Viktorija (Samojlovna) Tokarjewa :
"Der Baum auf dem Dach"
original "Derevo na kryse"
aus dem Russischen von Angelika Schneider
2010, Diogenes Verlag AG Zürich
Roman
191 Seiten
ISBN 978-3-257-06749-1
Das Buch ist ein starker intensiver Roman, der sich meiner Ansicht nach mehr auf die Frauen konzentriert. Die Geschichte und die Personen haben mich fasziniert.
Im Mittelpunkt steht Vera. Sie stammt aus einem kleinen Dorf, möchte Schauspielerin werden, heiratet in eine Professorsfamilie und überlebt als einzige Hunger und Kriegswirren in Leningrad. Daß ihr damaliger Mann sie vor die Tür setzt, weil er ihre Lebensmittelkarten will, versteht sie sogar.
Nach dem Krieg arbeitet sie wieder im Theater, lebt heimlich in den Kulissen, hat eine Affäre mit einem jungen sehr kreativen, aber kranken Mann und wird gezwungen das/sein/ihr Kind abzutreiben.
Sie lebt weiter in den Kulissen und lernt den zehn Jahre jüngeren Alexander kennen. Wider Erwarten wird sie wieder schwanger, bekommt das Kind diesmal und mit Unterstützung von Alexanders Mutter, die glücklich ist einen Enkel zu haben, bauen die zwei 2 Frauen eine Familie um die Männer auf.
In der Zeit mit Alexander entstehen viele Filme und Vera wandelt sich von einer bläßlichen in eine starke, intensive, sehr russische Filmschauspielerin. Wenn sie nicht filmt oder spielt, sorgt sie für den reibungslosen Ablauf des Haushalts.
Alles könnte gut gehen, wenn Alexander nicht auch andere Frauen sehr sehr gut gefallen. Meist kommen und gehen sie. Vera versteht, daß ihr Mann hin und wieder inspirierende Abwechslung braucht. Eine aber wird aber wirklich wichtig : sie schreibt Drehbücher, ist verheiratet und hat eine Tochter. Wie die Geschichte weitergeht, wie sich wer entscheidet, oder nicht entscheidet, dazu sollte man das Buch selber lesen.
Mich haben die Schilderungen der Frauen in den Bann gezogen - Vera (Schauspielerin, Gattin, Mutter, Hausfrau, kümmert sich um alles), Margo - Alexanders Mutter (charismatische Frau die auf ihr Aussehen schaut, Chorleiterin, zieht gerne die Fäden, liebt ihren Sohn und ihr Enkelkind), Lena (schreibt Drehbücher, erhält ihre Familie, schreibt Bücher und Erzählungen, liebt verheirateten Mann auf dessen Entscheidung sie wartet), Rabja - Rebekka (Sohn von Iwan, Enkelin von Vera und Alexander, Kind einer Frau aus dem Dorf die Alexander und Vera nicht gut genug war, sie gibt Alexander Hoffnung).
Immer wieder blitzen die Situationen aus dem Regime der Sowjetunion auf, bei denen die Menschen in Freiheit und Kreativität gehemmt werden. Sie dürfen oder auch nicht ins Ausland, Filme werden gezeigt oder landen in der Schublade, Bücher werden veröffentlicht oder landen in der Schublade, irgendwelche Beamte greifen ein. Nach dem 'Prager Frühling' wurde es für die Kreativen enger, die 'Perestroika' gab allen Hoffnung und Aufschwung.
Mich hat der Roman fasziniert und in den Bann gezogen. Einzelne Bilder arbeiten noch in mir nach. Ich kann das Buch nur empfehlen.
Sonntag, 8. April 2012
Donnerstag, 5. April 2012
Jaromír Dlouhý : "Der Losverkäufer und andere Los-G'schichten"
Jaromír Dlouhý :
"Der Losverkäufer und andere Los-G'schichten"
2004, Erstausgabe Editio Moravia Brno/Brünn
"Povídky s losem, Loosem a jiné loskominy"
aus dem Tschechischen vom Autor übersetzt
150 Seiten
ISBN 978-3-8334-7005-9
In diesem Band sind zwölf Geschichten erzählt, die sich entweder direkt mit dem Wort 'Los' auseinandersetzen oder der zweiten Bedeutung Schicksal. Manche Geschichten sprechen mich sehr an, andere gar nicht.
'Ein Gespräch über den nicht anwesenden Herrn Loos' ging mir sehr unter die Haut, da es die hoffentlich fiktive Geschichte erzählt, daß das Ehepaar Loos vor dem zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei fliehen mußten. Auf der letzten deutschen Bahnstation meint Herr Loos die letzten Mark die er noch hat ausgeben zu müssen und wird beim Zurückgehen zum Zug - da die Reisepapiere dort und nicht bei ihm sind - verhaftet und ward nie mehr gesehen. Jahrzehnte später beschließt Frau Loos nicht um die Rückerstattung des Vermögens zu klagen, es bringt ihr den Mann nicht zurück.
'Caprice Viennoise' erzählt die Geschichte eines begabten tschechoslowakischen Violinstudenten dem eine wunderbare Geige anvertraut wird, als er in Wien als Gaststudent sein darf. Der junge Mann verliebt sich aber, und zwar in ein Mädchen des ältesten Gewerbes. Als er Geld braucht versetzt er die Geige. Sie borgt ihm das Geld um sie zurückzukaufen und wird - weil sie sie das Geld gestohlen hatte - verhaftet. Das bekommt der junge Mann nicht mehr mit. Erst viele Jahre später kommt er wieder nach Wien und geht zu der alten Adresse - dort ist wieder ein Mädchen des ältesten Gewerbes.
In 'Los Angeles' träumt ein Mädchen vom Auswandern nach Los Angeles. Auswandern vom Unfalltod des Vaters, der immer plärrenden kleinen Schwester, der Verzweiflung über die Armut der Mutter. Als die Mutter dann einen netten Mann heiratet und vieles besser wird, wird das Auswandern verschoben - aber nicht auf immer.
'Losos iz Kumysom' und 'Die Erzählung mit dem "Losos" und so weiter und so fort' sind Teil eins und Teil zwei der Geschichte eines Korrepetitors in der Oper, der bei einer verbotenen Liebes- und Eifersuchtsgeschichte hilfreich ist und dafür in Jatusk, in Sibirien erstmals eine Oper dirigieren darf. Mit ihm reist eine junge Sängerin, in die der junge Mann schon lange verliebt ist. Nach Beschreibungen der Weißen Nächte und kurzer Geschichte der Wolgadeutschen, gibt es ein glückliches (Familien)ende. Kumys ist übrigens Stutenmilch die in Sibirien getrunken wird, und mit Lachs und Gewürzen ein herrliches Gericht ergibt.
'Abends in Laos' ist quasi Teil 3, denn hier sind die Sorgen der musikgebenden Eltern um ihre Tochter, die ins Lokal Laos geht und denen die Eltern einen jungen sympathischen Tenor zuerst als Detektiv nachschicken.
'Regisseur Loskot, der Opernerneuerer, mein Herzkollaps und die Derniere' ist Teil 4 in der Familiengeschichte. Und - es ist auch eine Auseinadersetzung mit dem hier eher sinnlosen Regietheater, das Operninhalte brutal und gegen die Musik modernisiert. Die Hoffnung daß eine Geschichte auf der Bühne so erzählt werden darf wie sie geplant und komponiert war lebt allerdings weiter.
In 'Unterwegs nach Losiny' ist ein Wort-zerklaubernder Reisegenosse im Zugabteil. Dieser sogenannte Wissenschaftler erklärt Worte auf genau zwei Methoden (eine dritte gibt es per Defitionen nicht). Die Worte sind Prag, Ahoi, der Name Kubik und anderes - ziemlich verrückte aber unterhaltsame Ansätze zwischen Ethymologie und Geschichte werden hier präsentiert.
Schön ist für mich daß Musik als Thema immer wieder wichtig ist.
Als an europäischer Geschichte interessierter Mensch ist es für mich spannend, daß die Geschichten tw. zur Zeit des 'eisernen Vorhangs' spielen und hier mit Hinweisen wohin Reisen möglich ist und wohin nicht (auch innerhalb des Ostblocks eigenartig) ein interessantes Licht auf die Zeit werfen.
Die Erzählungen sind unterschiedlich, genauso wie die Menschen für mich manchmal greifbar sind (oder nicht). Ich kann das schmale Büchlein jedem Leser empfehlen, der entweder mit Musik etwas anfangen kann und will, der sich für europäische Geschichte im 20. Jahrhundert interessiert oder einfach mit Wortspielereien unterhalten werden möchte.
Erzählungen in ihrer Reihenfolge:
Faust und Klärchen
Ein Gespräch über den nicht anwesenden Herrn Loos
Die Losung, oder Elch auf der Waldlichtung
Caprice Viennoise
Losos iz Kumysom
Los Angeles
Die Erzählung mit dem "Losos" und so weiter und so fort
Abends in Laos
Unterwegs nach Losiny
Regisseur Loskot, der Opernerneuerer, mein Herzkollaps und die Derniere
Freiherr Heinrich Otto von Los
Über die letzten Dinge des Menschen
"Der Losverkäufer und andere Los-G'schichten"
2004, Erstausgabe Editio Moravia Brno/Brünn
"Povídky s losem, Loosem a jiné loskominy"
aus dem Tschechischen vom Autor übersetzt
150 Seiten
ISBN 978-3-8334-7005-9
In diesem Band sind zwölf Geschichten erzählt, die sich entweder direkt mit dem Wort 'Los' auseinandersetzen oder der zweiten Bedeutung Schicksal. Manche Geschichten sprechen mich sehr an, andere gar nicht.
'Ein Gespräch über den nicht anwesenden Herrn Loos' ging mir sehr unter die Haut, da es die hoffentlich fiktive Geschichte erzählt, daß das Ehepaar Loos vor dem zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei fliehen mußten. Auf der letzten deutschen Bahnstation meint Herr Loos die letzten Mark die er noch hat ausgeben zu müssen und wird beim Zurückgehen zum Zug - da die Reisepapiere dort und nicht bei ihm sind - verhaftet und ward nie mehr gesehen. Jahrzehnte später beschließt Frau Loos nicht um die Rückerstattung des Vermögens zu klagen, es bringt ihr den Mann nicht zurück.
'Caprice Viennoise' erzählt die Geschichte eines begabten tschechoslowakischen Violinstudenten dem eine wunderbare Geige anvertraut wird, als er in Wien als Gaststudent sein darf. Der junge Mann verliebt sich aber, und zwar in ein Mädchen des ältesten Gewerbes. Als er Geld braucht versetzt er die Geige. Sie borgt ihm das Geld um sie zurückzukaufen und wird - weil sie sie das Geld gestohlen hatte - verhaftet. Das bekommt der junge Mann nicht mehr mit. Erst viele Jahre später kommt er wieder nach Wien und geht zu der alten Adresse - dort ist wieder ein Mädchen des ältesten Gewerbes.
In 'Los Angeles' träumt ein Mädchen vom Auswandern nach Los Angeles. Auswandern vom Unfalltod des Vaters, der immer plärrenden kleinen Schwester, der Verzweiflung über die Armut der Mutter. Als die Mutter dann einen netten Mann heiratet und vieles besser wird, wird das Auswandern verschoben - aber nicht auf immer.
'Losos iz Kumysom' und 'Die Erzählung mit dem "Losos" und so weiter und so fort' sind Teil eins und Teil zwei der Geschichte eines Korrepetitors in der Oper, der bei einer verbotenen Liebes- und Eifersuchtsgeschichte hilfreich ist und dafür in Jatusk, in Sibirien erstmals eine Oper dirigieren darf. Mit ihm reist eine junge Sängerin, in die der junge Mann schon lange verliebt ist. Nach Beschreibungen der Weißen Nächte und kurzer Geschichte der Wolgadeutschen, gibt es ein glückliches (Familien)ende. Kumys ist übrigens Stutenmilch die in Sibirien getrunken wird, und mit Lachs und Gewürzen ein herrliches Gericht ergibt.
'Abends in Laos' ist quasi Teil 3, denn hier sind die Sorgen der musikgebenden Eltern um ihre Tochter, die ins Lokal Laos geht und denen die Eltern einen jungen sympathischen Tenor zuerst als Detektiv nachschicken.
'Regisseur Loskot, der Opernerneuerer, mein Herzkollaps und die Derniere' ist Teil 4 in der Familiengeschichte. Und - es ist auch eine Auseinadersetzung mit dem hier eher sinnlosen Regietheater, das Operninhalte brutal und gegen die Musik modernisiert. Die Hoffnung daß eine Geschichte auf der Bühne so erzählt werden darf wie sie geplant und komponiert war lebt allerdings weiter.
In 'Unterwegs nach Losiny' ist ein Wort-zerklaubernder Reisegenosse im Zugabteil. Dieser sogenannte Wissenschaftler erklärt Worte auf genau zwei Methoden (eine dritte gibt es per Defitionen nicht). Die Worte sind Prag, Ahoi, der Name Kubik und anderes - ziemlich verrückte aber unterhaltsame Ansätze zwischen Ethymologie und Geschichte werden hier präsentiert.
Schön ist für mich daß Musik als Thema immer wieder wichtig ist.
Als an europäischer Geschichte interessierter Mensch ist es für mich spannend, daß die Geschichten tw. zur Zeit des 'eisernen Vorhangs' spielen und hier mit Hinweisen wohin Reisen möglich ist und wohin nicht (auch innerhalb des Ostblocks eigenartig) ein interessantes Licht auf die Zeit werfen.
Die Erzählungen sind unterschiedlich, genauso wie die Menschen für mich manchmal greifbar sind (oder nicht). Ich kann das schmale Büchlein jedem Leser empfehlen, der entweder mit Musik etwas anfangen kann und will, der sich für europäische Geschichte im 20. Jahrhundert interessiert oder einfach mit Wortspielereien unterhalten werden möchte.
Erzählungen in ihrer Reihenfolge:
Faust und Klärchen
Ein Gespräch über den nicht anwesenden Herrn Loos
Die Losung, oder Elch auf der Waldlichtung
Caprice Viennoise
Losos iz Kumysom
Los Angeles
Die Erzählung mit dem "Losos" und so weiter und so fort
Abends in Laos
Unterwegs nach Losiny
Regisseur Loskot, der Opernerneuerer, mein Herzkollaps und die Derniere
Freiherr Heinrich Otto von Los
Über die letzten Dinge des Menschen
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Samstag, 31. März 2012
Gina Kaus : "Morgen um Neun"
Gina Kaus :
"Morgen um Neun"
Roman
Mit einem Nachwort von Gerhard Bauer
2008, Georg Olms Verlag
Bibliothek Verbrannter Bücher
originalgetreuer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1932
(Im Verlag Ullstein . Berlin)
302 Seiten
9 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-487-13614-7
Da ich vor cirka zweieinhalb Jahren "Die Geschwister Kleh" von Gina Kaus gelesen habe, und sowohl die Geschichte als auch ihren farbigen Schreibstil sehr mochte, war ich neugierig auf diesen Roman. Vorneweg, dieser Roman ist für mich anders als "die Geschwister Kleh", die Frau Kaus 1933 geschrieben hat (also ein Jahr nach diesem).
In "morgen um neun" macht sich ein Ehepaar vor dem Notar aus, am nächsten Tag um neun Uhr die besprochene Scheidung inkl. Modalitäten durchzuführen. Beide sind ruhig, gesittet, ziemlich emotionslos und klar, daß die Ehe sich auseinander entwickelt hat. In den folgenden Stunden inkl. Nacht versuchen beide Partner zu erkunden warum die fünfjährige Ehe gescheitert ist, und - sie entdecken bis dahin Seiten des Ehepartner die sie nicht gewußt hatten.
In der erotiklosen Ehe gab es mehrere Geliebte für den Ehemann - die letzte & seit Jahren aktuelle Geliebte wird ersucht zum Scheidungstermin zu erscheinen, denn einer muß schuld haben. Als der Ehemann entdeckt, daß seine Ehefrau seit einem Jahr einen Liebhaber hat, zuckt bei ihm erstmals Eifersucht auf.
Seine Ehefrau entdeckt inzwischen daß er regelmäßige Zahlungen leistet, ohne daß sie davon wußte. Bei einer fidelen nächtlichen Tanzpartie in der Wiener Vorstadt findet sie heraus, daß eine der Geliebten ihres Mannes bei der Geburt seines Kindes gestorben ist. Ihr hat er immer gesagt, daß er kein Kind möchte. Sie setzt sich in den Zug und holt das Kind vom Land ab, in die Wiener Großstadt.
Als der Ehemann nach einer Liebesnacht mit einem neuen Mädel vor dem Scheidungstermin Änderungen wünscht - schließlich habe seine Ehefrau ihn ja auch betrogen - wird er mit seinem Kind konfrontiert. Der Kinderwunsch seiner Ehefrau bringt die beiden zusammen, sodaß aus dem Scheidungstermin nichts wird.
In dem Roman sind weniger Energie und Farbenpracht, sondern der Stil gleitet gemütlich dahin. Ruhig wird die Wohnung der Langzeitgeliebten Franzi geschildet, süß wie sie ein liebevolles hausfrauliches reizendes Wesen ist. Leicht boshaft die gemieteten Zimmer des Ehemanns bei der älteren etwas betulichen Gräfin. Schön wie die Wohnung des Ehepaares geschildert wird mit ihrem langsam Wohlstand erarbeiten, der grantigen Haushilfe und einem Dackel Luzifer.
Die Menschen sind tw. schön klar gezeichnet - der Kunsthändler Marholm, seine Frau, die Freundin Felice, der Künstler und Pianist und Komponist Bratt bleibt wenig konturenhaft. Eigenartigerweise gehen mir weder Ehemann, noch Ehefrau unter die Haut. Sie sind mir an Anfang mit dem auseinander-gelebt-haben griffiger, als am Schluß als sie wieder zusammenfinden und das Kind seiner Geliebten im Nebenzimmer ist..
Das Buch war verboten worden, weil es unmoralisch sei. Der Ehemann denkt auch dauernd mit wechselndem guten oder schlechten Gewissen an seine Geliebten, inkl. der Herzlosigkeit zu der er Franzi dazu rät sich von einem reichen Mann aushalten zu lassen.
Der Roman ist gut geschrieben und gemütlich und rasch zu lesen. Obwohl mir die Hauptprotagonisten fremd bleiben, ziehen die Schilderungen der Umgebung in die Geschichte hinein.
"Morgen um Neun"
Roman
Mit einem Nachwort von Gerhard Bauer
2008, Georg Olms Verlag
Bibliothek Verbrannter Bücher
originalgetreuer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1932
(Im Verlag Ullstein . Berlin)
302 Seiten
9 Seiten Nachwort
ISBN 978-3-487-13614-7
Da ich vor cirka zweieinhalb Jahren "Die Geschwister Kleh" von Gina Kaus gelesen habe, und sowohl die Geschichte als auch ihren farbigen Schreibstil sehr mochte, war ich neugierig auf diesen Roman. Vorneweg, dieser Roman ist für mich anders als "die Geschwister Kleh", die Frau Kaus 1933 geschrieben hat (also ein Jahr nach diesem).
In "morgen um neun" macht sich ein Ehepaar vor dem Notar aus, am nächsten Tag um neun Uhr die besprochene Scheidung inkl. Modalitäten durchzuführen. Beide sind ruhig, gesittet, ziemlich emotionslos und klar, daß die Ehe sich auseinander entwickelt hat. In den folgenden Stunden inkl. Nacht versuchen beide Partner zu erkunden warum die fünfjährige Ehe gescheitert ist, und - sie entdecken bis dahin Seiten des Ehepartner die sie nicht gewußt hatten.
In der erotiklosen Ehe gab es mehrere Geliebte für den Ehemann - die letzte & seit Jahren aktuelle Geliebte wird ersucht zum Scheidungstermin zu erscheinen, denn einer muß schuld haben. Als der Ehemann entdeckt, daß seine Ehefrau seit einem Jahr einen Liebhaber hat, zuckt bei ihm erstmals Eifersucht auf.
Seine Ehefrau entdeckt inzwischen daß er regelmäßige Zahlungen leistet, ohne daß sie davon wußte. Bei einer fidelen nächtlichen Tanzpartie in der Wiener Vorstadt findet sie heraus, daß eine der Geliebten ihres Mannes bei der Geburt seines Kindes gestorben ist. Ihr hat er immer gesagt, daß er kein Kind möchte. Sie setzt sich in den Zug und holt das Kind vom Land ab, in die Wiener Großstadt.
Als der Ehemann nach einer Liebesnacht mit einem neuen Mädel vor dem Scheidungstermin Änderungen wünscht - schließlich habe seine Ehefrau ihn ja auch betrogen - wird er mit seinem Kind konfrontiert. Der Kinderwunsch seiner Ehefrau bringt die beiden zusammen, sodaß aus dem Scheidungstermin nichts wird.
In dem Roman sind weniger Energie und Farbenpracht, sondern der Stil gleitet gemütlich dahin. Ruhig wird die Wohnung der Langzeitgeliebten Franzi geschildet, süß wie sie ein liebevolles hausfrauliches reizendes Wesen ist. Leicht boshaft die gemieteten Zimmer des Ehemanns bei der älteren etwas betulichen Gräfin. Schön wie die Wohnung des Ehepaares geschildert wird mit ihrem langsam Wohlstand erarbeiten, der grantigen Haushilfe und einem Dackel Luzifer.
Die Menschen sind tw. schön klar gezeichnet - der Kunsthändler Marholm, seine Frau, die Freundin Felice, der Künstler und Pianist und Komponist Bratt bleibt wenig konturenhaft. Eigenartigerweise gehen mir weder Ehemann, noch Ehefrau unter die Haut. Sie sind mir an Anfang mit dem auseinander-gelebt-haben griffiger, als am Schluß als sie wieder zusammenfinden und das Kind seiner Geliebten im Nebenzimmer ist..
Das Buch war verboten worden, weil es unmoralisch sei. Der Ehemann denkt auch dauernd mit wechselndem guten oder schlechten Gewissen an seine Geliebten, inkl. der Herzlosigkeit zu der er Franzi dazu rät sich von einem reichen Mann aushalten zu lassen.
Der Roman ist gut geschrieben und gemütlich und rasch zu lesen. Obwohl mir die Hauptprotagonisten fremd bleiben, ziehen die Schilderungen der Umgebung in die Geschichte hinein.
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Dienstag, 27. März 2012
Tarquin Hall : "Der lachende Tote"
Tarquin Hall :
"Der lachende Tote" - Ein neuer Fall für Vish Puri
2010, Simon & Schuster
original "the case of the man who died laughing"
aus dem Englischen von Jochen Stemmel
Deutsche Erstausgabe
2010, Heyne Taschenbuch Verlag
374 Seiten
14 Seiten Glossar (mit typischen indischen Phrasen und v.a. Erläuterungen der herrlichen Speisen)
ISBN 978-3-453-43417-2
Das Buch ist ein vergnüglicher Krimi der Freude zu Lesen macht. Der rundliche Detektiv Vish Puri lebt in Delhi, löst pikante oder wichtige Fälle als Detektiv mit seinem Netzwerk, ist aktiver Familienmensch und geht zwischendurch gut Essen oder nimmt geschmackvolle Imbisse zu sich.
Dr. Jiha, ein Wissenschaftler, der nicht an Götter glaubt, entmystifiziert mit Logik immer wieder Magiere oder andere Menschen, die durch ihre sogenannte Spiritualität viel Geld verdienen. Morddrohungen folgen. Mitten in einem Lachseminar, das Dr. Jiha jeden Tag in der Früh im Park besucht, ersticht ihn eine Gestalt in Form der Göttin Kali (Anmerkung: sie hat Menschenköpfe als Schmuck, und ist eine der starken dämonischenhöchsten Göttinnen im Hindu-Glauben).
Vish Puri, der sich gut mit Dr. Jiha verstanden hatte, sieht es als Ehrenpflicht diesen Mord aufzuklären aber noch mehr die sogenannte Vision zu erklären. Besuche bei mehreren Magieren bringen ihn langfristig auf die richtige Fährte. Leider ist jemand schneller als er und ein Freund Dr. Jihas und dessen Chauffeur werden ermordet.
Letztendlich stellt sich allerdings heraus daß der mächtige Magier mit dem sich Dr. Jiha angelegt hatte ein geschickter Illusionist war, der vor Erpressung und (auch sexuellem) Machtmißbrauch nicht zurückschreckte.
In der Zwischenzeit lösen die Mutter und Gattin von Vish Puri einen Geldüberfall in ihrer illustren Damenrunde. Die Beschreibung der Damen, ihrer Lebensarten und ihre Eigenheiten ist vergnüglich zu lesen.
Privat werden Herr Vish Puri und seine Gattin Großeltern von Zwillingen - auch hier sind die Beschreibungen der einzelnen Familienmitglieder, und der Festivitäten und Rituale vor der Niederkunft schön beschrieben und bringen beim Lesen zum Schmunzeln.
Die Personen sind klar und liebevoll gezeichnet - auch wenn sie jmd verachten. Vish Puri's Eigenart seinen Mitmenschen sofort Spitznamen zu geben ist faszinierend - sein Chauffeur wird Handbremse genannt etc. Dezente geistige Verwandtschaft ist mit Hercule Poirot zu merken, weil beide Detektive von der Überrangenheit ihres Verstandes und Durchblicks überzeugt sind (was zu komischen Dialogen mit geübten Stichwortgebern im Buch führt).
Die Ort der diversen Geschehnisse - wie Park in Indien, Haus von Vish Puri, diverse Tempel, der Bereich des großen Magiers, etc. wird beschrieben und läuft wie ein Film vor dem geistigen Auge ab. Vor dem entsetzlichen Elend der bettelarmen Menschen in (hier) Delhi bzw. einzelnen Stadtteilen werden die Augen nicht verschlossen, sondern auch etwas Raum gegeben.
Danke an Übersetzer/Verlag für den Glossar. Hier werden tw die typisch indischen Ausdrucke erklärt und auch die vielen verschiedenen Imbisse und lukullischen Köstlichkeiten erläutert. Mich hat das Buch sehr an meinen Indienaufenthalt erinnert und regt an wieder zu probieren etwas Indisches (nach)zu kochen.
Alles in allem eine Freude das Buch zu Lesen. Ich empfehle es gerne Menschen mit Humor und Neugier für das schöne Land Indien weiter.
"Der lachende Tote" - Ein neuer Fall für Vish Puri
2010, Simon & Schuster
original "the case of the man who died laughing"
aus dem Englischen von Jochen Stemmel
Deutsche Erstausgabe
2010, Heyne Taschenbuch Verlag
374 Seiten
14 Seiten Glossar (mit typischen indischen Phrasen und v.a. Erläuterungen der herrlichen Speisen)
ISBN 978-3-453-43417-2
Das Buch ist ein vergnüglicher Krimi der Freude zu Lesen macht. Der rundliche Detektiv Vish Puri lebt in Delhi, löst pikante oder wichtige Fälle als Detektiv mit seinem Netzwerk, ist aktiver Familienmensch und geht zwischendurch gut Essen oder nimmt geschmackvolle Imbisse zu sich.
Dr. Jiha, ein Wissenschaftler, der nicht an Götter glaubt, entmystifiziert mit Logik immer wieder Magiere oder andere Menschen, die durch ihre sogenannte Spiritualität viel Geld verdienen. Morddrohungen folgen. Mitten in einem Lachseminar, das Dr. Jiha jeden Tag in der Früh im Park besucht, ersticht ihn eine Gestalt in Form der Göttin Kali (Anmerkung: sie hat Menschenköpfe als Schmuck, und ist eine der starken dämonischenhöchsten Göttinnen im Hindu-Glauben).
Vish Puri, der sich gut mit Dr. Jiha verstanden hatte, sieht es als Ehrenpflicht diesen Mord aufzuklären aber noch mehr die sogenannte Vision zu erklären. Besuche bei mehreren Magieren bringen ihn langfristig auf die richtige Fährte. Leider ist jemand schneller als er und ein Freund Dr. Jihas und dessen Chauffeur werden ermordet.
Letztendlich stellt sich allerdings heraus daß der mächtige Magier mit dem sich Dr. Jiha angelegt hatte ein geschickter Illusionist war, der vor Erpressung und (auch sexuellem) Machtmißbrauch nicht zurückschreckte.
In der Zwischenzeit lösen die Mutter und Gattin von Vish Puri einen Geldüberfall in ihrer illustren Damenrunde. Die Beschreibung der Damen, ihrer Lebensarten und ihre Eigenheiten ist vergnüglich zu lesen.
Privat werden Herr Vish Puri und seine Gattin Großeltern von Zwillingen - auch hier sind die Beschreibungen der einzelnen Familienmitglieder, und der Festivitäten und Rituale vor der Niederkunft schön beschrieben und bringen beim Lesen zum Schmunzeln.
Die Personen sind klar und liebevoll gezeichnet - auch wenn sie jmd verachten. Vish Puri's Eigenart seinen Mitmenschen sofort Spitznamen zu geben ist faszinierend - sein Chauffeur wird Handbremse genannt etc. Dezente geistige Verwandtschaft ist mit Hercule Poirot zu merken, weil beide Detektive von der Überrangenheit ihres Verstandes und Durchblicks überzeugt sind (was zu komischen Dialogen mit geübten Stichwortgebern im Buch führt).
Die Ort der diversen Geschehnisse - wie Park in Indien, Haus von Vish Puri, diverse Tempel, der Bereich des großen Magiers, etc. wird beschrieben und läuft wie ein Film vor dem geistigen Auge ab. Vor dem entsetzlichen Elend der bettelarmen Menschen in (hier) Delhi bzw. einzelnen Stadtteilen werden die Augen nicht verschlossen, sondern auch etwas Raum gegeben.
Danke an Übersetzer/Verlag für den Glossar. Hier werden tw die typisch indischen Ausdrucke erklärt und auch die vielen verschiedenen Imbisse und lukullischen Köstlichkeiten erläutert. Mich hat das Buch sehr an meinen Indienaufenthalt erinnert und regt an wieder zu probieren etwas Indisches (nach)zu kochen.
Alles in allem eine Freude das Buch zu Lesen. Ich empfehle es gerne Menschen mit Humor und Neugier für das schöne Land Indien weiter.
Samstag, 24. März 2012
Juan Gómez-Jurado : "Das Zeichen des Verräters"
Juan Gómez-Jurado :
"Das Zeichen des Verräters"
Thriller
original "El emblema del traidor"
2008, Plaza & Janés Editores, S.A. Barcelona
Deutsch von Luis Ruby
2010, Rowohlt Taschenbuch Verlag
463 Seiten + 5 Seiten Schlußbemerkung des Autos
ISBN 978-3-499-25279-2
Am Cover steht Thriller, eine Erwartung die ich nicht gestillt sehe. Allerdings ist das Buch schön rasch zu lesender Roman der in der spannenden Zwischenkriegszeit Großteils in Deutschland spielt und dort die politische Situation als Hintergrund für menschliche Schicksale nutzt.
Paul und seine Mutter leben bei der Schwester von Pauls Mutter, die einen Baron geehelicht hat und helfen im Haushalt für Kost und Logis. Jürgen, Pauls Cousin, vertreibt sich die Zeit indem er Paul schikaniert. Alle Fragen Pauls an die Mutter was mit seinem Vater sei, wird ausgewichen.
Nachdem sich Pauls anderer Cousin, der aus dem ersten Weltkrieg als desillusionierter Krüppel zurückgekommen ist, erschossen hat, werden Paul und seiner Mutter ins München der Nachkriegszeit mit dem Überlebenskampf der Menschen und steigenden Brutalität der politischen Parteien geworfen. Jürgen findet in einer neu aufstrebenden Partei Platz für seine Aggressionen und hilft auch beim versuchten Putsch der Nationalsozialisten von 1923 mit (tötet aber vorher noch Pauls Mutter, weil sie ihm entdeckt, daß er Pauls Bruder ist).
Paul sucht inzwischen nach der Wahrheit um seinen Vater und ist zwischen 1923 und 1933 in Südwestafrika auf Vaters Spuren.
Als er auf Spuren eines Mannes der seinen Vater kannte wieder nach Deutschland zurückkommt löst er nicht nur endlich die Lügengeschichten um den Tod seines Vaters, sondern wehrt sich auch erfolgreich (und tödlich) gegen Jürgen sondern holt auch die verehrte/geliebte Frau (eine Jüdin) in einer dramatischen Aktion aus dem Lager Dachau heraus. Über Portugal fliehen sie (Paul, die geliebte Frau, deren gemeinsamen Sohn und den Bruder der Frau) dann nach Amerika.
Parallelgeschichte sind die Freimaurer in Deutschland in der Zwischenkriegszeit. Als frei denkende Menschen waren sie dem hierarchischen Nationalsozialismus nicht genehm und sie wurden mehr oder weniger freiwillig aufgelöst. Ob der Ansatz, daß Leute eingeschleust wurden um die Namenslisten der Freimaurer zu erhalten stimmt oder nicht, weiß ich nicht - als Ansatz in einem Roman ist er spannungserzeugend. Jürgen war der Verräter als der eingeschleuste Mann, und wandte sich damit gegen seinen und Pauls Vater, der Freimaurer war.
Die Liebesgeschichte des Buches findet zwischen Alice, der jüdischen Bankerstochter, und Paul statt. Es ist keine glückliche sondern eine mühsame Liebe. Auch Jürgen behauptet die schöne Frau gefalle ihm - was aber unglaubhaft bleibt. Daß ein uneheliches Kind dieser Bindung entspringt ist nicht so logisch, aber der Bub ist nett geschildert.
Die Menschen sind tw. greifbar, tw. oberflächlich geschildert. Jürgen als Brutalo eher einseitig, Paul ist schwankend gezeichnet zwischen gestaltend-anpackend oder in Selbstmitleid versinkend, Alice ist schön aber schlagfertig und damit so manchem Mann unsympathisch (sie arbeitet als Photographin, was ab einem gewissen Zeitpunkt historisch ziemlich unglaubwürdig ist), Tante Brunhilda wird mit ihrer Bösartigkeit und Verzweiflung gut gezeichnet, der spielsüchtige Baron sowie der Freimaurerfreund und Buchhändler Keller ebenfalls.
Das Buch ist gut und rasch zu lesen. Die Ungereimtheiten stören zwar, hindern aber den Zug der Spannung nicht.
"Das Zeichen des Verräters"
Thriller
original "El emblema del traidor"
2008, Plaza & Janés Editores, S.A. Barcelona
Deutsch von Luis Ruby
2010, Rowohlt Taschenbuch Verlag
463 Seiten + 5 Seiten Schlußbemerkung des Autos
ISBN 978-3-499-25279-2
Am Cover steht Thriller, eine Erwartung die ich nicht gestillt sehe. Allerdings ist das Buch schön rasch zu lesender Roman der in der spannenden Zwischenkriegszeit Großteils in Deutschland spielt und dort die politische Situation als Hintergrund für menschliche Schicksale nutzt.
Paul und seine Mutter leben bei der Schwester von Pauls Mutter, die einen Baron geehelicht hat und helfen im Haushalt für Kost und Logis. Jürgen, Pauls Cousin, vertreibt sich die Zeit indem er Paul schikaniert. Alle Fragen Pauls an die Mutter was mit seinem Vater sei, wird ausgewichen.
Nachdem sich Pauls anderer Cousin, der aus dem ersten Weltkrieg als desillusionierter Krüppel zurückgekommen ist, erschossen hat, werden Paul und seiner Mutter ins München der Nachkriegszeit mit dem Überlebenskampf der Menschen und steigenden Brutalität der politischen Parteien geworfen. Jürgen findet in einer neu aufstrebenden Partei Platz für seine Aggressionen und hilft auch beim versuchten Putsch der Nationalsozialisten von 1923 mit (tötet aber vorher noch Pauls Mutter, weil sie ihm entdeckt, daß er Pauls Bruder ist).
Paul sucht inzwischen nach der Wahrheit um seinen Vater und ist zwischen 1923 und 1933 in Südwestafrika auf Vaters Spuren.
Als er auf Spuren eines Mannes der seinen Vater kannte wieder nach Deutschland zurückkommt löst er nicht nur endlich die Lügengeschichten um den Tod seines Vaters, sondern wehrt sich auch erfolgreich (und tödlich) gegen Jürgen sondern holt auch die verehrte/geliebte Frau (eine Jüdin) in einer dramatischen Aktion aus dem Lager Dachau heraus. Über Portugal fliehen sie (Paul, die geliebte Frau, deren gemeinsamen Sohn und den Bruder der Frau) dann nach Amerika.
Parallelgeschichte sind die Freimaurer in Deutschland in der Zwischenkriegszeit. Als frei denkende Menschen waren sie dem hierarchischen Nationalsozialismus nicht genehm und sie wurden mehr oder weniger freiwillig aufgelöst. Ob der Ansatz, daß Leute eingeschleust wurden um die Namenslisten der Freimaurer zu erhalten stimmt oder nicht, weiß ich nicht - als Ansatz in einem Roman ist er spannungserzeugend. Jürgen war der Verräter als der eingeschleuste Mann, und wandte sich damit gegen seinen und Pauls Vater, der Freimaurer war.
Die Liebesgeschichte des Buches findet zwischen Alice, der jüdischen Bankerstochter, und Paul statt. Es ist keine glückliche sondern eine mühsame Liebe. Auch Jürgen behauptet die schöne Frau gefalle ihm - was aber unglaubhaft bleibt. Daß ein uneheliches Kind dieser Bindung entspringt ist nicht so logisch, aber der Bub ist nett geschildert.
Die Menschen sind tw. greifbar, tw. oberflächlich geschildert. Jürgen als Brutalo eher einseitig, Paul ist schwankend gezeichnet zwischen gestaltend-anpackend oder in Selbstmitleid versinkend, Alice ist schön aber schlagfertig und damit so manchem Mann unsympathisch (sie arbeitet als Photographin, was ab einem gewissen Zeitpunkt historisch ziemlich unglaubwürdig ist), Tante Brunhilda wird mit ihrer Bösartigkeit und Verzweiflung gut gezeichnet, der spielsüchtige Baron sowie der Freimaurerfreund und Buchhändler Keller ebenfalls.
Das Buch ist gut und rasch zu lesen. Die Ungereimtheiten stören zwar, hindern aber den Zug der Spannung nicht.
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2010,
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Liebe,
Roman,
Übersetzer,
Verrat,
Zwischenkriegszeit
Dienstag, 20. März 2012
Martin Walker : "Grand Cru"
Martin Walker :
"Grand Cru" - Der zweite Fall für Bruno, Chef de Police
original "the Dark Vineyard"
2009, Quercus, London
Aus dem Englischen von Michael Windgassen
2010, Diogenes Verlag Zürich
374 Seiten + Danksagung
ISBN 978-3-257-06750-7
Ein netter, gut geschriebener Krimi mit schön beschriebenen Menschen in einer schönen Gegend und das Ganze als Krimi um Wein.
Bruno als Chef de Police wird zu einem Scheunenbrand gerufen. Es stellt sich heraus, daß hier nicht genehmigte Betriebsbauten und Gen-Forschungen gelaufen sind. In Zeiten wie diesen wird sofort Terror befürchtet und ihm wird die Police National repräsentiert durch einen forschen eher ungemütlichen Mann zur Seite gestellt. Als Verdächtige gelten Écolo-s (interpretiere ich als bisweilen radikale Umweltschützer) und ehemalige 68-er die auf ihrem Hof den besten Käse der Umgebung machen.
Parallel kommt Besuch aus USA. Die Herren planen die vorhandenen Weingüter, die verschieden guten Wein erzeugen, aufzukaufen und in ihr Imperium zu integrieren. Allerdings soll das möglichst ruhig geschehen, damit die Grundstückpreise nicht explodieren.
Bei den vorhandenen Weingütern handelt es sich von beherzten Bio-bauern die alles natürlich machen, bis zu Bauern der alles in die Weinpresse wirft egal welche Rebe er gerade in der Hand hat, bis zu Weingütern die bewußt und vielfältig hochwertige Weine produzieren und im eigenen Restaurant oder Hotel anbieten.
Leider wird die Leiche eines jungen Mannes im Wein gefunden, die Leiche eines alten Mannes davor und dessen alter Hund wird vermißt.
Bruno muß als Chef de Police für Ruhe und Gelassenheit im Dorf sorgen, vermitteln wenn sich die Amerikaner daneben benehmen, die Morde aufklären und regt nebenbei an eine eigene Appelation für den Wein der Region zu beantragen.
Nach einigen sehr netten Abendessen bei denen das Essen, die Weine die wichtigen Menschen des Ortes und eine attraktive Besucherin hübsch beschrieben werden, löst sich alles zur Zufriedenheit auf.
Die Menschen werden schön und klar beschrieben: Bruno selber, Alphonse der 68-er mit Hof und Käseherstellung, Pamela eine zugereiste Britin mit Pferdetick, Capitain Duroc von der Police National der fast keinen Fettnapf mit schlechtem Benehmen ausläßt, die Polizeiärztin und Pathologin Fabiola, Bürgermeister Jean-Jacques der den wirtschaftlichen Aufschwung seines Ortes im Auge hat, Fernando Bondino dessen Familie in Amerika wichtige Weinproduzenten sind, die kanadische hübsche Weinstudentin Jacqueline, und verschiedene Freunde von Bruno die meist mit Wein zu tun haben
Auch die Ort sind schön beschrieben: Faucquets Lokal, der Wochenmarkt, die verschiedenen Höfe der Bauern für Wein oder Käse.
Was über Wein, weltweite Weinproduktionen, deren Zusammenhang im Weltwirtschaft, bis hin zur Ökologie zu lesen war, ist sehr interessant. Es für einen Krimi zu nutzen hat Spaß beim Lesen gemacht.
Ich habe das Buch zwischen einem eher anstrengenden Buch zu Erholung gelesen und sehr genossen.
Vermutlich auch weil dieser Teil Frankreichs mit dem kleinen Ort und den Hügeln und den Eßgewohnheiten der Plate du jour, dem Genuß des Ricard (Anis-schnaps) mir durch einen Frankreichbesuch sehr vertraut war.
Ich hoffe andere Leserinnen und Leser genießen das Buch ebenso (und genießen nachher ein Glaserl guten Rotweins *g*).
"Grand Cru" - Der zweite Fall für Bruno, Chef de Police
original "the Dark Vineyard"
2009, Quercus, London
Aus dem Englischen von Michael Windgassen
2010, Diogenes Verlag Zürich
374 Seiten + Danksagung
ISBN 978-3-257-06750-7
Ein netter, gut geschriebener Krimi mit schön beschriebenen Menschen in einer schönen Gegend und das Ganze als Krimi um Wein.
Bruno als Chef de Police wird zu einem Scheunenbrand gerufen. Es stellt sich heraus, daß hier nicht genehmigte Betriebsbauten und Gen-Forschungen gelaufen sind. In Zeiten wie diesen wird sofort Terror befürchtet und ihm wird die Police National repräsentiert durch einen forschen eher ungemütlichen Mann zur Seite gestellt. Als Verdächtige gelten Écolo-s (interpretiere ich als bisweilen radikale Umweltschützer) und ehemalige 68-er die auf ihrem Hof den besten Käse der Umgebung machen.
Parallel kommt Besuch aus USA. Die Herren planen die vorhandenen Weingüter, die verschieden guten Wein erzeugen, aufzukaufen und in ihr Imperium zu integrieren. Allerdings soll das möglichst ruhig geschehen, damit die Grundstückpreise nicht explodieren.
Bei den vorhandenen Weingütern handelt es sich von beherzten Bio-bauern die alles natürlich machen, bis zu Bauern der alles in die Weinpresse wirft egal welche Rebe er gerade in der Hand hat, bis zu Weingütern die bewußt und vielfältig hochwertige Weine produzieren und im eigenen Restaurant oder Hotel anbieten.
Leider wird die Leiche eines jungen Mannes im Wein gefunden, die Leiche eines alten Mannes davor und dessen alter Hund wird vermißt.
Bruno muß als Chef de Police für Ruhe und Gelassenheit im Dorf sorgen, vermitteln wenn sich die Amerikaner daneben benehmen, die Morde aufklären und regt nebenbei an eine eigene Appelation für den Wein der Region zu beantragen.
Nach einigen sehr netten Abendessen bei denen das Essen, die Weine die wichtigen Menschen des Ortes und eine attraktive Besucherin hübsch beschrieben werden, löst sich alles zur Zufriedenheit auf.
Die Menschen werden schön und klar beschrieben: Bruno selber, Alphonse der 68-er mit Hof und Käseherstellung, Pamela eine zugereiste Britin mit Pferdetick, Capitain Duroc von der Police National der fast keinen Fettnapf mit schlechtem Benehmen ausläßt, die Polizeiärztin und Pathologin Fabiola, Bürgermeister Jean-Jacques der den wirtschaftlichen Aufschwung seines Ortes im Auge hat, Fernando Bondino dessen Familie in Amerika wichtige Weinproduzenten sind, die kanadische hübsche Weinstudentin Jacqueline, und verschiedene Freunde von Bruno die meist mit Wein zu tun haben
Auch die Ort sind schön beschrieben: Faucquets Lokal, der Wochenmarkt, die verschiedenen Höfe der Bauern für Wein oder Käse.
Was über Wein, weltweite Weinproduktionen, deren Zusammenhang im Weltwirtschaft, bis hin zur Ökologie zu lesen war, ist sehr interessant. Es für einen Krimi zu nutzen hat Spaß beim Lesen gemacht.
Ich habe das Buch zwischen einem eher anstrengenden Buch zu Erholung gelesen und sehr genossen.
Vermutlich auch weil dieser Teil Frankreichs mit dem kleinen Ort und den Hügeln und den Eßgewohnheiten der Plate du jour, dem Genuß des Ricard (Anis-schnaps) mir durch einen Frankreichbesuch sehr vertraut war.
Ich hoffe andere Leserinnen und Leser genießen das Buch ebenso (und genießen nachher ein Glaserl guten Rotweins *g*).
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Wein,
Wirtschaft
Donnerstag, 15. März 2012
Constantin Göttfert : "Satus Katze"
Constantin Göttfert :
"Satus Katze"
2011, C.H.Beck, München
Roman
132 Seiten
ISBN 978-3-406-62164-2
Katze am Cover, Katze im Titel, und ich dachte das kann schön werden. Katzen gibt es im Buch - mystische die alles überleben, kleine die getötet werden, alte die auf der Theaterbühne machen was sie wollen.
In dem Roman sind verschiedene Stränge die mir verschieden gut gefallen. Der Hauptstrang ist der des Auslandsstudenten aus Wien in Finnland, der sich weigert finnisch zu lernen, der wenige Kontakt hat aber mit der Germanistikprofessorin Dr. Karjalainen eigenartig viel Kontakt hat. Sie erzählt ihm von Kalevala und Louhi, der starken Frau in der finnischen Mythologie, nach der er ein gerettetes Kätzchen nennt. Sein Geschichtsstrang ziemlich springt zwischen Aufenthalt in Finnland und Wien nachher, als ihn ein Theaterposter mit Katze an Finnland erinnert.
Dieses Theaterposter führt zu einem kursiv gedruckten Text von Satu, der die Erinnerungen an seine Eltern erzählerisch festhält, deren gemeinsam unglücklich sein, bis zum Krankenhausaufenthalt der Mutter und Selbstmord des Vaters führt. Die letzten Tage des Vaters hat ihn eine große eigentümlich krank wirkende Katze begleitet. Dieser Strang hat mich fasziniert und ich finde ihn stark und eindrücklich.
Kurzer Nebenstrang ist Dr. Karjalainen und ihrer unglücklichen Ehe gewidmet. Ihr Mann ist von einem Elternteil her Deutscher und gilt als solcher als Feind aus dem zweiten Weltkrieg. Er hat keine Chance auf Arbeit aber weiß viel über Wald und Sagen. Das gemeinsame Kind erstickt an einer Katze.
Die Erotik die den Studenten mit der Professorin in Finnland und auch mit der Schauspielerin des Satu-Textes in Wien verbindet, ist kalt und ziemlich unsinnlich.
Als kalt und distanziert wird auch das Miteinanderleben der Studenten etc. in Finnland beschrieben : nur dumpfes Herumsitzen und trinken. Als einer der finnischenStudenten in der klirrenden Kälte draußen erfriert, kann niemand die Fragen des Vaters beantworten.
Die Menschen in den Buch sind jeder in sein Leben vertieft - Kommunikation findet selten bis mühsam statt. Hoffnung ist keine zu spüren.
Ob ich das Buch empfehlen kann ? Die mythologischen finnischen Elemente habe mir gut gefallen, die Art und Weise mit Katzen umzugehen nur bedingt und die kühle Art der Menschen wenig.
"Satus Katze"
2011, C.H.Beck, München
Roman
132 Seiten
ISBN 978-3-406-62164-2
Katze am Cover, Katze im Titel, und ich dachte das kann schön werden. Katzen gibt es im Buch - mystische die alles überleben, kleine die getötet werden, alte die auf der Theaterbühne machen was sie wollen.
In dem Roman sind verschiedene Stränge die mir verschieden gut gefallen. Der Hauptstrang ist der des Auslandsstudenten aus Wien in Finnland, der sich weigert finnisch zu lernen, der wenige Kontakt hat aber mit der Germanistikprofessorin Dr. Karjalainen eigenartig viel Kontakt hat. Sie erzählt ihm von Kalevala und Louhi, der starken Frau in der finnischen Mythologie, nach der er ein gerettetes Kätzchen nennt. Sein Geschichtsstrang ziemlich springt zwischen Aufenthalt in Finnland und Wien nachher, als ihn ein Theaterposter mit Katze an Finnland erinnert.
Dieses Theaterposter führt zu einem kursiv gedruckten Text von Satu, der die Erinnerungen an seine Eltern erzählerisch festhält, deren gemeinsam unglücklich sein, bis zum Krankenhausaufenthalt der Mutter und Selbstmord des Vaters führt. Die letzten Tage des Vaters hat ihn eine große eigentümlich krank wirkende Katze begleitet. Dieser Strang hat mich fasziniert und ich finde ihn stark und eindrücklich.
Kurzer Nebenstrang ist Dr. Karjalainen und ihrer unglücklichen Ehe gewidmet. Ihr Mann ist von einem Elternteil her Deutscher und gilt als solcher als Feind aus dem zweiten Weltkrieg. Er hat keine Chance auf Arbeit aber weiß viel über Wald und Sagen. Das gemeinsame Kind erstickt an einer Katze.
Die Erotik die den Studenten mit der Professorin in Finnland und auch mit der Schauspielerin des Satu-Textes in Wien verbindet, ist kalt und ziemlich unsinnlich.
Als kalt und distanziert wird auch das Miteinanderleben der Studenten etc. in Finnland beschrieben : nur dumpfes Herumsitzen und trinken. Als einer der finnischenStudenten in der klirrenden Kälte draußen erfriert, kann niemand die Fragen des Vaters beantworten.
Die Menschen in den Buch sind jeder in sein Leben vertieft - Kommunikation findet selten bis mühsam statt. Hoffnung ist keine zu spüren.
Ob ich das Buch empfehlen kann ? Die mythologischen finnischen Elemente habe mir gut gefallen, die Art und Weise mit Katzen umzugehen nur bedingt und die kühle Art der Menschen wenig.
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