Mehr geht mir das Schicksal einzelner (fiktiver) Personen unter die Haut, die sich in die Esoterik oder Liebe retten, wobei die Liebe meist schlecht ausgeht. Es bleibt viel Traurigkeit, Zerstörung und tote Menschen übrig.

Der Roman ist intensiv geschrieben und ließ mich nicht kalt, auch wenn ich das Buch mindestens nocheinmal lesen muß in der Hoffnung die Handlungsstränge besser zu verstehen.

Max Aub, auch Max Aub Mohrenwitz, wurde am 2. Juni 1903 in Paris geboren und war ein spanischer Schriftsteller französischer Herkunft mit deutschen Vorfahren. Er schrieb spanisch, und organisierte Theater in Spanien. Juli 1936 wurde Honorarkonsul im Frankreich und erteilte den Auftrag zu "Guernica" an Pablo Picasso. 1940 wurde er in Spanien denunziert, verhaftet und konnte 1942 nach Mexico ausreisen. Lange wurde ihm ein Besuch in Spanien verwehr, erst 1969 durfte er wieder kurz zu Besuch kommen. Er starb am 22. Juli 1972 in Mexiko Stadt.
'Das magische Labyrinth
' („El laberinto mágico“) schrieb er zwischen 1943 und 1968, und besteht aus sechs Bänden zum spanischen Bürgerkrieg.

Mittwoch, 19. Februar 2020

Catherine Simon : "Bitterer Calvados"

Catherine Simon :
"Bitterer Calvados" - der dritte Fall für Kommissar Leblanc
2017, Goldmann Verlag
250 Seiten + erste Innenseite mit Karte der Haute- und Basse-Normandie
ISBN 978-3-442-48540-6

Kommissar Leblanc muß diesmal am Strand der Normandie bei einem Krimi-festival recherchieren. Der gut aussehende, charismatische Bestsellerautor PPP (für Jean-Paul Picard) wurde mit Calvados vergiftet. Bei Recherchen findet Leblanc heraus, daß PPP ehrgeizig, unbeliebt und launisch war; Frauen war nur Selbstbestätigung, oder er setzte sie anders ein, was seinem großen Damenpublikum verborgen bleibt. Leblanc recherchiert bei PPPs Verleger und erfährt, daß PPP aufhören wollte. Am Schluß zerbricht das Image des genialen Schriftstellers mit Kriminalgeschichten im Wirtschafts- und Finanzbereich, und der Mord ist gelöst.

Einige grandiose Spezialitäten aus der Patisserie werden geschildert. Ich hatte fast einen Zuckerschock beim Lesen. Die anderen Spezialitäten sind auch grandios.

Leblanc reißt es zwischen drei Frauen hin- und her. Er spürt den Zauber einer deutlich jüngeren Frau, die Vertrautheit mit einer alten Freundin die seine Stärken und Schwächen gut kennt, und eine alte Bekannte bei der auch vieles eingespielt ist.

Die Menschen in diesem Roman sind gut vorstellbar beschrieben : der erfolgreiche Schriftsteller Jean-Paul kalt ohne Empathie für menschliche Schwächen, sein Konkurrent Marc der zwar weniger Erfolg hat aber menschlicher agiert, Verleger Dofour der manches nur marktbezogen sieht sich aber einen Rest an menschlichem Respekt behalten hat, Camille die eine gescheite Frau im Hintergrund ist die leider falsch eingesetzt wurde und Claude ein pensionierter Psychologe der hilft die Egoismen der Menschen zu erklären.
Die Krimiverlagsszene ist mit dem Wettbewerb, der Beobachtung der Regionalkrimis, und dem Wunsch einen seriösen Bestseller zu landen schön beschrieben. Dem Betrug mit ghostwriting und damit den ehrlichen Erfolg zu verhindern ist immer noch Tür und Tor geöffnet.

Der Roman ist gut und spannend geschrieben und hat mich gut unterhalten. Mitraten nach dem Mörder ist diesmal nicht möglich. Trotzdem viel Spaß beim Lesen.

Catherine Simon ist das Pseudonym für Sabine Grimkowski. Die Redakteurin ist seit 1999 beim Südwestrundfunk in der Redaktion Literatur tätig und hat Sachbücher und Romane zu Fernsehserien geschrieben. Sie liebt die Normandie (und Marcel Proust) seit Jahren und verbringt dort Teile des Jahres - wenn sie nicht in Baden-Baden lebt. 

Mittwoch, 13. Februar 2019

Sara Paretsky : "Kritische Masse"

Sara Paretsky :
"Kritische Masse"
original "Critical Mass"
2013,
übersetzt von Else Laudan und B. Szelinski
herausgegeben von Else Laudan
2018, Argument Verlag mit Ariadne
Lesebändchen
526 Seiten + 4 Seiten der Autorin
ISBN 978-3-86754-236-4

In diesem spannenden Kriminalroman wird sprunghaft die Gegenwart Chicagos mit Umland, mit Forschung einer genialen aber jüdischen Frau in Wien, Flucht ihrer Familie, und dann Machtgebahren in den 50-Jahren großartig gemischt.
Chronologisch geht es um Martina Saginor, und eine geniale Erfindung in Wien. Sie hatte allerdings im Gegensatz zu den Männern im und nach dem zweiten Weltkrieg in den USA keine Chance. Ihr ebenfalls begabter Urenkel begibt sich auf die Suche, Detektiv Warshawski soll seine drogensüchtige Mutter finden, ein mächtiger Wirtschaftsmann schickt seine starken Männer aus, es gibt einige mehr oder minder brutale Scharmützel und am Schluß Klarheiten.

Das Buch wird meist aus der Sicht von V(ictoria) I(phigenia) Warshawski in Ich-form erzählt. Die 'Action' ist vergnüglich, der ältere Nachbar sehr nett, der Cello spielende Freund auf Tournee, während sie im Dreck wühlt, Bibliotheken besucht, die Tochter des Wirtschaftsmannes informiert, einer Forscherfamilie auf die Zehen steigt und ihrer guten Freundin, einer Ärztin, Informationen beschafft. Besuche von Polizei, Security und Übergriffe des Heimatschutzes machen ungutes Kribbeln, wobei wenigstens bei der Polizei paar 'Gute' dabei sind.
Einige Kapitel beschreiben das Leben von Frau Sanginor - wenn sie als Kind zum ersten Mal die Farben durch Lichtbrechung sieht, wie sie sich später zurückhält und eisern beherrscht um nicht anzuecken, bis zum für sie großen Glück in die Sterne (auch nur Licht) sehen zu können.

Spannend sind die zwei Hintergründe in diesem Buch:
Auf der menschlichen Seite ist dies eine jüdische Wissenschaftlerin in Wien - Frau Marietta Blau - , die immer schlecht bezahlt ihre Neugier zur Forschung weitertrieb, deren fundamentale Erkenntnis in der Physik aber nie zu ihren Lebzeiten anerkannt wurde. Sie hat die Autorin zu Figur der Frau Saginor inspiriert.
Institutionell ist es die Forschung nach der Atombombe die offenbar in vielen Ländern gleichzeitig lief, in der die USA die männlichen Wissenschaftler versammelte egal welcher Geisteshaltung, um den wissenschaftlichen Erfolg zu erringen.
Es wird in dem Buch einiges an wissenschaftlichem Wissen für die Atombombe, und später Energie zusammengetragen.

Es wimmelt zwar von Namen und Familiengenerationen, aber ich tat mir nicht einmal schwer damit zu merken wer zu wem wie und warum gehört.
Die Menschenbeschreibungen haben mir sehr gut gefallen: es ist das Querbeet aus allen Generationen, mit Temperamenten von pragmatisch-sachlich bis emotional-ausfallen, vielen hochgehaltenen Werten bis komplettem Wertezusammenbruch.

Ich habe das Buch sehr genossen, da es spannend, emotional und voll mit Wissen ist. Viel Freude beim Lesen !



Freitag, 30. November 2018

René Goscinny & Albert Uderzo : "Kööch uman Asterix" - Asterix redt Wienerisch 4

"Kööch uman Asterix"
Gschichtl : René Goscinny
Büdln : Albert Uderzo
original "La Zazanie " / "Streit um Asterix" (15. Band)
1970/2018
aus dem Französischen übersetzt von Gudrun Penndorf M.A.
Iwadrogn von Ernst Molden
2018, Egmont Berlin
44 Seiten
ISBN 978-3-7704-4014-6

Der 'Streit um Asterix' hat es ins Wienerische geschafft. Liebevoll hat Ernst Molden bei der vierten Geschichte um das gallische "Deafö"/Uatschaft" - diesmal um den intriganten Destructivus - die Dialoge ins Wienerische übertragen.

Bei einigen Übersetzungen mußte ich lauthals lachen : cave canem mit "hier wacht der Waldi" zu Lesen macht Spaß, auch so manche andere wienerische Formulierung.

Viel Spaß und Auflachen beim Lesen !

Bio von René Goscinny bei "Lucky Luke, Bd.53, Die Erbschaft von Rantanplan".
Albert Alessandro Uderzo wurde am 25. April 1927 bei Reims (F) geboren. Er zeichnete bereits als Kleinkind. Ab 1948 erschien der erste Comic gemeinsam mit Jean-Michel charlier.  Ab 1951 arbeitete er mit René Goscinny zusammen.
Ernst Molden wurde 1967 in Wien geboren. Er ist Liedermacher und Schriftsteller.

Donnerstag, 22. November 2018

Burkhard Rüth : "Schatten über Bozen"

Burkhard Rüth :
"Schatten über Bozen"
Kriminalroman
2015, emons Verlag
404 Seiten
ISBN 978-3-95451-577-6

Dieser Krimi ist der vierte Band um Kommissario Vincenzo Bellini. Während er und seine Leute den ausgebrochenen Verbrecher Klaus Mantinger suchen, der die Beziehung zwischen Vincenzo und seiner Freundin Giulia aus Mailand zum Zerbrechen gebracht hatte, werden zwei ziemlich bestialisch hergerichtete Frauenleichen gefunden. Ein Journalist gräbt die Geschichte des Guido Zingerle aus, der in den 50-er Jahren Frauen im Wald und den Bergen bestialisch ermordete, und initiiert damit Panik unter der Bevölkerung, die zu zusammenrotten gegen einen geistig Zurückgebliebenen mündet. Da die ermordeten Frauen als Krankenschwestern gearbeitet hatte, werden im Krankenhaus die Chirurgen Brunner und von Adelsburg, die tiefe Feindschaft verbindet, vernommen. Eine dritte Krankenschwester verschwindet. Die Lösung für die Morde ist ziemlich überraschend.

Die Menschen sind durchaus eindrucksvoll geschildert. Vincenco Bellini als attraktiver Kommissario, der lernt zu kämpfen (leider nicht um seine langjährige Freundin); die starke Pathologin die sich in Arbeit vergräbt, und zwei verläßliche Mitarbeiter die Mandelgebäck lieben. An Menschen im Roman sind die Familie von Adelsburg die zwar adelig aber nicht hochnäsig ist, und medizinische Herz-Produkte vertreibt; deren liebenswürdiger höflicher attraktiver Schwiegersohn Florian, der ein genialer Herz-Chirurg ist, sich anscheinend gut an das Adelsbenehmen anpaßt, aber daran innerlich zerbricht - hier kann ihm nicht die intensive Liebe zwischen ihm und seiner Frau helfen; dessen Mentor und Chef Brunner den die Einsamkeit auffrißt; drei Krankenschwestern mit unterschiedlichem Aussehen und Temperament und eine attraktive aber anlassige Ärztin beschrieben; drei Schwestern aus dem Spital die charakterlich unterschiedlich sind; natürlich auch der ausgebrochene Klaus Mantinger der die Polizei narrt, und exzellent in den Bergen unterwegs ist.

Die teilweise mit Haß geführten Gespräche der beiden Ärzte scheinen mir aus dem Leben gegriffen zu sein, so greifbar war die gegenseitige Verachtung und Wunsch dem anderen etwas zu Fleiß zu machen. Hier kriegen es leider die Patienten ab, was gruselig ist. Der medizinische Hintergrund ist großteils gut nachvollziehbar beschrieben. Allerdings ist die Szenerie rund um den illegalen Zugang zu Organen zwecks Transplantation Alptraum erzeugend.

Im Hintergrund wird die Einsamkeit von zwei adoptierten Kindern aufgerollt. Das eine Kind hat direkt mit Zingerle zu tun, das andere gerät in dessen Alptraum - beide sind ausgegrenzt, wobei wenigstens einer eine liebevolle Familie gefunden hat.

Die Geschichte wird etwas sprunghaft geschrieben. Sie beginnt mit Kapiteln in den 40-er Jahren, später dann einem einsamen aber ehrgeizigen Knaben, und teilt sich auch später auf die unterschiedlichen Romangestalten wie den Commissar, seine Freundin giulia, Herrn von Adelsburg, den Arzt Florian von Adelsburg, einige Schwestern im Spital, und auch den klettergewandten Ausbrecher Mantinger auf.

Beängstigend ist beschrieben wie sich Menschen diesmal mit Hilfe der sozialen Netzwerke einseitig informieren, und gemeinsam eine Angst schüren die zum Angriff und Körperverletzung auf Unschuldige führt.

Ort der Handlung sind die Orte und Berge um Bozen.

Der Roman ist gut lesbar, es macht Spaß und ist spannend den Figuren und ihren  Gedanken und Handlungen zu folgen. Das Ende ist etwas kurz geraten, hier hätte ich gerne mehr gelesen. In Summe aber ein empfehlenswerter Kriminalroman im Medizinerbereich. Viel Spaß beim Lesen !

Burkhard Rüth wurde 1965 in Westfahlen geboren und ist hauptberuflich Unternehmensberater. 2011 erschien sein erster Krimi mit Kommissario Vincenzo Bellini "Das Monster von Bozen".

Freitag, 31. August 2018

Andrea Camilleri : "Jagd nach einem Schatten"

Andrea Camilleri :
"Jagd nach einem Schatten"
Roman
original "Inseguendo un'ombra"
2014, Sellerio editore, Palermo
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
2018, Nagel & Kimche
195 Seiten
ISBN : 978-3-312-01086-8

Diese Jagd nach einem Schatten gilt einem Mann im 15 Jahrhundert. Geboren als Jude - vermutlich unter dem Namen Samuel Ben Nissim Abul Farag - merkt er die Nachteile als Juden in Sizilien, konvertiert - und nimmt den Namen Guglielmo Raimondo an-, wird mit Hetzpredigten gegen Juden und grandioser Rhetorik zu einem der Stars im Vatikan. Nach einer 'Verfehlung' - es wird Mord vermutet - flieht er zuerst nach Deutschland, und dann zurück diesmal in die Toskana, wo er unter dem Namen Flavio Mitridate, Übersetzer für Pico della Mirandola wird. Nachdem die Verfehlung nach Jahren wieder verfolgt wird, geht sein weiteres Schicksal unter - Camilleri hat einige Endvorschläge.

Camilleri geht hier auf Spuren anderer Schriftsteller und Historiker wie Leonardo Sciascia, und schreibt drei Kapitel in denen zuerst romanhaft wie gescheit, sprachengenial aber unangenehm und launenhaft der Mensch Samuel/Guglielmo/Flavio gewesen sein könnte / dürfte. In anderem Font arbeitet Camilleri die Unterschiede zwischen seiner Romanfigur und dem, was als es als Belegen gibt, auf.

Ob diese Menschen mit unterschiedlichem Namen wirklich ein Mensch sind, ist nicht geklärt. Geklärt ist die Homosexualität von Flavio, sowie eine Amoure die ihm vielleicht wichtig gewesen sein dürfte. Camilleri macht eine Liebesgeschichte daraus. Daß Flavio einen Liebensjungen vertraglich gesichert hat und diesen wiederholt einfordert, gilt als gesichert.

Die Menschen und Beziehungen im Vatikan zeichnen ein machtgieriges Beziehungsgerüst, in dem erotische Leidenschaften und Cliquen Jahrzehnte vor Luther und Papst Alexander VI den Kirchstaat diktieren.

Samuel/Guglielmo/Flavio ist das Zentrum des Romans. Ihm werden Gefühle, Gedanken und Handlungen im Roman angedichtet; seine Verwandlungen, sein Ehrgeiz und Geldgier sind die Angelpunkte seines Handelns. Einzig sympathisch wirkt seine Vorliebe für wunderbare Bücher.

Die Geschichte ist spannend erzählt, auch wenn etwas zu viele Fachvokabel wie Neophyt (bekehrter Jude), Sbirren (quasi Geheimpolizei in Rom/Vatikan) und v.a. lateinische Sätze aus dem Kirchenbereich, die ich mit den Resten meines Schullateins irgendwie sinnhaft übersetzen konnte. Sinngemäß wird oft im darauf folgenden Satz darauf hingewiesen und einigermaßen erklärt.

Das Buch ist für Menschen die sich gerne in die Renaissance einlesen vermutlich große Freude. Mich hat die Spannung und Ambivalenz zwischen Fantasie und Recherche fasziniert. Viel Freude beim Lesen !

Andrea Camilleri wurde am 6. September 1925 in Porto Empedocle auf Sizielien geboren. Er ist Drehbuchautor, Regisseur und ermutlich am bekanntesten als Schriftsteller. 1978 erschien sein erster Roman, 1994 sein erster Kriminalroman mit Commissario Montalbano (1999 auf Deutsch).

Donnerstag, 26. Juli 2018

Aldo Cazzullo : "Bitter im Abgang"

Aldo Cazzullo :
"Bitter im Abgang"
Kriminalroman
original "La mia anima é ovunque tu sia. Un delitto. Un tesoro. Una guerra. Un amore"
2011, Mondadori Mailand
Aus dem Italienischen von Petra Kaiser
2014, C.H.Beck München
142 Seiten + 2 Seiten Anmerkungen des Autors
ISBN 978-3-406-66038-2

Der lange Originaltitel "La mia anima è ovunque tu sia. Un delitto. Un tesoro. Una guerra. Un amore." heißt übersetzt "Meine Seele ist wo auch immer du bist. Ein Verbrechen. Ein Schatz. Ein Krieg. Eine Liebe" und erzählt damit die Geschichte bereits.

Angesiedelt ist die Geschichte im Piemont. Es werden einige wenige Tage im Jahr 1945, 1963 und 2011 erzählt. 1945 geht es um die schöne Victoria die von zwei Männern geliebt wird, aber von als Partisanenspionin von Regimetreuen grauslich ermordet, 1965 hat sich das Land erholt aber die Frage nach einem Schatz wird immer noch gestellt, 2011 gibt es einen Mord bei dem der Kommissar bei zwei unterschiedlichen Weingütern versucht zu ermitteln.
Die Kapitel springen zwischen den Zeiten und den handelnden Personen. Im Krieg und später ist ein intriganter Priester wichtig, der einem der heimischen Weinproduzenten mit Geld und Verbindungen behilflich ist; für ihn ist das der Aufbau nach dem Krieg.

Die Geschichte wird eigentümlich spannend erzählt. Der Mord gerät fast in den Hintergrund, weil die alten menschlichen und ethischen Rivalitäten noch immer vorherrschen.

Ein mühsame Sexszene wird beschrieben.

Die Charaktäre der Geschichte sind faszinierend. Es sind meist sture, knorrig wirkende, mittlerweile alte Männer die durch die Kriegs-Partisanen-schlachten gelernt haben zu überleben. Es gibt eigentlich nur zwei Seiten - die Katholiken oder die Kommunisten. Die Feindschaften halten über Jahrzehnte.
Als Alternative gibt es einen eher schleimigen machtbewußten Weinmenschen, der durch die Machenschaften des Priesters um den Schatz reich geworden ist.

Der Roman ist in seiner dichten Art beeindruckend. Die Schilderungen gehen unter die Haut. Viel Freude beim Lesen.

Aldo Cazzullo wurde am 17. September 1966 in Alba geboren. Er ist Journalist und Schriftsteller. Die meisten seiner Bücher sind Sachbücher; "Bitter im Abgang" ist der erste Kriminalroman.

Freitag, 23. Februar 2018

Silke Ziegler : "Im Angesicht der Wahrheit"

Silke Ziegler :
"Im Angesicht der Wahrheit" - Rückkehr ins Roussillon
2017, Grafit Verlag Dortmund
499 Seiten
ISBN 978-3-89425-491-9

In diesem Gemisch aus drei-Viertel-Krimi und ein-Viertel-Liebesroman verschlägt es Estelle nach langen Jahren in Heidelberg wieder in ihre Heimatstadt Argelès-sur-mer zurück. Dort möchte sie sich für ein Verbrechen kurz bevor zu wegzog rächen, aber jemand kommt ihr zuvor. Während Estelle die fühlbar erotische Nähe zu Nachbar Tom und die Fragen des Sohnes Noah bereits zu viel werden, kommt neben der Polizei noch die Geschichte ihrer verstorbenen Großmutter mit Liebe und Bösem dazu. Am Schluß siegt noch eine Art Gerechtigkeit, und die Paare finden zueinander.

Die Personen sind durchaus vielfältig geschildert, wobei es spannend ist wer wen kalt schildert. Die Sympathie ist bei Estelle die den Seiltanz zwischen etwas aufbauen und einem gräßlichen Ereignis verarbeitet lebt. Als kalt bis verlogen sind Anwalt, Politiker, Arzt, und Menschen die nicht kooperieren genannt.

Die Geschichte wird aus Sicht von Estelle, der Polizistin Caroline und einigen Männern erzählt.
Die Teile der Großmutter sind kursiv gesetzt und damit erfreulich klar erkennbar. Im Stil hat mich die Großmutter mit ihrer Direktheit und Wärme angesprochen, auch wenn ich in diesem Teil der Geschichte einiges für ziemlich konstruiert halte.

Es gibt einige Liebesszenen, die zwar nicht stören, aber - meiner Ansicht nach - nicht wirklich notwendig sind.

Das Buch ist spannend. Ich habe bis 2 Uhr früh gelesen bis ich es ausgelesen hatte. Mitraten nach dem Mörder ist möglich. Viel Spaß beim Lesen !

Silke Ziegle wurde 1975 in Weinheim (Baden-Würthemberg) geboren. Sie war Finanzassistentin und arbeitet jetzt als Assistentin an der Universität in Heidelberg. 2013 erschien mit "Tödlicher Verrat" ihr erster Krimi im geliebten Südfrankreich. Sie spricht sehr gut französisch und liebt das Roussillon. Mittlerweile sind bereits sechs Bücher von ihr erschienen.

Dienstag, 28. November 2017

Frank Schirrmacher : "EGO - Das Spiel des Lebens"

Frank Schirrmacher :

"EGO - Das Spiel des Lebens"
2013, Karl Blessing Verlag
9 Seiten Vorwort + 272 Seiten  + 1 Seite Danksagung  + 4 Seiten Appendix 'Entwicklungsgeschichte des künstlichen Agenten an den Börsen' + 32 Seiten Bibliographie + 19 Seiten Anmerkungen (zu den Fußnoten) + 3 Seiten Personenregister
ISBN 978-3-896-67427-2

Gleich vorneweg : das Buch ist anspruchsvoll und hat mich emotional aufgewühlt.
Die Theorie ist, daß uns Menschen unterstellt wird als 'homo öconomicus' als nur auf unsere Vorteile bedachter Mensch zu agieren, und da dies nicht wirklich gelingt, versucht man uns via Medien, soziale Netzwerke etc. dorthin zu gängeln.
Es wäre für Wirtschaftsmenschen und vermutlich auch Politiker viel einfacher wenn wir endlich der leicht lenkbare und vorhersagbare 'Mensch Version 2' wären.

Während früher die Menschen mechanische Puppen entwickelten oder sich Ideen wie Frankenstein entwickelten, wurden nach dem 2. Weltkrieg daran gearbeitet das "Spiel" der Wirtschaft zu optimieren. Oft wird RAND Corporation gebracht, eine amerikanische Denkfabrik, die eigentlich die Streitkräfte beraten hat, aber nach dem streichen des Etats ihre abstrakten Gedanken in andere Metiers einbracht. Es wird zitiert, daß John Nash hoffte, daß sich Menschen gewinnmaximierend verhielten, und enttäuscht war daß soziale Bande sich als wichtiger erwiesen.

Das Thema des Datenhungers und wie einfach Daten frei gegeben werden  - manchmal mit manchmal ohne das Wissen, bzw oft mit Erzwingen von persönlichen Daten, da der Mensch (bewußt kein User) sonst nicht auf Websites weitersuchen darf - wird oft angesprochen.

Während es in Teil 1 um das Spiel an sich geht, geht es im Teil 2 mehr um den Menschen, und wie das Spiel ihn sich gefügig machen will. Hier geht es auch um Brüche mit Werten wenn zwar Loyalität, Treue und Bildung wichtig in der Gesellschaft wären, aber keinen (Mehr)-Wert besitzen, und damit Strukturen im sozialen Verbund zu bröckeln beginnen, und auch Vertrauen ein zerbröselnder Wert wird, und zurück auf die Gesellschaft fallen wird.

Nachdem das Buch vieles in Frage stellt ist der Ausklang leicht versöhnlich wenn der 1984 geborene  Evgeny Morozow zitiert wird, daß wir nur die "Marionette" (des Spiels) zu töten brauchen.

Stilistisch tut das Buch so als wäre es einfach zu lesen, während die Information und Vernetzungen die an Grundwerte gehen langsam im kognitiven Untergrund zu brodeln anfangen.
Ich konnte meist nur 10 bis 15 Seiten lesen und mußte dann das Buch zumachen um das Gelesene setzen zu lassen und/oder ein intelligentes flexibles Gegenüber zu suchen um über das gerade Gelesene reden zu können.

Selbst als halbwegs gebildeter Mensch sind die vielen Verweise aus Politiker, Wissenschaftler, Menschen der Wirtschaft und Schriftsteller nicht immer einfach zu verknüpfen.
Die Art und Weise Angaben zu zitieren ohne dabei an Spannung zu verlieren, wünsche ich schon wegen der Akkuratesse mancher Doktorarbeit.

Leider ist das Buch 2013 erschienen, der Autor 2014 plötzlich verstorben. Wie wäre das Vorwort zu aktuellen Auflage dieses Autors im Herbst 2017 gewesen ? Wie hätte sich jetzt seine Meinung zu dem immer brennenderen Thema geändert oder verschärft ?

In Summe ein grandioses Buch, das aber auch aufwühlen kann. Viel viel Freude beim Lesen und Grübeln !

Frank Schirrmacher wurde am 5. September 1959 in Wiesbaden geboren. Er studierte Germanistik und Anglistik in Deutschland und Literatur und Philosophie in England. Seit 1994 zählte er zu den Herausgebern der "FAZ". Er gehörte zu den einflussreichsten deutschen Journalisten, und erntete als blitzgescheiter Querdenker entweder Fans oder Skeptiker. Er starb am 21. Juni 2014 an einem Herzinfarkt in Frankfurt am Main.

Mittwoch, 17. Februar 2016

Michael Chodorkowski mit Natalija Geworkian : "Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis"

Michael Chodorkowski mit Natalija Geworkian :
"Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis"
aus dem Russischen von Steffen Beilich
2012, Deutsche Verlags.Anstalt
5 Seiten Vorwort Michael Chodorkowski + 2 Seiten Anstelle eines Vorwortes Natalija Geworkian+ 609 Seiten + 11 Seiten Anstelle eines Nachworts von Michael Chodorkowski + 7 Seiten Namensverzeichnis
ISBN 978-3-421-04510-2

In diesem hochinteressanten, aber nicht einfach zu lesenden Buch erzählen der ehemalige Unternehmer Michael Chodorkowski und die Journalistin Natalija Geworkian in abwechselnden Kapiteln über die Zeit in Rußland in den 90-er Jahren den letzten Jahrhunderts, als einige gewiefte und mutige Menschen Geschäfte machten und aufbauten. Hier wurden Lücken im Gesetzt genutzt um eine Bank zu gründen, Firmen zu erwerben und später dann auf Geheiß des damaligen Präsidenten Jelzin diesen auch zu unterstützen. Parallel erhält man den Eindruck, daß es den Menschen in dem Land nicht gut gegangen sein dürfte, wogegen erst Ende der 90-er Jahre Versuche hier aufzufangen gestartet wurden. Der Einstieg ins Öl-Geschäft war ein Wagnis, das durch die wechselnde Ölpreise ein wirkliches Hasard-spiel war; nebenbei wurde die Technologie der Öl-Förderung verbessert, sodaß nicht mehr so viel Schwund erzielt wurde. Die Gruppe hatte mit dem Ölpreis auch Glück und konnte so weitere Firmen erwerben und einen Konzern aufbauen. Unterstützungen an Parteien wurden nach dem Tod Jelzins nicht mehr gut geheißen, wie andere Ziele der Gruppe auch. Einige reisten rechtzeitig aus, andere blieben und wurden verhaftet. Was in dem Buch über die Prozesse, deren Ablauf, die manchmal eigenartigen Anklagen, zu lesen ist, macht kein großes Vertrauen. Die Gelassenheit, oder vielleicht auch Schwerblütigkeit, die der Autor als typisch russisch beschreibt, mag geholfen haben, mit manchem leichter fertig zu werden.

Im letzten Kapitel geht es um Mögliches : hier gehen Wirtschaft - Politik - Wirtschaftspolitik - Politikphilosophie komplex ineinander über.

Ich habe dieses Buch gekauft, als Michael Borissowitsch Chodorkowski noch im Gefängnis saß, aber erst in den letzten Monaten gelesen. Es ist ein beeindruckendes Buch, auch wenn die Rolle bei den Firmenerwerbungen über die Pfandbriefe zwar legal, aber vermutlich nicht ruhmreich gewesen sein dürfte. Dieses Image ist nicht einfach abzuwaschen, obwohl danach viel in Menschen, in Bildung, in die unterschiedlichsten Parteien aller Richtungen und auch in Offenheit des Geldes investiert worden war. Rückwirkend gesehen wäre es interessant zu wissen, wie das Engagement in neueres Denken und neue Strukturen innerhalb der Bevölkerung das Land geändert hätte.

Faszinierend ist wie die Menschen geschildert werden. Chodorkowski selber, sein engster Mitstreiter, Platon Lebedew der auch im Gefängnis saß, Leonid Newslin der es nach Israel schaffte, genauso wie Michael Brudno; aber auch Roman Abramowitsch bis zu Wladimir Putin und seinem Getreuen Igor Setschin erhalten viel Raum. Auch privates wird erzählt, wobei der Eindruck bleibt es hier mit Workoholics zu tun zu haben.

Eigen ist eine Passage in der erzählt wird, daß sich Chodorkowski aussuchen konnte ob er einen russischen oder jüdischen Paß möchte. Für ihn keine Frage als Russen. Ihm wurde jedoch geraten Technisches zu studieren, da er in Geisteswissenschaft aufgrund dieser Frage keine Chancen erhalten würde.

Das Buch ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung: man sollte über Rußland mit seinen Menschen einiges wissen, über die Politik in Rußland, über Erdöl und es ist sprachlich auf hohem intellektuellem Niveau geschrieben/übersetzt.
Sowohl Frau Geworkian  als auch dem Übersetzter Herrn Beilich ist hier zu danken, wie viel sie als hilfreiche zusätzliche Information in Fußnoten dazuschreiben oder anmerken.

In Summe ein faszinierendes Buch, für dessen Lesen ich Monate gebraucht habe, aber es nochmals in einiger Zeit lesen sollte. Die Faszination wünsche ich anderen Leserinnen & Lesern ebenso !

Michail Borissowitsch Chodorkowski wurde am 26. Juni 1963 in Moskau geboren.  Er ist ein russischer Unternehmer, früherer Oligarch  und ehemaliger  Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns Yukos . Von Oktober 2003 bis zum 20. Dezember 2013 befand er sich in Haft.  Kurz vor Weihnachten 2013 wurde Chodorkowski nach seinem Gnadengesuch überraschend begnadigt und freigelassen. Am 25. Dezember 2013 wurde bekannt, dass das Oberste Gericht Russlands zwei gegen Chodorkowski verhängte Urteile überprüfen lässt. Er lebt jetzt im Exil in der Schweiz.

Natalia Geworkjan, 1956 in Moskau geboren, arbeitet seit 1996 für die angesehene russische Zeitung Kommersant, zunächst als Sonderkorrespondentin für Politik und Wirtschaft, heute als Pariser Korrespondentin des Blatts. 1991 erhielt sie die amerikanischen Auszeichnung „Freedom of Press“. Sie veröffentlichte ein Buch über den KGB und einen Gesprächsband mit Wladimir Putin. Michail Chodorkowski lernte sie Anfang der neunziger Jahre kennen.

Steffen Beilich ist bilingual aufgewachsen mit Deutsch-Englisch, und maturierte 1992 in Magdeburg (Deutschland). Er ist Übersetzer für Russisch-Deutsch / Englisch-Deutsch / Belarussisch (Weißrussisch)-Deutsch // Deutsch-Englisch, Deutsch-Russisch; Dolmetscher für  Deutsch-Russisch-Deutsch / Deutsch-Englisch-Deutsch / Englisch-Russisch-Englisch und spezialisierte sich v.a. als Fachübersetzer und Dolmetscher für Umwelt, Klima, Politik und Kultur.

Samstag, 5. Dezember 2015

Andrea Isari : "Römische Rache"

Andrea Isari :
"Römische Rache" - ein Leda-Giallo-Krimi
2007, Piper Verlag Gmbh, München
227 Seiten + 5 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-492-25093-1

Dieser Krimi ist Band drei von mittlerweile vier Krimis mit Leda Giallo. Die etwas rundliche Mordkommissarin mit roten Haaren ist erfolgreich im Beruf, hat einen liebevollen Freund und Liebhaber und zwei Kinder.

Als ihr Sohn und sein bester Freund nach einem Fußballmatch von rechten Extremisten zusammengeprügelt werden und der beste Freund an den Verletzungen stirbt, beginnen die Ermittlungen zu laufen. Allerdings wird der Chef der rechtsextremen Gruppe ermordet aufgefunden, dann ein lebensfroher Immobilienbesitzer und am Schluß eine alte arme Frau - jeweils mit einem Buchstaben als Markierungszeichen. Nach Polizeiinternen Hickhack wird Leda kurzfristig beurlaubt, was sie nicht daran hindert weiter zu fragen. Am Schluß kommt eine historische Tatsache aus den Zeiten als unter Mussolini vielen Juden an den Kragen - inkl. Verrat in den eigenen Reihen - gegangen war, als Hintergrund für die aktuellen Morde ans Tageslicht.

Die Menschen sind sehr schön geschildert ! Leda Giallo liebt nicht nur netterweise Essen, sondern hat auch einen liebevollen und durchsätzungsfähigen Charakter; ihr Freund Paolo ist Journalist; dessen Mutter ist eine temperamentvolle Persönlichkeit, deren Verliebtheit von einem faulen Mann ausgenutzt wird/wurde; die junge Raffaela und Ugo sind in ihrem Polizeiteam; Claretta  war die Freundin des Extremisten Michele; Alessandro ist Tennislehrer und bemüht sich um Claretta; Ledas Vorgesetzter Libero wird positiv, während Presidente Raimondi als Gegenteil geschildert. Auch dem Leben der Ermordeten wird Raum gegeben.

Wie in vielen Italienkrimis ist auch hier von Essen die Rede. allerdings ist es hier nur sparsam eingesetzt und erwähnt die Spezialiäten aus Rom und Trastevere kurz und knackig.

Im  Nachwort wird erzählt, daß in Italien anders als in Deutschland und Österreich es weniger zur Aufarbeitung der Ungerechtigkeiten an Juden gekommen ist. Viele Immobilien, die zu einem Schleuderpreis erworben worden waren, wurden nie zurückgegeben. am 24. März 1944 wurden in Ardennes (?) aus Rache beliebige Menschen erschossen - hier waren Denunziationen von Juden dafür verantwortlich, daß viele Juden hier den Tod gefunden hatten.

Der Krimi ist gut und spannend geschrieben. Ich habe ihn zur Entspannung an einem Nachmittag quasi 'verschlungen' und kann ich gerne weiterempfehlen.

Andrea Isari, geboren 1954 in Koblenz am Rhein, studierte in Montpellier/Frankreich sowie in Freiburg und München. Nach ihrem 2. juristischen Staatsexamen wechselte sie in den Journalismus. Viele Jahre war sie als politische Journalistin in Rio de Janeiro, Bonn und Rom tätig.
Heute lebt und arbeitet die Autorin in Frankfurt am Main.

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Ralph Neubauer : "Rache ist Honig-süss"

Ralph Neubauer :
"Rache ist Honig-süss - Commissario Fameo flirtet"
Band 1 aus der Reihe "Südtirolkrimi"
2012, Spectrum, Verlagsanstalt Athesia AG, Bozen
216 Seiten + 1 Seite Nachwort + 2 Seiten Erläuterungen über den Aufbau der Polizei in Italien
ISBN 978-88-96011-093-0

Fabio Fameo ist aus Rom nach Südtirol versetzt worden. Der Workoholic muß lernen, wie die Südtiroler mit dem heißen Sommer umgehen und besucht aus Langeweile Nals, weil es in dessen Amtsbereich einen Unfall gegeben hatte. Wie der Zufall will kommt er einer alten Geschichte, die aus der Zeit um 1943 datiert auf die Spur, als es in Südtirol nach Wahlen zu Denunzationen und Verschleppungen gekommen war. Bienen führen auf die richtige Spur.
Nebenbei lernt der gut aussehende gebildete Inspektor eine gut aussehende intelligente Frau kennen und die Parallelgeschichte beginnt sich zu entwickeln.

Dieser Südtirolroman erzählt auch von gutem Essen, allerdings ist ein Teil Aufarbeitung der Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg für mich neu gewesen und hochinteressant - die Entscheidung der 'Optisten' und der 'Dableiber', als die Menschen vor die Frage gestellt wurden den Hof zu verlassen und ins deutsche Land zu ziehen oder beim Familiengrund zu bleiben war sicher nicht einfach. Die Geschichte Südtirols in der es deutschsprachige Menschen in den 1960-er/1970-er Jahren sehr schwer hatten und Süditaliener eingesiedelt wurden, wird ebenfalls erzählt.

Die Menschen sind gut geschildert und schön vorstellbar; sowohl die alten Bauern, als auch die aufstrebenden jungen Menschen sind verständlich charakterisiert.
Die Region um Tisens und Prissian wird genannt; sowie Ausflüge ins Ultertal (bei Lana).

In Summe ein gut lesbarer Roman, ideal für Urlaub oder verregnete Tage oder Abende. Viel Spaß !

Ralph Neubauer wurde 1960 in Düsseldorf geboren. Er arbeitet für das Justizministerium und liebt Reisen.

Freitag, 11. September 2015

Doris Gercke : "Georgia"

Doris Gercke :
"Georgia" - Ein Bella-Block-Roman
2006, Hoffmann und Campe
227 Seiten
ISBN 978-3-455-40013-7

Bella Block, mittlerweile nicht mehr im Polizeidienst, sondern als private Ermittlerin tätig, wird aus ihrem beschaulichen Leben mit Lesen, Lyrik und gehobenem Vollpensionsleben gerissen. Die Anwältin Susanne Behrendt möchte Beschattung. In der Nacht nachdem Bella die Arbeit für beendet erklärt, wird die große schöne intelligente Frau tot aufgefunden. Von Anfang an ist klar, daß ihr Ex-mann, ein berühmter aber nicht geliebter Staatsanwalt, bei dem Thema um Folter, Gewalt, Grenzziehung zur persönlichen Würde, Fragen ob diese Würde mit Folter in einem demokratischen Staat erlaubt sein darf, sowie dass mittlerweile alte Milgram-Experiment hier essentiell ist. Leider gibt es kein positives / freundliches / gerechtes Ende dieses Romans.

Die Personen sind anschaulich geschildert : Bella Block selber die sich in Bücher über Rußland und in Lyrik verliert, eine ältere Lyrikerin die in ihren Zeilen lebte, ein Major in Pension dem Straffheit und Order durchs leben hilft, ein Barmann der einiges von der Welt erlebt hat und sich auf seine Tochter aus seiner geschiedenen Ehe freut, die Pensionsleiterin die sich zurückhaltend, verwöhnend durchs Haus bewegt, die ermordetet Susanne Behrendt die sympathisch aber verschlossen agiert, Staatsanwalt Frings der kühl etwas arrogant und bestimmend geschildert wird, Freund Kranz der mit Kontakten und Erotik Bella beisteht und Freude macht etc ...
Etwas mühsam ist die Unterscheidung zwischen dem Barmenschen Franz und dem Freund Kranz, deren Namen mir zu ähnlich sind.

Ort der Handlung ist Hamburg und eine Wohnung in Berlin.

Folter ob und unter welchen Umständen sie erlaubbar sein kann/könnte wird gefragt. Theoretisch wird sie verworfen, aber in diesem Buch sind beruflichen und v.a. privaten Übergriffen Raum gegeben; Ahndung von Übergriffen findet nicht statt, was einen schalen Nachgeschmack macht.
Druck im Bauch beim Lesen erzeugt auch, daß diesmal die großen Machtzieher im Hintergrund die Macht haben und einen unbescholtenen Menschen zugrunde richten indem sie ihm seine Würde und das Vertrauen in einen gerechten Staat absprechen; auch der Bezug zu Georg Orwells '1984' und den Psychospielen dieses totalitären Regimes hilft das nicht viel

Faszinierend ist wieviel hochinteressante Bücher und Lyrik in diesem Buch zitiert oder angerissen wird. Es macht Gusto hier die zitierten und genannten Bücher zu lesen.

Der Roman ist dicht und schön geschrieben. Leider sind die Themen Folter, Einsamkeit, Polizeiwillkühr und das nicht-positive Ende nicht erfreulich; als Buch trotzdem empfehlenswert.

Doris Gercke  wurde am 7. Februar 1937 in Greifswald geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Verwaltungsbeamtin. 1980, nach 15-jähriger Erziehungspause, studierte sie Rechtswissenschaften. 1988 schrieb sie ihren ersten Roman : 'Weinschröter, du mußt hängen'. Der Krimi um die Ermittlerin Bella Block wurde ein Erfolg. In Fernsehverfilmgungen wurde die Figur von Hannelore Hoger verkörpert. Sie schreibt des Weiteren Kinder- und Jugendbücher sowie Lyrikbände. Politisch ist die Autorin für den Frieden und gegen den Neufaschismus engagiert. Sie ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Samstag, 15. August 2015

Rafael Chirbes : "Am Ufer"

Rafael Chirbes :
"Am Ufer"
Roman
original "en la orilla"
2013, Editorial Anagrama, Barcelona
Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
2014, Verlag Antje Kunstmann
426 Seiten
ISBN 978-3-88897-867-8

In diesem großartigen Roman ohne Hoffnung beschreibt der Autor das Leben von Esteban, einem Tischler, der investiert hatte und mit der Immobilienkrise 2008 - 2010 alles verlor. Esteban gehört das zweite Kapitel, in der Rückblicke bis zum Großvater, der mittels Genickschuß in der Franco-zeit getötet worden war, Seitenhiebe auf die Geschwister, die ihm den pflegebedürftigen Vater überlassen, Beobachtungen über einen Freund der es geschafft hatte reich zu werden, und Betrachtungen über seine Angestellten und das Ende der Firma mit vielen Bildern, Metaphern beschrieben werden.
Im kurzen ersten Kapitel werden Leichenteile im Sumpf entdeckt, im dritten kurzen Kapitel seilt sich derjenige der den Untergang Estebans mitverursacht hat heimlich ab. Das dritte Kapitel ist kursiv gedruckt, wie andere Einschübe die Estebans Leben und Gedanken ergänzen.

Den Personen und vielen Gedanken ist in diesem Buch Raum gegeben :
Die Hauptperson ist Esteban, der mit seinen Anfang 70 eine kleine Tischlerei führt. Die Kunsttischlerei kann er leider nicht, da er der Liebe wegen die Ausbildung beendet hat. Es fehlt ihm außerdem das Können. Seine Liebe Leonor hat ihn trotzdem verlassen - es kam auch nachher keine Frau mehr in sein Leben, außer die Pflegerin seines Vaters, Liliana aus Kolumbien. Die Schreinerei läuft mit vier Angestellten recht gut. Leider investiert er alles ihn ein Bauprojekt eines Freundes, das wie viele andere in der Immobilienblase untergeht. Er muß die tw. langjährigen Angestellten kündigen, und sich selber um den pflegebedürftigen Vater kümmern.
Estebans Vater war im Gefängnis gewesen und stand zu seiner Anti-Franco-Haltung. Die Politik war ihm wichtiger als Frau und seine drei Kinder. Er hat die Tischlerei von seinem Vater übernommen.
Estebans Bruder Juan wird als Schlitzohr geschildert, der nur Geschichten erzählt und Geld will.
Bruder Germain war mit Carmen verheiratet gewesen. Als er Krebs bekam war es mit der Liebe aus, denn die Mutter mußte sich um den Sterbenden kümmern - die Schwägerin fuhr ab nach Barcelona.
Der Onkel hatte den kleinen Esteban in die Schreinerei genommen und ihm Spielzeug gemacht, oder mit ihm Papierflieger gemacht. Er ist es auch der ihm das Schnitzen in Holz vermittelt hat.
Pflegerin Liliana ist aus Kolumbien. Sie ist lieb, freundlich und  kocht gut und die moralische Stütze für die alten Männer. Allerdings hat sie einen unguten Ehemann, und Kinder. Sie hat gearbeitet, daß ihr Mann nach Spanien nachkommen konnte. Über sie kommt lateinamerikanische Lebensfreude in den Roman (vielleicht das einzig wirklich freundliche Element in diesem Buch).
Unter den Freunden kommt vor allem Francisco oft vor. Er hat es geschafft über Weinkenntnisse ein Machtimperium über Weinzeitschriften, Restaurantrezensionen aufzubauen. Und : die große Liebe von Esteban, Leonor, hat ihn geheiratet und als Restaurantbesitzerin zwei Sterne im Kochhimmel erarbeitet. Francisco kommt nach dem Krebstod seiner Frau wieder in das Dorf seiner Kindheit zurück, kauft das teuerste Haus mit dem exklusivsten Mobiliar und plaudert über das Leben.

In dem vielen Seiten sind einige Themen angesprochen, die entweder noch in Spanien relevant oder für Europäer wichtig sind.
Die Aufarbeitung der Franco-Zeit ist noch nicht fertig. Der Umgang mit den Anti-Franco-Menschen, das gegenseitige Denunzieren für oder gegen diese Partei die an der Macht ist, oder gerade an die Macht gekommen war, ist nicht aufgearbeitet. Für Chirbes dürfte es hier zu viele ethische Leichen geben, die nicht erledigt sind.
Es gibt Betrachtungen über Pflegefälle - wie sie leistbar sind, wer was machen soll, wie ein System damit umgehen soll, was menschliches abverlangt wird,
Es gibt Betrachtungen über Geld, den Arbeitsmarkt (immerhin zwei Jahre Arbeitslosenunterstützung), die Arbeit der Huren im "Lovers", Liebe die vergeht, Machtspiele in der Restaurantszene etc.
Er schreibt über die Immobilienblase und wie sie die Region lahmlegte, in der sonst die Touristen gekommen waren und plötzlich alles leer ist, und die Bautätigkeit versiegt.

Die handelnden Menschen sind entweder Handwerker, Arbeiter und Fischer, (und Huren) oder der reichgewordene Francisco sowie der Sparkassendirektor. Mir hat die mittlere Schicht gefehlt.

Schön finde ich die Seiten, in denen der Lehrer der Kunstgewerbeschule über Holz, Stein und Ton mit Leidenschaft erzählt und seinen Schülern ein Gefühl für das Material vermittelt, und über den Zauber des Umgangs mit den Elementen.

Das Buch sollte der Leser/die Leserin konzentriert zu lesen. Ich hatte es vor Monaten angefangen gehabt und erst jetzt im Urlaub die Zeit, Muße und Konzentration gehabt den Lebensgeschichten, Einsichten, Ansichten und Betrachtungen zu folgen, sowie die Metaphern, und die langen Sätze zu genießen. Die Sprache ist wortgewaltig, vielfältig, er verwendet viele Fremdworte ('Nachtmare' war mir bis dato unbekannt gewesen).

Im Buch ist ein Lesezeichen, auf dem die Personen des Romans mit kurzen Informationen abgedruckt sind. Es war sehr hilfreich, wenn ich zu sehr in den Betrachtungen verstrickt war und nachher wieder den roten Faden gesucht habe.

In Summe ein grandioses Buch, das mich fasziniert hat. Es ist nur kaum Hoffnung drin. Ich wünsche dem Leser/der Leserin trotzdem Lesefreude daran !

Rafael Chirbes wurde am 27. Juni 1949 in Tavernes de la Valldinga / Valencia geboren. Mit 16 begann er in Madrid 'Moderne und zeitgenössische Geschichte' zu studieren, 1969 ging er für ein Jahr nach Paris. Er lebte auch in Marruecos, Barcelona, La Coruna, Extremadura und dann wieder in Valencia. 1988 erschien sein erster Roman "Mimoun". Seine Roman beschäftigten sich fast immer mit der Kriegszeit, Nachkriegszeit und Franco-Zeit. Politisch hat er sich immer als Kommunist deklariert. Er starb am 15. August 2015.

Mittwoch, 13. Mai 2015

Verena Boos : "Blutorangen"

Verena Boos :
"Blutorangen"
2015, Aufbau Verlag
398 Seiten, 2 Seiten Inhaltsverzeichnis, 3 Seiten Dank und Quellen
ISBN 978-3-23594-5

Dieser dicht geschriebene Roman erzählt springend zwischen den Jahren 1939 (folgende), 1990 und 2004 spanisch-deutsche Kriegsgeschichte mit französischen und russischen Elementen in zwei (Familie Maite) und drei (Familie Carlos) Generationen.

Maite (Maria Theresa) und Carlos lernen einander in Bayern am Berg kennen. Sie ist seit einigen Monaten Austauschstudentin aus Valencia in München. Bei einem Familienfest lernt sie den Großvater Antonio kennen, und sieht ein Photo in der Küche in einer Uniform, die auch ihr Vater auf einem Photo trug, das sie verbotenerweise gesehen hatte.
Ab hier entrollt sich die Geschichte nach vorne und hinten für Maite und Carlos, für Franco-Spanien, für eine spanische Truppe die Hitler zu Hilfe geschickt wurde und Leningrad belagerte, für Franco-Gegner die in Frankreich interniert und Hitler ausgeliefert wurden, und Greuel zwischen Franco-treuen und Franco-Gegnern die erst spät aufgeräumt werden (können).

Carlos Großvater Antonio mußte mit seiner Frau Julia und Tochter Pau(l) fliehen; er geriet nach Deutschland, fand Unterschlupf und Arbeit am Bauernhof, Frau und Sohn kamen nach dem Krieg nach; Paul heiratete Margot, eine wunderbare Frau die die Familie zusammenhielt, nachdem Julia ihre Couture wünsche in Paris umsetzte. Sohn Carlos brachte Maite mit; Antonio hilft Maite spanische Hintergrundgeschichte zu verstehen. Am Schluß bricht auf, daß Antonio seinen ermordeten Vater begraben und dann wieder entdecken half.
Maites Vater war bei Blauen Division, dann bei der Guardia Civil. Seine große Liebe hat seinen Bruder Luis geheiratet. Mit Strenge und Disziplin erzog Francisco seine zwei Söhne und zwei Töchter; nur Maite rebelliert. Erst am Schluß entdeckt Maite, daß in ihrer Familie auch Franco-Feinde waren, denn ihre Mutter Isabel hatte ihre komplette Familie verloren und erst durch Francisco wieder einen sicheren Platz im Leben gefunden.

Die Personen die am meisten begleitet werden sind die beiden alten Herren Antonio und Francisco mit ihren gegenseitigen Werten und Leben, Maite die recherchiert und Margot die zusammenhält. Carlos tut gut, Pau(l) schweigt und ist seltsam abwesend, Isabels Wärme und ihre Werte kommen erst spät zur Geltung.

Die historisch belegte Tatsache der "Blauen Division" ('División Azul'), in der Franco Hitler wirklich 40.000 Menschen zur Hilfe gegen Stalin zur Unterstützung sandte, waren mir bis dato unbekannt. Die Schilderungen rund um die Belagerungen Leningrad in der fürchterlichen Kälte sind eindrücklich geschildert (Im Nachwort ist die Quelle angegeben).
Daß in Frankreich die Flüchtlinge aus Franco-Spanien interniert worden waren und an Deutschland Richtung Mauthausen weitergingen, war auch neu (Quelle Nachwort).
In Spanien werden seit den 2000-er Jahren nach Informationen Überlebender die ungeweihten Massengräber gesucht und versucht den Familien zumindest einen Teil der Fragen zu beantworten.

Mich hat das Buch fasziniert. Ich habe zwei Monate daran gelesen, wobei ich zwischendurch unterhaltsamere "leichtere" Kriminalromane als Gegenpol las.
Obwohl die Geschichte spannend ist und ich wissen wollte wie das Ende sein wird, ist der Stil der Sprache und Bilder im Kopf für mich schön, daß ich mir auch dafür die Zeit nahm. Beispielsweise : "Republik Maite" (S.44), "hing ihr die Verlorenheit in den Wimpern wie Schnee" (S. 304) etc.

Die titelgebenden Orangen sind das Verbindende, denn die Familie Maites hat eine Orangenplantage bei Valencia und Carlos Großvater findet nach dem Krieg Arbeit am Großmarkt in München und baut dort einen Obst-Gemüse-Handel (inklusive Orangen) auf. Orangenpapier gab es um den zweiten Weltkrieg und noch lange danach; für die älteren Herren bilden sie wertvolle Erinnerungsstücke.

Mich hat dieser Roman, der mir neues aus spanischer (und europäischer) Geschichte beibrachte, sehr berührt. Ich wünschen allen Lesern und Leserinnen daß ihnen dieses Buch und seine Sprache ebenso gut gefällt wie mir.

Verena Boos wurde 1977 in Rottweil (Deutschland) geboren. Sie studierte Anglistik, Soziologie und promovierte in Zeitgeschichte und arbeitet als Journalistin, Referentin und Autorin. Sie lebt in Frankfurt.

Mittwoch, 14. August 2013

Roberto Ampuero : "Der letzte Tango des Salvador Allende"

Roberto Ampuero :
"Der letzte Tango des Salvador Allende"
Roman
Original "El ùltimo tango de Salvador Allende"
2012, Random House Mondadori, Santiago de Chile
Aus dem Spanischen von Carsten Regling
2013, Bloomsbury Berlin
430 Seiten
6 Seiten der spanischen Tangotexte übersetzt
ISBN 978-3-8270-1110-7

In diesem Roman, der in einem kurzen Vorwort darauf hinweist, daß es ein Roman und damit Fiktion und nicht Realität ist, werden anhand von zwei / eigentlich drei Handlungssträngen das Ende der Präsidentschaft des gewählten Sozialisten Salvador Allende und der Wechsel der Machthaber in ein diktatorisches inhumanes Regime erzählt.

In einem fiktiven Tagebuch erzählt der Bäcker Rufino aus seinen alten Zeiten als er mit dem Präsidenten Bücher anarchistischer Visionisten gelesen und diskutiert hatte. Als die Lebensmittelknappheit durch Blockaden und Streiks steigt, und Hilfe unterbleibt muß er seine Bäckerei schließen. Er ersucht den Präsidenten um Hilfe und wird Mitarbeiter in seinem persönlichen Haushalt. Dort hören die beiden Tangos - über Liebe, über Politik, über Revolution und wieder Liebe. Er ist bis zum Schluß beim Präsidenten.

Das Tagebuch findet ein ehemaliger CIA-Agent fast 30 Jahre später als seine Tochter stirbt. Er war damals offiziell als kanadischer Händler für Photoapparate in Chile gewesen und hatte für die 'Firma' gearbeitet. Es war ihm damals entgangen was seine Tochter interessiert hatte, welche Freunde sie gehabt hatte und macht eine Reise in die Vergangenheit die seine damaligen Aktionen hinterfragt. Er reist in die DDR, nach Brüssel, fragt und findet emotional unbefriedigende Antworten auf die Geschehnisse in Chile 1973.

Der dritte Strang ist ein kurzer, der nur 3 der 80 Kapitel einnimmt: ein namenloser Flugoffizier erhält den Auftrag zum Angriff auf den Präsidentenpalast.

Alle drei Handlungsebenen sind dicht und packend geschrieben. Keiner verliert an Spannung.

Der titelgebende Tango zieht sich durch das Buch. Alle Größen des Tangos sind genannt. Schön ist die Stelle an der der Allende plötzlich einfach lostanzt, und alles um sich herum vergißt.

In dem Tagebuch wird viel über den Präsidenten reflektiert, und Fragen gestellt wann jmd seine Gesinnung verrät oder den Boden unter den Füßen verliert. Ist ein Mann der kein Mehl mehr bekommt um zu backen wirklich ein Kleinbürger. Müssen Menschen für die große Sache hungern und nicht einmal die einfachsten Lebensmittel erhalten dürfen und müssen dann schweigen ? Warum greifen Politiker wann nicht ein ?

Der Vater der die Erinnerung an seine Tochter sucht ist auch stark geschildert. Eigenartig ist der Ausflug in die DDR (der Autor hat dort gelebt, wie aus seiner Bio ersichtlich). Die kurze Liebesgeschichte mit einer Frau deren Eltern fliehen mußte und die jetzt Taro legt bleibt eigenartig.

Beeindruckend sind die Stellen in denen versucht wird den Terror durch Lebensmittelblockaden, Streiks, Hungernot zu schildern und dann die Konzentrations/Vernichtungsmaschinen der Junta nach dem Sturz.

Ein großartiger Roman der sehr dicht geschrieben ist und in die Geschichte hineinzieht. Selbst wenn vieles Fiktion bleibt gehen die Stellen für politische Verantwortung unter die Haut. Ein sehr empfehlenswertes Buch !

Roberto Ampuero wurde am 22. Februar 1953 in Valparaíso / Chile geboren. Er war zwischen 1973 bis 1993 im Exil - lange davon an der Universität in Leipzig/DDR. Er ist Schriftsteller und war in Iowa Universitätsprofessor seit 1996. Er schreibt Kriminalromane mit Inspektor Brulé. Seit 2012 ist er Botschafter für Chile in Mexiko.

Dienstag, 30. April 2013

Rushdie Salman : "Des Mauren letzter Seufzer"

Rushdie Salman :
"Des Mauren letzter Seufzer"
original "The Moor's Last Sigh"
1995, verlegt bei Jonathan Cape, London
aus dem Englischen übersetzt von Gisela Stege
1996 Kindler Verlag München
569 Seiten
1 Seite Stammbaum der Familie Da-Gama-Zogoiby
2 Seiten Glossar von Begriffen aus dem indischen Sprachraum
ISBN 3-463-40218-1

Der faszinierende, farbgewaltige und auch negative Roman wird aus der Sicht von Shri Moraes Zogoiby, kurz Moor genannt, erzählt. Er ist Asthmatiker und am Ende seines Lebens - und erzählt seine Geschichte und die seiner Vorfahren die sich von Vasca da Gama ableiten zu glauben inkl. Leben und Politik in Indien, meistens in Bombay.

Der erzählende 'Moor' ist das vierte Kind, der einzige Sohn, einer Familie die ihr Geld mit Gewürzen gemacht hatte. Bei ihm greift ein Miracel, daß er doppelt so rasch wächst als er alt ist - seine Seele wächst aber in üblicher Geschwindigkeit weshalb er einigen Erfahrungen immer hinterdrein winkt. Außerdem ist seine linke Hand nicht in Fingern ausgewachsen - was ihm einige Zeit später als Schläger von Vorteil ist.

Der Beginn des Buches ist den Großeltern des "Mooren" gewidmet, dem Krieg zwischen den Damen, den politischen Gegenseitigkeiten von Großvater und Onkel, der Homoerotik des Onkels, dem Krieg zwischen den Familien der Damen, der fast alles vernichtet.
Mitten darin wächst seine Mutter auf - Aurora. Eine starke Frau die sich von nichts und niemandem etwas sagen läßt und die heimlich zu malen beginnt. Diese Frau verliebt sich in den älteren jüdischen Buchhalter Abraham Zogoiby (was Rushdie die Chance gibt die Geschichte der Juden in Indien zu erzählen) und setzt die Eheschließung durch. Sie ist Künstlerin, meist geliebt - bewundert - geachtet, von manchen tiefgehaßt, während er den Gewürzhandel ihrer Familie übernimmt und erweitert (meist mit unfairen Methoden). Drei Töchter und spät ein Sohn entspringen dieser Ehe. Die egozentrische Mutter diktiert und karikiert das Gesellschaftsleben, während ein Bewunderer - Vasco Miranda - das Kinderzimmer mit Comicfiguren ausmalt.
Keines der Kinder wird glücklich - eine Schwester wird Anwältin (und wird später ermordet), eine Nonne und die dritte in Indien erfolgreiche Sängerin (ein Erfolg der in den USA ausbleibt, und sie an den Drogenkonsum bringt). Dem 'Moor' helfen Angestellte beim Box training und der Koch der seine Begabung für die Küche erkennt.
Der 'Moor' verliebt sich in eine wunderschöne Künstlerin - Uma Sarasvati. Sie intrigiert, bringt ihn und seine Eltern auseinander und bringt ihn ins Gefängnis, aus dem ihn erst der Intimfeind seiner Mutter befreit. Für ihn wird er zum professionellen Schläger. Erst nach dem Tod der Mutter nähern sich Vater und Sohn wieder einander an.
Vor dem Hintergrund der steigenden Konflikte zwischen Religionen und religiösen Splittergruppen erheben sich auch andere Kampffronten. Es gehen viele Bomben hoch, die auch den Gemälden von Aurora und dem Leben von Vater Abraham und seiner Schwester der Nonne ein Ende setzen. Der 'Moor' konnte noch rechtzeitig nach Spanien entfliehen, wo er auf Boabdils Spuren Vasco Miranda in Prunk, Einsamkeit und Wahnsinn sucht. Letztendlich bleibt nur der Tod.

Die Neugier endlich mal einen Rushdie-Roman zu lesen, der aber nicht die berühmten 'Verse' sind, hat mich zu diesem Buch greifen lassen. Es hat mich die Beschreibung der Welt der Gewürze, des Reichtums in Indien/Bombay fasziniert, genauso wie die Religionsvielfalt.
Die Personen haben fast vor meinem geistigen Auge getanzt, geliebt, getötet, und gemalt. Die Verschiedenartigkeit der Temperamente, der Egoismen und auch der Brutalität zogen mich in den Bann.

Es ist kein Buch das ich einfach zwischendurch lesen konnte, sondern bewußt mit seinen Metaphern, Farben, Ideen, Sprachspielerein gelesen werden möchte - und deshalb Zeit und Konzentration braucht.

Die für mich faszinierendste Persönlichkeit des Buches ist Aurora verheiratete Zogoiby. Zuerst haßt sie Elephanten (die ihre Mutter gesammelt hatte) - nennt dann das Haus, in dem sie leben, Elephanta. Sie wird in mehreren Stadien ihrer künstlerischen Entwicklung geschildert - wie sie sich mit Familie und den Konflikten auseinandersetzt. Immer wieder kommt das Thema der 'Moor'-Bilder: mal liebend, mal in Konflikt, aber immer wieder Antworten suchend. Ihre Sprachspiele sind z.B. hassifizieren, vertragifizieren, kreischifizieren, buchstabifizieren, etc.

Das Buch arbeitet nach, weil einerseits viel Geschichte Indiens erzählt wird, und viel über die Vielfalt der Religionen wie sie in Indien leben. Andererseits hatte ich einer Liebesgeschichte die in den ersten Liebesstunden in Gewürzen stattfindet, ein anderes Ende als bitterbösen Verrat und die starke Vermutung von Mord(en) gewünscht.

In Summe ein großartiges, faszinierendes Buch, das mir aber stellenweise doch zu lange wurde. Trotzdem kann ich diesen Roman nur jedem Leser /jeder Leserin empfehlen die sich in eine farbenfrohe, tragische Geschichte mit viel Wissen und Sinnlichkeit hineinlesen möchte.

Sir Salman Rushdie wurde am 19. Juni 1947 in Bombay (heute Mumbai) in einer moslemischen Familie geboren. Er studierte in Cambridge Geschichte und arbeitete am Theater und als freier Journalist. 1975 veröffentlichte er sein erstes Buch; 1981 kam mit seinem zweiten Buch "Mitternachtskinder" der Druchbruch. 1988 erschien das vierte Buch "Satanische Verse", das zu Kontroversen in der moslemischen Gesellschaft führte. Nach Morddrohungen lebte der Schriftsteller einige zeitlang versteckt. Literarisch folgten 'Harun und das Meer der Geschichten', 1995 'Des Mauren letzter Seufzer' und 2001 'Fury' (2002, 'Wut'). Meist lebt der Schriftsteller in den USA.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Sybille Bedford : "Ein trügerischer Sommer"

Sybille Bedford :
"Ein trügerischer Sommer"
Roman
original "A Compass Error"
1968, Williams Collins Sons, London
Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier
2000, SchirmerGraf Verlag, München
Auf Wunsch und nach Absprache mit der Autorin wurde der Text für die deutsche Neuausgabe bearbeitet; es bestehen daher geringfügige Abweichungen gegenüber der englischen Originalausgabe.
263 Seiten inkl. Prolog
12  Seiten Nachwort der Autorin zur Neuausgabe 2000
ISBN 3-86555-028-2

Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Flavia, die sich vorgenommen hat für ihre Aufnahmeprüfung in Oxford zu lernen. Ihr Mutter und ihr neuer Freund sind heimlich weggefahren - sie hat den Auftrag nichts zu verraten, da seine Scheidung noch nicht gelungen ist.

Der Roman ist die Folgegeschichte von "Liebling der Götter", in der über Constanza erzählt wird - einer faszinierenden Frau, die als Tochter eines italienischen verarmten Grafen und der reichen Amerikanerin Anna nach Scheidung der Eltern in London lebte. Constanze ist eine bezaubernde Frau mit viel Charme, die meist versucht es ihrer Mutter gerecht zu machen. Flavia ist ihre Tochter mit einem Briten - die Ehe war gescheitert.  Flavia hat sich einen Tages- und Wochenablauf an der Côte eingeteilt in der sie arbeitet, lernt und Aufsätze schreibt. Als sie ihr gewohntes Abendessen im Nachbarort einnimmt, beobachtet sie eine Gruppe Menschen, die ihr wie Künstler vorkommen. Die Gruppe nimmt sie unter ihre Fittiche, und Thérèse die charismatische Ehefrau eines Malers nimmt sich ihrer - auch erotisch - an.
Über Nachbarn wird ihr eine andere sehr charismatische Frau vorgestellt : Andrée. Flavia verliebt sich.
Letztendlich stellt sich heraus, daß die Frau des Freundes ihres Mutter herauskriegen (will), wo die beiden sind ...

Die Personenschilderungen sind gelungen und sehr deutlich. Stark sind die Frauenpersönlichkeiten wie Thérèse, Andrée, Nachbarin Rosette, ihre Mutter Constanze und ihre Großmutter Anna. Flavia sucht ihren Platz - sie träumt von einer literarisch-wissenschaftlichen Karriere und ist sich erotisch nicht ganz sicher.
Die Männer kommen meist sporadisch vor - Ehen und Beziehungen scheitern. Der neue Freund der Mutter Michel hat Visionen und Charakter, die meisten anderen Männer haben es mehr auf das Geld von Anna abgesehen.

Die Ortsbeschreibungen in London, Rom, Toskana und Côte d'Azur sind eher skizziert, aber als Leser kennt man sich aus.
Schön ist das Gruppengefühl um Thérèse geschildert, deren Mann, die Kinder und was sonst als Menschen beim abendliche Essen versammelt ist. Gespräche über fast alle Themen sind erlaubt - nur ein Mann der den Nationalsozialismus zu loben beginnt, wird handfest aus der Runde befördert.

Der Roman ist schön dicht geschrieben, und die Personenschilderungen haben mich sehr angesprochen. Viel Vergnügen beim Lesen !

Sybille Bedford kam 16. März 1911 als geborene Freiin Sybille Aleid Elsa von Schoenebeck in Berlin  als Tochter eines deutschen Barons auf die Welt. Sie lebte mit ihrer Mutter und ihrem zweiten italienischen Ehemann an der Côte d'Azur. Sie war Journalistin - und berichtete u.a. über die Ermordung John F. Kennedys - und Schriftstellerin von Romanen und Reiseerzählungen. Der Schriftsteller Aldous Huxley verhalf ihr - da sie Vierteljüdin war - zu einer vorgetäuschten Ehe mit Walter („Terry“) Bedford. Sie starb am 17. Februar 2006 in London.

Samstag, 24. März 2012

Juan Gómez-Jurado : "Das Zeichen des Verräters"

Juan Gómez-Jurado :
"Das Zeichen des Verräters"
Thriller
original "El emblema del traidor"
2008, Plaza & Janés Editores, S.A. Barcelona
Deutsch von Luis Ruby
2010, Rowohlt Taschenbuch Verlag
463 Seiten + 5 Seiten Schlußbemerkung des Autos
ISBN 978-3-499-25279-2

Am Cover steht Thriller, eine Erwartung die ich nicht gestillt sehe. Allerdings ist das Buch schön rasch zu lesender Roman der in der spannenden Zwischenkriegszeit Großteils in Deutschland spielt und dort die politische Situation als Hintergrund für menschliche Schicksale nutzt.

Paul und seine Mutter leben bei der Schwester von Pauls Mutter, die einen Baron geehelicht hat und helfen im Haushalt für Kost und Logis. Jürgen, Pauls Cousin, vertreibt sich die Zeit indem er Paul schikaniert. Alle Fragen Pauls an die Mutter was mit seinem Vater sei, wird ausgewichen.
Nachdem sich Pauls anderer Cousin, der aus dem ersten Weltkrieg als desillusionierter Krüppel zurückgekommen ist, erschossen hat, werden Paul und seiner Mutter ins München der Nachkriegszeit mit dem Überlebenskampf der Menschen und steigenden Brutalität der politischen Parteien geworfen. Jürgen findet in einer neu aufstrebenden Partei Platz für seine Aggressionen und hilft auch beim versuchten Putsch der Nationalsozialisten von 1923 mit (tötet aber vorher noch Pauls Mutter, weil sie ihm entdeckt, daß er Pauls Bruder ist).
Paul sucht inzwischen nach der Wahrheit um seinen Vater und ist zwischen 1923 und 1933 in Südwestafrika auf Vaters Spuren.
Als er auf Spuren eines Mannes der seinen Vater kannte wieder nach Deutschland zurückkommt löst er nicht nur endlich die Lügengeschichten um den Tod seines Vaters, sondern wehrt sich auch erfolgreich (und tödlich) gegen Jürgen sondern holt auch die verehrte/geliebte Frau (eine Jüdin) in einer dramatischen Aktion aus dem Lager Dachau heraus. Über Portugal fliehen sie (Paul, die geliebte Frau, deren gemeinsamen Sohn und den Bruder der Frau) dann nach Amerika.

Parallelgeschichte sind die Freimaurer in Deutschland in der Zwischenkriegszeit. Als frei denkende Menschen waren sie dem hierarchischen Nationalsozialismus nicht genehm und sie wurden mehr oder weniger freiwillig aufgelöst. Ob der Ansatz, daß Leute eingeschleust wurden um die Namenslisten der Freimaurer zu erhalten stimmt oder nicht, weiß ich nicht - als Ansatz in einem Roman ist er spannungserzeugend. Jürgen war der Verräter als der eingeschleuste Mann, und wandte sich damit gegen seinen und Pauls Vater, der Freimaurer war.

Die Liebesgeschichte des Buches findet zwischen Alice, der jüdischen Bankerstochter, und Paul statt. Es ist keine glückliche sondern eine mühsame Liebe. Auch Jürgen behauptet die schöne Frau gefalle ihm - was aber unglaubhaft bleibt. Daß ein uneheliches Kind dieser Bindung entspringt ist nicht so logisch, aber der Bub ist nett geschildert.

Die Menschen sind tw. greifbar, tw. oberflächlich geschildert. Jürgen als Brutalo eher einseitig, Paul ist schwankend gezeichnet zwischen gestaltend-anpackend oder in Selbstmitleid versinkend, Alice ist schön aber schlagfertig und damit so manchem Mann unsympathisch (sie arbeitet als Photographin, was ab einem gewissen Zeitpunkt historisch ziemlich unglaubwürdig ist), Tante Brunhilda wird mit ihrer Bösartigkeit und Verzweiflung gut gezeichnet, der spielsüchtige Baron sowie der Freimaurerfreund und Buchhändler Keller ebenfalls.

 Das Buch ist gut und rasch zu lesen. Die Ungereimtheiten stören zwar, hindern aber den Zug der Spannung nicht.