Samstag, 8. Dezember 2012

Leonie Swann : "Glennkill"

Leonie Swann :
"Glennkill" - ein Schafskrimi
2005, Wilhelm Goldmann Verlag, München
12. Ausgabe 2007
2 Seiten Dramatis Oves (die wichtigen Schafe der Handlung)
366 Seiten
ISBN 978-3-442-46415-9

Mit Daumenkino  von Weibke Rossa und Richard Igel :-)
(Daumenkino: hier ein tanzendes Schaf im rechten unteren Eck der rechten Seite - entzückend !)

Der Schäfer George Glenn wird von seiner Schafherde tot aufgefunden - eine Schaufel in seinem Körper finden auch die Schafe dubios, allen voran das intelligenteste Schaf der Herde Miss Maple (sie hatte in ihren Jugend den Ahornsirup vom Brot des Schäfers geschleckt). Die Schafe mit Leitwidder Sir Ritchfield, beobachten, erlauschen und erriechen die Reaktionen der Menschen auf den Tod ihres Schäfers. Komisch kommt ihnen das Gerede von 'Gras', denn warum sollte man das verstecken müssen, wenn es vor der Nase wächst. Miss Maple schafft es mithilfe von Othello, einem vierhörnigen schwarzen Widder, der das Zeug zum Leitwidder hat, und Mopple the Whale, einem dicken flauschigen Merinowidder mit Supergedächtnis, den Rest der Herde zu motivieren, daß es gerecht ist beim Tod des Schäfers zu helfen. Die Menschen sind wenig hilfreich : ein Mann den sie Gott nennen, weil er in einem Haus mit spitzen Dach wohnt, riecht ungut; dem Fleischhauer Ham mißtrauen sie aus logischen gründen und weil er komisch riecht, auch der zwischendurch Schäfer Gabriel stellt sich als schlechter Mensch heraus. Nur eine Frau in rotem Kleid ist nett zu den Schafen. Im Testament stellt sich heraus, daß die Herde die allen Menschen komisch vorkam, die letzte Herde Irlands ist, in der alte fast ausgestorbene Schafrassen gezüchtet werden, und daß sie - die Schafe - das Geld für eine Europareise geerbt haben. Die Frau im roten Kleid wird sich darum kümmern.
Beim Wettbewerb des intelligentesten Schafes spielen die Schafe eine Charade um der Klärung des Todes ihres Schäfers nachzuhelfen, was klappt.

Das Buch ist kein Reißer oder Thriller, sondern ist gemütlich wie eine grasende, nur manchmal nachdenkende Schafherde. Wer Spannung erwartet, wird enttäuscht. Wer bereit ist, sich auf die Schilderungen der unterschiedlichen Schafe, ihrer Temperamente und Intelligenzen einzulassen, wird humorvoll unterhalten.

Etwas metaphysisch sind die Teile in denen Melmoth auftaucht, seine Beiträge liefert, und dann wieder verschwindet. Ob es Wolkenschafe wirklich gibt ? Ob ein Schaf wenn es stirbt ein Wolkenschaf wird ? Melmoth war Zwillingsbruder von Sir Ritchfield, der jahrelang verschollen war, und plötzlich wieder der Herde hilft, indem er ihnen gedanklich weiterhilft, sich dann aber plötzlich auflöst und (wieder) verschwindet. Bei Othello hat er den stärksten Einfluß, da er ihn gedanklich - als Stimme aus dem off - schon lange begleitet hatte.

In Summe ein schönes Buch, bei dem etwas Geduld von Nöten ist, das mir mit seinen Schilderungen von Schafen, von Landschaft, und der nicht-Hektik sehr gut gefallen hat.

Dienstag, 27. November 2012

Shahinda Maklad + Gerhard Haase-Hindenberg : "Ich werde nicht zerbrechen"

Shahinda Maklad - Mit Gerhard Haase-Hindenberg:
"Ich werde nicht zerbrechen"
'Ein Frau auf dem Weg zum Tahirplatz. Wie ich nach der Ermordung meines Mannes weiterkämpfte'
2012, Bastei Lübbe Taschenbuch
Vorwort 1 Seite
35 Kapitel auf 320 Seiten
Nachwort des Co-Autors auf 3 Seiten
ISBN 978-3-404-60675-7

Gerhard Haase-Hindenberg hat in Gesprächen die Biographie der heute 73-jährigen ägyptischen politischen Aktivistin Shahinda Maklad (sie wurde im November 1938 geboren) aufgezeichnet und erzählt das intensive spannende Leben einer Frau die Ungerechtigkeiten in ihrem Ägypten ändern möchte.

Shahinda Maklad wuchs als Tochter eines Polizeioffiziers in bürgerlichen gebildeten Verhältnissen auf. Ihr Vater behandelte seine Töchter genauso auf Augenhöhe wie er seine Söhne. Islam als Religion ist für sie vorhanden, aber nichts was ihr Leben bestimmt.
Mit neun Jahren wird ihr von ihrem Cousin Salah erzählt (Sohn der Schwester ihrer Mutter), der sich Grundgrundbesitzern im Kamshish in den Weg gestellt hatte und dafür im Gefängnis gelandet war.
Die Verteilung des Grundbesitzes in Ägypten, wer was besitzen darf, wie die Gesetze umgangen werden und wer welches Land bearbeiten darf/muß wird zum leitenden Thema von Salah, dann Salah und Shahinda und nach Salahs Ermordung von Shahinda.
Sie setzt gegen den Willen ihrer Mutter eine Heirat mit Salah durch, gebiert drei Kinder und ist mit 27 Jahren Witwe. Als Kämpfernatur gibt sie nicht auf; das Begräbnis und auch Jahrestage der Ermordung ihres Mannes werden immer wieder Demonstrationen gegen Willkür in der Politik. Auch innerhalb der / ihrer sozialistischen Partei hat sie manchmal Fürsprecher, oft aber Gegenwind.
Ihre Familie hat wenig von ihr, aber als sie merkt, daß man versucht sie über ihre zwei Söhne zu erpressen, schafft sie es diese außer Landes zu bringen.
Im Jänner 2011 ist sie am Tahrirplatz unter den Aktivisten zu finden und diskutiert viel und leidenschaftlich mit der jüngeren Generation.

Spannend das Buch weil Frau Maklads Sichtweise Ägyptens und der Präsidentschaft von Anwar as-Sadat eine andere ist, als die via Friedensvertrag mit Israel in der Außenwelt transportiert war. Sadat war ein Freund der Großgrundbesitzer. Die Erzählungen unter seiner Präsidentschaft wie Parteien gegründet wurden, gefördert wurden, erlaubt wurden und dann wieder verboten wurden und mit Gefängnis bestraft wurden, muten unter dem Deckmantel von Demokratie seltsam an.
Überhaupt ist das Parteiengeflecht eigenartig: die Muslimbrüder sind war verboten, stehen aber nicht auf der Seite der Unterdrückten (böse Zungen behaupten, daß sie nicht einmal auf der Seite des Islam stehen), die Sozialistische Partei hilft auch niemanden, diverse von Sadat gegründete Parteien die die oppositionellen Meinungen auffangen sollen werden reglementiert. Nach der Ermordung Sadats geht das Regime eher strenger unter Präsident Mubarak weiter.

Die Kapitel erzählt chronologisch das Leben dieser starken Frau, jeweils am Ende sind aktuelle Zeilen über das Geschehen am Tahrirplatz im Jänner 2011. Der Leser/die Leserin muß selbst entscheiden, ob er/sie das Buch von Anfang bis Beginn wie gedruckt liest, oder lieber die Chronologie dieses Frauenlebens zuerst auf sich wirken läßt und dann die aktuellen Teile der Kapitel hintereinander liest.

Drei 'Verbesserungsvorschläge' habe ich für das Buch: eine Zeittafel die z.B. mit der Geburt von Frau Maklad startet und ihr Leben mit den Ereignissen in Ägypten ein zwei Spalten gegenüber stellt.
Das zweite ist ein Glossar von typischen Worten/Vokabeln Ägyptens, die Menschen aus anderen Kulturen erst nachsehen müssen. Und eine Karte Ägyptens auf der Kamshish, Kairo und Alexandria eingezeichnet sind - sowie die Regionen in die ihr Vater weit weg versetzt wurde - wäre auch erläuternd.

In Summe ein sehr empfehlenswertes Buch über eine starke Frau, das Nachdenken macht über Politik und Werte. Und ein Buch das bewußt macht, daß der Kampf um Demokratie im 'ägyptischen Frühling' noch nicht gewonnen ist.

Samstag, 17. November 2012

Sandor Márai : "Das Wunder des San Gennaro"

Sándor Márai :
"Das Wunder des San Gennaro"
Roman
original "San Gennaro Vére"
Nachlaß Sándor Márai
1997, Ujváry Griff Verlag, München
Aus dem Ungarischen übersetzt und mit einem Nachwort von Tibor Simányi
2004, Piper München Zürich
274 Seiten
1 Seite Widmungen an die Menschen in Posillipo
4 Seiten Nachwort und 1 Seite Biographie des Übersetzers
ISBN 3-492-27044-1

Das Buch ist kein Roman im Sinne einer logisch erzählten Geschichte, sondern erzählt in drei Kapiteln zuerst über die Menschen in Posillipo, über den Umgang mit Heiligen und erwarteten Wundern und dann von Flucht, Heimatlosigkeit und Erlösung.

Die Schilderungen im ersten Teil wie die Menschen in Posillipo leben, wie sie von bißchen Essen leben, wie sie mit Armut umgehen, aber auch wie sie zu handeln/feilschen vermögen sind schön gelungen. Fast duften die Mimosen des Frühjahrs dort durch das Buch. Die Schilderungen auch der arrivierten Menschen wie Anwalt, Bürgermeister etc. sind gut vorstellbar. Die Ruhe und Gelassenheit wie die Menschen dort Natur, Leben, Fischen, Trinken erleben, entschleunigen beim Lesen. Das fremde Paar ist zwar vorhanden, aber nicht das Hauptaugenmerk.

Im zweiten Teil wird viel von Glauben, Wunder, und wie mit den Heiligen verhandelt wird erzählt.

Im dritten Teil wird in langen Gesprächen enthüllt, warum der Mann des fremden Paares tot aufgefunden wurde.
Zuerst erzählt ein Polizist der viel mit Flüchtlingen zu tun hat seine Gedanken und Gespräche. Er enthüllt den Kampf der Exilanten um die Akzente ihres Namens (für einen Italiener sind die Hackerln über Vokalen und Konsonanten aus Sprachen wie z.B. Ungarisch, Tschechisch und Polnisch vermutlich höchst anstrengend). Er kannte den toten Mann aus Gesprächen - als intelligenten gebildeten Mann, der außerdem ein Visum nach Australien erhalten hatte.
Dann ist ein Priester im Gespräch mit dem Polizeichef - auch er hatte intensive Gespräche mit dem Toten erlebt. Der Mann hat am Ende des Lebens fast einen Ruf als Heiliger gehabt, der Wunder vollbringen könnte und zu dem alle gekommen waren. Mit dem Priester hatte er viel über Erlösung gesprochen, über die Erwartungen an Heilige, über das Leben des Franziskus von Assisi und ob so ein Leben im 20. Jahrhundert möglich wäre.
Das letzte Gespräch findet zwischen der Lebensgefährtin des Mannes und einem x-beliebigen Priester statt. Sie erzählt von der Flucht, den dem nicht mehr leben können wenn man rundherum die Repressalien mitkriegt, auch wenn persönlich noch alles gut läuft. Sie erzählt wie man langsam aber sicher die Identität verliert auf der Flucht - bei jeder Übersiedlung geht etwas mehr von verloren. Sie erzählt wie sie beide in Assisi wieder das Leben spürten, aber auch klar wurde, daß der Mann einen anderen Weg als die Frau gehen würde.

Das Buch ist nicht einfach zu lesen, sondern hat bei mir einiges an Konzentration und Vorstellungsvermögen gefordert. Die Schilderungen im ersten Teil und die Dialoge im dritten Kapitel haben mich stark berührt.

Es ist auch ein politisches Buch, denn es fragt an warum für so viele Menschen klar war, daß der Nationalsozialismus wie er im dritten Reich gelebt wurde, unmenschlich und verbrecherisch war, aber diese Bewertungen nicht für den Bolschewismus galten. Hier hatte man noch versucht eine Menschlichkeit zu erkennen, die es längst nicht mehr gab.

In Summe ist das Buch sehr empfehlenswert, weil es helfen kann die Probleme der Nachkriegszeit in Europa zu verstehen, die Probleme von Menschen in Exil zu sehen und sehr gut geschrieben ist.

Sándor Márai wurde 1900 in Kauschau (heute Slowenien) geboren, er verließ 1948 Ungarn und lebte mit Frau und Adoptivsohn danach bei Posillipo bei Neapel. Hier schrieb er vermutlich "Das Wunder des San Gennaro", das der Autor in Amerika Mitte der 60-er im Eigenverlag publizierte. Er schrieb alle seine Bücher im Exil auf ungarisch. Später wanderte die Familie nach Amerika aus, wo Márai 1989 in San Diego durch Selbstmord verstarb.

Der Übersetzer Tibor Simányi wurde 1924 geboren, war Verlagslektor, Rundfunkredakteur, Übersetzer und Buchautor. Eines seiner Bücher ist der Briefwechsel zwischem ihm und Sándor Márai.

Donnerstag, 8. November 2012

Sabina Berman : "Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte"

Sabina Berman :
"Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte"
original "La mujer que buceó dentro del corazón del mundo"
2010, Ediciones Destino, Barcelona
aus dem Spanischen von Angelica Ammar
2011, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt
299 Seiten
ISBN 978-3-10-021609-9

Der verzaubernde Roman in dem wunderschönen türkisblauen Umschlag erzählt von einer jungen Frau, die erst durch Zuneigung/Zuwendung ihrer Tante mit ihrem Autismus umgehen lernt und aus dieser Sicht das Meer, das Leben (und Vernichten) von Thunfischen kennen und lieben lernt. Eine wunderbare Geschichte, die in Bann zieht und trotz Fischtötens verzaubert.

Karen wird von ihrer Tante Isabell in einer ererbten Haus in Mexiko im Keller gefunden. Sie bemüht sich der bereits jugendlichen Sprechen beizubringen, ihre Denken zu formulieren und mit Menschen trotz ihres Autismus so normal wie möglich umzugehen.
Tante Isabell ist die Eigentümerin mehrerer Thunfischfabriken, und ermöglicht ihrer Nichte diese anzusehen. Sie entdeckt dort ihre Liebe zum Tauchen und Mitschwimmen mit den Fischen.
Mit ihrer Empathie für Tiere, Ausschalten von Verständnis für menschliches Denken und Fühlen gemischt mit sehr logischem Denken entwickelt Karen Methoden die Thunfischfischerei schonend für Delphine und relativ streßfrei für die zu tötenden Thunfische zu entwickeln. Es gibt Rückschläge, aber aufgrund von superreichen, entsetzlich verwöhnten Sushi-fans plötzlich riesige Erfolge zu verzeichnen. Die Naturschützer schlagen zu und sie entwickelt die Idee vom Paradies für Fische - sehr zum Mißfallen ihrer Geschäftspartner, die nicht ihre Erlebnisse im Meer und mit den Fischen teilen (können).

Der Roman ist in Ich-Form geschrieben. Da das erste Wort, das Karen lernte Ich ist bedeutet es sehr viel für sie. Es ist faszinierend wie sie beschreibt wie sie mit den Menschen und deren oberflächlichen Ausdrucken umgeht; fast witzig wenn sie beschreibt wie sie lernt was welcher Gesichtsausdruck heißen soll und lernt diese Gesichter zu kopieren, um sich mit nicht-autisten leichter zu tun.

Kares Auseinandersetzung mit der Wissenschaft und Philosphie hat ganz eigene kognitive Zugänge. Descartes empfiehlt sie zu verbrennnen; viel hält sie von Darwin - der vermutlich wie sie und auch Einstein ein Autist gewesen sein dürfte.

Schön sind die Beschreibungen wie sie im Meer schwimmt, mit den Thunfischen Nase-schubsen spielt, und wie sie die Tiefe des Meeres wahrnimmt.

Ich habe das Buch sehr genossen und kann es Lesern und Leserinnen, die ein Gefühl für Zauber, das Meer, und auch andere Gedankenansätze zu arrivierter Philosophie vertragen nur sehr empfehlen. Achtung: Leser taucht gedanklich fast mit !

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Alejandro Zambra : "Die Erfindung der Kindheit"

Alejandro Zambra :
"Die Erfindung der Kindheit"
original "Formas de volver a casa"
2011, Barcelona
aus dem Spanischen von Susanne Lange
2012, Suhrkamp Verlag
xx Seiten
ISBN: 978-3-518-42334-9

Dieser Roman ist vierteilig und in Ich-Form geschrieben.
Im ersten Teil erzählt ein Bub, der für ein Mädchen schwärmt, wie er auf deren Wunsch einen Nachbar beobachtet/verfolgt. Angesiedelt ist die Beobachtung in Maipú (Anm: einem Bezirk der Stadt Santiago de Chile). Ausgangspunkt ein Erdbeben das 1985 das Land erschüttert und all die Menschen gemeinsam eine Nacht verbringen, die sonst möglichst wenig miteinander zu tun haben und noch weniger miteinander reden. Als er eine junge Frau bei dem zu Beobachtenden sieht und dies berichtet, reagiert das Mädchen sehr verstört. Erklärungen warum er beobachten soll und was die Reaktion bedeutet, erfolgen trotz fragen nicht.
In den Teilen zwei bis vier ist der Bub erwachsen, schreibt Romane, versucht sich in Lyrik, hat eine Ehe hinter sich, besucht seine Eltern selten aber doch - und das Mädchen von damals läuft ihm wieder über den Weg. Mittlerweile ist die Diktatur unter Pinochet vorbei. Erst jetzt fällt auf, daß seine Familie und er durch konsequentes wenig Reden, in der Diktatur überlebt haben - seine Familie hat niemanden verloren. Andere Familien waren da anders - das Mädchen hatte in dem Nachbarn ihren Vater wiedererkannt, der unter falschem Namen und Identität Mitmenschen half. In dieses Geheimnis war sie nicht eingeweiht gewesen - ihre große Schwester war altersbedingt es. Konflikte waren und sind programmiert.
Er versucht weiter an seinem Roman zu schrieben, scheitert aber weil seine Ex-Frau nicht die gewünschte Reaktion zeigt. Die Gedichte fließen wie von selbst aus ihm.

Das Mädchen heißt Claudia, ihre Schwester Ximena, der Vater Roberto - Rául, die Ex-Ehefrau M., Vater und Mutter sind Vater und Mutter, seine Schwester ist namenslos, genauso wie mir kein Name für den Erzähler selber auffiel.

Der erste Teil hat mich sehr angesprochen. Leider ist die Spannung in den anderen Teilen nicht zu spüren. Hier verliert sich der Text in unfertigen Bildern. Manchmal wirkt der Text wie eine Aneinanderreihung von Absätzen, die nicht immer miteinander in Kontext stehen.

Die Personen sind tw. schön geschildert und nachvollziehbar. Leider bleibt der Erzähler für mich formlos. Die Frauen sind vorstellbar. Die Orte bleiben Ausschnitte.

Ich hatte beim Lesen ein Post-it im Buch um mir die vielen verschiedenen für mich neuen Autoren aufzuschreiben. Viele dieser Namen sind in Lateinamerika offenbar sehr bekannt, dürften aber (noch) keine deutschen Übersetzer haben.
Wenn das Reflektionen der notwendigen Kommunikationslosigkeit unter einer Diktatur das emotionale Ziel des Romans war, kann der Leser es als gelungen betrachten. Mir waren zu wenig Auflösungen der Rätsel der Kindheit zu finden, und auch kein Umgang die Gegenwart anzupacken und zu gestalten.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Jutta Motz : "Drei Frauen und die Kunst"

Jutta Motz :
"Drei Frauen und die Kunst"
Roman
2001, Piper GmbH München Berlin
340 Seiten
2 Seiten Danksagung
2 Seiten über Tugenden - deren deutsche und lateinische Namen als Kapitelüberschriften eingesetzt werden
ISBN 3-492-23153-5

Lisa Wolf wird beauftragt als Kunstjournalistin, die nach dem Tod ihren Mannes nach Berlin zurückkehrt, heimlich für eine Kunstversicherung den weltweitem Handel von gefälschten Druckgraphiken / gefälschten Signaturen zu recherchieren. Ihre Tante Marlene, Schwester ihres Vaters, die Mutter und Tochter nach deren DDR-Flucht in Berlin aufgenommen hatte, nimmt wieder wieder unter ihre Fittiche. - Marlene ist Juristin und arbeitet bei einem Fernsehsender.
Als Lisa's Wohnung nach einem Vernissagenbesuch komplett verwüstet wird, lernt sie die Kirminalhauptkommissarin Traute kennen. die drei Frauen schließen sich zusammen um deb Kunstfälscherein auf die Spur zu kommen.
Lisa lernt den Künstler Bobo Scheußlich kennen - nomen est omen, der kurz darauf ermordet wird. Ihr Vater kannte ihn schon aus DDR-Zeiten - ihr Vater war damals Zeichenlehrer ohne Arbeit, der nach der Flucht von Frau und Tochter noch mehr Schwierigkeiten hatten.
Später reist sie zu ehemaligen Schulkollegen in Halle, wo sich eine Motorradgang wieder sieht die langfristig zur Lösung von Mord und Fälschung führt.

Der Roman ist in Ich-form aus Sicht von Lisa erzählt. Sie beginnt bei der Einsamkeit als Witwe in den USA, und endet als Frau die sich entschließt in Berlin bei Vater und Familie zu bleiben.

Stark sind die kurzen Informationen über das sogenannte normale Leben in der DDR, als Stasileute überall waren, Spitzel für Mißtrauen sorgten und harmloses Kunstinteresse sofort als staatsfeindlich galt (allerdings auch mit Tricks umspielt werden konnte).

Witziger Seitenstrang ist eine Telephon-Sex-Hotline, die irrtümlich auf Lisas Nummer landet. Die Meldungen der Herren Anrufer, wie sich Lisa bei der Telephongesellschaft endlich durchsetzt und da sie die Dame der Hotline persönlich kennen lernt, auch kurz deren Hilfe in Anspruch nimmt, ist humorvoll geschildert.

Die Menschen sind lebensnah, humorvoll und gut vorstellbar geschildert. Die Szenerien auch jemandenr der nur einiges Male kurz in Berlin war, wiedererkennbar bzw. vorstellbar.

Die Geschichte ist gut und spannend, aber trotzdem mit Gemütlichkeit und Zeit für Schilderungen erzählt. Viel Spaß beim Lesen.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Carlos Ruiz Zafón : "Marina"

Carlos Ruiz Zafón : "Marina" Roman
original "Marina"
1999, Edebé, Barcelona
geschrieben lt. Vorwort zwischen 1996 und 1997
aus dem Spanischen von Peter Schwaar
2011, S. Fischer Verlag
339 Seiten
3 Seiten Vorwort
2 Seiten Epilog
ISBN 978-3-10-095401-5

'Marina' ist ein Roman über Jugendliebe, erste Liebe, und Kunst, der zu einem guten Drittel eine Gruselgeschichte ist, in der es wieder um Liebe und Kunst geht. Mit schönen, starken dichten Metaphern sind die Umgebung und die Menschen beschrieben - die Geschichte zieht in den Bann.

Òscar Drai, ein junger Mann der 1979 im Internat in Barcelona lebt, durchstreift gerne die Straße und lernt nachdem er Kater Kafka verfolgt hat, deren Besitzerin die zarte, schöne, gleichaltrige Marina und deren Vater Géronimo Blau kennen. Sie leben in einer ziemlich verfallenen Jugendstilvilla in einer Gegend mit alten, eher verfallenen Häusern. Die Mutter Marinas war eine wunderbare, gefeierte begnadete Sängerin gewesen, die an TBC verstorben ist. Géronimo hatte den Zauber seiner Frau als genialer Maler der er war, in wunderschönen Bildern festgehalten.
Marina zeigt Òscar auf dem Friedhof in Serría eine schöne tiefverschleierte Frau. Beim Verfolgen dieser Frau entdecken sie ein gespenstisches Gartenhaus mit mißgestalteten Marionetten. Òscar und Marina folgen der Geschichte und Stück für Stück wird ihnen die bizarre Lebensgeschichte von Michael Kolwenik aus Waisentum, Varieté, Geld, medizinischen Gelenken, großer Liebe, Salzsäure, Betrug und beginnendem Wahnsinn aus Mißbildung erzählt.

Die Menschen in den Roman sind wunderschön geschildert - Òscar als ungelenker aber netter junger Mann, Marina als schöne gescheite junge Frau, ihr Vater Géronimo als Herr der alten Schule mit Manieren, mit Bildung, und Zurückhaltung, Kater Kafka der genau weiß was er will, Pater Sergiu im Internet, die verschleierte Frau, Dr. Shelley mit Tochter. Schöne Metaphern umschreiben die Personen - Géronimo dessen Fahrweise beschrieben wird, daß er selbst Ameisen den Vortritt läßt. Auch Géronimo hat seine Familiengeschichte als Liebe, Schönheit und Verrat vorzuweisen. Die verschiedenen menschlichen Facetten von Michael Kolwenig, vom genialen Ingenieur, zum verliebten Mann der einen Traum gestalten will und sich über menschliche Grenzen hinwegsetzen möchte sind beängstigend nahe beschrieben.

Mir haben die Formulieren und Beschreibungen des in Ich-Form geschriebenen Buchs in diesem Buch besonders gut gefallen: Beispiele dafür sind ' Regen kratzt am Fenster', 'Maler heißt schreiben mit Licht', 'wo die Gezeiten atmeten wie ein versteinerter Wal', 'das Lichtdiadem des Vordachs' bis 'Kobold der Zeit' und ' Müdigkeit begann mich zu umzingeln wie hungrige Wölfe'.

Das Buch in lesbaren großen Buchstaben geschrieben - es war nicht notwendig nach der Lesebrille zu suchen.
Sehr angesprochen haben mich auf die Beschreibungen der Ort, des Mystik der Ort, der Nebel der die Villengegenden verhängt. Es ist kein buntes Barcelona, das hier beschrieben wird, sondern die scharz-grau schillernden geheimnisvollen Teile der Stadt.

Im Vorwort erzählt der Autor, daß es lange dauerte bis ein Verlag das Buch komplett veröffentlichte und nicht mit Strichen, die die Gesamtheit der Geschichte sehr beeinträchtigt hatten.

Der Roman ist sehr empfehlenswert, wenn der Leser/die Leserin in eine vergangene Welt mit Zauber tauchen will, denn die Stadt wird als sehr versunken geschildert. Das Erwachsen werden von Òscar ist behutsam geschildert, seine Freundschaft und der Zauber zu Marina, das Kennenlernen von Rücksicht wie sie in der Familie von Marina praktiziert wird. Mir hat das Buch sehr sehr gut gefallen.