Montag, 20. Februar 2017

Nagib Machfus : "Miramar"

Nagib Machfus :
"Miramar"
Roman
original "Miramar"
1967
Aus dem Arabischen von Wiebke Walther
1989/2012, Unionsverlag
225 Seiten + 6 Seiten Worterklärungen
ISBN 978-3-293-20591-8

Die Geschichte findet in Alexandria statt, und wird aus mehreren Perspektiven erzählt, wobei in die Historie Ägyptens bis vor den Machtwechsel der Wafd-Partei gegriffen wird. In der Pension der griechisch-gebürtigen Madame Mariana wohnen mehrere Männer unterschiedlichen Alters, die die junge Fellachin Zuchra unterschiedlich betrachten und behandeln. Zuchra ist aus einem Dorf ausgerissen und versucht sich in der Stadt ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen, was in den 60-ern des 20. Jahrhunderts trotz angeblicher Gleichheit nicht einfach ist, da das Benehmen der Männer von respektvoll bis sehr respektlos ist. Am Ende steht ein toter Männerkörper, und daß Zuchra sich eine neue Arbeit suchen muß.

Die Geschichte der fünf Männer, die im Hotel Miramar wohnen, wird aus deren unterschiedlichen Sichtweisen und persönlichen Geschichten erzählt. Keiner der zwei Frauen wird eine Erzählung gewidmet.
   Ausgangspunkte und auch Epilog bietet der alte Journalist Amir Wagdi , der gütig und verständnisvoll die Positionen der Menschen ansieht und auf Revolution(en) und viele Regierungen, und viel Menschliches zurückblickt. Ruhe bieten ihm nur verschiedene Suren.
   Etwas jünger ist der arrogante Tolba Marzuq, der lange Ministerposten und viel Einfluß hatte, und dessen Vermögen nach dem Regierungswandel zerstreut wurde.  Er darf keinen eigenen Blickwinkel anbieten.
Jeder der drei jungen Männer erzählt aus seiner Sicht:
   Husni Allam der sein Geld verjubelt, Frauen ohne Bedenken genießt und in Zuchra zumindest eine Geliebte sieht. Sein Geld möchte er in ein Bordell investieren. Der Stil seiner Sichtweise ist locker und schnell geschrieben. genauso wie er schnell Auto fährt.
   Mansur Bahi, dessen Bruder beim Geheimdienst ist, weshalb er aus Kairo und einer kommunistischen Gruppe gerettet wurde, aber seine Liebe nicht vergessen kann. Leider kann er weder zur seiner Liebe Durrejja stehen, noch politisch etwas weiterbringen. Dafür ist er der einzige der das Wissen um Worte und Geschichte des alten Journalisten zu schätzten weiß, da er beim Radio arbeitet. Er ist grüblerisch, introvertiert, traut sich nichts zu, denkt zuviel nach und explodiert unvermutet.
   Sarhan al-Buheri läßt sich von der Professionellen Sarejja aushalten, verguckt sich in die Zuchra und versucht alles um von ihr erhört zu werden, und flirtet dann mit ihrer Lehrerin. Am Schluß zerfällt alles für ihn : seine Versuche am Schwarzmarkt zu handeln und seine Ideen von Ehe und Geliebter.

Zuchra, die als attraktives Mädchen von dem Land geschildert wird, erzählt selber nicht, aber es wird klar, daß sie in Sarhan verliebt ist/war. Sie bleibt aber geradlinig bei ihrem Ziel lesen und schreiben zu lernen, und mehr zu arbeiten als nur als Ehefrau, Bäuerin oder Hausmädchen, weil sie nicht dumm bleiben will. Einzig Amir sieht dies wohlwollend, und versucht sie bei ihrem Liebeskummer freundlich zu trösten. Selbst die Hotelbesitzerin Mariana hilft ihr am Schluß nicht mehr.

In den Kapiteln sind immer wieder Absätze eingestreut die Dialoge aus der Vergangenheit der jeweiligen Männer quasi einblenden. Diese sind manchmal einfach zu verstehen, manche aber bleiben wegen der ägyptischen (Innen)Politik für mich unverständlich.

In dem Roman wird viel aus der Geschichte Ägypten zur Zeit der Wafd-Partei erzählt, auch daß manche nur einen aktuellen Ausweg entweder bei den Kommunisten oder religiösen Bruderschaften sehen; Amerika bietet keine politische oder lebenswerte Alternative. Auch von einer Revolution 1919 ist zu lesen.

Die Sprache des Autors oder die Übersetzung ist langsam und mit Bildern durchsetzt. Bespiel: "Die Himmelskuppe war von einer Aureole aus gekrempelter Baumwolle umrankt .."(S. 175).

Die Personen sind gut vorstellbar mit ihren Gesichtsbeschreibungen, Stil den sie tragen, die Art wie sich bewegen und temperamentvoll bis introvertiert sind. Die Ort der Handlung (in Alexandria) sind das Hotel in Miramar, die Corniche, verschiedene traditionelle Cafés; gesprochen wird über das Rif (Land) und Feddan (ein Flächenmaß) Land das manche noch haben, anderen aber weggenommen worden war.

In Summe ein schöner Roman, der nicht ganz einfach zu Lesen ist, aber durch seine Personen berührt. Viel Freude beim Lesen.

Nagib Mahfuz (auch Nagib Machfus, Nadschib Mahfus, Naguib Mahfouz, Nadjib Mahfus;) wurde am 11. Dezember 1991 in Kairo geboren. Er studiert Philosophie; ab den 1930er Jahren arbeitete er als Beamter im ägyptischen Bildungsministerium. Er begann daneben Romane zuerst über die Pharaonenzeit zu schreiben, ab den 40-er Jahren dann in zeitgenössischem Ambiente. Mit der 'Kairoer Trilogie" hatte er seinen Durchbruch. 1959 gab es nach 'Die Kinder unseres Viertels' Proteste aus religiösen Gruppen. 1994 griff ihn ein Messerattentäter an, was er überlebte. Er starb am 30. August 2006.

Sonntag, 12. Februar 2017

Anna Achmatowa : "Gedichte"

Anna Achmatowa :
"Gedichte"
ausgewählt und übertragen von Hans Baumann
1967, Langewiesche-Brandt Verlag, Ebenhausen bei München
87 Seiten + 5 Seiten biographisches Nachwort + 1 Seite Bibliographische Anmerkungen + 4 Seiten Anmerkungen zum Text + 3 Seiten Inhaltsverzeichnis
keine ISBN

Da Anna Achmatowa zu einer der großen Lyrikerinnen zählt und die Repressalien unter Stalins Herrschaft überstanden hat, habe ich zu diesem Lyrik-band gegriffen.

In drei Kapiteln (I. 'Im dunklen Kreis'; II. 'Netze am Ufer'; III. 'Gekreuzte Regenbogen'; Requiem [1935 - 1940]) sind Gedichte zusammengefaßt, die zwischen 1911 und 1963 entstanden sind.

Mich haben die Gedichte im zweiten Kapitel am meisten angesprochen da in ihnen Liebe, Sehnsucht, Zärtlichkeit, Hoffnung, Behutsamkeit zu spüren ist. Im ersten Kapitel ist das Elend des Krieges und Verzweiflung in der blockierten Stadt Leningrad spürbar. Die Gedichte im dritten Kapitel kann ich nicht zusammenfassen, mir gefällt auf Seite 62 der acht-Zeiler über die Muse aber am besten.
Die Gedichte im Kapitel 'Requiem' sind schwarz, das Unglück der Menschen um sie ist spürbar.

Es kommen die großen Namen der russischen Dichtkunst wie Puschkin, Pasternak vor.
Auch sonstige russische Örtlichkeiten wie die Malka (Fluß), die jemanden der sich in Rußland nicht auskennt, beim Lesen zum Straucheln bringt.

Obwohl ich kein Lyrik-Fan bin (und  mich mit Gedichten ehrlicherweise eher schwer tue) haben mich diese Zeilen und Reime sehr angesprochen. Sie sind zwar nicht einfach zu lesen und damit nicht unterhaltend, aber sie 'entschleunigen' und bringen zum Nachfühlen und Nachgrübeln. Viel Freude beim Mitgehen !

Anna Achmatowa (Anna Andrejewna Gorenko) wurde am 23.Juni 1889, Odessa (Ukraine) geboren. Sie ging in ein exklusives Lyzeum, und kannte von Kindesbeinen an Künstler. Sie veröffentlichte Gedichte als Jugendliche und bereits vor der Revolution, hatte dann Veröffentlichungsevrbot zwischen 1922 bis 1940, ihr erster Mann wurde erschossen, der Sohn inhaftiert, der zweite Mann wurde ebenfalls inhaftiert. Sie erlebte Teile der Blockade um Leningrad mit, wurde erst nach Stalins Tod teilweise rehabilitiert und durfte in den 60-er ins Ausland zu Entgegennahme von Ehrungen. Sie starb am 5. März 1966, Moskau (Rußland).

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Rund um dieses Buch kam es zu Diskussionen, da Hans Baumann, geboren 1914, als ex-Hitlerjugendführer und Verfasser des Liedes "Es zittern die morschen Knochen" als Übersetzer von Achmatowa kam. Ingeborg Bachmann drückte ihr Entsetzten aus, kündigte beim Piper-Verlag, wechselte zu Suhrkamp. Im Piper Verlag sollten eigentlich die Achmatowa-Gedichte erscheinen - die fallen gelassenen Gedichte wurden dann in Raten vom Kristof Wachinger, dem Chef des Münchner Kleinverlags Langewiesche-Brandt, dem großen Kollegen Piper die 3900 bereits gedruckten "Gekreuzten Regenbogen" abgekauft. Mit neuem Verlagsimpressum und neuem Titel ("Gedichte") wurde diese Achmatowa-Gedichte dann auf den Markt gebracht - Piper produzierte die ausgewählten Gedichte mit neutralem Einband und schenkten sie dem Übersetzer.
[das Buch ist übrigens in einer öffentlichen Stadtbibliothek zum Leihen]

Samstag, 4. Februar 2017

Franz Grillparzer : "Der arme Spielmann"

Franz Grillparzer :
"Der arme Spielmann"
1847 erstmals erschienen
Projekt Gutenberg nach einem Reclam (ISBN 3-15-004430-8), 1991

Die Novelle ist ein Klassiker der Schulliteratur. Auf zwei Ebenen werden Geschichten erzählt: die eine ist die Geschichte des Erzählers, die andere die Geschichte des armen aber irgendwie glücklichen Spielmanns Jakob in der Brigittenau (einer der jetzigen Wiener Gemeindebezirke, damals wirklich Vorstadt). Jakob kommt zwar aus gutbürgerlichem Haus indem ihn der Vater verachtet, und es später schafft sein Erbe durch Glauben an die Menschen an falsche Menschen zu verlieren. Seine große Liebe, die Bäckerstochter Barbara, kann er aus vielen Gründen nicht heiraten, sich nicht einmal ihr erklären. Jahre später rettet er bei einem Sturm Menschen, verkühlt sich und stirbt. Der Erzähler besucht die ehemalige Bäckerstochter am Schluß.

Dicht beschreibt Grillparzer die armseligen Straßen, da Gejohle der Betrunkenen wenn sie den Spielmann auf seiner Geige verspotten und anrempeln, feiner wie der Musiker auf sein weniges Hab und Gut achtet und sehr zwischen den Zeilen wenn es um die zarten Bande zwischen dem Spielmann und seiner Angebeteten geht.

In der Spielmanngeschichte, wird der Spielmann in seinem Leben begleitet und alles aus seiner Sicht geschildert: seine Aktionen bis zu seinen Dialogen und den Reaktionen seines Gegenübers. Jakob ist in seinen Werten wie Liebe, Ehre, Freundlichkeit eingesponnen. Barbara ist er wichtig, was am Schluß klar wird, trotzdem heiratet sie einen Fleischer mit sicherem Job, da dies damals die einzige Art für Frauen zu Überleben war.

Die Politik bleibt komplett ausgeklammert.
Jakob schwärmt immer von Barbara, was für mich eine Parallele zu Grillparzers Biographie zu sein scheint, der angeblich nie den Mut fand seine große Liebe um die Ehe zu fragen

Die Vokabel sind tw. ungewohnt wenn es plötzlich 'uranisch' wird, oder 'reinlich'. Die Sprache ist langsam, und es gelang mir nicht einfach den Text quer herunterzulesen; die Sätze wollten, daß ich sie langsam und bewußt lese (was bei der Kürze der Novelle auch für Ungeduldige kein Problem ist).

Ich habe die Novelle mit der schönen bewußten Sprache sehr genossen.

Franz Seraphicus Grillparzer wurde am 15. Jänner 1791 in Wien geboren. Er studierte an der Universität Wien Jus. Nach dem Studienabschluss 1811 war er zunächst Privatlehrer, dann Beamter und trat 1813 als Konzeptspraktikant in den österreichischen Staatsdienst. Er wurde 1821 ins Finanzministerium versetzt, 1832 wurde er Archivdirektor  bei der k. k. Hofkammer, dem späteren Finanzministerium.
1817 erschien sein erstes Drama "Die Ahnfrau", die großen Erfolg hatte. später hatte er Probleme mit der Zensur und 1838 hatte sein Lustspiel "Weh dem wer lügt" Mißerfolg. Er starb am 21. Jänner 1872.

Samstag, 21. Januar 2017

Georgette Heyer : "Liebe unverzollt"

Georgette Heyer :
"Liebe unverzollt"
original "The Toll-Gate"
1954, William Heinemann London
berechtigte Übertragung aus dem Englischen von Emi Ehm
1965 / Auflage 1980, Rowohlt Taschenbuch Verlag
272 Seiten
ISBN 3-499-1201-0

Captain Jack Staple büxt nach einer Familienfeier aus. Er landet durch den Regen in einer Zoll-Station, in der ein Bub Hilfe braucht. Ab hier entspinnt sich die Geschichte zwischen Jack und Nell Stornaway, den Bösewichtern Henry Stornaway und seinem Freund Coate, dem ältere Squire des Schlosses, dem Straßenräuber Jerry und einem Polizisten auf Schatzsuche. Ergänzend bevölkern eine Kinderfrau, ein treuer Knecht, ein guter geschniegelter Freund, etc. die Szenerie. Im Gegensatz zu vielen anderen Roman der Autorin findet hier aber auch Mord und Gewalt inkl. ziemlicher Rauferei statt.

Die Liebesgeschichte zwischen den beiden eigenwilligen Menschen Jack und Nell ist mit viel Humor aber auch zartem Gefühl beschrieben. Auch die zweite Liebesgeschichte zwischen einer konservativen Kinderfrau und einem Straßenräuber ist wegen der unterschiedlichen Personenführung sehr witzig und unterhaltend.

Zeit der Handlung ist geschätzt 1817.

Ich schätze die feinen Liebesromane von dieser Autorin, weil sie die englische Gesellschaft fein mit ihren Doppelbödigkeiten, gesellschaftlichen Usancen und Schwierigkeiten beschreibt und mit Humor die Gecken mit ihren Kleidungsunsinn dem Schmunzeln preisgibt; und habe nach langen Jahren es sehr genossen diesen wieder einmal zu lesen. Viel Freude auch anderen !

Georgette Heyer wurde am 16. August 1092 in Wimbledon geboren. Sie begann früh Romane zu schreiben, da sie zuerst ihre Geschwister, dann ihre Familie ernährte/ernähren mußte. Ihren Mädchennahmen behielt sie als Autorenpseudonym. Bekannt ist sie für ihre Liebensromane die zwischen 1752 und 1825 spielen, sie schrieb auch Thriller. Ihr wirkliches Interesse galt allerdings dem Mittelalter. Sie starb am 5 Juli 1974 in London.

Mittwoch, 18. Januar 2017

Max Oban : "Tod in Salzburg"

Max Oban :
"Tod in Salzburg"
Kriminalroman
2014, Verlag Federfrei, Marchtrenk (Oberösterreich)
234 Seiten + 2 Seiten gezeichneter Salzburg Plan "wie Paul Peck ihn fühlt" + 1 Seite Glossar Österreichisch-Deutsch
ISBN 978-3-902784-16-2

Der bücherlesende, sinnenfreudige Ex-Manager Paul Peck ist seit einem Jahr Detektiv in Salzburg. Als die Tochter und Geschäftsführerin verschwindet wird er vom Vater beauftragt sie zu finden. Er stochert in der Firma, in der Ehe, der Familie und im Liebesleben nach und befördert einiges an Ungereimtheiten zu Tage. Es gibt weitere Leichen und wüste Schlägereien bis er der richtigen Fährte eines ungeklärten Mordes auf die Spur kommt.

Die Personen sind gut und detailreich geschildert. Paul Peck selber als ex-Manager, der nicht mehr in Zeiten mit Orientierung nach Umsatzzahlen paßt, und in der Einfachheit halber immer schwarz gekleidet, aber mit roten Socken unterwegs ist. Als Entspannung kauft und liest er Bücher (Literatur) und hört klassische Musik. Er ist geschieden und hat ein Kind in der Steiermark.
Seit 15 Jahre ist die Buchhändlerin Sophia seine Freundin. Sie schaut auf Ernährung und hat ebenfalls aus einer älteren Beziehung ein Kind.
Von Seiten der Polizei gibt es einen zuerst vorsichtigen, dann eher zusammenarbeitenden Polizisten namens Funke.
Die Beteiligten der Firma sind unterschiedlich : der charismatische Seniorchef, seine energische Tochter mit Grundwerten die sie das Leben kosten, der gescheite, aber schlüpfrige Schwiegersohn, der erpressbare technische Leiter, die eisige-verblühte Assistentin des Schwiegersohns, die warmherzige Assistentin der Tochter, sind als Menschen gut vorstellbar.

Ort der Handlung ist Salzburg und der Raum um Salzburg. Die Spaziergänge von Paul Peck und die Busfahrten in der Stadt sind nachvollziehbar. Ein Ausflug nach Freilassing und einer nach Wien sind ebenfalls beschrieben - mit richtiger Geographie.

Die Geschichte ist gut lesbar und schön erzählt  (bis auf die letzte Rauferei die mir zu detailreich war). Überlegungen, wer der oder die Täter waren, ist möglich.

Max Oban wurde 1947 in Oberösterreich geboren, arbeitete nach seinem Studium in Wien und Karlsruhe im Management eines internationalen Konzerns mit Sitz in Deutschland. Max Oban arbeitet heute als Dozent in Salzburg und Rosenheim, wo er Internationales Management und Marketing lehrt. Er lebt seit zwanzig Jahren in Salzburg.

Dienstag, 10. Januar 2017

Mieze Medusa : "Mia Messer"

Mieze Medusa :
"Mia Messer"
Roman
2012, Milena Verlag
210 Seiten + 1 Seite Stammbaum Baruzzi
ISBN 978-3-85286-218-7

(Maria) Mia Messer ist eine junge unauffällige Frau. Sie ist das Ergebnis einer schönen Zeit ihrer naiven Mutter mit einem charismatischen, verheirateten Mann, der noch dazu im Gefängnis sitzt und nichts von seiner unehelichen Tochter weiß. Mutter Johanna Bauernfeind hilft in der Bäckerei ihres Vaters im Niederösterreichischen aus, und verschafft ihrer Tochter den Zugang zur Klosterschule und dem Chor. Als ihre Teilnahme am Chor wegen Intrigen scheitert, büxt sie nach Wien aus - und landet zufällig genau in der Ganovenfamilie ihres unbekannten Vaters. Die Baruzzis nehmen das Mädchen unter ihre Fittiche und lehren ihr 'ihr' Handwerk, bis sie entdecken, daß die junge Frau beim Singen Wirkung auf Menschen hat. Mia's Unauffälligkeit gemeinsam mit technischer Unterstützung gibt ihr die Chance Bilderdiebstähle zu begehen, und sie spezialisiert sich auf Werke von Frauen. Fabio, einer aus der Clique, hilft ihr und auch Sophie, die Tochter des Hauses. Später kommt Ion dazu, der mit aus einer rumänischen Ganovenfamilie kommt und Sophie heiraten wird.

Diese Geschichte wird in Beobachtung von Mia, wie sie leise Lieder singt, erzählt und springt immer wieder im jetzt (im Museum ein Bild aus dem Rahmen schneiden, oder auf der Toilette versteckt warten, oder sich im Zimmer mit Verwandten verstecken) und im früher, wenn sie von der Schule in NÖ oder den Briefen der Mutter ins Gefängnis erzählt.

Mia bleibt durchsichtig, obwohl sie sich frei singen kann, laufen geht und erotisch unterwegs ist. Gegen Ende des Buches sagen ihr ihre Großmutter und Ion, daß sie so gewohnt ist nicht da zu sein, daß sie gar nicht auf de Ausdruck ihres Gesichtes acht gibt und darin dann gelesen werden kann. Ihr Vater ist ein weicher Charakter, seine Frau streng, eine Tante wird nur als "Strichmundfrau" beschrieben, die nur etwas ältere Sophie ist ein bunter Vogel die es in Partydrogen verschlägt aber unverläßlich ist, dafür sind Fabio und später Ion sind verläßlichen Elemente.
Einige strippende Frauen werden beschrieben, deren Bewegungen aber auch wie unterschiedlich sie sind.

Faszinierend finde ich den Strang mit dem Singen. Mia hat innere Lieder mit denen sie sich quasi unsichtbar schalten kann. Im Strip-lokal singt es sie automatisch ohne nachzudenken welches Lied passen kann, und macht damit Stimmung.

Ort der Handlung sind Wien, irgendwo in Niederösterreich, im Zug, in Basel und noch ein Museum. Die Örtlichkeiten sind gut vorstellbar, wenn auch alle etwas grau und nicht farbig.

Bilder folgender Künstlerinnen werden bewegt : Amy Antin, Maria Lassnig, Macheiner, Oswald, Niki de St. Phale.

Die Sprache ist gut verständlich, ab und zu etwas salopp. Witzig fand ich das Vokabel 'hibbelig'.

Der Roman ist gut geschrieben. Es zog mich in die Geschichte hinein, weil ich wissen wollte ob Mia es sich beweisen kann und die richtige Hilfe findet. Happy end im Jane Austen Sinne gibt es nicht.
Viel Freude beim Lesen !

Mieze Medusa (eigentlich Doris Mitterbacher) wird 1975 in Schwetzingen (Deutschland) geboren. Sie zählt zu den fixen Größen in der österreichischen Hip-Hop- und Poetry-Slam-Szene, organisiert und moderiert seit 2004 verschiedene Poetry Slam Formate.
2008 erschien ihr erster Roman "Freischnorcheln" im Milena Verlag.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Esmahan Aykol : "Bakschisch"

Esmahan Aykol :
"Bakschisch"
Roman
original "Kelepir Ev"
2003, Everest Yayinlari, Istanbul
Aus dem Türkischen von Antje Bauer
2004, Diogenes Verlag, Zürich
329 Seiten
ISBN 3-257-06443-8

Kati Hirschel, Buchhändlerin im Kuledibi (einem Stadtteil Istanbuls), ist im zweiten Band auf Mördersuche. Ein Mann dem sie einen Aschenbecher wegen einer Wohnung an den Kopf geworfen hatte, ist ermordet worden und sie war die erste Verdächtige. Quelle und Unterstützung ist ein ehemaliger Freund, der Polizist Batuhan. Gespräche mit Verwandten des ermordeten Osman wie ein Bruder, eine Ex-Freundin und die jetzige schwangere Freundin sind wiederholte Gesprächspartner, bis sie auf die Ursache des Sterbens an einer an sich harmlosen Schutzverletzung.
Parallel wird geschildert wie Wohnungen deren Eigentümer nicht mehr ermittelbar sind, unter der Hand neue Eigentümer finden und wie Bakschisch zu verteilen ist.

Witzig und humorvoll sind die Gespräche mit dem Polizisten beschrieben, die zwischen Informationsweitergabe, flirten, Machismo, deutschem Temperament wechseln. Die Frauen vor Ort sind sinnlich und auch fröhlich beschrieben, auch wenn die Ex-Freundin Habibe nicht mehr so munter ist, dafür aber die schwangere Inci umso mehr ihre heimlichen Liebhaber lebt. Eindrücklich sind der Besuch bei einem übergewichtigen Beamten der klar den Weg des Geldes sieht, sowie einem wirklich hohen Politiker dem sein Temperament dazwischen kommt.
Der aktuelle Freund/Liebhaber Katis Selim ist Handelsanwalt, hat Glatze und sein Umfeld ist altmodisch, was Kati manchmal ziemlich auf die Nerven geht.
Die Menschen sind gut vorstellbar.

Istanbul ist ziemlich chaotisch beschrieben. Es wimmelt nur so von Namen wie Beyoglu, Besiktas, Karaköy und anderen Stadtteilnamen, die besser oder schlechter sind. Kati geht oft zum Friseur und Nagelpflege, weil das türkische Frauen angeblich tun. Die Szenen in denen die Teejungen beschrieben werden, oder Auseinandersetzung mit Kaffee sind sehr unterhaltsam.

Der Roman ist 2003 geschrieben, in dem weibliche Hauptperson mit enger Bluse, Rock mit Schlitz und hohen Stöckelschuhen durch die Stadt geht und beschreibt wie offen das Stadtleben ist (im Vergleich dazu wie es vor 15 Jahren gewesen sei). Als Leser 2016/17 fragt man sich wie offen das Leben derzeit in Istanbul mit sehr religiös-verhüllenden Menschen und steigender Polizeikontrolle ist. Auch 2003 wird eine Partei genannt die die religiösen Werte v.a. für Frauen stärken möchte und hier die Frauen losschickt.

Der türkische Titel heißt übersetzt "Schnäppchenhäuser".

Der Roman ist gut geschrieben, und wärmt v.a. in kalten Wintertagen. Viel Spaß beim Lesen !

Esmahan Aykol wurde 1970 in Edirne geboren. Sie studierte Jus in der Türkei und macht ein Postgradudate in Deutschland. Eine Freundin und sie starteten ein Projekt mit einer Bar, das fehlschlug. Die Freundin öffnete dann eine Buchhandlung und sie bekannt nach ihrer Arbeit als Journalistin Krimi zu schreiben. Der erste Roman mit Kati Hirschen "Kitapçı Dükkânı "(2001, dt.: Hotel Bosporus) wurde zum Erfolg. Die deutschen Ausgaben ihrer Bücher überarbeitet die Autorin, Sie wohnt sowohl in Istanbul als auch in  Berlin, und hat auch die deutsche Staatsbürgerschaft.